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Full text of "Kant-Studien; philosophische Zeitschrift."

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AT THE 



UNIVERSITY OF 
TORONTO PRESS 



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KANT- 
STUDIEN. 



PHILOSOPHISCHE ZEITSCHRIFT 

UNTER MITWIRKUNG VON 
E. ADICKES, J. E. CREIGHTON, B. ERDMANN, R. EUCKEN, 

P. MENZER, A. RIEHL, 
UND MIT UNTERSTOTZUNG DER .KANTGESELLSCHAFT* 

HERAUSGEGEBEN VON 
Prof. DB HANS VAIHINGER Prof. D«- MAX FRISCHEISEN-KOHLER 

IN" HAIiLE m HALLB 

UND 

DR ARTHUR LIEBERT ^ 

IN BEELIN. Sf \ o-t -O 

ZWEIUNOZWAXZIOSITER BAMD. 

MIT DREI BILDNISSEN. 




BERLIN, 

VERLAG VON REUTHER & REICHARD 



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INHALT. 



Sdte 

Zum Gedachtnis Loizes. Von Carl Stumpf .... i 

Philosophic und Padagogik. Von Max Frischeisen- 

Kohler 27 

Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. Von 

Hans Driesch 81 

Franz Brentano. Von Emil Utitz 217 

Phanomenologie und Empiric. Von Theodor Elsen- 

hans 243 

Aesthetische Idee und Kunsttheorie. Von Walter 

Meckauer 262 

Zur Logik der Goitesbeweise. Von J. M. Verweyen 302 
Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwari. Von 

Arthur Liebert 329 

Neue Wege der Goethe - Wissenschaft. Von Rudolf 

Lehmann 341 

Emil Lask. Ein Nachruf von Georg von Lukacs . . 349 
Zur erkenntnistheoretischen Begriindung des Noolo- 

gismus. Von Bruno Jordan . 371 

Ein neues Dokument zu Fichtes religionsphiloso- 

phischer Entwicklung. Von HeinrichScholz 393 

Bruno Bauchs ^Immanuel Kani^* und die FortbilduHg 

des Systems des kritischen Idealismus. Von 

Paul Natorp 426 

Das ftlteste Systemprogramm des deutschen Idealis- 
mus. Von Arthur Liebert 460 

Besprechungen : 

Cassirer, Ernst, Freiheit und Form. Von HansLindau . . . . 125 
Spranger, Ednard, Begabung und Studium. Von HansLindau . 134 
Vierkandt, Alfred, Staat und Gesellschaft in der Gegenwart. Von 

F. Staudinger 136 

K5ster, Adolf, Der junge Kant im Kamp! urn die Geschicfate. Von 

Emil Kraus 137 

Bnehenan, Artnr, Grundprobleme der Kritik der reinen Vemtmft. 

Von Emil Kraus 141 

Kflhn, Emil, Kants Prolegomena in sprachlicher Hinsicht. Von Emil 

Kraus 143 

Honigswald, Richard, Die Slcepsis in Ptiilosophie und Wissenschaft. 

Von Kurt Sternberg 143 



IV Inhalt 

Sdte 
Switalski, B., W., Der Wahrheitssinn. Von JuIiusSchultz . . . 146 
Stem, William, Vorgedanken zur Weltanschauung. Von Otto Braun 147 
Drews, Arthur, Die Philosophic im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Von Otto Braun 148 

Kronenberg, M., Geschichte des deutschen Idealismus, 2. Band. Von 

Otto Braun 149 

SoIoYJeff, Wladimir, Die geistigen Grundlagen des Lebens. Von 

Otto Braun 151 

Marsilins, Ficinns, Ueber die Liebe oder Platons Gastmahl. Uebers. 

von K. P. Hasse. Von Otto Braun 152 

Heynen, Walter, Diltheys Psychologic des dichterischen Schaffens. 

Von Paul Menzer 152 

Pfordten, Otto von der, Religionsphilosophie. Von Heinrich Scholz 153 

Pfoidten, Otto Ton der, Ethik. Von Heinrich Scholz 154 

Wnndt, Wllhelm, Leibniz. Von G. Schwaiger 155 

D5ring, A., Grundlinien der Logik als einer Methodenlehre universeller 

sachiicher Ordnung unserer Vorstellungen. Von WilhelmReimer 162 
Eiiler, Rudolf, Der Zweck, seine Bedeutung fUr Natur und Geist. 

Von Hans Driesch 164 

Riezler, Kurt, Die Erforderlichkeit des Unmoglichen. Von 

Bernhard Hell 167 

Roretz, Karl von, Bedingt der Weltkrieg eine Umgestaltung unserer 

Weltanschauung? Von Viktor Henry 169 

Dietrich, Albert Johannes, Kants Begriff des Ganzen in seiner Raum- 

lehre und sein Verhaltnis zu Leibniz. Von Victor Henry . . 171 
Mohr, Walter, Die Idee, das erwachsene Volk zu erziehen, in den 

Elementarkulturen des Altertums. Von Max Frischeisen- 

KOhler 172 

Deutschbein, Max, System der neuenglischen Syntax. Von Max 

Frischeisen-K6hler 172 

AUgemeine Geschichte der Philosophic, Kultur der Gegenwart, 

herausgegeben von Paul Hinneberg. Von Max Frischeisen- 

Kohler 172 

Platon, Der Staat, Uebersetzt und erlautert von Otto Apelt. Von 

Willi Schink 173 

Simmel, Georg, Rembrandt. Von Elisabeth von Orth 174 

Falkenfeld, Hellmuth, Die Musik der Schlachten. Von JamesSimon 177 
Bauch, Bruno, Immanuel Kant. Von Richard HOnigswald ... 178 
Becher, £rich, Die fremddienliche Zweckmassigkeit der Pflanzengallen 

und die Hypothese eines iiberindividuellen Seelischen. Von 

Julius Schultz 180 

Kohler, F., Kulturwege und Erkenntnisse. Von BrunoJordan . . 183 
Wagner, Richard, Fichtes Anteil an der Einfiihrung der Pestalozzischen 

Methode in Preussen. Von Artur Buchenau 184 

Schmidkunz, Hans, Philosophische Propadeutik in neuester Literatur. 

Von E. Schleier 186 

Dessoir, Max, Vom Jenseits der Seele. Von EmilUtitz . . . . 464 
3feinong, Alejcius von, Ober MOglichkeit und Wahrscheinlichkeit. Von 

Max Frischeisen-KOhler 469 

Simmel, Georg, Kant und Goethe. Von Rudolf Lehman n . . . 473 
Stem, William, Die Psychologic und der Personalismus. Von Arthur 

Liebert 47 



Inhalt 



Selte 



Oesterreich, Traugott, Konstautin, Einfiihrung in die Religionspsy- 
chologie als Grandlage fiir Reiigionsphilosophie und Religions- 
geschichte. Von Heinrich Scholz 478 

Radbrach, Gustav, Grundziige der Rechtsphilosophie. .Von Alfred 

vonVerdross 481 

Weiser, Christian, Friedrich, Shaftesbury und das deutsche Geistes- 

leben. Von Paul Menzer 485 

Marcus, Ernst, Kants Weltgebaude. Eine gemeinverstandliche Dar- 

stellung in Vortragen. Von O. Doring 486 

Griitzmacher, Richard H., Nietzsche. Von Kurt Sternberg . . . 489 

Selbstanzeigen : 

Kynast, Richard, Das Problem der Phanomenologie S. 187 — 
Schleier,Emil, Kant und das mathematische Geltungsproblem. 
S. 188. — Moog, Willy, Kants Ansichten iiber Krieg und 
Frieden. S. 188. — Moog, Willy, Fichte iiber den Krieg. 
S. 189. — Marcuse, Ludwig, Die Individualitat als Wert und 
die Philosophic Friedrich Nietzsches. S. 189. — Meckauer, 
Walter, Der Intuitionismus und seine Elemente bei Henri 
Bergson. S. 190. — Kurowski, Alphons von, Der Kern der 
Philosophic und Ethik Schopenhauers. S. 191. 
Franz, Erich, Politik und Moral. S. 494. — Braun, Wilhelm, 
Der Krieg im Lichte der idealistischen Philosophic vor hundert 
Jakren und ihrer Wirkung auf die Gegenwart. S. 494. — 
Schneider, Erwin, Religion als Erfahrung am Worte Gottes 
nach Luther. S. 495. — Sternberg, Kurt, Der Kampf zwischen 
Pragmatismus und Idealismus in Philosophic und Weltkrieg. 
S. 496. — Hamburger, M., Das Form-Problem in der neueren 
Asthetik und Kunstthcoric. S. 496. — Kesseler, Kurt Dr., 
Die wissenschaftliche Vertretung des Christentums in der Gegen- 
wartstheologie. S. 497. — Kesseler, Kurt Dr., Deutscher Idealis- 
mus. S. 497. — Einhorn, David Dr., Xenophanes. S. 497. — 
Henry, Victor, Das Rcalitatsproblem bei Leibniz. S. 498. 

Miiieilungen : 

Johannes Imelmann f. Von Max Schneidewin .... 192 

Arthur Lange f 195 

Zwei Kantstiftnngen 195 

Berichtignngen 196 

Zur Erinnerung an W. Schink. Von Rudolf Eucken. . . 498 
Die Philosophie in der nenen Priifnngsordnnng fiir das Lehr- 
amt an hoheren Schulen in Preussen. Von Max Frisch- 

eisen-Kohler 499 

Zur verschollenen Rede Kants. Von A. War da, Konigs- 

berg i. Pr 503 

Kantgesellschaft : 

An die Mitglieder der Kantgesellschaft 197 

Aenderung der Ablieferungstermine der laafeuden Preis- 

anfgaben 204 

Jahresberichte 1914, 1915, 1916 204 

Neuangemeldete Mitglieder fiir 1917, 1. Erganzungsliste . . 210 

Achtes Preisansschreiben: Zweite Carl Giittler-Preisaufgabe 213 



VI Inhalt 

Seite 

Zur Ednard von Hartmann-Preisaufgabe 505 

Vortragsveranstaltnng. 5. Bericht 505 

Nenangeiueldete Mitglieder fiir 1917, 2. Erganzungsliste . . 506 

Register : 

1. Sachregister 508 

2. Personenregister 514 

3. Besprochene Kantiache Schriften 517 

4. VerzeichnisderVerfasserbesprochenerNeuerscheinungen 517 

5. Verzeichnis der Mitarbeiter 518 



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Autotypie von J. G. Much & Co. in Braunschweig 



Kantstudien XXII 




Zum Ged^chtnis Lotzes 

(geb. 21. Mai 1817). 
Von Carl Stumpf. 



Die jedes andere Interesse verschlingende Gewalt der gegen- 
wartigen Weltereignisse lasst ruhiges Versenken in die Vergangen- 
heit kaum aufkommen. Den hundertjahrigen Geburtstag Rudolf 
Hermann Lotzes diirfen wir gleichwohl nicht voriibergehen lassen, 
ohne uns mit tiefem Dankesgefiihl der Lebensarbeit und Person- 
lichkeit des Mannes zu erinnern, der der deutschen Philosophie 
nach Hegel, als sie in den weitesten Kreisen der Geringschatzung 
verf alien war, als erster wieder Ansehen, ja Bewunderung erwarb, 
und der es verstand, idealistische Uberlieferungeu in eine mehr 
realistisch und empiristisch gerichtete Zeit hiniiberzuleiten. Seine 
stille Gelehrtennatur und die tiefen Gedanken seiner Metaphysik 
scheinen in dem Kampfe aller gegen alle, dessen Wogen auch 
bereits in den geschtitzten Hafen unseres eigenen Volkslebens ein- 
gedrungen sind, so unzeitgemass als moglich, und sind doch gerade 
darum wert, wenigstens im Bewusstsein der Fachgenossen lebendig 
zu bleiben. Darum glaubte ich dem Wunsche der Redaktion der 
Kantstudien, dass ich als einer der wenigen noch lebenden per- 
sonlichen Schiiler des grossen Denkers solche Gedanken und Er- 
innerungen beisteuere, nicht ablehnen zu diirfen. Dass gerade 
fUr die Kantstudien eine Erinnerung an Lotze naheliegt, ist durch 
Lotzes Beziehungen zu Kant, die dabei zu besprechen sein werden, 
durchaus begriindet. 

Auf Lotzes Verdienste urn die Medizin und seinen epoche- 
niachenden Kampf gegen den Begriff der Lebenskraft in seiner 
damaligen Fassung denke ich dabei ebensowenig einzugehen wie 
auf seine Bedeutung fiir die heutige Psychologie, fiir die die rein 
empirische, moglichst hypothesenfreie Behandlung im Gegensatz zu 
Herbarts" Konstruktionen, die Trennung von Beschreibung, Er- 
klarung und teleoiogischer Deutung, die ausgiebige Berucksichti- 

Kautstndien XXII. i 



2 C. Stumpf, 

gung der physiologischen Tatsachen vorbildlich geworden sind. 
Aber auch eine systematische Dai-stellung von Lotzes Weltanschau- 
ung ist hier nicht beabsichtigt; sie ist im allgemeineu genugsam 
bekannt. Bei der klaren Disposition und Ausdrucksweise seiner 
Schriften sind grobere Missverstandnisse kaum zu berichtigen, 
prinzipielle Auslegungsstreitigkeiten uber wesentliche Punkte nicht 
vorhanden. Darum ist seine Philosophie ja auch ein verhaltnis- 
massig unergiebiger Boden fur Dissertationen, deren Anzahl bei 
gleichem historischen Gewicht der Systeme proportional ihrer Unklar- 
heit zu wachsen pflegt. Was ich hier den Lesern etwa bieten konnte, 
das sind Eindriicke von seiner Personlichkeit, wie sie mir im 
Gedachtnis lebt, und von dem, was sein Umgang, seine Vor- 
lesungen und seine Schriften gemeinsam mir als besonders charak- 
teristisch und wesentlich fur seine Denkweise erscheinen lassen; 
es sind Betrachtungen Uber seine Beziehuugen zu voraus- 
gehenden Denkern, seine innere Entwickelung und seine Stellung 
in der Geschichte der Philosophie. Wenn die subjektive Farbung 
und Stellungnahme dabei mehr hervortreten, als es bei 
historischen Darstellungen sonst der Fall sein darf , so moge das 
Beispiel von Lotzes eigener Geschichte der deutschen Asthetik 
als Rechtfertigung dienen. Wenn aber bei der Charakteristik des 
Menschen zugleich auch der Verfasser dieser Zeilen mehr, als ihm 
erwunscht ist, genannt werden muss, so halte man dies der Natur 
personlicher Erinnerungen zugute. 

Im Herbst 1867 empfahl mir Brentano, mein nun auch da- 
hingeschiedener teuerer Lehrer, die bei ihm begonnenen philo- 
sophischen Studien bei Lotze fortzusetzen. Keiner unter den 
deutschen Lehrern der Philosophie konnte ihm auch nur annahernd 
gleichgestellt werden, wenn man wie Brentano selbst die uatur- 
wissenschaftliche Methode des Denkens als vorbildlich fur die 
philosophische, und enge Fiihlung mit den Naturwissenschaften als 
die Bedingung erfolgreichen Philosophierens betrachtete. Der 
erste Empfang war nicht gerade ermutigend. Zu dem beabsich- 
tigten Thema der Dissertation ausserte er, er glaube nicht, dass 
ich etwas Neues dariiber herausbringen werde. Als ich ihm spater 
eine Skizze vorgelegt hatte, meinte er, ich soUe es immerhin ver- 
suchen, und lud mich ein, an den „freien Abenden" am Dienstag 
jeder Woche zu ihm zu kommen. Da ass man mit seiner Familie 
und ganz wenigen anderen Gasten zu Abend und blieb dann im 



Zum Gedachtnis Lotzes. 3 

Gesprach beisammen. Lotzes Haus, vor dem Geismar-Tor gelegen, 
hiess im Volksmunde schon als er es kaufte (1863) wegen eines 
viereckigen Dachaufsatzes „die Kaffeemiihle" und tragt den Namen 
wie den Aufsatz wohl heute noch. Es lag an einem Feldweg in einem 
grossen Obst-, Gemiise- und Blumengarten. Der Abendtee fand in 
dem zu ebener Erde gelegenen Mittelzimmer statt, in das man 
direkt vom Garten eintrat. Daneben war ein kleinerer Raum, in 
dem Lotze auch gelegentlich Besuche empfing, mit einem Bilde 
der Holbeinschen Madonna, die er der Sixtinischen vorzog. In 
Verbindung mit diesem Bilde steht fiir mich die Erinnerung an 
ein Gesprach iiber den spinozistischen Gottesbegriff, den Lotze 
ablehnte, da er seinem religiosen Empfinden widerspreche. Lotzes 
Arbeitsraume lagen iiber zwei Treppen. Dort, vollstandig abge- 
schlossen von der Aussenwelt (Post und Friihstiick wurden durch eine 
Art primitiven Flaschenzuges hinaufbefordert), nur mit dem Blick 
in die freie Natur, lebte er ganz seiner inneren Welt. Er ver- 
kehrte in den Jahren raeines Gottinger Aufenthaltes so gut wie 
niemals ausser dem Hause, wenigstens nicht in grosserem Kreise. 
Ich glaube ihn, obschon ich mich vieler Einladungen der 
gastlichen Professoren zu erfreuen hatte, in den Gesellschaften 
nur ein einziges Mai, bei dem Mathematiker Stern, gesehen zu 
haben. 

Wie oft bin ich von dem ersten bangen Besuche an jene 
Treppen hinaufgestiegen, wie oft durfte ich als junger Student 
und in den drei spateren Privatdozentenjahren so manche der 
tiefsten Fragen mit dem verehrten und geliebten Manne be- 
sprechen! Auch an den Dienstag-Abenden kam das Wort zu- 
weilen auf wissenschaftliche Angelegenheiten, doch zog es Lotze 
da vor, iiber harmlosere Dinge zu plaudern, manchmal freilich 
auch, zu schweigen. Das waren die leidigen Kopfwehtage. Er 
rauchte viel und behauptete einmal, ein Philosoph miisse rauchen. 
Vielleicht glaubte er dadurch auch eine momentane Beschwichti- 
gung der Kopfnerven zu erzielen. Durch solche Gesundheits- 
riicksichten war jedenfalls auch die zuriickgezogene Lebensweise 
dieser Jahre mit bedingt. Wie anfallig sein zartgebauter Orga- 
nismus war, wie viel er namentlich unter Erkaltungen litt, lehren 
die veroffentlichten Briefe. Aber hauptsachlich mochte die fast 
unbegreiflich intensive geistige Arbeit Schuld tragen, die ihm er- 
moglicht hatte, nach vierjahrigem Studium in zwei Fakultaten 
fast gleichzeitig zu promovieren, nach einjahriger arztlicher Praxis 

1* 



4 C. Stumpf, 

in Zittau sich wiederum innerhalb weniger Monate in zwei Fakul- 
taten zu habilitieren, und dann neben den verschiedenartigsten 
Vorlesungen (Pastoral-Medizin , Pathologie, Nervenkrankheiten, 
Naturphilosophie, Anthropologic, Enzyklopadie der Philosophie, 
Organische Physik, Logik, Psychologie, Allgemeine Arithmetik) und 
neben zahlreichen grossen Abhandlungen (darunter „Instinkt", 
„Leben und Lebenskraft", „Seele und Seelenleben") zwischen 
1840 und 1852 in rascher Aufeinanderfolge Werke wie die erste 
Metaphysik, die Allgemeine Pathologie und Therapie, die erste 
Logik, die Allgemeine Physiologie des korperlichen Lebens, die 
Mediziuische Psychologie, endlich 1856 — 1864 den dreibandigen 
Mikrokosmus zu schaff en : alles Werke, die die reichste Tatsachen- 
kenntnis auf weit auseinanderliegenden Gebieten und die starkste 
Konzentration des Denkens voraussetzten. Ein hervorragendes 
Gedachtnis kam ihm dabei zu Hilfe. Schrieb er doch an Fechner 
1851, er sei bei der Abfassung der ganzen „Physiologie des 
korperlichen Lebens" fast nur auf sein Gedachtnis beschrankt 
gewesen und habe namentlich alles Umganges entbehrt, „sodass 
ich alles als eremitischer Bar mir habe aus meinem eigenen spar- 
lichen Fette konstruieren miissen". 

Lotze war von kleiner Statur. Sein Ausseres in jener Zeit 
ist durch die Bilder im Frack aus dem Jahr 1870 (zwei wenig 
verschiedene Aufnahmen), die den Werken Falckenbergs und 
Wentschers beigefiigt sind, vorziiglich wiedergegeben. Eine Ver- 
grosserung des zweiten (durch Amsler und Ruthardt 1895) 
schmiickt die Raume des Berliner Psychologischen Instituts. Fein 
und ausdrucksvoll auch das der 5. Auflage des Mikrokosmus bei- 
gegebene Bild von 1859, aus der Entstehungszeit dieses Werkes. 
Lebenswahr das bisher unveroffentlichte, dem gegenwartigen Hefte 
der Kantstudien beigefiigte Bild in ganzer Figur aus dem Jahre 
1864, „Lotze dastehend wie etwa am Schluss der Stunde auf dem 
Katheder, wenn er zum Weggehen sich anschickte und eben die 
letzten Worte noch sprach" (Rehnisch). Erst in der letzten Lebens- 
zeit liess er sich, wohl aus Bequemlichkeit, einen starken Schnurr- 
und Knebelbart stehen, der ihn nach meinem Geschmack entstellte, 
jedenfalls die iiberaus feingemeisselten Ziige der Mundgegend ver- 
deckte. Ich erinnere mich, wie er selbst einmal von einem Kol- 
legen, der durch eine Veroffentlichung seine Missbilligung erregt 
hatte, drollig-vorwurfsvoll sagte: „Und nun lasst er sich auch noch 
einen Bart stehen!" Die eigentiimlichen parallelen Falten der Wange 



Zum Gedachtnis Lotzes. 5 

auf alien Bildern (sie finden sich schon auf dem Leipziger Jugend- 
bild aus dem 27. Lebensjahre, s. Wentscher) geben dem Gesicht 
etwas Strenges. Aus den wundervoUen grossen Augen aber sieht 
die tiefe Seele und das grundgiitige Herz. 

Bei vielen Gelegenheiten durfte ich diese seine Gtite er- 
fahren. Nach der Doktorpriifung, deren Ergebnis dem Kandidaten 
herkommlicherweise erst spater durch den Pedell mitgeteilt wurde, 
kam er mir aus dem Saal nach, um mir sogleich die Note mit- 
zuteilen. Er erschien auch bei der offentlichen Disputation, 
setzte mich allerdings dabei in nicht geringen Schrecken, als er 
nach Erledigung der mit den Gegnern abgekarteten lateinischen 
Turnieriibungen sich erhob, um eine der Thesen anzugreifen. 
Gegen die fliessende elegante Latinitat des Verfassers einer latei- 
nischen Ubersetzung der Antigone und der gelehrten Quaestiones 
Lucretianae, der diese Werke zu seiner Erholung verfasst hatte, 
mag raein holperiges Studentenlatein schlimm abgestochen haben. 
Ich hatte u. a. behauptet, die Metaphysik konnte darum nicht die 
mathematische Methode gebrauchen, well in der Mathematik allein 
die zweite Schlussfigur in affirmativem Modus zulassig sei. Viel- 
leicht dachte ich: das wird dir keiner angreifen; zumal dicht da- 
neben eine Kriegsfahne mit der Inschrift prangte, der Name der 
Ideen sei aus der Metaphysik zu streichen. Aber Lotze stach 
gerade in dieses schone Bauwerk. Er warf mir nicht mit Unrecht 
vor, einen einfachen Gedanken, die bedingungslose Umkehrbarkeit 
der Gleichungen, sehr verzwickt ausgedriickt zu haben. Ich 
schiene illud Talleyrandii zu befolgen, wonach die Sprache dazu da 
sei, die Gedanken zu verbergen. Nach einigem Hin und Her 
lenkte er ein und gab mir herzliche Gliickwiinsche auf den VVeg. 
Auch als ich zwei Jahre nachher mich zur Habilitation meldete, 
ebnete er mir den Weg, ist mir wahrend der Privatdozentenjahre 
ein treuer vaterlicher Berater geblieben und hat stark abweichende 
Ansichten mir niemals verdacht, auch nicht die offentliche Be- 
kampfung seiner Lokalzeichenlehre. Nur als mir in einer Selbst- 
anzeige das Wort ,,Ausflucht" fiir eine spatere Form dieser so 
sorgfaltig ausgearbeiteten Theorie entschliipft war, trat eine nur 
allzuberechtigte Verstimmung ein, die aber sofort wich, als er 
meine eigene Bestiirzung iiber diese unbeabsichtigte Krankung 
bemerkte. Als ich im April 1875, vier WocHen nach dem Tode 
seiner Gattin, nach Gottingen kam, durfte ich ihn sehen, obgleich 
er seit jenem Ereignis niemand empfangen hatte. Aber meine 



6 C. Stumpf, 

teilnehmenden Worte dariiber erwiderte er nur mit traurigem 
Schweigen — so hatte ihn dieser Schlag getroffen. 

Wie sehr auch anderen diese Herzenseigenschaften als her- 
vorstechendster Zug seiner Personlichkeit erschienen, zeigt 
ein Brief meines Freundes Prof. Alfred Stern in Ziirich, 
worin dieser Zug an erster Stelle erwahnt wird: „Wenn 
ich ein knappes Bild des Menschen zeichnen sollte, so 
wtisste ich etwa nur foigende Ziige wiederzugeben : grosse 
Herzensgiite und Feinheit der Umgangsformen, hausvaterliche 
Fiirsorge im Kreise seiner Familie, hoher Reiz des Gespraches, 
das die ungemeine Vielseitigkeit seiner geistigen Interessen wider- 
spiegelte, nicht selten aber absichtlich durch Ironie oder selbst 
paradoxe Behauptungen zum Widerspruch reizte." 

Die hier erwahnte Neigung zu gelegentlichen Paradoxien 
wird von Baumann in seinen Erinnerungen an Lotze als ner- 
voses Symptom gedeutet. Ich kann nur von der Zeit sprechen, 
in der ich ihn kannte, und da hatte sie jedenfalls absolut nichts 
Krankhaftes. Sie findet sich bei vielen bedeutenden Menschen. 
M anchmal mochte er vielleicht auch ein gewisses Vergniigen daran 
haben, durch solche Paradoxien einen unbequemen Besucher in 
Verlegenheit zu setzen. Hauptsachlich aber hatten sie sicher den 
Zweck, eine Antwort hervorzulocken und das Gesprach in Fluss 
zu bringen. Zuweilen hatten diese Bemerkungen einen gewissen 
grimmigen Anstrich. So hSrte ich ihn bei Erwahnuug eines be- 
riihmten philosophischen Theologen der Vergangenheit sagen, er 
konnte ihm den Hals umdrehen, ein anderes Mai von einem 
unserer allergrossten Philosophen, den soeben jemand andachtig 
in den Himmel erhoben hatte, er sei eigentlich gar kein Philosoph. 
Wer den Schalk in ihm kannte, wusste, was er davon zu 
halten hatte. 

Zur Charakteristik eines akademischen Lehrers gehort auch 
seine Methode des Priifens, Dariiber kann ich nur nach den 
beiden akademischen Akten urteilen, deren Gegenstand ich selbst 
gewesen bin. In der Doktorpriifung gab mir Lotze auf, Aristo- 
teles' Metaphysik I, 5 zu interpretieren — er wusste ja, dass ich 
von Brentano kam — , unterbrach mich aber bald mit der Frage, 
was die Pythagoreer wohl eigentlich mit ihrer Zahlenlehre gemeint 
hatten. Nachdem ich verschiedene Hypothesen aufgestellt, die 
ihn nicht befriedigten, und eine Pause entstanden war, brachte 
er selbst eine Deutung vor, die auf eine Art Laplace-Dubois'sche 



i'. 



Zum Gedachtnis Lotzes. 7 

Weltformel hinauslief (wie er sie der Idee nach in der Vorlesung 
Yon 1879 auch bei Spinoza und Leibniz fand). Der weitere Ver- 
lauf ist mir entfallen. Bei der Habilitation hatte ich einen Vor- 
trag iiber den nahen Anschluss des Aristoteles an Platon gehalten. 
Daran ankniipfend warf Lotze wieder die Frage auf, wie die pla- 
tonischen Ideen wohl eigentlich zu deuten seien, und lenkte auf 
die Auslegungen bin, die er einige Jahre spater in der Logik ge- 
geben hat. Durch solche sich mehr an die momentane Denktatig- 
keit des Kandidaten als an sein Gedachtnis wendende Fragestel- 
ung glaubte Lotze wohl teilweise ihm entgegenzukommen, teil- 
weise seine philosophischen Fahigkeiten besser festzustellen. Mir 
passte die Methode weniger, da ich gut „gebiiffelt" hatte und es 
schwer fand, die subjektive Anschauung des Priifenden zu erraten. 
Im allgemeinen mochte ich es ftir richtig halten, auf die Urteils- 
fahigkeit und die unerlassliche Materialkenntnis gleichzeitig zu 
achten. Wie es Lotze damit besonders in den ftir ihn wie ftir 
viele andere Fachgenossen so lastigen massenhaften Staatsprtif ungen 
gehalten hat, entzieht sich meiner Kenntnis. 

Uber Lotzes Vorlesungstatigkeit geben die durch Rehnisch 
veroffentlichten Diktate und Verzeichnisse und sein Nekrolog (An- 
hang zu den Grundztigen der Asthetik, 2. Auflage, 1883) so wie 
die Erinnerungen Falckenbergs und anderer hinreichenden Auf- 
schluss. Lotze hat fast immer zwei grosse Vorlesungen (in 
frtiheren Jahren sogar gelegentlich drei) im Semester gehalten, 
zumeist eine Vormittags, eine Nachmittags. Diese unokonomische 
Verteilung, die er sogar in Berlin beibehielt, wird dadurch ver- 
standlicher, dass er (nach Mitteilung Prof. Bierlings in Greifswald, 
auch eines Lotzeschen Hausfreundes) sein Tagewerk bereits um 
5 Uhr begann. Die erstaunliche Beherrschung der Form, die es 
ihm ermoglichte, seinen Gedanken sogleich in fliessender und ge- 
falliger, keiner Korrektur bedtirfender Darstellung Ausdruck 
zu geben, und die ihm die enorme schriftstellerische Pro- 
duktion der ersten Jahrzehnte erleichterte , musste man 
auch in den Vorlesungen bewundern. Ich babe wahrend des 
Jahres 1867/68 bei ihm Psychologic, Geschichte der Philosophic 
seit Kant, Naturphilosophie und Praktische Philosophic gehort. 
Am besuchtesten und sehr stark besucht war die Psychologic. 
Sie gehorte zu den Vorlesungen, die damals jeder Gottinger Stu- 
dent, der nach tieferer Bildung strebte, zu horen pflegte. Lotze 
sprach sitzend, den Kopf oft auf die Hand gestutzt, gleichsam im 



8 C. St umpf. 

Selbstgesprach, ohne die Hilfe von schriftlichen Aufzeichnungen. 
Zuweilen sah man ihn wohl mit einem abgerissenen Zettel- 
chen spielen, das aber, wenn iiberhaupt etwas, nicht mehr als ein 
paar Zahlen oder Stichworter enthalten konnte. Die Rede floss 
ohne Stockung und ohne ein liberzahliges, nicht sachlieh gerecht- 
fertigtes Wort in den tadellosesten Wendungen dahiu. Kein 
Pathos, keine Rhetorik, kein Dograatisieren ex cathedra, viel- 
mehr nur ein Uberlegen, Untersuchen, wie es HSrer, die nur 
auf die Priifung hinarbeiten, nicht lieben. Die Stirame nicht 
stark, aber angenehm, ausserst klar und deutlich. Auch das 
Diktat, in dem Lotze paragraphenweise nach der friiher weit ver- 
breiteten Sitte die Ausfiihrungen zusammenfasste, wurde vollstandig 
extemporiert. Wenn ich meine Nachschriften der bei ihm gehorten 
Vorlesungen mit den etwa urn ein Dezennium spateren Diktaten 
die gedruckt vorliegen, vergleiche, so zeigen sie bei allgemeiner 
inhaltlicher Ubereinstimmung bedeutende Abweichungen nicht nur 
in der sprachlichen Fassung, sondern auch in der ganzen Anord- 
nung des Stoffes. Sie verhalten sich zueinander wie stark umge- 
arbeitete Auflagen eines Buches. Dasselbe ersieht man auch an 
den beiden veroffentlichten Fassungen der Vorlesungen iiber 
Asthetik 1856 und 1865 und iiber Praktische Philosophie 1878 
und 1880. Ausser den Diktaten schrieb ich auch vieles von 
seinen sonstigen Ausfiihrungen stenographisch nieder, und da 
er sich darin freier gehen liess, ersteht mir daraus ein lebendigeres 
Bild des Lehrers. Erstaunlich war wieder seine Kenntnis 
und miihelose Vergegenwartigung des Tatsachlichen, sei es nun 
auf dem naturwissenschaftlichen oder auf dem geschichtlichen Ge- 
biete. Polemik fiihrte er wie auch in seinen Schriften nur selten 
gegeu bestimmte Gegner, in der Regel nur gegen Lehren oder 
Richtungen. Es ist wohl kein Unrecht, wenn ich einen gelegent- 
lichen kurzen Ausfall gegen Ulricis „Gott und Natur" erwahne, 
ein damals besonders in religiosen Kreisen weit verbreitetes Buch, 
Dessen weitlaufige Kritik der exakten Naturwissenschaft endige 
immer mit dem Refrain: es ist doch nichts damit. Das sei aber 
eine ganzliche Verkennung der Tendenz aller exakten Naturwissen- 
schaft. Jeder Physiker wisse, dass immer noch viel Unerklartes 
daran hange, aber es sei widerwartig, von den Philosophen immer 
nur zu horen, das nichts geleistet sei. Besonders verweilte Lotze 
in der Naturphilosophie bei den Erorterungen iiber die Prinzipien 
der Mechanik. In der Geschichte der neueren Philosophie setzte 



Zum Gedachtnis Lotzes. 9 

mich namentlich ein sehr ausfuhrliches Eingehen aiif Schellings 
System uiid seine genaue Kenntnis all der fiir ihn selbst doch 
ganzlich uberwundenen naturphilosophischen Phantasien in Er- 
staunen. Man muss annehmen, dass er sich in der Studienzeit 
ganz griindlich damit beschaftigt hatte. 

In seineu Schriften hat sich Lotze einen eigentiimlichen Stii 
geschaffen, den ein damit vertrauter Leser selbst an ein paar 
herausgegriffenen Satzen mit ziemlicher Sicherheit wiedererkennt. 
Die Schreibweise ist so wohl gerundet, so reich mit anschaulichen 
Bildern durchwoben, der Periodenbau von so vollendeter Uber- 
sichtlichkeit und Mannigfaltigkeit, dass Abschnitte des Mikrokos- 
mus in Mustersammlungen deutscher Prosa iibergegangen siud. 
Eine Menge treffender Wendungen nnd Wortbildungen (ich er- 
innere beispielsweise nur an das „uropoetische Gleichnis", mit dem 
er Vogts bekannten Ausspruch fiber die Gedanken abtut, oder an 
das „Raumoid" fiir die nicht euklidischen Raume, oder an die 
Vergleichung der ewigen Erkenntniskritik mit blossem Messer- 
wetzen) flossen ihm ungesucht zu. Dabei ist auch logisch die 
Darstellung stets fein gegliedert und wagt in umsichtiger Ge- 
dankenbewegung das Fiir und Wider einer Sache gegeneinander 
ab. Und doch gibt es nicht Wenige, denen Lotzes Darsteliungs- 
weise als Kleid philosophischer Untersuchungen nur allzu kunstvoil 
erscheint, und ich muss ihnen in mancher Beziehung Recht geben. 
Dieselbe Herrschaft iiber die Sprache, die Lotzes miindlichen Vor- 
trag so natiirlich und fliessend gestaltete, verleitete ihn beim 
schriftlichen ohne seine besondere Absicht zu gewissen Kiinstlich- 
keiten, die als Manieren erscheinen, sobald man auf sie aufmerk- 
sam wird. Die Fiille anschaulicher Bilder und eleganter Wendungen 
diirfte sogar manchmal dem Herausschalen der rein logischen Struktur 
des Gedankenbaues und der Beurteilung der zwingenden Kraft 
der Argumentation durch den Leser hinderlich sein. 

Ich mochte daher Lotzes Stii auch in den fiir rein wissen- 
schaftliches Publikum geschriebenen Werken nicht unbedingt fiir 
nachahmungswiirdig in strong philosophischen Schriften halten. 
Bei gewissen Nachahmern ist in der Tat seine Kunst zu einer 
redegewandten aalglatten Dialektik oder selbst Sophistik aus- 
geartet. Fiir so schwierige und abstrakte Untersuchungen wie 
die philosophischen ist die einfachste schmuckloseste Darstellung 
immer noch die beste, sie braucht darum noch nicht ungefiige, 
ledern und inkorrekt zu sein. Ich kann auch Paulsen nicht Recht 



10 C. Stumpf, 

geben, wenn er einmal Schopenhauers Schreibart als philoso- 
phischen Musterstil preist. Man kann diese natiirlicher nennen 
als die Lotzes, aber die Wiirze von Kraftausdriicken, Uber- 
treibungen und giftigen Ausfallen stort doch auch die uotwendige 
Unbefangenheit des Lesenden und das Gleichgewicht seines 
Urteils. 

Unstreitig haben wir doch in Lotze einen der grossten phi- 
losophischen Stilisten seit Platons Zeiten. Kunstwerke, wie das 
grossziigige Vorwort des Mikrokosmus und so viele Kapitel darin 
Oder wie die kostliche und dabei sachlich so inhaltreiche Streit- 
schrift gegen den jiingeren Fichte bleiben glanzende Perlen der 
deutschen wissenschaftlichen Literatur. Die letzte Wurzel ihrer 
Wirkung liegt aber nicht bloss in Lotzes formeller Kunst, sondern 
noch weit mehr in dem spriihenden Geist, dem intensiven Welt- 
und LebensgefUhl, dem selbst jugendlicher tjbermul nicht ab- 
handen gekommen ist, und in der ysrarmen Empfindung fiir alles 
Menschliche. 

Trotz seiner langen Lehrtatigkeit an eiuundderselben Hoch- 
schule und trotz der durchschlagenden Wirkung seiner Schriften 
hat Lotze bekanntlich keine Schule begriindet. Das ist nicht in 
jeder Hinsicht eine Schwache oder ein beklagenswertes Miss- 
geschick. Denn die Schulbildung im engeren Sinne schadet der 
Entwickelung der Philosophie vielleicht ebensoviel oder mehr als 
sie niitzt. Der Grund dieses Unterschiedes z. B. gegeniiber 
Herbart liegt gewiss zum grosseu Teil in der geschilderten Art 
seines miindlichen und schriftlichen Lehrens. Nichts ist der 
grossen Menge der Lernenden _^unangenehmer als vorsichtiges 
Dahingestelltlassen, nichts erwiinschter als eine kraftige Dosis 
Dogmatismus. Unbezweifelte, wenn auch noch so bezweifelbare 
Ergebnisse, immer wiederkehrende €inpragsame Termini, feste Ein- 
teilungen, die man an den Fingern hersagen kann — darauf 
kommt es an, wenn im bedenklichen Sinne des Wortes „Schule ge- 
macht" werden soil. Von alledem war aber bei Lotze wenig zu finden. 
Dagegen iibte er eine ganz ausserordentliche, riicksichtsvolle Libe- 
ralitat gegeniiber jeder individuellen Entwickelung. Die Einzel- 
personlichkeit gait ihm als ein unberiihrbares Heiligtum. Dies 
woUte er allerdings auch ihm selbst gegeniiber beobachtet wissen. 
Baumann erzahlt, dass einmal seine harmlose Bemerkung zu Lotze, 
er sahe heute gut aus, von diesem iibel genommen wurde, da er 



Zum Ged&chtnis Lotzes. 11 

solche Bemerkungen als unangenehmen Eingriff empfinde. Was 
Lotze hier veranlasste, von seiner gewohnten Hoflichkeit abzu- 
gehen, kann man nicht beurteilen, aber etwas Richtiges liegt docb 
dieser Empfindung zu Grunde, und man wird dieselbe Erfahrung 
auch bei anderen nicht ganz selten machen kSnnen. Diese iiber- 
aus sensible Hochschatzung der individuellen Personlichkeit trat 
auch in der Vorlesung iiber Praktische Philosophie 1868 vielfach 
hervor. Beispielsweise ist mir aufgefalleu, dass Lotze selbst das 
sexuelle Schamgefiihl darauf griindete oder dadurch rechtfertigte, 
dass der Einzelne nicht als blosses Exemplar einer Klasse be- 
trachtet werden will und soil, zu der er durch seine Geschlechts- 
eigenschaften gehort, und zwar von Natur aus ohne seinen Willen 
— eine (ich weiss nicht ob neue) Herleitung des Schamgefiihls, 
mit der ethnologisch natiirlich nichts zu machen ist, die aber 
wieder vom Standpunkt eines hochentwickelten ethischen Denkens 
manches ftir sich haben durfte. Lotze wies damals auch be- 
sonders darauf hin, dass gerade in der Jugendzeit das Gefiihl der 
Unvergleichbarkeit, die Abneigung dagegen, als blosses Beispiel 
allgemeinerer Typen oder Vorkommnisse zu gelten, vorherrsche 
und zu mancher Liebhaberei ftir Ungeheuerlichkeiten ftihre, die 
Nachsicht verdiene. An einer anderen Stelle derselben Vorlesung 
formulierte er geradezu einen Grundsatz der personlichen Unantast- 
barkeit, der jede Indiskretion, jede neugierige Durchforschung wie 
bei Sachen, jedes Sichaufdrangen gegentiber andersartigen Naturen 
verbiete. Nach diesem Grundsatze hat Lotze auch tatsachlich 
seine Schiiler behandelt und darum keine Schule gebildet. 

Uber seinen Entwickelungsgang und seine Abhangigkeits- 
beziehungen gegentiber den Vorgangern hat sich Lotze selbst in 
einer bekannten Stelle der Streitschriften dahin ausgesprocheu, 
dass unter den Philosophen, in deren unmittelbarem Einflusse seine 
Jugend stand, nicht Herbart, sondern der deutsche Idealismus, 
besonders in der Person seines Lehrers Weisse, und neben ihm die 
Physik seine Fuhrer waren. Diese Ausserungen Lotzes richteten 
sich hauptsachlich gegen die ganz verkehrte Zurechnung zur 
Herbartschen Schule, zu deren entschiedensten Gegnern er gezahlt 
zu werden wtinschte. Eine erschopfende Darlegung der Quellen 
und Triebkrafte seines Philosophierens woUte Lotze nattirlich da- 
mit nicht gegeben haben. Dergleichen konnen ja auch immer nur 
Spatergeborene von einem entfernteren Standpunkte der Betrach- 



12 C. Stumpf, 

tung aus versuchen. Nur einige Bemerkungen gestatte ich mir 
dazu beizusteuern. 

Angesichts der starken Verwandtschaft der Weltanschauung 
Lotzes mit der Leibnizens lage es nahe, eine weitgehende Ab- 
hangigkeit von diesem gewaltigen Denker anzuuehmen. Die reli- 
giose Gruudfarbung, die Vereinigung der Teleologie mit durch- 
gangigem Mechanismus, ilire gemeinsame Begriindung in der gott- 
lichen Substanz, die Scheidung der Welt der Tatsachen von der 
der allgemeinen Wahrheiten, die beide wiederum in Gott wurzeln, 
die unausgedehnten beseelten Atome, die Umarbeitung des Kausal- 
begriffes, die Ersetzung des Raumes durch eine intelligible Ord- 
nung und so manche andere gemeinschaftliche Ziige, um derent- 
willen ich selbst einmal Lotze fiir solche, die durchaus eine kurze 
Bezeichnung der Weltanschauung wiinschen, einen Leibnizianer 
nannte, konnten in der Tat als eine Nachwirkung oder spate Er- 
neuerung Leibnizischer Lehren erscheinen. Aber was Lotze selbst 
dariiber sagt: dass er in Hinsicht der allgemeineren Ausmalung 
seiner Ansichten lieber durch das prachtvolle Jor der Leibnizischen 
Monadenwelt als durch das der Herbartschen Realen ging, das 
beweist nicht einmal eine eigentliche Abhangigkeit in der „Aus- 
malung", noch weniger eine in der Konzeption der Grundgedanken 
selbst. Tatsachlich ist wohl in keinem einzigen Punkte ein wirk- 
licher direkter Zusammenhang seiner Aufstellungen mit denen 
seines grossen Landsmannes zuzugeben. Die physikalische Atomen- 
lehre war ihm wie Fechner in erster Linie durch die Physik, be- 
sonders durch ihre Triumphe in der Lichtlehre empfohlen, die 
punktuellen Atome waren gleichfalls bereits von einer Anzahl 
philosophierender Physiker eiugefiihrt, wie denn auch gleichzeitig 
mit Lotze und Fechner Wilhelm Weber dazu hinneigte. (vgl. 
Fechner's Atomenlehre S. 222 ff., wo auch iiber Lotze's Entwick- 
lung aus einem Gegner zu einem Anhanger der Atomistik einiges 
bemerkt ist.) Zur AUbeseelung sah sich, wenn gleich in 
anderer Fassung, ebenfalls Fechner hingefuhrt. Bei diesem 
war Schellings Einfluss, den er selbst hervorhebt, mitbe- 
stimmend, bei Lotze wird das vielberufene poetische Bediirfnis, 
die Sehnsucht des Nachfiihlens und Hineinfiihlens („wir konnen 
nur denken, was wir nachempfinden konnen") die Briicke fiir 
diese Nachbliite der Naturphilosophie gebildet haben. Die logische 
Begriindung, dass nur die Einheit des Bewusstseins uns die Ein- 
heit eines Dinges begreiflich mache, fiir welche mir eine An- 



Zum Gedachtnis Lotzes. 13 

regUDg durch Leibnizstudien allerdings nicht ausgeschlossen er- 
scheint, diirfte erst als iiachtragliche Rechtfertigung der aus 
solchen Bedurfnissen entsprungenen Allbeseelungslehre ersonnen 
sein. Und so ist wohl anzunehmen, dass LfOtze im wesentlichen 
selbstandig seine neue pantheistisch gefarbte Monadologie ge- 
schaffen hat und dass alle ihre Anklange an Leibniz in diesem 
Sinne historisch zufallig sind. 

Dagegen ist Kant fiir Lotze der gegebene erste Beweger, 
an welchem sein Denken, wie die Welt an der aristotelischen 
Gottheit, „aufgehangt ist". Keiner von den grossen Gestalten 
der Geschichte der Philosophie wiirde er eine gleiche Autoritat 
zuerkannt haben, soweit eben von Autoritat in der Philosophie 
gesprochen werden darf, namlich im Sinne eines Grossen, mit dem 
das eigene Denken sich in erster Linie auseinanderzusetzen hat. 
Mit Kant beginnt fiir Lotze doch eigentlich die philosophische 
Gegenwart. Was vorausgeht, sind iiberwundene Standpunkte von 
nur historischem Interesse. Lotze hat ein einziges Mai iiber Ge- 
schichte der Philosophie ohne Einschrankung gelesen, einmal iiber 
Geschichte der Philosophie seit Descartes, sonst aber regelmassig 
nur iiber Geschichte der Philosophie seit Kant, und dies verstand 
er auch nur im Sinne der deutschen Philosophie dieser Epoche. 
Auf die auslandische legte er wenig Gewicht, vor allem dem eng- 
lischen Empirismus brachte er starke Geringschatzung entgegen. 
Das sind Beschrankungen des Gesichtskreises und der historischen 
Wertschatzung, die er aus der spekulativen Schule heriiberge- 
nommen hat. Die philosophiegeschichtliche Vorlesung, die ich 
bei ihm horte, leitete er so ein: man konne zwar die neuere Phi- 
losophie von Descartes datieren, wie es besonders die Franzosen 
taten, aber ebenso gut von Galilei Oder Locke. Die besondere 
Riicksicht auf die deutsche Spekulation motiviere es, von Kant 
auszugehen. Den Vorgangern Kants widmete er dann kurze 
scharfkritische Betrachtungen, die z. B. an Descartes' Grund- 
legung nichts iibrig liessen. Freilich hielt er auch KaDt gegen- 
iiber keineswegs mit kritischer Analyse zuriick, da ja seine Dar- 
stellang ausgesprochenermassen als Einfiihrung in das philoso- 
phische Studium selbst dienen sollte. Aber die ganz von Kritik 
durchzogenen veroffentlichten Diktate aus dem Jahre 1879 scheinen 
aus eiuer besonders widerspruchslustigen Stimmuug geflossen. 
Die von 1867/68 streuen kritische Bemerkungen nur sparsamer 
in die sonst sehr pragmatische Darstellung ein. Die Aprioritat 



14 C. Stumpf, 

der Anschauungs- uad Denkformen, die synthetischen Urteile 
a priori, die Moglichkeit und Notwendigkeit einer Erganzung des 
Wissens durch einen philosophischen Glauben — das waren doch 
alles auch seine tJberzeugungen, auf die er nachdriicklich immer 
wieder zuriickkam. Den Glauben nahm er sogar fiir die Evidenz 
der Axiome in Anspruch; denn das Zutrauen zur Wahrheitsfahig- 
keit unseres Geistes beruhe nur auf dem Glauben an einen ver- 
niinftigen Sinn der Welt und der sittlichen Zwecke in ihr. In 
dem Zirkel, den man Descartes vorwirft, schien ihm dieser richtige 
Gedanke zu liegen. Das heisst freilich iiber Kant hinaus und zu 
Jacobi iibergehen. 

Ich kann bier nicht naher im Einzelnen begriinden, in wie- 
fem Lotzes ganzes Denken in Kant verankert war, sondern nur 
den allgemeinen Eindruck wiedergeben, der mir davon geblieben 
ist. Jenes „Zuriick zu Kant" lebte in ihm, wie in so vielen 
Denkern der nachhegelschen Jahrzehnte. Mir empfahl er eines 
Tages, als ich ihm gewisse Ideen vortrug, die ihm methodisch 
verkehrt schienen (ich weiss nicht mehr, welche), den Abschnitt 
„Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe" zu lesen: das wiirde 
mich schon dayon zuriickbringen. 

Was von den anfanglich so starken Hegelschen Einfliissen 
sich in die reife Form von Lotzes Anschauungen hiniibergerettet 
hat, das sind mehr gewisse formelle Zuge. So eine Vorliebe 
fiir die Dreiteilung, die freilich auch ausserhalb aller Hegelschen 
Einflusssphare zu finden ist (im Mikrokosmus mit Fiinfteilung 
kombiniert). In der grossen Logik wird man iiberdies in der 
Darstellung der Urteilslehre noch deutliche Spuren der dialek- 
tischen Methode finden. Sie ist durchweg in die Form einer im- 
raanenten Entwickelungsgeschichte des Denkens gekleidet. „Wenn 
das Denken diese Aufgabe zu losen sucht, wird ersichtlich die 
Form seiner Bewegung die des Urteils sein". „Wir folgen dera 
Denken zu den neuen Formen, in denen es seine kategorischen 
Urteile mit dem Gesetz der Identitat in Einklang zu bringen 
sucht". „Hier schliesst die Reihe der Urteile mit innerer Not- 
wendigkeit ab". „Ich babe die unerledigte Aufgabe angedeutet, 
die vom disjunktiven Urteil weitertreibt". „Die logischen Wahr- 
heiten, deren sich das Denken in seiner Behandlung des Vorstel- 
lungsinhaltes nach und nach bewusst geworden war . . .". „So 
werden wir zu systematischen Formen der Zusammenfassung des 



Zum Gedachtnis Lotzes. 15 

Verschiedeaen und zunachst zurKlassifikation getrieben". Solchen 
Stelleu begegnet man auf Schritt und Tritt. 

In sachlicher Hinsicht liesse sich wohl annehmen, dass die 
Ton eingehender Materialkenntnis getragenen lebensvollen ge- 
schichtsphilosophischen Betrachtungen im Mikrokosmus ausser an 
Herders Ideen auch an Kegels Vorlesungen iiber Philosophie der 
Geschichte ihr Vorbild batten. Hingefiihrt wurde er allerdings 
zu diesen geschichtsphilosophischen Studien von einer ganz anderen 
Seite, namlich durch das Bediirfnis, die tiefsten Antriebe unserer 
Natur „aus der Gestalt der voUen Baumkrone zu erraten, zu der 
die sich ausgebreitet". Die Philosophie der Geschichte erschien 
ihm als die notwendige Erganzung der Psychologie (Streitschrift 
S. 15), ahnlich wie spater Wundt aus demselben Grunde sich der 
Yolkerpsychologie zuwandte. 

Mehr eine Ubereinstimmung mit Hegel als ein Einfluss von 
dessen Seite diirfte darin liegen, dass Lotze es keineswegs fiir 
notig halt, den metaphysischen Betrachtungen erkenntnistheore- 
tische vorauszuschicken, vielmehr die Moglichkeit und Zuverlassig- 
keit des Denkens im Denken selbst erproben will. 

Auch Lotzes Stellungnahme in der Asthetik, wo er die in- 
haltliche Deutung kiinstlerischer Wirkungen iiberall gegeniiber der 
bloss formalistischen befiirwortet, ist sicherlich in erster Linie aus 
seinem eigensten Selbst hervorgegangen. Waren Hegel und 
Schopenhauer und die ganze metaphysische Asthetik nicht vorau's- 
gegangen, Lotze wUrde eine solche geschaffen haben. Seiner 
ganzen Natur nach konnte er nicht anders als auf diese Seite 
treten. Was roan auch an seiner Geschichte der deutschen Asthe- 
tik als Geschichtswerk aussetzen mag : sie ist die Ausserung eines 
kiinstlerisch lebendigen und das Lebendige in der Kunst nach- 
fiihlenden Geistes. Ich wiisste nicht, was besonders iiber die 
Musik Tieferes geschrieben ware. Nach der psychologischen Seite 
ist er durch seine beiden asthetischen Monographien in den Got- 
tinger Studien der eigentliche Begriinder der Einfiihlungslehre. 
Was Lotze an Kunstgeniissen erfahren hatte, namentlich seit 
seiner Gottinger Zeit, war, abgesehen von den Werken der Dicht- 
kunst, ganz minimal. Ich bin ihm z. B. niemals in Konzerten be- 
gegnet, erinnere mich nicht einmal, ein Klavier im Hause gesehen 
zu haben. Dass er diesen Mangel an Anschauungen selbst emp- 
funden, geht aus seiner offiziellen Erklarung hervor, Asthetik 
nicht mehr lesen zu wollen, „weil es ihm gar zu peinlich ware, 



16 C. Stumpf, 

iiber Kunstwerke zu sprechen, die er selbst uicht, wohl aber der 
grossere Teil seiner ZuhSrer gesehen" (Rehnisch, Lausitzisches 
Magazin, Bd. 77). Um so intensiver muss er das Kiinstlerische, 
wo es ihm begegnete, empfunden haben. 

HerbaYt, dessen psychologische Gruudvoraussetzungen Lotze 
so energisch und erfolgreich bekampft hat, dessen „absolute Posi- 
tion" er in der Metapbysik durch die gegenteilige Behauptung 
ersetzt, das Sein eines Dinges sei nur eiu Inbeziehungstehen, 
dessen formalistische Asthetik von ihm gleichfalls in alien Punkten 
ins Gegenteil gewendet wird, dessen Schule anzugehoren er so 
entschieden bestreitet: Herbart ist er doch in einem Gebiete me- 
thodisch ganz und gar gefolgt, und zwar in dem Gebiete, das 
ihm sogar fiir die Metaphysik die tiefsten Wurzeln zu enthalten 
schien, in der Ethik. Er ist leider nicht dazu gekommen, sie im 
dritten Teile des Systems zu veroffentlichen. Aber die Vor- 
lesungen gebeu eine deutliche Vorstellung ihres Aufbaues. Mit 
Herbart gab er ihr nicht den Titel Ethik, sondern Praktische 
Philosophic, da es sich zwar in erster Linie um die Gesinnung, 
ausserdem aber doch auch um die Maximen der Klugheit handele, 
durch welche unter den besteheuden Verhaltnissen die ethischen 
Ideale verwirklicht werden konnen. Die ethischen Grundsatze 
findet er nicht analytisch aus der Natur des Menschen oder des 
Handelns ableitbar, sondern nur als Ausspriiche des Gewissens, d. h. 
einer unmittelbar an die Vorstellung bestimmter Willensverhaltnisse 
geknupften Billigung oder Missbilligung ausdriickbar. Indem 
er nun den Willen in vier verschiedenen Beziehungeu ins 
Auge fasst und in jeder Beziehung ein dreif aches lobenswertes 
Verhalten findet, gelangt er zu einer zwolfgliedrigen ethischen Kate- 
gorientafel an Stelle von Herbarts fiinf praktischen Ideen. Man kann 
die Umsicht und Geschicklichkeit dieser Tabellarisieruug der Ge- 
wissensausspriiche, die fiir Lotze feststand (die Vorlesuug von 
1868 deckt sich darin wie iiberhaupt in alien wesentlicheu sach- 
lichen Punkten mit der von 1880) nicht verkennen. Sie bildet in 
ihrer Geschlossenheit eine gewisse Anomalie bei Lotze, der zu 
solchen Aufzahlungen sonst nicht neigte. Ob es nicht moglich 
ware, alles unter einen einzigen Gesichtspunkt zu bringen, 
hat Lotze selbst gefragt. Er meint aber, das sittliche 
Leben babe mehr Interesse an einer grosseren Zahl von 
Prinzipien, die sich auf die Mannigfaltigkeit der Lebensverhalt- 
nisse unmittelbar anwenden Messen, als an einem einzigen not- 



Zum Gedachtnis Lotzes. 17 

wendigerweise sehr abstrakten allgemeinen Prinzip. An Herbart 
selbst ruhmt er, dass er gerade in der praktischen Philosophic in 
diesem Sinn ein ganzer Philosoph war, dass er nicht iiber der 
einseitigen Ausbildung eines einzigen Gedankenkreises die Uber- 
sicht iiber die voile Mannigfaltigkeit der vorliegenden Unter- 
suchungsgegenstande verlor (Streitschriften S. 9). Die Lust konne 
man immerhin als letztes Prinzip insofern bezeichnen, als der Be- 
griff des Wertes ohne Riicksicht auf irgend ein Lustgefiihl un- 
denkbar sei. Nur gabe es eben keine Lust an sich und im all- 
gemeinen, sondern immer nur eine Lust an bestimmten Inhalten, 
die aber nicht mit dem Wohl des Individuums zusammenzufallen 
brauchten. Auch dadurch gelangt er zu einer gewissen Einheit 
des hSchsten Gesichtspunktes, dass er hinzuftigt, es sei in der 
Gesamtheit der Musterbilder des Handelns „als [Gegenstand der 
Vorstellung oder als Zustand in ihm selbst die hochste, nun nicht 
namenlose und allgemeine, sondern ganz bestimmte Lust, namlich 
das hochste Gut des sittlichen Friedens verwirklicht" (Vorlesung 
1868). Damit riihrt er an den antiken Begriff der Eudamonie, 
der ja beileibe nicht mit Lust verwechselt werden darf. 

In alle dem und nicht minder in den Betrachtungen iiber die 
einzelnen ethischeu Lebensverhaltnisse hat Lotze die Herbartsche 
Ethik entschieden weitergefiihrt, wie dies auch bei dem Gewichte, das 
er diesem Gebiete zuerkennt, und bei der Feinheit seines sittlichen 
Empfindens gar nicht anders moglich ist. Wie weit seine Grund- 
legung und seine Kategorientafel die Losung der ethischen Prin- 
zipienfragen gefordert haben, mag dahingestellt bleiben. 

Man hat bisher nur wenig nach den Umwandlungen ge- 
forscht, denen Lotzes Anschauungen ausgesetzt waren. Wenn 
man von den allerersten Werken, der ersten Metaphysik und Logik, 
absieht, sind diese Wandlungen in der Tat nicht so gross wie bei 
vielen andern Denkern. Die Garung, die ihn zur Reife brachte, 
muss eine sehr durchgreifende gewesen sein, um ein so in sich 
fertiges Gedankensystem hervorzubringen. Aber ganz fehlen Ver- 
anderungen seiner Lehrmeinungen doch nicht, Wie ware es auch 
bei einem so gewissenhaften Forscher anders moglich? Ich iibergehe 
kleinere Anderungen, wie in der Lehre von den Vorstellungen und 
ihrem Verhaltnis zu den Empfindungen oder in der Fassung des 
Lokalzeichenbegriffes oder in der feineren Definition der Willens- 
freiheit. Etwas tiefer greift schon die spatere Formulierung 

KantBtudlen XXH. o 



18 C. Stumpf, 

der Frage nach dem Seelensitz, in der Fechner so schweres 
Geschiitz aufgefahren hatte. Obgleich Lotze eine Standpunkts 
anderung nicht zugegeben haben wurde, bedeutet es doch eine 
Konzession, wenn er zuletzt alien Schwierigkeiten mit der kiihnen 
Wendung begegnet, in der er mit Ammonius Sakkas zusammen- 
trifft: dass etwas nicht da wirke, wo es sei, sondern da sei, wo 
es wirke. Noch bemerkenswerter scheinen niir Zugestandnisse in- 
bezug auf die Mitwirkung korperlicher Bedingungen bei den psy- 
chischen Prozessen. Das allgemeine Verhaltnis von Leib und 
Seele hat Lotze niemals anders als unter dem Begriff der Wechsel- 
wirkung gefasst und diese gegen den Parallelismus Fechners vor 
allem durch den Hinweis auf die ganz unvergleichbare Struktur 
des Psychischen gegeniiber dem Physischen verteidigt. Dabei 
bleibt er bis zuletzt bemiiht, der Seele auch eine weitgehende 
immanente Kausalitat zu wahren, auf der schon die Reproduktion 
der Vorstellungen, noch mehr die Leistungen des beziehenden | 
Wissens beruhen sollen. Aber die pathologischen Gedachtnis- 
storungen machen ihm mehr und mehr Miihe, auch in den Vor 
lesungen. Die grosse Metaphysik schliesst mit Hypothesen da- 
riiber, wie man durch Beriicksichtigung des gestorten Gemeingefiihis 
auch hier die immanente Kausalitat festhalten konnte. Das Zu- 
trauen zu diesen Hypothesen ist indessen geringer geworden. 
„Vielfache pathologische Beobachtungen", heisst es auch in der 
Fechner-Rezension vom Jahre 1879, „geben allerdings den Ein- 
druck, als sei an unablassige korperliche Mitwirkung auch jenes 
Gebiet innerer geistiger Tatigkeiten gebunden, das wir der Seele 
allein untertan dachten." Aber solche Zugestandnisse bedeuteten 
fiir ihn doch nicht einen Ubergang zum Parallelismus, sondern 
nur eine Erweiterung der Vorstellungen von der Wechselwirkung. 

Es ware von Interesse, solchen Wandlungen, die Lotze leider 
wie so manche andere Schriftsteller nicht immer selbst als Wand- 
lungen charakterisiert, naher zu folgen, da sie von der Selbstkritik 
des Forschers ebenso wie von dem Zwange der Tatsachen Zeugnis 
ablegen. 

In Hinsicht der allgemeinen Weltanschauung ist besonders 
die veranderte Auffassung der Zeit in der grossen Metaphysik 
von Bedeutung, wo eine lange iiberaus scharfsinnige tjberlegung 
Lotze zur Anerkennung der Objektivitat des zeitlichen Verlaufes 
zuriickfiihrt, wahrend er zugleich die Losung des schweren Ratsels, 
inwiefern Vergangenes und Zukiinftiges seiend genannt werden 



Zum Ged&chtnis Lotzes. 19 

konuen, in die Religionsphilosophie verweist, d. h. auf dem rein 
wissenschaftlichen Boden unmoglich findet. 

Wentscher erwahnt neben dieser Veranderung noch eine 
zweite: die Zuriickstellung der Lehre von der Beseeltheit 
aller Dinge. In der Medizinischen Psychologie habe Lotze dies 
als die allein richtige Ansicht erklart, im Mikrokosmus sich schon 
weniger entschieden geaussert, in der Metaphysik scheine sie ihm 
entbehrlich und nutzlos, da iiberhaupt die Annahme realer Dinge 
ersetzt werden konne durch die der Wechselbedingtheit unzahliger 
Aktionen, die sich im Innern des einen wahrhaft Seienden durch- 
kreuzen und einander abandern ; eine Anschauung, die auch in die 
dritte Auflage des Mikrokosmus und die E''echnerrezension iiber- 
gegangen sei. Hiernach hatte also Lotze in der letzten Zeit die 
Aussenwelt, abgesehen von den seelischen Subjekten, iiberhaupt 
geleugnet. Er ware zu dem Standpunkte Berkeleys und Fichtes 
zuriickgekehrt. 

In der Tat lasst sich eine Wandlung in dieser Richtung 
nicht verkennen. Es tritt die voUkommene Durchfiihrbarkeit dieser 
Ansicht, ebenso wie die Entbehrlichkeit der beseelten Atome in 
den letzten Schriften immer mehr hervor. Dennoch bleibt die 
Alternative als solche, wie sie schon in der ersten Auflage des 
Mikrokosmus aufgestellt war, bestehen, auch noch in der Fechner- 
rezension (S. 404 f.)- Eine Wahl zwischen den beiden Annahmen 
scheint ihm allerdings notwendig. Aber er erklart ausdriicklich, 
nicht bestimmen zu woUen, wie die Alternative zu entscheiden sei. 
Bei alledem hat man, das gebe ich Wentscher zu, den Eindruck, 
dass Lotze fiir seine Person in der Tat zuletzt die idealistische 
Partei ergriffen habe. Die andere Annahme schien ihm eben 
nicht mehr notig, also wissenschaftlich unberechtigt. Auch mochte 
er ganz zufrieden sein, mit den Atomen zugleich die Atomseelen, 
bei denen man sich doch so garnichts mehr denken kann, einen 
unniitzen Ballast seiner Weltvorstellung, loszuwerden. Zugleich 
stand die Wendung in positivem Zusammenhang mit der immer 
starkeren Betonung des unendlichen Weltgrundes, in dem alles 
endliche Wirken als immanentes befasst ist. 

Nun ist aber noch die Frage, wie weit jene Alternative 
iiberhaupt als eine scharfe gelten konne. In beiden Fallen bleiben 
als real nur iibrig das Urwesen und die von ihm als neue Anfange 
in seiner Selbstentwicklung gesetzten geistigen Subjekte. In 
beiden Fallen ist alles Reale Geist. Nur ist die gesamte Welt 

2* 



20 C. Stumpf, 

des Naturf orschers , die der Atome, im einen Fall auch eine 
Summe von Geistern, die nach den Naturgesetzen aufeinander 
wirkend gegenseitige Veranderungen hervorbringen, Veranderungen, 
die den ubrigen Geistern und ihnen selbst in der Form von sinn- 
lich wahrnehmbaren Anderungen der Farbe, des Ortes usw. er- 
scheinen. Im anderen Fall ist die Atomenwelt iiberhaupt nicht 
real, sondern entstehen die sinnlichen Erscheinungen direkt auf 
Grund gesetzmassiger Aktionen des Absoluten. Es ist also eigent- 
lich nur der Unterschied, dass nach der zweiten Fassung nur die 
Geister real sind, die als neue Anfange in den Weltverlauf ein- 
treten. Welche aber dazu gehijren, ob nur die Menschen- und 
Tierseelen oder auch andere tieferstehende, und wo die Grenze 
liegt, das bleibt unentschieden. Insofern konnte man sageu, es 
sei nur ein Unterschied der geringeren oder grosseren Anzahl. 
Dazu kommt, dass auch nach der ersten Ansicht, so wie Lotze 
sie fasste, der Raum nur als eine Summe intelligibler Beziehungen, 
das Sein eines Dinges nur als Inbeziehungstehen definiert wird, 
wodurch die Vorstellung realer Atome im gewohnlichen Sinne 
schon fast bis auf Null reduziert war. 

Dass auch in methodologischer Hinsicht die Grundsatze des 
deutschen Idealismus in d6n letzten Schriften Lotzes starker be- 
tont werden, lasst sich nicht leugnen. Man denke nur an die 
nachdriickliche Verteidigung der Synthesis a priori in der grossen 
Logik und an ihren Schluss: „Im Angesicht der allgemeinen Ver- 
gotterung, die man jetzt der Erfahrung um so wohlfeiler und 
sicherer erweist, je weniger es noch jemanden gibt, der ihre 
Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit nicht begriffe, im Angesicht 
dieser Tatsache will ich wenigstens mit dem Bekenntnis, dass ich 
eben jene vielgeschmahte Form der spekulativen Anschauung fiir 
das hochste und nicht schlechthin unerreichbare Ziel der Wissen- 
schaft halte, und mit der [Hoffnung schliessen, dass mit mehr 
Mass und Zuriickhaltung, aber mit gleicher Begeisterung sich doch 
die deutsche Philosophic zu dem Versuche immer wieder erheben 
werde, den Weltlauf zu verstehen und ihn nicht bloss zu be- 
rechnen". Vor den Verirrungen konstruierender Spekulation 
wusste sich Lotze fiir seine Person durch sein bis zum Aussersten 
ausgebildetes kritisches, gegen logische Seitenspriinge aller Art 
misstrauisches Naturell geschiitzt. Vor allem blieben ihm die drei 
allgemeinsten Gebiete, das der Wahrheiten, das Reich der Tatsachen 
und das der Werte, obgleich sie notwendig im Weltgrunde zusammen- 



Zum Gedachtnis Lotzes. 21 

hangen mussen, gegenseitig durchaus unableitbar. In der Fechner- 
rezension, wo er dies noch zuletzt betont, warnt er auch besonders vor 
dem spielenden Gebrauche von Analogien, worm Fechner leider zu sehr 
dem Beispiele Schellings gefolgt war. Wie er trotzdem die Auf- 
gabe, den Weltlauf im pragnanten Sinne zu verstehen, erfiillbar 
dachte, hatte er uns vielleicht im religionsphilosophischen Teile 
des Schlussbandes seines Systems der Philosophie auseinander.- 
gesetzt. Auch in diesem Punkte, in der Kiihnheit der Hoffnungen 
auf die kiinftige Entwickeluug der Pliilosopbie, kann man ihn als 
echten Nachfolger Leibnizens bezeichnen. 

Nach inneren Widerspriichen pflegt die historisch-kritische 
Forschung sonst gern zu stobern. Aber wieviel man gegen 
die einzelnen Positionen des Systems einwenden mag: an inneren 
Widerspriichen diirfte es keine besonders reiche Ausbeute lief em, 
jedenfalls eine geringere als die Mehrzahl der beriihmtesten Welt- 
systerae. Freilich wenn man sich in das abgriindige Kapitel yon 
der Einheit der Dinge in der grossen Metaphysik versenkt, wo 
die alte Frage, wie die Einheit der Ursubstanz mit der Vielheit 
ihrer Erscheinungen oder Zustande zusammengehe, unter die Lupe 
der syllogistischen Denkregeln genommen wird, — ob man sich 
auch da zufrieden geben kann, mag jedem iiberlassen bleiben. 
Aber auch zwei andere Fragezeichen bleiben gerade in dem Punkte 
stehen, auf den es Lotze am allermeisten ankam, dem Grundthema 
des Mikrokosmus, namlich der Vereinigung des durchgangigen 
Mechanismus mit einer idealistischen Weltansicht. 1st der 
mechanische Kausalzusammenhang wirklich ein allgemeiner, so muss 
er es auch im psychischen Gebiete sein, und wo bleibt dann Raum 
fiir die Willensfreiheit im Sinne des Indeterminismus, den Lotze 
immer verteidigt hat? Da an einen so offenbaren Widerspruch 
nicht zu denken ist, miissen wir annehmen, dass Lotze eben nur 
die physische Gesetzlichkeit als eine durchgangige betrachtet. Er 
ist sich des Bruches wohl bewusst, der dadurch in seine Lehre 
vom immanenten Kausalzusammenhang der Zustande des Absoluten 
kommt (vgl. z. B. Metaphysik S. 129, 135). Aber einen eigent- 
lichen Widerspruch wiirde er nicht zugegeben haben. Weiter 
aber: die Bediirfnisse des Gemiites glaubt Lotze durch die all- 
gemeine Beseelung erfiillt. Lassen wir dahingestellt, ob das un- 
bekannte, jedenfalls aber unendlich primitive Seelenleben der un- 
organischen Natur den Anspriichen der Poesie wirklich entgegen- 



22 C. Stumpf, 

kame: den tiefsten Bediirfnissen unseres Gemiites, dem Ver- 
standniss der Furchtbarkeiten des Weltlaufs und der Note 
und Schmerzen, die das Leben jedem auferlegt, ist damit nicht 
gedient. Die alten Probleme der Theodizee, fUr die man nach 
jenem Programm des Mikrokosmus einen neuen Losungsversuch 
erwartet, sind nicht im geringsten dadurch weitergefiihrt. Lotze 
selbst hat im zweiten Bande iiber den Sinn der Geschichte* ebenso 
vielseitig anregende wie skeptisch zuriickhaltende Gedanken ge- 
aussert, in den Vorlesungen iiber Religionspsychologie unerbittlich 
die alten Losungsversuche zergliedert, aber nur den Schluss ge* 
zogen, dass der Pessimismus, obwohl die wohlfeilste und ober- 
flachlichste aller Ansichten, doch theoretisch nicht zu widerlegen 
sei, dass nur eine Entschliessung des Charakters, die den Anfang 
der Religion bilde, iiber ihn hinausfiihre. Einmal soil er nach 
Besprechung dieser Dinge wahrend des Hinausgehens aus dem 
Saale kurz hingeworfen haben: „DarUber nmssen Sie die Theologen 
fragen." Gegen die Abschiebung auf die Schwesterfakultat ware 
auch gar nichts einzuwenden, wenn man dort wirklich des Ratsels 
L6sung fande, wovon das Gegenteil Lotze sehr wohl bekannt war, 
Sicherlich wiirde er zuletzt geantwortet haben, es sei ihm nur 
darauf angekommen, die Widerstande hinwegzuraumen, die der 
Materialismus und die bloss mechanische Weltanschauung dem 
religiosen Glauben in dieser Hinsicht entgegenstellen, nicht aber 
den Glauben selbst diirch Vernunftgriinde zu ersetzen. Immerhin 
honnte die Ankiindigung des Versohnungswerkes im Mikrokosmus 
derartige positive Hoffnuugen im Leser erwecken. 

Aber es ziemt sich heute, bei dem Riickblick auf Lotzes 
Lebenswerk, nicht, der Liicken und Schwachen zu gedenken, die 
allem Menschlichen anhaften, sondern des Grossen, Dauernden, 
Bewunderungswiirdigen, das er uns hinterlassen hat, und der 
Stellung, die ihm dieses Lebenswerk in der Geschichte der Philo- 
sophie sichert. 

Im Zentrum der Lotzeschen Philosophic steht ohne Zweifel, 
subjektiv wie objektiv, seine Metaphysik. Er ist in diesem Sinne 
durchaus der seit dem Altertum iiberlieferten Auffassung der Phi- 
losophie treu geblieben. Sie ist ihm weder Psychologie, noch 
Erkenntnistheorie, und diese beiden sind auch nicht einmal ihre 
Grundlagen. Sie geht aufs Ganze, auf ein Weltbild, in dem aber 
nicht bloss die physische Seite, sondern auch und in erster Linie 



Zum Gedachtnis Lotzes. 23 

die geistige in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit zu ihrem Rechte 
kommen soil. Und doch ist es nicht die Breite, sondern die Tiefe 
des SeiendeD, iu die sein Forscherblick unermiidlich bis zu den 
aussersten Grenzen menschliohen Spiirsinns einzudringen sucht. 
Was namentlich die letzte Metaphysik in dieser Richtung leistet, 
hat bis zum heutigen Tag in der philosophischen Literatur nicht 
viel seines Gleicheo. 

Die Weltanschauung, zu der Lotze so gefUhrt wurde, wiirde 
man nach den gewohnlichen Kategorien und nach dem Wortlaut 
seiner Formulierung wohl als pantheistische zu bezeichnen haben. 
Aber diese iiberlieferten Kategorien waren ihm gleichgiiltig. Er 
ftihlte sich inbezug auf das Wesentliche doch dem Theismus naher. 
Zu einer Zeit, da ich selbst in engherzigen Anschauungen hier- 
tiber befangen war, als Einundzwanzigjahriger, hatte ich die Kiihn- 
heit, ihn hieriiber zur Rede zu stellen, und erhielt eine Antwort 
(1. Dezember 1869), deren erster und.letzter Toil von so person- 
licher Herzlichkeit nnd mit meinen eigenen Lebensschicksalen so 
eng verbunden sind, dass ich mich zur Veroffentlichung nicht 
entschliessen kann, deren mittlerer, hier am meisten interessieren- 
der Teil aber an dieser Stelle wiedergegeben sei: 

„Lassen Sie mich zuerst damit beginnen, dass ich mich 
auf zwei Ihrer VorwUrfe als nicht schuldig bekenne. Zuerst 
spreche ich ganz zuversichtlich und frohlich dieses Bekenntnis 
aus inbezug auf Ihren Vorwurf des Pantheismus. Das ist ein 
Wort, liebster Freund, und ich fordere Sie getrost auf, eine 
Lehre aufzustellen, die diesen wortlichen Vorwurf vermeidet, 
solange sie daran festhalt, dass Gott der Schopfer der Welt 
ist und die Welt nichts ohne ihn. Diese Immanenz, wenn 
Sie es so nennen wollen, kann keine theistische Ansicht ver- 
meiden ; in welchem Sinne aber sonst Pantheismus da gefunden 
werden kann, wo der Begriff eines personlichen Gottes allem 
voransteht und der Begriff einer personlichen Freiheit dem 
einzelnen Geiste alle die Selbstandigkeit sichert, die einem ge- 
schaffenen Wesen moglich ist, das weiss ich in der Tat nicht. 
Ich bekenne mich ebensowenig schuldig inbezug auf den 
zweiten Punkt; ich finde Ihren religiosen Glauben mit seinem 
ganzen Inhalt gar nicht im Widerspruch mit meiner philoso- 
phischen Grundlage, aber freilich nicht aus dieser deduzierbar, 
und eben darauf halte ich. Ich habe nie geglaubt, dass die 
Vernunft etwas anderes als den Nachweis der allgemeinen 



24 C. Sturapf, 

Gesetze entdecken wird, nach denen Gott wirkt; voUig frei 
habe ich stets die Gedanken iiber den organisatorischen Welt- 
plan g-ehalten, zu dem er dieses gesetzliche Wirken beniitzt. 
Ich wundere mich sogar iiber Ihren Vorwurf, da ich gerade 
umgekehrt von der Polemik derer leide, die mir diese freie 
Stelle Oder Liicke vorwerfen und an ihre Stelle den blossen 
Mechanismus wUnschen, sowie zugleich von der Polemik der 
anderen Partei, welche aus blosser Vernunft glaubt Gott vor- 
schreiben zu konnen, wie er die Welt regieren, verdammen 
Oder erlosen miisse. Fiir mich, geradeso wie fiir Sie, sind 
dies Gegenstande eines Glaubens, den die Philosophie nicht 
demonstrieren, fiir den sie aber freien Raum schaffen und 
dessen Inhalt sie vor der Schwarmerei ganz subjektiver Inter- 
pretationen behiiten kann." 
Lotzes Philosophie ist nicht denkbar ohne den Untergrund 
der Religion. Er war eine von Grund aus religiose Natur, wie 
Fechner, wie Fichte. Seine Religiositat war, wenn ich so sagen 
soil, konkreter als die Fichtes, weniger konkret als die Fechners. 
Wie sehr er sich trotz aller Verschiedenheiten der Formulierung 
in dem allgemein menschlichen Inhalt dieses Glaubens mit Fechner 
einig weiss, betont er noch einmal als Sechziger in der mehr- 
erwahnten langen Besprechung der „Tages- und Nachtansicht", 
deren ganz personlicher Schluss in die Worte ausklingt: „Bald 
werden wir alle davon mehr erfahren." Dabei mag Lotze auch 
wohl der Stunden gedacht haben, als er noch in Leipzig als 
„Hausgeist" den alteren Freund wahrend seines schweren Augen- 
leidens besuchte, und sie sich, ohne ein Wort zu sprechen, 
aber erfiillt von gleichen unaussprechbaren Gedanken, im dunklen 
Zimmer gegeniibersassen. 

Ein Menschenalter nach Lotzes Tode diirfen wir nun wohl 
auch versuchen, ein Urteil iiber seine Stellung und Bedeutung in 
der Geschichte der Philosophie zu gewinnen. Ofters kann man 
selbst bei Schriftstellern, die noch seine Zeitgenossen, teilweise 
sogar seine Schiiler waren, die Behauptung lesen, die Jahrzehnte 
nach Hegel seien von Positivismus, Materialismus und Pessimismus 
erfiillt gewesen. Ein Vorherrschen empiristischer und realistischer 
Stromungen wiirde ich zugeben. Aber sie sind nicht dasselbe wie 
Materialismus und wie Positivismus. In dieser Hinsicht ist es 
zwar richtig, dass infolge eines natiirlichen Riickschlages bei 
einigen urspriinglichen Hegelianern selbst, zuletzt noch bei 



Zum Gedachtnis Lotzes. 25 

D. F. Strauss, der reine Gedanke in den reinen Stoff um- 
schlug, und dass der Materialismus durch die Naturforscher- 
trias Vogt, Buchner und Moleschott mit Erfolg gepredigt 
wurde. Aber wo soil denn in den fiihrenden produktiven Philo- 
sophen, in Lotze und Fechner, oder in den spater massgebenden, 
Brentano, Sigwart, Wundt, oder etwa in v. Hartmanns viei- 
gelesener Philosophie des Unbewussten oder selbst in Langes Ge- 
schichte des Materialismus, der Bibel der „denkenden Natur- 
forscher" jener Zeit, wo soil hier Materialismus oder auch nur 
Positivismus stecken? Gerade gegenwartig wird doch Haeckel, un- 
zweifelhafter Materialist, mehr gelesen als wir alle zusammen- 
genommen, und ist der extreme Positivismus Machs das Neue 
Testament der denkenden Naturforscher geworden. Pessimisten 
gab es allerdings damals wie heute, aber dass diese Lebens- 
anschauung die herrschende gewesen, wiisste ich nicht. Nicht 
einmal das kann man zugeben, dass es der Zeit Lotzes an Kraft 
zu bedeutenden philosophischen Schopfungen gefehlt habe. Ich 
mochte nicht die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart loben, 
lasse sie aber auch nicht unbillig und der historischen Wahrheit 
entgegen schelten. Was die Gegenwart vor jener Zeit auszeichnet, 
ist eine grossere aktive und passive Teilnahme an der philosophischen 
Arbeit. Wir haben einen Zustrom junger Krafte, grosse Mannig- 
faltigkeit der Bestrebungen, bedeutende Erfolge selbst hoch ab- 
strakter Untersuchungen, starke Beteiligung der Studierenden an 
philosophischen Vorlesungen, gut organisierten Lehrbetrieb in 
Seminarien, vor allem aber die erstaunliche Entwickelung der 
Psychologie. Diesen Zweig, den am frischesten griinenden, wollen 
freilich besorgte Gartner abschneiden. Vorlaufig sind wir aber 
noch unbeschnitten, diirfen also seine jugendliche KraftftiUe auch 
fiir die Philosophie mit in Anspruch nehmen; und kommt es ein- 
mal zu einer ausserlichen Trennung, so muss doch die innere 
Verbindung, Erwerbsgemeinschaft oder beschrankte Haftpflicht 
Oder wie man sie nennen will, sicherlich bestehen bleiben, solange 
die Philosophie nicht in ganzlich welt- und lebensfremde Abstrak- 
tionen, die Psychologie in eine bloss praktische Disziplin iibergehen 
soil. Den ersten Grund aber zu dem gegenwartigen Stande der 
Dinge haben Lotze und Fechner gelegt, Fechner als der erfolg- 
reichere in der Psychologie durch ihre experimentelle Begriindung, 
Lotze als der ungleich scharfere und tiefere in allgemeinphiloso- 
phischen Fragen. 



26 C. Stumpf , Zum GedSchtnis Lotzes. 

Ganz zufrieden wiirden sie allerdings, traten sie heute wieder 
unter uns, mit der Fortsetzung und den Fortsetzern ihrer Arbeit 
doch nicht sein. Sie wiirden den Psychologen wie den Er- 
kenntnistheoretikern der Gegenwart zurufen: „Begrabt die Streit- 
axt, da Ihrer Euch gegenseitig notig habt! Wendet Euch 
aber wieder mehr den erhabenen Aufgaben der Metaphysik zu, 
ohne welche die Philosophie nicht leben kann, den noch lange 
nicht ausgeschopften Fragen iiber Raum, Zeit und Bewegung, Ur- 
sache und Zweck, Einheit und Vielheit, Korper und Geist, Leben 
und Tod, Gesetz und Freiheit, Entwickelung, Unendlichkeit. 
Schafft weiter an dem Neubau einer Weltanschauung, lasst Euch 
nicht Ton den Physikern beschamen, wappnet Euch selbst mit 
allem Riistzeug der Naturforschung, um gleichwohl immer aufs 
neue die iiberragende Stellung des Geistigen und den einzigen 
absoluten Wert des sittlich Guten in der Welt zu kiinden. 
Das ist es, was die Menschheit von Euch erwartet, wenn 
sie von der schwersten Krisis ihrer ganzen Geschichte wie 
aus einem furchtbaren Traum zu neuem Leben erwachen wird." 
Und dann wiirde Lotze noch in Hinsicht der Gesinnung, in 
der wir diese Aufgabe erfiillen sollen, uns die goldene Kegel in 
Erinnerung rufen, die Lebens- und Forschungsregel zugleich ist, 
in die er am Schlusse des Mikrokosmus die Summe der Weisheit 
zusammenfasst: 

„das Geringe nicht zu vernachlassigen, aber es nicht fiir 
gross auszugeben; nur fiir das Grosse sich zu begeistern, aber 
im Kleinen getreu zu sein". 



Philosophie und Padagogik. 

Von Max Frischeisen-KOhler. 



Dass die Idee der Erziehung dem wissenschaftlichen Denken 
eine Eeihe von eigentumlichen Aufgaben setzt, welche am Ende 
zu der Entwicklung einer selbstandigen Theorie fiihren, ist eigent- 
lich nie ernsthaft bestritten worden. Selbst die alte, aber in neuen 
Wendungen gern wiederholte Behauptung, dass Erziehung weniger 
eine Wissenschaft denn eine Kunst sei, andert an dem wissenschaft- 
lichen Charakter des Inbegriffs von Untersuchungen, deren Objekt 
das Phanomen der Erziehung ist, nichts; wie diese Behauptung 
selber sich nur als Ergebnis einer Theorie geben und erweisen 
kann, begrtindet sie vielmehr, wenn und so weit sie zutrifft, eine 
eigene wissenschaftliche Betrachtungsweise. Ob die Erziehung hier- 
bei als technische Kunst, vergleichbar etwa der arztlichen Kunst, 
Oder als sittliche Kunst, vergleichbar etwa der Politik, oder geradezu 
als schone Kunst von spezifisch asthetischem Charakter bezeichnet 
wird: sogleich gibt eine solche Feststellung die Voraussetzung fiir 
die Ausbildung einer Theorie dieser Kunst, wie denn auch unter 
diesem lelzteren Gesichtspunkt die Asthetik geradezu als „Grund- 
wissenschaft" der Padagogik gefordert worden ist. Gewiss ist da- 
mit die Frage nach der AUgemeingiiltigkeit des padagogischen 
Systems noch nicht entschieden; auch lasst sich von so allgemeinen 
und analogischen Erwagungen aus keine Klarheit iiber die metho- 
dologische Eigenart der wissenschaftlichen Padagogik und iiber ihre 
Stellung im System der historischen und systematischen Geistes- 
wissenschaften gewinnen; und endlich bleibt das Verhaltnis von 
Theorie und Praxis, das vielfach der Ausgangspunkt weitgehender 
Skepsis wird, so unbestimmt, dass je nach dem Sinn, in welchem 
die Padagogik als Kunsttheorie verstanden wird, es sich im ein- 
zelnen erheblich abweichend gestalten kann. Aber zu welchem 
Ergebnis man hier auch komme, so ist die allgemeine Idee einer 
Erziehungswissenschaft von vorn herein nicht angreifbar. Wohl 



28 M. Frischeisen-KOhler, 

aber setzt sie der Wissenschaftstheorie eigene Aufgaben. Und da 
zeigt es sicli, dass wo immer das padagogische Nachdenken iiber 
die nachsten Ergebnisse und Regeln der Praxis sich zu allge- 
meineren theoretischen Betrachtungen erhob, es auf das Problem 
des Verhaltnisses der Padagogik, die Wissenschaft sein will, zur 
Philosophie gestossen ist. Zumeist hat die Padagogik teils ausdriick- 
lich, teils stillschweigend von der Philosophie wesentliche Voraus- 
setzungen entnommen. Seit den Tagen, da das Phanomen der Er- 
ziehung iiberhaupt in den Gesichtskreis der Wissenschaft trat, haben 
Philosophie und Padagogik sich wiederholt angenahert und einander 
gesucht. Aber man kann nicht behaupten, dass ihr wechselseitiges 
Verhaltnis bis heute zur endgiiltigen Klarheit gekommen ist. Nicht 
nur, dass die Art der Beziehung und Abhangigkeit, die zwischen 
Padagogik und Philosophie bestehen soil, sehr verschieden gefasst 
werden kann und auch in der Gegenwart noch gefasst wird, sondern 
nachdriicklicher als zuvor tritt in neuerer und neuester Zeit die 
Behauptung hervor, dass iiberhaupt kein inneres Verhaltnis zwischen 
Philosophie und Padagogik bestehe und diese letztere jedenfalls 
als eine eigene, auf Elrfahrung begriindete Wissenschaft sich in 
derselben Weise aus der philosophischen Abhangigkeit zu losen 
habe, wie das nacheinander alle andern Einzelwissenschaften yoU- 
zogen batten. Es ist daher verstandlich, dass von philosophischer 
wie yon padagogischer Seite immer wieder das umstrittene Ver- 
haltnis zwischen den beiden Wissenschaften erortert worden ist. 
Hangen von seiner Beurteilung doch auch sehr wichtige praktische 
Fragen ab. In theoretischer Hinsicht handelt es sich urn ein me- 
thodologisches Problem, dessen Klarung im Zusammenhang einer 
Grundlegung der Geisteswissenschaften, auf die logische und er- 
kenntnistheoretische Motive der Gegenwart von alien Seiten hin- 
fiihren, bedeutsam ist. 

1. 
Die Forderung, die Theorie der Erziehung auf Erfahrung zu 
begriinden, ist nicht so neuen Ursprunges, wie es vielfach hinge- 
stellt wird. So bald der Erfahrungsbegriff der Wissenschaften im 
16. und 17. Jahrh. erarbeitet und allseitig geklart war, so bald 
das grosse Unternehmen in Angriff genomraen wurde, die wissen- 
schaftliche Vernunft auch auf die geschichtlich-gesellschaftliche 
Welt anzuwenden, urn diese durch Vernunft zu erleuchten, durch 
Vernunft zu beherrschen: wurde sogleich auch der Gedanke wirk- 
sam, nach dem Vorbild der Natur wissenschaft, die auf Beobachtung, 



Philosophie und Pftdagogik. 29 

Beschreibung, Messung und Experiment sich stiitzt, die grossen 
Fragen der Erziehung durch Riickgang auf die Natur und durch 
das Studium ihrer Gesetze zu losen. Das Verhaltnis, in welchem 
die Didaktiker des 17. Jahrh. zu dem englischen und italienischen 
Empirismus standen, ist bekannt. Mochten die Motive und die 
Hoffnungen, welche die Reformer an ihre Vorschlage kniipften, 
politischen, religiosen, mystischen Ursprunges sein, so kniipften sie 
doch diese ihre Vorschlage selber, wenn auch noch so verworren 
und unbestimmt, an das naturwissenschaftliche Denken der Zeit 
an. Die leitende Idee war dabei die Umgestaltung des bisherigen 
Unterrichtsverfahrens in eine rationelle Technik und diese rationelle 
Technik sollte ihr Vorbild und ihren Riickhalt in der Wissenschaft 
von der Natur finden. Nun unterliegt es keinem Zweifel, dass die 
Didaktik dieser Theoretiker fast durchweg bei diirftigen und 
spielerischen Analogien stehen blieb, ohne den Boden der Er- 
fahrung zu erreichen. Ja mehr, die wichtigsten Satze, die als 
Grundlage der rationellen Padagogik vorgebracht wurden, waren 
in Wirklichkeit nicht Prinzip derselben, sondern nur nachtragliche 
Erlauterung. In dem Begriff der Natur waren zwei Ideen von 
verschiedener Provenienz von Anfang an enthalten und verschmolzen; 
denn er bezeichnete sowohl das den Sinnen Gegebene, die als 
Gegeustand der Forschung herauszuarbeitende Wirklichkeit, als 
auch ein Ideal und einen Wert. Und so ist unverkennbar, dass 
alle diese Reformvorschlage ihren Quell und Ursprung in einer 
bestimmten Weltanschauung und in geschichtlich und personlich 
bedingten Bildungsidealen haben. Zur methodischen Klarheit rang 
sich der Gedanke einer Begriindung der Padagogik auf Erfahrung 
erst durch, als er von der verschwommenen Vorstellung eines 
Riickganges auf die Natur sich loste und dafiir die Ankniipfung 
an bestimmte Einzelwissenschaften vom Menschen suchte und fand. 
Als solche sind nacheinander hervorgetreten und von padagogischen 
Theoretikern eifrig aufgegriffen und verwertet worden : die Psycho- 
logie, die Biologie und die Soziologie. Teils fiir sich, toils im 
Bunde miteinander sollen sie das Fundament fiir eine wahrhaft 
wissenschaftliche Padagogik, die nicht von immer doch willkiirlichen 
utopischen Idealen abhangig ist, liefern. Die Voraussetzung ist 
natiirlich dabei, dass diese Wissenschaften als empirische anerkannt 
und gesi chert sind und dass jedenfalls ihr Verhaltnis zur Philoso- 
phie im allgemeinen kein anderes ist als das irgend einer besonderen 
Erfahrungswissenschaft. Das ist nun freilich von alien den ge- 



30 M. Frischeisen-K5hler, 

nannten Forschimgsrichtungen immer wieder bestritten worden. 
Haben sie lange Zeit gebraucht, um sich von der Vorherrschaft 
Oder auch nur des Eiuschlages bestimmter metaphysischer oder 
ethischer Anschauungen zu befreien, so wird, wenn man den 
grossen Gang in der Wan.dlung ihrer Erkenntnisziele und Methoden 
iiberblickt, immerhin in Frage gestellt werden konnen, ob sie be- 
reits in die Phase eingetreten sind, in der sie, wie die exakten 
Wissenschaften von der Natur, dem Streit der philosophischen 
Uberzeugungen entriickt sind. Aber gesetzt, sie haben tatsftchlich 
bereits das positive Stadium erreicht, dann ist die methodisch in- 
teressierende Frage, in welch einem Umfang die Padagogik, die 
mehr als eine Summe von unbestimmten Regeln, die vielmehr ein 
wissenschaftliches System von allgemeinen und nach Prinzipien 
verbundenen Wahrheiten sein will, von ihnen eine Grundlegung 
erhoffen darf. 

Um aber diese Frage aufzulOsen, bedarf das Prograram der 
empirischen Padagogik noch einer doppelten Einschrankung. Einer- 
seits darf das Verhftltnis von Padagogik zu Psychologic, Biologie 
und Soziologie nicht nur als das einer einfachen Anwendung von 
Wahrheiten, die aus jenen Disziplinen entnommen sind, verstanden 
werden. Aus dieser Abhangigkeit von „Hilfs wissenschaften", die 
ihrerseits ohne Riicksicht auf das besondere Phanomen der Erziehung 
entwickelt worden sind, ist die Padagogik schon seit einiger Zeit 
im Begriff sich zu befreien. Nicht allein die allgemeine, von der 
Analyse des erwachsenen und normalen Menschen ausgehende 
Psychologie, sondern vor allem die planmassige Beobachtung und 
Erforschung des jugendlichen und sich entwickelnden Geistes selber 
wird gefordert. Nicht nur die Ubertragung allgemeiner biologischer 
Entwickelungsgesetze auf das Erziehungsgebiet, sondern auch das 
Studium der besonderen, die individuelle Entwicklung bedingenden 
Faktoren, wie die der Vererbung und des Verhaltnisses von 
exogenen zu endogenen Reizen etwa, soil der Erziehungswissen- 
schaft die erforderlichen Daten bieten. Nicht nur allgemeine sozi- 
ologische Gesetze und Analogien sind es, die der padagogische 
Theoretiker als festen Riickhalt der Geschichte entuehmen mochte, 
sondern immer entschiedeuer sucht er das Bildungswesen selber 
als soziale Erscheinung zu erforschen und den gesetzmassigen Zu- 
sammenhang, der etwa zwischen dem Erziehungssystem einer Ge- 
sellschaft und ihrem wirtschaftlichen oder politischen Zustand be- 
steht, aufzudecken. Die wissenschaftliche Padagogik wird so nicht 



Philosophie nnd Peldagogik. 31 

eiufach als angewandte Psychologie, angewandte Biologie oder an- 
gewandte Soziologie aufzufassen sein. Die Erziehungswirklichkeit, 
urn deren Analysis es sich handelt, bildet, so wird mehr und mehr 
anerkannt, einen eigenen Forschungskreis, und wenn die hier auf- 
tretenden Tatsachen sich den psychologischen, biologischen oder 
soziologischen Methoden zuganglich erweisen, so bedeutet das so 
wenig eine einfache Unterordnung unter jene alteren Disziplinen, 
dass vielmehr immer deutlicher die Autonomic des padagogischen 
Forschungsgebietes hervortritt. In dem viel umstrittenen Schlag- 
wort der „experimentellen Padagogik" hat dieser Prozess der 
Verselbstandigung einen formelhaften Ausdruck gefunden, bei dem 
zunachst nicht das Beiwort, das auf das experimentelle Verfahren 
als auf ein besonders ausgezeichnetes Hilfsmittel verweist, das 
Wesentliche ist, sondern das vor allem den Selbstwert der auf 
Zergliederung des Erziehungsvorganges gerichteten Forschung her- 
vorheben soil. 

Die andere Einschrankung liegt darin, dass die auf Er- 
fahrung sich griindende Erziehungswissenschaft von vorn herein 
darauf verzichtet, ein fiir alle Zeiten und Volker geltendes und 
erschopfendes padagogisches System aufzurichten. Noch ist ja der 
Glaube an die Moglichkeit solcher Systeme nicht ausgestorben, 
noch wird der Traum des 18. Jahrh. fortgetraumt. Aber die empi- 
rische Padagogik der neueren Zeit steht zumeist ihm doch skep- 
tisch gegeniiber. In dem Masse, als das geschichtliche Denken 
Einfluss besitzt, indem es iiberall die Relativitat der historischen 
Erscheinungen und ihre Abhangigkeit von singularen Bedingungen 
aufdeckt, schwindet der Glaube an die AUmacht der konstruierenden 
Vernunft. Deshalb geben die empirischen Richtungen einen ge- 
wissen, mehr oder minder grossen Anteil subjektiver, zeitgeschicht- 
lich Oder personlich bedingter Entscheidungen bei der Auflosung 
der allgemeinen Erziehungsfragen zu, indem ein normativer, ide- 
aler, iiberempirischer Teil der Padagogik von dem empirischen, 
zwar begrenzten, aber innerhalb dieser Grenzen allgemeingiiltigen 
Teil abgetrennt wird. Woher diese Normen und Ideale zu ent- 
nehmen sind, wie ihre Verbindlichkeit fiir einen noch so beschrank- 
ten Oder weiten Kreis von Menschen zu sichern ist, oder ob der 
Appell an das immer wechselnde, immer schopferische Leben, der 
Riickgang auf eine historische Gegebenheit das letzte Wort bleibt: 
alles das ist hier gleichgiiltig. Wesentlich ist nur, dass scharf 
von diesen idealischen Entwiirfen und Forderungen die wissen- 



32 M. Frischeisen-KOhler. 

schaftliche Erforschimg der Erziehungstatsachen, wie Natur und 
Gesellschaft sie zeigen, unterschieden und das Ergebms dieser 
Arbeit als der feste empirische Unterbau jedes moglichen Systems 

gefordert wird. ,. ^ j, 

Dies vorausgesetzt, fragt es sich nun, wie die Grenzen des 
Gebietes fur welches Regeln zu gewinnen seien, festgelegt werden 
konnen. VieUeicht lassen sich am einfachsten die von den empirischen 
Theorien vorgelegten Antworten iibersehen, wenn man sie m emer 
Reihe derart ordnet, dass an ihrem Anfang diejenigen Theorien 
stehen die in einem kleinsten Kreis die durch Erfahrung zu ge- 
winnenden Satze suchen. denen danu schrittweise Erweiterungen 
folgen mogen. Man mag dabei, nur um eine iibersichtliche Einteilung 
zu gewinnen, an die durch Herb art vielfach zur Anerkennung- 
gebrachte begriffliche Scheidung von Erziehungsziel und Er- 
ziehungsmittel anknupfen. Stellt man sich von vorn herein auf 
den Standpunkt der Erfahrung, so liegt es nahe, in dieser jeden- 
falls die notwendige und hinreichende Grundlage fik diejenigen 
Satze, die die Erziehungsmittel fundieren, zu erblicken. Das heisst 
allgemein gesprochen: die Kenntnis der Mittel beruht auf der Ein- 
sicht in den gesetzmassigen Zusammenhang, der zwischen Er- 
ziehungseinflussen jeglicher Art, den angeborenen Anlageu und 
inneren Bedingungen im Zogling und dem endgultigen Effekt in 
dem Zusaramenwirken beider Faktoren besteht. Wie bei alien 
technischen Wissenschaften geht auch in der Padagogik der Wahl 
der Mittel eine theoretische Erkenntnis ihrer moglichen Folgen vor- 
aus welche Erkenntnis nur in der Erforschung von Folgezusammen- 
hangen im naturlichen Geschehen, d. h. Kausalzusammenhangen 
erarbeitet werden kann. In diesem Sinne hat John Stuart Mill ) 
die Begriindung einer eigenen Wissenschaft, der „Ethologie , ge- 
fordert als der Erforschung der Gesetze der Charakterbildung ira 
weitesten Sinne des Wortes. Aber was bei John Stuart Mill 
nur Forderung und Programm geblieben ist, hat seitdem in der 
psychologisch begriindeten Padagogik und hier ganz besonders m 
der experimentellen Padagogik Verwirklichung gefunden. Die ex- 
perimentelle Padagogik, wie sie vor allem von Meumann ) in 
1) J. St. Mill, System der deduktiven und induktiren Logik 6. Buch, 

^' ^^% E. Meumann. Vorlesungen zur Einftihrung in die experimenteUe 
Paddgogik, 2. Aufl. 3. Bd., Leipzig 1911 ff. Abriss der experimentellen 
Padagogik. Leipzig 1914. 



Philosophie und PSdagogik. 33 

seiner Lebensarbeit herausgebildet worden ist, kann geradezu als 
eine Erfiillung des Ideales bezeichnet werden, das John Stuart 
Mill ira Umriss vorschwebte. Jedenfalls ist ihr logischer Ort in 
dem System der Wissenschaften genau der der Ethologie. Nur 
dass sie freilich in einem Puukt die allgemeine Ethologie Mills 
iiberschreitet. Ausdriicklich lehnt sie die deduktive Ableitung ihrer 
Gesetze aus den allgemeinen Gesetzen des Geisteslebens ab. Kann 
sie auch nicht umhin, sich in breitester Weise auf die allgemeine Psy- 
chologie zu stiitzen und von ihren Satzen und Folgerungen Gebrauch 
zu machen, so legt sie alien Wert auf die induktive, moglichst 
experimentelle Erforschung des sich bildenden jugendlichen Geistes 
selber, um den Zusammenhang yon Einwirkungen auf ihn und 
den moglichen Effekten der erzieherischen Tatigkeit im einzelnen 
und ihrer organisatorischen Pflege im ganzen zu untersuchen und 
zu klaren. Die Padagogik hat die wie immer gegebenen und wie weit 
immer geltenden Ziele kritisch daraufhin zu priifen, ob sie gemass 
der Beschaffenheit des Objektes, an dem sie zu verwirklichen 
sind, realisiert werden konnen. Alle Erziehungsarbeit muss sich 
dem Kinde und seiner Eigenart, seiner Natur, seinen Entwicklungs- 
stadien und Entwicklungsgesetzen anpassen. Alle Bildungsmittel 
und -stoffe, die Methodik des Lehrers und die Lehrbiicher des 
Unterrichtes miissen ebenfalls in alien Einzelheiten auf bestimmte 
Entwicklungsstufen des Kindes berechnet und diesen angepasst 
sein. Das ganze padagogische System ist um der Jugend willen 
da und daher muss es sich auch der Entwicklung des jugendlichen 
Menschen „in alien Teilen anpassen und unterordnen". So ermog- 
licht erst eine griindliche Erforschung der tatsachlichen Verhalt- 
nisse die wissenschaftliche Begriindung der padagogischen Vor- 
schriften und Normen, und iiber den Wert didaktischer Methoden 
und allgemeiner Reformvorschlage entscheidet letzthin die experi- 
mentelle Untersuchung ihrer Wirkung auf den Zogling, durch 
welche dasjenige Verfahren allein mit Sicherheit erkannt wird, 
welches als das zweckmassigste, d. h. als das schnellste und er- 
folgreichste bezeichnet werden muss. Natiirlich handelt es sich 
dabei nicht bloss um ein Ausprobieren der zweckmassigsten Mass- 
nahmen und Methoden, sondern um den Einblick in den Kausal- 
zusammenhang, auf dem die grossere Zweckmassigkeit der einen 
Oder andern Methode beruht. 

Was auf diesem Wege an Erkenntnissen bisher gewonnen 
worden ist, was weiterhin sich von der "Verfeinerung und der 

Kantstndien XXII. q 



34 M. Frischeisen-K5hler, 

Durchfiihrung der exakten Jugendforschimg erhoffen lasst, steht 
hier nicht zur Erorterung-. Hier interessiert nur die logische 
Eigenart des Verfahrens und die Frage, wie weit es zur Grund- 
legung eines padagogischen Systems ausreicht. Und da ist zu- 
nachst klar : die auf Jugendkunde sich griindende wissenschaftliche 
„Ethologie" wird in der Lage sein, von vorn herein eine Reihe 
von erzieherischen Massnahmen, Methoden und Einrichtungen, die 
vorgeschlagen oder zur Anwendung gebracht sind, als unzweck- 
massig oder geradezu als ganzlich erfolglos auszuscheiden. Wird 
das Kind nicht mehr, wie eine friihere naive Reflexionspsychologie 
annahm, einfach als ein erwachsener Mensch im kleineren Mass- 
stab vorgestellt, treten die wirklichen Ziige seiner Konstitution 
aus dem verschwommenen Bild, das die Phantasie bisher von ihm 
gezeichnet hat, hervor, so erhalten wir einen Massstab, der uns 
jedenfalls gestattet, padagogische Traditionen und Reformen kri- 
tisch zu priifen, um Unbrauchbares und Unraogliches auszusondern. 
Die experimentelle Padagogik vermag daher auch der Ausgang 
einer gesunden Skepsis gegeniiber zu hochgespannten Hoffnungen 
und Erwartungen, zu denen der ungeschichtliche Geist nur zu 
gern neigt, zu sein, und sie vermag die Jugend von der Last ver- 
fehlter und qualender Anforderungen zu befreien, die nur mit der 
Zahigkeit des historisch Gewordenen sich erhalten, Und das ist 
es, was zum Teil den Enthusiasmus, mit dem sie begriisst und 
gepflegt wird, verstandlich macht, dass von ihr eine methodische 
Erleichterung erwartet wird, die dem wahllosen Herumprobieren, 
der Vergewaltigung ganzer Generationen ein Ende macht. In 
diesem Sinne kann die wissenschaftliche Erfahrung erlosend wirken, 
indem sie beschrankt und ausmerzt. 

In wie weit kann sie nun aber auch zum positiven Aufbau 
beitrageu? Man wird vor dem Fehlschluss sich hiiten miissen, 
dass, well sie in der Lage ist, gewisse Mittel und Methoden aus- 
zuschalten, mit denen erfahrungsgemass beim Jugendlichen nichts 
erreicht werden kann oder die unzweckmassig gewahlt sind und 
angewendet werden, sie darum schon ohne weiteres in der Lage 
ware, die verbleibenden Moglichkeiten nach ihrem padagogischen 
Wert zu bestimmen. Die Analogie mit der Technik, die, so weit 
sie angewandte Wissenschaft ist, ein^n klaren Weg vor sich sieht, 
darf hier nicht tauschen. In der geistigen Welt sind die Dinge 
doch sehr viel verwickelter. Zunachst ist die Zahl der Mittel, 
deren Effekt eindeutig vorher bestimmt werden kann, nicht gar 



Philosophie und Padagogik. 35 

SO gross. Und die Unmoglichkeit, konkurrierende Bedingungen 
auszuschalten und Erziehungsmittel in isolierender Abstraktion 
systematisch auszuprobieren , setzt der Induktion selir bald 
Schranken. Nach welchem Kriterium soil sodann bei der Ab- 
wagung verschiedener Mittel zu gleichen Zielen, vorausgesetzt, 
dass die wissenschaftliche Erfahrung ihre Brauchbarkeit nicht 
von vorn herein zu beanstanden Anlass hat, entschieden werden? 
Die technische Idee der Zweckmassigkeit, nach welcher sich der 
Wert nach der Grosse des Effektes bei moglichst geringem Kraft- 
aufwand bestimmt, hat Sinn und Bedeutung nur bei elementaren 
und genau begrenzten Leistungen, zu denen der Jugendliche er- 
zogen werden soil. Sie versagt bei alien zusammengesetzten 
Leistungen und damit bei alien Aufgaben, die iiber das Gebiet 
der Aneignung elementarer Fahigkeiten und Kenntnisse und das 
der „Hygiene der geistigen Arbeit" im allgemeinen hinausgreifen. 
Da dient niemals nur ein Mittel einem Zweck; da kann niemals 
nur ein Mittel unabhangig von den gleichzeitig angewandten ab- 
geschatzt werden. Was in einer Hinsicht unter einem Gesichts- 
punkt als Nachteil erscheint, erscheint in anderer Hinsicht unter 
anderm Gesichtspunkt als Vorteil. Erst die Stellungnahme zu 
dem Ganzen der in Frage kommenden Werte ermoglicht auch eine 
Stellungnahme zu den einzelnen Mitteln ihrer Realisation. Oder 
sollte das Kriterium nicht sowohl in der objektiven Zweckmassig- 
keit, als in der Leichtigkeit und Annehmlichkeit, mit der die 
Mittel auf die heranwachsende Jugend wirken, liegen? In der 
Forderung der „Naturgeraassheit" der Erziehung, der „Orientierung 
vom Kinde aus", der „Anpassung" der gesamten Erziehung an 
das Kind wird da nicht immer deutlich unterschieden. Vernehm- 
lich klingen Tone, die uns aus der enthusiastischen Aufklarungs- 
padagogik vertraut sind und in einer dilettantischen „natiirlichen 
Padagogik" unserer Tage widerhallen, auch in der wissenschaft- 
lichen Padagogik an. Aber gesetzt selbst, diese Begriffe liessen 
sich eindeutig festlegen und allgemeingUltig bestimmen (was sie 
in Wahrheit aber nicht erlauben), dann bediirfte diese Forderung 
der Anpassung doch noch ihrerseits der wissenschaftlichen Recht- 
fertigung. Denn selbstverstandlich ist es keineswegs, dass die 
Erziehung nur um der Jugend willen da sei, dass alle Methoden, 
Einrichtungen und schliesslich doch wohl auch, was nicht immer 
hervorgehoben wird, die Erwachsenen, die Erzieher, sich der 
Jugend anpassen soUten. Auch die Anpassung der Jugend an 



36 M. Frischeisen-Kfthler, 

den Erwachsenen kann inindestens in Frage gestellt werden. 
Selbstverstandlich ist nicht, dass Gliick, Leichtigkeit und Annehm- 
lichkeit der Tatigkeit die wichtigsten Werte im Leben, auch nur 
im Leben des Kindes bilden. Natiirlich Iftsst sich dariiber sehr 
ernsthaft reden: aber eine wissenschaftliche Padagogik wird diese 
Anschauungen ohne besondere theoretische Rechtfertigung nicht 
ungepruft hinnehmen konnen. Indem sie aber in eine kritische 
Erorterung dieser Fragen eintritt, verlasst sie grundsatzlich den 
Boden der Erfahrung, wenigstens so weit sie zur wissenschaft- 
lichen Begriindung der Erziehungsmittel herangezogen wird, und 
wendet sich Problemen der Ziel- und Wertbestimmung zu, deren 
zureichende Auflosung eine Bedingung ihrer eigenen Moglich- 
keit wird. 

Und das ist entscheidend. Wenn man den Versuch, eine 
Theorie aller Bildungsmittel fiir sich zu entwickeln, wirklich zu 
Ende denkt, wird man zu dem unvermeidlichen Ergebnis kommen, 
dass dies ohne Zuriickgreifen auf irgendwelche Gesichtspunkte, 
die eine Auswahl bieten Oder vorbereiten, und auf Prinzipien, die 
den Zusammenhang der Bildungsmittel konstituieren, nicht geht. 
Allenthalben stossen wir auf den Einfluss von positiven und syn- 
thetischen Anschauungen, die auf einer spezifischen Wert- oder 
Idealbildung beruhen. Was fiir periphere Fragen der Erziehung 
und des Unterrichts vielleicht moglich scheint, ist fiir die zentralen 
und durchgreifeuden Fragen undurchfuhrbar: die Losung der 
Mittel von den Zielen, deren Realisation sie dienen sollen. Wenn 
die experimentelle Padagogik die Erorterung dieser Probleme zeit- 
weilig hat in den Hintergrund treten lassen, so ist das aus der 
Entschiedenheit, mit der sie sich, ira Anschluss an die analy- 
sierende Psychologie, auf die Analyse elementarer und an sich 
gewiss sehr wichtiger Funktionen beschrankt, verstandlich. Aber 
in dem Masse als sie die Inhaltlichkeit des jugendlichen Seelen- 
lebens mitberiicksichtigt, seine allseitige Entfaltung auch iiber die 
eigentlichen Kindesjahre hinaus zu erforschen strebt, machen sich 
die zuvor abgewiesenen, andern Disziplinen oder die dem praktischen 
Leben iiberlassenen Wertgesichtspunkte starker geltend. In der 
Naturwissenschaft tritt die konstruktive Idee des Technikers ge- 
wissermassen von aussen an die Naturgesetzlichkeit, die sie sich 
dienstbar machen will, heran. Das Wissen um diese Naturgesetz- 
lichkeit kann und muss unabhangig von den konstruktiven tech- 
nischen Absichten erforscht und entwickelt werden und gewahrt 



Philosophie und Padagogik. 37 

als ausgebildete Gesetzeserkenntnis dem Techniker das Material, 
mit dem er in einer Freiheit, die nur durch das Material selbst 
beschrankt ist, walten kann. In der geistigen Welt ist die 
Bildsamkeit des Zoglings nicht etwas, das irgendwo und irgendwie 
ganzlich unabhangig von dem bildenden Einfluss geltender und 
wirksamer Ideale erforscht werden kann. In das Produkt, das 
die Erfahrung zeigt, ist immer schon ein Faktor eingegangen, der 
nicht aus der natiirlichen Konstitution des Zoglings, sondern aus 
der Ideenwelt seiner Uragebung stammt. Die geistige Entwicklung 
des Individuums ist nicht einfach ein Parallelvorgang zu seiner 
korperlichen; sie ist in einer ganz andern Weise als diese von 
ihrer Umgebung abhangig, indem sie, von dem ersten kindlichen 
Sprachverstandnis an bis zur hochsten Reife, aus ihrer geistigen 
Umwelt aufnimmt und nur in einem Prozess geistiger Assimilation 
fortschreitet. Daher kann kein Zweifel sein, dass eine wissen- 
schaftliche Padagogik, die eine Theorie der planmassigen Bildung 
der Jugend geben will, sich nicht, wie bisher vorausgesetzt wurde, 
auf eine blosse Theorie der Mittel beschranken kann. Eine solche 
Theorie schwebt in der Luft, so lange sie nicht, stillschweigend 
Oder ausdriicklich, bestimmte Werte, deren Realisation in Angriff 
genommen werden soil, voraussetzt. Die Erziehungswissenschaft, 
die sich nicht auf enge Teilgebiete der Forschung beschranken 
will, well sie sich darauf nicht beschranken kann, wird die Idee 
des Zweckes mitaufnehmen miissen und so aus einer vorgeblichen 
Kausalwissenschaft in eino teleologische Wissenschaft sich wandeln. 
Ob und wie weit eine solche Erziehungslehre den Anspruch da- 
rauf erheben kann, empirische Wissenschaft zu bleiben, wird da- 
von abhangen, ob und wie weit sie Ziele der Erziehung, deren 
formliche Anerkennung den methodischen Ausgangspunkt ihrer 
Forschung bildet, auf empirischem Wege festzustellen in der 
Lage ist. 

Fiir einen konsequenten Empirismus ergibt sich da keine 
besondere Schwierigkeit. Denn wenn die klassische Padagogik 
die Erziehungsziele der Ethik entnahm, die sie allerdings, kritisch 
Oder metaphysisch, jedenfalls in idealistischer Weise begriindet 
ansah, so meint der Empirismus, auch die sittlichen wie alle 
andern philosophischen Werte in der Erfahrung aufweisen und 
sie aus ihr ableiten zu konnen. Hieriiber ist nun nicht zu richten. 
Denn schliesslich ist das eine interne Angelegenheit der Philoso- 
phie; und gesetzt es gelange, was von alien Seiten bestritten 



38 M. Frischeisen-Kohler, 

wird, die Sittlichkeit lediglich auf Erfahrung zu griinden, so ware 
an dem prinzipiellen Verhaltnis von Padagogik und Philosophic 
nicht das mindeste geandert. Fiir eine empirische Padagogik, 
wie sie von Beneke ab in diesem Sinne wiederholt, in der jiingsten 
Zeit etwa von Doring^) entwickelt worden ist, erschiene dann 
der so gewonnene und als Erziehungsziel hingestellte Lebenszweck 
als ein von aussen herangebrachter, die Erziehungsmittel erst 
nachtraglich zu teleologischer Einheit zusammenfassender Faktor, 
wobei es ersichtlich gleichgUltig ist, worauf seine Verbindlichkeit 
sich stiitzt. Mit Recht verfahrt daher die besonnene Theorie 
vorsichtiger. Und in dem Masse als die Padagogik nach Auto- 
nomic strebt, wird sie darauf ausgehen, mit ihren Mitteln selber 
einen Zweck, genauer gesagt ein Zweckminimum in der Erfahrung 
aufzudecken, das als konstituierendes Prinzip das padogogische 
System beherrscht. Nur um ein Minimum teleologischer Erforder- 
nisse kann es sich handeln, wenu von vorn herein die Relativitat 
der geschichtlichen Erscheinungen zugegeben und den besonderen 
Verhaltnissen der geschichtlichen Lage iiberantwortet wird. Aber 
das ist allerdings die Uberzeugung, die die empirische Padagogik 
nicht aufgeben kann, ohne sich selber um ihr bestes zu bringen, 
dass induktiv gewisse unumgangliche Zwecke ermittelt werden 
konnen, die darum Allgemeingiiltigkeit besitzen, weil sie die Be- 
dingung fiir den Aufbau aller hoheren Werte darstellen. Eine 
gegebene Teleologie in der natiirlichen Entwicklung, in der Aus- 
bildung des seelischen Lebens, in dem gesellschaftlichen Zusammen- 
hang wird vorausgesetzt, uuter deren Gesetzmassigkeit auch wir 
stohen, an die alles Leben des Kulturmenschen gebunden bleibt. 
Es fragt sich, welches dieses teleologische Minimum ist. Haben 
wir es mit Sicherheit bestimmt und begriindet, dann haben wir 
den Punkt erreicht, an dem, wie Dilthey es einmal scharf ausdriickt, 
aus der Erkenntnis dessen, was ist, die Kegel iiber das, was sein 
soil, entspringt. 

Durchmustert man die einzelnen Versuche, die entworfen 
worden sind, um in dieser Richtung einen begrenzten aber festen 
Kern von Satzen als Unterlage einer allgemeingiiltigen Padagogik 
zu erarbeiten, so erhalt man nicht eine Auflosung des Programmes, 
sondern eine ganze Reihe verschiedenartiger, teils sich erganzen- 
der, teils sich kreuzender Antworten. Ordnet man auch sie nach 



^) Aug. DOring, System der Padagogik im Umrias, Berlin 1894. 



Philosoplue und Padagogik. 39 

der steigenden Fiille des Inhaltes, der den empirisch aufweisbaren 
Erziehungszweck beschreiben will, dann stunde etwa an der 
Spitze als ein System von der geringsten Basis das, welches 
Dilthey^) skizziert hat. Nach ihm bildet eine allgemeine Be- 
dingung fiir den Aufbau der Erziehungswirklichkeit die Heraus- 
bildung einer formalen Vollkommenheit unseres Seelenlebens, das 
auf einen teleologischen Zusammenhang seiner Funktionen ange- 
legt ist. Jede Erziehung hat in der Entwicklung des Kindes die 
Vollkommenheit der Vorgange und ihrer Verbindungen herzu- 
stellen, die einen teleologischen Zusammenhang im Seelenleben er- 
moglichen. Man ersieht, dass auf diesem Wege nur ein Minimum 
an padagogischen Satzen zu gewinnen ist, die iiberdies, begriin- 
determassen, nur formaler Art sein konnen. Sehr viel weiter 
gehen die Versuche, die den Grundbegriff der Padagogik aus dem 
naturnotwendig gegebenen Gliicksverlangen des zu erziehenden In- 
dividuums ableiten. Nun ist freilich die Glucksvorstellung und 
die Bestimmuug des „wahren Wohles" sehr verschieden. Alles 
hangt von der genaueren Festlegung ab. Dementsprechend be- 
miihen sich auch diejenigen Theoretiker, welche die Padagogik 
empirisch- eudamouistisch begriinden wollen, um eine Prazisierung 
nsbesondere mit Hilfe der Psychologie. So fUhrt Stadler*) die 
Idee der Gliickseligkeit auf die Befriedigung dessen, was der 
Mensch von Natur aus will, zuriick; das tun zu konnen, was er 
tun will, sei ein Zweck jedes Menschen infolge seiner Organisation, 
so dass die Erziehung, welchem Ideal sie auch sonst noch folgen 
mag, jedenfalls den Menschen so erziehen muss, dass er fahig 
sein wird, das zu tun, was er will. So erblickt Kretzschmar^) 
die Wohlfahrt des Individuums in^der Befriedigung der „Bildungs- 
bediirfnisse", die wenigstens zu einem Teil iiberall und zu alien 
Zeiten die gleichen sind. Man wird nicht behaupten konnen, dass 
diese Zielbestimmungen zu der erforderlichen Klarheit und Festigkeit 
gelangen. Sie haben das gleiche Schicksal, wie alle verwandten 
Bemiihungen, dass sie das, was man allenfalls als das Wohl des 



^) W. Dilthey, Uber die Moglichkeit einer allgemeingiltigen pMa- 
gogischen Wissenschaft. Sitzungsber. der Preuss. Akademie der Wissen- 
schaften. Berlin 1888. 

2) Aug. Stadler, Philosophische Padagogik, Leipzig 1911. 

•) Joh. Kretzschmar, Entwicklungspsychologie und Erziehungs- 
wiBsenschaft. Leipzig 1912. Dazu Zeitsclirift fiir Pftd. Psychologie und 
exper. Padagogik. 1913, S. 340 ff. 



40 M. Frischeisen-Kohler, 

Individuums bezeichnen konnte, wenigstens auf der Grundlage der 
Erfahrung nicht allgemein aussprechen konnen. Sie sehen sich 
gezwungen, bei ihren Bemiihungen mehr Oder minder deutlich auf 
die jeweilig anzusetzenden, vorher nicht zu iiberscblageuden Be- 
dingungen im einzelnen Fall zurtickzugreifen. Das zu erreichende 
Ziel gewinnt iiber die formale Teleologie im Sinne Diltheys nur 
dadurch an Inhalt, dass von vorn herein ein Inbegriff von An- 
lagen, Bediirfnissen, Richtungsbestimmtheiten der Entwicklung 
mitgedacht wird, deren Entfaltung und Befriedigung eine not- 
wendige Bedingung fiir das Gliick des einzelnen sind. Aber mag 
es auch sein, dass jedes Geschopf in seinen Anlagen den Entwurf 
eines Seins vorgezeichnet euthalt, dessen Erlangung ihm allein 
dauernde Befriedigung verspricht, so lassen sich aus der unend- 
lichen Mannigfaltigkeit solcher potenziell gegebenen Strukturen 
allgemeingiiltige Ziige, die mehr als das formale Moment der sub- 
jektiven Wohlfahrt besagen wollen, nur unter Verkiirzung der un- 
endlichen Fiille von Potenzen, die alle zur Verwirklichung drangen, 
und auf dem Wege einer vorziehenden und zurlickweisenden Aus- 
wahl gewinnen, wobei es noch eine besondere Frage ist, ob das 
gegenwartige Gliick des ZSglings seinem kiinftigen oder dieses 
jenem vorzuziehen sei. Aber dann wiederum entsteht das Problem 
nach dem Recht dieser Auswahl, dessen Auflosung jedenfalls nicht 
auf dem Wege empirischer Erforschung erfolgen kann. Natiirlich 
kann der Erzieher auf solche Konstruktionen, die immer eine Ver- 
gewaltigung enthalten, verzichten und sich mit dem einzelnen 
Individuum, wie es mit seinen Bediirfnissen und Anlagen, seinem 
Gliicksverlangen gegeben ist, begniigen, um das in ihm schlummernde 
Bild des zu erkennen, das es werden will. Aber ein solcher Ver- 
zicht schliesst die Preisgabe der^- wissenschaftlichen Padagogik an 
die individuelle Einsicht und Willkiir des einzelnen Erziehers ein. 
Tatsachlich kann aber der Padagoge auf diesem Standpunkt nicht 
verbleiben. Denn der Mensch ist zur Ausbildung seiner Anlagen 
auf die Aneignung und tJbernahme von Inhalten des Kultur- 
bewusstseins angewiesen, die ihm von aussen dargeboten werden. 
Wie differenziiert die Anlagen auch sein mogen, die in den kind- 
lichen Seelen schlummern, die sich so gar nicht ausserlich in dem 
Anblick der so ahnlich gestalteten kindlichen Zuge dokumentieren 
wollen: zu einer voUstandigen Bestimmung der kiinftigen Ent- 
wicklung reichen sie nicht aus. Von iiberwiegender Bedeutung 
fur die Ausbildung des kindlichen Seelenlebens ist der Inbegriff 



Philosophie und Padagogik. 41 

von Kulturvoraussetzungen, unter denen diese Bildung sich voU- 
zieht, die ihm allein einen Gehalt zu geben vermogen. Die unter 
dem Namen der Temperamentsverschiedenheiten zusammengefassten 
Arten der Geftihlsreaktion mogen samt und senders angeboren 
sein. Aber ein bestimmter Begriff von Ehre oder eine bestimmte 
Konfession ist nicht angeboren, sondern wird unter den Be- 
dingungen einer geschichtlictien Gemeinschaft erworben. Und 
unter diesen Bedingungen ist die planmassige erzieherische Ein- 
wirkung, ist der geregelte Unterricht von einer entscheidenden 
Bedeutung. Und eben darum kann ohne Beziehung auf die 
geistige Welt mit ihren Idealen und Werten keine zureichende 
Feststellung dessen gefunden werden, was unter dem „wahren'' 
Wohl eines Menschen zu verstehen ist, Und endlich ist nicht zu 
iibersehen, dass alle diese eudamonistischen Begriindungen der 
Padagogik sich auf einem individualistischen Standpunkt bewegen, 
der an sich so wenig selbstverstandlich ist, dass seine Berech- 
tigung ein altes und immer wieder aufgeworfenes Problem der 
Philosophie darstellt. Die eudamonistische Padagogik konstruiert 
die Erziehung von dem Individuum, das erzogen werden soil, und 
seinem Gliicksempfinden aus. Aber warum soUte dies als einziges 
Oder doch wenigstens erstes Ziel gelten? Warum sollte nicht die 
Riicksicht auf die Gemeinschaft ebenso wichtig, vielleicht noch 
wichtiger sein? Es ist sehr bezeichnend, dass einzelne der euda- 
monistischen Theoretiker, wie z. B. Stadler, sich genotigt sehen, 
neben dem eudamonistischen Grundprinzip zu seiner Erganzung 
und Korrektur ein davon unabhangiges ideales Grundprinzip, 
das der philosophischen Ethik zu entnehmen ist, anzuerkennen. 
tJber die Zulassigkeit und iiber die Notwendigkeit eines solchen 
Verfahrens entscheidet wiederum nicht die Erfahrung. Praktisch 
verfahrt daher die psychologische Padagogik zumeist so, dass sie 
sich um das Gliicksverlangen oder die Bildungsbediirfnisse nicht 
sonderlich kiimmert, vielmehr die gegenwartige Kulturlage zu- 
grunde legt und von den zur Zeit anerkannten Forderungen und 
Idealen aus diejenigen nach den psychologischen Bedingungen 
ihrer .Verwirklichung hin untersucht, die in der Hierarchie der 
Ziele als die allgemeinsten Voraussetzungen fiir alle beson- 
deren angesehen werden konnen. Die ^Psychotechnik", so formu- 
liert Miinsterberg^) diesen Standpunkt, kann sich nicht in den 

^) H. Miinsterberg, Grundztige der Psychotechnik. Leipzig 1914. 
Eap. 8. 



42 M. Frischeisen-KOhler, 

Streit der Endaufgaben, die man der Erziehung setzt, einmischen; 
sie liefert keine Argumente fiir oder gegen die Forderung der 
einseitigen Berufserziehung oder die der Kulturerziehung; sie kann 
sich nur auf die*mehr unmittelbaren Ziele beziehen, die den yer- 
schiedensteu ietzten Aufgaben gleichmassig untergeordnet sind. 
Wir konnen gewisse Erziehungsleistungen isolieren, ohne uns dar- 
um zu kiimmern, welchen abschliessenden Hauptaufgaben sie 
dienen sollen. Solcher gemeinsamen Aufgaben aller Erziehung 
lassen sich mindestens drei bezeichnen: aller Unterricht verlangt, 
dass gewisse Kenntnisse beigebracht, dass gewisse Fahigkeiteu 
eingeiibt und dass gewisse Interessen geweckt werden. Sie bilden 
das Hauptthema der psychologischen Analyse, die der Padagogik 
dienen will. 

Nun ist aber der empirischen Grundlegung noch ein anderer 
Weg offen. Wenn die Psychologic wenigstens bisher — eine 
^sozial-genetische" Psychologic ist zunachst nur Forderung und Pro- 
gramm — vermoge ihres Individualismus die sozialen Aufgaben 
nicht fassen und wiirdigen kann, so muss das Fundament in einer 
Erfahrungswissenschaft gesucht werden, in der jener Bezug auf 
die Gemeinschaft als wesentlich anerkannt ist. Dazu greifen die 
empiristischen Padagogen toils auf die Biologie, toils auf die So- 
ziologie zuriick, teils auf eine Verbindung von biologischen und 
soziologischen Satzen. Die Gesetze des organischen Lebens, 
welche die fortschreitende Theorie aufgedeckt hat, eroffnen uns, 
wie man vielfach glaubt, die Moglichkeit, die Bestimmung unseres 
Daseins und die Werte, die die Zweckordnung unseres Lebens 
regeln, der Naturwissenschaft zu entnehmen. Zwar zeigt sich 
liberraschenderweise, dass dieselben Pramissen der natiirlichen 
Entwicklungslehre bei den verschiedenen Denkern zu ganz ent- 
gegengesetzten Folgerungen verwendet werden. Sowohl der ex- 
treme Individualismus wie sein Gegner, der extreme Sozialismus 
beruft sich auf die Biologie, die beides als Zwecke der Natur zu 
lehren scheint: Selbsterhaltung und Arterhaltung. Spencers in- 
dividualistische Padagogik bewegt sich ebenso wie etwa die von 
Paul Bergemann entwickelte Sozialpadagogik auf dem Boden 
der Evolutionstheorie. So bietet die biologische Betrachtung An- 
kniipfungspunkte zu sehr verschiedenartigen und abweichenden 
Konstruktionen. Schon daraus folgt, dass wir so wenig wie der 
Betrachtung des einzelnen Seelenlebens so wenig der Betrachtung 
des organischen Lebens im allgemeinen eine eindeutig festgelegte 



Philosophic und Padagogik. 43 

Richtung der Entwicklung, der wir unbedingt folgen mussten, 
entnehmen konnen. Tatsachlich gehen die padagogischen Theo- 
retiker, die der biologischen Analogien sich bedienen, dazu fort, 
sie durch soziologische Betrachtungen zu erganzen. Das Ziel der 
Erziehung kann nicht, so formuliert es Bergemann,^) wie man 
stets behauptet, der Religion oder der Ethik entlehnt, sondern es 
muss aus der Biologie abgeleitet werden. Der von der Natur 
selbst gewollte Zweck aller menschlichen Beziehungen besteht in 
der Erhaltung und VervoUkommnung des Lebeus Uberhaupt, der 
Gattung im besonderen. Der Begriff der VervoUkommnung der 
Gattung schliesst aber zugleich beim Menschen die Beziehung auf 
die Kultur ein, so dass der Zogling aus den Handen des Erziehers 
als ein gesunder tatkraftiger Mensch hervorgehen soil, der be- 
fahigt und freudig bereit ist, an der Losung der Kulturaufgaben 
seines Volkes in der jeweiligen Gegenwart mitzuarbeiten. Und in 
ahnlicher Weise gewinnen andere biologisch orientierte Padagogen, 
wie etwa Guyau^) und Andrea Angiulli^) den Ubergang von 
der Biologie zur Soziologie, welche das Kulturleben der Menschheit 
einschliesst. 

Nun steht hier die Berechtigung, die biologische Methode auch 
auf das gesellschaftliche Leben des Menschen anzuwenden, nicht 
zur Erorterung; aber ersichtlich ist doch, dass mit der Hineinbe- 
ziehung der Idee der Kultur in den Begriff der menschlichen Gat- 
tung eine entscheidende Wendung von weittragendster Bedeutung 
voUzogen wird. Denn wenn der Begriff der Selbst- oder Art- 
erhaltung im Bereich des rein organischen Lebens zulassig und 
deutlich ist — falls er nicht auch dort noch durch den Begriff 
einer Steigerung oder VervoUkommnung des Lebens erganzt werden 
miisste — so ist die Vorstellung von einer Erhaltung oder gar 
Steigerung oder VervoUkommnung der menschlichen Kultur zu- 
nachst ganz unbestimmt. AUe Versuche, den Sinn, den Entwick- 
lungsgang, die vorgezeichnete Richtung der Kultur, in der sie sich 
zu entfalten hatte, durch eine allgemeine Formel auszudriicken, 
haben sich als hohl und nichtig gegeniiber der bunten Fiille von 



1) Paul Bergemann, Soziale Padagogik auf erfahrungswissen- 
ichaftlicher Grundlage und mit Hiilfe der induktiven Methode als univer- 
salistische oder Kultur-Padagogik, Gera 1900. §§ 11—13. 

*) M. Guyau, Erziehung und Vererbung Deutsch von E. Schwarz 
u. M. Kette, Leipzig 1913. 

') Andrea Angiulli, La pedagogia. 2 ed. Napoli 1882. 

/ 



44 M. Frischeisen-KShler, 

Ansatzen, Ausgestaltungen und im dauernden Kampf miteinander 
liegenden Gegensatzen, welche die Geschichte dem unbefangenen 
Blick darbietet, herausgestellt. Und selbst, wenn es moglich sein 
sollte, den Weg, den das Menschengeschlecht zu gehen berufen ist, 
im voraus zu erkennen und zu bezeichnen, selbst wenn das ge- 
waltige System von objektiven Leistungen und Schopfungen, das 
wir insgesamt als Kultur ansprechen konnen, auf ein Ziel bin 
konvergiert, das wir vorgreifend erfassen und bestimmen konnen, 
dann wird, dariiber kann kein Zweifel sein, eine solche Erkenntnis 
nicht sowobl den Charakter eines empirischen Forschungsergebnisses 
als den einer geschichtsphilosophischen Konstruktion besitzen. 
Wagen wir es, den Endzustand, dem die Menschheit angeblich zu- 
strebt, vorstellig zu machen, malen wir uns einen Idealzustand der 
Gesellschaft im einzelnen aus, dann mogen wir, wie die positivi- 
stischen Soziologen, wie es z. B. C orate ^) gelegentlich getan hat, 
ein System der Erziehung bis ins einzelnste hinein zu entwerfen. 
Aber dann haben wir den Boden dpr Erfahrung schon lange ver- 
lassen und wir bewegen uns in einem Reich reiner Spekulation. 
Eine Padagogik, die eine wirkliche empirische Grundlegung erstrebt, 
wird vorsichtiger und besonnener verfahren miissen. Sie wird sich 
darauf beschranken miissen, aus der Eiusicht des Zusammenhanges 
des Einzelnen mit der Gemeinschaft, in der er zu leben bestimmt 
ist, eine Reihe von Forderungen abzuleiten, die um der Erhaltung 
der Gemeinschaft willen unerlasslich sind, die aber hinsichtlich der 
allgemeinen ErziehungsmOglichkeiten sich auch nur als ein Mini- 
mum von Erziehungszielen geben. Und da hat die soziologische 
Betrachtung gegeniiber der rein psychologischen ganz zweifellos 
bedeutende Vorteile. Worin die wahre Wohlfahrt des einzelnen 
letzthin beruhe, vermag niemand, wenigstens nicht auf Grund 
einer empirischen Theorie, zu sagen; aber in den sehr konkreten 
Bediirfnissen wirtschaftlicher, militarischer und politischer Natur, 
an deren Befriedigung die Selbsterhaltung jeder organisierten Ge- 
meinschaft gebunden ist, besitzen wir einen greifbaren Kern von 
Forderungen, die an die Ausbildung der einzelnen Mitglieder zu 
alien Zeiten und besonders bei hochkultiviert,en Volkern und Staaten 
gerichtet werden konnen. Ist erst einmal die roheste und primi- 
tivste Methode, die heranwachsende Generation fiir die Unter- 
stiitzung und Fortbildung der Tatigkeit der Erwachsenen auf dem 

^) A. Comte, Der Positivismus in seinem Wesen und seiner Bedeutung; 
deutsch V. E. Roschlau, Leipzig 1894. S. 160 ff. 



Philosophic und Padagogik. 45 

Wege der Ausmerzung der Untuchtigen zu gewinnen, iiberwunden, 
so ergibt sich ganz von selbst die Aufgabe einer planmassigen 
Fiirsorge, welche durch Einrichtungen aller Art die Jugend den 
Zwecken der Gesellschaft dienstbar machen will. So stark und 
durchgreifend ist das Gemeininteresse, dass die altesten Erziehungs- 
systeme geradezu als Fortsetzung und Anwendung der Politik er- 
scheinen. Der Streit urn die Grundlagen der Padagogik, ob sie 
sich auf die Psychologie oder die Ethik oder auf beide als „Hilfs-" 
Oder als „Grund"wissenschaften zu stiitzen hatte, wiirde im Alter- 
tum wohl dahin geschlichtet worden sein, dass die Grundwissen- 
schaft der Padagogik die Politik sei. In der neueren Zeit treten 
verwandte Uberzeugungen in den vielfachen Bemiihungen um 
eine Staatspadagogik hervor; in der Gegenwart ist die auf eine 
staatsburgerliche Erziehung gerichtete Bewegung ebenfalls von 
der Idee, dass das nachste und grundlegende Ziel der Erziehung 
vom Staat und der Gemeinschaft aus sich bestimme, geleitet. Man 
kann, wenn man wiU, unter diesem Gesichtspunkt die Aufgabe 
der Erziehung wohl als eine Anpassung der Jugend an den so- 
zialen Organisraus, in den sie als tatiges Mitglied einst einzutreten 
berufen ist, bezeichnen; und keine theoretische Padagogik wird 
umhin konnen, diese Anpassung in ihrer gegliederten Fiille von 
Beziehungen als einen wichtigan Teil in ihr System aufzunehmen. 
Aber dariiber darf nicht vergessen werden, dass mit dieser An- 
passung noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Wie sie den 
Bezug auf ein bestimmtes gesellschaftliches System voraussetzt, 
hangt sie von der Ausgestaltung desselben entscheidend ab. Die 
Anpassung ist eine andere in einer Gesellschaft mit in.dividua- 
listischem Aufbau, eine andere in einer sozialistischen Gesellschaft. 
Und warum sollte die Erziehung unter alien Umstanden nur eine 
Anpassung erwirken wollen? „Sagen wir", so hat es einmal 
Schleiermacher ausgedriickt, „die Erziehung soil die heran- 
wachsende Jugend so ausbilden, dass sie tiichtig und geeignet ist 
fiir den Staat, wie er eben ist: so wiirde dadurch nichts anderes 
geleistet werden als eben dieses, die Unvollkommenheit wiirde 
verewigt und durchaus keine Verbesserung herbeigefiihrt werden". 
In der Tat ist in alien Epochen, da das Leben eine innere Ver- 
anderung erfuhr und zu neuen Gestaltungen heranreifte, der 
Glaube ein Trost und eine Macht gewesen, dass die Jugend be- 
rufen sei, dem Kommenden den Weg zu offnen, eine neue Zeit 
herbeizufiihren. Alle grossen Umgestaltungen der Weltgeschichte 



46 M. Frischeisen-K5hler, 

sind von tiefgehenden Erschiitterungen des Bildungswesens be- 
gleitet gewesen. Und die Kritik an den bestehenden Einrich- 
tungen, die Wertbeurteilung der gegebenen Lage ist ein so wesent- 
liches Ferment der Erziehung, dass wohl allgemein der Schluss 
berechtigt ist, dass das, was Erziehung als Anpassung leistet, am 
Ende seinen Charakter und seinen Gebalt erst durch die auch 
in ihr wirksamen produktiven Ideen empfangt, die auf mehr als 
auf eine blosse Anpassung abzielen. 

Suchen wir auch diesen iiberschiessenden Faktor der empi- 
rischen Betrachtung zu gewinnen, so miissen wir iiber die allge- 
meine Soziologie, welche Querschnitte und die gleichformigen 
Strukturen der Gesellschaft erforscht, zu den konkreten historischen 
Erscheinungen iibergehen, in denen die positiven Bildungsideale, 
die den Menschen iiber sein jeweiliges Niveau hinaus erheben 
woUen, wirksam geworden sind. Erst die Geschichte ermoglicht 
uns den freien Ausblick auf den ganzen Reichtum der Erziehungs- 
wirklichkeit. Sie bietet uns, wie zunachst hervorgehoben werden 
muss, die Moglichkeit, in einem ganz andern Umfang, als es 
Jugendkunde und experimentelle Padagogik vermogen, die Mannig- 
faltigkeit der moglichen Erziehungsmittel zu iiberschauen. Denn 
es lasst sich leicht zeigen, dass die zur Zeit in einem ausser- 
ordentlichen Aufschwung begriffene wissenschaftliche Jugendkunde 
nicht die einzige mogliche Erfiillung jenes Programmes einer 
„Ethologie" ist, wie es John Stuart Mill aufgestellt hat. Mit 
einer gewissen inneren Notwendigkeit fiihrt die experimentelle 
Padagogik iiber sich selber zu erweiterten Fragestellungen fort. 
In dem Masse namlich, als sie von der allgemeinen Psychologie 
sich lost und sich der Erforschung des jugendlichen Geisteslebens 
selber zuwendet und dabei strebt, dieses nicht nur unter den 
kiinstlichen Bedingungen des Laboratoriums, sondern in seiner 
natiirlichen Umgebung zu studieren, nahert sie sich der konkreten 
Erziehungswirklichkeit, muss sie aber eben darum eine immer 
weiter gehende Beriicksichtigung all der Bedingungen aufnehmen, 
welche diese Erziehungswirklichkeit gestalten. Dazu gehort die 
Gesamtheit der gegebenen physischen Voraussetzungen, die be- 
stimmte soziale Umwelt, die die Entwicklung des Kindes beein- 
flusst, und endlich das besondere Bildungswesen, das mit seinen 
Traditionen, Idealen, Einrichtungen und Personen aus der Be- 
trachtung der jugendlichen Entwicklung, die ohne sie nicht so 
verlauft, wie sie verlauft, nicht ausgeschaltet werden kann. Da- 



Philosophic und Padagogik. 47 

mit aber nimmt die Jugendkunde tatsachlich, wenu auch nicht 
immer ausgesprochen, den Gesichtspunkt einer geschichtlichen 
Betrachtungsweise auf. Jede Untersuchung, die das in der 
Erziehung begriffene und unter den jeweiligen Umstanden 
sich entwickelnde Kind studiert, ist, wenn auch nicht in alien, so 
doch in vielen und wesentlichen Ergebnissen an bestimmte zeit- 
liche und ortliche Schranken gebunden. Es sind bestimmte Kultur- 
gemeinschaften der Gegenwart, bestimmte Menschengruppen auf 
der heute erreichten Stufe ihrer Entwicklung, die den Hintergrund 
und Rahmen der experimentellen Jugendforschung abgeben. Es 
ist nicht leicht auszumachen, in welchem Umfang etwa die Be- 
miihungen, Altersstufen der Jugendlichen zu unterscheiden und 
zu begrenzen, Unterschiede in der Entwicklung und Begabung 
der beiden Geschlechter festzulegen, von den besonderen sozialen, 
kulturellen und ethnologischen Voraussetzungen der Gegenwart 
abhangig sind. Noch haben die Bemiihungen um eine wissen- 
schaftliche Intelligenzpriifung von der Berticksichtigung der Kultur- 
hohe und des Kulturinhaltes der Erwachsenen, deren Gesellschaft 
das zu priifende Kind angehort, sich nicht frei machen konnen; 
sie gelten doch nur relativ zu bestimmten Kulturkreisen und 
werden, wenn man sich von diesen entfernt und etwa zu den ost- 
asiatischen Volkern oder zu den primitiven sich zuwendet, in 
ihrer Anwendung ganz fraglich. Zweifellos eroffnet sich hier ein 
bedeutsames Problem, namlich das Problem der Herauslosung der 
allgemeinen Gesetzlichkeiten, die der Gattung Mensch als solcher 
eigen sind, von den besonderen Variationen, die die geschicht- 
liche Entwicklung fiir die einzelnen Gruppen zu besonderen Zeiten 
mit sich bringt. Auch die allgemeine, vom erwachsenen und nor- 
malen Menschen ausgehende Psychologic, die diesen bisher grund- 
sfitzlich aus dem geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhang 
isolierte und als blosse „Versuchsperson" zur Ermittlung allgemeiuer 
Naturgesetze des psychophysischen Lebens ansah, hat begonnen, 
sich mit ahnlichen Fragen auseinanderzusetzen. Die Jugendkunde 
ist, vor allem, weil sie padagogischen Interessen dienen will, von 
vornherein auf einen engeren Zusammenhang mit der geschicht- 
lichen Wirklichkeit angewiesen und daher auf dem Wege zu einer 
„Entwicklungspsychologie", die nicht sowohl die Entwicklung des 
Einzelmenschen als einen allgemeinen und regelmassig wieder- 
kehrenden Vorgang als vielmehr diese als eine veranderliche Er- 
scheinung im Verlauf der Gesamtentwicklung der Menschheit auf- 



48 M. Frischeisen-Kohler, 

fasst, weiter fortgeschritten. Aber wie die Auseinandersetzung, 
die sich hier vorbereitet, sick gestalten moge, so kann jedenfalls, 
sie erganzend, die geschichtliche Besinnung ihrerseits den Versuch 
unternehmen, auf dem Wege der historischen Induktion eine tJber- 
sicht iiber die bisher verwandten Erziehungsmittel und deren Er- 
folge zu gewinnen. Wird eine solche, auf der Grundlage der 
Geschichte sich aufbauende „Ethologie" freilich vorlaufig darauf 
verzichten mtissen, den Zusammenhang von Mittel und Wirkung 
als strengen Kausalzusanimenhang zu erweisen, so gewinnt sie 
gegeniiber der Jugendkunde eine Erweiterung des Horizontes, die 
gerade fiir die Padagogik bedeutsam ist. Es ist eine Starke der 
experimentellen Padagogik, dass sie in eine Priifung der Erziehungs- 
mittel nach ihrem Effekt unmittelbar selbst eintritt und damit 
den alten, aus dem 18. Jahrhundert stammenden, auch von 
Herbart aafgegriffenen Gedanken des padagogischen Experi- 
mentes und der „Experimentierschule" mit dem Riistzeug mo- 
derner verfeinerter Psychologic methodisch wieder aufnimmt. Aber 
bereits Herbart hat betont, dass man nicht eher von Erfahrung 
reden diirfe, bis der Versuch beendigt ist, bis man vor alien 
Dingen die Riickstande genau priift, genau erwogen hat. „Der 
Riickstand der padagogischen Experimente sind die Fehler des 
Zoglings im Mannesalter. Der Zeitraum fiir ein einziges dieser 
Experimente ist also aufs wenigste ein halbes Menschenleben." 
Wer wollte in der Tat verkennen, dass der experimentellen Er- 
probung von Unterrichts- oder Erziehungsmitteln im naturwissen- 
schaftlichen Sinn des Wortes bestimmte Grenzen gezogen sind? 
Schliesslich sind ihr nur Massnahmen zuganglich, die relativ iso- 
lierbar zur Einwirkung und zur Abschatzung gelangen konnen 
und deren endgiiltiger Effekt noch wahrend der kontroUierbaren 
Entwicklung sich erschopft und mit Sicherheit festgestellt werden 
kann. Der Umkreis dieser Massnahmen ist gewiss nicht gering, 
aber er iiberschreitet doch nicht erheblich die Pflege der elemen- 
taren physischen und psychischen Funktionen. Jedenfalls werden 
die grossen, das Erziehungssystem einer Zeit bewegenden Fragen 
von ihnen nicht umfasst. Wie ware etwa der Wert der huma- 
nistischen Bildung fiir welche Erziehungsziele auch immer auf 
dem Wege der experimentellen Padagogik zu bestimmen? Hier 
diirfte die historische Erfahrung berufen sein, die uotwendige Er- 
ganzung der Jugendkunde zu geben. Denn im erweiterten Wort- 
sinn liefert auch die Geschichte Experimente. Noch ist das reich- 



Philosophic und Padagogik. 49 

haltige Material, das die Geschichte des Erziehungswesens uns 
hierfiir zur Verfiigung stellt, nicht ausgeschopft. Aber es ist 
nicht abzusehen, wanim nicht eine „historische Bildungslehre", 
die freilich erst in Ansatzen hervorgetreten ist, der Jugendkunde 
und experimentellen Padagogik (die auch noch nicht iiber Ansatze 
hinausgekommen ist) zur Seite treten konnte. Denn zugleich 
wiirde sie, anders als die Jugendkunde, die Erziehungsmittel im 
Zusammenhang mit den grossen Bildungsidealen und in ihrer Ab- 
hangigkeit von diesen wiirdigen konnen. Auch die Mannigfaltig- 
keit der Erziehungsziele fiihrt sie uns vor Augen. Und indem 
sie dies tut, bildet sie auch eine Erganzung zu der abstrakten 
Soziologie. Ganz ahnlich wie die Jugendkunde, die auf allge- 
raeine Gesetze ausgeht, aber dann doch historische Gesichtspunkte 
mit aufnehmen muss, nahert sich die allgemeine Gesellschaftslehre, 
wenn sie den besonderen gesellschaftlichen Einrichtungen der 
V61ker zu Zwecken der Erziehung und Bildung nahe kommen 
* will, der geschichtlichen Betrachtung. In diesem Sinne hatte be- 
reits Lorenz von Stein seine allgemeine Lehre vom Bildungs- 
wesen durch eine Geschichte seiner Entwicklung erganzt. Und 
was bei ihm noch unvollkommen und konstruktiv sich gibt, haben 
dann Paul Barth^) und Eduard Spranger^) in verschiedener 
Richtung weitergefiihrt. Und gerade die historische Zergliede- 
rung erweist, noch zwingender vielleicht als die soziologische 
Analyse, die Art von .Selbstandigkeit, welche die erziehliche 
Tatigkeit mit all ihren Organen und Einrichtungen, die sie sich 
schafft, im Leben der Gesellschaft allraahlich gewinnt. Auch in 
der Erziehung tritt uns eine der grossen Objektivationen der 
Geschichte entgegen, wie sie etwa die Wirtschaft oder die Kirche, 
jeder in ihrer eigenen Art, darstellen. Fiir ihr Verstandnis sind 
die Abhangigkeiten von der sozialen Struktur der Gesellschaft allein 
nicht hinreichend, wenn nicht, wie bei alien teleologischen Wirkungs- 
zusammenhangen, die Beziehung auf eigene, in der geschichtlichen 
Arbeit erstrebte Ideale hinzugenommen wird. 

Aber die Geschichte handelt zunachst nur vom Einmaligen. 
Die ernpirische Forschung, die zwar den ganzen Reichtum der 
Bildungsmittel und Bildungsideale iiberblickt, steht vor der Frage, 



1) Paul Barth, Geschichte der Erziehung in soziologischer und in 
geistesgeschichtlicher Beleuchtung, 2. Aufl. Leipzig 1916. 

2) Eduard Spranger. Der Zusammenhang von Politik und Pada- 
gogik in der Neuzeit. In der Monatsschrift Die Deutsche Schule 1914/15. 

KKBtituditn XXII. 4 



50 M. Frischeisen-KShler, 

wie sie das von ihr gesammelte, singulare Material, das stets 
wiederum in jeweilig singulare Bedingungen verflochten scheint, 
im Interesse einer systematischen Theorie verwerten kann. Es 
ist die Frage nach dem Verhaltnis von Geschichte und System, 
die hier, wie in alien Geisteswissenschaften, auftritt. Noch ist 
hierauf in den einzelnen Disziplinen keine einmiitige und be- 
friedigende Antwort gegeben worden. Aber wenn es eine Zeit- 
lang scheinen konnte, als ob die Geisteswissenschaften ihrer 
Natur nach stets historisch verfahren und durch die Historic ge- 
bunden bleiben miissten, so ist die Gegenwart, wie sie einen ein- 
engenden Psychologismus iiberwunden hat, allenthalben im Begriff, 
einen einengenden Historismus zu iiberwinden. Der nachste Schritt 
dazu liegt in dem Fortgang zu Generalisation en auch im 
historischen Erkennen, das trotz allem erkenntnistheoretischen 
Einspruch sich nicht auf blosse „ Individualbegrif fe " und 
Darstellung von Einmaligkeiten beschranken will, wenn es auch 
auf das Idol „geschichtlicher Gesetze" Verzicht leistet. Als Er- 
gebnis dieser Tendenz auf Generalisation erheben sich bereits die 
Anfange einer Theorie von Typen, die als das „konkret Allge- 
meine" aus dem Fluss des geschichtlichen Lebens sich herausheben 
lassen. Eine auf der Grundlage historischer Vergleichung ent- 
wickelte Typenlehre der Bildungsideale und der Bildungsformen, wie 
sie in verschiedener Weise etwa Willmann,^) Vowinkel,') Rudolf 
Lehmann*) vorschwebt, beginnt, aus der erzahlenden Geschichte 
sich zu sondern. Aber so hoch auch der Ertrag dieser Be- 
miihungen einzuschatzen ist, so ist doch klar, dass auch sie nur 
in den Vorhof der theoretischen Padagogik, nicht in ihr eigent- 
liches System einfiihren. Denn der Wille zum System, auf dem 
die theoretische Padagogik beruht, ist Wille zu einer Konstruktion, 
die nicht vor den geschichtlichen Typen kapituliert, sondern tiber 
diese hinausgreift. Es hilft auch nichts, wenn man, wie Rein*) 
vorgeschlagen hat, das sittliche Ideal von dem Bildungsideal 



1) O, Willmann, Didaktik als Bildungslehre. 4. Aufl. Braun- 
schweig 1909. 

^ E. Vowinkel, Padagogische Deutungen. Berlin 1908. Beitrilge 
zur Philosophie und Padagogik. Berlin 1912. 

•) Rudolf Lehmann, Die Prinzipien der Erziehungsgeschichte in 
Geisteswissenschaften I, 1913/4, S. 89 ff. 

*) W. Rein, Padagogik in systematischer Darstellung. 2. Aufl. 
2 Bde. Langensalza 1911. 



Philosophic und Padagogik. 51 

scheidet und von jenem allgemeine Geltung behauptet, diesem da- 
gegen Wandelbarkeit zuspricht. Denn ob das erste zutrifft, 
ist zum mindesten fraglich und fiir das Bildungsideal, dessen 
Trennung von dera sittlichen Ideal iiberdies angefochten 
werden kann, bleibt die „ Wandelbarkeit" und damit das Grund- 
problem, das die Geschichte dem systematischen Denken stellt, 
bestehen. So wenig aber wie die systematische Philosophie sich 
in der Feststellung der Typen der grossen Weltanschauungen 
etwa erschopft, so wenig wird die Padagogik bei der Darlegung 
und Zergliederung der verschiedenen geschichtlich gewordenen 
Formen der Erziehung stehen bleiben konnen. Die methodisch 
zu einer Typenlehre ausgestaltete Geschichte nimmt in der Tat in 
einem Umfang wie keine andere empirische Disziplin die Ideale, die 
der Erziehung Sinn und Richtung geben, mit in den Kreis ihrer 
Betrachtung auf. Aber die Mehrheit von letzten grundsatzlichen 
Stellungnahmen zu den entscheidenden Fragen, zu der sie gelangt, 
lasst die Notwendigkeit, auf einem andern denn empirischen Wege 
systematische Einheit und Geschlossenheit zu gewinnen, deutlich 
werden. 

2. 

Dass die padagogischen Theorien, die geschichtlich hervor- 
getreten sind, in einem Masse, dessen sie sich vielleicht nicht 
immer bewusst waren, von Anschauungen abhangig sind, die als 
sittliche und religios-metaphysische Ideen ihre Wurzeln in der 
Philosophie und den Weltanschauungen haben, zeigt jede tiefer- 
gehende Zergliederung. Und das gilt auch fiir die rein natura- 
listischen Erziehungslehren, welche die Erziehung lediglich als eine 
rationelle Technik begreifen mochten, die die Erreichung der von 
der Natur selber dem einzelnen und der Menschheit im ganzen 
gesetzten Zwecke auf Grund einer Einsicht in die kausalen und 
Entwicklungsgesetze des Geschehens moglichst erleichtern soil. 
Denn die Ablehnung eines massgebenden und grundlegenden Ein- 
flusses besonderer philosophischer Ideen auf die Erziehung steht 
im engsten Zusammenhang mit der Ausbildung der positivistischen 
Weltansicht, deren Kennzeichen die restlose Ein- und Unterordnung 
des Menschen unter den Begriff der Natur und die Ubertragung der 
aus dem naturwissenschaftlichen Denken entnommenen Gesichts- 
punkte und Methoden auf die geistige Welt ist. In diesem 
Sinne stellen die naturalistischen Theorien nur eine Sonder- 

4* 



52 M. Frischeisen-KOhler, 

erscheinung in der Entwicklung des padagogischen Denkens dar, 
das wenigstens iiberall dort, wo es zu dem Entwurf selbstandiger 
Systeme fortschreitet, aus positiven philosophischen Uberzeugungen 
zwar nicht seine einzige Kraft, aber doch einen wesentlichen Teil 
seines Gehaltes gewinnt. Wie ,ware die platonische oder die 
aristotelische Erziehungslehre aus der Weltansicht ihrer Urheber 
herauszulosen, wenn sie nicht ihr bestes einbiissen soil? Aber 
ein anderes ist die tatsachliche, von der Geschichte immer wieder 
bestatigte Abhangigkeit der Padagogik von der Philosophie, ein 
anderes die bewusst gesuchte, wissenschaftlich durchgefiihrte Be- 
griindung padagogischer durch philosophische Satze. Wie stark 
hat etwa die Weltansicht von Leibniz mit ihrer Lehre der Un- 
moglichkeit einer Wechselwirkung der Monaden und der prastabi- 
lierten Harmonie, nach der die Entwicklung eines jeden Wesens 
gesetzlich ein fiir alle mal festgelegt ist, im Sinn einer Behauptung 
der Ohnmacht aller Erziehung gewirkt; wie stark hat dagegen 
die aufklarerische Geschichtsphilosophie, die den Aufstieg des 
Menschen zu einem Vernunftwesen und die Herrschaft der Ver- 
nunft iiber die Natur kiindete, die dawiderstreitende Ansicht von 
der Allmacht der Erziehung gefordert! Aber eine philosophisch 
begrundete Theorie der Padagogik entsteht erst, wenn ihre leiten- 
den Grundsatze an bestimmte philosophische Pramissen erkennt- 
lich gekntipft und sie zu diesen in ein bestimmtes Verhaltnis ge- 
setzt werden. Diese Aufgabe wurde aber erst in ihrer Tiefe und 
Bedeutung seit der Zeit erfasst, da die an Kant ankniipfende 
deutsche idealistische Philosophie die Voraussetzungen und Me- 
thoden zu einer philosophischen Konstruktion des geistigen Kosmos 
bot. Kant selbst hat in seinen padagogischen Vorlesungen, die 
durchaus im Rahmen der Aufklarungspadagogik verblieben, ebenso 
wie auf andern Gebieten noch nicht die Konsequenzen des von 
ihm erarbeiteten transzendentalen Standpunktes gezogen. Aber 
schon seine Zeitgenossen unternahmen alsbald, die Erziehungslehre 
mit dem Kritizismus in Beziehung zu setzen. In wie weit 
Pestalozzis Reform werk durch die transzendentale Philosophie 
bestimmt oder doch wenigstens nach seinen leitenden Ideen dem 
Reform werk Kants gleich gerichtet ist, ist strittig. Jedenfalls 
haben die unmittelbaren Nachfolger Kants, die den Kritizismus 
zum spekulativen Idealismus entwickelten, die Anwendung auf die 
Padagogik unternommen. Verschiedene Fiihrer dieser Bewegung, 
wie Schiller und Fichte, Schleiermacher und Herbart, 



Philosophie und Padagogik. 53 

haben selber die Entwicklung einer philosophischen Pada- 
gogik begonnen. Aus den Schulen der andern, aus Schellings 
Schule, aus der Hegel schen Schule, aus Krauses Schule sind 
selbstandige Erziehungslehren hervorgetreten, die nach Inhalt und 
Methode von der idealistischen Grundiiberzeugung der einzelnen 
Richtungen getragen sind. Freilich hat der Zusammenbruch der 
idealistischen Spekulation dann auch den auf eine philosophische 
Begriindung der Padagogik gerichteten Bemiihungen die Voraus- 
setzungen entzogen. Man kann nicht sagen, das Herbarts Lehre, 
die allein den Zusammenbruch iiberdauerte, gerade was ihre 
Grundlegung betrifft, von seiner Schule, die sich mehr auf tech- 
nische Ausgestaltung und Modifikation im einzelnen beschrankte, 
gefordert worden ist. Erst die Wiedergeburt des philosophischen 
Denkens, die in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts ein- 
gesetzt hat, hat, wie iiberall, so auch fiir die Padagogik genau 
auf diejenigen Probleme wieder gefiihrt, welche die spekulative 
Philosophie am Beginn des Jahrhunderts beschaftigte. Bisher hat 
allerdings nur der Neukantianismus in Natorps Sozialpadagogik 
es zu einem wirklich bis in alle Konsequenzen hinein durchdachten 
und durchgefiihrten padagogischen System bringen konnen. Aber 
es ist unverkennbar, dass die idealistischen Richtungen, die gegen- 
wartig, wenn auch nicht immer ausserlich, so doch innerlich den 
Anschluss an die spekulativen Schulen suchen, Ansatze zu Neu- 
konstruktionen oder doch jedenfalls zu Hoffnungen auf solche 
bieteu. 

Es ist selbstverstandlich, dass die padagogischen Theorien, 
die ihre Grundlegung in der Philosophie finden wollen, nach Me- 
thode und Inhalt von den philosophischen Systemen abhangig sind, 
auf die sie sich stiitzen. Ihre Verschiedenheit ist daher ebenso 
gross wie die der letzteren und die Differenzen der kritischen 
und der dialektischen Methoden, des Idealismus der Freiheit und 
des objektiven Idealismus treten in beiden, den philosophischen 
wie den padogogischen Konstruktionen hervor. Aber man d^rf 
vielleicht doch wohl behaupten, dass alien diesen Entwiirfen einer 
philosophisch begrundeten Erziehungswissenschaft ein Gemeinsames 
eigen sei, das sie gerade von dem padagogischen Empirismus 
scheidet. Und dieses Trennende liegt, wie es in der wechselnden 
Formelsprache auch ausgedriickt werden moge, in der Entschieden- 
heit, mit der das Erziehungsideal als unabhangig von aller Er- 
fahrung und als massgebend fur die erzieherische Tatigkeit und 



54 M. Frischeisen-K6hler, ,' 

4eren Organisation behauptet wird. Und zwar handelt es sich 
um ein Ideal, das nicht beliebig "aufgestellt oder hingenommen 
und anerkannt, sondern das als notwendige, aus der philosophischen 
Bestimmung des Menschen, aus der Erkenntnis seiner wahren 
Aufgaben, seiner wahren Natur und der Idee, die als Idee der 
Ideen dem Leben erst Sinn und Richtung verleiht, fliessende 
Folgerung demonstriert werden kann. Es ist ein Uberempirisches, 
ein Ubersinnliches, ein Ewiges, ein Ideelles, durch das allein der 
Mensch sich iiber die bloss naturhafte, niemals sein Streben er- 
schopfende und befriedigende Form der Existenz hinauszuheben 
yermag. Es gibt ein Geistesleben, das als ein Leben in Freiheit 
und in Sittlichkeit und nach Gesetzen sich aufbaut, die von 
anderer Provenienz und Dignitat als alle blossen Seinsgesetze 
sind. Erziehung kann daher niemals nur als Pflege und Ent- 
wicklung der natiirlichen Anlagen und Funktionen des gegebenen 
psychophysischen Individuums und seiner Organisation begriffeu 
werden. Ihre leitenden Grundsatze, das ist die gleichmassig 
wiederkehrende Uberzeugung, muss sie den Prinzipien entnehmen, 
die den Aufbau des Geisteslebens bestimmen, das iiber die Natur 
sich erhebt und welches so wenig als Produkt derselben verstanden 
werden kann, dass vielmehr erst von seinem Standpunkt aus sich 
klart und begriindet, was uns Natur bedeuten kann. Es ist hier 
gleichgiiltig, wie das Reich der Freiheit oder der Vernunft oder des 
selbstandigen Geisteslebens im einzelnen bestimmt und entwickelt 
wird. Entscheidend ist nur, dass ein solches Reich anerkannt 
und die Einbildung dieses in den natiirlichen Menschen oder die 
Bildung dieses zu ihm hinauf als das eigentliche Geschaft der 
Erziehung behauptet wird. 

Fiir die Struktur der padagogischen Theorien von diesem 
Standpunkt der Betrachtung aus ist das Verhaltnis, in welchem 
sie zur Natur gesetzt werden, von wesentlicher Bedeutung. Natur 
war die Quelle, aus der die empirische Padagogik ihre Wahrheiten 
gewinnen woUte. Wie verhalt sich die philosophische Padagogik 
zu der Erfahrungswirklichkeit, die sie gestalten will ? Der Anteil, 
den das Erfahrungswissen auch bei einer philosophischen Er- 
ziehungslehre beanspruchen kann, und die Art, wie es mit den 
philosophischen Folgerungen zu verbinden ist, ist von vornherein 
nicht festgelegt und lasst verschiedene Weisen der Ausfiihrung 
und Prazisierung zu. Dass die philosophische Padagogik nicht in 
jeder Hinsicht unabhangig von der Erfahrung fortschreiten kann, 



Philosophic und Pftdagogik. 55 

dass sie irgendwo und irgendwie die Ankniipfung an die Natur- 
gesetzlichkeit, an die Psychologic, an die geschichtlich gegebeneu 
Stufen der Entwicklung und ihre Gestaltungen gewinnen muss, 
wird vielfach, wenn auch keineswegs formlich, zugegeben. So wie 
die empirische Padagogik ihrerseits, Jedenfalls doch in der Kegel, 
der Ansicht ist, dass die Erfahrung nicht die alleinige und Mn- 
reichende Grundlage fiir die padagogische Systembildung darstellt, 
fiir welche vielmehr als ein zwar nicht mehr wissenschaftliches, 
aber doch tatsachlich eingreifendes Verfahren eine gewisse Ideal- 
bildung als erforderlich anerkanut wird, so sichern auch die Pa- 
dagogen, die von der Philosophie ausgehen, zumeist dem empi- 
rischen Denken einen gewissen Spiekaum zu, beriicksichtigen sie, 
zwar nicht alle aber doch in der Mehrzahl und wenn auch erst nach- 
traglich und vielleicht sogar wider Willen oder akzessorisch, die 
Eigengesetzlichkeit des natUrlichen Menschen und die besonderen 
Bedingungen seines jeweiligen geschichtlichen Zustandes. Aber 
das ist nun die Frage, wie das Verhaltnis von philosophischer 
Grundlegung zur Empirie im einzelnen verstanden und aufgefasst 
wird. tJberblickt man die Theorien der philosophischen Padagogik, 
so kann man wohl in ahnlicher Weise, wie es fiir die empirischen 
Theorien geschehen ist, eine Reihe aufstellen, an deren Spitze 
hier diejenigen Systeme stehen mogen, die den Einfluss der Er- 
fahrung auf ein Minimum reduzieren, wahrend die weiteren in 
dem Masse, als sie in der Reihe fortschreiten, die empirische 
Wirklichkeit zu Wort kommen lassen. 

Ein Typus jener ersten Gruppe von Systemen ist Fichtes 
Erziehungslehre.^) Sie ist ganz und gar von der philosophischen 
Spekulation beherrscht und baut sich auf den Grundsatzen des- 
transzendentalen Idealismus auf. Schroff setzt Fichte den Be- 
griff seiner, der neuen Erziehung, der iiberlieferten und an die 
zufalligen Seinsgestaltungen und die empirischen Bediirfnisse ge- 
bundenen Erziehung gegeniiber, Seine Idee der Bildung ist nicht 
an der als schon gegebenen und vorhanden vorausgesetzten Welt 
orientiert, sondern bezogen auf eine Welt, die da werden soil, 
eine apriorische, eine solche, die da zukiinftig ist und ewig fort 
zukUnftig bleibt. Diese iibersinnliche Welt ist unser Geburtsort 
und unser einzig fester Standpunkt; die sinnliche ist nur ein 
Widerschein der ersteren und nur durch Hinwendung zu jener 



') Zweite und dritte Rede der Reden an die deutsche Nation. 



66 M. Frischeiseii-KOhler, 

erhalt sie Bestand und Wert. Die neue Erziehuog wird den Zog- 
ling von Beginn an in eine ganz neue Ordnung der Dinge be- 
sonnen und uach einer Kegel einfiihren woUen, in welche bisher 
nur wenige von Gott begiinstigte von ohngefahr kamen. Aber 
wie jene iibersinnliche Welt nur in ewiger geistiger Tatigkeit und 
Schopfung nach unverriickbaren Gesetzen besteht, wird die neue 
Erziehuug auf Auregung regelmassig fortschreitender Geistestatig- 
keit als ihre eigentliche Aufgabe gehen. Bis in die Wurzel seines 
Lebens hinein soil der wirkliche lebendige Meusch, keineswegs 
aber bloss der Schatten und Schemen eiues Meuschen, und alle 
notwendigen Bestandteile des Menschen ohne Ausnahine und 
gleichmassig ausgebildet werden; nur so gestaltet sich die iiber- 
sinnliche und apriorische Welt, nur so erweist sich die neue Er- 
ziehung als wahrhaft schopferisch. 

Es ist bekannt, dass Fichte nicht mehr dazu gekommen ist, 
den Entwurf seiner Theorie, die er in ihren Grundlinien klar vor 
Augen sah und wenigstens umrissweise auch andeutete, in einem 
durchgefiihrten System zu entwickeln. Aber deren Prinzip ist 
weiterhin lebendig gewesen; vor aliem hat es in Natorps Sozial- 
padagogik eine Wiederaufnahme und Neugestaltung erfahren. Zwar 
will Natorp^) seine Lehre an den Nameu Kants ankniipfen und 
als Teil des Systems betrachtet wissen, das die Marburger Schule 
als kantischen Kritizismus entwickelt hat. Die historische Ver- 
gleichung kann aber nicht umhin, die bemerkenswerte Ahnlichkeit 
zu erkennen, die wenigstens in der philosophischen Grundlegung 
der Padagogik zwischen Natorp und Fichte besteht. Auch 
Natorp geht von dem Satz aus, dass der Geist des Meuschen 
sich bildet, indem die Welten geistigen Inhalts sich in ihm bilden, 
dass die Gestaltung dieser Welten aber durchweg eigenen inneren 
Gesetzen folgt. Diese Gesetze sind keine Erfahrungsgesetze und 
konuen auch keine Erfahrungsgesetze sein, da, wie der methodische 
Idealismus zeigt, sie vielmehr erst die Erfahrung und jede Ab- 
leitung aus ihr konstituieren. Es sind reine, ideale und objektive 
Gesetze, die letzthin in der Einheit des Selbstbewusstseins zu be- 
gr linden sind. Ist es diese zentrale Einheit der Erkenntnis, welche 
die Philosophie zur Aufgabe hat, so legen die einzelnen „reinen 



•) P. Natorp, Philosophie ^und Padagogik, Marburg 1909, Allgemeine 
Padagogik in Leitsatzen 2. Aufl. Marburg 1913. Sozialpadagogik, Theorie 
der Willenserziehuug auf Grundlage der Gemeinschaf t. 3. Aufl. Stuttgart 1909. 



Philosophie und Pftdagogik. 57 

Gesetzeswissenschaften" die reinen, in der Einheit des Selbst- 
bewusstseins gegriiDdeten Gesetze fUr die einzelneu Gebiete des 
Geistes, fiir Wissenschaft, Kunst und Sittlichkeit dar. Und indem 
sie dies tun, beschreiben sie den Weg der „inneren Weltbildung", 
d. h. der Bildung der geistigen Welten im Menschen iiberhaupt 
im voraus und ira allgemeinen. Die wahrhafte Menschenbildung 
hat sich daher auf die reinen Gesetzeswissenschaften, und da diese 
zusammen das Ganze der Philosophie ausmachen, auf die Philo- 
sophie als ein Ganzes zu stiitzen. Padagogik ist angewandte 
Philosophie. Alles Allgemeingiiltige in ihr beruht auf dem objektiv 
Systematisch-Gesetzlichen. Und da dieses in der objektiv giiltigen 
Inhaltlichkeit des Bewusstseins erkenntlich und erfassbar ist, ist 
es die Inhaltsbetrachtung, die Systematik des Bildungsinhaltes, die 
den grundlegenden Teil der Padagogik ausmaeht. Die geistigen 
Objekte bestehen nicht als fertige und konnen nicht als solche 
einfach hingenommen werden, sondern sie stellen immer nur vor- 
Ubergehende Momente in dem immer fortschreitenden Prozess der 
Objektivierung dar. Die Gesetze der Bildung in diesem objektiven 
Sinn, die Gestaltungen der Objektwelt, zunachst ohne Riicksicht auf 
die Besonderheit der Subjekte, denen sie sich gestalten, sind die 
Fundamente der Padagogik. Und da schliesslich im Bewusstsein, 
also der Erkenntnis, alles Menschliche wurzelt und aller Fortschritt 
menschlicher Entwicklung zuletzt Bewusstseinsfortschritt ist, fiihren 
sie sich auf ein und nur ein Grundgesetz der Erkenntnis zuriick, 
das die Erkenntnis kritisch zu formulieren hat und das auf alle 
Seiten und Richtungen der menschlichen Bildung sich erstreckt 
und ebenso die Methodik des Unterrichts wie die Organisation 
der bildenden Tatigkeit bestimmt. Die Methode der Padagogik ist 
sachlich vollig eins mit der Methode der Erkenntnis und das 
philosophisch erkannte Grundgesetz dieser umspannt das Ganze des 
Erziehungswerkes nach jeder Richtung und bis in die feinsten 
Gliederungen ; aus ihm lassen sich fast samtliche Grundbegriffe der 
Padagogik in zwingender Deduktion herleiten. 

Eine Padagogik auf solchem Grunde erscheint gerade wegen 
des Radikalismus ihres Prinzipes und ihrer Konsequenzen als ein 
Gefiige von bewundernswerter Strenge und Geschlossenheit. Natiir- 
lich, wenn das philosophisch e Fundament, auf dem sie sich erhebt, 
angegriffen und abgelehnt wird, stiirzt das ganze Gebaude zu- 
sammen. In dem spekulativen Idealismus der Wissenschaftslehre, 
die Fichte die Voraussetzung fiir seine padagogischen Konstruk- 



58 M. Frischeisen-KGhier, 

tion bot, wird man schwerlich heute noch eine tragfahige Grund- 
lage erblicken konnen. Anders verhalt es sich mit dem methodischen 
Idealismus von Natorp. Aber wenn auch dieser Idealismus, der 
jedenfalls den riicksichtslosen Rationalismus mit Fichte teilt, 
starken Einwanden ausgesetzt ist, so ist die Entscheidung iiber 
ihre Triftigkeit schliesslich eine interne Angelegenheit der Philo- 
sophie. Fiir die Klarung der methodischen Probleme, die die 
wissenschaftliche Padagogik darbietet, kommt die philosophische 
Berechtigung des Marburger Kritizismus als solcher weniger in 
Frage. Entscheideud fiir sie ist, ob auf dem vorgeschlagenen Wege 
des philosophisch-systematischen Aufbaus der Bildungsinhalte nach 
allgemeingiiltigen Gesetzen die spezifische Erziehungsaufgabe ge- 
15st, ja, ob sie iiberhaupt erreicht werde. Denn so wenig wie etwa 
die Jugendkunde als eine blosse Tatsachen- und Gesetzeswissen- 
schaft fiir sich bereits Padagogik ist, so wenig scheint eine Syste- 
matik des Bildungsinhaltes in der Form einer „erweiterten Logik" 
zunachst und fiir sich schon Padagogik zu sein. Welches Gewicht 
auch auf den Bildungsinhalt gelegt werden mag: Erziehung 
hat es doch immer mit lebenden Menschen zu tun, mit Kindern 
und jugendlichen Geistern, die jenen Inhalt sich aneignen, die 
ideale Welt des Geistes in sich aufbaueu sollen. Ohne jede 
Riicksicht auf den Zogling und sein natiirliches W^achstum erhalten 
wir aus den Gesetzen, welche die Bildung der Inhalte bestimmen, 
noch keine Gesetze iiber die Bildung, die die zum vertieften Inhalts- 
bewusstsein fortschreitende Subjektivitat des Zoglings bestimmen. 
Daher entsteht folgendes Dilemma. Entweder nimmt die Kon- 
struktion aus der natiirlichen Welt der Dinge, zu der sie anscheinend 
alle Beziehungen abgebrochen hat, doch bestimmte Hilfssatze ver- 
steckt Oder offen auf, oder sie ignoriert den natiirlichen Menschen 
mit seiner gegebeneu Organisation vollstandig und dann erreicht 
sie auch das padagogische Problemgebiet nicht, indem sie den 
padagogischen Fragen philosophische B>agen substituiert. 

Das erste ist ersichtlich bei Fichte der Fall. Es zeigt sich 
namlich sogleich, dass die Hineinbildung der idealen Welt in die 
sinnliche Welt, mit der es ausschliesslich die Erziehung zu tun 
hat, nicht ohne einen gewissen Anhalt an ihr fortschreiten kann. 
Sie kann sogar nicht einmal beginnen, ohne dass sie be- 
stimmte Voraussetzungen iiber die Organisation des Zoglings auf- 
nimmt. Denn wie mochte, so lautet sofort die Frage, die sich 
einstellt, in dem Zogling, der zunachst ein naturhaftes und an die 



Philosophie und P^ldagogik. 59 

sinnlichen Begierden gebundenes GeschSpf ist, die Wendung zu 
jener Idealwelt, die er in seinem Geist erbauen soil, hervorgerufen 
werden? Diese Wendung kann nicht Ergebnis der bloss natUrlichen 
Entwicklung sein, da sonst am Ende die neue Erziehung, die der 
blossen Entwicklung der nattirlichen Anlagen so scharf gegeniiber- 
tritt, sich nur als Fortsetzung einer gegebenen Tendenz kon- 
struieren liesse; andrerseits aber muss sie doch irgendwie vorbe- 
reitet sein und zum mindesten psychologisch verstandlich gemacht 
werden konnen. Die eigene geistige Tatigkeit des Zoglings in 
irgend einem uns bekannten Punkt erst anzuregen, ist, wie Fichte 
auch zugesteht, das erste Hauptstiick der Kunst der Erziehung. 
Ist dieses erst gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die 
angeregte von diesem Punkte aus immer in friscbem Leben zu 
erhalten. Zu diesem Zwecke greift Fichte auf ein ewiges und 
ohne alle Ausnahme waltendes Grundgesetz der geistigen Natur 
des Menschen zuriick, dass der Mensch namlich geistige Tatigkeit 
unmittelbar anstrebe. In dem natiirlichen Menschen selber liege 
diese Neigung vorbereitet. So lange die unmittelbare Not und 
das gegenwartige sinnliche Bediirfnis ihn treibt, ist der Mensch 
von Natur allerdings bloss sinnlich und selbstsiichtig; aber 
sobald dieser Druck gehoben wird, tritt, wie „Geschichte" und 
„Beobachtung" lehren, die Neigung zur frei bildenden idealen 
Tatigkeit hervor. Ein „letztes Wohlgefallen", eine „Liebe ftir das 
Gute schlechtweg als solches" wird der Antrieb seines WoUens 
und seiner Lebensregung. Und das „letzte Wohlgefallen" wird 
dadurch angeziindet, dass die Selbsttatigkeit des Zoglings ange- 
reizt und an dem gegebenen Gegenstand ihm offenbar werde. So 
verkntipft diese im Menschen schlummernde, durch den sinnlichen 
Druck niedergehaltene Liebe die Ideale mit der natiirlichen Welt. 
Sie fliesst von dem Gefallen an der eigenen Kraftausserung auf den 
durch die Kraft erzeugten Gegenstand selber iiber und eroffnet 
damit der neuen Erziehung den Weg. Diese Theorie der Liebe, 
die den Durchbruch aus dem Reich der Sinnlichkeit ermoglichen 
soil, ist ihrem Kern nach anthropologisch-psychologischen Charak- 
ters. Sie stiitzt sich auf Erfahrung und Beobachtung und ist so 
wenig ein Ergebnis der transzendentalen Konstruktion, dass sie 
vielraehr als empirische Pramisse eine Bedingung fiir deren mog- 
liche Verwirklichung darstellt. 

Anders liegt der Fall bei Natorp. Zwar hat es zunachst 
den Anschein, als ob die Heranziehung psychologischer Erfahrungen, 



60 M. Friacheisen-KShler, 

die bei Fichte nur nebenbei und nicht aus der Konsequenz des 
Systems heraus erfolgt, von Natorp ausdriicklich fiir die Padago- 
gik zugestanden, ja fiir ihre Gnindlegung gefordert wird. Mit 
Eutschiedenheit hebt er den Anteil der Psychologie an der 
Begriindung der Padagogik hervor. Der normale Gang der Bil- 
duug ist allerdings auf rein objektivem Wege zu bestiminen. Aber 
da wir gegebene eigengeartete Individuen unter ganz individuellen 
Bedingungen zu erziehen haben, muss es Gesichtspunkte fiir die 
Anwendung der allgemeinen Gesetze der menschlichen Bildung auf 
gegebene Individuen geben, die dereu Spezifikation durch die An- 
wendung regeln. Daftir ist nun die Psychologie von besonderer 
Wichtigkeit. Aber man wird den Wert dieser Einfiihrung der 
Psychologie erst richtig wiirdigen konnen, wenn man den hier 
vorausgesetzten Begriff der Psychologie in dem besonderen Sinn des 
methodischen Idealisraus versteht. Denn es ist nicht die Psychologie 
als Tatsachen- oder Gesetzeswissenschaft, die hier angezogen wird. 
Psychologie als Tatsachen- oder Gesetzeswissenschaft ist, wenn sie 
sich selbst versteht, rein und voll Naturwissenschaft, in letzter 
Hiusicht Sinnes- und gehirnphysiologische Untersuchung. Eine 
solche Psychologie kommt nattirlich fiir die Padagogik selber nicht 
in Betracht. Die eigenste Aufgabe einer Psychologie, die nicht 
Naturwissenschaft sein will, liegt nach Natorp in der „Rekon- 
struktion des Unmittelbaren des Bewusstseins", die von den voll- 
zogenen Objektivationen auszugehen hat. Die rekonstruktive 
Psychologie macht die von dem auf die Sache gerichteten Bewiisst- 
sein vollzogene Objektivierung in Gedanken wieder ungeschehen, 
indem sie das durch Abstraktion Geschiedene in die urspriinglichen 
Verbindungen wieder hineinstellt und damit das Vergegenstand- 
lichte auf die Stufe des subjektiven Gegebenseins wieder zurlickleitet. 
Diese „ rekonstruktive Psychologie", die allein fiir den Erzieher 
in Betracht kommt, ist keine Erfahrungswissenschaft; entscheidend 
fiir sie ist der feste und unaufhebbare Bezug auf die Objektge- 
staituugen des Bewusstseins, die logisch primar aller psychologischen 
Rekonstruktion auf bestimmte Stufen ihres subjektiven Gegeben- 
seins Oder auf bestimmte Einschrankungen ihrer Erscheinungsweise 
sind. Die Regeln einer solchen Rekonstruktion sollen dem Er- 
zieher erlauben, das von ihm erforderte Verstehen der Subjektivi- 
tat des Zoglings in fortschreitender Annaherung zu leiten und zu 
unterstiitzen. Man sieht, dass diese Psychologie von dem, was 
etwa die Jugendkunde und die experimentelle Padagogik erarbeiten 



Philosophic imd P&dagogik, 61 

woUen, grundlich unterschieden ist. Sie gibt zwar eine generelle 
Theorie von dem „Subjekt-Bezug" des Bewusstseins, aber Aussagen 
iiber die Subjekte, ihre Organisation, ihre Entwicklung gehen 
nicht in sie ein. Ihr bietet die Frage, die Fichte als erstes 
Problem der Padagogik aufwarf, keine Schwierigkeiten. Da sie 
auch das kindliche Seelenleben nur von den Objektgestaltungen 
des Bewusstseins aus zu rekonstruieren vermag, ist selbstverstand- 
lich in dem kindlichen Seelenleben der entsprechende „Objektbezug", 
den die Padagogik als Systematik des Bildungsinhaltes fort und 
fort entwickelt, von vornherein mitgesetzt. Es ist kein Zufall, 
dass sich fiir Natorp die Individualitat schiiesslich auf einen in- 
dividuellen Ausschnitt und Aspekt der allgemeingiiltigen und dalier 
alien gemeinsameu Bewusstseinsinhalte beschrankt. Es ist kein 
Zufall, dass ihm die Stufenbildung in der Entwicklung des Be- 
wusstseins mit der logischen Stufenreihe im systematischen Aufbau 
der Bewusstseinsinhalte zusammen fallt. Diese Psychologie ist so 
gut reine Philosophic wie die reinen Gesetzeswissenschaften selber; 
denn am Ende unterscheidet sie sich von diesen nur durch die 
Art der Betrachtung; aber der Gegenstand ist derselbe, namlich 
die gegenstandliche Welt des Bewusstseins, die einmal konstruiert 
und sodann rekonstruiert wird. Daher bietet diese Psychologie auch 
keine eigenen Prinzipien fiir die Grundlegung der Padagogik dar. Was 
sie allein gewahren kann, sind Begriff e und Anweisungen, im gegebenen 
Fall von der gemeinsamen gegenstandlichen Welt aus die beschrankt e 
Ansicht derselben in einem Einzelgeist sich zu vergegenwartigen. 
Gewinnt der Erzieher damit vielleicht den Ansatz fiir seine er- 
zieherische Tatigkeit, so ist die Methode zu fortschreitender Ob- 
jektivierung der zunachst beschrankt erfassten Bewusstseinsgestal- 
tungen durch das Gesetz von deren Aufbau allein hinreichend vor- 
geschrieben. Ja zu diesem Zweck allein kann die Psychologie 
nicht mehr als blosse Vorbereitung sein. Denn als generelle Theo- 
rie kann sie das Individuelle niemals erschopfen und allseitig be- 
stimmen. Hier hilft dem Padagogen, wie Natorp iramer wieder 
betont, der ausgebildete „Takt", die unmittelbare „Fiihlung" eiuer 
Seele mit der andern. Das heisst am Ende, dass von Seiten der 
Theorie iiberhaupt keine Beziehung zu der empirischen Wirklich- 
keit als dem Gegenstand der padagogischen Tatigkeit gefunden 
wird und die Theorie nirgend den Umkreis der rein philosophi- 
schen Konstruktion des Bewusstseins iiberschreitet. Diese Kon- 
struktion nach allgemeinen und ewig geltenden Gesetzen, die in 



62 M. Frischeisen-K5hler, 

der erzeugenden Einheit des Selbstbewusstseins griinden, stellt 
eiu grosses, in sich mit unerbittlicher Konsequenz durchgefiihrtes 
Ideal dar. Aber wie die Welt der Notwendigkeiten zu diesem Ideal 
der Freiheit zu erziehen sei, gibt diese Padagogik nicht an, die 
sich vielmehr auf den immanenten Aufbau der idealen Welt, in wel- 
che sie von vornherein Erzieher und Zogliug hineinstellt, selber be- 
schrankt. Da greift der „Takt" in einer bedeutsamen Weise ein. 
Er vergegenwartigt das Individuelle, das dann als bestimmter In- 
begriff empirischer Gegebenheiten die Applikation des allgemeinen 
Systems bedingt. Aber schliesslich fiihrt auch er nur zur Spezi- 
fizierung, kaum zur Modifizierung der allgemeinen Regeln der 
„Normalbildung". Am Ende liegt er doch aber vor aller Theorie 
und wie die Liebe, auf die Fichte zuriickgreifen -musste, um 
zwischen seinem Vernunftsystem und der sinnlichen Welt eine 
Brticke zu schlagen, aus der Organisation des menschlichen Geistes 
fliesst, wie nur die Erfahning sie kennen lernen kann, wurzelt 
auch der „Takt", der bei Natorp die Verbindung zwischen der 
Ideenwelt und den gegebenen Menschen herstellt, in einer urspriing- 
lichen Anlage der Erzieher, wie sie auch hier Erfahrung und Be- 
obachtung lehrt. 

Es ist klar, dass die Einseitigkeit, die allerdings zugleich 
auch die Grosse dieses Typus von Erziehungslehren bildet, ihnen 
nicht notwendig zukomraen muss. Wenn das Fundament der 
wissenschaftlichen Padagogik in der Systematik des Bildungsin- 
haltes gesucht und gefunden wird, so mochte vielleicht eine andere 
philosophische Konstruktion desselben als die nach der Fassung 
des transzendentalen und methodischen Idealismus der Psychologic 
und auch der Geschichte einen freieren Spielraum lassen und die 
Heranziehung eines Erfahrungskreises von eigener Gesetzlichkeit 
fiir den Aufbau der Padagogik gestatten. Dann wiirde diese ihrem 
Wesen nach dualistisch und zwar nicht nur in entgegengesetzter 
Betrachtungs weise zu entwickeln sein; denn sie wiirde sich einer- 
seits auf die Wissenschaft von ideellen, andrerseits auf eine Wissen- 
schaft von realen Gesetzen zu stiitzen haben. Das ist der Stand- 
punkt, den eine weitere Gruppe von padagogischen Theoretikern, 
wie etwa Miinsterberg^) und verwandte Denker, die der siid- 
westdeutschen Philosophen-Schule nahe stehen, aber auch zahl- 
reiche ganz anders philosophisch orientierte Padagogen wie z. B. 



1) H, Miinsterberg, Psychiology and the theacher, New York 1910. 



Philosophic und PSdagogik. 63 

P. Barth^) einnehmen. Man kann in ihm wohl die Grundlage 
eines zweiten Typus padagogischer Systeme erblicken. Zweifellos, 
dass die starkere Mitberiicksichtigung der empirischen Forschung 
dem eigentlich padagogischen Problem, fiir das die philosophische 
Fundamentalbetrachtung nur einen Teil von Voraussetzungen 
lief em kann, bedeutend naher riickt. Aber nicht minder zweifel- 
los scheint, dass sie dadurch, dass sie zunachst zu jenen Voraus- 
setzungen eine Reihe von andern und zwar Wx3sensverschiedenen 
Voraussetzungen hinzufiigt, das Problem nur aufs scharfste for- 
muliert, aber nicht lost. WoUen wir uns hier nicht nur auf den 
Takt und die praktische Entscheidung von Fall zu Fall verlassen, 
sondern zur theoretischen Grundlegung vordringen, so sehen wir 
uns hier vor Aufgaben gestellt, zu deren Bewaltigung die Mittel 
erst noch zu finden sind und fiir dessen befriedigende AuflSsung 
die blosse Forderung der Vereinigung philosophischer und empirischer 
Betrachtungsweisen noch keine Gewahr gibt. Wie die Diskussion 
der Versuche empirischer Begriindung der Padagogik ergab, bleiben 
diese solange unzulanglich, als sie den nicht-empirischen Faktor ent- 
weder ganzlich iibersehen oder nur nachtraglich zur Geltung kommen 
lassen; fruchtbar werden sie nur, wenn sie von Beginn an den 
Bezug auf die Ideenwelt mit aufnehmen. Ebenso ist nun aber 
erforderlich, dass auch die philosophische Grundlegung, mag sie 
von abstrakten und zeitlos giiltigen Gesetzen oder Werten aus- 
gehen, den Anschluss an die empirische Welt nicht nur auf dem 
Wege einer ausseren Angleichung, sondern inneren Verschmelzung 
findet, wenn sie auch ihrerseits die Hinwendung zu dieser in sich 
vorbereitet und begriindet hat. Die Padagogik hat es nicht nur 
mit dem Fortschreiten im Ideal, sondern vor allem mit dem Fort- 
schreiten zum Ideal zu tun. So muss auch dieses eine dem Em- 
pirischen zugewandte Seite darbieten und muss irgendwie darauf 
abgestimmt sein, dass es von einer ausserhalb seiner liegenden 
Sphare auch erreicht werden kann. Der Uebergang, die Verbin- 
dung, die Vermittlung ist alles; aber sie ist n,ur moglich, wenn 
sie in beiden Welten entsprechend vorbereitet ist. Die Werte, 
nach denen das sich entwickelnde Leben geleitet und bestimmt 
werden soil, diirfen nicht, wie die Sterne, die man nicht begehrt, 
liber dem irdischen Geschehen in hehrer Erhabenheit glanzen. Das 



1) Paul Barth, Die Elemente der Erziehungs- und Unterrichtslehrc. 
Leipzig 1906. 



64 M. Frischeisen-Kehler, 

miissen sie auch. Aber urn Lebensmacht zu werden, bediirfen sie 
einer Lebensannaherung, miissen sie Krafte entwickeln, das Leben 
anzuziehen und zu gestalten. 

Pflegt etwa mit besonderer Vorliebe das padagogische System 
auf die Forderungen der reinen Ethik zuriickzugreifen und das 
sittliche Ideal als das Ideal der Erziehung schlechthin aufzustellen, 
dann zeigt die nahere Ausfiihrung alsbald (ganz abgesehen von 
der Einseitigkeit in dieser Bestimmung), wie wenig damit alleiu 
zu machen ist. Die moralischen Lehren, welche letzte Werte und 
genaue Formulierungen des Sittengesetzes geben, miissen im All- 
gemeinen und Abstrakten verbleiben. Der Begriff einer Handlung 
aus Nachstenliebe, aus Mitleid, aus Achtung vor dem Sittengesetz 
kann klar und prazis gebildet werden; aber er enthalt nichts von 
dem individuellen Gehalt, welcher nun den eigentlichen Charakter 
der einzelnen Handlungen ausmacht. Daher bleibt allemal ein 
ausserordentlicher Abstand zwischen der moralischen Formel und 
dem geschichtlich-individuellen Leben. Es ist von den allgemein 
gedachten Werten zu der konkreten Lebenswirklichkeit kein unmittel- 
barer Uebergang raoglich. Diese Tatsache stellt nicht die Funk- 
tion der Ethik innerhalb der Gesellschaft in Frage, wohl aber 
ihre Fruchtbarkeit fiir eine Erziehungslehre. Das moralische Ur- 
teil kann sich mit einem formalen Masstab wohl begniigen lassen ; 
die positive Arbeit zu seiner Verwirklichung bedarf dagegen immer 
der Aufnahme von geschichtlichen, nationalen, zeitlichen, individuellen 
Inhalten, die nicht etwa eine bloss zufallige und unwesentliche 
Determination, sondern das fiir alle Erziehung Entscheidende dar- 
stellen. Der philosophische Ethiker kann, wenn er den zeitlosen 
Gehalt unseres Lebens herausarbeiten will, von den individuellen 
Differenzen, von dem Inbegriff der geschichtlichen Voraussetzungen, 
durch welche geformt uns die iiberpersonlichen Werte allein ent- 
gegentreten, abstrahieren, wobei es gleichgiiltig ist, ob er forma- 
listisch Oder teleologisch verfahrt. Sobald wir riickwarts nach 
diesen zeitlosen Werten Menschen bilden wollen, haben wir es 
gerade mit geschichtlich bestimtnten Individualitaten im weitesten 
Sinne und nur mit diesen zu tun. Wie verschieden sind, urn ein 
drastisches Beispiel zu wahlen, die Begriffe von Ehre, die etwa 
in den verschiedenen Gesellschaftsschichten, in den verschiedenen 
Laudern Europas bestehen! Wie modifiziert sich doch das Ideal 
der allgemeinen Nachstenliebe, wenn wir es in einem Lande und 
einer Zeit aussprechen, die von der nationalen Idee leidenschaftlich 



' Philosophie und Padagogik. 65 

erfullt ist! Natiirlich ist es leicht, aus einem klar erkannten 
Sittenprinzip in systematischer Folge und VoUstandigkeit Er- 
ziehungsziele abzuleiten. Ja, man kann sogar sageu, dass, je 
radikaler das zugrunde gelegte Sittenprinzip ist, urn so leichter 
die Gefahr einer abstrakten Systematik fiir die Padagogik besteht. 
Aber dann ereignet sich immer eines von zwei Ubeln. Entweder 
Wibt das so klug ersonnene padagogische System ebenfalls nur 
ein Abstraktum, das bei der ersten Beriihrung mit der Wirklich- 
keit zerbricht, oder es nimmt aus der geschichtlichen Wirklichkeit, 
die es beeinflussen will, Tendenzen an, die aus der abstrakten 
Formel sich nicht ergeben, ja geradezu in einen bedenklichen 
Widerstreit mit ihr geraten konnen. 

Und ahnlich verhalt es sich mit dem Bemiihen, aus einer 
reinen Logik, ob diese nun als formale oder transzendentale Logik 
entwickelt wird, die Unterlage einer rationellen Didaktik zu ge- 
winnen. Die allgemeinen Gesichtspunkte, die wohl in formelhafter 
Strenge sich aussprechen lassen, bleiben so lange unfrucbtbar, als 
sie nicht in der konkreten Ausgestaltung im einzelnen sich be- 
wahren, Aber da greifen, \^ie die Geschichte lehrt, Gesichtspunkte 
anderer Provenienz ein, die in unauflosiiche Wechselwirkung mit 
jenen ersten treten und doch aus ihnen nicht gewonnen werden 
konnen. AUe unterrichtliche Tatigkeit, auch der hochstentwickelten 
Kultur, stellt sich — darin hat die soziologisch-biologische Be- 
trachtung unzweifelhaft recht — als Fortsetzung von Funktionen 
dar, durch welche die menschliche Gesellschaft sich selbst erhalt, 
indem sie die im Wechsel der Generationen neu eintretenden un- 
miindigen Mitglieder zu der Hohe ihres Lebens ausbildet, damit 
diese, wenn sie auf den Schauplatz des Handelns treten, die Ar- 
beit dort fortsetzen konnen, wo die Vorfahren sie haben fallen 
lassen miissen. Von hier aus stellt sich der Unterricht als eines 
der Mittel dar, die neuen Mitglieder der Gesellschaft so zu bilden, 
wie es den Bedurfnissen der Gesellschaft entspricht. Zu diesen 
Bediirfnissen gehoren alle die Forderungen, an deren Erfiillung 
der Bestand unserer hochorganisierten Kultur iiberhaupt gekniipft 
ist, in erster Linie. Daher ist nicht Bildung im allgemeinen, 
sondern zunachst Elementarbildung, welche als Minimum das 
Leben innerhalb der Gesellschaft ermoglicht, und so dann 
Berufsbildung das eigentliche Riickgrat alles Unterrichtes 
gewesen. Sowohl die Notwendigkeit der militarischen als 
die der wirtschaftlichen Selbsterhaltung fiihrt zu Forderungen 

Kautstudicn XXU. K 



66 M. Frischeisen-KOhler, 

einer Arbeitstechnik und zu einer Gliederung derselben, .die den 
von der Gesellschaft und dem Staat iibernommenen Unterricht 
entscheidend bestimmt. Keine Didaktik, welchen hochsten Zielen 
sie auch sonst folgen mag, kann diese Lebensnotwendigkeiten un- 
beriicksichtigt lassen. Mit ihnen ist ihr ein geschichtlich ge- 
gebener Gehalt, aber ebenso gut ein Inbegriff von bestimmten 
metbodischen Forderungen vorgezeichnet, mit denen sie sich aus- 
einandersetzen muss. Natiirlich ist zu alien Zeiten das Verlangen 
lebendig gewesen, der Gesellschaft nicht nur tiichtige Biirger und 
Bauern, Soldaten und Beamte, Techniker undArzte heranzubilden, 
sondern auch Menschen, in denen noch ein hoheres Bewusstsein 
als das von ihren beruflichen Aufgaben und gesellschaftlichen 
Leistungen die Seele durchleuchtet. Nur ein so extremer Utili- 
tarismus in der Padagogik, wie er durch die einseitige biologisch- 
soziale Betrachtungsweise nahe gelegt wird, kann die Lebensmacht 
des Idealismus, kann die Bedeutung der Bildung durch reine und 
selbstlose Wissenschaft gerade fiir die Bewaltigung der gesell- 
schaftlich notwendigen Zwecke unterschatzen. Aber reine Bil- 
dungsschulen, in denen nur und von Anfang an das reine Wissen 
im Dienst der reinen Idee gepflegt wird, sind nur in Ausnahme- 
f alien moglich gewesen. Selbst Plato hat sie in seinem Er- 
ziehungsstaat nur fiir einen kleinen Kreis auserlesener Geister 
und auch nur als Kronung des gesamten Erziehungsganges ge- 
fordert. Das Beispiel der orientalischen Priester- wie der an- 
tiken Philosophenschulen und der entsprechenden christlich-mittel- 
alterlichen Erziehungsformen lehrt, dass sie nur in weitgehender 
Isolierung von den lebendigen Kraften des wirtschaftlich-politischen 
Lebens gediehen, dass sie diese nicht grundsatzlich aufheben 
konnten, sondern vielmehr als die Grundlage ihrer eigenen Eiistenz 
voraussetzen mussten. Eine allgemeine Didaktik lasst sich aber 
nicht auf Ausnahmeerscheinungen griinden; zum mindesten muss 
sie, wenn sie nach ihrem Prinzip daS gesamte Gebiet begreifen 
und gestalten will, auch diese Faktoren beriicksichtigen. Wohin 
wir blicken, sehen wir in den Zweigen des offentlichen Bildungs- 
wesens den Gegensatz der Forderungen, die aus dem realen Leben, 
aus den Bediirfnissen der Gesellschaft hervorgehen, mit den idealen 
Forderungen des reinen Idealismus. Die Fragen, um die da der 
Streit geht, ob sie es mit dem Gegensatz der Lern- und der Ar 
beitsschule oder der humanistischen und der realistischen Bildung 
zu tun haben, sind aus bloss abstrakten philosophischen Er- 



Philosophie iind Padagogik. 67 

wagungeu heraus nicht zu losen, weDn anders die philosophische 
Idee nicht von vorn herein auf die konkrete empirische Welt mit 
ihren gegebenen Voraussetzungen gerichtet ist. Und selbst die 
reinen Werte, die in philosophischer Isolierung ftir sich aus dem 
geschichtlichen Fluss herausgehoben und nach ihrer sysiematischen 
Begriindung betrachtet werden konnen, nehmen, sobald sie nun 
in das Leben als wirksame Krafte eingehen sollen, eine eigentiim- 
liche Gestalt und Auspragung an, die zwar der abstrakte Philo- 
soph aber nicht der Erzieher ignorieren darf. Reine Mathematik 
ist nicht dasselbe fiir uns wie fiir die Griechen. Und die ge- 
schichtliche Entwicklung des Unterrichtswesens aller Volker zeigt, 
dass es in einem engsten Verbal tnis zu der jeweiligen Ausbildung 
der Wissenschaft und der Art, wie diese verstanden und gewiirdigt 
wurde, stand. • 

Von alien Seiten ergibt sich so, dass die Sphare der Pada- 
gogik jenes Gebiet umfasst, in welchem die idealen Werte mit 
der empirischen Wirklichkeit sich begegnen. Und da ist die Frage, 
wie von Seiten der philosophischen Padagogik aus der Anschluss 
an das Gegebene innerlich vorbereitet und ermoglicht werden kann. 

Die Form, die die padagogische Theorie zu ihrer Auflosung 
aufgenommen hat, kann als ein dritter Typus der philosophischen 
Padagogik bezeichnet werden. An die Spitze seiner moglichen Aus- 
gestaltungen ware vielleicht Herbart zu stellen. Auch Herbart^) 
geht von der Indepedenz des sittlich-idealen Bewusstseins von aller 
Naturgesetzlichkeit und aller empirischen Wirklichkeit aus. So 
schroff vertritt er die Zweiweltentheorie, dass er sich stets in 
scharfstem Gegensatz zu alien monistischen Konstruktionen, die er 
als Verge waltigung empfand, fiihlte. Aber ein Zusammenhang 
zwischen den beiden Welten besteht doch, in so weit der Mensch bef ahigt 
ist, der Ideen in einem Akt des „asthetischen Urteils" inne zu werden, 
in einem Vorgang, den Herbart vergeblich zur psychologischen Klar- 
heit zu bringen sich bemiiht hat; schliesslich hat er ihn als Funk- 
tion des „Geschmackes" bezeichnet, die Ideen zu „vernehmen" und 
sie in sein Innenleben aufzunehmen. Wie bei dem transzendentalen 
Idealismus tritt auch hier die Forderung eines unmittelbaren Kon- 
taktes auf, nur dass, und das ist entscheidend, Herbarts „asthe- 



1) Die aus besonderen Grvinden die Schwerpunkte verriickende 
Darstellung in der „Allgeineinen Padagogik" weist ausdriicklich auf die 
„Aesthetische Darstellung der Welt als das Hauptgeschaft der Erziehungs- 
lehre" als ihre Grundlage und Voraussetzung zurtick. 

5* 



68 M. Frischeisen-Kohler, 

tisches Urteii" zum grundlegenden Prinzip erhoben wird, wahrend 
etwa die „Liebe" bei Fichte nur als Notbehelf und Voraussetzung 
herangezogen wird. Denn von dem asthetischen Urteil aus allein 
kann und muss Herbarts Erziehungslehre verstanden werden. 
Herb art selber hat zwar spater gefordert und unendlich oft ist 
es ihm nachgesprochen worden, dass die Padagogik das Ziel der 
praktischen Philosophie zu entnehmen habe. Aber dieser Satz will 
richtig verstanden werden. Denn die Padagogik hat es nicht un- 
mittelbar sondern nur mittelbar mit den Musterbildern, welche die 
Ethik aufstellt, zu tun. Das letzte Ziel des Lebens liegt allerdings 
in der Moralitat; aber soil diese als Zweck der Erziehung begriffen 
werden, dann bedarf sie einer Erweiterung des Begriffes selber; 
einer Nachweisung seiner notwendigen Voraussetzungen als der 
Bedingungen seiner realen Moglichkeit. Diese aber liegen in der 
Erhebung des Z5glings zur bewussten Personlichkeit, so dass er 
sich selbst finde, als wahlend das Gute, als verwerfend das Bose. 
Nur aus der asthetischen Gewalt der moralischen Umsicht kann 
die reine, begierdenfreie, mit Mut und Klugheit vereinbarte Warme 
fiirs Gute hervorgehen, wodurch echte Sittlichkeit zum Charakter 
erstarkt. Die Grundlage einer solchen Umsicht ist die „asthetische 
Auffassung der Welt". Die Aufgabe des Erziehers wandelt sich 
aus der allgemeinen Form der Erziehung zur Sittlichkeit in die 
besondere der Heranbildung einer Empfanglichkeit des Gemutes 
zur asthetischen Auffassung; und diese durch eine „asthetische Dar- 
stellung der Welt" friih und stark genug zu determinieren, wird 
das Hauptgeschaft aller Erziehung sein. Hierin ist als positive 
Aufgabe die Bildung des Gedankenkreises durch einen Unterricht, 
der nicht gleichgultige Kenntnisse, sondern die Gesamtheit der 
Voraussetzungen fiir die pragmatische Konstruktion einer sittlichen 
Lebensordnung bieten soil und sich daher als „erziehender Unter- 
richt" bezeichnen darf, enthalten. Aber ebenso wichtig ist, was 
in dieser Entwicklung nicht enthalten und durch sie festgelegt ist. 
Wenn Herbart die Padagogik „aus dem Zweck der Erziehung" 
ableitet, dann weiss er genau, dass auf dieseui Wege nur eine 
allgemeine Padagogik zu gewinnen ist, die eine Reihe von Abhangig- 
keiten, unter denen sich die tatsachliche Erziehung zu vollziehen 
pflegt, abstrahierend ausser acht lasst. Dazu gehoren z. B. die 
besonderen Bindungen aller Didaktik durch die Struktur und das 
Gesetz des Gegenstandes des Unterrichtes. Herbart kennt auch 
sie, aber fiir ihu beginnt als Padagogen das Problem erst, wenn 



Philosophie und Padagogik. 69 

nicht nur das Gesetz der Sacbe, sondern die Beziehung des Zog- 
lings auf die Sache, die er unter dem Begriff des Interesses be- 
fasst, in Frage kommt. Dazu gehoren weiter die besonderen 
Forderungen, welche Gesellschaft und Staat an den Unterricht als 
eines der Mittel ihrer Bediirfnisbefriedigung stellen. Philosophisch 
lasst sich eben nur der „erziehende Unterricht" rechtfertigen und 
in der Form einer allgemeinen Theorie darlegen. Und endlich ge- 
h6rt dazu nicht die Heranbildung zu einem bestimmten sittlichen 
Handeln. Der ausgepragte Intellektualismus gilt schon seit langem 
als eine hervorstechende Einseitigkeit von Herb arts padagogischer 
Theorie. Aber er ist doch auch sachlich darin begriindet, dass 
nach Herb art das Erziehungsziel der kiinftigen sittlichen 
Tatigkeit des erwachsenen Zoglings nicht vorgreifen darf, nicht 
vorgreifen kann. Der tiefe Respekt vor der Individualitat, die 
nicht deduziert, sondern nur vorgefunden wird, die raoglichst durch 
die Erziehung unversehrt zu erhalten sei, verbindet sich bei ihm 
mit dem Bewusstsein der unendlichen Mannigfaltigkeit von indivi- 
duellen Formen, in denen die pragmatische Konstruktion der sitt- 
lichen Lebensordnung sich vollzieht. Die Entschiedenheit, mit der 
Herbart das sittliche Handeln betont, steht nicht in einem Wider- 
spruch mit der Ausschliesslichkeit, mit der er innerhalb seiner 
Padagogik nur die Gedankenbildung beriicksichtigt. Denn es ist 
seine Grundiiberzeugung, dass die aus der asthetischen Auffassung 
der Welt fliessende Tat als ein durchaus Individuelles und Person- 
liches nicht vorher allgemein bestimmt werden kann: der Tat des 
Menschen ist allein die Theodicee iiberlassen, welche die theoretische 
Vernunft nicht geben kann. So ist die Erziehung daraiif beschrankt, 
in dem Zogling eine spezifische Einsicht und die Moglichkeit eines 
angemessenen WoUens hervorzubringen. Aber die Einsicht, die es 
methodisch zu erzeugen gilt, ist von fundamentaler Bedeutung, da 
durch sie und sie allein der Zusammenhang der sinnlichen und 
der iibersinnlichen, der natiirlichen und der idealen Welt gesichert 
wird. Die Fiille von Bedenken, die gegen diese Padagogik im, 
Laufe der Zeit hervorgetreten sind, ist hier nicht zu beriihren. 
Aber wenn es sich um ihr konstruktives Prinzip handelt, wird man 
die Unzulanglichkeiten der Ausfiihrung nicht pressen dtirfen; auch 
die Mangel der vorausgesetzten Philosophie dtirfen, wie billig, nicht 
der Padagogik selber zu Lasten gelegt werden. Dann aber ergibt 
sich der unbefangenen Betrachtung, dass von Herbart das, was 
als eigentliches Problem der philosophischen Padagogik sich heraus- 



70 M. Frischeisen-Kohler, 

gestellt hat, wenigstens in Angriff genommen worden ist. 
Er ringt damit, aus der allgemeinen Philosophie in der Idee der 
asthetischen Auffassuug der Welt einen Begriff zii finden, der dem 
aus der Empirie iiberlieferten Begriff der Bildsamkeit des Zoglings 
entgegenkommt und daher zum Zentrum einer doch relativ selb- 
standigen Padagogik zii werden vermag. Aber man sieht zugieich, 
dass hier nur ein erster Schritt der Annaherung getan ist. Schliess- 
lich handelt es sich doch nur wieder darum, an einem Punkt die 
Verbindung herzustelleu, in einer einzigen B'unktion, dem „Ge- 
schmack", das Band zwischen der Idee und der Wirklichkeit zu 
gewinnen. Das Leben in seiner Breite wird von der Philosophie 
noch nicht erfasst, zusammengezogen beriihren sich beide in einer 
Stelle, aber im iibrigen verbleiben sie vollig beziehungslos zu- 
einander. Die bewussten Einseitigkeiten der Herbartschen Theorie 
sind die unvermeidlichen Konsequenzen. Will man diesen entgehen, 
dann wird die Padagogik dieses Typus von Konstruktionen wohl 
in die Form iiberzufiihren sein, deren Ausbildung Schleiermacher 
erstrebt hat. 

Auch Schleiermacher ist der Uberzeugung, dass die pada- 
gogische Theorie nicht rein empirisch sein kann, ihre Maximen 
nicht nur als Resultate der Erfahrung zu gewinnen siud. Die 
Frage, wie der Meilsch erzogen werden soil, lasst sich letzthin 
nicht anders als aus der Idee des Guten beantworten. Aber was 
aus dieser Idee unmittelbar 'ausgeht, kann eigentlich nur die all- 
gemeine Formel enthalten, die den Zusammenhang der Erziehungs- 
theorie mit der ethischen Wissenschaft angibt. Denn die allge- 
meine, aus tier Ethik hergeleitete Formel fUr die Erziehung des 
Menschen wird in ihrer Anwendung unbedingt von faktisch ge- 
gebenen Verhaltnissen abhangen. Eine solche Voraussetzung ist 
z. B. darin enthalten, dass doch irgend jemand erziehen muss; 
die Fragen, wie erzogen werden soil und wer erziehen soil, lassen 
sich nicht von einander trennen. Ist die Erziehung wesentlich als 
Werk der Gemeinschaft oder als Werk der Familie und des einzelnen 
aufzufassen? Die Erfahrung lehrt, dass keines der beiden Ex- 
treme, der reinen Staatserziehung oder der reinen Familien- 
erziehung, bisher fiir sich realisiert worden ist, sondern dass sie 
stets in einem bestimmten Verhaltnis entsprechend dem Verhaltnis 
des einzelnen zur Gemeinschaft gestanden haben. Und die gleiche 
faktische Grundlage erfordert ihre Beriicksichtigung, wenn das 
Ziel, zu dem erzogen werden soil, ins Auge gefasst wird. Der 



Philosophic iind P^dagogik. 71 

Mensch kann der Idee des Guten nur als ein handelnder ent- 
sprechen; aber eben darum kann er ihr unter den yerschiedenen 
Verhaltnissen der personlichen Gebundenheit oder Freiheit inner- 
halb einer Gemeinschaft sehr verschieden nachkommen. Hieraus 
ergibt sich sofort, dass eine allgemeingultige padagogische Theorie 
bei der geschichtlichen Variabilitat dieses Verhaltnisses nicht 
moglich ist. Eine Theorie ohne Riicksicht auf die vorhandene 
Verschiedenheit wiirde eine „vorgreifende" Theorie sein, die mit 
der unfruchtbaren Hypothese rechnet, dass alle Differenzen aus- 
geglichen waren: sie wiirde uns nichts helfen, da doch die Be- 
dingungen fehlen, unter welchen sie ausgefiihrt werden konnte. 
Aber wenn dies eine Einschrankung der Allgemeingiiltigkeit der 
Padagogik besagt, so ist das natiirlich kein Einwand gegen die 
Padagogik als Wissenschaft iiberhaupt. Wohl aber ergeben sich 
der Philosophie wie der Padagogik daraus eigentiimliche Auf- 
gaben. Denn die Idee des Guten muss dann so reichhaltig ge- 
dacht werden, dass sie die geschichtliche Veranderlichkeit der 
faktischen Voraussetzungen ihrer Realisation mit in sich aufnimmt. 
Die Weitherzigkeit von Schleiermachers Ethik, die schliesslich 
die Realisation des Guten nur in der geschichtlichen Arbeit der 
Menschheit selber finden kann, ist oft als ein Nachteil hervor- 
gehoben worden. Aber sie ist andrerseits doch auch ihre Grosse, 
da sie dadurch die Moglichkeit zur Aufstellung einer Methode ge- 
winnt, die Wahrheit, die sie kiindet, mit der Geschichte zu ver- 
binden. In diesem Sinne bezeichnet Schleiermacher die Pada- 
gogik geradezu als die Probe fiir die Ethik. Und die Padagogik 
wird, von der Maxime des Guten aus, die empirischen Differenzen 
in den Mittelpunkt riicken. Sie wird die Regeln, welche sich aus 
der Praxis der Zeit ergeben, wo die Bildung des Menschengeschlechtes 
bei fortschreitendem Abnehmen der Differenzen dem allgemeinen Ziel 
der zeitlichen Entwicklung nahe gekommen sein wird,' divinatorisch 
vorher schon aufzustellen und die richtige Anwendung der so 
gefundenen Regeln mit Riicksicht auf den jedesmaligen noch un- 
vollkommenen Zustand zu ermitteln haben. Und das ist der Weg, 
den in der Tat die schleiermachersche Padagogik einschlagt. 
Schon mit ihrem ersten Satz lasst sie die blosse Technik des 
Hauslehrers und Schullehrers hinter sich. Ihr Gebiet ist das 
Phanomen der Erziehung in der Mannigfaltigkeit seiner geschicht- 
lichen Erscheinungsweisen, ihre Methode der bestandige Vergleich 
der empirisch differierenden Typen und ihr Ergebnis der Entwurf 

/ 



72 M. Frischeisen-K5hler, 

einer Erziehungsorganisation, die zwar nur fiir die eigene Nation, 
den eigenen Sprachkreis und jedenfalls fiir eine bestiramte sitt- 
liche Einheit des geschichtlichen Lebens gelten soil, aber fiir 
dieses doch die Linien eines Systems zeichnet, das aus der Heraus- 
arbeitung des Unabhangigen und Gemeinsamen der Differenzen 
unter Hinblick auf die leitende Idee des Guten sich begriindet. 
Der unvollkommene Zustand, in welchem uus Schleiermachers 
Padagogik, die auch innerlich nicht zum Abschluss gekoramen 
war, erhalten ist, wird viele und leicht erkenntliche Mangel der 
Ausfiihrung entschuldigen. Aber wenn man auch hier nur auf 
das Prinzip des Aufbaus blickt, dann diirfte, was die zu' Grunde 
liegende Intention anbelangt, damit die grosste Annaherung an die 
Reihe gewonnen sein, die von den extremen empirischen Systemen 
der Padagogik aus in fortschreitender Wendung zur Philosophic 
hin gekennzeichnet wurde. Jedenfalls scheinen die Richtungen 
die Unversohnlichkeit ihres Gegensatzes eingebiisst zu haben, in- 
dem sie sich nunmehr von verschiedenen Seiten koramend und 
dort von der Geschichte zum System, hier von dem System zur 
Geschichte strebend auf einem gemeinsamen Boden begegnen. 



3. 

Zieht man die Summe, so ergibt sich aus alledem, dass 
Padagogik als Wissenschaft weder allein auf Erfahrung, noch 
auf Philosophic zu griinden ist. Beides, die psychologische und 
historische Erfahrung wie die reine Philosophic liegen noch vor 
der padagogischen Theorie. Indem jene von dem Studium der all- 
gemeinsten empirischen Regelmassigkeiten, an welche der Erfolg 
der erzieherischen Leistungen gebunden ist, zu der ganzen Fiillc 
von Bedingungen, innerhalb derer sic sich bewegt, und zu der 
Mannigfaltigkeit geschichtlicher Ausgestaltungen, die sic ira Lauf 
der Zeit gewonnen hat, fortschreitet, nahert sie sich der philoso- 
phischen Konstruktion, die ihrerseits in dem Masse, als sie von 
der reinen Idee aus der empirischen Wirklichkeit sich zuwendet, den 
Blick von den besonderen philosophischen Ideen und Problemen 
mehr und mehr ebenfalls auf die Fiillc der empirischen Gestaltungen 
richten muss. Aber eine wirkliche Durchdringung von Erfahrung 
und Philosophic, die nicht bei einer aUsseren Zusammenstellung der 
aus beiden Gebieten zu entnehmenden Pramissen stehen bleibt, 
findet erst statt, wenn das Gebiet, in welchem die Begegnung 



Philosophie und Padagogik. 73 

beider stattfindet, in seiner Eigenart sowohl von der besonderen 
Erfahrung wie auch von der speziellen philosophischen Systera- 
bildung wenigstens begrifflich unterschieden wird. 

Die wissenschaftliche Padagogik steigt, wie alle Wissen- 
schaften vom Leben, aus den Bediirfnissen des Lebens, aus dem 
Verlangen nach steigender Bewusstheit in dem Vollzug seiner 
Leistungen hervor und kann und darf daher als eine Form be- 
zeichnet werden, in der diese Tatigkeit iiber sicli selbst zur theo- 
retischen Klarheit gelangt. Den Ausgangspunkt und das dauernde 
Objekt der reinen Padagogik bildet daher die erzieliende Tatigkeit 
selbst, uicht als ein Verlauf psychischen Geschehens, sondern als 
eine sinnvolle Handlung, die allmahlich von den elementarsten Leis- 
tungen der tierischen Aufzucht zu einem geregelten und planinassigeu 
Vollzug eine besondere Angelegenheit innerhalb der arbeitsteiligen 
Kultur und zu einem besonderen Beruf mit einer Fiille objektiv 
entwickelter Einrichtungen und Organe wird. Das Faktum der 
Erziehung stellt sich als ein Zusammenhang von Leistungen und 
Einrichtungen dar, der, wie er durch die Idee der Erziehung 
zusammengehalten und geleitet wird, sich so gut wie die Wissen- 
schaft Oder die Wirtschaft von den iibrigen Objektgestaltungen 
unserer Kultur als ein Bestaud von relativer Selbstandigkeit ab- 
grenzt. Die empirische Betrachtung bleibt, berechtigtermassen, 
bei der Erforschung von Einzelseiten und Einzelbedingungen dieses 
Zusammenhanges, wie ihn Geschichte und Natur als einen gegebenen 
und gewordenen zeigen, stehen. Die padagogische Theorie wird 
und muss den Schritt dariiber hinaus zu dem Versuch machen, in 
dem Ganzen dieses Gebietes das wirksame Bildungsprinzip, das 
seiner geschichtlichen Entfaltung zu Grunde liegt, zu erfassen. 

Denn diese erzieherische Tatigkeit ist, genau so wie die 
Tatigkeit, welche auf die Erzeugung von Wissenschaft oder Kunst 
gerichtet ist, ein produktives Tun, das, so bald es erst einmal 
begonnen hat, sich iiber ein instinktartiges Handeln zu erheben, 
von sich aus einen Kreis von Realitaten und entwicklungsfahigen 
Lebensformen hervorbringt. Das Schopferische kiindigt sich schliess- 
lich in jeder noch so bescheidenen Erziehungstatigkeit im stillen 
Familienkreise an, es tritt in den grossen Erzieherpersonlichkeiten 
bis zur Genialitat gesteigert hervor und wirkt in der Erfindung 
von Lehrmitteln und Lehrmethoden, von padagogischen Idealen, 
in der gesetzgeberischen Arbeit und dem Auf- und Ausbau des 

/ 



74 M. Frischeisen-Kohler, 

offentlichen Erziehungs- und Unterrichtsweseus. Wie die schop- 
ferische wissenschaftliche Tatigkeit findet audi die schopferische 
erzieherische Tatigkeit in einer Fiille von objektiven Erzeugnissen 
ihren Ausdruck und Niederschlag. Und so gut wie es dort eine 
besondere Aufgabe der theoretischen Selbstbesinnung ist, die in 
der wissenschaftlichen Arbeit und ihren Produkten waltende Idee 
der Wissenschaft nach ihrer Struktur, ihren Voraussetzungen, 
ihren Grenzen zu bestimmen, so wird audi die Besinnung auf die 
die erzieherische Tatigkeit gestalteude Idee der Erziehung und die 
methodische Explikation ihres Weseus als besondere Aufgabe 
anerkannt werdeu miissen. Denn was Erziehung, als eine selb- 
standige Angelegeuheit unseres Lebens begriffen, uns eigentlich 
bedeute, was sie an Voraussetzungen einschliesst, welche Gruppen 
von Leistungen sie begriindet, wie sie nicht nur an einem Punkt, 
sondern in der Ganzheit des Lebens das Sinnliche des Menschen 
mit dem tjbersinnlichen verbindet: all das ist keine schlichte, etwa 
aus dem nachsten Wortgebrauch zu entnehmende Einsicht. Die 
armseligen Definitionen, welche die padagogischen Systeme vielfach 
an ihre Spitze stellen, lassen uns in ihrer Diirftigkeit und Un- 
fruchtbarkeit — denn sie stehen kaum in irgend einem Zusammen- 
hang mit dem uachfolgenden Inhalt des Systems — deutlich das 
Fehlen jener Unterlage erkennen, auf das alle die bisherigen Be- 
trachtungen hinzielen. Wie vermochten wir aus einer Definition 
der Philosophie oder der Wissenschaft oder der Kunst das Wesen 
dieser Schopfungen zu erkennen? Wie die Wissenschaftstheorie oder 
die Kunstphilosophie nicht auf dem Wege einer freien Konstruktion 
im leeren Raum des Gedankens, sondern nur im Hinbick auf die 
Wissenschaft oder die Kunst als ein lebendiges Erzeugnis der 
lebendigen Kultur moglich ist, kann auch die Padagogik das Wesen 
der Erziehung nicht anders als in dem erziehlichen Leben selber, 
in dem geschichtlichen Prozess, in welchem in langsamer Arbeit 
die Fiille der Moglichkeiten ausgebildet und der Reichtum seiner 
Auspragungen hervortritt, erkennen. Aber so wenig Wissen- 
schaftstheorie Oder Kunstphilosophie, well sie nur mit Hinblick 
auf die Schopfungen und Erzeugnisse des geschichtlichen Lebens 
entwickelt werden konnen, darum selber dem Historismus oder dem 
Psychologismus verfallen, vielmehr in der Explikation des Sinnes 
ihres Gegenstandes konstruktiv-systematisch vorgehen miissen, 
wird auch die Herausarbeitung der Prinzipien, welche die Erzie- 
hung als eine autonome Kulturfunktion bestimmen, eine konstruktiv- 



Philosophie und P9,dagogik. 75 

systematische Leistung sein, der nach alien Merkmalen ihrer Eigen- 
art ein philosophischer Charakter wohl zuzusprechen ist. 

Die besondere Methodik einer solchen „ Philosophie der Er- 
ziehung" hangt nattirlich von der Auffassung der Philosophie als 
Wissenschaft ab. So wenig und so weit hierin eine Einigkeit 
erreicht ist, wird die Philosophie der Erziehung dem Streit der 
entgegengesetzten philosophischen Standpunkte entriickt sein. Wohl 
aber kann sie sich, und das ist wesentlich, der Bezugnahme auf 
ein bestimmtes Ideal des Lebens, wie es zu entwickeln auch eine 
Aufgabe der Philosophie ist, entziehen. Die Erziehungsphilosophie 
will die konstitutiven Prinzipien der Erziehungswirklichkeit, wie 
sie die geschichtliche Entwicklung gestaltet hat, herausstellen. 
Eben darum ist sie nicht auf eine Einzelerscheinung festgelegt. 
Sie wird vielmehr von vornherein mit sehr betrachtlichen Modifi- 
kationen, auch Entstellungen und Verzerrungen der erziehlichen 
Arbeit durch besondere Abhangigkeiten und von aussen eingreifende 
Storungen zu rechnen haben. So erstrebt auch die Wissenschafts- 
theorie nicht die Rechtfertigung des jeweiligen empirischen Bestan- 
des unseres Wissens, in welchem Irrungen und Abweichungen und 
der Einfluss von Motiven, die aus anderen Spharen heriiberwirken, 
die reine Idee der Wahrheit, auf deren Realisation die Wissenschaft 
abzielt, truben. Entsprechend handeit es sich fiir die Erziehungs- 
philosophie urn die Konstruktion des reinen falles, der aus der ver- 
wirrenden Mannigfaltigkeit der historischen Erscheinungen heraus- 
geschaut werden muss und jedenfalls prinzipiell von alien Ver- 
kiimmerungen, Uberwucherungen und auch missbrauchlichen Ver- 
weudungen, denen die Erziehung so gut wie die Wissenschaft oder 
die Kunst ausgesetzt ist, unterschieden werden kann. Aber in 
gleicher Weise kann und muss ein solches Unternehmen auch von 
der spezifischen Idealbildung, die der Philosophie neben der Reli- 
gion obliegt, gesondert werden. Wohl wird die Diskussion der 
allgemeinen Bedingungen, welche die Bildung zu einem Ideal er- 
moglichen, eine ihrer vorziiglichsten Aufgaben sein. Aber von der 
Abhangigkeit von einem bestimmten sittlichen oder metaphysisch- 
religiosen Ideal kann sie sich frei halten, indem sie, wie gegen- 
iiber der empirischen Wirklichkeit, so auch gegeniiber der Welt 
konkreter Ideale den Weg sich of fen halt. Das ist auch darum 
wichtig, weil nur bei einer solchen Trennung die normative Auf- 
gabe der Padagogik von ihrer rein philosophischen geschieden 
werden kann. Es war hervorzuheben, dass die empirische Pada- 



/ 



76 M. Frischeisen-Kohler, 

gogfik der neueren Zeit mit ziemlicher Deutlichkeit von der wissen- 
schaftlichen padagogischen Forschung den Aiifbau von padago- 
gischen Systemen unterscheidet, die zielbestimmend die Fortbil- 
dung des Erziehungswesens in irgend einer Richtung erstreben. 
Ebenso hat die philosophische Padagogik in der Wendung, die sich 
bei Schleiermacher gefimden hat, tatsachlich den Verzicht auf 
die Wendung zu einem besonderen Ideal ausdriicklich anerkannt. 
Diese Unterscheidung ist festzuhalten. Wie diejenigen systema- 
tischen Geisteswissenschaften, die es gleich der Padagogik mit 
einer iinmittelbar praktischen Tatigkeit des Menschen zu tun haben, 
gerat auch sie zu leicht in die Versuchung, das, was sie in metho- 
discher Selbstbesinnung erstrebt, mit der Aufgabe einer realen 
Einwirkung auf das Leben und der Fortfiihrung der geschicht- 
lichen Entwicklung in bevorzugter Richtung zu verbinden. Aber 
gleich der theoretischen Nationalokonomie oder der theoretischen 
Rechtswissenschaft wird die theoretische Padagogik, wenigstens in 
ihrem theoretischen Teil, sich nur auf das Allgemeine, wie es in 
dem konkreten Einzelnen als konstruktives Prinzip wirksam ist, 
zu beschranken haben, wenn auch die so gewonnene Theorie sich 
dann als vorziiglichste Unterlage fiir den Aufbau eines positiven, 
in die Zukunft iiberfiihrenden Systems, das aber von vorn herein 
auf eine geschichtliche Relativitat beschrankt ist, erweisen mag. 
Dazu muss aber freilich in dieser Theorie der Anschluss an das 
Ideal ermoglicht und vorbereitet sein. Die Erziehungswirklichkeit, 
in ihrer geschichtlichen Fiille betrachtet, strebt ja jederzeit von 
innen heraus eine Verschmelzung des Gegebenen mit dem, was nie 
gegeben werden kann, an. In ihr ist der Vorwurf und die Auf- 
gabe, die eine Erziehungsphilosophie zu losen hat, vorgezeichnet. 
Diese wird, wenn sie sich selbst versteht, das, was in der ihr gege- 
benen Erziehungswirklichkeit sichtbar wird, zur Explikation bringen, 
indem sie das Empirische unter dem Gesichtspunkt der philoso- 
phisch durchdachten Idee der Erziehung betrachtet. Sondern wir 
in der arbeitsteiligen Forschung die einzelnen Untersuchungsgebiete, 
grenzen wir die Jugendkunde gegeniiber der Bildungsgeschichte 
und diese wiederum gegeniiber der Lehre vom Ideal ab, so miissen 
wir eine Wissenschaft haben, deren zentrale Aufgabe darin liegt, 
die allgemeinen Bedingungen ihres Zusammenhanges und ihrer 
Wechselbeziehungen herzustellen und zu verfolgen. Eine solche 
Erziehungsphilosophie bietet dann der praktischen Padagogik die 
philosophischen Voraussetzungen in einem begrenzteren, aber viel- 



Philosophie und Padagogik. 77 

leicht auch fruchtbareren Sinne, als bisher Psychologie und Logik, 
Ethik und Aesthetik dafiir in Anspruch genommen worden sind. 
Sie mag die Ergebnisse von Psychologie, Ethik und Logik be- 
nutzen, vielmehr ist es ihre Pflicht, dies in ihrer Art zu tun. Aber , 
immer geht sie iiber sie hinaus, indem sie diese, die zunachst be- 
ziehungslos erscheinen mOchten, in das lebendige Verhaltnis zuein- 
ander setzt, durch welches wir die Erziehungswirklichkeit, die uns 
umgibt, von ihrem gestaltenden Zentrum aus erleuchten und er- 
kennen konnen. 

Diese hier nur anzudeuteude Aufgabe lasst aber gerade, was 
die Philosophie dabei betrifft, noch eine andere Wendung zu. 
Wenn nach dem Verhaltnis von Padagogjk und Philosophie ge- 
fragt wird, dann scheint es sich zunachst immer nur darum zu 
handeln, in welchem Umfang die Erziehungslehre von philoso- 
phischen Ideen abhangig zu denken ist. Aber wenn einmal die 
Autonomie der Erziehungswirklichkeit und die Selbstandigkeit 
einer Erziehungsphilosophie eingesehen ist, ist die umgekehrte 
Fragestellung nicht minder berechtigt. Denn wie alle empirische 
Wirklichkeit der philosophischen Anschauung und Gedankenbildung 
Anregung zu verleihen vermag, gestalten sich auch innerhalb der 
Erziehungswirklichkeit Lebensverhaltnisse eigentiimlicher Art und 
von eigentiimlichem Wert, die iiber den engeren Kreis des Pada- 
gogischen hinaus Lebens- und Weltanschauung des Menschen be- 
einflussen konnen und beeinflusst haben. iWie seltsam etwa, um 
nur ein Beispiel herauszugreifen, dass man die riickwirkende Be- 
deutung der Erziehung fUr unser sittliches Leben so leicht zu 
•unterschatzen geneigt ist! Bis auf den heutigen Tag hat die An- 
erkennung von dem Eigenwert des erzieherischen Wirkens sich 
noch nicht durchsetzen konnen. Dem padagogischen Genius wird 
das Biirgerrecht in der Gesellschaft der grossen schopferischen 
Menschen zu gern verwehrt, als ob es nicht eine schwierigere 
und oft genug auch bedeutendere Leistung ware, einen Menschen 
zu bilden, als ein Buch zu schreiben oder ein Kunstwerk zu 
modellieren. Sklaven waren einst Erzieher der Kinder, und 
noch ist nicht ganz die geringere Wertung, die man dem 
Stand der beruflichen Jugendbildner gleichsam als einer gesell- 
schaftlichen Schicht von untergeordneter Bedeutung entgegenbringt, 
geschwunden. Aber vielleicht tritt eben in dieser gewiss bedauer- 
lichen Verkennung ein innerer und eigener Zug im Erzieherberuf 
hervor, der sich bis zu tragischer Grosse steigern kann. Von 



78 M. Frischeisen-K5hler, 

alien produktiven Mensclien ist der Erzieher der selbstloseste. 
Wie sehr der wissenschaftliche Forscher, der Dichter, der Kunstler 
imd auch der Staatsmann hinter ihrem Werk zuriicktreten : alle- 
mal gehort ihnen doch das, was sie geschaffen haben, in einem 
gewissen Sinne dauernd zu, bildet es einen Teil einer umfassenderen 
geistigen Welt, die in ihm, dem Schopfer, ihren Mittelpunkt be- 
sitzt und auf ihn in I'eder Weise zuriickverweist. In der Idee 
des Erziehens wird auch diese Beziehung, die das Werk mit dem 
Autor verknupft, gelost. Wenn der Erzieher ganz dariu aufgeht, 
andere zu bilden, das zu entfalten, was in der Seele eines anderen 
schlumraert, so ist damit ein Verzicht auf eigene Leistung oder 
doch eine solche Einschrankung derselben ausgesprochen, die kaum 
iiberboten werden kann. 

Nirgends tritt diese Selbstentausserung iibermachtiger und 
ergreifender zugleich als in dem grossten padagogischen Genius, 
den das Altertum erzeugt hat, als in Sokrates hervor. Was 
wissen wir von Sokrates, dem Philosophen? Die Bemiihungen 
unserer Historiker, von diesem Menschen, der keine Zeile geschrieben 
hat, philosophische Lehren zu ermitteln, haben wenig Erfolg gehabt. 
Was wir mit Sicherheit von ihm feststellen konnen, ist, dass er 
inmitten der aufklarerischen Bewegung seiner Zeit stand, nur dass 
er sich ihren skeptischen und destruktiven Tendenzen entgegensetzte. 
Soil er doch selber bekannt haben, dass das einzig Sichere, was er 
wisse, das eigene Nicht wissen ware. Solange man Sokrates aus- 
schliesslich als Philosophen zu verstehen sucht, bleibt ein sonder- 
bares Missverhaltnis zwischen der exzeptionelleu Stellung, die er 
innerhalb der antiken Geistesgeschichte einnimmt, und der Diirftig- ' 
keit alles dessen, was uns von seinen philosophischen Leistungen 
verlasslich iibermittelt wird. Ganz anders gestaltet sich aber das 
Bild, sobald man die erzieherische Seite seines Wirkens erwagt. 
Der Einfluss, den er auf die Jugend ausgeiibt hat, der ihm zum 
Verhangnis wurde, war unermesslich. Was er von sich selbst ge- 
sagt haben soil, dass ihm, dem Sohn einer Hebamme, der Gott 
nicht zu zeugen, sondern zu entbinden aufgetragen habe, ist, wie 
die Geschichte seiner Wirkung lehrt, hochste Wahrheit geworden. 
Von dieser Seite aus angesehen erscheint das Bekenntnis des 
eigenen Nichtswissens in einem neuen Licht; in diesem Menschen, 
der in jeder Art von Liebe der Jugend zugetan war, lebte nicht 
nur ein Glaube an diese Jugend, sondern auch die Kraft, was in 
ihr an Zukunftskeimen angelegt war, zu erspahen, ans Licht zu 



Philosophie und Padagogik. 79 

fordern, es zu ihrem eigenen Besten zu entwickeln. Alles ver- 
einigte sich in ihm, um diese Wirkung zu erschweren. Um so 
grosser muss die unwiderstehliche Macht gewesen sein, die von 
ihm ausging. Kein Zweifel, dass dieser Kopf die Lage seiner 
ganzen Zeit iibersah, dass dieser ganz auf intellektuelle Kultur 
gerichtete Geist iiber eine bloss kritische Stellungnahme zu posi- 
tiver Mitarbeit befahigt war. Aber das ist das Grosse und Er- 
greifende zugleich, dass Sokrates alles, was in ihm lebendig war, 
in den Dienst der Jugendbildung stellte, dass er, einer der grossten 
aller Menschen, die je gelebt, daran arbeitete, sich erniedrigte 
(wenn es eine Erniedrigung war), der kommenden Generation die 
Wege zu ebnen. So wenigstens tritt sein Bild uns in der Literatur 
entgegen, die sich an seinen Namen, an seine Person gekniipft 
hat. Widersprechend und abweichend yoneinander ist alles, was 
die einzelnen Schiiler iiber seine sogenannte Lehre berichten; aber 
dies doch nur darum, weil jeder von ihnen in dem Umgang mit 
ihm nur sich selber fand und doch glaubte, alles von ihm empfangen 
zu haben. Wer will leugnen, dass in diesem Typus sokratischen 
Verhaltens, das durch die Zeiten hindurch in mannigfacher Modi- 
fikation wiederkehrt, ein ethisches Phanomen von hochster Be- 
deutung vorliegt und zwar ein ethisches Phanomen, das doch nicht 
nur als die einfache Anwendung einer allgemeinen moralischen 
Formel auf einen besonderen Fall konstruiert werden kann? Die 
genauere Analyse vermag hier vielmehr umgekehrt zu zeigen, dass 
das Besondere, das uns hier in der Erziehungswirklichkeit ent- 
gegentritt, dieses sittliche Verhalten erst aus sich hervorgehen 
lasst und daher nicht sowohl aus einem ethischen System folgt, 
als vielmehr dies erganzt, indem es die Sphere des Sittlichen iiber- 
haupt erweitert. 

Und wenn hier wie bei weiteren in den erzieherischen Lebens- 
verhaltnissen angelegten Momenten noch Zweifel moglich waren, 
ob tatsachlich die Ethik nicht nur die Gestaltung der Erziehung 
beherrscht, sondern auch von ihr empfangt, dann gilt das jeden- 
falls in einem anderen Punkte unbestreitbar. Es ist die Idee der 
Erziehung selber, welche auf das gesamte sittliche Leben einen 
ausserordentlichen Einfluss ausgeiibt hat. Wie die Idee eines 
Familienzusammenhanges ist die Erziehungsidee aus Verhaltnissen 
hervorgegangen, die in der urspriinglichen Organisation der 
Menschheit angelegt sind und zunachst wenigstens ihrer Funktion 
nach unabhangig von ethischen Zielbestimmungen waren; aber wie 

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80 M. Frischeisen-Kohler, Philosophic und Pftdagogik. 

die Werte, die in den Beziehuugen der Familienmitglieder zueinander 
enthalten sind, dann der Ethik einen vertieften Gehalt gegeben 
haben, sind auch die Werte erzieherischer Wirksamkeit iiber das 
eigentliche Gebiet der Jugendbildung hinaus von Bedeutung ge- 
worden. Fiir das sittliche Bewusstsein hat dann die Idee der 
Erziehung die weiteren Formen der Selbsterziehung und der Mensch- 
heitsefziehung angenommen. Diese beiden Wendungen konnen 
als unmittelbare Konsequenzen angesehen werden, welche die 
Ethik aus der von der Padagogik entwickelten Erziehungsidee 
gezogen hat. Es ist kein Zufall, dass derjenige Denker, der zu- 
erst den Gedankeu einer staatlich organisierten Erziehungsgemein- 
schaft erfasste, der geradezu die Zukunft des Menschengeschlechts 
in der fortschreitenden Erziehung seiner Glieder sah, dass PI a ton 
der Schiller desSokrates gewesen ist. Und als das Christentura 
nach Formeln suchte, sich das Verhaltnis Gottes zur Menschheits- 
geschichte vorstellig zu machen, konnte es kein tieferes Symbol 
als die Idee der Erziehung des Menschengeschlechts durch seinen 
Schopfer finden. Hier ist die Wechselwirkung von Padagogik und 
Ethik offenbar. 

Aber doch eine Wechselwirkung, die ganz sicher nicht nur 
auf Padagogik und Ethik beschrankt ist. Liegt nicht ebenso eine 
Riickwirkung einer didaktischen Schopfung in der Entwicklung 
der sokratischen Proteptik zur platonischen Dialektik vor? Geht 
man diesen Anregungen nach, dann eroffnet sich der Ausblick auf 
noch unaufgedeckte Zusammenhange in dem Geistesleben, die nach 
sehr verschiedenen Richtungen hin weiter fiihren. Aber schon 
diese Andeutungen mogen geniigen, um darzutun, dass die Er- 
ziehungsphilosophie, wenn sie in der gegebenen Begrenzung zu- 
nachst enger und armer an Inhalt als nach der umgehenden An- 
schauung erscheint, in Wahrheit doch an Aufgabeu und Reiehtum 
gewinnt. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 

von Hans Driesch. 



Diese Skizzen wollen nicht mehr sein als eben Skizzen. Es 
handelt sich um, wie mir scheint, i^cht ganz unwesentliche Ge- 
danken der Auffassung und der Kritik, die mir bei unablassiger 
Beschaftigung mit den Werken Kants, zu Zwecken des Studiums 
und fiir Vorlesungen, gekommen sind. Auf die grosse Kantliteratur 
gehe ich absichtlich nur ganz nebenbei ein. 

Was oft schon in ahnlicher Form von Anderen gesagt worden 
ist, wird hier nur noch einmal, sozusagen, kurz festgestellt. 
Die Kritik der Lehre von der Kausalitat als angeblicher Voraus- 
setzung der Moglichkeit von „Erfahrung" iiberhaupt, die Kritik 
der Lehre vom Geitungsbereich der Kategorien, die Kritik der 
Freiheitsantinomie sind mir die Hauptsache. In manchen Dingen 
beschrankt sich die Kritik auf eine ganz kurze Bemerkung, die 
irgend einen mir wesentlich erscheinenden Punkt heraus greift. 
Viele Punkte der Kantischen Philosophic kommen iiberhaupt gar 
nicht zur Sprache. 

Vorausgeschickt aber sei allem das Wort Schopenhauers: 
„Es ist viel leichter in dem Werke eines grossen Geistes die 
Fehler und Irrtiimer nachzuweisen, als von dem Werk desselben 
eine deutliche und voUstandige Entwicklung zu geben". — 

Wo immer es anging, sind Kants eigene Worte gebraucht 
worden. Die beigefiigten Seitenzahlen sind diejenigen der Reclam- 
ausgabe, die ja jedem zur Hand ist. Zahlen ohne Zusatz be- 
zeichnen Stellen der Kritik der reinen Vernunft, Pr. bedeutet 
Prolegomena, K. d. pr. V. Kritik der praktischen Vernunft, K. d. U. 
Kritik der Urteilskraft. 

KuitttadlAn XXII. Q 



82 H. Driesch, 

I. Grundlegendes. 

1. Das Dasein der Dinge an sich und ihre Beziehung 
zum „Gemut". 

a. 

„Die Existenz Ton Sachen", d. h. von Dingen an sich zu be- 
zweifeln, ist Kant „niemals in den Sinn gekommen" (Pr. 72); 
Gegenstande im Raume, also empirische Dinge, aber sind nicht 
als raumliche Gegenstande Dinge an sich, sondern sind „Er- 
scheinungen, deren Moglichkeit auf dem Verhaltnisse gewisser 
an sich unbekannter Diqge zu etwas anderem, namlich unserer 
Sinnlichkeit beruht" (Pr. 64). Das „Verhaltnis" der Dinge an sich 
zur Sinnlichkeit ist ein Verhaltnis des „Affizirens": „Die Wirkung 
eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfahigkeit, sofern wir von 
demselben affiziert werden, jst Empfindung" (48, Pr. 68 und sonst 
oft). Was an der Erscheinung, d. h. dem raum-zeitlichen Gegen- 
stande, „der Empfindung korrespondiert" (49), heisst „Materie" der 
Erscheinung; es stammt also von der Affektion durch Dinge an 
sich her; Raum und Zeit sind „Formen" der Erscheinung. Die 
Empfindungen selbst sind ursprtinglich ein „roher Stoff" (35, 647); 
sie bekommen, damit zur ^Erscheinung" werdend, ihre Formen erst 
von seiten gewisser im affizierten Gemiite bereitliegender Formungs- 
vermogen, deren Ergebnisse, also Raum- und Zeitformen, „bloss im 
Subjekte ihren Sitz haben" (54). 

An dieser Auffassung ist das Folgende ungepriift hinge- 
nommen: 

Erstens: dass es Dinge an sich giebt.^) 

Zweitens: dass es das Subjekt oder das „Gemiit" gibt, 
und dass dieses mit einem gewissen Formungsvermogen, als mit 
einer Eigenschaft, ausgestattet ist. 

Ob die Formung selbst, soweit sie bloss anschauliche, d. h. 
Raum-Zeit-Formung ist, als bewusste Tatigkeit angesehen wird 
Oder nicht, mag dahingestellt bleiben, (ftir die unanschaulichen 
Formungen lehrt freilich Kant spater ausdriicklich die bewusst- 
tatige Formung.) 

») Kant sagt freilich (233), es folge „aus dem Begriff der Er- 
scheinung^ tiberhaupt, dass ihr etwas entsprechen miisse, was an sich 
nicht Erscheinung ist". Aber das ist doch kein Beweis! Man braucht ja 
nur das Wort „ Erscheinung" zu vermeiden, dann fSllt das Argument hin. 
Von dem angeblichen Beweis des Realismus, d. h. von der angeblichen 
„Widerlegung des Idealismus" reden wir spater. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 83 

Dass die ungepriifteii Voraussetzungen der Kantischen 
Lehre von Empfindungen, Raum und Zeit metaphysisch, und zwar 
von der naiv-realistischen Art, sind, wird wohl allgemein zugestanden. 
Solche Voraussetzungen diirfen aber nicht im Beginn kritischen 
Philosophierens stehen. Ich habe bewusst in Raum und Zeit geformte 
reine Solchheiten (Qualitaten) — das allein darf mit Riicksicht 
auf den hier behandelten Sachverhalt der Ausgang der Darstellung 
sein : von Dingen an sich, von Affizieren, von Eigentiimlich- 
keiten des Gemuts, von „bloss subjektiv" kenne ich hier zunachst 
noch gar nichts. 

Wenn ich aber, andererseits, ein Wirkliches, also Dinge an 
sich, zulasse, dann diirfte es zum mindestens fraglich sein, ob 
alles Raum-Zeithafte^) „bloss subjektiv" sei. Mit Riicksicht auf 
Raumhaftigkeit und Zeithaftigkeit nur als Raumhaftigkeit und Zeit- 
haftigkeit mag dieser Satz vielleicht gelten — das ist grundsatzlich 
unentscheidbar, da ich ja das Ansich immer nur, insof ern es ein Fiir- 
mich ist, kennen kann. Aber mit Riicksicht auf die besonderen 
raumhaften und zeithaften Bestimmungen und Verschiedenheiten im 
Reiche der „Erscheinung" gilt der Satz von der blossen Subjektivitat, 
wenn einmal das Dasein eines Ansich zugegeben ist, sicherlich 
nicht, ist er vielmehr geradezu falsch. Erscheinungen sollen ja 
doch Folgen des Wirklichen, welches also ihr Grund ist, sein, 
freilich nicht im eigentlich kausalen, aber auch nicht im bloss 
logischen Sinne, und der Grund kann nie armer, hochstens reicher, 
an Mannigfaltigkeit sein, als die Folge.^) Unterschiede der 
Erscheinungen bedeuten also jedenfalls (ihrem Dasein nach unbe- 
kannte) Unterschiede im Reiche des Wirklichen, und zwar, wenn 
es sich um verschiedene Erscheinungsunterschiede handelt, 
verschiedene Wirklichkeitsunterschiede. Es ist also z. B. un- 
moglich zu sagen, dass der Erscheinungsunterschied zwischen 
Kugel und Kegel, fiir das (seinem Dasein nach freilich unkennbare) 
Wirkliche nicht etwas anderes bedeuten solle als der Erscheinungs- 
unterschied zwischen einer Kugel und einem Ellipsoid. Will Ich 



^) Dass die Kantische vollige Parllelisierung von Raum und Zeit 
phaenomenologisch unrichtig ist, habe ich an anderer Stelle gezeigt. Das 
Neben mit alien seinen Kennzeichen wird unmittelbar gehabt; Zeit- 
liches wird aber urspriinglich nur punktual, als damals oder friiher alt 
gehabt und die Begriffe stetige Zeit und Werden sind zusammengesetzte 
konstruktive Begriffe. 

«) Ygl. meine Wirklichkeitslehre, 1917, S. 22 ff., 26 ff., 63 ff., 71 ff. 

6* 



84 H. Driesch, 

das Wirkliche setzen, — (und Kant setzt es) — so muss ich 
alle Erscheinungsunterschiede und Erscheinungsbesonderheiten je- 
denfalls Unterschiede und Besonderheiten in seinem Reiche „be- 
deuten** lassen, wenn es sich da auch um Unterschiede und Be- 
sonderheiten unbekannten Soseins handelt. 

Zugleich ergiebt sich, dass das Empfindungsmaterial denn 
doch nicht ein so ganz „roher" chaotischer Stoff sein kann : es muss 
vielmehr, damit es zu besonderen Raum-Zeitformungen auf seiner 
Grundlage kommen konne, offenbar besondere Formungsfahigkeit 
besitzen, die ihrerseits auf das Ding an sich zuriickweist. Hiervon 
werden wir anlasslich der unanschaulichen Formungen eingehen- 
der reden. 

Davon ferner, das Ich zuerst einen rohen Stoff und dann 
raum-zeithaft geformten Stoff erlehe, kann natiirlich selbstbesinn- 
lich gar keine Rede sein; das hat Kant auch wohl nicht sagen 
woUen, (bezuglich der Kategorienformung giebt es aber Stellen 
bei ihm, die Entsprechendes sagen). — 

b. 

Das „Gemiit** hat — (abgesehen von „Einbildungskraft", 
„Urteilskraft" und „Vemunft**, von denen wir hier nicht reden 
wollen) — noch eine andere Eigentiimlichkeit : den Verstand. 
Er ist das Vermogen zur unanschaulichen Formung. Das 
Formungsmaterial sind jetzt „Erscheinungen", d. h. die in erster, 
der anschaulichen, Stufe bereits geformten letzten Materialien ; 
die letzten, ganzlich ungeformten Materialien waren ja die Emp- 
findungen. Der unanschaulich formende Verstand formt mittels 
der Kategorien, welche letzthin die Verkniipfungsfunktionen, welche 
in den Urteilen zu Tage treten, sind. 

Die Anwendung der Kategorien, und zwar in Sonderheit der 
Relationskategorien : Substanz, Kausalitat, Wechselwirkung, macht 
erst die bis dahin bios raum-zeithaften „Erscheinungen" zu Ob- 
jekten.^) Man „kann zwar alles, und daher jede Vorstellung, 
sofern man sich ihrer bewusst ist, Objekt nennen" (182), aber 



^) Kant verwendet leider das Wort „ErscheinuDg" in zweifacher 
Bedeutung. Bald sind „Erscheinungen" die empirischen Dinge, bald die 
bloss raum-zeitlich, aber noch nicht kategorial geformten Empfindungen. 
Wir werden im Text, wenn es nicht unzweifelhaft aus dem Zusammen- 
hang hervorgeht, imnaer ausdrticklich sagen, was genieint ist. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 85 

jetzt, nach der kategorialen Formung, kann doch von Objekten 
erst geredet werden als von Etwas, das durch Erscheinungen 
„bezeichnet" wird. Die echten Objekte sind also die Dinge der 
empirischen Wirklichkeit ; eben dass das moglich ist, was ich meine 
empirische Wirklichkeit, was ich ^Natur" nenne, das koramt durch 
die Kategorien, angewendet auf die rein raum-zeithaften „ Er- 
scheinungen". 

Mittels der Kategorien „schreibt der Verstand gleichsam der 
Natur Gesetze vor" (677). Freilich nur „gleichsam"^) und nur 
der allgemeinen Form nach; denn es giebt ja doch das Ding 
an sich, den wirklichen Gegenstand, den wir zwar nicht kennen 
konnen. Wir wissen von ihm nur „dass er dawider ist, dass 
unsere Erkenntnisse nicht aufs geradewohl, oder beliebig, sondern 
apriori auf gewisse Weise bestimmt seien" (119). Dass ich also 
z. B. kausal iiberhaupt forme, ist apriori, dass ich jetzt und 
hier in dieser bestimmten Weise kausal forme, riihrt von der 
besonderen Erscheinung, welche ich letzthin erlebe, und, weiter 
zuriick, vom Ding an sich her. Das blosse Nacheinander der 
Verkniipfung verschiedener besonderen Erscheinungen muss „ge- 
geben" sein, (und zwar, wie sich noch zeigen wird, in vielen 
gleichen Fallen), auf dass ich von einem besonderen kausalen „Ge- 
setz" reden k5nne; aber dass ich alsdann von einem kausalen 
Gesetz, das unter Objekten besteht rede, das ist meine 
kategoriale Tat. 

Es ist eine notwendige Folge dieser Lehre, dass eine har- 
monische Beziehung, ein Zueinanderpassen zwischen Erscheinung, 
als bloss anschaulich geformtem Empfindungsmaterial, und den im 
Gemiit bereit liegenden Kategorien, ja, weiter zuriick zwischen 
Ding an sich und Kategorien bestehen muss. Jedenfalls kann ich 
vom Ding an sich, welches ja mein Gemiit affiziert, nur erkennen, 
was meine Kategorien sozusagen erwecken kann — wenn schon 
auch dann nur als meine „Vorstellung'' und nicht in seinem An- 
sich-selbst. Kant hat nun zwar in der zweiten Auflage der 
Kritik den Gedanken einer Harmonie scharf abgelehnt (682 f.), 
aber er denkt hier wohl nur an die besondere Harmonielehre des 
Leibniz. Jedenfalls kommt er um die Annahme eines Zueinander- 
passens erstens von reinem Empfindungsmaterial zu den Anschauungs- 



1) Das „gleichsam" fehit freilich oft, so zumal in der bekannten 
SteUe Pr. 102. 



86 H. Driesch, 

formen und zweitens von den Erscheinungen, d. h. den schon an- 
schaulich geformten Empfindungen, zu den Kategorien in keiner 
Weise herum. Die zweite Harmonie ist auf die erste zuriickzu- 
fiihren: Empfindungen, d. h. Affektionen des Subjekts durch das Ding 
an sich, sind so geartet, dass sie vom Subjekt mit Anschauungs- 
formen und Kategorien geformt werden konnen; ein ganz „roher" 
Stoff sind also die Empfindungen nicht. Letzthin sind „affizie- 
rende" Dinge an sich das Eine, das Subjekt mit seinen Formen 
als Eigentiimlichkeiten das And ere; und das Eine passt zum 
Anderen; das Formende findet das Geformtwerdenkonnende als 
„gegeben" vor. 

Kants Rede vom „rohen*' Stoff ist wohl nur ein unscharfer 
Ausdruck. Dass er selbst an irgend eine harmonische Beziehung 
zwischen Ding an sich und Subjekt denkt, geht ja ganz unzwei- 
deutig aus folgender Stelle hervor: „Denn dass Gegenstande der 
sinnlichen Anschauung den im Gemiit a priori liegenden for- 
malen Bedingungen der Sinnlichkeit gemass sein miissen, ist daraus 
klar, weil sie sonst nicht Gegenstande vor uns sein wiirden". 
Aber auch „den Bedingungen, deren der Verstand zur synthetischen 
Einheit des Denkens bedarf", miissen sie „gemass" sein. „Denn 
es konnten allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, dass der 
Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemass 
fande." Dann ware z. B. der Begriff der Kausalitat„ganz leer, 
nichtig und ohne Bedeutung", und zwar obwohl „ Erscheinungen 
nichts desto weniger unserer Anschauung Gegenstande darbieten" 
wiirden (107 f.).^ ^ 

[In der „Kritik der Urteilskraft" kommt noch eine andere 
Art der Harmonie zwischen dem Gegebeneu und dem Subjekt zu 
der geschilderten hinzu. Es handelt sich urn das „Gesetz der 
Spezifikation der Natur in Ansehung ihrer empirischen Ge- 
setze", also nicht in Ansehung der Gesetzesform „Kausalitat" 
iiberhaupt. „Die Natur spezifiziert ihre allgemeinen Gesetze nach 
dem Prinzip der Zweckmassigkeit fiir unser Erkenntnisvermogen", 
so dass das Subjekt ein System von Gattungen und Arten 
des Gesetzlichen schaffen kann. Das brauchte doch nicht so zu 
sein; vielmehr „lasst sich wohl denken, dass die spezifische Ver- 
schiedenheit der empirischen Gesetze der Natur so gross sein 



^) Vgl. hierzu das oben (S. 84 Anm.) iiber die schwankende Bedeutung 
des Wortes „Erscheinung* bei Kant Gesagte. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 87 

kounte, dass es fiir unseren Verstand unmoglich ware, in ihr eine 
fassliche Ordnung zu entdecken, ihre Produkte in Gattungen und 
Arten einzuteilen" (K. d. U. 24). 

Unseres Erachtens freilich steht diejenige Form der Harmo- 
nie, welche zwischen „Gegebenem" und den „EigentUmlichkeiten" 
des Subjekt in Hinsicht der allgemeinen Kategorienformung be- 
steht, derjenigen, welche Systematik ermoglicht, viel naher im We- 
sen, als Kant es lehrt, der ja beide auf verscliiedene „Verm6gen" 
des Subjekts, auf Verstand und auf „Urteilskraft", bezieht. Ubri- 
gens handelt es sich nach unserer eigenen Lehre ja freilich iiber- 
haupt nicht urn eine Harmonie, wenigstens so lauge wir keine 
Metaphysik, sondern nur Logik treiben: wir schauen im bewusst 
gehabten Etwas die Ordnungsformen „Kausalitat" und „System"]. — 
Ungepriift hingenommenen im Sinne einer naiv realistischen Meta- 
physik ist in Kants Lehre von den unanschaulichen Formungen 
hinwiederum die Annahme besonderer Eigentiimlichkeiten des Ge- 
miites, namlich der „Beschaffenheit unseres Verstandes" (Pr. 100), 
welche diesmal geradezu als bewusste auf Tatigkeitsvermogen be- 
ruhende Tatigkeiten, als „Handlungen" gedacht sind. Im iibrigen 
gehen natiirlich in die Kategorienlehre alle schon vorher genannten 
ungepriiften Voraussetzungen sein. 

Kant hat nicht den Begriff des reinen Ichschauens der un- 
anschaulichen Ordnungsbedeutungen im bewusst gehabten Etwas. 
Bei dieser unserer^) Lehre tritt die Harmoniefrage gar nicht auf — 
wenigstens so lange man in der Logik bleibt. 



2. Die Mehrzahl der Subjekte. Das Bewusstsein 
iiberhaupt. 

Wir wissen bis jetzt nur, dass Kant unbesehen an den 
Ausgang seiner Philosophie stellt: das Dasein der Dinge an sich, 
das Dasein eines Subjekts mit Eigenschaften im Sinne von Ver- 
mogen und von Tatigkeiten, die Affektionsbeziehung zwischen 
beiden. 

Aber er redet nun weiterhin unbesehen von einer Mehrheit 
von Subjekten oder Ichen und vielleicht noch von anderem. Die 



*) Vgl. meine systematischen Werke Ordmmgslehre, Logik als Aufgabe, 
Wirklichkeitslehre. Die Ausf iihrungen von H.Corneliusin seiner Transcenden- 
talen Systematik (1916) sind meinen Gedanken nahe verwandt. 

/ 



88 H. Driesch, 

Lehre von den vielen Subjekten — (und vielleicht noch von an- 
derem) — begriindet weiterhin seine Lebre von der Allgemein- 
giiltigkeit kategorial geformter Aussagen, seien sie rein oder 
empirisch erfiillt, fiir jene Mebrheit (oder fiir noch anderes). 

Zunachst tritt der Begriff der Mebrheit der Iche rein naiv, im 
Sinne realistischer Metaphysik auf, und ebenso der Begriff des 
Allgemeingiiltigen : „Alle unsere Urteile sind zunachst blosse Wabr- 
nehmungsurteile : sie gelten bloss fiir uns, d. b. fiir unser Subjekt, 
und nur hinten nach geben wir ihnen eine neue Beziehung, nam- 
lich auf ein Objekt und woUen, dass es auch fiir uns jederzeit und 
ebenso fiir Jedermann giiltig sein solle" (Pr. 77). So bedeutet 
deun also objektive Giiltigk^it zugleich subjektive, namlich fiir 
„Jedermann". Der Andere wiirde mir nicht als bewusstes Wesen 
gelten, wenn fiir ihn diese Giiltigkeit nicht bestiinde. 

,,Allgemeingiiltigkeit" ist hier also Giiltigkeit fiir Jeder- 
mann im empirischen Sinne und in der Sprache des taglichen 
Lebens. Die Schwierigkeiten des Begriff s „das andere psycho- 
physischen Wesens" werden gar nicht beriihrt. Strenge Ordnungs- 
lehre, welche zunachst nur reinen Ich-bezug unmittelbar und 
„andere Subjekte" nur sehr mittelbar, als ausserst zusammen- 
gesetzte Begriffe, kennt, ist das nicht. Es ist naiv metaphysischer 
Rest, ganz ebenso wie das Dasein der Dinge, das Affizieren, die 
Vermogen. 

Aber nun komnit vielleicht etwas ganz anderes; jedenfalls 
etwas, was heutzutage meist ganz anders, namlich als bewusste, 
sozusagen sublimierte Metaphysik gedacht wird. 

Im „Bewusstsein iiberhaupt" (Pr. 80 ff.), ist die objek- 
tivierende Synthese; fiir das ,,Bewusstsein iiberhaupt", das auch 
„synthetische Einheit der Apperception", die „transzendentale Ein- 
heit des Selbstbewusstsein" (659) oder kiirzer „transzendentale 
Apperception" (121) heisst, sind kategorial geformte Urteile giiltig. 
Das eben heisst, dass sie allgemeingiiltig seien. 

Soil das „Bewusstsein iiberhaupt" eine, alsdann zu Kants 
unmittelbaren Nachfolger iiberleitende, metaphysischen Kon- 
struktion sein, eine uberpersonliche wirkliche Wesenheit, an der 
alle „Ich" teilhaben? Wenn das, so konnte man vielleicht nur 
tadeln, dass sie nicht scharf genug als solche eingefiihrt ist. 

Oder soil ,,Bewusstsein iiberhaupt" nur das reine habende 
Ich bezeichnen, welches einzig ist, aber ohne Gegensatz zur Viel- 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 89 

heit? Das wtirde unseren „methodischen Solipsismus" ^) bedeuten. 
Was in den „Prolegomena" „Bewusstsein iiberhaupt" heisst, heisst 
ja doch in der zweiten Auflage der Kritik das ,,Ich denke", wel- 
ches ,,alle meine Vorstellungen muss begleiten konnen" (659). 
Das „Ich denke" liesse sich, wenn man es nicht als „Handlung" 
fasst, schon als unser „Ich habe bewusst" fassen, welches ja auch 
alle meine Vorstellungen ausdriicklich muss begleiten konnen — 
(wie Kant sehr fein von seinem „Ich denke" sagt). 

- Oder soil „Bewusstsein iiberhaupt", drittens, vielleicht mensch- 
liches Durchschnittsbewusstsein im empirischen Sinne sein? 
Das wohl am wenigsten, oder nur zur gelegentlichen Illustration. 

Oder soil, endlich, das „Bewusstsein iiberhaupt", wie man wohl 
gesagt bat, so etwas wie einen logischen Ort, ja, geradezu eine Ka- 
tegorie bedeuten? Kant selbst sagt einmal: „Ich denke mich 
selbst zum Behuf einer moglichen Erfahrung" (699). Das kann 
zweierlei meinen: Entweder man sagt nur das reine schlichte Ich 
des methodischen Solipsismus noch einmal ; das ist iiberfliissig. Oder 
aber man setzt etwas dem Ich gegeniiber, als dasjenige, welches in 
der Zeit als identisches bewusst hat; dann sollte man aber 
nicht Ich, sondern besser mein Selbst oder, wenn Un-bewusstes mit 
inbegriffen wird, meine Seele sagen.'') Man meint jedenfalls nicht 
dasselbe, wie wenn man „Ich" sagt. Denn Ich habe ja „mein 
Selbst" als einen Gegenstand, (was vom schlichten reinen Ich nicht 
gilt,) Ich habe mein Selbst in der Tat als einen Ordnungsbegriff, 
als die Kategorie „Subjekt". Dabei bleibt man aber im Rahmen 
des methodischen Solipsismus, man irrt sich, wenn man glaubt da- 
mit ohne weiteres aus ihm herauszukommen ; und ,,Allgemein- 
giiltigkeit" heisst hier nichts anderes, kann hier gar nichts an- 
deres heissen als Endgilltigkeit fiir Ich; auch das Schauen der 
Kategorie mein Selbst ist ich-endgiiltig ; die Kategorie mein Selbst 
ist Ich-kategorie. 

Wie soil die Entscheidung ausf alien? Ich meine, wir diirfen 
sagen: Sachlich richtig ist unsere vierte Auffassungsart, aber 
Kantisch ist die erste, die, wenn man so will, kryptometaphysische. 



1) Vgl. meine Ordnungslehre (1912) S. 2 f., 8, 1641 und ionst; Wirk- 
lichkeitslehre (1917) S. 7f., 20, 31 f., 41, 57 f. und sonst. 

») Vgl. Leib und Seele (1916) S. 103 ff., Wirklichkeitslehre (1917) S. 6, — 
Cornelius hat in seiner „transzendentalen Systematik", die ja im Grunde 
eine Ordnungslehre ist (s. z, B. S. 3, 258 und sonst) die hier obwaltenden 
Unterschiede klar gesehen (S. 246 ff.). 



90 H. Driesch, 

Ubrigens muss besonders scharf gesagt sein, dass wohl der 
Ausdruck „transzeDdeiitale Apperception", nicht aber der nur in den 
«„Prolegomena" verwendete Ausdruck „Bewusstsein Uberhaupt" bei 
Kant selbst die Rolle eines eigentlichen tei'minus technicus spielt; 
erst Neuere haben das „Bewusstsein iiberhaupt" dazu gemacht. 
Fiir die Sachfrage ist das freilich gleicligiiltig. 



3. Die „Widerlegung des Idealismus". 

In der ersten Aufiage der „Kritik'* iiatte Kant das Dasein 
des Dinges an sich einfach hingesetzt; in dem Satze, dass „aus 
dem Begriff einer Erscheinung iiberhaupt" folge, „dass ihr etwas 
entsprechen miisse, was an sich nicht Erscheinung ist" (233), sah 
er wohl selbst nichts Bindendes.^) In der zweiten Aufiage aber 
ist die „Widerlegung des Idealismus" neu beigefiigt (208 ff.) und 
in der „Vorrede" (31 Anm.) sogar verbessert worden. In der 
Vorrede aber findet sich die bekannte Stelle, das es ein „Skandal 
der Philosophie" sei „das Dasein der Diuge ausser uns bios auf 
Glauben annehmen zu miissen". 

Ist nun der Beweis des Realismus, wenigstens mit Riick- 
sicht auf das wirkliche Dasein von Etwas an sich, gelungen? 
Ich meine nicht. 

Die Bestimmung meines Daseins in der Zeit, so heisst es, 
setze etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus. Dieses 
k5nne nicht etwas in mir sein, well es dann mein Dasein in der 
Zeit nicht bestimmen konnte. Also ist die Wahrnehmung jenes Be- 
harrlichen „nur durch ein Ding ausser mir und nicht durch die 
blosse Vorstellung eines Dinges ausser mir moglich" (209). 

Der Beweis enthalt einen offenbaren Widerspruch gegen die 
Grundlehre von der Subjektivitat alles Zeitlichen mit Riicksicht 
auf aussere und innere Wahrnehmung. Er beweist gar nichts in 
Sachen dessen, was bewiesen werden soil. Kant merkt das auch 
selbst : „Man wird gegen diesen Beweis vermutlich sagen : ich bin 
mir doch nur dessen, was in mir ist, d. h. meiner Vorstellung 
ausserer Dinge unmittelbar bewusst; folglich bleibe es immer un- 
ausgemacht, ob etwas ihr korrespondierendes ausser mir sei oder 
nicht" (31). 

S. a. S. 84 Anm. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 91 

Diesen Einwand beseitigt er dann freilich durch den Satz: 
„Allein ich bin mir meines Daseins in der Zeit durch innere 
Erfahrung- bewusst, und das ist mehr, als bloss mir meiner Vor- 
steilung bewusst zu sein" (31). Mir scheint „mehr" ist es viel- 
leicht, aber doch nicht das, worauf es ankommt. Wissen wir doch 
nach Kants eigener Aussage durch den „inneren Sinn" nur „wie 
wir uns erscheinen, nicht wie wir an uns selbst sind" (673). „Nur 
dass ich bin" (676) weiss ich — das ist der Sinn der transzenden- 
talen Einheit der Apperception. Aber in dies em Sinne „bin" ich 
doch nicht in der Zeit! 

Der vorliegende Widerspruch ist wohl auf die ungenaue 
Terminologie zuriickzuftihren. „Ich" soUte doch nur das reine 
habende Ich, (Kants transzendentale Apperception), genannt werden. 
Mein psychologisches Ich heisst besser mein Selbst oder, „Unbe- 
wusstes" einschliessend, meine Seeled) Die sind allerdings in der 
Zeit, aber die — hahe Ich als Ordnungssetzungen. Vora reinen 
Ich hat ja Kant selbst gesagt, dass man „nicht einmal sagen kann, 
dass es ein Begriff sei" (296). 

„Bewiesen" wird |also in der angeblichen Widerlegung des 
Idealismus nur dasselbe wie im vierten Paralogismus, namlich, dass 
„aussere Dinge ebensowohl existieren, als ich selbst existiere", 
welche aber beide „nichts als Vorstellungen" sind (314). Das ist 
richtig; aber „Ich" heisst hier eben „mein Selbst und meine Seele". 

Der gleiche Rang des Fiirmichseins oder besser Fiir-Ich- 
seins von Natur und von meiner Innenwelt wird also beweiseu. 
Aber das heisst nicht, das Dasein eines Ansich beweisen. Das 
Dasein eines Ansich aber hat Kant nicht „bewiesen", well es — 
gar nicht „bewiesen" werden kann. 

(Anhangsweise mag bei dieser Gelegenheit zu den Paralogis- 
mus bemerkt sein, dass sie eine echt metaphysischen Vermutung 
enthalten, die iiber die kryptometaphysiche Setzung des „Bewusst- 
seins iiberhaupt" erheblich hinausgeht, und zwar in dem Satze, 
„es konnte wohl dasjenigeEtwas, welches den ausserenErscheinungen 
zu Grunde liegt" und „unseren Sinn affiziert" seinem Ansich nach 
„zugleich das Subjekt der Gedanken sein" (305) ; es sei ja doch 
das zugrunde liegende Wirkliche „weder Materie, noch ein denkend 
Wesen an sich selbst, sondern ein uns unbekannter Grund der 
Erscheinungen (320).) 



') S. a. S. 89 Anm. W. 2. 



92 H. Driesch. 

4. Andere Kantkritiker. 

Unsere Kantauffassung stimmt am meisten mit derjenigen 
Riehls, Hartmanns und B. Erdmanns uberein.^) Wohlver- 
standen: wir woUen hier ja doch ausmachen, was Kant gelehrt 
hat, nicht, oder doch erst in zweiter Linie, ob das, was er gelehrt 
hat, richtig ist. Unseres Erachtens ist es gerade in Sachen des 
Ausganges alles Philosophierens nicht richtig; man darf nicht mit 
Dingen an sich, Vermogen, Affektion, vielen Subjekten usw. an- 
fangen. Dass sich Ansatze zu Scharferem bei Kant finden, bestreiten 
wir nicht; die Coneption der transzendentalen Apperception ist so 
ein Ansatz, freilich auch nur, wenn sie als reines habendes Icli und 
nicht kryptometaphysisch gefasst wird. Von ihr aus freilich kommt 
man zunachst nur zu einer methodisch-solipsistischen Ord- 
nungslehre und spater erst durch einen gewissen Gewaltakt 
weiter, namlich in eine freilich hypothetische „Wirklichkeitslehre", 
d. h. Metaphysik, hinein. 

Die Marburger haben hier kritisch und sachlich einen erheb- 
liehen Schritt vorwarts getan, in der Kantauffassung freilich 
einen Schritt zuriick; denn Kant lehrt wirklich alles mogliche un- 
kritisch Metaphysische: die an den Anfang gestellten „Dinge an 
sich", die „ Vermogen", die „ Affektion" lassen sich nicht weg- 
deuten. Allerdings haben gerade die Marburger die transzenden- 
taie Apperception kryptometaphysisch gefasst, (ganz abgesehen 
von ihrem mechanischen Dogmatismus). Aber dass sie „Sinn- 
lichkeit" und „Verstand" einander wieder genahert haben, bleibt 
ein grosses Verdienst. Husserl freilich, (aber auch in kryptoraeta- 
physischer Form, was die „Allgemeingiiltigkeit" angeht), hat hier 
noch grossere Verdienste. 

Vaihingersj „als ob" verwenden wir selbst mit Riicksicht 
auf das gleichsam Selbstandig-sein des Natur- und des Seelenwirk- 
lichen; sein „Fiktions"-begriff freilich scheint uns sehr Verschieden- 
artiges zu umfassen : aprioristische Schauungen sind doch off enbar 
von bewusst vorlaufigen echten „Fiktionen", z. B. in den Wissen- 
schaften, scharf zu sondern. — 

Zur sogenannten transzendentalen Methode der Neukan- 
tianer bemerke ich hier noch dieses. So wie die Neukantianer sie 
vortragen, scheint sie mir nicht Kants eigentliches Werk zu sein. 
Er hat nirgends gesagt, dass aus den vorliegenden Wissenschaften 



*) Auch Brunswigs Auffassung und Kritik steht der unseren nahe. 



Skizzen zur Kantauffassung und Eantkritik. 93 

Oder gar nur aus den mathematischen Naturwissenschaften die 
kategorialen Formen sozusagen herausgeholt werden konnten. Die 
Wissenschaften machen ja freilich Anspruch auf Giiltigkeit, (fasse 
man hier diesen Begriff, iiber den wir oben geredet haben, wie 
man woUe). Aber die Giiltigkeit, streng gesprochen: die fiir-Ich- 
Giiltigkeit, muss mir verbiirgt sein. Das ist sie doch nicht, bios 
weil eine Wissenschaft Giiltigkeitsanspruch macht. Ich muss als 
giiltig befinden! Ich also muss als in Ordnung schauen. Da 
bestehen denn einige Wissenschaften vor mir die Priifung, andere, 
die sich auch so nennen, z. B. der Astrologie, der Spiritismus, be- 
stehen nicht. Also tragt nicht eine Wissenschaft, bios weil sie be- 
steht, Giiltigkeit in sich. Der Mass tab fiir Giiltigbefinden stammt 
von anderswo — ich schaue Giiltigkeit oder Nichtgiiltigkeit, 
und zwar fiir mich. Das ist alles und das letzte Wort. Und ganz 
und gar nicht schaue ich lediglich in den mathematischen Wissen- 
schaften Ordnungsendgiiltigkeit. 



II. Die Kategorien als Yoraussetzungen der Mdglichkeit 
der Erfahrung. 

Die Kategorien konnen nicht definiert werden, denn sie sind 
ja letzthin die Funktionen zu Urteilen; jede Definition nun ware 
selbst ein Urteil — das ganze Unternehmen einer Definition ware 
also ein Zirkel (225—228). 

Auch lasst sich „von der Eigentiimlichkeit unseres Verstandes, 
nur vermittels der Kategorien und nur gerade dureh diese Art und 
Zahl derselben Einheit der Apperception a priori zu Stande zu bringen, 
ebenso wenig ein Grund angegeben, als warum wir gerade diese 
und keine anderen Funktionen zu Urteilen haben, oder warum Zeit 
und Raum die einzigen Formen unserer moglichen Anschauung 
sind". (668). Andererseits miissen wir ein in anderer als unserer 
eigenen Weise erkennendes Subjekt zwar moglich sein lassen, 
konnten wir solches aber nicht irgendwie begreifen (214). 

Meine empirische Welt also ist die kategorial geformte 
Welt. Insonderheit aber ist es Kausalitat, welche recht eigent- 
lich „Objektivitat" und „Natui'" schafft; sie vor allem „ist die 
Bedingung der objektiven Giiltigkeit unserer empirischen Urteile, 
in Ansehung der Reihe der Wahrnehmungen, mithin der empi- 
rischen Wahrheit derselben, und also der Erfahrung" (190). 

• ' / 



94 H. Driesch, 

Freilich sind alle „Analogien der Erfahrung", also alle auf 
die Relationskategorien gegriindeten Grundsatze des reinen Ver- 
standes „nicht konstitutiv, sondern bloss regulativ" (173) — (ein 
Satz, der, beilaufig bemerkt, den Unterschied verwischt, den Kant 
in der Kritik der Urteilskraft zwischen den echten Kategorien und 
der Teleologie macht). Sie sind es deshalb, weil wir nicht a 
priori begreifen, dass „eine Ursache moglich sei" (166), weil sich 
das Dasein der Erscheinungen selbst „ nicht konstruieren lasst** 
(173), weil wir in Sonderheit davon, wie „iiberhaupt etwas ver- 
andert werden konne", „a priori nicht den mindesten Begriff*" 
haben (193). Aber trotzdem bleibt es fiir Kant dabei, dass nur 
durch die Kategorien und in Sonderheit durch Kausalitat 
„die Natureinheit im Zusammenhange" (201) gewahrleistet 
wird, „Erfahrung moglich" ist (181 und sonst), „den Vorstellungen 
objektive Bedeutung erteilt wird" (187). „Unter Natur verstehen 
wir den Zusammenhang der Erscheinungen ihrem Dasein nach, 
nach notwendigen Regeln, d. i. nach Gesetzen" (200). Das ist 
doch wohl ganz eindeutig gesagt. 

Die Quiutessenz der Kantischen Kategorienlehre scheint mir 
in mehrerer Hinsicht einer Priifung und Berichtigung bediirftig zu 
sein, und zwar in dreifacher Weise: 

a. 
Kant iibersieht, oder betont doch wenigstens nirgends scharf, 
dass seine Kategorien, Substanz und Kausalitat in Sonderheit, zu 
dem, was er unter Objektivierung versteht, denn doch nicht ge- 
niigen wiirden, ware nicht mit ihrer Anwendung eng yerflochten 
ein gewisses Anderes von ganz besonderem Sinne: ein unauflosbares 
Meinen namlich des ding- oder ursachhaft Gedachteu als eines fiir 
sich bestehendes Objektes. Dieses Meinen erst ist es, was recht 
eigentlich das Ding konstituiert: Ein empirisches Ding ist ein 
beziehliches beharrliches Beieinander von Kennzeichen, welche als 
„Qualitaten" aktuell erlebt („wahrgenommen") werden konnen, 
welche aber, auch wenn sie nicht oder nur teilweise aktuell er- 
lebt werden, (wobei es auf die Reihenfolge des Erlebten nicht 
ankommt), samtlich als an einem bestimmten Orte des einen 
Naturraumes als diese einzigen Einen in ihrer festen gegenseiti- 
gen Beziehlichkeit vorhanden gemeint sind, als oh sie fiir sich 
selbstandig bestiinden. Nicht dass es sich dabei um metaphysisches, 
absolutes Fiirsichbestehen des Dinges und seiner Kennzeichen 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 95 

handeln solle; die Objekte bleiben durchaus meine „VorstelluDgen" 
im weitesten Sinne. Aber sie sind ausdriicklich gemeintalsdiese 
einzigen Einen und mit sich selbigen, welche sich verhalten, 
als oh sie unabhangig von mir ihr Wesen fiihrteu. Die spate 
Scholastik hat dieses Meinen als intentio prima bezeichnet; es ist 
bei weitem das Wesentlichste an aller Objektivation; und es kommt 
ausdriicklich zu dem Relationskategorialen hinzu; gleichsam selb- 
standig sein als dieses einzige Eine ist selbst, wenn man will, 
„Kategorie". 

Ich will nicht sagen, dass Kant diesen Sachverhalt nicht 
gesehen hat, aber er hat ihn nie scharf genug betont.^) Er redet 
fast immer nur von dem, was Masstab fiir die Anwendung der 
Objekt-Kategorie ist — (nach seiner Ansicht zumal Unterstellung 
uuter den Begriff Kausalitat) — aber nicht von der Objekt-Kate- 
gorie rein als solcher. Immerhin nennt er (146) Realitat einen 
„reinen Verstandesbegriff" und erortert ihn in den „Postulaten des 
empirischen Denkens iiberhaupt" eingehender, aber das eigentliche 
als gleichsam selbstdndig in seiner selbigen Einzigkeit Meinen kommt 
auch da nicht scharf heraus. Es muss aber fiir eine richtige Be- 
deutung des Begriffs der (empirischen) Objektivitat scharf heraus- 
koramen. Gewiss bleibt die zumal von den Marburgern welter 
verfolgte Wahrheit bestehen, dass das, was wir empirisch wissen, 
„lauter Verhaltnisse" sind (255). Aber auch in der Geometrie 
handeln wir ja nur von „Verhaltnissen" ; und „rechtwinkliges 
Dreieck" einerseits, „dieser mein Hund hier" andererseits sind 
darum doch von ganz verschiedenem Seinsrange, sind jedenfalls 
als von ganz verschiedenem Seinsrange — nun, eben „gemeint". 
Kant sagt, ein Ding besteht, abgesehen davon, dass es „ganz und 
gar aus Verhaltnissen besteht", auch noch „in dem blossen Ver- 
haltnis von Etwas iiberhaupt zu den Sinnen" (256). Hier wird 
das Ungeniigen der blossen Auflosung in beharrliche Relationen 
zugegeben — aber gleich naiv metaphysich, mit Rekurs auf das 
An sich. Von dem rein ordnungshaften Ich-meinen auszugehen ist 
aber methodisch richtiger. 



^) Auch H. Cornelius hat ihn Jin seiner Transzendentalen Systematik 
da, wo er vom Dingbegriff handelt, nicht scharf genug betont, so bedeut- 
sam sein Begriff des „Individualgesetzes" (S. 195) auch ist, und so deutlich 
er (S. 192 f.) sieht, dass das blosse „Erwarten" bestimmter unmittelbarer 
Erlebnisse auf Grund des Erlebens bestimmter anderer fiir die Schaffung 
des Dingbegriffes nicht geniigt. 



96 H. Drieech, 

b. 

Was ist denn nun der Masstab der Objektivierung? 1st das 
wirklich das Unterstelltsein unter Kausalitat, wo Kausalitat das 
Erfolgen der einen besonderen an eine Substanz gebundenen Ver- 
anderung aus einer anderen besonderen Veranderung bedeutet? 

Ich meine vielmehr, der Masstab ist ein anderer, sozusagen 
ein friiherer. 

Dass (empirische) Objektivitat eine sein miisse, hat Kant 
stets scharf betont; auf „geheimer" Anwendung des „Grundsatzes 
der Gemeinschaft aller Substanzen" soil die Einheit vornehmlich 
ruhen (202 Anm.); und zwar wird es ausdriicklich eine „ Einheit 
a priori" genannt, dass „alle Erscheinungen in einer Natur liegen" 
(201). Objektivitat erfordert nach Kant geradezu das Eins-sein. 
Aber was ist der Masstab, sowohl fiir die Objektivitat als auch 
fiir ihr Einssein? 

Ich glaube nun zeigen zu kOnnen, nicht nur, dass der Mass- 
stab fiir Objektivitat logisch noch vor den Relationskategorien 
liegt, sondern auch, dass nicht notwendig a priori Objektivitat Eine 
sein miisse. Vielmehr wird sich ergeben, dass auf Grund des 
wahren Masstabes fiir Objektivitat diese sehr wohl in mehrere 
Objektivitatsreiche zuf alien konnte, und dass solches nur tatsach- 
lich, d. h. wegen des blossen Daseins und Soseins des raumzeitlich 
geformten Empfindungs,, materials", um mit Kant zu reden, nicht 
statthat. 

Kant hat den Begriff des Werdens, (der Veranderung), sehr 
kurz abgetan, ebenso kurz wie den des Dinges, und hat von 
ihm eigentlich nur gezeigt, dass wir nicht a priori begriff en, wie 
es Veranderung geben konne. 

Koharenz des Werdens im Rahmen des Gegenstandlichen, 
des „Es",^) im weitestem Sinne aber ist der einzige Masstab fiir 
Objektivitat, den es gibt, wobei ich fiir den Begriff des Werdens 
selbst auf friihere Darlegungen von mir verweise.^) 

Jedenfalls ist zunachst einmal dafiir, dass neue Erlebnisse 
sich im Sinne des als Objekte Gemeintseins der fiir mich bereits 
bestehenden Objektenwelt zu einer Einheit eingliedern, der alleinige 



') Also nicht in Bezug auf das „Ich"; insofern sie ich-gehabt sind, 
sind alle „Gegenstande" in ihrem Werden ohne weiteres in gewissem Sinne 
koharent. 

*) 8. Ordnungslehre S. 124—137, 145—168, 173 ft"; Wirklichkeitslehre S. 
4ff. (Kuize Darstellung.) 



Skizzen zur Kantaut'fassuug und Kantkritik. 97 

Masstab dieser: dass das jetzt neu als Objekt Gemeinte sich dem bis- 
her Gemeinten in seinem Sein und Werden einfiigt. Es wird sich 
dabei freilich, me die Dinge liegen, auch um ein kausales Ein- 
fiigen handeln. Aber das ist nicht das logisch Wesentliche; das 
liegt vielmehr, wie sich bald zeigen wird, nur an Besonderheiten 
der „Erscheinungen", so wie sie da sind. Von „Objektivitat" im 
empirischen, „gemeinten" Sinne konnte geredet werden, ohne 
dass auch nur ein einziges Mai von Kausalitat und ihrem Begriffe 
der „Regel" geredet wiirde. Geradezu darf gesagt werden, dass 
eine sogenannte Wahrnehmuung als bewusstes Erlebnis nur des- 
halb und nur dann eine „Wahrnehmung", d. h. ein ein empirisches 
Objekt meinendes Etwas ist, well und wenn das durch sie 
gemeinte Objekt sich der schon gekannten Objekteneinheit in seinem 
Sein und Werden einfiigt. Hallucinationen und lebhafte Traum- 
bilder, etwa im Augenblick des Erwachens, sind und sind nur des- 
halb keine „Wahrnehmungen", well, wenn ich sie als solche fassen 
wiirde, das durch sie Gemeinte sich der schon bestehenden objek- 
tiven Werdeinheit nicht eingliedern wiirde.^) 

Und nicht nur vom Eingliedern neuer Erlebnisse in die gemeinte 
Objekteneinheit gilt der Satz, das Werdekoharenz allein der Mass- 
stab fiir Objektivitat ist. Ich habe mir auch, als ich Kind war, ganz 
urspriinglich deshalb mit Hiilfe der „Kategorie" empirisch-ivirklich- 
sein die Objektenwelt geschaffen, weil sich Werdenkoharenz im 
Felde des rein Gegenstandlichen vorfand und nur dann vorfaud, 
wenn ich gewisse meiner Erlebtheiten, uamlich eben die „wahr- 
genommenen", gemeinte Objekte bedeuten liess. Von „Kausalitat" 
braucht da gar nicht geredet zu werden. 

Aber warum eine Objekteneinheit? Nur darum, weil die 
reinen „Erscheinungen", d. h. die kategorial noch ungeformt 
gedachten und nur raum - zeithaft geformten Empfindungs- 
materialien, nun einmal diese und keine anderem sind. Ware 
mein Traumerleben so beschaffen wie mein Wacherleben, so 
hatte ich zwei Objektenwelten, die in fortwahrender perio- 
discher Abwechselung in gleichsam bestehender Selbstandigkeit fiir 
mich vorhanden waren. 

Objektivitat iiberhaupt also setzt die Kategorie des „als gleich- 
sam selbstandig bestehend Gemeintseins" voraus; Masstab fiir ihre 
Schopfung und alle Eingliederung in sie ist Koharenz des Werdens 



') Besonders scharf siebt das Descartes, Meditationen VI, 44. 

£aut8tudi«u XXII. n 

/ 



98 H. Driesch, 

des als Objekt Gemeinten und uichts weiter. Da die jyErscheinungea" 
so sind, wie sie sind, wird eine Objekteneinheit gebildet. Was 
OhjeJctivitat im definierten Sinne, was Werden, was Einheit be- 
deutet, das schaue ich. Ich schaue diese drei Bedeutungen als 
Ordnungsbedeutungen. Und wenn auch nicht zweimal dieselben 
Veranderungsabfolgen von mir erlebt waren — (worauf, wie wir 
sehen werden, die Anwendbarkeit des Kausalitatsbegriff sich 
griindet) — konnte Werdekoharenz im Objektiven und damit eben 
„Objektivitat", im Sinne des gleichsam Selbstandigseins, doch fiir 
mich bestehen, ja vielleicht in logisch viel vollendeter Form, als 
gie tatsachlich fiir mich besteht. 

Voraussetzung der Moglichkeit der Erfahrung und der Objek- 
tivitat ist also Kausalitat ganz und gar nicht; die Katagorie des 
„Meinens" und Werdekoharenz sind ihre erste und ihre zweite 
Voraussetzung. 

c. 

Kausalitat ist so weit davon entfernt eine Voraussetzung der 
Moglichkeit von Erfahrung zu sein, dass. wir uns sogar eine 
viel bessere und voUendetere Form der Erfahrung als die 
mit ihr, und mit den kantischen Relationskategorien iiberhaupt, 
arbeitende denken konneu, und das, ohne uns etwa eine „intellek- 
tuelle Anschauung" oder ahnliches, (wovon ja auch Kant ge- 
legentlich in seinem Hauptwerk (z. B. 214) und besonders in der 
„Kritik der Urteilskraft" redet), zuzuschreiben und ohne metaphy- 
sischen Boden irgendwie zu betreten. 

Meine „Ordnungslehre" oderLogik geht von dem vorgewussten 
Begriff Ordnung aus; diesen Begriff zu schauen, ist wir ein „Wert". 
Fiir den Bereich des gleichsam selbstandigen Naturwirklichen aber 
schaue ich den Begriff die eine game Naturordnung als zu erfiil- 
leude Aufgabe. Hatte ich die Aufgabe in Erfiillung, d. h. erfiillt 
mit alien Einzelheiten des Naturwirklichen, so ware befriedigt, was 
ich mein ordnungsmonistisches Ideal nennen will. Und ich kann 
mir sehr wohl denken, dass sie erfiillt werden konnte. Konnte 
sie es, so hatte alsdann jede Einzelheit des naturhaften Seins 
und Werdens ihren einen bestimmten Ordnungsplatz in einer 
Ordnung. 

Da ware von Regeln oder Gesetzen nicht mehr die Rede, 
jedenfalls nicht im Sinne von „Kausalitat", als welche Einzelheiten 
mit Einzelheiten verkniipft. Es gabe ja eben keine echten Ein- 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 99 

zelheiten, und es gabe auch keiaea „Zufall", d. h. nichts Ganz- 
heitsunbezogeDes. 

Ich habe das alles an anderen Orten ausgefuhrt, habe es 
dort auch mit dem Begriff Entwicklung zusammengebracht.^) 

Hier soil der Gedanke des Ordnungsmonismus nur zeigen, 
dass eine sehr viel bessere Form von Erfahrung als die Kantisch- 
kategoriale durchaus mSglich, d. h. denkbar ist und nur wegen 
des besonderen Soseins des „Gegebenen" nicht besteht. Und zwar 
ist sie „m5glich" als eine bessere Form von echter Erfahrung, 
denn um Metaphysik handelt es sich hier ganz und gar nicht. Nur 
aber, dass Kausalitat nicht die notwendige Voraussetzung einer 
Erfahrung", d. h. eines ordnungshaften Wissens tiberhaupt ist, soil 
ja hier gezeigt werden. 

Dass Kant das Begriff spaar das Game und die Telle nicht 
kennt, welche echte Kategorie sich, wie ich gezeigt habe, sogar 
aus der Urteilstaf el „deduzieren" lasst, wenn man das vollstandig- 
konjunktive Urteil in sie aufnimmt,^) das hat wohl verschuldet, 
dass er das ordnungsmonistische Erfahrungs-Ideal nicht sah. In 
der Kritik der Urteilskraft (K. d. U. 295 f.: Begriff des „Intellec- 
tus archetypus") hat er es iibrigens in gewisser Form gesehen, 
und in der Kritik der reinen Vernunft auch da, wo er (S. 503 ff.) 
von der „Einheit", dem „Systematischen*' der Erkenntnis redet und 
weiterhin (628 ff.) von der „Architektonik der reinen Vernunft", 
von einem „Ganzen", das „gegliedert und nicht gehauft" sei. Aber 
das alles sind ihm bloss ^regulative" Begriffe; er sieht nicht ihre 
eigentliche kategoriale konstitutive Natur mit Riicksicht auf Ein- 
zelnes^) und erst recht nicht, dass sehr wohl denkbar ware, sie konsti- 
tuierten das Eine Game schon innerhalb der Erfahrung, wenn nur 
das „Gegebene", d. h. die Gesamtheit der reinen „Erscheinungen" 
anders ware. Das alles hangt an jenem Mangel der „Tafel der 
Urteile". 

d. 

Das ordnungsmonistische Ideal ist unerfiillbar und da ist 
denn freilich Kausalitat, (wie auch Dinghaftigkeit), ein Ersatz, 
sozusagen ein „Surrogat", fiir dieses Ideal. Kausalitat schafft Bruch- 
stiicke von Ordnung, und die sind besser als keine Ordnung. 



1) Ordnungslehre S. 284 ff., Wirklichkeitslehre S. 152 ff. 
«) Kantstudien XVI S. 22 (1911). 

') Z. B. mit Riicksicht auf das belebte Einzelwesen, woron wir noch 
handeln werden. 

7* 



100 H. Driesch, 

Dass aber das ordnungsmonistische Ideal unerfiillbar, das Kausa- 
litatspostulat dagegen erfiillbar ist, dasliegtan derbesonderen 
Form das Soseins des „Gegebeneii", d. h. der „Erschemungen", 
d. h. der zwar raumhaft und zeithaft, aber noch nicht unanschau- 
lich geformten Erlebtheitsgesamtheit. Ich schaue an dieser Ge- 
samtheit die Ordnungsformen Dinghaftigkeit und Folgeverknupft- 
heit (= Ursachlichkeit = Kausalitat), wahrend ich sie, leider, 
nicht als die eine game Ordnung schaue. 

Kant sagt einmal ganz scharf: Der Verstand „hat es nur 
mit der Synthesis dessen zu tun, was gegeben ist" (214). Diirfen 
wir diese Stelle so deuten, dass er habe sagen wollen: nur weil 
reine Erscheinung, kategorial noch ungeformt, so ist, wie sie ist, 
deshalb haben nur seineKategorienAnwendbarkeit? Dann waren also 
Kants Kategorien Voraussetzung der Moglichkeit der Erfahrung 
angesichts des Soseins des Gegebenen. Leider freilich stim- 
men anderen Stellen bei Kant nicht gut mit dieser Deutung iiberein; 
allzu scharf redet er sonst immer von Kausalitat als der Voraus- 
setzung der Moglichkeit von Erfahrung iiberhaupt. 

Welches aber sind nun die besonderen Soseinsziige des Ge- 
gebenen, welche es machen, dass Kausalitat Erfahrung immerhin 
als BruchstUcksordnung moglich macht? 

„Alles, was geschieht (abhebt zu sein) setzt etwas voraus, 
worauf es nach einer Kegel folgt" (180), so driickt Kant seinen 
„Grundsatz der Erzeugung" aus. Und er fiigt spater bei: „Diese 
Kegel aber, etwas der Zeitfolge nach zu bestimmen, ist: dass in 
dem, was vorhergeht, die Bedingung anzutreffen sei, unter welcher 
die Begebenheit jederzeit (d. h. in notwendiger Weise) folgt" (189). 

Also : Das eine Einzelne geschieht nach und aus dem anderen 
Einzelnen und dieses Aus-einander-geschehen ist einer „Regel" unter- 
worfen. In dieser Weise aus einander erfolgen heisst kausal 
erfolgen. 

Dass hier zwei Einzelheiten des Geschehens mit einander 
verkniipft sind, und dass sie es nach einer Kegel sind, ist das 
Wesentliche. Kausalitat bestrifft also ein zeitliches mit einander 
Verkniipftsein von Besonderheiten des Werdens, welches in 
vielen einander gleichen Fallen da ist, (ebenso wie Substanz 
Oder Dinghaftigkeit das Beieinandersein in vielen einander gleichen 
Fallen betrifft). 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 101 

Muss es nun Kausalitat geben, d. h. muss „Erfahrung" not- 
wendig kausal gestaltet seiu? Kant, wir wissen es, meint es. 
Wir wissen aber auch schon, dass er es zu Unrecht meint; wir 
wissen, dass ordnungsmonistisclie Erfahrung eine viel voUen- 
detere Form der Erfahrung sein wiirde, und dass sie auch durch- 
aus denkbar ist. Kausalitat ist nur angesichts des Gegebenen, 
d. h. der „Erscheinung", wie sie einmal ist, eine nun allerdings 
ordnungsstiftende Kategorie. Sie ist moglich und liefert wenigstens 
ein Surrogat fiir das unerfiillbaren Bessere wegen gewisser Ziige 
der reinen Erscheinungen, d. h. der nur anschaulich, in Raum und 
Zeit verarbeiteten, Empfindungen. 

Welcher Ziige? 

Der gleichen „Falle" der zeitlich einander folgenden Be- 
sonderheiten des Werdens wegen, die im Rahmen der reinen Er- 
scheinungen schon angetroffen werden. Gabe es nicht schon 
im Reiche der reinen Erscheinungen „gleiche Falle" mit 
Riicksicht auf die zeitliche Folge der Besonderheiten des Werdens, 
so liesse sich nicht einmal von Kausalitat, die selbst doch nur ein 
Surrogat fiir Besseres ist, reden. Weil es gleiche Falle das Nach- 
einander schon in den „reinen" Erscheinungen giebt, deshalb 
uiitzt es fiir Ordnung von Kausalitat zu reden. 

Nur weil Erscheinungen sind, wie sie sind, schafft also 
Kausalitat „Erfahrung''. Aber dass sie so sind, wie sie sind, 
wird auch durch Kausalitat nicht verstanden. Angesichts des 
Soseins der reinen Erscheinungen, und nur angesichts 
dieses Soseins ist also Kausalitat Voraussetzung der Moglichkeit 
von „ Erfahrung", d. h. Voraussetzung fiir das Schauen rein denk- 
hafter, „unanschaulicher" Ordnung. 

Hat das Kant wirklich nicht gesehen? Er sagt, wie wir 
wissen, einmal: der Verstand „hat es mit der Synthesis dessen zu 
tun, was gegeben ist" (214). Nun, das meinen wir eben und fiigen 
der Deutlichkeit wegen noch bei, dass er es zu tun habe mit dem 
besonderen Sosein des Gegebenseins. Aber die .eigentlichen Haupt- 
stellen bei Kant klingen hier, wie bekannt, weniger deutlich. 

Der eigentliche Begriff des Gesetzes hangt also in der 
Moglichkeit seines Angewendetwerdens an dem schlichten Dasein 
gleicher Falle des Nacheinander im Reiche des reinen Gegebenseins. 
Der Gesetzesbegriff meint geradezu das Dasein gleicher Falle in 
endgiiltiger uuanschaulicher Ordnungsform. 



102 H. Driesch, 

Damit sei es genug der Kritik. An anderer Stelle habe ich 
ausgefiihrt, wie ich selbst den Kausalitatsbegriff noch welter als 
Kant auflSsen zu konnen glaube.^) An wieder anderer Stelle 
habe ich gezeigt, dass das, was als in „gleichen Fallen" daseiend 
am Gegebenen geschaut wird, sowohl letztes Besondere als auch 
„Allgemeines" verschieden hoher Stufen sein kann,^) dass z. B, 
„Naturgesetze'' meist recht hoch AUgemeines („Abstrahiertes") be- 
treffen. Auch dass alle Naturgesetze als fiir die Zukunft 
giiltige nur bei stillschweigender Voraussetzung der GleichfOrmig- 
keit des Naturverlaufs einen Sinn haben (Hume, Mill) habe ich 
dort scharf betont. Wird Gleichforraigkeit des Naturverlaufs vor- 
ausgesetzt, dann gewinnt Erfahrung durch Gesetzesbildung anderer- 
seits die besonderen Form der verwertbaren, d. i. der Voraussage 
gestattenden Erfahrung, welche eben „unsere" Erfahrung ist. 
„Unsere" Erfahrung ist also das Produkt des Kausalitatsbegriff s 
und des Soseins der schlichten erscheinungshaften Ge- 
gebenheit. Gegebenheit, wie sie ist, passt zu einer bestimmten 
Form der Ordnungsschau, obschon nicht zu der hochsten, der 
ordnungsmonistischen. Um diese Art harmonischer Zuordnung 
kann gerade Kant nicht herum kommen, er, der von tatiger 
Verarbeitung der Erscheinung durch den Verstand redet, was wir 
nicht tun. Wer, wie wir, zunachst bloss von „Gehabtem Etwas" 
redet, in dem Ich Ordnung schaue, und nicht von verschiedenen 
Vermogen des Gemiits und verschiedenen „Quellen" der Erkennt- 
nis, fiir den freilich ist, wie wir schon oben gesagt haben, der 
Gedanke einer Harmonie zwischen dem Einen und dem Anderen 
iiberfliissig — wenigstens in der Logik. 

e. 
Wir haben gesagt, dass „Erfahrung" auf der Grundlage des 
Gesetzesbegriffs „unsere" besondere Form von Voraussage ge- 
stattender, von „verwertbarer" Erfahrung sei. Soil das be- 
deuten, dass ordnungsmonistische Erfahrung, d. h. ein Wissen um 
das Eingereihtsein alles einzelnen empirisch Wirklichen in eine 
ganze Ordnung nicht „verwertbar" sei? Es scheint wohl so auf 
den ersten Blick. Dann aber, so scheint es wohl weiter, ist doch 



1) Ordnungdehre S. 128 ft, 145 ff., 173 ff. 

') Zur Lehre von der Induktion, siehe Ber. Ak. d. Wiss. Heidelberg 
1915; Wirklichkeitslehre S. ]42ff. 



Skizzen zur Kantanffassung und Eantkritik. 103 

„unsere" Erfahrung eigentlich die beste aller moglichen Er- 
fahrungen, trotz des (unerfullbaren) logischen Ideals eines Ordnungs- 
monismus. 

Aber es ist sehr wohl ordnungsmonistische und doch „ver- 
wertbare" Erfahrung denkbar. Mit der Erfiillung des nicht ver- 
wirklichten ordnungsmonistischen Ideals ware doch eben noch vieles 
andere tatsachlich nicht Verwirklichte verwirklicht. 

Hatte ich Erfiillung des ordnungsmonistischen Ideals — welche 
ich, das sei immer wieder gesagt, nicht besitze — so ware mir 
jedenfalls die als Eine geschaute Ordnung des empirisch Wirklichen 
eine in EntivicMung, und zwar in noch unvoUendeter Entwicklung, 
begriffene Ordnung. Die Eine Ordnung schauen konnte da nun 
aber sehr wohl auch bedeuten, das Ziel der Entwicklung schauen. 
Ich kQnnte also das Ziel schauen und das in Bezug auf das Ziel 
schon Erreichte. Dann aber wiisste ich nach Massgabe meines 
Wissens um bereits geschehene Entwicklungsschritte wohl auch 
Etwas tiber den nachsten Schritt; ganz ebenso, wie ich weiss, 
„was nun kommen wird", wenn ich ein im Bau befindliches Haus 
erblicke. Ich konnte also auch im Rahmen ordnuiigsmonistischer 
Erfahrung „voraussagen" ; freilicb in ganz anderer Form, als ich 
auf Grund des Begriffs des „Gesetzes" voraussagen kann. 

Damit aber ist eingesehen, dass ordnungsmonistische Erfahrung 
sehr wohl auch eine grundsatzlich verwertbare Erfahrung, wenn 
schon von ganz anderer Eorm, als „wir" sie kennen, seiu konnte. 
Freilich ist, wie der Sachverhalt liegt, ordnungsmonistische Er- 
fahrung deshalb nicht verwertbare Erfahrung — weil es sie iiber- 
haupt nicht giebt. 



III. Das Geltungsbereich der Kategorien. 

(Zum Problem des „Vitalismus".) 
Nur in Verbindung mit Anschauung sind die Kategorien nach 
Kant ein Erkenntnismittel, ohne Anschauungen sind sie „leer" (77), 
sind sie nicht von transzendentalem „Gebrauch". Immerhin konnen 
sie „ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit" von „transzenden- 
taler Bedeutung" sein (230), d. h. es kann alsdann immerhin durch 
sie zwar „kein Objekt bestimmt", wohl aber „eiu Objekt iiberhaupt, 
nach verschiedenen modis", gedacht werden. Bestimmt (seinem 
Sosein nach) kann ohne Anschauung ein Objekt deshalb nicht 



104 H. Driesch, 

werden, well ja nichts da ist, „was unter den Begriff subsuraiert 
werden konnte" (230). Ist Anschauung gegeben, so geht die Sub-, 
sumption derselben unter eioe Kategorie nach Kant bekanntlich 
unter Vermittlung eines Zeit„schemas" vor sich. Ja, fiir Natur- 
erfahrung bedarf es — (wie in der Lehre vom „Schematismus" 
freilich nicht besonders betont wird) — auch eines Raum„schemas" : 
„um die Moglichkeit der Dinge zu verstehen" bediirfen wir ja, 
„nicht bloss Anschauungen, • sondern sogar immer ausserer An- 
schauungen" (219). „Alles was der Verstand aus sich selbst schopft" 
hat er also „zu keinem anderen Bedarf, als lediglich zum Er- 
fahrungsgebrauche" (222), um „Erscheinungen zu buchstabieren", 
wie es ein anderes Mai (Pr. 94) heisst. 

Eine „Bedeutung", wenn auch keinen „Gebrauch" gibt Kant 
fiir nicht mit Anschauung erfiillte Kategorien also zu. Und er 
macht selbst eine Anwendung seines Zugestandnisses, wenn er die 
Sinne „affiziert" werden liess. „Etwas" ist an sich da, ich kenne 
es nur nicht. 

Die meisten Neukantianer haben die Kantische Lehre, dass 
die Kategorien nur anschauungserfiillt von „Gebrauch" seien, da- 
hin verscharft, dass nur in Verbindung mit Anschauung iiberhaupt 
sinnvoll von ihnen geredet werden konnte. Das heisst fiir die 
Naturwissenschaft den AUmechanismus proklamieren und jede nicht- 
mechanische Naturtheorie, z. B. den Vitalismus, a limine ablehnen. 
Ich meine, dass das erstens K ants' Lehre entstellt, und dass es 
zweitens sachlich falsch ist. 

Kant hat nun einmal die „Bedeutung" auch der anschauungs- 
leeren Kategorien gelehrt; freilich mit einer sellsamen Einschrankung, 
welche wohl die spateren sachlichen Fehler der Auffassung ver- 
schuldete. Der Gegenstand an sich, lehrt er, sei nur „etwas iiber- 
haupt = X" (119), nur ein „Correlatum der Einheit der Appercep- 
tion" (232); er sei „fiir alle Erscheinungen einerlei" (234). 

Wir haben schon an friiherer Stelle (Seite 83) gesagt, dass, 
wenn man einmal ein Wirkliches, ein Ansich als Grund der Er- 
fahrung zulasst, man auch Mannigfaltigkeiten ira Reiche der Er- 
fabrung Mannigfaltigkeiten des Wirklichen bedeuten lasse miisse, so 
wahrdieFolge nicht mannigfaltigkeitsreicher sein darf als 
der Grund. Kant nun setzt das Ansich, ja, er lasst es ausdriicklich 
in der „Affektion" eine Art von, wennschon nicht empirischer, 
Kausalitat ausiiben. Dann aber muss er schon alle raumzeithafte 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 105 

Maunigfaltigkeit im Reiche der reiuen, d. h. der kategorial noch 
unverarbeiteten, Erscheinungen eine dem Sosein nach imbekannte 
Mannigfaltigkeit des Wirklichen bedeuten lassen. 

Aber nun weiter: Den Mechanismus der Natur a priori be- 
haupten, wUrde ja doch heissen iiber ein besonderes Dasein a priori 
etwas aussagen, und das verbietet Kant. Nur die Form „Kausa- 
litat" iiberhaupt wird nach ihm a priori gefordert. Wie nun, wenn 
die reinen „ Erscheinungen" so geartet waren, dass gewisse Ab- 
schnitte aus ihnen nur dann als „Wirkungen" gedeutet werden konnen, 
wenn Ursachen gesetzt werden, die selbst nicht „erscheinen" ? 
Solches lehrt auf Grund ganz bestimmter Daseinserscheinungen der 
Vitalismus. 

Ich sehe also hier keinen Wiederspruch zu Kaut,^) sondern 
nur zu gewissen Neukantianern; gerade sie aber sind dogmatisch, 
d. h. sie woUen a priori Aussagen machen, die iiber das bloss 
formal Kategoriale hinausgehen. 

Uebrigens vergleiche man die ausserordentlich wichtigen 
§ 57 — 59 der Prolegomena, wo er von den Teleologie der Welt auf 
den Weltenurheber reflektiert mit dem Ergebnis: „die Begrenznng 
des Erfahrungsfeldes durch etwas, was ihr sonst unbekannt ist, 
ist doch eine Erkenntnis" (Pr. 149). 

Auch der Vitalismus behauptet ja nicht das Sosein seiner 
„EnteIechie" bestimmen zu konnen. Aber etwas Formhaftes 
an ihr kann er ausser ihrem Dasein allerdings bestimmen: ihren 
Mannigf altigkeitsgrad, welcher nicht geringer sein darf als ihre 
sich in der mechanisch unauflosbaren Morphogenese oder Handlung 
aussernde „Wirkung", und vielleicht noch die besondere Form 
der Ausserung dieser Wirkung in das materielle Wirkungsgetriebe 
hinein.2) 



1) In der „Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypo- 
thesen" steht zwar, es set „nicht erlaubt, sich irgend neue urspriingliclie 
KrSfte zu erdenken", obwohl solche „ohne Widerspruch" in sich sein 
konnten (587). Doch soil das wohl nur heissen, dass wir uns nicht an- 
massen durfen, iiber das Sosein solcher Krafte als solches etwas zu wissen. 
Und wenn er weiterhin von den „ignava ratio" spricht und sagt: „selbst 
die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind", seien „ertraglicher 
als eine hyperphysische, d. i. die Berufung auf einen gottlichen Urheber" 
(588), so darf jedenfalls der Vitalismus demgegeniiber sagen, dass er ja 
doch auf den , Gottlichen Urheber", zunachst jedenfalls, gar nicht reflek- 
tiert. 

*) S. Philosophie des Organischen II. S. 153 — 269. 



106 H. Driesch, 

Der Ausgang alles Erfahrungswissens also, der besteht 
/freilich nur in Anschaulichem ; aber der theoretische Fortschritt 
der Erfahruug, der darf sehr wohl mit besonderen, zunachst durch- 
aus empirischen, d. h. unmetaphysischen, Wirklichkeiten unanschau- 
licher Art arbeiten, wenn er nur so das kategoriale Kausalscheraa 
iiberhaupt halten kann. Und er kennt immerhin gewisses Formale 
dieser Wirklichkeiten, ob er schon ihr Sosein nicht kennt. „Meta- 
physisch" aber werden auch seine unanschaulichen, bis dahin nur 
erweitert-empirischen, Wirklichkeiten erst, wenn iiberhaupt einmal 
die Bedeutung wirklich gesetzt ist, (die dann ja auch dem „An- 
schaulichen" als solchem Wirklichkeits-„bedeutung" verleiht). Der 
Vitalismus ist nicht ohne weiteres Metaphysik. — 

Der Vitalismns bedarf des Begriffs der „Schopfung", wie ich 
gezeigt habe, nicht," weder der Schopfung von Materie noch der von 
Bewegung. Aber wenn er diese Begriffe sachlich benotigte, diirfte 
er auch sie anwenden, denn Dingschopfung und Bewegungsschop- 
fung sind „mogliche Werdeformen".^) 

Kant lehnt bekanntlich den Begriff „Schopfung" und ebenso 
„Vernichtung" grundsatzlich ab. Er hat sich die Sache leicht ge- 
macht dadurch, dass er unter der Hand den Begriff „Materie" fiir 
den Substanzbegriff substituiert (177). Schopfung und Vernichtung 
von Materie soil „die einzige Bedingung der empirischen Einheit der 
Zeit aufheben" (179), damit aber die Einheit der Erfahrung (178 
u. 193). Das ist durchaus nicht einzusehen; aber auch, wenn es 
so ware — nun, dann ware eben, weil das Gegebene ist, wie es 
ist, die Einheit der Erfahrung aufgehoben. — 

In Sachen des eigentlichen Vitalismus sind Kants Dar- 
legungen schwankend, wie ich eingehend in meinem Werke Der 
Vitalismus als Oeschichte und. als Lehre (1905) gezeigt habe (Seite 
62 ff.); und zwar sind sie in solchem Grade mehrdeutig, dass sie 
Vitalisten und Mechanisten gleichermassen zur Stiitze gedient haben. 

Dieses Schwanken hat drei verschiedene Griinde, auf die ich 
hier kurz eingehen will. 

Erstens scheidet Kant die Begriffe „Teleologie Uberhaupt" 
„statische oder maschinell vorgebildete Teleologie", „dynamische oder 
vitalistische Teleologie*' nicht geniigend; dass er dynamische Tele- 
ologie, also in der Sprechweise der Ordnwigslehre (Seite 183 ff.) 



1) S. Ordnungslehre S. 182 f. 



Skizzen zur Kantauffassung uud Kantkritik. 107 

meinen vierten Typus des Werdens nicht grundsatzlich als unm5g- 
lich ablehnt, ja, implicite zulftsst, ist sicher. Lehnte er sie grund- 
satzlich ab, dann diirfte er nicht in der „Betrachtung iiber die 
Summe der reinen Seelenlehre, zu folge diesen Paralogismen" die 
Lehre von der psycho-physischen Wechselwirkung, welche ja eine 
Sonderart vitaler Kausalitat ist, grundsatzlich als moglich zulassen 
und diirfte auch z. B., ganz abgesehen von der Stelle iiber den 
„Newton" der Biologie, welcher nie kommen wird (K. d. U. 286), 
in der Kritik der praktischen Vernunft nicht sagen (K. d. pr. V. 117): 
man konne „alle Notwendigkeit der Begebenheiten in der Zeit 
nach dem Naturgesetze der Kausalitat, den Mechanismus der 
Natur nennen, ob man gleich darunter nicht versteht, dass Dinge, 
die ihm unterstehen, wirklich materielle Maschinen sein miissen". 

Diese Stelle bringt uns sogleich zu dem zweiten Grunde des 
Kantischen Schwankens: Kant identifiziert in dem zuletzt angefiihr- 
ten Satze offenbar den Begriff „Mechanismus" mit Kausalitat 
iiberhaupt; er nennt sozusagen das unter „Regeln" iiberhaupt 
Stehen der Natur „ Mechanismus" ohne dabei an Mechanik zu 
denken. Das lasst besondere vitalistische Kausalformen doch geradezu 
als moglich zu. Freilich gibt es andere Stellen, die weniger ein- 
deutig sind (z. B. K. d. U. 271). Kants Schwanken in Hinsicht 
des Begriffs Mechanismus scheint mir also der zweite Grund zu 
sein, welcher den eigentiimlich schillerndeu Charakter der Kritik 
der UrteUskraft bewirkt hat, jene Seite an ihr, die es, wie gesagt, 
Mechanisten und Vitalisten gleichermassen moglich macht, sich auf 
ihn zu berufen. Nimmt man sein Wort „Mechanismus" stets als 
„kausal iiberhaupt", so verschwinden viele der inneren Widerspriiche 
des Werkes; und der Vitalismus ist alsdann zugelassen. 

Drittens meine ich, riihrt die Unsicherheit der Darstellung 
bei Kant daher, dass er die Begriff e des „Naturz weeks" (= Or- 
ganismus als Individualitat) und der „relativen Zweckmassigkeit", 
also der Zweckmassigkeit der einzelnen Dinge der Natur in Bezug 
auf einander, zwar anfanglich (K. d. U. 245 ff.) scharf sondert, 
des weiteren aber ihre ganz verschiedene Stellung zum 
Begriffe Teleologie verkennt: 

Fiir Dasein und Werden des individuelle Organismus ist sach- 
lich und ist auch fiir Kant der Begriff Teleologie geradezu „kon- 
stitutiv", d. h. eine Voraussetzung fiir die Moglichkeit, auf diesem 
besonderen Felde iiberhaupt Erfahrung zu machen. War doch, 
wie wir sahen (Seite 101), schon der Begriff „Kausalitat iiber- 



108 H. Driesch, 

haupt" nur, sozusagen, anwendbar angesichts der Besonderheiten 
des Gegebenen, d. h. der reinen, nur raumzeitlich, aber noch nicht 
uiianschaulich verarbeiteten „Erscheinungen". Gewisse dieser 
Erscheinungen sind nun eben der Art, dass sie den Begriff Teleologie 
in Form der zwecktatigen (oder besser „ganzmachenden") Ursachs- 
art geradezu ordnungshaft fordern. Hier stehen „Kausalitat 
iiberhaupt" und „Teleologie" durchaus auf gleicher transzendental- 
logischer Stufe; die zweite ist eine besondere Art der ersten. 
Freilich ist streng alles Psychologische auszuschliessen, daher fiir 
Teleologie besser Oanzheit gesagt wird. Es handelt sich um Teil- 
ganzheiten im Rahmen der Natur, in durchaus objektivem Sinne, 
und um ihre Ursachen. 

Fiir die „relative Zweckmassigkeit", die von „Zwecken (und 
Mitteln) der Natur" redet, liegt die Sache anders. Da „mochte" 
ich auch mit Hilfe des Ganzheitsbegriffs Erfahrung „konstituieren", 
d. h. ich mochte von iiberpersonlicher Ganzheit reden und so das 
„ordnungsmonistische Ideal" (Seite 98 f.) der Verwirklichung naher 
bringen konnen. Aber es geht nicht an, well die „reinen Er- 
scheinungen" eben sind, wie sie sind. Das mag ich blesses „Re- 
flektieren" nennen. Aber dieses Reflektieren ist auch ein konsti- 
tuieren Wo 11 en, freilich eine hypothetisches, in dem Sinne, den 
dieses Wort auch in den Wissenschaften hat. Es handelt sich 
also um etwas Vorlaufiges, da nichts anderes moglich ist, aber 
doch um ein vorlaufiges „Konstituieren". 

Wie schwankend sind doch iibrigend bei Kant die Begriffe 
„konstitutiv" und „bloss regulativ" (oder „reflektierend") selbst! 
Die Kategorien seien konstitutiv. Aber in der Einleitung zu den 
„Analogien der Erfahrung" werden gerade die wichtigen Relations- 
kategorien in ihrer Anwendung als „bloss regulativ" (173) be- 
zeichnet, also als das, als was spater die Teleologie bezeichnet wird. 
Und es wird ja auch gesagt, dass die reinen, unanschaulich noch 
unverarbeiteten „ Erscheinungen" denkbarerweise so beschaffen sein 
konnten, „dass der Verstand sie den Bedingungen seiner Einheit 
garnicht gemass fande" (107 f.); also ganz dasselbe wird iiber 
die Anwendbarkeit der Kategorien iiberhaupt gesagt, was spater 
(K. d. U. 24: „Deun es lasst sich wohl denkeu usw.") iiber die 
Verarbeitung der Natur besonderheiten zu einem System von 
Gattungen und Arten gesagt wird. Und welter heisst es (K. d. U- 
271), ich solle iiber Natur „jederzeit nach dem Prinzip des blossen 
Mechanismus — [heisst das hier „Mechanik" oder „Kausalitat 



Skizzen zur Kaiitauffassung und Kantkritik. 109 

iiberhaupt"?] — reflektieren", was zwar nicht hindere „bei ge- 
gebener Veranlassung nach einem anderen Prinzip, [namlich d€m 
teleologischen], zu spiiren und zu reflektieren". 

Also: gleicher logischer Rang fiir „Kausalitat iiberhaupt** 
undfiir „Teleologie"; das ist die Hauptsache; ein Konstituieren , 
das bald mehr, bald minder „reflektierend" ist, je nach dem „Ge- 
gebenen". — 

Aber bedeutet nicht die mechanistische und die teleologische 
Betrachtung einen blossen Wechsel des „Standpunktes"? Viele 
denken heute so; und man muss wohl so denken, wenn man, wie 
etwa Cohen, zwar Zweck und Individuum als Kategorien zulasst, 
aber unter Kausalitat Mechanik im engeren Sinne versteht. Da 
wird dann alles in der Tat „bloss subjektiv", wobei freilich zu 
beachten ist, dass das Mechanische, als das allein klar und voU- 
standig zu Erfassende, gar leicht zur Hauptsache wird, so dass 
das Teleologische (und auch alles Psychische) zu blossen „Epiphaeno- 
menen" werden. 

Es gibt nun sicherlich raanche Stellen bei Kant, welche der 
„Standpunktslehre" das Wort zu reden scheinen, so z. B. die oben 
genannte Stelle (K. d. U. 271) iiber das „R,eflektieren" nach den 
Prinzipien des Mechanismus und der Teleologie. Aber im Ganzen 
ist doch die Standpunktslehre Kants Streben nach Objektivitat 
und Wissenseinheit vollig zuwider. 

Sachlich und logisch aber ist die „Standpunkts"-lehre ebenso 
wie die Lehre von der Allbedeutung echt mechanischer Kausalitat 
fiir Natur falsch. Sie ist sachlich falsch, well die bio- 
logische Theorie, angesichts des „Gegebenen", den Vitalismus ge- 
radezu braucht. Und sie ist logisch falsch, well mechanische Kau- 
salitat nur eine von den vier denkbarenFormendesNaturwerdens ist^). 
Man sollte endlich damit brechen, ohne die Spur eines Beweises 
aus dem Wesen des Wissens heraus, uns die Lehre von der grund- 
satzlichen echt mechanischen Auflosbarkeit alles Naturgeschehens 
immer wieder vorzusetzen. Wie wissensfeindlich das ist, sieht 
man wohl garnicht: und man sieht offenbar auch nicht, auf 
welcher Seite der „Kulturfehler", wie Cohen den Vitalismus ge- 
nannt hat^j, gelegen ist. — 



1) Ordnungslehre Seite 173 ff. 

*) Logik der r einen Erkenntnis S. 298. 



110 H. Driesch, 

Kant hat bekanntlich eine „Antinomie" der Urteilskraft auf- 
gestellt und gerade sie in einer Weise „gelost" , die, wie wir sahen, 
ihn nicht ganz davon freisprechen lasst, der „Standpunkts"-lehre 
gewisse Zugestandnisse gemacht zu haben. Wir glauben gleich- 
wohl, dass diese Lehre nicht die Grundmeinung des grossen, nach 
Einheit des Wissens ringenden Mannes gewesen ist, dass sie ihm 
nur eine Vorlaufigkeit im Sinne des Noch-nicht-durchschauten be- 
deutet. 

Wir wollen versuchen, seine „Antinomie" auf unsere Weise 
„aufzul6sen". 

Die teleologisch-mechanische „Antinomie" aber (K. d. U. 269 ff.) 
wird ohne weiteres ,gel5st". d. h. beseitigt, wenn man dieses 
erwagt: 

Alle Naturerscheinungen fallen unter den Begriff „Mechanis- 
mus" im Sinne von Kausalitat tiberhaupt; es gibt aber neben 
echt mechanischen auch vitale Ursachen, d. h. Naturbestimmungs- 
faktoren, die den Begriff des „Ganzen", mit Riicksicht auf Teil- 
ganze, namlich die individuellen Organismen (Kants „Natur- 
zwecke") in sich tragen und mit Riicksicht auf diese Teilganzen 
sich „teleologisch" aussern. 

Nun besteht aber fiir das Denken auch die Forderung, das 
ordnungsmonistische Ideal nach Moglichkeit zu erfiillen, also das 
Eine Ganze zu suchen, das alle Einzelheiten der Natur und auch 
alle Teilganzen, (die individuellen Organismen,) in ihr umfasst. 
Dieses Eine Ganze ist in Entwicklung gedacht; sein Endzustand 
ist der Zweck; alle Einzelheiten und alle Teilganzen sind in Be- 
zug auf den letzten Zweck zweckmassig. Hier aber kann nur 
,reflektiert" werden iiber „relative" Zweckmassigkeit, da der Zweck 
unbekannt ist. 

Das alles ist zunachst ganz unmetaphysisch ; nicht braucht, 
wie bei der Freiheitsantinomie, in das Intelligible hineingegangen zu 
werden. Die Setzung „Gott" ist nun freilich eine der moglichen hypo- 
thetischen metaphysischen Losungen des ordnungsmonistischen 
Ideals, und im Besonderen ist es eine Losung des Ideals, wenn 
angenommen wird, die Verteilung aller echt mechanischen und 
vitalen Ursachen der Natur sei von Gott so getroffen worden, 
dass der Zweck sich verwirklicht. Gott hatte dann eben den 
„Mechanismus" (im weiten Sinne des Worts) auf den Zweck hin 
„eingerichtet". Das Denken aber muss, mag es im Immanent- 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. HI 

Ordnungshaften bleiben oder metaphysischen Boden betreten, stets 
beiden Aufgaben nachgehen: es muss dem Mechanismus (im weitea 
Sinne des Worts) nachgehen und uber den (letzten) Zweck „reflek- 
tieren". Diese beiden „unendlichen Aufgaben" widersprechen ein- 
ander nicht.^ 

Es geht also nach unserer Darlegung der Begriff der Tele- 
ologie geradezu konsti|tutiv auf die eigentlich individual-biologische 
Kausalitatslehre als Gegenstiick zur Kausalitatsiehre des Unbelebten; 
er geht regulativ oder reflektierend, d. h. hypothetisch, auf 
Natur iiberhaupt. Aus dem Bereich des Biologischen aber ist alles 
.Anthropologische" hier ganzlich ausgeschieden, weswegen auch das 
"Wort „zweckmassig" besser durch „teilganzheitsbestimmend" ersetzt 
wird. Aus dem Bereich „Natur iiberhaupt" ist auch nach Mog- 
lichkeit das Anthropologische zu verbannen. Die Angelegenheit 
ist ja eine rein logische und objektive. Kant kann sich seltsamer- 
weise mit Riicksicht auf die Teleologie vom Psychologischen so 
schwer frei machen. 

IV. Zur transzendentalen Dialektik. 

1. Grundlegendes. 
Dass die Ableitung der „transzendentalen Ideen" aus den 
Formen der Schliisse ein gekiinsteltes Unternehmen ist, ist wohl 
allgemein anerkannt. Tatsachlich werden ja auch die Ideen den 
Kategorien der Relation und damit lediglich den Formen des 
Urteils zugeordnet. Das Neue liegt allein im Begriff des Un- 
bedingten, (absolutes Subjekt; Ursache, welche nicht selbst 
Wirkung ist; Umfang, welcher kein Teil eines hoheren Umfanges ist). 

a. 
Zu den Paralogismen: Absolutes Subjekt ist auch jeder 
beliebige Einzelgegenstand, nicht nur „Ich". 

b. 

Zudenbeidenersten Antinomien:Esistphaenomenoiogisch 
unrichtig, dass ich mit gleichem logischen Zwange so wohl die 
Thesis wie die Antithesis behaupten miisse. Weder die „Beweise" 



1) Aber vom individuelien Organismus gleichzeitig behaupten, er 
miisse im Sinne einer „unendlichen Aufgabe" im engeren Sinne mechanisch 
studiert werden, konne aber doch sicherlich niemals mechanisch ver- 
standen werden, das wiirde freilich einen inneren Widerspruch bedeuten. 



112 H. Driesch, 

der Thesis, noch diejenigen der Antithesis sind schliissige Beweise; 
beide „ Beweise" werden bekanntlich indirekt gefiihrt. Es ist 
logisch unrichtig, dass die Antinomien „aufgel6st" wiirden dadurch, 
dass von Dingen an sich abgesehen und die Betrachtung auf Vor- 
stellungen eingeschraokt werde; denn weder in Thesis noch in 
Antithesis war ja von Dingen an sich die Rede ; der (angeblich un- 
widerstehliche) Widerstreit gilt vielmehr schon im empirischen 
Bereich, ist aber lediglich eine praktisch unaufhellbare Sach- 
f rage. \) 



Zur Gottesidee: Der Begriff des absoluten Umfangs 
niitzt zur Gewinnung des Gottesbegriffs garnichts, wenn er nicht 
zugleich als Totalitat deslnhalts gesetzt wird. Absoluter Um- 
fang ist auch der Begriff des Etwas. Kant kann nun freilich, 
wenn er den Gottesbegriff an den in's Unbedingte erweiterten 
disjunktiven Schluss ankniipft, folgerichtig zu nichts anderem kommen 
als zum Begriff eines Umfanges, der alle Umfange einschliesst und 
selbst nicht von einem hoheren Umfang eingeschlossen wird. Er 
braucht aber mehr. Dass er folgerichtig zu nichts anderem kommen 
kann, hat darin seinen Grund, dass er den Begriff das Game nicht 
kennt, und das hinwiederum liegt daran, dass er das vollstdndig' 
konjunktive Urteil nicht als selbstandige Urteilsform hat. tJber diese 
Begriff e habe ich in Band XVI der „Kantstudien" (S. 22) gehandelt. 

Der Begriff Gott — (ganz abgesehen von der Frage nach der 
Beweisbarkeit der Existenz eines durch diesen Begriff gemeinten 
metaphysischen Gegenstandes) — miisste als das gefasst werden, 
was ich einen imentivickelten-enUvickelharen Begriff genanut habe.^) 
Wir kennen solche Begriffe nur im Mathematischen, Die Begriffe 
„Kegelschnitt "und „regulares Polyeder" sind gute Beispiele. Beide 
sind relativ hochste Umfange und zugleich Inhaltsgesamtheiten; 
denn aus den Begriffen „Kegelschnitt" und „regulares Polyeder" 
kann ich entwickeln, dass es nach Art und Zahl nur diese be- 
stimmten Kegelschnitte und regularen Polyeder geben kann. 

Kant sieht das selbst, obschon er nicht sieht, dass es sich 
aus seiner Beziehung des Gottesbegriffs, als eines Begriffs, auf 
den disjunktiven Schluss nicht ergibt, dass er auf seinem Wege 



^) Vgl. Ordnungslehre S. 241 ff. 

*) S. Ordnungslehre S. 121, 1401, 285, 289 und Wirklichkeitslehre S. 34, 
62, 150, 261. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 113 

folgerichtig nur zu dem leeren Begriff des absoluten Umfangs 
kommen kann. Er sagt (458), es solle sich um einen Begriff han- 
deln, der „nicht bloss alle PrS,dikate ihrem transcendentalen Inhalt 
nach unter sich, sondern der sie in sich begreift". Das aber 
ware mein „unentwickelter entwickelbarer Begriff", und zwar in 
engster Vereinigung mit dem Begriff das Game. Der Begriff 
Gott, ganz abgesehen von der Frage nach der Existenz eines 
durch ihn gemeinten wirklichen Gegenstandes, muss in der Tat 
zweierlei sein: erst ens das Allgemeine, aber das sehr reiche, das 
„unentwickelte entwickelbare" Allgemeine zu allem dem** Begriff 
nach Besonderen, und zweitens das Game im Verhaltnis zu den 
Teilen}) 

d. 

Zur Widerlegung des ontologischen Beweises: Kants 
Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises ist dem Wesentlichen 
nach zweifellos richtig; aber einige Telle der besonderen Ausfiih- 
rungen sind so, wie sie dastehen, unrichtig. Ich meine die Lehre, 
dass das Pradikat „ist" im Sinne von „existiert" zu einem^Begriffe 
nichts Neues hinzuftige. 

In dem Satze „Gott ist" ist namlich sehr wohl das „ist" ein 
„neues Pradikat" (472) das zu dem Begriff „Gott" hinzukommt, 
insofern er eben ein Begriff ist. Der Begriff „Gott" ist zunachst 
nur ein Subjekt mit (eigenschaftlichen) Pradikaten im Sinne einer 
Ann ah me. Wird das „ist" ihm beigefiigt, so wird eben ein 
neues Pradikat zugefiigt; nicht zwar im Sinne einer neuen 
„Eigenschaft", wohl aber im Sinne eines neuen Seinskreiszeichens: 
der Begriff Gott ist jetzt ein Wirkliches „meinender" Begriff. 
Und in demselben Sinne ist ,,100 Thaler" als blosser schlichter 
Inhalt ein anderer Begriff als ,,100 wirkliche Thaler". Es 
gibt eben „Pradikate" von sehr verschiedener Bedeutung; Seins- 
kreiszeichen sind eine besondere Gruppe von Pradikaten. 

Aus einem Begriffe, der noch kein Seinskreiszeichen, kein 
Zeichen des „Meinens" hat, kann nicht ohne weiteres entnommen 
werden, welches Seinskreiszeichen er haben diirfe: das ist der 
eigentliche Kern der Widerlegung des ontologischen Argumentes. 



») S. Ordnungalehre S. 29>%ii., Wirklichkeitslehr e S. 26h Den Begriff 
„Das Ganze" hat Kant in seiner Lehre vom ,,Intellectus archetypus" (K. 
d. U, 296). Aber da handelt es sich nur um ihn, und nicht um den Begriff, 
den ich „unentwickelten entwickelbaren Begriff" nenne. 

Kantatudlen XXII. s 



114 H. Driesch, 

Selbstverstandlich weiss das Kant: „Unser Begriff von 
einem Gegenstande mag also enthalten, was und wieviel er wolle, 
so miissen wir doch aus ihm herausgehen, urn diesem die Existenz 
zu erteilen" (474). Eben dieses „ Herausgehen" heisst: dem 
Begriff ein neues Pradikat im Sinne des „Meinens" bei- 
fiigen. Dieses Beifugeu ist stets synthetisch-aposteriori; dea- 
halb ist das ontologische Argument nichtig; aber ein „Pradikat" 
wird hier beigefiigt. Darin aber, dass kein aposteriorisches 
Mittel besteht, dem Begriff Ooit das Pradikat ist beizufUgen, liegt 
es begriindet, dass die Existenz Gottes weder beweisbar noch 
widerlegbar ist. 

Wir haben schon oben (Seite 94 f .) gesehen, dass der Begriff 
des „Meinens" bei Kant nicht hinreichend gewiirdigt ist. 

2. Zur Freiheitsantinomie. 
a. 

Im Rahmen der Freiheitsantinomie soUen nicht, wie bei den 
beiden ersten Antinomien, Thesis und Antithesis beide falsch, 
sondern soUen beide wahr sein; die Thesis soil sich auf Dinge an 
sich, die Antithesis auf die empirische Welt beziehen. Also: als 
Noumenon ist der Mensch frei, als Phaenomenon untersteht sein 
Handeln durchaus der Kausalitat. Ubrigens will Kant nicht die 
Wirklichkeit, ja „garnicht einmal die Moglichkeit der Freiheit" 
bewiesen haben, sondern nur „dass Natur der Kausalitat aus Frei- 
heit wenigstens nicht widerstreite" (445). 

Soil nun Kants Begriff Freiheit ganz strong gefasst sein: 
als das durch Nichts Bestimmte, auch nicht durch die eigene 
Eigenart? Spinoza nennt bekanntlich frei eine solche Sache „quae 
ex sola suae naturae necessitate existit et a se sola ad agendum 
determinatur" (Eth. I. Def. 7.). Das wird auch heute gern „Frei- 
heit" genannt, ob es schon nicht Freiheit in strengem Sinne ist. 
Auf Freiheit im Sinne des Spinoza beziehen sich nun sicherlich 
die meisten Reden Kants iiber Freiheit, zumal alle Reden iiber 
sittliche „ Autonomic": mein eigenes sittliches, im kategorischen 
Imperativ urteilsmassig ausgedriicktes Wesen soil ich zur Geltung 
bringen. Hier folgt also, oder soil doch folgen meine Handlung 
aus meinem Wesen; sie soil geradezu „bestimmt" sein, namlich 
durch mein Wesen. Sie soil nur nicht qualitativ bestimmt sein 
durch die Reize, welche dieses Wesen treffen. 



Skizzen zur Eantauffassung und Kantkritik. 115 

b. 

Aber redet Kant nie von Freiheit im Sinne vSlligen Un- 
bestimmtseins uberhaupt, nie von Bestimmtsein durch Nichts, 
auch nicht durch irgend ein zu Grunde liegendes „Wesen"? 
Bergs ons Begriff der „Libert6" ist von dieser ganz strengen 
Art: „Dieu se fait" d. h. er wird erst sozusagen sein Wesen, 
seine essentia, er hat es aber nicht; auch Fichtes Denken in 
seiner friiheren Zeit gehort hierher. 

Die einzige Stelle bei Kant, welche meines Erachtens im 
Sinne des ganz strengen Freiheitsbegriffs gedeutet werden muss, 
steht in der ^Kritik der praktischen Vernunft" S. 116 f.: „Ein 
elender Behelf" wird jeder „komparative Begriff von Freiheit" ge- 
nannt. Es komme garnicht darauf an, ob die Bestimmungsgriinde 
des Handels „im Subjekt oder ausser ihm liegen" und im ersteren 
Falle, ob sie „Instinkt oder mit Vernunft gedachte" Bestimmungs- 
griinde seien. Auch dann batten ja die Bestimmungsgriinde „den 
Grund ihrer Existenz in der Zeit und zwar dem vorigen Zustande" ; 
es waren immer Bestimmungsgriinde der Kausalitat in der Zeit 
da. Die echte Freiheit bedeute aber die Setzung des absoluten 
Anfangs einer neuen Veranderungsreihe. 

c. 

Erortern wir nun zunachst die „Freiheitsantinomie" unter 
Zugrundelegung dieses ganz strengen Begriffs der Freiheit gleich 
volliger Nichtbestimmtheit durch irgendetwas: Was an sich in 
diesem Sinne „frei" ist, das soil erscheinen als „kausal" bedingt. 
Beide Satze soUen wahr, wenigstens widerspruchslos denkbar sein. 

Wir wollen zugeben, dass jeder Satz fiir sich denkbar ist: 
aber die Giiltigkeit bei der ist dann eben nicht denkbar. Das 
Ansich soil ja doch in dem Erfahrungsinhalt erscheinen. Wie kann 
nun ein Ai in der Form eines A 2 „ erscheinen", wenn A 2 ganz 
ausdriicklich ein Kennzeichen X2 besitzt, zu dem der Voraus- 
setzung nach der relative^) Widerspruch, also Non-X2, Kenn- 
zeichen des Ai ist? 

Das ist nicht irgendwie auch nur zu denken : Das echt Freie 
an sich konnte eben nicht in der Form des Bestimmtseins er- 
scheinen; es miisste auch im Empirischen die Kausalitatsreihe 



*) Es h&ndelt sich natiirlich um einen relativen Widerspruch und 
nicht um das ganz leere Nicht. 

i 8* 



116 H. Driesch, 

durchbrechen — und zwar jede Form von Kausalitat, auch eine 
yitalistische. Damit fallt die Antiuomie. 

Mit Schopenhauers Operari sequitur esse steht es anders: 
da ist wirklich frei der metaphysische Wille, der sich in unsag- 
barer, geheimnisvoUer Form zeitlos sein esse, d. h. seine Wesens- 
form, geschaffen hat. Alles, was aus dem esse folgt, unter anderem 
auch das, was als Handlung „erscheint", ist nun aber sowohl ftir 
das phanomenale wie fiir das noumenale Reich bestimmt und zwar 
durch das esse, die Essentia, bestimmt. Das ist kein Widerspruch 
in sich. 

Man sucht die Antinomie der Freiheit wohl dadurch zu retten, 
dass man sagt: „Mein Denken der Kategorien und insonderheit 
der Kategorie „Kausalitat" ist eben freie Tat". Ich selbst habe 
friiher^) diesen Gedanken angenommen. Er ist aber auch falsch. 

Freiheit oder Bestimmtheit, diese Disjunktion spielt namlich 
iiberhaupt erst da eine Rolie, wo Veranderung, wo Werden oder 
wo das metaphysische (unbekannte) Korrelat dieses zunachst em- 
pirisch gemeinten Begriffs eine RoUe spielt. Mein sogenanntes 
„Denken" der Kategorien aber ist ein blesses Hahen oder Schauen, 
ist also nicht „ Werden". Also: fiir mein Hahen der kategorialen 
Bedeutungen tritt die genannte Disjunktion iiberhaupt garnicht auf ; 
sie tritt fur dieses Haben ebensowenig als Frage auf wie fiir den 
Ton cis die Frage auf tritt, ob er rot oder farbig aber nicht-rot sei. 

Auch die Freiheitsfrage also ist eine Sach frage — freilich 
eine unentscheidbare, wie in meiner WirklichJceitslehre (S. 120 ff.) 
gezeigt worden ist; sie ist eine Sachfrage- im Bereich der Lehre 
des empirischen und des metaphysisch ausgedeuteten Werdens 
Als kausal bestimmt „erscheinen" kann nur ein auch „au sich" 
Bestimmtes, wenn schon dessen Bestimmtheit nicht unter der 
Form zeitlicher Kausalitat gedacht wird ; und ein an sich wirklich 
ganzlich Unbestimmtes kann auch nicht „erscheinen" unter der 
Form der Kausalitat. 

d. 

Es gibt wie gesagt nur jene eine Stelle bei Kant in der 
„Kritik der praktischen Vernunft", jene, wo er jede „kompara- 
tive" Freiheit einen „elenden Behelf" nennt, welche zu zeigen 

Philosophie des Organischen II, S. 311, auch noch Ordnungslehre S. 34 f. 
und 321 Anm. 1; vgl. aber Wirklichkeitslehre S. 106 bis 122, zumal S. 117 
Anm. 2. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 117 

scheint, dass Kant hier den echten ganz strengen Freiheitsbegriff 
gesehen habe. In der ^Kritik der reinen Vernunft" redet Kant 
aber trotz allem selbst immer nur von einer in gewissem Sinne 
doch noch „komparativen" Freiheit. Auch hier aber soil eine 
Antinomie bestehen, und soUen Thesis wie Antithesis, die eine ftir 
das Ding an sich, die andere fiir das Empirische, beide wahr sein. 

Sehen wir uns also diesen zweiten Freiheitsbegriff Kants 
und die auf ihn gegriindete Antinomie naher an: 

Das handelnde Subjekt hat an sich einen „intelligiblen 
Charakter" (433); in diesem Sinne steht es „unter keinen Zeit- 
bestimmungen", also kann in ihm nicht „Hand]ung entstehen oder 
vergehen" (433). 

Aber ist nicht doch der „ intelligible Charakter" ein bestimmtes 
Sosein, welches die Handlung bestimmt? 

Als Noumenon enthalt ja doch, wie Kant sagt, das handelnde 
Subjekt „gewisse Bedingungen", ist es „ein Grund" (437), besitzt 
es gewisse „Vermogen", welche „Kausalitat haben", namlich „das 
Sollen herrorzubringen" (438). So „bestimmt" der intelligible 
Charakter den „empirischen", namlich das, was wir vom Handeln 
und Handlungsvermogen eines Menschen und von uns selbst em- 
pirisch wissen und „Sinnesart" (440) nennen. 

Wenn also auch „Kausalitat der Vernunft im intelligiblen 
Charakter nicht entsteht", sondern Vernunft nur ein „Vermdgen" 
(441) ist, namlich „eine Reihe von Begebenheiten von selbst an- 
zufangen" (442), so ist Vernunft eben doch nach Kants eigener 
Meinung ein ganz bestimmtes Wesen von jedesmal d. h. fiir 
jedes handelnde Subjekt ganz bestimmtem Sosein; „beharrliche 
Bedingung" wird sie genannt (442) und ausdriicklich wird gesagt: 
„Ein anderer intelligibler Charakter wiirde einen anderen em- 
pirischen gegeben haben" (444). Also folgt auch im Intelligiblen 
die Handlung aus etwas, namlich aus einem Wesen. Und die 
sittliche Vorschrift der „ Autonomic" besagt, dass sie eben nur aus 
diesem Wesen, nur aus dieser „beharrlichen Bedingung", welche 
Trager des kategorischen Imperativs ist, erfolgen soil; sie besagt 
nicht, dass die Handlung aus „Nichts" erfolgen soil. Die „Natur" 
des handehiden Subjekts, im Sinne des Wesens dieses Subjekts, ist 
eben: Trager des Imperativs zu sein. Man denkt hier an das 
secundum naturam der Stoiker. 



/ 



118 H. Driesch, 

So viel zunachst zu der zweiten Form des Freiheitsbegriffs 
bei Kant rein als solcher. 

Und nun Einiges zur Kritik eben dieses Begriffs: 1st nicht, 
logisch, diese im Wesen (im „Vermogen") begriindete sogenannte 
Freiheit sehr ahnlich dem, was im Gebiete der unbelebten Natur 
eine „Konstante" bedeutet? Kraft seiner Konstanten, wenn schon 
nicht durch sie allein, wird doch auch in einem unbelebten Korper 
irgend ein Geschehnis jedesmal das, was es eben seinem Sosein 
und seiner Starke nach wird. Und weiter: Unbelebte Geschehnisse 
an einem Korper, ob sie schon ihrem Sosein nach durch die Kon- 
stanten des Korpers bestimmt werden, werden als Geschehnisse 
iiberhaupt stets durch vorangegangene Geschehnisse gezeitigt 
und durch deren Sosein in ihrem Sosein mitbestimmt. Aber ist 
nicht ein Gleiches beim „intelligiblen Charakter" der E'all? Das 
dieser in einem bestimmten Falle handelt, das geschieht jedes- 
mal doch auch auf einen ganz bestimmten Anlass, einen „Reiz" 
hin, d. h. dadurch, dass jeweils eine bestimmte Besonderheit ihm 
,erscheint". Und zwar bestimmt der Anlass die Handlung nicht 
nur dem Dasein, sondern sogar dem Sosein nach „mit". Denn 
seine dem Sosein nach freilich ganz wesentlich von ihm, von seinem 
Wesen als „beharrlicher Bedingung" bestimmte Handlung wird doch 
auch von der Besonderheit des jeweils „Erscheinenden" in ihrem 
Sosein mitbestimmt. Wenn das handelnde Subjekt mit seinem im 
intelligiblen Charakter griindenden Vermogen diejenige Handlung 
begeht, welche als Rettung eines Ertrinkenden „erscheint", nun — 
so rettet es doch eben (erscheinungshaft) einen Ertrinkenden und 
tut nicht etwas beliebiges anderes. Das handelnde Subjekt ist ja 
doch zugleich das Subjekt des Erkennens, dem im Wege des 
„Affiziert"-werdens etwas .erscheint", und zwar in jedem Falle 
etwas Besonderes. Dass es „unleugbar'* sei, dass „alles Wollen 
auch einen Gegenstand, mithin eine Materie haben miisse", sagt 
Kant ganz ausdrucklich (K. d. pr. V. 40). Nur sei diese nicht 
„Bestimmungsgrund und Bedingung der Maxime". 

Die Analogie zwischen „intelligiblem Charakter" und „Kon- 
stante" ist in der Tat vollkommen. Beidemal Notwendigkeit des 
Anlasses, beidemal auch Soseinsbestimraung aus dem Wesen. 
Beidemal also, was die Hauptsache ist, Bestimmtsein aus etwas. 

Kant sagt in der Einleitung zur „ Kritik der Urteilskraft" 
(S. 36) freilich: „Die Bestimmungsgriinde der Kausalitat nach dem 
Freiheitsbegriffe" seien „nicht in der Natur belegen" und es konne 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 119 

„das Sinnliche das Ubersinnliche ira Subjekt nicht bestimmen". 
Aber das kann doch offenbar, in Ubereinstimmung mit unseren 
Ausfiihrungen, nur heissen, dass das intelligible Subjekt als Trager 
der Vernunft und des Sittengesetzes in seinemDasein undSo- 
sein nicht von der Natur aus bestimmt sei, nicht aber, dass es 
nicht zutn Sosein seines bestimmten jeweiligen Handels durch das, 
was ihm jeweils „erscheint", mitbestimmt werde. Ubrigens sei 
beilaufig bemerkt, dass gerade an der angefiihrten Stelle das in- 
telligible Subjekt wiederum ausdriicklich als „Grund" bezeichnet 
wird, „die Kausalitat der Naturdinge zu einer Wirkung gemass 
ihren eigenen Naturgesetzen, zugleich aber doch auch mit dem for- 
malen Prinzip der Vernunftgesetze einhellig zu bestimmen". 

Also: Das sein Sollende folgt nicht aus dem Sein, aber es 
wird doch nur dadurch verwirklicht, dass es intelligible Subjekte 
gibt, zu deren Wesen es gehort, Trager der Sollens-Gesetze 
zu sein. 

Es ist also der bei Kant iibliche Freiheitsbegriff selbst, 
trotz allem, komparativ. Er heisst: frei von dem, was nicht zur 
sittlichen Seite des intelligiblen Charakterwesens gehort, oder doch 
durch dieses Wesensfrerade nur als durch einen Anlass bestimmt; 
er heisst zumal: frei von egoistischen Triebbestimmungen. Aber 
er heisst nicht: „frei'' im Sinne volliger Unbestimmtheit. 



Wie soli nun dieser ubliche, selbst letzthin komparative 
Freiheitsbegriff bei Kant die „Antinomie" begriinden? 

Was in dem jetzt dargelegten Sinne an sich frei ist, das 
soil erscheinen als kausal bedingt. Man wird zunachst sagen, es 
sei ja doch auch an sich „bedingt", wenn schon, nicht durch zeit- 
liche Abfolge, sondern eben durch Essentia (die ihrem Ansich nach 
unbekannt ist). Die Antinomie kann also wohl iiberhaupt erst 
konstruiert werden auf Grund eines ganz besonderen Begriffs der 
Naturkausalitat und damit der Natur. Und zwar meine ich, dass 
Kant an dieser Stelle nun ganz ausdriicklich an einen echten 
Mechanismus der Natur gedacht hat, was er sonst, wie schon 
oben bemerkt wurde, durchaus nicht immer tut; sonst namlich 
kommt es zu gar keiner ,, Antinomie". 

Die Antinomie ist denn also diese: Was „erscheint" als dem 
liickenlosen , echten Naturmechanismus eingefiigt, namlich die 
Handlung eines Subjekts, ist „an sich" zwar nicht vollig un- 



120 H. Driesch, 

bestimmt, aber doch durch ein diesem Naturmechanismus nicht 
irgendwie zugehoriges Wesen mit bestimmten Vermogen bestimmt. 

Das ist nun aber ganz ebenso ein Widersinn fUr das Denken, 
wie die • „Antinomie" in ihrer ersten Form keine „ Antinomic ", 
sondern ein blosser Widersinn war.^) Aus jenem intelligiblen 
Wesen heraus soil eine erscheinende Kausalkette als mechaniscbe 
Kausalkette absolut anfangen, und sie soil doch auch 
Glied der allgemeinen liickenlosen echt mechanisclien Kausal- 
reihe iiberhaupt sein, derart, dass sie geradezu aus ihren 
kausalen, rein mechanischen Antezedenzien voraussagbar ist. 

Waren beide Satze der Antinomie wahr, so wUrde sich ein 
Widerspruch fiir das Erscheinungsreich selbst ergeben. Also 
sind nicht beide wahr. 

Bricht man mit der liickenlosen mechanischen Naturkausalitat, 
so fallt der Widerspruch hin. Aber dann fallt auch die An- 
tinomie hin! Es wird alles zu einer Sachfrage, namlich dem 
vitalistischen Grundproblem, ob es Durchbrechungen des echten 
Naturmechanismus gabe. Gibt es sie, z. B. in den Handlungen, 
nun, dann werden eben, soweit das „Anschauliche" in Frage kommt, 
Natur-„Anfange" durch nicht-mechanische, nur in ihrem Dasein 
gekannte Wesen gesetzt. Der allgemeine Begriff der „Bestimmt- 
heit" wird da aber gar nicht durchbrochen ; nur mechanische 
Bestimmtheit gibt es nicht durchgangig — auch schon fiir Er- 
scheinungen. — 

In den „Prolegomema" findet sich eine Stelle, welche, wie 
ich glaube, dieser unserer Auffassung der Freiheitsfrage sehr das 
Wort redet, und welche zugleich etwas dem Begriff der „Konstante" 
sehr Ahnliches einfUhrt; wobei man sich freilich wundert, dass 
Eant von einer „ Antinomie" redet, wo gar keine besteht. Es 
heisst da: „Denn was wird zur Naturnotwendigkeit erfordert? 
Nichts weiter als die Bestimmbarkeit jener Begebenheit der Sinnen- 
welt nach bestandigen Gesetzen — [also nicht nach nur mecha- 
nischen Gesetzen!] — mithin eine Beziehung auf Ursache in der 
Erscheinung, wobei das Ding an sich selbst, was zum Grunde 
liegt, und dessen Kausalitat unbekannt bleibt. Ich sage aber: 
das Naturgesetz bleibt, es mag nun das verniinftige Wesen 
aus Yernunft, mithin durch Freiheit, Ursache der Wirkungen der 
Sinnenwelt sein, oder es mag diese auch nicht aus Vemunft- 
grtinden be stimmen" (Pr. 131). 

») Siehe o. S. 115f. 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 121 

Hier ist „Freiheit" deutlich ein aus besonderer Quelle stam- 
mendes Gesetz. Von volliger Unbestimmtheit, also echter Frei- 
heit, ist garnicht die Rede. Um einen nicht-mechanischen Werde- 
bestimmer freilich handelt es sich — ganz wie beim Vitalismus. 
Das Wesen des verniinftigen Subjekts ist „beharrliche Bedingung" 
des sinnfalligen Geschehens, ganz ebenso wie eine vitale Entele- 
chie, ja, wie eine anorganische Konstante beharrliche Bedingung des 
Geschehens ist. Von „Antinomie" ist gar keine Rede, nicht ein- 
mal von einem irgendwie zu iiberwindenden Widerspruch. Freilich 
von echter „Freiheit" ist auch nicht die Rede. Bloss ..subalterne" 
Oder „subordinierte" Anfange (Pr. 132) im sinnfalligen, im „er- 
scheinenden" Geschehen setzen ja auch Entelechien und sogar 
Konstanten. Dem Sosein nach fangt das sinnfallige Geschehen, 
wenn man einmal so sagen will, „in ihnen an", dem Dasein nach, 
als Geschehen iiberhaupt hat es eine vorausgegangene sinnfallige 
Ursache, welche freilich nur Anlass, „Reiz" ist. Ohne Reiz freilich 
keine nichtmechanische Wirkung, aber — ohne Reiz oder Anlass 
auch keine Handlung!^) — 

In seinem Beispiel vom Liigner (443) sagt Kant, dass wir 
seine Tat ansehen, „als ob der Tater damit eine Reihe von Folgen 
ganz von selbst anhebe". Das „als ob" ist hier wichtig. Warum 
setzen wir dieses als oh? Unseres sittlichen Bewusstseins willen, 
das uns zwingt, die Tat irgendwie „anzurechnen" als gut oder 
hose. Also heisst hier wohl „frei" nichts anderes als: wegendes 
Verantwortungsbegriffs als frei angesehen. Auf diesem Stand- 
punkt der Ethik, welcher in der „Kritik der praktischen Vernunft" 
dominiert, ist also die ^^Antinomie" iiberhaupt gar keine eigentlich 
theoretische Angelegenheit. Die eigentliche Antinomie fiir das 
Denken entspringt erst daraus, dass das zunachst nur schlicht, in 
Form des Verantwortungsbewusstseins, vorgefundene sittliche Be- 
wusstsein dem Theoretischen eingegliedert werden soil. 

Eben hier ist nun freilich der Ort, wo bei Schopenhauer, 
(nicht bei Kant), der strenge Freiheitsbegriff und nicht nur der 
komparative auftritt, freilich durchaus nicht in Form einer „ Anti- 
nomie". Kant selbst sagt: „Wir konnen also mit der Beurteilung 
freier Handlungen, in Ansehung ihrer Kausalitat, nur bis an die 
intelligible Ursache, aber nicht iiber dieselbe hinauskommen" 



1) Man vergl. auch noch aus der „GrundIegung zur Metaphysik der 
Sitten" S. 85—93. 



122 H. Driesch, 

(444). Also: wir kommen nur bis an das Wesen, das esse, aus 
dem das operari folgt, und nennen dieses Wesen, dieses esse, 
im uneigentlichen Sinne „frei". Schopenhauer fragt nun nach 
der mystisch zeitlosen „Herkunft" des esse und antwortet: das 
war einer wirklich „freien" Tat Wirkung. 

f. 

Wir fassen unsere ErSrterungen iiber das Freiheitsproblem 
bei Kant kurz zusammen: 

-- Auffassung: Kant denkt ganz iiberwiegend an einen Frei- 
heitsbegriff, welcher „aus dem Wesen ais einer beharrlichen Bedingung 
folgend" (d. h. „autonom") bedeutet; dieser Begriff soil in Anti- 
nomie stehen zum Kausalbegriff, welche Antinomic aber auflosbar 
sein soil, wenn Freiheit als fiir das Reich der Noumena, Kausali- 
tfit als fiir das Reich der Phaeuomena giiltig angesehen wird. 
Ganz vereinzelt hat Kant wohl auch den strengen Freiheitsbegriff, 
d. h. den Begriff „vollig unbestimmt"; auch er soil zu einer un- 
auflosbaren Antinomie fiihren. 

Beurteilung: Der Freiheitsbegriff, den Kant ganz iiber- 
wiegend gebraucht, ist trotz allem „komparativ". Er bedeutet: 
,frei von nicht zum Wesen gehorigem". Das freie Subjekt ver- 
halt sich hier wie eine „Konstante", die auch das Sosein eines 
Geschehens bestimmt, obwohl Geschehen iiberhaupt von anderem 
Geschehen herstammt. Eine Antinomie besteht hier, wenn der 
Kausalbegriff weit gefasst wird, iiberhaupt nicht. Wird fiir 
Kausalitat, in dogmatischer Weise, mechanische Kausalitat ge- 
setzt, so besteht freilich eine „Autinomie", aber im Sinne eines 
ganzlich unauflosbaren Widerspruchs zwischen den Behauptungeu, 
der eben durch Aufgabe der einen der einander widersprechendeu 
Behauptungeu vermieden werden muss. 

Der echte Freiheitsbegriff steht zu jeder Kausalitatslehre 
in unauflosbarem Widerspruch; aber es braucht auch hier nicht 
zu einem Widerspruch zu kommen, denn schon fiir das Phano- 
menale tritt die Frage „Freiheit oder Bestimmtheit?" als Frage 
auf, und zwar als reine Sachfrage. 

Schopeuhauers Freiheitslehre ist von Widerspriichen frei: 
Die Essenz des intelUgiblen Charakters hat sich im strengen Frei- 
heitssinne, durch nichts bestimmt „gemacht'*; ist sie da, so ist 



Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 123 

sie nur in einem gewissen komparativen Sinne frei, denn nun folgt 
alles aus dem esse, ist durch das Sosein des esse bestimmt.^) 



g- 

Man hort in unserer Zeit haufig sagen, die Beurteilung einer 
Handlung unter den Gesichtspunkten der Kausalitat und der Frei- 
heit bedeute nur eine Verschiedenheit der „Standpunkte", und 
diese Standpunkte, von denen der eine das Phaenomenale, der 
andere das Noumenale betrafe, batten gar nichts miteinander zu 
tun. Diese Lehre ist sachlich ganz und gar unmoglicb, und ganz 
sicherlich ist sie nicht „kantiscb". Denn das Wissen ist Eines, 
sachlich sowohl als auch insbesondere fiir Kant, dem man es 
denn doch wahrlich nicht aufbiirden sollte, er habe zwei vollig 
unvereinbare Dinge ruhig nebeneinander bestehen lassen. Er 
kennt ja doch das Ding an sich als ein seinem Dasein nach wisi- 
bares, und er lasst es sogar „Grund", „beharrliche Bedingung" 
fiir das Phaenomenale sein. Er will doch den Widerstreit „auf- 
losen", eben durch die Beziehung auf das Ding an sich. Wie 
wir schon sagten: Zunachst, wegen des schlichten Vorfindens des 
„sittlichen Bewusstseins" in Form des Verantwortungsgefiihls, 
bleibt es freilich nur dabei, dass ich mich ansehen miisse, „als 
ob" ich frei sei. Das mag man einen blossen Standpunkt nennen. 
Aber dann soil doch der eine „ Standpunkt" mit dem anderen ver- 
sohnt werden ; und das geschieht eben in der Auflosung der dritten 
Antinomie. Also: Was die Philosophie zu leisten versuchen muss, 
hat Kant ganz klar gesehen, ob wir schon die Losung, welche 
er bietet, nicht als endgiiltige Losung annehmen konnten. 

Die Lehre vom „ Standpunkt" spielt, wie wir oben (S. 109) 
schon gesagt haben, bekanntlich bei den Neukantianern auch mit 
Riicksicht auf den Zweckbegriff eine grosse Rolle. Wir haben 
sie auch hier abgelehnt. Sagt doch eigentlich jede „Standpunkts"- 
Lehre nichts anderes als dieses: Man klappt das eine Buch zu und 



^) Bei Hegel ist die „Freiheit", zu deren immer hSheren Graden sich 
das Absolute entwickelt, die bloss komparative, sittlich autouome Freiheit, 
Ob die Entwicklung des Absoluten zu diesen Graden von komparativer 
IVeiheit bin selbst im echten Sinne frei oder als durch das Wesen des Ab- 
soluten bestimmt gedacht wird, ist nicht ganz klar; wahrscheinlicher ist 
mir das zweite. 



124 H. Driesch, Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik. 

macht das andere Buch, in dem etwas ganz anderes steht, auf. 
1st das wirklich „Philosophie", d. h. Lehre von dem Einen 
Wissen? Aber man sagt uns, das eine Buch enthalte „Konstitutives", 
das andere enthalte eine „Idee". Als ob eine Idee, die dem Kou- 
stitutiven widerspricht, (anstatt es zu vervollstandigen), mehr 
ware als eine miissige Zugabe. 



Besprechungen. 



Cassirer, Ernst. Freiheit und Form. Studien zur deutschen 
Geistesgeschichte. Verlag: Bruno Cassirer, Berlin, 1917. XEX u. 575 Seiten. 

Der Titel des jiingsten Werkes von Ernst Cassirer hat den Vor- 
zug, ein wichtiges gegensatzliches Begriffspaar nicht nur zur Halfte positiv 
una zur andern Halfte negativ, sondem auf beiden Seiten positiv zu be- 
leuchten. Nicht Freiheit und Unfreiheit oder Form und Unform stellt der 
Verfasser einander gegeniiber, sondem der Freiheit wird ihr Gegen- 
teil, die Form, als Heilung gegen etwaige unselige Weiten, der Form als 
Gegenteil, die Freiheit, als Heilung gegen etwaige unselige Engen 
gegenubergestellt. Es soil durch diese Kategorien eine gemeinsame Bezieh- 
ungsflache geschaffen werden, auf der sich die verschiedenen Probleme, 
die die deutsche Ideengeschichte vornehmlich des klassischen 18. Jahr- 
hunderts bietet, die inneren Kampfe um die SelbstSndigkeit der einzelnen 
geistigen Provinzen, die in den Gesetzen ihrer Form die Freiheit finden, 
behandeln lassen. Im Mittelpunkt steht ein grosses Kapitel fiber Goethe, 
den Ausgang bilden staatsphilosophische Erorterungen 

Die Darstellung hebt an mit einem Blick auf die Entwicklung des 
PersonUchkeitsbegrifts in der Neuzeit, auf jenes freie, weltliche Bildungs- 
ideal, das die grossen Kiinstler, Denker, Forscher der Renaissance an den 
Tag legten, Drei nationale Grundtypen werden da unterschieden. In der 
italienschen Renaissance kehrt sich die Stellung zur politischen Wirklichkeit 
hervor. Dante wird als Herrschernatur aufgefasst, als ein souveran das 
Universum sozusagen gestaltender Wille, Petrarca als ein Psychologe, der 
die Spiegelung seines Ich bei anderen erstrebt und erst auf diesem Um- 
wege zu sich selbst gelangt. Ftir die frarizosische Renaissance wird Mon- 
taigne als Reprasentant herausgegriffen, der vielseitige Denker, der weder 
Gelehrter, noch Staatsmann, noch Poet, noch im eigentlichen Sinne Philo- 
soph war, sondem ein Privatmann mit individuellen Liebhabereien und 
Launen. Das neue Selbstbewusstsein in Deutschland wurzelt in der reUgiosen 
Sphare. Der deutsche Humanismus scheint dieser Darstellung in Luthers 
Wirken zu gipfeln. Es tritt dadurch zeitweilig eine Verschiebung von 
der eingeschlagenen Richtung auf das Ganze der geistigen Kultur ein; 
denn die Reformation ist im Gebiete des ReUgiosen eigentiimlich zu Hause. 

Der zweite Teil der Einleitung hebt an mit dem geschlossenen Welt- 
bilde aristotelischer und neuplatonischer Herkunft, wie es von Dantes 
Beatrice poetisch verkiindigt wird. In dieses Weltbild hatte zunachst 
Kopernikus eine Revolution gebracht. Das neue Lebeosgefuhl, das Gior- 
dano Bruno beseelt, findet hierin eine Befreiung aus Kerkerschranken, und 
es befestigt sich in Kepplers Lehren, die statt der preisgegebenen ge- 
schlossenen Figur des Kosmos die Harmonic des durch innere Gesetze 
zusammengehalienen Alls beleuchten. Die Ungleichf5rmigkeit des Gesche- 
hens wird der Erkenntnis erobert durch die Mathematik, die sich auch 
des UngleichfOrmigen messend zu bemachtigen weiss. Die gleiche Revo- 
lution wiederholt sich in der sozialen kirchlich-staatlichen Sphare. Das 
sichere Verhaitnis des Einzelnen zum Ganzen in der alten, festen Ordnung 
wird aufgehoben, und siehe da, es entsteht doch kein ordnungsloses Chaos. 



126 Besprechungen (Cassirer). 

Luther« Brucli mit dem alten Systeme stellt den einzelnen vor neue Auf- 
gaben, die er tiefsinnig in der Forderung des Glaubens zusammenfasst. 
In der Hervorhebung des herzlichen Glaubens gegenuber den ausseren 
Werken scheint eine mystische Abwendung vom Tun zu liegen, doch wird 
bei Luther die Beziehung zur Welt nicht abgebrochen, sondern nur von 
den Kraftquellen der Innerlichkeit her neu belebt, wahrend bei Eckhart 
und Tauler die Entformung und Entbildung des sich in das Gottliche ver- 
senkenden Ich die Gefahr einer radikalen LoslGsung von den wirklichen 
Lebensaufgaben der Weltverhaltnisse in sich schliessen mochte. Aus dem 
Mittelpunkte des Personlichen heraus kann alles durch die Gesinnung ge- 
heiligt werden. Jeder Arbeitsstoff erlangt durch seine gute Formung 
eigenen Ad el. 

Hier glaubt Cassirer einen Grundzug feststellen zu konnen, der so- 
wohl in der religiosen sozialen Anschauung wie in der philosophischen 
idealistischen zu erkennen ist: fiir das neuere theoretische Weltbild ist es 
bezeichnend, dass die Wirklichkeit erfasst vv^ird als ein nach allgemeinen 
Leitsatzen erforschbarer Zusammenhang von Tatsachen. Die durchdringende 
Energie des Gedankens stiftet auf dieser Seite die Ordnung und Form 
des Ganzen, die anderseits aus einem Chaos zum Kosmos von dem einheit- 
lichen Zentrum des Glaubens und der Gefiihlsenergie aus gestaltet und 
aufgebaut wird. Die revolutionare Befreiung von dem alten autoritativen 
System geht nun, wie Cassirer schildern will, iiber sich selbst hinaus und 
fordert weiterhin Freiheit der Formen in dem Sinne, dass diese Formen, 
wie Gesellschaft, Staat, Wissenschaft, Recht, nicht nur im religiosen Licht- 
schein neu begriindet, sondern nach ihrer eigenen Gesetzlichkeit suverSn 
werden. Aehnlich wie Kurd Lasswitz sieht der Verfasser des Werkes iiber 
den Substanz- und Funktionsbegriff (1910), den wir hier leicht wieder- 
erkennen (29, 324 f., 339, 376 f.), m der Ideengeschichte eine Tendenz von 
einer hierarchischen Weltauffassung extensiver Seinsstufen zu einer 
solchen, die der intensiven Ordnung gestaltender Funktionen gerecht 
zu werden sucht, so dass die verschiedenen Richtungen des geistigen 
Lebens nicht nebeneinander fiir verschiedene Bezirke des Seins gelten 
und sich inhaltlich erganzen, sondern jede auf das Ganze der Wirklichkeit 
geht, aber jede nach dem Gesetze ihrer besonderen Form. Die Entdeckung 
dieser Grundformen in ihrer autonomen, von fremden Geboten freien Gel- 
tung ist das eigentliche Thema des folgenden Buches iiber „Preiheit 

und Form". 

* 

Mit Leibniz beschaftigt sich eingehend das erste Kapitel, wie sich 
dem Leibnizischen System das vor 15 Jahren erschienene, etwa zehnmal 
so lange, ausgezeichnete Jugendwerk des Verfassers und alsdann das Werk 
iiber das Erkenntnisproblem, in dem Leibniz auch eine wichtige Stellung 
einnimmt, schon gewidmet hatten. 

Das mechanische Geschehen bildet fiir Leibniz eine ununterbrochene 
Kette von kausal verkniipften Zustanden in Raum und Zeit. Doch dass 
uberhaupt etwas geschieht, ist aus den Regeln der Mechanik und Mathe- 
matik nicht abzuleiten. Wir miissen in jeden Moment die Tendenz zur 
Veranderung hineinlegen, und die Einheit einer Lebensreihe entsteht erst 
durch ein beharrendes Etwas, durch Identitat des Subjekts im Wechsel 
der Zustande. Dies ist der Gegenstand der Metaphysik. Im Selbstbewusst- 
sein ist die Gewahr fiir das Ineinander des Einen und Vielen gegeben. 
Der fiir die mechanische Auffassung unerreichbare Punkt, die Apperzeption, 
liefert die neue Beleuchtung. Die aussere Folge hat einen inneren Grund 
in der Substanz erhalten, die das Gesetz des Uebergangs von jedem Punkt 
der Ruhe zum folgenden in sich tragt. (61) Leibniz hebt die Individuali- 
tat der Einzelreihen als besondere Einheiten hervor, Allenthalben indivi- 
duelle Spontaneitat, doch Uebereinstimmung und Verkniipfung im Gesetz 
des universellen Kosmischen. Die Natur ist unaufhorlich schopferisch, das 
Wirkliche voller Besonderung, jede Form zugleich frei und gebunden (63), 
namlich gebunden durch das Gesetz, frei durch die Eigenheit des Gesetzes, 



Besprechungen (Cassirer). 127 

well es das Gesetz des eigenen Wesens ist, was sick entfaltet, nicht 
Zwang von aussen, sondern Notwendigkeit von innen. Diese Monadologie 
hat die Kategorien der seelisch-geistigen Wirklichkeit allgemein bestimmt 
and von den Kategorien der physikalischen Mathematik geschieden (63, 76). 
Lessing, Herder, Goethe verwenden ini Auf bau ihres Weltbildes hier zuerst 

fepragte Formen; denn Leibniz schuf, wie Cassirer ausfiihrt, der Epoche 
er klassischen Literatur und Philosophie die geistigen Ausdrucksmittel. 
Auf Leibniz folgen in einem den aesthetischen Formen gewidmeten 
Kapitel anziehende ideengeschichtliche Charakterisierungen (von Gott- 
sched, Lessing (145 ff.), Hamann (171 ff.), Herder (180 ff.), Winckelmann 
(200 ff.")). Den HOhepunkt scheint jedoch der folgende Abschnitt iiber 
Kants Freiheitslehre zu bildeu, auf die ich noch zuriickkomme. Leben, 
Lyrik und Naturforschung Goethes finden alsdann eine ausfuhrliche 
Wiirdigung. 

Von der AU-Bejahung des Herzens in der Liebe, der Gottesliebe, 
nimint die Darstellung ihren Ausgang, Der liebevolle Zustand des Innem 
(281) ist Goethes Jugendgenialitat, sein Pantheismus. Doch auf Begriffe 
wie Pantheismus, Polytheismus, Monotheismus kam es ihm nicht sonderlich 
an. Er nimmt alle diese Formen als Naturforscher, Poet und sittlicher 
Charakter gelegentlich fur sich in Anspruch (282, 389). Auf die „Kniee 
seines Herzens" zwingt ihn Herders grosse Art, durch das universelle 
liebevolle Gefiihl, den Eros, alien Kehiicht der Historie zur lebendigen 
Pflanze zuriickzuwandeln, das Menschentum selbst in aller bun ten 
Mannigfaltigkeit teilnehmend, liebend zu erfassen. Dieselbe Wendung 
kehrt bei Kleist Goethe gegeniiber wieder. Und beidemal scheint der 
angebetete Mensch, als sei er der Anbetung unwiirdig, beiseite zu 
treten und am Ende Goethe nicht vor Herder und Kleist nicht vor 
Goethe zu knieen, sondern vor dem, als dessen Herolde nur jene grossen 
Verkiinder im Sonnenschein ihrer leuchtenden Lichtbotschaft erschienen 
waren. Auch der grosse Prophet ist ein Bruder (285, 287, 289), wenn 
auch homo homini deus hier zu werden scheint. 

Die Begeisterung fasst Nahes und Femes, Vergangenheit und Gegen- 
wart in Goethes Dichtung gem zusammen (286, 3171, 344, 417). Die 
Schranken der Zeit und des Raumes scheinen zu versinken (319), Inneres 
und Aeusseres ungetrennt in einer ursprunglichen Einheit zu ruhen. Goethe 
sieht gern vorwarts. Er meint, es gibt keiu Vergangenes, das man leidend 
zuruckersehnen diirf te. Er will sich das Schone einverseelen, einvergeistigen, 
dass es an seinem Ich ewig weiter wirke und bilde. Er will sich formen 
lassen von seiner produktiven Sehnsucht. 

Die Griechen, von denen Xenophon in seiner Anabasis erzahlt, riefen 
„Thalassa" jubelnd aus, als sie nach langer Wanderung die Kiiste erreichten 
und den Wasserspiegel glanzen sahen, — ein ahnliches Gefiihl iiberkommt 
vielleicht den Leser nach der Wanderung durch das vorgoethische Jahr- 
hundert, wenn diese freie Lichtgestalt erscheint, denn sein Licht bedeutet 
Heimat den Suchenden, nicht allein den Kindern seines Volkes. Das iiber- 
zeitHche Problem von Freiheit und Form gelangt durch ihn in die innigste 
Nahe zeitgenossischen Empfindens. Es ist die Fragestellung und die in 
ihr enthaltene, durch sie involvierte Antwort, die der Folgezeit gehort. 

Nicht eine hinzutretende ErgSnzung ist der Gedanke der Form zum 
Gefiihl der Freiheit, sondern die gestaltenden Funktionen des Lebens ent- 
halten ihn von Anfang an in sich beschlossen. Cassirer sieht ab von be- 
denklichen Periodisierungsversuchen und angstlichen beengenden biogra- 
phischen Einzelheiten. Was die Dichter „ins Enge" gebracht, sollen wir, 
nach Goethes eigener Weisung, nicht ins Weite klauben. Gegen diese 
Ruckverwandlung des aus dem Leben verwandelten Bildes in Stoff (298, 
403), hat sich auch Jakob Burckhardt schon ausgesprochen. 

Cassirer geht aus von der Totalitat des Goethischen Wesens. Sieht 
man etwas naher zu, so erkennt man als Wichtigstes sein zentrales Leben 
als die Geschichte eines unablassig strebenden aktiven Geistes, eine Ent- 



128 Besprechungen (Cassirer). 

faltung inneren Reichtums in Beantwortung alien mOglichen wohlauf^e- 
nommenen Reichtums des von aussen Empfangenen. Selbst Spinoza schemt 
keine aussere Bereicherung dieses Wesens zu bedeuten, sondern lediglich 
innere Konfirmation, die Resonanz eines vorhandenen gOttlichen Grundtons 
(292). Dem Wechsel und Werden der Natur gegeniiber fand Spinoza in 
der Mathematik den bleibenden Bestand, Goethe in der kiinstlerischen 
Gestaltung, in den Gebilden, die sich, dank einer „Gabe von oben", die 
ihm die Fahigkeit verliehen, Erlebtes zu formen, von ihm loslOsten und, 
die Notwendigkeit und Gesetzlichkeit des Seins in ihre Form aufnehmend, 
auf sein eigenes Inneres befreiend zuriickwirkten (299). Andererseits bot 
ihm die Naturbetrachtung in der wirrevoUen, doch nicht unfruchtbaren 
Enge des praktischen Lebens gelegentlich auch eine ErlOsung durch den 
Anblick jener grossen „Konsequenz", die er als Forscher studierte (306, 
408). Gegen das Zufallige und Eigensinnige, das der beschrankten Indi- 
vidualitat des Kiinstlers entstammt, sucht und findet er Rettung in einer 
Synthese von Kunst- und Naturbetrachtung, die wahrend der italienischen 
Reise zur Reife gelangt (309, 320, 379, 409). An die Stelle der blossen 
Subjektivitat einer gliihenden Ktinstlerseele setzt er nun in genauer Paral- 
lele zu seinen naturphilosophischen Ueberzeugungen ein typisches und 
naturgesetzliches Wirken objektiver Art. Der Gegenstand selber scheint 
sich in regelrechter Fiigung zu offenbaren, zu enthiiUen (310 f). Das Sch5ne 
wird zur Manifestation von Gesetzen, die wir sonst vielleicht nicht gewahr 
wiirden. Hier findet Goethes klassischer Stilbegriff seine Grundlagen. Die 
Poesie ergreift das Besondere und hat in ihm das Allgemeine mit, dagegen 
in der AUegorie zu einem AUgemeinen das Besondere als Beispiel gesucht 
wird. Docn glaubt Cassirer feststellen zu kOnnen, dass die Lyrik des 
jugendlichen Dichters von einem Punkte ausgehend sich zur universalen 
Empfindung weitet, wahrend fiir die Lyrik des Alters die Anschauung des 
Ganzen bereits zum Ausgangspunkt geworden ist (314 f.). Das Allgemeine 
in der Form, die die Idee besitzt, werde nicht nur nebelhaft geahnt, sondern 
erschaut, es drange sich in ein konkretes Symbol zusammen. Von dieser 
Charakteristik aus wird der westOstliche Divan beleuchtet (315 ff.) 

Goethes Naturbetrachtung vermeidet die scheinbar unausweichliche 
Alternative, entweder ohne alle begriffliche Deutung sich rein an Gefiihl 
und Phantasie zu halten (Mystik, pantheistische Metaphysik, Gestaltung in 
der kiinstlerischen Anschauung) oder den wissenschaftlichen methodischen 
Weg der Beobachtung, Vergleichung, Berechnung zu betreten (322 f.) Dem 
Zwange dieses Entweder-Oder unterliegt sie nicht. Es war nicht seine 
Art, sich vor der Mannigfaltigkeit in ein Einheitsgefiihl zu fliichten — der 
friihere Aufsatz uber die „Natur" wird bald iiberholt — , wohl aber geht 
er auch nicht in den Einzelheiten auf, sondern findet seinen einheitlichen 
Standpunkt in einer ideellen Sphare, in der jedoch das produktiv Praktische 
als der Weisheit letzter Schluss gilt (326 f.) Alle Denkfragen (Probleme) 
haben sich fiir ihn in Handlungsaufgaben (Postulate) zu verwandeln (326, 
341). Seine Darstellung des Fortgangs seiner botanischen Studien wird 
als ein in der Geschichte der Wissenschaften schlechthin einzigartiges 
Dokument bezeichnet (327). Doch behandelt Cassirer die Entwicklung der 
Goethischen Naturanschauungen nicht allein an diesem Leitfaden, sondern 
an der Hand der verschiedensten Aeusserungen. Gelegentlich werden 
Verse in gehaltvoUer Prosa paraphrasiert, gelegentlich charakteristische 
Briefstellen herausgegriffen, die in ihrer frischen Urspriinglichkeit unend- 
lich pers5nlich und lebendig wirken, Goethe ist iiber den Gegensatz des 
Ideellen und der Erfahrung, hinaus, und auch die heutigen wissenschaft- 
lichen ErOrterungen iiber Goethes Stellung zur Naturforschung zeigen sich, 
wie Cassirer findet, der „heldenraassigen Idee" Goethes, die Schiller im 
August 1794 zu charakterisieren wusste, selten gewachsen (vgl. z. B. S. 382 f.). 
An dieser Stelle nun (833 ff.) greift Cassirer auf wichtige Kategorien zu- 
riick, die er in seiner friiheren Schrift (1911) iiber Substanz und Funktion 
naher zu beleuchten suchte. Er unterscheidet das Allgemeine als Ergebnis 
der Abstraktion vom Einzelnen und das Allgemeine als Gesetz der Ver- 



Besprechungen (Cassirer). 129 

kniipfung des Einzelnen (vergl. auch 314, 339, 361 1, 369, 382 f.) Auf der 
einen Seite w^chst die AUgemeinheit als schematisches Gattungsbild durch 
Fortlassuung unterscheidender Ziige, auf dem zweiten Wege wSchst nicht 
die Unbestimmung mit dem AUgemeinen und handelt es sich nicht urn 
einen Aufstieg zxx Arten und Klassen, die an Inhaltsarmut zunehmen, je 
hoher man steigt wie in diinnere Liifte, sondern es handelt sich um zu- 
nehmende Bestimmtheit in der Vergegenwartigung und Erforschung der Be* 
ziehungen, die vom Einzelnen zum Einzelnen obwalten. Es werden mithin 
zunehmend an Realationen reichere Komplexe zusammengefasst und Ketten 
geschmiedet, die die vorherunterschiedenenEinzelheiteninReihenzusammen- 
schliessen. Die durchgangige Verknupfung wird dabei stets fester, und 
auf die Kegel der Verknupfung kommt es an, auf den Reihenbegriff, nicht 
auf den Gattungsbegriff der alten Klassifikationen (351 f.). An die Stelle 
dieses Gattungsbegriffs also, der in seiner AUgemeinheit totet, setzt die 
neue genetische Betrachtung die universelle Geltung einer Regel, nach der 
das Besondere entsteht (376 f.). So wird die spezifische Bestimmtheit nicht 
aufgegeben, sondern reiner und reiner entfaltet (380). 

Goethes Natur widersetzte sich der Arbeit, durch Setzung eines 
fertigen Stifts neben den andern ein Mosaikbild zusammenzuftigen (337, 345), 
ahnlich wie ihm etwa das Verfahren Crebillons, die Leidenschaften wie 
Kartenbilder auszuspielen, die man mischen, ausspielen, wieder mischen 
und wieder ausspielen konne, ohne dass sie sich veranderten, als ein Un- 
dmg widerstrebte (386 f.)- So geniigte ihm denn auch die botanische Klassi- 
fikation nicht (393). Nicht nach Kennzeichen der Uebereinstimmung sieht 
er sich um, nach den Bedingungen der Entwicklung der Formen geht seine 
Frage. Alles Einzelne scheint, wenn der Blick auf das Ganze fehlt, nur 
ein toter Buchstabe (344). Goethes Auge aber ruht in leidenschaftlicher 
Anteilnahme auf den Erscheinungen des Wandelns und Umwandelns, die 
die organischen Geschopfe ihm zeigten (348). Diese Teilnahme und dieser 
Drang nach geordneter Frage versprach bereits eine Antwort (265, 349, 
358 f.). Recht im Gegensatz zur Romantik in ihrer ungestillten Sehnsuchts- 
stimmung wird von Goethe auf seiner Irrfahrt nach der Urpflanze das 
Konigreich einer neuen fruchtbaren echten Methode des Gewahrwerdens 
einer stetigen Entwicklung entdeckt (350 f.). Fortan stellte sich ihm die 
Vielheit der Phanomene nicht als lastende Tatsachenmasse beSngstigend 
dar, er hatte die Erlosung aus SeelennOten in der Zuversicht gefunden, dass 
er sich auch hier der Leitung seiner inneren Stimme in Ruhe ilberlassen 
und die eigene Bahn, analog seinem sonstigen Lebensgange, beschreiten 
dtirfte. 

Die Phantasie und ihre Geschwister, Sinnlichkeit, Verstand und 
Vemunft, arbeiten daran, das Sein aus einem statischen Ganzen in ein 
dynamisches Gauzes aufzul5sen (373). Das Gebilde der Form wandelt sich 
dieser Betrachtung in den Prozess, aber der Prozess strebt wieder dem 
Gebilde zu (878). Vor dieser Offenbarung Gottes, der das Feste lasst zu 
Geist zerrinnen und das Geisterzeugte fest bewahrt, bleibt der Dichter 
andSchtig verweilend als vor einem h5chsten Begriff, den der sittliche 
Denker wie der tatige Mann zu erringen vermag, stehen (367, 378). „Dieser 
schone Begriff von Macht und Schranken, von Willkiir und Gesetz, von 
Freiheit und Mass, von beweglicher Ordnung, Vorzug und Mangel ..." 
beseelt ihn in inniger Begeisterung, und doch sind es, nach Cassirers 
Meinung, nicht allein geniale dichterische „Anregungen", die, wie eine 
noch weit verbreitete Ansicht will, Goethe der organischen Naturwissen- 
schaft gegeben hat, sondern er habe ihre Grundtatsachen und Grund- 
methoden entdeckt (382). 

In der Faustdichtung erblickt Cassirer einen Spiegel der Entwick- 
lung Goethes. Sie stellt sein Formgesetz ungewollt und notwendig dar 
(403, 415 f.). Die Magie und gliihende BeschwOrung der unbekannten 
Machte weicht dem stillen Anschauen. Die „scientia intuitiva" (329, 407), 
von der Spinoza spricht, gibt ihm Mut, sein gauzes Leben der Betrachtung 
widmen zu wollen. Die Natur in ihrer Schrecklichkeit schwindet, jenes 

Kantstudien XXII. 



130 Besprechungen (Cassirer). 

Medusenhaupt, das noch Werther angstigte und als dusterer Fluch der 
GretchentragOdie innezuwohnen scheint, und es ersclieint statt ihrer die 
gute Fuhrerin zur Konsequenz und Stetigkeit (306, 408) und reicht ihm 
bis ans Lebensende die helfende, heilende Hand. Die titanischen Ideen, 
die so gross beginnen, zerfliessen in Nebel; denn zu dem ewig Guten, 
ewig Schonen zu leiten, ist der GOtter Werk, die er gewahren lassen 
mochte. Die Form ist dem ausltalien in das „gestaltlose Deutschland" zuruck- 
gekehrten Denker (411) etwas unsagbar Bedeutendes geworden. Scheinbar 
jedoch nur bringt er aus dem Auslande heim, was eigentlich aus seines 
eigenen Herzens tiefer Heimat stammt. „Sie steiget hernieder in tausend 
Gebilden . . .'■ Einzig veredelt sie den Gehait, verleiht ihm und sich die 
hochste Gewalt kraft der in ihr wirksamen Himmelsgnade. Dem von ihrem 
heiligen Eros ganz erfiillten Manne ist Pandora-Helena nicht allein in 
Jugend- und Frauengestalt auf Erden symbolisch sehnsuchtweckend sicht- 
bar als ewig Hinanziehendes, Hebendes, Ahnungen Weckendes, sondern, 
wie es von Lynkeus heisst, in allem, was die gliicklichen Augen je gesehen 
als gottliche Offenbarung zu innigster Beseligung und Lauterung des 
Lebens. Er f olgt dem Geahnten nach und fuhlt im Tun und Weiterschreiten 
die taglich neu zu erobernde Freiheit, die zugleich Befreiung von dera 
eignen Lebensschweren und fiir andere Wohltuendes bedeutet. „Die Vollen- 
dung der Subjektivitat hat zu ihrer Begrenzung in einer Aufgabe gefuhrt, 
die zugleich unendlich und objektiv ist (414 vgl. auch 271, 289). Und da- 
rait hat Mephisto sein Spiel verloren." 

* 

Im Gegensatze zu der MSglichkeit eines Verbindungsweges zwischen 
Goethe und Kant iiber die Natur und das Gegebene vermittelt die sitt- 
liche PersOnlichkeit Schiller s zwischen beiden auf dem Kantischen Wege 
tiber die Idee und Aufgabe. Cassirer hat ihn durch kundige Kontrastkunst 
beleuchtet, indem zu dem bedeutenden Versuche Schillers einer theoretischen 
Rechtfertigung des eigenen Kiinstlertums (425, 429, 442) als Voraussetzunger 
von der aesthetischen Seite her die Lehren von K. Ph. Moritz und von den 
ethischen die spekulativen Gedankengange Johann Gottlieb Fichtes ver- 
deutlicht werden (438 ff., 454 ff.). SchUlers Stellung bringt wohl dann auch 
zugleich zwischen der dynamischen SchOnheitsidee Herders und dem 
plastischen Begriff Winckelmanns eine h5here Synthese zustande (217, 468). 
In der klassischen Kunstform scheint Cassirer alsdann einen schmalen 
Htthenpass zwischen den Abgrunden der sogenannten Verstandesaufklarung 
und der Romantik zu erblicken (469 f). 

Fichtes ethischer Idealismus will die vergebliche theoretische Frage 
nach der Ursache und Herkunft der urspriinglichen Einschrankung, in die 
sich das Ich versetzt findet, in die fruchtbare praktische Frage nach dem 
„Wozu", nach dem Sinn der Grenzen des unendlichen Strebens im End- 
lichen umwandeln. Die Grenze sei dazu da, um in der fortschreitendeu 
sittlichen Tatigkeit des Ich aufgehoben zu werden, wodurch der Geist 
seiner unendlichen Bestimmung eigentlich inne werde (457). Der Entstehung 
nach unbegreiflich sind diese Schranken ihrer Bedeutung nach das Klarste 
und Gewisseste, denn sie erhellen die bestimmte Stelle in der sittlichen 
Ordnung der Dinge, wo unsere Pflichten liegen. Die Welt ist in dieser 
Beleuchtung, wie der tiefsinnige Denker es lebhaft und grandios zusammen- 
fasst, eine Versinnlichung des Grundstoffes unserer Pflichten (458, 462, 546), 
und wir durchschreiten somit im Tun eine unendliche Reihe konkreter 
Bestimmungen, olme doch jemals bei einer von ihnen aufgehalten zu werden. 
"Was auf ein Objekt geht, sei endlich (45 ff.). An der Endlichkeit dei 

Seins aber werde die Unendlichkeit des Sollens offenbar. 

* 

Im letzten Telle der wertvollen Untersuchungen Cassirers werden 
Freiheit- und Staatsidee aneinander gehalten. Wieder wirft der Verfasser 
zur Feststellung der Eigentiimlichkeit des deutschen Wesens einen Ruck- 
blick auf die Staatstheorien der anderen Nationen und sucht zu erklaren, 
wie es kam, dass sich bei Schiller und Fichte das Ideal des Deutschtum* 



Besprechungen (Cassirer). 131 

so eng mit dem Ideale der Humanilat zusammenschliessen konnte (4781). 
Nach einer paradoxen Aeusserung ist der deutsche Nationalcharakter als 
ein Urspriingliches gewachsen ohne Geschichte (478, 485). Das Problem 
von Volk und Staat steht hier somit auf einem vOlIig anderen Boden als 
bei den anderen grossen Kulturnationen Europas. Seit der Renaissance 
wendet sich die dieser Epoche iiberall eigene Teilnahme an den wirklichen 
Verh&ltnissen auch einer theoretischen Darstellung und Erhellung der 
politischen Praxis zu. Bei den Italienern hat Maccmavelli die kunst- und 
listenreiche Herrschaftstechnik seiner Zeit zu analysieren gesucht, bei den 
Franzosen ist Eichelieu der geniale Kopf, dessen Griindung der durch 
Kampfe bestandig bedrohten nationalen Einheit auf das absolute Konigtum 
die entscheidende Wendung eingeschlagen hat. Aus der Zentralisierung 
der Staatsgewalt in der Person des Herrschers konnte spater die Ueber- 
tragung der Staatsidee auf das unpersonliche Subjekt des Volkes hervor- 

fehen. In Rousseaus AUgemeinwillen soil noch der ursprungliche Machtwille 
es Staates seine iiber alls Sonderinteressen sich erliebende Verwirklichung 
finden (483). In Deutschland wird eine neue Staatsauffassung, nicht wie 
in Frankreich und England aus der Kraft des Geschehens heraus, sondern 
aus der Macht des Gedankens gewonnen und zu rechtfertigen unternommen. 
Die einzelnen Lebensgebiete pflegen in der allgemeinen Geschichte des 
deutschen Geisteslebens ihr reales Wachstum, wie Cassirer ausfiihrt, zugleich 
mit den philosophischen Bemiihungen nach ihrer gedanklichen Recht- 
fertigung zu entialten (102 f., 484 f.). So wurde die asthetische Reflexion 
und Kritik eine produktive Bedingung fiir das kiinstlerische Schaffen, so 
soil nun nach Fichte das Sein der iiberindividuellen nationalen Einheit des 
Deutschtums als ein bewusstes Werk, im Gegensatz zu der fehlenden Ein- 
heit in der Form, die der geschichtlichen staatlichen Existenz eigen war, 
aus dem Geiste hervorgehen, und zwar nicht als Fortsetzung der Geschichte, 
sondern als ein Anfang. Fichte erblickt in dem Mangel auf dem Gebiete 
der realen eine notwendige Bedingung fiir die ideelle Entwicklung. 

Die Darstellung Cassirers will nun aber nicht die Genesis des deutschen 
Staates, sondern die Revolution von Freiheits- und Staatside im deutschen 
Geistesleben geschichtlich beleuchten. Nicht allein wie das gelegentlich 
zum blossen Schlagwort gewordene Freiheitsprinzip von Einzelnen und 
sogar von grossen objektiven Kulturgebieten, gegen die Ein- und Ueber- 
griffe des Staates zur Geltung gebracht wird, sondern, uber dieses Negative 
hinaus, in welcher wechselseitigen Beziehung sich Freiheit und Form auch 
auf diesem Gebiete verhalten, und inwiefern der Staat mit seinen Bindungen 
als Ausdruck und Erfiillung derselben prinzipiellen Forderung erscheinen 
darf, die in der Freiheitsidee lebendig ist, soil als ein wichtiges Kapitel in 
der Schilderung des deutschen philosophischen Idealism us abgehandelt werden. 
In den folgenden Ausftihrungen werden nun an der Hand des Problems 
von Freiheit und Form die Gedanken fiber den Staat von Cusa, Leibniz 
und Wolf, Friedrich dem Grossen, Lessing und Herder, Kant, Humboldt, 
Fichte, Schelling, Hegel entwickelt. Teh werde diesen anderen Orts eine 
eigene Besprechung widmen. 

* 

Bei Immanuel Kant hat Ernst Cassirer wohl den Hohepunkt seiner 
Entwicklungsdarstellung gefunden, bei Wolfgang Goethe ist in seinem 
so viel Prachtiges und Gediegenes enthaltenden Buche der breiteste Ozean 
menschlichen Fuhlens und Lebens uberblickbar, ingens aequor. Das Rezep- 
tive bei Goethe, seine stille Tiefe, dabei oft nach nachtwandlerischer Passi- 
vitat und gotterleuchteter Begnadung von oben aussehende Wesensart und 
Wirkungsweise, hat in Kants Lehren, wie sie die Richtung Cassirers deutet 
und vertritt, eine gewaltige Erganzung und harmonische VervoUstandigung, 
ohne die andere Seite damit aufzuheben, streng und stilvoU erhalten. In 
Leibniz aber fliessen fruchtbare Voraussetzungen, die den glaubensstarken 
Optimismus dieses Genius noch in weite Folgerungen hinaustragen. Leibniz 
vermittelt denn auch zwischen den in der Terminologie bisweilen anein- 
ander vorbeisprechenden Geistesheroen. 

9* 



132 Besprechungen (Cassirer). 

Das energische Betonen des aktiven Elements, wie es schon in un- 
gezahlten sprachlichen Wendungen der kritizistischen Theorie bei Cassirer 
auffallen kann, hat mich, wie ich gestehe, anfangs eher abgestossen und 
befremdet als angezogen und so erwarmt, wie es die ins Herz scheinende 
Deutlichkeit einer wahren Einsicht zu tun pflegt. Diese Wirkung beruhte 
wohl in subjektiven Hemmungen, die erst iiberwunden werden mussten, 
um den Blick fiir das Richtige frei zu machen. Ich empfand zunfichst im 
Gegensatze zu den Ausfiihrungen in dem Kapitel tiber die Freiheitsidee 
im System des kritischen Idealismus (22 Iff.) einen starken Hang zu ab- 
weichender Verlegung der Akzente. Von Augustin und dem ihm folgen- 
den Jansenismus aus liber die Fragen der Heils- und Erlosungslehre 
in einem Sinne orientiert, dem die Abhangigkeit der Seele vom Hochsten 
als das Beste, Gewisseste und Unverlierbarste in Zeit und Ewigkeit gelten 
muss, konnte ich mich einstweilen schwer an eine Phraseologie gewohnen, 
die den Begriff Abhangigkeit nur als etwas zu Ueberwindendes, ein psy- 
chologisches Unzulangliches, zu werten schien. 

Die aktivistische Terminologie schien indessen eng an das Freiheits- 
problem geknupft; war doch fur Kant unter Freiheit nicht Loslosung aus 
der Kette der Ursachen verstanden, sondern im Gegenteil ein neben dem 
Gesichtspunkte der UrsSchlichkeit seinerseits desgleichen zu Rechte be- 
stehender Gesichtspunkt. .Frei ,1^1 positiven Verstande' heisst fiir Kant 
nicht die Handlung, die ,von selbst' anfSngt, sondern die in sich selbst 
ihren Zweck und ihre Norm hat" (227). Die Beschaffenheit nicht des Ge- 
tanen, sondern des im Getanen wirksamen Willens ist das Entscheidende 
und ,guter Wille ist", wie Goethe ganz kantianisch im ,Clavigo' sagt, „h6her 
als aller Erfolg". Warum hoher? Weil der Erfolg nicht uber die Giite 
des Willens richtet, sondern der Wille in sich Wert hat, auch wenn in 
der dem Willen entzogenen SphSre der ausseren korperlichen Wirkungen 
das durch den Willen Erreichte nicht dem Gewollten entsprechen sollte. 
Dies ist der neue sittliche Gesichtspunkt, der die Beurteilung der Hand- 
lungen von allem Aussenwerk befreit. Die religiose Betrachtung kann sich 
nicht hierzu im Gegensatze befinden; sie will nur betonen, dass der gute 
Wille selbst ein Tun ist, das, wie die Wirkungen, schliesslich in Gottes 
Hand liegt; haben wir doch selbst jene innerlichste Fahigkeit zu woUen 
und zu handeln nicht selbst aus dem Nichts geschaffen, sondern erhalten 
sie fort und fort wie das Leben als eine Gabe aus unerforschlichen, doch 
dem Glauben unendlich Vertrauen einflOssenden Ewigkeitstiefen. 

Cassirer will in seinem Buche nicht den gesamten Gehalt des kan- 
tischen Systems spiegeln, es war ihm in diesem Zusammenhange hauptsach- 
lich nur darum zu tun, die ursprungliche und wesentliche Tendenz darzu- 
stellen (262). Und als diese scheint er eine charakteristische Verbindung des 
Freiheitsbegriffs mit den Problemen des Formalen zu erblicken. Kants 
Leistung vollzieht eine neue Isolierung der Gebiete und eine neue Ver- 
einigung : eine neue Orientierung liber die ganze geistige Wirklichkeit, und 
eine allgemeine Systematik des Kulturbewusstseins wird damit gewonnen. 
Mit ihm ist der „Schulbegriff" der deutschen Philosophie „Weltbegriff" 
geworden (64, 99, 224). Er zieht sich aus der konkreten Inhaltsfulle der 
einzelnen Gebiete zuriick, um sich der Bestimmung des Formalen zuzu- 
wenden. Die Selbstgesetzgebung war fiir Teilgebiete des Bewusstseins 
schon ans Licht gehoben, als er sie fiir die zentrale Bewusstseinsform des 
Willens zu entdecken unternahm; denn in der Form des reinen Willens 
erschliesst sich uns, seiner Doktrin nach, die grundlegende Form, die jeder 
reinen Geistigkeit iiberhaupt eigen ist (230). In der Anerkennung eines 
durch sich selbst geltenden Willens und eines rein durch sich selbst ver- 
bindlichen Gesetzes konstituiert sich, wie der Terminus lautet, jene intelli- 
gible Ordnung, die wir Vernunft nennen. Die Auffassung aller Pflichten 
(Notwendigkeiten von Handlungen aus Achtung fiirs Gesetz 233, 253) als 
gottgegebener Gebote bleibt dadurch ungeschwacht fortbestehen, kOnnen 
wir doch Pflichten auch nicht anders als auf dem gleichfalls gottgegebenen 
Wege der Wirklichkeitserfahrung erkennen. In den ErlOsuugsreligionen 



Besprechungen (Cassirer). 133 

steht allerdings das passive Er^riffensein der Seele durch Gott voran (240), 
hier ist die Gewissheit der Existenz Gottes nur ein anderer Ausdruck fflr 
die Behauptung der Gewissheit des Sittlichen selbst. Cassierers kritizisti- 
sche Stellung verbietet eine dogmatische d, h. ohne Reflexion auf die 
Organisation des Bewusstseins erfolgende Setzung einer jenseitigen Aussen- 
region. Die Begriindung der Freiheit wird nicht in einer iibersinnlichen, 
noch sinnlichen Welt gesucht (239), sondern die Freiheit als erstes durch 
sich selbst gewisses Datum setzt und begriindet das intelligible Sein, Das 
freie Selbst entdeckt sich selbst in der Anerkennung eines Sachwerts (253), 
und iH dieser Entdeckung des Geistigen von sich selber wird die wahre 
Form der ObjektivitSt gesehen, die in der Wahrheit selbstgegebener Ge- 
setze gegrundet ist (244). Doch man mag nach diesen zusammengezogenen 
Wendungen nicht den dialektischen Fluss der Arbeit Cassirers wiederer- 
kennen, und es bleibt nichts iibrig als auf die feinsinnigen, gehaltvoUen 
Einzelausfuhrungen hinzuweisen. 

* 

Vieles vereinigt sich, um das Werk Cassirers zu einem ebenso durch 
Klarheit und Anmut des Vortrags anziehenden wie durch souverSne Stoff- 
beherrschung von einem festen Standpunkte aus und durch reichste Kennt- 
nisse, Gediegenheit, Umsicht und Besonnenheit wertvollen Buche zu machen. 
Die Sicherheit der Fiihrung, Pragnanz und Scharfe der Bestimmungen, 
Geschlossenheit und doch zugleich keine engen Absperrungen zulassende 
Universalitat und Eindringlichkeit der Darstellung, die voUendete Leichtig- 
keit in der Aufhellung und Klarung von schwierigen Problemen, Feinheit 
und Richtigkeit in der psychologischen Charakterisierung, bewundernswerte 
Vertrautheit mit den entlegensten Einzeldaten verbunden mit einem un- 

fewOhnlichen KGnnen, allenthalben das Bedeutende, Wesentliche und fiir 
ie folgende Entwicklung Fruchtbare herauszuhebcn und in seinem eigenen 
Glanze zu beleuchten, und bei alledem noch die abgeklarte Ruhe und 
Schlichtheit, von alien doktrinSren oder fanatischen Anwandlungen freie, 
angenehm kiihle Sachlichkeit der systematischen Entwicklung stellen die 
Arbeit wohl den besten ideengeschichtlichen Orientierungen, die wir be- 
sitzen, an die Seite. Sie schopft iiberall aus den Quellen in f rischer Lebendig- 
keit, und doch darf ihr nicht weniger nachgesagt werden, omnes consuluisse 
Deos, dass sie auch die Literatur iiber den Gegenstand auf die beste Weise 
benutzt und studiert hat. Nicht nur die Koryphaen der Wissenschaft, auch 
die neueren, noch weniger bekannten Autoren finden vielseitige Beachtung. 
Wohlerwogen scheint auch die Abmessung des Raumes, die den einzelnen 
Gestalten gegonnt wird, in der architektonischen Anlage des Ganzen, so 
dass die Freiheit von subjektiven Willkurlichkeiten in dieser Beziehung 
ebenso erstaunlich wie vorbildlich wirkt. Wenn Spinoza relativ zuriicktritt, 
Wieland nicht vorkommt, die Studie im allgemeineu selten uber den Rahmen 
der deutschen Geistesgeschichte hinausgeht und der Kant eingerSumte 
Platz Husserlich nicht in die Breite geht, so sind das eigentlich nicht so- 
wohl grosse Nachteile als kleine Vorziige der selbstverstSndlich auch von 
gleichsam zufalligen Einfliissen nicht voUstandig unberiihrt gebliebenen , 
Anlage der Disposition. Gerade in dieser Fassung aber waren solche Ab- 
tSnungen, solche Farben, solche Kontrastwirkungen und iibersichtliche 
Ordnungen eben mOglich, wie sie uns geboten wurden. Die Ablehnung 
Rousseaus vonseiten Cassirers geschieht offenbar in der Absicht und Rich- 
tung auf eine sachlich grossere, weitere Bejahung, denn das Kunstideal 
Goethes scheint, um des in ihm enthaltenen Bejahungswiirdigen willen, 
vorziiglicher als die an Verneinungen allzugeffthrlich krankende zivilisations- 
negierende Tendenz des Rousseauschen Naturideals. 

Gleich weit davon entfemt, Unterschiede zu gunsten einer roheren 
Yereinheitlichung zu verwischen, wie davon, unnOtige Scharfen und schroffe 
Gegensatze in die Konturen der grossen ideellen Bewegungen hinein- 
zukonstruieren, beachtet Cassirer als ein echter Sohn des Zeitalters nach 
Leibniz den Grundsatz der Stetigkeit. Wenn Georg Simmel vielleicht 
nicht ganz von der Neigung frei zu bleiben scheint, gelegentlich die Pointen 



134 Besprechungen (Spranger). 

etwas zu spitz zu schleifen und z, B. in seinem kleinen Schriftchen iiber 
Kant und Goethe die wesenstiefe Einigkeit der beiden vieUeicht grossten 
Erdensohne in den geistvollen Wendungen seiner dialektischen Kontra- 
punktik ein wenig zu beunruhigend zu zerspalten, so wird man in alien 
einzelnen Ausfiihrungen die scharfsinnige Untersuchung des Genannten 
doch. wohl nur bis zu der Grenze Recht behalten lassen woUen, wo das schein- 
bar Z wiespaitige zur Verdeutlichung verschiedener Personlichkeiten dient ; 
dass dieses ausserlich ZwiespSltige weiterhin nicht ohne uberbruckende 
Harmonie bleibt, wird jedoch fiihlbar, sichtbar, selbstverstandlich, wenn 
die dunklen Wolbungen der willkiirlichen Systematik schwinden, beziehungs- 
weise durchsichtig werden, und der blaue Himmel des Realen iiber diesen 
beiden befreundeten Antipoden gemeinsam zu erschauen ist. Wir entfernen 
uns dazu von der Geschichte des Irdisehen in die liberzeitlichen Fragen 
der Ideen, die Cassirer unter die entscheidenden Begriffe Freiheit und 
Form zusammenfasst. Allein diese Entfernung von der Erde bedeutet zu- 
gleicli eine Riickkehr in die ewige Heimat. 

Berlin-Charlottenburg. Dr. Hans Lindau. 

Spranger, Ednard. Begabung und Studium. Leipzig-Berlin, 
Verlag und Druck B. G. Teubner 1917. 99 S. (Deutscher Ausschuss fiir Er- 
ziehung und Unterricht.) 

Unter dem Titel „Begabung und Studium" hat der bereits seit 
einer Reihe von Jahren auf dem Gebiete der Bildungspolitik geschichtlich, 
theoretisch und praktisch tatige Professor der Philosophic und Padagogik 
an der Universitat Leipzig, Eduard Spranger, hochschulpadagogische 
Untersuchungen veroffentlicht, deren Erorterung wohl noch lange — nicht 
allein den verdienstvoUen „Deutschen Ausschuss fiir Erziehung und Unter- 
richt", sondern die Oeffentlichkeit iiberhaupt beschaftigen werden ; handelt 
es sich doch um Gesichtspunkte und Fragen von einschneidender sozialer 
Bedeutung und iiber die Grenzen des engeren Schulbetriebs sowohl wie der 
nachsten zeitlichen Gegenwart hinausreichender politischer Tragweite. 
Das alte und doch nie veraltete Problem des „Aufstiegs der Begabten" 
steht hier zur Diskussion, und der Sprecher scheint in hervorragender 
Weise zur Behandlung dieses Themas geeignet. Man konnte fast m ihm 
nach seinen bisherigen Leistungen den pradestinierten Anwalt in Sachen 
von „Begabung und Studium" und in dem Titel der Schrift die kiirzeste 
Formel, die die Summe seines Wesens zieht, erblicken. 

Sprangers Schriften verfolgten von friih an das Ziel einer Wissen- 
schaft, zu der im hohen Grade Phantasie und Kunst gehoren, einer Cha- 
rakterologie typischer Lebensformen, die in der Weltliteratur gelegentlich 
^ systematisch, meistens jedoch wohl ohne systematische Absichten gepflegt 
und angebaut worden ist. Ein Talent hierfiir bekunden auch die geist- 
vollen, fesselnden Charakteristiken gewisser Strukturzusaramenhange von 
teleologischer Bedeutung, die uns in der vorliegenden kleinen Arbeit 
begegnen. Spranger liebt es, Typen zu schildeni. Er greift wesent- 
liche Ziige heraus, wie das von grossen Dichtern zu geschehen pflegt, 
und er scheint die Neigung zu haben, se^ne Charaktere zu Nutz 
und Frommen von spateren Generationen in den goldenen Kafig 
seiner kiinstlerischen Form zu sperren. Um nicht in allzuviel Einzelheiten 
abzuschweifen, mSchte ich hier nur die drei plastischen Portalfiguren als 
Beispiel erwahnen, die den Eingang der Untersuchung iiber Begabung 
und Studium schmiicken. Es wird da vom Standpunkte des Staates una 
der ^emeinschaft aus, also innerhalb einer sachlich historisch befestigten 
Sphare, nach den Mitteln und Wegen gefragt, gute Einzelleistungen „dem 
Ganzen der Nation, ihrem Gedeihen und ihrer Macht zugute kommen zu 
lassen." Diesem Ziele gegeniiber lassen sich, wie Spranger ausfiihrt, drei 
verschiedene politische Grundstandpunkte unterscheiden. Die kon- 
servative Staats- und Lebensauffassung, durchdrungen von dem Glauben 
an Recht und Segen der iiberkommenen gesellschaf tlichen Ordnung, schenkt 
den Anspriichen einer aussergewohnlichen intellektuellen Begabung wohl 



Besprechungen (Spranger). 135 

am wenigsten wohlwollende Teilnahme. Die Charakteristik dieser Ge- 
sinnung wird vertieft und verdeutlicht durch Kennzeichnung ihrer kri- 
tischen Ablehnung eines nicht das Ganze der menschlichen Seele ergreifen- 
den Intellektualismus. „Blosse Kultur des Kopfet erzeugt nach dieser 
Auffassung Hochmut." Es entspringt daraus: fiir den Einzelnen die Ge- 
fahr des Wurzelloswerdens und des Hinauswachsens tiber den Kreis, fiir 
den er seinem ganzen Wesen nach allein geschaffen ist, — fitr den Staat 
aber die Revolutionsgefahren, die besonders von neuerungssiichtigen Jour- 
nalisten (novarum rerum cupidi) heraufbeschworen werden. Leistungs- 
fahigkeit innerhalb der Grenzen der zugewiesenen Domane ist willkommen, 
doch wird im allgemeinen echte Begabung als das Erbstiick der aristo- 
kratischen Klasse betrachtet. Die Liberalen dagegen glauben nicht an 
eine andere ererbte Ungleichheit als die des Besitzes und der willkiir- 
lichen Rechtsordnung, sie wollen jedem Tiichtigen, jedem Talente freie 
Bahn gonnen (S. 2, 84). Einer positiven Forderung stehen jedoch auch sie 
insofern kiihl gegeniiber, als sie die Entfaltung der Anlagen des Einzelnen 
zur vollen humanen Ausbildung fiir ein freies Werk der PersOnlichkeit 
halten, das von Innen heraus, ohne aussere Eingriffe, sich voUziehen muss. 
Von Wilhelm von Humboldt und Rousseau bis auf Herbert Spencer haftet 
dieser Politik und Padagogik, nach dem bekannten Vorbilde der sog. 
klassischen Nationalokonomie von Adam Smith, ein stark negativer Zug 
an. Der Optimismus des „laisser faire, laisser aller" glaubt an Selbst- 
durchsetzung und harmonische Entfaltung aller echten KrSfte, wenn nur 
die kiinstlichen Schranken fallen. „Selbsthilfe und Selbstbestimmung sind 
die Leitsterne dieser Lebensauffassung. Sie haben iiber dem Wege aller 
derer geleuchtet, die sich durch die Ungunst der ausseren Verhaltnisse 
Bahn gebrochen . . , haben." Also freie Berufswahl, Freiziigigkeit, die 
Einrichtungen fiir hbhere Bildung jedermann offen, der — Zeit und Geld 
dazu hat. „Fiir Zeit und Geld selbst noch zu sorgen, wiirde dem streng 
liberalen Staat als eine Ueberschreitung seiner Rechte gegeniiber dem 
Individuum erscheinen !" Sogar der allgemeine Schulzwang scheint von diesen 
Prinzipien aus nur schwer zu rechtfertigen. Ein dritter Standpunkt meldet 
sich noch weiter links, gegeniiber den Schaden eines durch die Unter- 
schiede der Besitzverhaltnisse allzu 'ungleichen und daher doch nicht 

feniigend freien Wettbewerbes, zu Worte. Spranger bezeichnet ihn als 
en sozialen. Der Sozialismus bedeutet eine Art Riickkehr von der 
Freiheit zur Form, indessen nicht zu der alten, sondern einer inzwischen 

fewandelten, neuen Form. Dem Ideale der freien Konkurrenz tritt das 
er gesellschaftlichen Organisation gegeniiber, und zwar mit dem Ziele, 
dass das Ganze jeden Einzelnen an seiner Stelle fOrdern und jeder Einzelne 
dem Ganzen unbedingt zu Dienst und Leistung verpflichtet sein soil (S. 3, 
91 f.^. Es ist ein wechselseitiges Verhaltnis der Verantwortung. Wo dies* 
Gesmnung zur Herrschaft gelangt ist, wird die Begabung nicht dem indi- 
viduellen Kampfe ums Dasem ohne positive Forderung iiberlassen, sondern 
gleichsam an die Stelle der natiirlichen Auslese die Unterstiitzung durch 
kiinstliche Zuchtwahl einzusetzen gesucht. 

Der Universitatsbetrieb in seiner akademischen — sch5nen, doch 
nicht vollstandig ungefahrlichen Freiheit steht heute noch wesentlich im 
Zeichen des Liberalismus (S. 4f.). Johann Gottlieb Fichtes Universitats- 
plan dagegen, den vor einigen Jahren die Berliner Kaiser-Geburtstagsrede 
(1910) von Alois Riehl so anregend und eindringlich uns vor Augen 
fiihrte, tragt die strengen Ziige einer sozialistischen Organisation. Die 
Gegenwart lebt in einer Uebergangszeit, in der sich die politische Gesinnung 
einer gegen erstarrte Formen des Vergangenen gerichteten Freiheitsliebe 
vielfach in einen gegen die Gefahren des freien Gehenlassens gerichteten 
Willen zu strafferem Staatssozialismus gewandelt hat. Dieser Wandel ist 
in der Geschichte der gelehrten Bildungsinstitute zu spiiren, und sicher- 
lich scheint Spranger nach alien seinen friiheren Darstellungen ganz beson- 
ders dazu berufen, hier als Historiker wie als Verkiinder von Zukunfts- 
vorschlagen sich vernehmen zu lassen. Bedenken gegen eine liberale 



136 Besprechungen (Vierkandt). 

Lebensordnung an den Universitaten im allgemeinen kaun er nicht teilen ; 
einer Umbildung des Universitats- in Schulbetrieb widersetzt er sich sogar 
lebhaft, (besonders Vorwort, vgl. auch S. 6, 8, 29), aber Gedanken, wie 
sie Riehl uns in seinen Ausfiihrungen iiber ein Dozentenhaus 
entwickelt hat , unterstutzt er aufs kraftigste (S. 68 ff .) ; denn der 
Aufstieg der Tiichtigen soil, seines Erachtens, nicht durch ausserhalb der 
sachlichen und personlichen Begabung liegende Bedingungen schwer ge- 
hemmt, z. B. durch die Ungunst von Protektious- und Vermogenslosigkeit 
hintangehalten warden (S. 63). Es gilt die wissenschaftlichen und prak- 
tischen Begabuugen zu fin den und zu fordern (7, 73). Nach beiden 
Seiten hin wird uns vieles geboten. 

Berlin-Charlottenburg. Hans Linda u, 

Vierkandt, Dr. Alfred, Universitatsprofessor in Berlin: Staat und 
Gesellschaft in der Gegenwart. Eine Einfiihrung in das staats- 
bilrgerliche Denken und das politische Leben der Gegenwart. A. d. Samm- 
lung „Wissenschaft und Bildung" von Quelle und Mayer, Leipzig 1916, 161 S, 

In anmutig gemeinverstandlicher Form gibt uns der Berliner Soziologe 
hier einen Ueberblick fiber das Wesen der sozialen und politischen Be- 
ziehungen des heutigen Lebens. Sieben Kapitel besprechen 1 : Wesen und 
Form des Staats, 2: Die Gesellschaft, 3: den modernen Nationalstaat, 
4: Die Reformbewegungen der Gegenwart, 5: den Klassencharakter des 
Staates und der Gesellschaft, 6: den Kampf in der modernen Gesellschaft 
und 7: die politischen Parteien der Gegenwart. Ein Schlusskapitel, das 
die schopferische Entwickelung, die mehr aus der Gesellschaft wie aus dem 
Staate komme, betont und zur Gemeinschaft zuruck, von der Sache zum 
Menschen strebt, um den Staat selbst zur Macht des Guten zu gestalten, 
schliesst das Ganze ab. Literaturangaben und Register sind angeftigt. 

Wenn Verfasser in seinen ErOrterungeu der ersten Kapitel den Staat 
als Macht und die Gesellschaft als Freiwilligkeit kennzeichnet, so hat er 
damit vielleicht nicht ganz den richtigen Gegensatz gefunden. Im Begriffe 
der Gesellschaft fasst er sowohl die Element arformen sozialer Beziehungen, 
wie sie den Familienbedtirfnissen, den Bedttrfnissen nach Geselligkeit und 
wirtschaftlichem wie sonstigem Verkehr entspringen, als auch die korpo- 
rativen Gestaltungeu, die in der ausgebildeten Pamilie und den Vereini- 
gungen sonstiger Art vora kleinsten Vereine bis zu Staat und Kirche be- 
stehen, in eines zusammen, und stellt sie dem Staate gegenuber. Richtiger 
ware doch wohl, diese korporativen Sozialformen allesamt den elementaren 
gegenuberzustellen und unter ersteren dann den Staat als die heute macht- 
voUste Korporation zu kennzeichnen. Jede Korporation fibt Macht fiber 
ihre Glieder aus, will andere sich untertan machen oder sie verdrangen. 
Dass nun heute der Staat, im Mittelalter mehr die Kirche, an die Spitze 
trat, und dass in den Staaten wieder bald eine grundbesitzende Herren- 
kaste, bald die Bureaukratie, bald die Militarorganisation als tiberragende 
Macht hervortritt, das mfisste aus den Beziehungen zwischen Elementar- 
formen und Korporativformen abgeleitet werden. 

Dieser Unterscheidungsm angel gibt manchen Ausfuhrungen des 
sonst uberaus sachkundigen Verfassers, insbesondere den drei ersten 
Kapiteln ein etwas undeutliches GeprSge. Auch die Beziehung des Staat- 
lichen zum Nationalen, welch letzteres heute gar nicht mehr die Merkmale 
der Abstammung, und des gemeinschaftlichen Wohnbodens und Kults, wenig 
mehr das der gemeinsamen Sitte und Volkssprache, sondern wesentlich nur 
dMS wichtig gewordene gemeinschaftfordernde Verkehrsmittel der ge- 
meinsamen Schrift- d. h. der umfassenderen Verkehrssprache enthalt, 
dtirfte nicht ganz richtig geraten sein, 

Vielleicht wirkt gerade dieser Unterscheidungsmangel auch dazu 
mit, dass Verfasser die Werturteile, insbesondere die moralischen nicht 
uberall klar aus den tatsachlich in den elementaren und korporativen 
Lebensbeziehungen enthaltenen Grundlagen herauslOst. Betreffs der Kampf- 
moral tut er das (109 f.) sehr scharf; Herrschaftlichkeit und Handel hat er 



Besprechungen (KQster). 137 

nicht ebensogriindlich in ihre inneren Moralbeziehungen verfolgt. Daher 
tra^en seine eignen Werturteile auf den ersten Blick mehr das Geprftge 
subjektiver Meinung als sachlich begrundeter Urteile. 

Das sind sie allerdings in Wahrheit nicht. Er entwickelt (69.) sehr 
fain, dass wir den einzelnen Fall aus den ge^ebenen Verhaltnissen, nicht 
aus einer noch gar nicht vorhandenen Gemeinschaftsmoral zu begriinden 
haben, dass wir aber bei Reformen nicht etwa bloss fordern, sondern die 
Verhaitnisse selbst entsprechend Sndern miissen; und hierfur steht ihm als 
Zielrichtung der Gemeinschaftsgedanke, der ja in der Tat der grundlegende 
Moralgedanke ist, nicht der heate immer noch machtige Beherrschungs- 
und Vernichtungsgedanke vor der Seele. 

Wer zwischen den Zeilen zu lesen weiss und ebenfalls auf diesem 
Boden steht, der wird gerade an den spateren Betrachtungen des Buchleins 
seine herzliche Freude haben. Den Abschnitt uber Reformbewegungen 
und manch anderes hat Referent geradezu mit Hochgenuss gelesen. 
Hinter dem Plauderton, in dem oft die schwierigsten Probleme erOrtert 
werden, verbirgt sich eine nicht alltagliche Einsicht in die sozialen Zu- 
sammenhange, der eine ebenso umsichtige wie massvolle Beurteilungsweise 
der Menschen und Dinge zur Seite steht. Von Parteischlagworten und von 
solchen Ueberschwanglichkeiten, wie sie der Krieg so vielfach erzeugt 
hat, lasst sich Verfasser nicht blenden und hinreissen. Besonders aber ist 
zu betonen, dass er anstelle des leeren: „Das wollen wir!", das die idea- 
listischen Richtungen leider so oft kennzeichnet, auf die Bedingungen 
weist, unter denen audi der Idealismus allein wirklich „wollen", d. h. etwas 
erreichen kann, namlich auf die realen Machtgrundlagen. „Die Macht ist 
ein unentbehrliches Mittel um das Gute zu schaffen ; darum soil man, falls 
man sie nicht schon besitzt, nach der Macht streben, die ftir das jeweilig 
zu verwirklichende Gute erforderlich ist" (157.). 

Darmstadt. F. Staudinger. 

Koster, Adolf Dr. Der junge Kant im Kampf um die Ge- 
schichte. Berlin 1914. Verlag von Leonhard Simion Nf. 110 Seiten. 

Diese Arbeit bedeutet eine beachtenswerte Tat im eegenwartigen 
Kampf um die geistesgeschichtliche Bedeutung Kants, insbesondere um 
seine Grundlegung des Wissenschaftssystems. Lange genug hat man in 
Kant nur den Logiker der exakten naturwissenschaftlichen Erkenntnis 
gesehen und die Neuorientierung, welche die Philosophie an ihm voUzog, 
war zunachst nur eine Neufundierung dieser theoretischen Logik. Lang- 
sam voUzog sich hier in den letzten 2 Jahrzehnten ein entscheidender 
Umschwung. Je mehr die geisteswissenschaftlichen Probleme an Bedeu- 
tung gewannen, je mehr die Kulturwissenschaften sich in einer iibergrei- 
fenden Logik zu fundieren suchten, je mehr das Problem der Geschichte 
als Wissenschaft zentrale Bedeutung gewann, umso dringender wurde die 
Notwendigkeit, Kants Leistung audi fiir diese Probleme herauszuarbeiten. 
Auch hier hat Hermann Cohen bahnbrechend gewirkt; ebenso haben 
Windelband und Rickert Bedeutendes zur systematischen Klarung dieser 
Probleme geleistet. Wir begriissen daher lebhaft die vorliegende Arbeit 
Kosters,, die den geschichtsphilosophischen Gedankengangen Kants in 
seiner vorkritischen Periode nachspiirt. Der Wichtigkeit und Aktualitat 
des Gegenstandes entsprechend sei ihr eine eingehende Besprechung ge- 
widmet. 

Die Einleitung ist einigen grundlegenden Gedankengangen ge- 
widmet. „An der Wiege des Kritizismus stand das historische Faktum 
der Wissenschaft". Jede echte Wissenschaft hat irgend ein inneres Ver- 
haltnis zur geschichtlichen Kontinuitat. Zwar war es in erster Linie das 
Faktum der Naturwissenschaft, von dem Kant ausging. Aber von vorn- 
herein hat Kant auch das Problem der Geschichtswissenschaft empfunden. 
Und well Kant von Anfang an auch diesem Problem tiefste Aufmerksam- 
keit und angestrengteste Arbeit gewidmet hat, birgt die Stellung des 
Kritizismus zur historischen Methode eine klarung- und richtunggebende 



138 Besprechungen (Koster). 

Losung fiir den heutigen Streit in sicli. Koster sieht seine Hauptaafgabe 
darin, nachzuweisen : „die Stellung Kants zu der Historie — iind zwar 
der Historie in jeder Richtung der Kultur — kann nicht melir wie bisher 
als eine lediglich zeitgeschichtlich bedingte, unfruchtbar-konstruktive, 
ungeschichtliche, und wie die Vorwurfe alle lauten, abgetan werden. 
Wie zu dem Natur-Gegebenen und seiner Erkenntnis, so hat Kant auch 
zu dem Historisch-Gegebenen und seiner Erkenntnis eine origiiiale und 
fruchtbare Stellung begriindet". Das Gegebene der Zeit ist fiir den 
Kritizismus ebenso ewiges Problem, wie das Gegebene der Empfindung. 
Von Anfang an sucht Kant das geschichtliche Problem im Zusammenhang 
mit der Ethik zu losen; dieser Zusammenhang drSngte sich Kant von 
vornherein als innerwissenschaftlicher auf. Nicht immer ist Kant hier 
klar geblieben, religios-theologische Interessen haben oft die Sachlage 
verdunkelt. (Vgl. dazu die diesbeziiglichen Arbeiten von Cohen und 
Troltsch.) Der Grundgedanke der Orientierung aber ist klar und durch 
die inner wissenschaftliche System atik gefordert. — 

Der erste Tail der Arbeit behandelt das Verhaltnis der kantischen 
PersOnlichkeit zum Problem des Historischen. Um Kants geschichtliche 
Probleme und Ideen richtig zu verstehen und zu wiirdigen, miissen sie 
gesehen werden von seiner zeitgeschichtlichen Gegenwart aus. Sie diirfen 
nicht gemessen werden an den Hymnen Goethes, an den Humanitats- 
idealen Lessings und Herders ; sie miissen gemessen werden am damaligen 
preussischen Staate, in dem Kant lebte, dessen Zwang und Bevormundung 
er bei jedem Schritt zu spiiren bekam. Nur in diesem Zusammenhange 
tritt ihre ganze Reinheit und GrOsse, das ganze sittliche Pathos, das 
sich in ihnen ausspricht, zutage. — Zwei innerpersonliche Tendenzen be- 
stimmen Kants historisches Bewusstsein: einmal ein gewaltiges Selbstbe- 
wusstsein der reinen Vernunft, der reinen sittlichen Idee allem geschichtlich 
Gewordenen in Vergangenheit und Gegenwart gegentiber; zugleich aber 
verbindet sich damit ein ausgepragter Sinn fiir alle geschichtliche Konti- 
nuitat. Mit dem fortschrittlichen Rationalismus verbindet sich ein meist 
religios gefarbter und bedingter Konservativismus. Daher erhait Kants 
iVeiheits- und Gerechtigkeitspathos auch das Gediegene und Niichterne, 
das es so ungemein abhebt von allem phantastischen, die Realitat iiber- 
fliegenden Gefiihlsromantizismus. Sein Idealismus steht fest auf dem 
Boden der politischen Wirklichkeit. Kant stellt sein ganzes Interesse in 
den Dienst einer nach dem Ideal geregelten sittlichen Gemeinschaftsarbeit. 
Alles ist bestimmt von einem rational festgelegten Ideal. So kalt und 
eisig diese theoretische Begrtindung Kants Gegnern (Herder, Hamann) 
auch schien, so tief und heiss war die Glut, welche dieses Gerechtig- 
keitspathos gebar. — KSster fiihrt nun im Einzelnen Beispiele an fiir 
diesen Charakter des Kantischen Gerechtigkeits- und Freiheitspathos ; so 
insbesondere seinen scharfen Gegensatz gegen jedes positive Kirchentum, 
sowie seine Stellung den staatSchen und politischen auch kulturellen 
Aufgaben seiner Zeit gegeniiber. So machte Kant stark und energisch 
Front gegen jede patriarchalische Landesvatertheorie. „Man macht die 
Leute erst unfahig, sich selbst zu regieren, alsdann entschuldigt man da- 
durch seinen Despotismus, dass sie sich nicht regieren konnen". (Kants 
Refl. I, 1, p. 109). In derselben Richtung liegt Kants Stellung zum 
Riesenproblem der Schule und Padagogik. Wie erdennah dieser Kantische 
Idealismus ist, zeigt uns hier eine Reflexion zur Anthropologic : „Weltbiirger 
miissen die Welt als Insassen und nicht als Fremdlinge betrachten. Nicht 
Weltbeschauer, sondern Weltbiirger sein". — Trotz dieses hohen rational- 
idealistischen Standpunktes besitzt Kant eine ungemeine Ehrfurcht vor 
aller tatsachlichen geschichtlichen Kontinuitat. Kant teilt nicht den 
egoistischen Individualismus der Romantiker ; er ist tief durchdrungen von 
der Uebergeordnetheit der grossen Gemeinschaftswerte iiber alle Indiri- 
dualwerte. Das ist kein Beugen vor einem fremden Willen, sondern die 
Anerkennung der die Gemeinschaft regelnden Gesetzlichkeit. Bis ins ein- 
zelne hinein kommt diese gleichsam konservative Seite im historischen 



Besprechungen (Koster). 139 

Bewusstsein Kants zum Ausdruck, besonders auch in Sprache und Stil. 
So vereinigt Kant in seiner Stellung der Geschichte ^egenuber mit dem 
rationalen Rigorismus der sittlichen Menschheitsidee ein ungemein zartes 
Verstandnis Mr die geschichtliche Entwicklung als solche. Diese Zweiheit 
der innerpersOnlichen Tendenzen finden wir in anderer Form in der 
innerlogischen Systematik seines philosophischen Werdeganges wieder, 
Der2. Teil der Arbeit Kosters verfolgt durch die einzelnen Schriften 
hindurch das wissenschaftstheoretische Riugen urn das Problem der Ge- 
schichte. Bereits in Kants Erstlingsschrift „Gedanken von der wabren 
Schatzung der lebendigen KrSfte" tritt der Kern seines im 1. Teil charak- 
terisierten historischen Bewusstseins klar zu tage: Selbstbewusstsein der 
Vernunftkultur verbunden mit echter Selbstbescheidung ! „Es ist die 
sokratische Ironie, die von Anfang an im Kritizismus lebt". 
Die nachsten Schriften sind naturwissenschaftlichen Einzelproblemen fi:e- 
widmet. Gerade sie sucht nun KOster fiir ein bestimmtes Kantisches 
Geschichtsbewusstsein in Anspruch zu nehmen, Es ist interessant, dass 
sich gerade an natur- und nicht geistesgeschichtlichen Aufgaben Kants 
histonsches Bewusstsein herauszuarbeiten beginnt. Von vornherein zeigt 
Kant grosses Interesse fiir die Abhangigkeit aller spezifisch menschheit- 
lichen Kultur von dem Werdegang der naturlichen Entwicklung. In 
diesen ersten Schriften stehen wir in der Epoche eines naturalisti- 
schen Geschichtsbewusstseins Kants. So besonders in der „Allgemei- 
nen Naturgeschichte und Theorie des Himmels". In dieser physischen 
Astronomic wird die mathematische Newtons entwicklungsgeschichtlich 
erweicht. Der Mensch wird mit in das Reich der naturgeschichtlichen 
Entwicklung einbezogen. Die Geschichte des Menschen wird gesehen als 
Teil der Naturgeschichte. Ueberall spiirt Kant den Gesetzen nach, mit 
denen die menschliche Geisteskultur abhangt von den naturlichen Ent- 
wicklungsbedingungen. — In der Dissertation 1755 taucht das Problem 
von Freiheit und Notwendigkeit in der Geschichte auf. Auch hier wird 
unter theologischem Gesichtspunkte die einheitliche Verbindung von 
Natur- und Menschengeschichte festgehalten. Und iiberall sucht Kant 
nach dem strengen wissenschaftlichen Weg, auch diese geschichtlichen 
Probleme zu losen. — Auf demselben Boden stehen die .3 Schriften, die 
sich auf das Erdbeben von Lissabon beziehen. Auch hier wird im all- 

femeinen der naturalistische Standpunkt vertreten, wenn auch da und 
ort die M5glichkeit einer anderen Geschichtsbetrachtung durchblickt. 
In dieser Hinsicht ist wichtig die Ankundigung des Kollegs iiber 
physische Geographic 1757. Das anthropologische Interesse kommt hier 
zum erstenmal klar zur Besinnung. 3 Betrachtungen der Erde werden 
unterschieden : die mathematische, die politische und die geographische. 
Hier vertritt die politische Geographic die ethischen Interessen, die ent- 
wicklungsgcschichtlichcn Probleme der Moral, des Rechts und des Staates. 
So kann man behaupten, dass sich Kants praktische Interessen aus dem 
naturwissenschaftlich-geographischen iiber das anthropologisch-historische 
zum ethischen entwickelt haben. 

Diese Entwicklung zeigen besonders die weitcren Arbeiten. War 
Geschichte bisher natiirliche Entstehung, Entwicklung, so ist sie jetzt 
immer mehr die Beschreibung und gesetzmassige Bestimmung des Tat- 
sachlichen, Individuell-Besonderen ; immer mehr zeigt sich cine psycholo- 

fische Erweichung des historischen Naturalismus. Es ist besonders die 
linwirkung Rousseaus, die sich geltend macht. Dieser Einfluss R.s auf die 
Kantische geschichtsphilosophische Entwicklung kann nicht hoch genug 
cingeschatzt nnd bewertet werden. In Rousseau wirkte aiaf Kant ein 
ungebrochcnes, ungeziigeltes Menschentum ein. Das mSchtige, mensch- 
liche Gefuhl, das hier wirksam war, verriickte seinen ganzen systematischen 
Gesichtspunkt. Kants Menschen- und Geschichtsbetrachtung wird durch 
Rousseau mit energischem Ruck auf die Ethik hingelenkt. Hier trat ihm 
das Pathos des sittlichen Menschen gegeniiber. Mit einem Male war auch 
fiir Kant der Mensch nicht mehr nur ein Glied in der naturgesetzlichen 



140 Besprechungen (Koster). 

Kausalkette, — er war noch etwas Anderes, Gr5sseres. IndiesenJahren, 
in denen das Menschenproblem Kants ganze Aufmerksamkeit, 
in Anspruch nahm, wurzelt — wie K5ster nachdriicklich betont, — 
Kants Kritizismus. In den Kritiken erst schuf er sich die 
logischen Grundlagen, von denen aus eine Losung der ge- 
schichtsphilosophischen Probleme erst moglich war. — 

Wir haben noch den Werdegang in den weiteren Schriften bis 1781 
zu verfolgen. In der Arbeit „Einzig moglicher Beweis . ." wird zum ersten- 
mal das Problem einer Gesetzlichkeit der Menschenwissenschaften im 
Unterschied von den Naturwissenschaften klar empfunden und gestellt. 
Es ist die Orientierung Kants auf den koniglichen Weg der wissenschaft- 
lichen Gesetzlichkeit, die von vomherein auch fur das Problem der 
Geschichtswissenschaften richtunggebend war. 

In kleineren Gelegenheitsarbeiten erkennen wir, dass die erste 
Grundlegung schon getan ist; sie muss vom Ideal her gewonnen werden, 
das hier allerdings noch nicht eindeutig bestimmt als ethische Idee gefasst 
wird. Am starksten zeigt sich Kants geistesgeschichtliches Interesse in 
den „Beobachtungen iiber das Gefiihl des Schonen und Erhabenen". 
Ueberall finden wir hier eine grossartige Synthese von positiven Gesichts- 
punkten, die in Beziehung stehen zu naturwissenschaftlichen und natur- 
geschichtlichen Interessen, mit dem kritischen Wertgesichtspunkt einer 
ideellen Beurteilung. Die einzelnen Urteile dieser geschichtsphilosophischen 
Betrachtungen sind der Ausfluss von Kants ethisch-normativem Kultur- 
bewusstsein. In gedanklicher Grossartigkeit wird auch die Kunstgeschichte 
zur Folie des ethischen Wertbewusstseins. — Immer mehr und mehr ver- 
tieft und reinigt sich das eigentliche geschichtsphilosophische Interesse. 
In den „Fragmenten" wird der ethische Kern klar und programmatisch 
gefasst: „Wenn es irgend eine Wissenschaft gibt, deren der Mensch wirk- 
lich bedarf, so ist es die, welche ihn lehrt: die Stelle geziemend zu er- 
fullen, welche dem Menschen in der Schopfung angewiesen ist, und aus 
der er lernen kann, was er sein muss, urn Mensch zu sein". Man glaubt 
hier, das ganz grosse, tatenfrohe Lebensideal des das Leben bejahenden 
Diesseitsmenschen herauszuhOren, wie es Goethe im Faust II. Teil ge- 
bildet hat. 

Starkstes Interesse fordert die Nachricht von der Einrichtung der 
Vorlesungen Kants 1765/66. Wir haben hier eine ungemeine Erweiterung 
des historisch-anthropoiogisch-politischen Interesses. Koster formuliert: 
„Die Bewegung zura kritischen H5hepunkt, geht parallel mit dem Wachsen 
der geisteswissenschaftlichen Interessen". Immer aber bleibt der Zu- 
sammenhang mit den naturlicl\en Entwicklungsgrundlagen gewahrt. In 
ebendieser „Nachricht" stellt Kant der Historik gewaltige Aufgaben, die 
sie z. T. bis heute noch nicht gelost hat. Er fordert eine umfassende 
VOlkergeschichte im Zusammenhang mit den natiirlich-geographischen, 
okonomischen nnd politischen Faktoren. Zugleich fordert er eine ver- 
gleichende Moralgeschichte. Es ist das eine gewaltige Wissenschafts- 
synthese von Natur- und. Sittlichkeitsgeschichte. Und die wissenschafts- 
gesetzlichen Grundlagen sind die geographisch-klimatischen, die okono- 
mischen und die vOlkerpsychologischen Faktoren. Das sind doch ungemein 
moderne Forschungsaufgaben unserer unmittelbaren Gegenwart! Gerade 
hier zeigt sich an einer entscheidenden Stelle der umfassende Wissen- 
schaftsgeist Kants. — Ungemein wichtig fiir unser Problem sind auch die 
„Traume eines Geistersehers". Aller lediglich gefiihlshaft romantischen 
Geschichtsauffassung ist Kant stets entgegengetreten. „Wir stehen nicht 
am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo aller Wundertheologismus aus der 
Geschichtswissenschaft endgiiltig veijagt ist. Wir stehen in der Epoche, 
die noch drei Viertel Jahrhunderte vor den grossen deutschen Historikern 
lag." Zwei ungemein wichtige Momente heben besonders diese „Traume" 
hervor. Die Tatsache der individualistischen und sozialistischen Tendenzen 
des menschlichen Seelenlebens und zugleich „Die Kegel des allgemeinen 
Willens, von der wir in den geheimsten Beweggrunden uns abhftngig 



Besprechungen (Buchenau). 141 

sehen". Ueberall im Zusammenhang mit dem Ethischen diese Beziehung 
auf den sozialen Gemeinschaftsgedanken. 

1774 entspann sich zwischen Kant und Hamann ein Kampf um 
Herders „Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts". In diesem Kampf 
standen sich 2 Grundtypen historischen Bewusstseins gegeniiber. Wfthrend 
Hamann das Genial-SchGpferische, Phantastische an Herder lobte, sah 
Kant in Herders Arbeit den Anfang einer modernen Kritik dieser 
Urkunden. Kant bekennt sich zur Freiheit und Suffizienz der 
historischen Kritik. Auf demselben Standpunkt stand Kant auch in 
seinen Satzen an Lavater. 

Gegeniiber dem Tatsachenmaterial der geschichtlichen 
Ueberlieferung betont Kant die Autonomie der sittlichen Per- 
sOnlichkeit mit ihrer Vernunftgesetzlichkeit. — Am Schlusse fasst 
K5ster nochmals die beiden grossen Grundtendenzen im Kampfe des jungen 
Kant um das Problem der Geschichte zusammen. Die erste der beiden 
Tendenzen ist „der Versuch, den Menschen und alien Reichtum seines 
historischen Werdens rilcksichtslos unter das Gesetz dessen zu beugen, 
was doch allein fiir die vorkritische Philosophie Wissenschaft sein konnte, 
nftmlich der mechanischen Gesetzeswissenschaften". Die andere, nicht 
minder wichtige Tendenz ist „der "Versuch, regelnde, und zwar der Ethik 
entnommene regelnde Gesichtspunkte aufzustellen, in bezug auf welche 
alle historische Erfahrung iiberhaupt erst moglich sei". Diese beiden 
Tendenzen haben zur Vernunftkritik gefiihrt, und erst in der kritischen 
LOsung sind sie «aufgehoben» worden. — 

Dies ist in gedrangter Kiirze der Inhalt dieser ungemein gediegenen 
und klaren Arbeit Kosters. Indem wir hier eingefiihrt werden in das 
innerste Ringen Kants mit den prinzipiellsten geschichtsphilosophischen 
Problemen, indem wir hier klar einsehen, dass gerade dieses Problem der 
Geschichte zum Kritizismus gefiihrt hat — wird uns klar, welche ausser- 
ordentlichen Krafte die kritische Philosophie zur Losung dieses Gegen- 
wartsproblems in sich birgt. Kantische Transzendentalphilosophie ist nicht 
nur Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht nur reine Logik. 
Jede Philosophie, in der das Problem der Geschichte und damit der 
Geisteswissenschai'ten zu zentraler Bedeutung gelangt, hat bei Kants 
Philosophie anzukniipfen. Auch hier hat Kant Richtung und Weg 
gewiesen, die Losung ist unsere Aufgabe! 

Konstanz am Bodensee. Dr. Emil Kraus. 

Bttchenan, Artur. „Grundprobleme"' der Kritik der reinen 
Vernunft. Verlag Felix Meiner, Leipzig 1914. 194 Seiten. 

Schon einmal ist Buchenau mit einer gediegenen Frucht seiner 
Kantstudien hervorgetreten in seinem Werkchen iiber „Kants Lehre vom 
kategorischen Tmperativ". Diesmal liegt die Arbeit uber die ungleich 
schwierigeren Probleme der Kantischen Vernunftkritik zur Besprechung 
vor. Dieses Buch beabsichtigt nicht eine systematisch-kritische Behand- 
lung der Probleme, sondern es versucht eine interpretatorische Einftihrung 
im engsten Anschluss an die Gedankenfiihrung Kants. Zu Grunde le^ 
Buchenau seiner Arbeit die Kantauffassung, wie sie insbesondere die 
Marburger Schule ausgebildet hat, besonders Cohen in „Kants Theorie 
der Erfahrung" und „Logik der reinen Erkenntnis". Auf diesem Boden 
werden die grossen Gedanken Kants mit prftziser Klarheit und Scharfe 
dargestellt. Dabei — und das ist ein Hauptvorzug dieses gediegenen 
Buches — konzentriert der Verfasser die Behandlung aller einzelnen Teil- 
probleme auf das zentrale Kernproblem der Kr. d. r. V., das er gleich in 
den einfiihrenden Kapiteln als die Platonische Frage nach dem Wesen 
der Erkenntnis in ihrer logischen MOglichkeit fixiert. Diese Grundfrage 
der Moglichkeit wird im Anschluss an Kants Begriff des synthetischen 
Urteils naher entfaltet als die Frage nach der MQglichkeit der reinen 
Mathematik, der reinen Naturwissenschaft, der Metaphysik als 



142 Besprechungen (Buchenau). 

Wissenschaft. Diese 3 Moglichkeitsfragen bilden den Gegenstand der 
Kr. d. r. V. Den Hauptnachdruck legt Buchenau auf die Klfirung des 
Kantischen Erfahrungsbegriffes. Die Erfahrung, aus der als einer ge- 
gebenen Tatsache aUer Positivismus und Psychologismus die Erkenntnis- 
grundlagen gewinnen zu konnen glaubt, ist bei Kant gerade das grund- 
legende Problem. Und indem sich seine Frage auf die Erfahrung als 
wissenschaftliche Erkenntnis richtet, entspringt ihm die transzenden- 
tale Method e als die Methode der Philosophie als Wissenschaft. Das 
Wesen dieser Methode gilt es nun an den Problemen der transzendentalen 
Aesthetik und Logik zu erfassen. Mit berechtigtem Nachdruck hebt 
Buchenau bei der Behandlung der transz. Aesthetik hervor, dass sie als 
unausgeglichener Rest von 1770 stehen geblieben sei, dass sie nur vom 
Zentrum der Logik her richtig verstanden werden konne. In der Eru- 
ierung der mathematischen Grundbegriffe kann die einzige sinnvolle 
philosophische Frage nur die sein nach der Bedeutung der Begriffe Raum 
und Zeit im System der Erkenntnis. Damit schneidet Buchenau jeder 
psychologischen Deutung von vornherein jeden Ansatzpunkt ab. Die 
transzendentale Frage bezieht sich auf den Wert, die objek- 
tive Geltung, die Gegenstandlichkeit der Erkenntnis. Nur von 
dieser Giiltigkeitsfrage her kann die empirische Realitat und transzenden- 
tale Idealitat von Raum und Zeit verstanden werden. Die Wahrheit als 
die Geltungsgrundlage des Erfahrungswissens ist das Kantische Problem. 
Das ist der Sinn seines kritischen oder methodischen Idealismus. „In den 
Erscheinungen liegt fiir sich ja auch weder Wahrheit noch Falschheit; die 
Beurteilung des „Gegebenen" ist vielmehr lediglich Sache des Verstan- 
des und es fragt sich dann nur, ob in der Bestimmung des Gegenstandes 
Wahrheit sei oder nicht". (S. 98). 

Das Zentrum der Vernunftkritik liegt daher in der transzendentalen 
Logik und hier wiederum im System der reinen Verstandesgrundsatze. 
Von der Behandlung der Kategorien sei nur hervorgehoben, dass Buche- 
nau das Hauptgewicht auf den Begriff der synthetischen Einheit legt; 
hier liegt der prinzipielle Unterschied Kants von der Logik des Aristoteles. 
Die Systematik der Aristotelischen Kategorienlehre bestimmt sich vom 
Seienden her, seinen Formen und Qualitaten, die Systematik Kants da- 
gegen vom Gegenstand konstituierenden, Form und Sein bestimmenden Denken 
her. Ihre Realisation und Wissenschaftsfunktion erhalten aber die Kate- 
gorien in den reinen VerstandesgrundsStzen, die darum als die eigentlichen 
Grundgesetzlichkeiten der reinen theoretischen Wissenschaften den Hohe- 
punkt der Vernunftkritik bilden. Hier erst wird der theoretische Gegen- 
stand als Natur konstituiert. 

Wo bleiben nun die letzten grossen Begriffe der Metaphysik? Sie 
behandelt die Kantische transzendentale Dialektik als die transzendentale 
Ideenlehre. Hier ist der Punkt der Auseinandersetzung mit dem Ding- 
an-sich; die Ideen sind nur Funktionen desselben im Erkenntnissystem. 
Hier nimmt Buchenau den Kantischen Begriff der Aufgabe auf und fiihrt 
ihn fiir die Ideen durch. Diese sind dann nichts mehr und weniger als 
die systematischen Einheitsbrennpunkte, welche alles wissenschaftliche 
Erkennen normieren. An ihnen gemessen, von ihn en her gesehen wird 
der Gegenstand als Ding an sich zur unendlichen Aufgabe der Erkenntnis. 

An diesem Punkte mochte ich noch mit einer kurzen kritischen 
Bemerkung ansetzen. Wenn ich auch mit Buchenau die transzenden- 
tallogische Auffassung der Vernunftkritik fiir die von den sachlichen 
Problemen geforderte halte, so muss doch andererseits betont werden, 
dass diese Dinge bei Kant nicht so einfach und klar daliegen, dass be- 
sonders die transzendentalpsychologische Frage stets die eigentlicl\ 
logische Problemstellung zu verschieben und zu verdunkelu droht. Um 
nur den "Hauptpunkt zu beriihren: auch das Ding-an-sich-Problem 
ist nur aus dieser subjektbezogenen Fragestellung her zu ver- 
stehen. Mir scheint nun auch dessen Interpretation als unendliche Auf- 
gabe noch in der Sphare der Psychologik stehen zu bleiben. Eine konse- 



Besprecliungen (Kttbn — Honigawald). 143 

quente Transzendentalphilosophie mtisste den Problemkomplex des Dinges- 
an-sich transzendentaUogisch vertiefen und von allem Psychologisraus 
iGsen. Dadurch wiirden gerade Buchenaus straff gespannte Gedankengftnge 
noch an Klarheit und Berechtigung gewinnen. Auch hier heisst Kant 
verstehen, iiber ihn liinausgehen. — 

Konstattz a. B. Dr. Emil Kraus. 

Kiihn, Emil. Kants Prolegomena in spraclilicher Bearbei- 
tung. Gotha 1908. Verlag von E. F. Thienemann. (VI. u. 156 S.) 

Verfasser betont ausdrucklich, dass seine Arbeit nichts mit Kant- 
philosophie zu tun habe. Sie will lediglich Kants Werk in seiner etwas 
„spr5den Form" dem modernen Leser, dem das Original zu schwer ist, 
mundgerecht machen; durch Uebersetzung zum Verstandnis fuhren. Man 
kann ja an sich iiber solche Uebersetzungen geteilter Meinung sein, und 
dazu gerade bei einem so originalen und schopferischen Denker wie Kant. 
Sein Ringen um die letzten Grundpropleme aller Erkenntnis, um die 
methodische Grundlegung der Philosophie als Wissenschaft, kommt in 
seiner ursprunghaften Originalitat gerade in Sprache und Stil zum Aus- 
druck. Da aber Kiihn das Original keineswegs verdrangen will, sondem 
sogar froh ist „wenn sich nach dem Goetheschen Wort auch diese Ueber- 
setzung als geschaftige Kupplerin erweist, und eine unwiderstehliche 
Sehnsucht nach dem Original weckt", so anerkennen wir seine Leistung. 
Sie ist uns lieb und wert, da auch sie das Werk unseres grossten Denkers 
dem Verstandnis Aller nahezubringen sucht. In seiner ausseren Form 
gibt sich das Biichlei% einfach, klar und gediegen. 

Konstanz a. B. Dr. Emil Kraus. 

Hbnigswald, Richard. Die Skepsis in Philosophie und 
Wissenschaft. (Verlag von Vandenhoeck und Ruprecht, Gottingen, 
1914). 170 S. 

Die Bedeutung der Skepsis fiir die Wissenschaft und ganz speziell 
fiir die Philosophie liegt aut der Hand. Tritt doch der Skeptizismus 
immer wieder den Versuchen philosophischer Systembildung entgegen; 
ja, die Skepsis hat sich sogar selbst zum Prinzip der philosophischen 
Systembildung zu machen versucht! Hieraus ergibt sich fiir die wissen- 
schaftliche Philosophie unvermeidlich die Aufgabe, den Begriff des Zweifel* 
in den Kreis ihrer Probleme aufzunehmen und eine kritische Theorie der 
Skepsis zu entwickeln. Es muss unter den genannten Umstanden sogar 
wundernehmen, dass eine solche Theorie in vollem Umfang bislang noch 
nicht entwickelt worden ist, wenngleich mannigfache wertvolle Ansatze 
zu ihr freilich schon vorhanden sind. Auch Honigswald liefert sie noch 
nicht, will sie auch nicht lief em und kann es naturgemass auch gar nichfc 
in einem Buche, das nur einen „Weg zur Philosophie" weisen will, fiir 
eine Sammlung von ,Schriften zur Einfiihrung in das philosophische 
Denken" bestimmt ist. Wohl aber legt er in ihm den Grund zu einer 
kritischen Theorie des Zweifels; er fuhrt an sie heran und zu ihr hin, in- 
dem er in ihrer ganzen Fiille und systematischen Einheit die „Voraus- 
setzungen" zeigt, „die eine solche Theorie bestimmen". — Sein Weg, bei 
dessen Verfolgung wir uns nach Moglichkeit der eigenen Aeusserungen 
des Autors bedienen woUen, fiihrt iiber 7 Stationen. 

I. Auf der ersten wird natiirlich zunachst einmal das Problem des 
Zweifels gestellt, der Zweifel zum Problem erhoben. Als seine nachst- 
liegende und grundlegende Bestimmung ergibt sich ohne weiteres dies, 
dass er ein Urteil ist; denn ,wo gezweifelt wird, da wird unweigerlich 
geurteilt". Das Zweifelsurteil ist nun speziell dadurch charakterisiert, dass 
es Bejahung und Verneinung „in einer eigenartigen Synthese" miteinander 
verbindet; sein Inhalt ist die Unmoglichkeit einer Entscheidung iiber die 
Geltung eines anderen Urteils oder mehrerer anderer miteinander ver- 
kniipften Urteile, also iiber eine — richtige oder zum mindesten vorgeb- 
liche — Erkenntnis. An einer Erkenntnis zweifeln heisst aber nichts 



144 Besprechungen (Honigswald). 

anderes als an ihren Griinden zweifeln; an Griinden kann man jedoch 
wieder nur aus Griinden zweifeln. „Bedenkt man nun, dass es der Begriff 
des Grundes ist, der den Tatbestand der Wissenschaft definiert, so ergibt 
sich fiir den Tatbestand des wissenschaftlichen Zweifels die AbhSn^igkeit 
dessen, woran von den besonderen Voraussetzungen der Art, wie ge- 
zweifelt wird." Hieraus folgt ohne weiteres die Einsicht in die Grenzen 
des wissenschaftlichen Zweifels. Auf nichtwissenschaftlichen Geltungs- 
gebieten (Kunst, Religion usw.) ist fiir den wissenschaftlichen Zweifel so 
wenig Raum wie fiir den nichtwissenschaftlichen Zweifel auf dem Gebiet 
der Wissenschaft; denn wie der wissenschaftliche Zweifel auf wissenschaft- 
lichen Voraussetzungen beruht, so hangt der Zweifel auf einem nichtwissen- 
schaftlichen Geltungsgebiet von den Bedingungen ebendieses nichtwissen- 
schaftlichen Geltungsgebietes ab. Fiir jedwede Form des begriindeten 
Zweifels iiberhaupt gilt eben die vorher genannte eindeutige Beziehung 
zwischen der Art und dem Objekt des Zweifels. Ihr kann sich nur der 
unbegriindete Zweifel entziehen, die „Stimmungsskepsis", die zwar wissen- 
schaftliche Geltungswerte und nichtwissenschaftliche der genannten Art zu 
ihren Gegenstanden machen kann, aber nicht selbst unter der Herrschaft 
deijenigen Bedingungen steht, der jene Geltungswerte unterliegen. Uns 
interessiert hier naturgemass vornehmlich der begriindete Zweifel und 
zwar der wissenschafthche. — Nachdem das Zweifelsproblem in dieser 
Weise exponiert worden ist, kann der Zweifel nunmehr zum Gegenstande 
philosophisch — wissenschaftlicher Analyse gemacht werden. 

II. Der rein formale und schematische Typus des begriindeten Zwei- 
fels ist der: „Wenn A B ist, so gilt die BehauptungQC ist D'; wenn aber 
E F ist, so gilt die Behauptung ,C ist D' nicht". Das ,Aber" ist der Re- 
prasentant der den begriindeten Zweifel beherrschenden Beziehung, und 
nichts anderes als das „Aber" ist das, was iiberwunden werden muss durch 
die Entscheidung, dass entweder das Urteil ,C ist D* oder das Urteil ,C ist 
D nicht' giiltig ist. Diese Tendenz zur Entscheidung findet „ihren metho- 
dischen Ausdruck stets in der Frage nach einem Faktor . . ., der eben 
das Geschaft der Ueberwindung zu leisten vermOchte". Die dem Zweifel 
zugeordnete Frage ist allemal eine Alternativfrage von der Form : ,Ist C D 
oder ist C D nicht?' In der Frage als soldier liegt nun freilich das zu 
iiberwindende Moment der Ungewissheit keineswegs; sie ist als Frage 
durchaus gewiss und bestimmt. Das Moment der Ungewissheit kann also 
nur in der unmittelbaren Antwort auf die Zweifelsfrage liegen, welche 
besagt, dass die Behauptung ,C ist D' ebensowohl Geltung haben kann 
wie die Behauptung ,C ist D nicht'. „Die Zweifelsfrage ist recht eigent- 
lich eine Aussage iiber die Ungewissheit der Antworthaltung." Logisch 
geht hier also die Antwort der Frage voran, und ebendadurch unterscheidet 
sich die Zweifelsfrage hinsichtlich ihrer Struktur von der Frage iiberhaupt. 
Freilich ist jene — primare — Antwort in ihrer Ungewissheit gerade das, 
was iiberwunden werden muss, und diese Ueberwindung erfolgt in einer 
weiteren — sekundaren — Antwort, welche das Verhaltnis von C und D 
in eindeutiger Weise sicherstellt. Nur durch diese ihr immanente Tendenz 
zur Entscheidung wird die Zweifelsfrage fiir die Erkenntnis und Wissen- 
schaft fruchtbar. 

III. Ueberlegt man nun weiter, was denn eigentlich alles bezweifelt 
werden kann, also welches die mOglichen Gegenstande des Zweifels sind, 
so ergibt sich ohne weiteres: Offenbar vermag alles das Objekt des Zweifels 
zu sein, was der Norm irgendeines — wissenschaftlichen oder nichtwissen- 
schaftlichen — Geltungsanspruchs gemass behauptet werden kann; ebenso 
offensichtlich kann aber das nicht Gegenstand der Zweifelsaussage sein, 
was die Bedingung ihrer eigenen MOglichkeit darstellt, namlich das Prinzip 
der Identitat als Grundsatz der Einstimmigkeit von Aussagen mit sich selbst. 

IV. Ist nun aber das Identitatsprinzip „dem Kompetenzbereich des 
Zweifels prinzipiell entzogen", so ist es notwendig auch alles das, „was in 
dem Tatbestand irgendeiner Art von Geltung oder Geltungsanspruch die 
Funktion jenes Grundsatzes reprasentiert" ; denn dieser ist nichts anderes 



Besprechungen (HOnigswald). 145 

als der „Ietzte Rechtsgrund aller Geltung". Wird unter diesem Ge- 
sichtspunkt zunSchst einmal die Folgemng betrachtet, so istzusagen: ,Es 
kann bezweifelt werden, dass ein Gebilde eine Folgerung sei. Es kann 
auch gezweifelt werden, ob die Folgerung dei' Erkenntnis . . . audi wirk- 
lich dient". „Nicht gezweifelt aber werden kann an dam dutch die Be- 
ziehung der Identitat definierten Prinzip der Folgerung, sowie an dem 
Recht von Setzung und Funktion mit sich identischer und vermOge eben 
dieser Identitat den Schluss selbst erst ermOglichender Faktoren". Ueber- 
haupt sind alle Positionen, welche als Voraussetzungen von Geltungs- 
forderungen resp. Gegenstandsbestimmungen angesprochen werden mussen, 
Funktionen des Identitatsprinzips, wenngleich es sich dabei naturlich um 
sehr verschiedene Determinationsformen dieses Prinzips handelt; eine Ana- 
lyse des Gegenstandsbegriffs ergibt dies auf das Deutlichste. Damit sind 
„die Schranken aufgewiesen, die dem Zweifel alien Geltungsbestimmtheiten 
gegeniiber gesteckt sind". 

V. Man erkennt namlich: „Es gibt . . . keinen Zweifel an dem 
Tatbestand, genauer: an dem Begriff der Wissenschaft, es gibt einen 
Zweifel nur innerhalb dieses Tatbestandes oder, was das gleiche bedeutet, 
in Gemassheit der Bedingungen dieses Begriffs. Denn es gibt keinen 
Zweifel an dem Grundsatz der Identitat, an der Funktion der Geltung 
iiberhaupt". Hieraus ergibt sich aber eine wichtige Konsequenz: „Die 
Wissenschaft ist es, die den Zweifel fordert, nicht aber der Zweifel, der 
die Wissenschaft beseitigt". In welchem Sinne, in welcher Weise fordert 
nun aber die Wissenschaft den Zweifel? Da „die den Gegenstand der 
Erkenntnis konstituierende Eindeutigkeit stets eine Aufgabe bleibt", so 
gehort der Wandel der gegenstandlichen Bestimmungselemente zu dem 
Begriff der Wissenschaft und ihres Gegenstands, und jeder in der Er- 
kenntnis und Wissenschaft erreichte Status kann darum nur als ein vor- 
laufiger angesprochen werden. „Nichts anderes als der methodische 
Ausdruck jener Vorlaufigkeit aber ist der Zweifel, und darum treibt sich 
die Erkenntnis in dem unbegrenzten logischen Prozess, in dem sie sich 
entfaltet, „unausgesetzt von Zweifel und zweifelnder Verneinung zu 
Bejahung und neuerlichem Zweifel dialektisch vorwarts." Zwar hat der 
Zweifel m den verschiedenen Wissenschaften und fiir sie eine verschiedene 
Bedeutung; allein bei jeder Untersuchung iiberhaupt ist der Begriff der 
betreffenden Wissenschaft resp. ihres Gegenstahdes das, ,was Ausmass 
und Moglichkeit auch des Zweifels in ihr bedingt". 

VI. Stets ist es also der Gegenstands- resp. Erkenntnisbegriff, der 
den Zweifel festlegt, und nichts anderes ist der Fehler des „philosophi- 
schen" Skeptizismus, als dass ihm „ein unklar und mangelhaft bestimmter 
Erkenntnisbegriff zugrunde liegt". Die rationale Skepsis wiirde nicht 
die Bedeutungslosigkeit des deduktiven Schlusses fiir die Erkenntnis be- 
haupten, hatte sie von dieser nur einen klar und richtig fixierten Begriff, 
und die sensuale Skepsis wiirde den Wert des induktiven Verfahrens fiir 
den wissenschaftlichen Forschungsbetrieb ganz anders einschatzen, wenn 
sie in dem Gegenstand der Wissenschaft nicht ein erkenntnisfremdes 
„Ding an sich" sahe, das sich freilich weder durch Induktion noch sonst- 
wie erfassen lasst, sondern wenn sie ihn definierte durch den Gedanken 
,,einer fortgesetzten methodischen Umbildung von Erkenntnisresultaten 
im Sinne der Forderungen des Objektgedankens oder was dasselbe ist, 
des Prinzips der Identitat". In solcher Weise wird das Problem der 
Skepsis unter kritische Gesichtspunkte gestellt, und „es gibt, so kann 
man jetzt unbedenklich sagen, eine Skepsis nicht als Kritik, sondern 
stets nur aus Kritik". 

VII. Auf das Klarste zeigt sich somit „die Abhangigkeit des Be- 
griffs der Skepsis von den Bedingungen der ihrer Eigenart angepassten 
Kritik, oder was dasselbe bedeutet, von den spezifischen Voraussetzungen 
ihres Gegenstandes". Hieraus ergibt sich aber als Abschluss der ganzen 
Untersuchung: Stets ist der Zweifel „Problem und nicht Ergebnis, Gegen- 
stand und nicht Voraussetzung der wissenschaftlichen Fragestellung, Am 

Kantstadien XXII. jq 



143 Besprechungen (Switalski). 

allerwenigsten aber ist der Zweifel selbst das Prinzip eines philosophischen 
Systems". — 

Indem Honigswald auf solche Weise die eine Theorie des Zweifels 
beherrschenden Voraussetzungen in ibrer system atischen Einheit aufge- 
zeigt hat, hat er ein Doppeltes geleistet: er hat nicht nur in das philoso- 
phische Denken im allgemeinen sowie in einen ganz speziellen philoso- 
phischen Problemkreis eingefiihrt, er hat vielmehr audi einen ausserordentlich 
wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen Philosophic geliefert, und es 
bleibt nur der eine Wunsch, dass er uns aucb noch die voUstandige 
Theorie der Skepsis schenken moge, welche zu entwickeln gerade er — 
wie der Inhalt des vorstehend angezeigten Buches dartut — in hohem 
Masse berufen ist. 

Berlin, z. Z. im Felde. Kurt Sternberg. 

Switalski, B. W., Kgl. Universitatsprofessor in Braunsberg. Der 

Wahrheitssinn. Ein Beitrag zur Psychologie des Erkennens. — Brauns- 
berg, Heyne, 1917, 64 Seiten. 

Dass das Denken etwas ganz anderes ist als Reihung von Vor- 
stellungen, sollte heute jeder Psychologe zugeben; den psychophysischen 
Parallelismus aber brauchen wir darum niclit zu opfern; nur kann die 
leibliche Parallele des Denkens kein zentripetaler Vorgang im Gehirne 
sein; dass aber den zentrifugalen Prozessen kein seelisches Geschehen ent- 
spreche, ist eine leere, mit vOllig ungeniigenden Griinden gestutzte Be- 
hauptung; dass anderseits jeder elementare Lebensvorgang doppelseitig 
ist, Reizung und Reaktion notwendig zusammengehGren, wissen die Physi- 
ologen. Aus alledem erwftchst die Einsicht: das Denken stellt die 
psychische Seite von Innervationen dar; oder doch von Ansfttzen 
zu solchen in den motorischen Zentren, die vielleicht zu schwach bleiben, 
um Muskeln auch nur eine leiseste Zuckung aufzunOtigen ; es antwortet 
auf „passive" Empfindung und „passiven" Empfindungsnachhall wie Hand- 
lung auf Impuls, wie Reflex auf Stimulus ; es ist seinem Wesen nach Akti- 
vitat, Willen, Stellungnahme. — Diese Erkenntnis, in der Schule Wundts 
und durch Naturforscher wie Strieker und S torch, besonders aber durch 
eine Anzahl geistvoUer Franzosen wie Ribot und Fouillde langst vor- 
bereitet, schemt sich heute machtig auszubreiten ; ich selbst habe versucht, 
sie neu zu begriinden (Arch. f. d. ges. Psychol. 31); erst ganz kiirzlich hat 
sie ihre bedeutendste Ausgestaltung durch Richard Mill ler-Freienf els 
erhalten („Das Denken und die Phantasie", 1916). Auch Switalski tritt 
jetzt unserer Ansicht bei: „auf den Tatigkeitscharakter" des Denkens 
legt er besonderes Gewicht (S. 10); ihm ist „die Erkenntnis eine Besonde- 
rung der Lebensbetatigung im allgemeinen, deren Charakter in der ziel- 
strebigen Anpassung des Lebewesens an die von der Umwelt auf es ein- 
dringenden Reize sich kundgibt. Auch das Erkennen ist also, nach seiner 
Bedeutung fiir das erkennende Subjekt gewertet, ein Anpassungs vorgang 
und zwar der spezifisch menschliche Akt der Anpassung an die Umwelt" 
(S. 11 f.). 

Unter den Biologen findet eine von Avenarius angeregte Schule 
(Justus Gaule, Kritik der Erfahrung vom Leben, I, 1906) das Wesen solcher 
Anpassung in der Herstellung eines gestOrten Gleichgewichtes ; welcher Art 
jedoch ist die besondere StSrung, die das Erkennen ausgleichen soil? Sie 
besteht in den „Schwierigkeiten", welche dem Apperceptionsmechanismus . . . 
bei der Aneignung des Neuen und Fremdartigen sich entgegentiirmen" 
(S. 14). Die Reaktion auf diesen eigentumlichen Reiz aber ist gewisser- 
massen eine Assimilation des Unbekannten: es wird zum Bekannten ge- 
macht, auf Gewohntes „zuruckgefuhrt", dem Schatze der Erfahrungen ein- 
verleibt; und so wird mittels des Erkennens ein — freilich labiler — Gleich- 
gewichtszustand erzeugt (S. 17); erzeugt, um immer wieder erschuttert und 
immer in neuen Formen hergestellt zu werden: in diesem Wechsel aber 
besteht das geistige Leben. 



Besprechungen (Stern). . 147 

Eineeleitet also wird jeder Erkenntnisakt durch ein „Staunen" (S. 14) 

— eine Frageunruhe, wie Richard Wahle sagt (Ueber den Mechanis- 
mus des geistigen Lebens, 1906); und die Fahigkeit zum Erkennen hangt 
an der Fahigkeit, durch den Oharakter der Neuheit sich reizen zu lassen; 
diese Reizbarkeit, den „Sinn fiir das Problematische, Fragliche und Frag- 
wtirdige" nennt Vf. „Wahrheitssinn" (S. 26); der lenkt den Verlauf der 
Denktatigkeit, die zur Erkenntnis der Wahrheit fiihrt (S. 11). 

Um das aber zu vermOgen, muss er sich mit dem Wirklichkeits- 
sinne paren (S. 27). Freilich, wenn die Marburger recht behielten und 
die einzige (unendliche und unvoUendbare) Aufgabe des Wahrheitsuchers 
besttinde in der Logisierung der Welt: dann wtirde jener Wahrheitssinn 
(in der engsten Bedeutung des Wortes) als der Erklarer, Verbinder, 
Systemschmied jeder theoretischen Aufgabe allein geniigen. Indessen: 
nur eine Seite des Neuen lasst sich jeweils dem Gelaufigen vergleichen: 
das Gesetzmassige , AUgemeine, „Wesentliche" (S. 19); dagegen wider- 
stehen die Besonderungen der Dinge, die „Haecceitates" — wie die Scho- 
lastiker sagten — ewig und grundsatzlich der gedanklichen Zuriickfiihrung 
auf einsichtige Regeln. Erfiille Herbarts kiihnsten Wunsch und ver- 
wandle die Psychologie restlos in Mathematik: warum in dieser Stunde 
und an diesem Orte dieser Mensch gerade so handelte, errechnest du nie. 
Zwinge die ganze Physiologie in mechanistische Formeln: die einzelnen 
Gestaltungen der Tiere und Pflanzen werden dadurch nicht um ein Haar 
„rationaler". In der Mechanik selber : die Konstanten bleiben „Erdenrest" 
(S. 23). Und handhabte selbst ein h5herer Geist die Weltgleichung spielend: 
von irgend einer „gegebenen" Anfangskonstellation aus mtisste er seinen 
Ansatz machen ; diese Konstellation aber wieder systematisieren zu woUen, 
ware nicht nur ein unvoUendbares, sondem ein von vornherein wider- 
sinniges Unterfangen. Kurzum: es gibt eine Tatsachlichkeit, die „niir 
anerkannt, nicht erkannt, also abgeleitet werden kann" (S. 23); und 
die Gabe zur richtigen „Anerkennung" heisst dem Vf. Wirklichkeitssinn ; 
er ist auf niederer Stufe Gabe fiir scharfes sinnliches Erfassen der Gegen- 
stande; auf hSherer: „Intuition" (S. 23). 

Er muss den Wahrheitssinn immerfort erganzen; sonst wtirde der 
forschende Mensch zum lebensfremden Fanatiker der Reflexion; fehlt es 
umgekehrt dem Sinne ftir die Wirklichkeit am nStigen Grade des Wahr- 
heitssinnes, so haben wir die Stufe des naiven Kindes vor uns (S. 30) ; hier 
hatte der Verfasser schon auf die Verwandtschaft des Kindes mit dem 
Genius, der naiven Hinschau mit der intuitiven Einschau weisen kOnnen; 
seltsamerweise aber und im Widerspruch mit sich selber (vgl. S. 23 mit 39) 
schreibt er gerade dem Priester der Vernunftwahrheiten, dem „Idealisten" 

— statt dem irrational an die Dinge sich hingebenden „Realisten" — Vor- 
liebe fur die „Intuition" zu. 

Im ttbrigen ist die Typik hubsch und anregend, in der uns die be- 
sonderen Auspragungen des Wahrheitssinnes vorgefuhrt werden (S. 32-44). 
Bemerkungen uber die Entfaltung dieser Kraft im Einzelnen und in der 
Geschichte schliessen die kleine, lebhaft gedachte und zur Forderung 
fremden Denkens geeignete Schrift. 

Berlin. Julius Schultz. 

Stern, William, Professor am offentlichen Vorlesungswesen der 
Stadt Hamburg, Vorgedanken zur Weltanschauung, (Niedergeschrie- 
ben im Jahre 1901) Leipzig T. A. Barth 1915, V, 74 S. 1,20 M. 

Der Verf. hat diese Jugendschrift, ein Erzeugnis der Sturm- und 
Drangperiode seiner Entwicklung, 14 Jahre im Schreibtisch ruhen lassen 

— er woUte nicht Forderungen aufstellen, ohne selbst etwas zur Er- 
fuUung geleistet zu haben. Inzwi^chen ist der 1. Band seines Weltan- 
schauungswerkes Person und Sache" erschienen — und so fiel dieses 
persOnliche Bedenken fort. Sachlich aber glaubt St. in dem starken 
Sehnen nach neuer Weltanschauung in unserer Zeit die Aufforderung zur 
Publikation sehen zu mtissen: wer es irgend kann, der muss am Aufbau 

10* 



148 Besprechungen (Drews). 

sich beteiligen. So iiess er denn die kleine Schrift erscheinen, unverandert, 
uin nichi dieGeschlossenheit,Ursprunglichkeit und das Temperamentsgep rage 
zu zerstoren. Man darf also bei der Lekttire nicht vergessen, dass der 
Verf. selbst in manchen Punkten heute objektiver denkt und dass die 
Kulturlage eine andere geworden ist. Der erste Tell behandelt ,,das 
Wesen der Weltanschauung" — der Begriff trSgt objektiv-subjektiven 
Charakter, zwei Momente macben sein Wesen aus: Weltanschauung be- 
steht in einem System von Begriffen und Satzen, in denen der Mensch 
das Sein der Welt theoretisch erfasst, und einer Hierarchic von Wer- 
tungen, durch welche der Mensch seine SteUung in der praktischen Wirk- 
lichkeit bestimmt. An beiden Seiten wieder haben Objekt und Subjekt 
Anteil. Die objektive Seite besteht aus Welttheorie, Weltwertung und 
Verkniipfung. Als Welttheorie ist die Philosophie die universalste Form 
der Wissenschaft — eine solche allgemeine Synthese ist unbedingt not- 
wendig und auch mOglich als vereinheitlichender Grundriss und als ver- 
bindende Kronung des Gebaudes. Die Einzelwissenschaften selbst haben 
mannigfachen Nutzen von einer solchen Gesamtwissenschaft, ihnen fliessen 
neue Anregungen, Wertungen, Aufgaben zu. Vor aUem aber hat die 
Philosophie die allgemeine Methodenkritik zu verwalten, sie selbst muss 
sich dabei auf Erkenntnistheorie grtinden. Bewusstheit, Universalitats- 
streben, Kritizismus sind die Merkmale der philosophischen Weltanschauung 
— sie gelten auch fiir die Weltbewertung, die eine ebenso ursprungliche 
Funktion ist wie das Erkennen. Die Vereinigung von Weltbild und 
Wertsystem bleibt als hochste Aufgabe. Erkennen und Werten stehen 
in Wechselwirkung mit einander, ja, man kann geradezu von einem Pri- 
mat des Wertens fiber den Intellekt sprechen: das Erkennen ist eine 
mehrdeutige Funktion, die ihre Determination zur Eindeutigkeit von den 
Wertungen erhalten muss. „Im Anfang ist der Wert". Das theoretische 
Weltbild muss so gestaltet werden, dass die Fundamentalwertungen in 
ihm Platz finden, wenn diese sich nicht durch Erkenntnis umbilden lassen. 
Dem entspricht auf der subjektiven Seite der Weltanschauung die Ab- 
hangigkeit von der Pers5nlichkeit des SchOpfers, wodurch die Weltan- 
schauung der Kunst angenahert wird. Aber damit ist sie nicht als bloss 
subjektiv gekennzeichnet — denn jedes Kunstwerk enthalt doch auch 
das Objektive, es enthalt Philosophie. Die Weltanschauung ist aber auch 
abhangig von der umgebenden Kultur, sie ist eine logisch-begriffliche 
Verdichtung des Kulturgehaltes, sie wird zur Kulturformel, aber auch 
zur Kulturparole. — Der zweite Teil untersucht das Verhaltnis der Zeit 
um 1900 zur Weltanschauung. Die „letzte Kultur" ist durch Weltan- 
schauungslosigkeit charakterisiert, das Spezialistentum herrscht oder es 
gab unzulangliche, einseitige Zusammenfassungen, die Eachphilosophie 
war historisch oder spezialistisch geriistet, der Synthese abgeneigt. Auch 
Religion und Kunst spielten als Ausdruck von Weltanschauung keine 
RoUe, nur geringe Ansatze zu einer aligemeinen Lebensanschauung sind 
vorhanden. Demgegeniiber zeigt sich um 1900 schon an vielen Stellen 
ein deutlicher Wille zur Weltanschauung : das religiose Bediirfnis erwacht, 
die neue Kunst strebt dem Aligemeinen zu, in Wissenschaft und Philoso- 
phie sieht man iiberall das Suchen nach den Synthesen. 

Ich kann zu diesen Ausfuhrungen nur meine vOllige Zustimmung 
bezeugen; habe ich doch in kleineren und grOsseren Schriften (z. B. im 
Grundriss einer Philosophie des Schaffens) ganz ahnUches vertreten. MOchte 
die Durchfiihrung des Programms allmahlich steigende Beachtung finden. 

Munster i. W. Otto Braun. 

Drews, Arthur. Die Philosophie im ersten Drittel des 
19. Jahrhunderts (Geschichte der Philosophie VI) Sammlung G6schen571. 
Leipzig 1912, 120 S. 

Entsprechend dem steigenden Bediirfnis nach popularer und doch 
wissenschaftlich fundierter, philosophischer Lekture bemtihen sich die ver- 
breiteten Sammlungen der Verlage G5schen, Teubner, Quelle und Meyer 



Besprechungen (Kronenberg). 149 

schon seit einigen Jahren, auch die Geschichte der Philosophie ihren 
Lesern zu bieten. Es ist dies um so erfreulicher, da eben nur auf Grund 
historischer Einsichten eine richtige Stellungnahme zur gegenwartigen 
Philosophie mOglich ist. Sollen derartige kurze Darstellungen mren Zweck 
erreichen, so miissen die richtigen Verfasser gefunden werden — nicht 
immer ein leichtes Problem! Nur Forscher, die mit produktiver Arbeit 
auf den betr. Gebieten tStig gewesen sind, werden imstande sein, das 
Wesentliche in freier Gestaltung herauszustellen und doch nicht tote 
Schemata zu geben. Dass das Br. Bauch in seinem Kant-Bandchen der 
GOschen-Sammlung gelungen ist, wurde allerseits anerkannt — es gilt 
aber auch von BeitrSgen, die A. Drews geliefert hat, und von denen das 
oben genannte vorliegt. Gerade die in ihm behandelte Epoche war friiher 
dem oreiteren Publikum ganz unbekannt, sie wurde auch von den 
Studierenden viel zu sehr missachtet. Das hat sich inzwischen ^eandert 
— und filr alle, die sich jetzt Eur diese HOhezeit der deutschen Philosophie 
interessieren, bedeutet das Bandchen von D. einen sehr geschickten und zu- 
verlassigen Fiihrer. Besondere Schwierigkeiten waren gerade fiir die 
Schilderung dieser Periode zu iiberwinden, denn die damals in Deutsch- 
land hervortretenden Gedankenmassen gehoren zu den schwerverstand- 
lichsten Produkten menschlichen Sinnens. Ihre drangende Fulle knapp 
zusammen zu fassen — wahrlich keine leichte Aufgabe. Sie war nur 
zu lOsen, wenn man sich auf den wesentlichen Ideengehalt beschrankte. 
So gibt denn D. jjProblemgeschichte" — er zeigt uns den stetigen Fort- 
schntt der Gedankenentwicklung durch die Systeme hinduTch von Fichte 
fiber Schelling, Hegel, Schleiermacher, Krause, Herbart, Fries, Beneke bis 
Schopenhauer. Bei dem Herausstellen des grossen Entwicklungsgan^es 
bleiben naturgemSss feinere Gedankenwandlungen im Hintergrunde — viel- 
leicht ware es aber doch moglich gewesen, etwas ausfuhrlicher auf die 
allmahliche Veranderung der Ideen namentlich bei Fichte und Schelling 
einzugehen. Auch waren eiuige Hinweise auf das Verflochtensein der 
philosophischen mit der kunstlerischen Entwicklung ganz zweckmassig 
gewesen — entsprechend auch ein Hervorheben der durch die PersOnlich- 
keiten der Denker und personliche Beriihrungen veranlassten Gedanken- 
fortschritte. Doch ist das Hintenanstellen dieser Einwirkungen und Ver- 
knupfungen eine Folge der intellektualistischen Auffassung von Geschichte 
der Philosophie, wie sie D. mit E. v. Hartmann teilt. ' Und innerhalb der 
durch diese Einstellung gesteckten Grenzen hat D, Vortreffliches geleistet. 
Er beginnt mit einer Heraushebung des philosophischen Grundproblems 
(der Frage nach der Moglichkeit synthetischer Urteile a priori) und be- 
kampft dabei die immer noch so verbreitete Auffassung, als hatte Kant 
sich gegen die Moglichkeit jeder Metaphysik ausgesprochen. Von den 
Einzelschilderungen scheint mir die Hegels am besten gelungen. Novalis, 
F. Schlegel und Schleiermacher kann D. weniger gerecht werden. Seine 
scharf absprechende Bemerkung fiber Schleiermacher mochte ich ausdrfick- 
Uch als unzutreffend ablehnen (S. 87) — das in der persOnlichen, harmo- 
nischen Geistesart wurzelnde Streben nach Synthese ist keine .mattherzige 
"Verschleierung der Widersprfiche", sondern eine schopferische Fahigkeit 
des Zusammenschauens. Die Ethik Schleiermachers, das bedeutendste 
Stfick seines Systems, kommt leider bei D. nicht zur Darstellung — er 
hebt die Erkenntnistheorie hervor und charakterisiert die Religionsphilo- 
sophie. — Auf die kurze aber besonders treffende Analyse des Systems 
von Krause weise ich noch besonders hin. — Im ganzen haben wir eine 
wohlgelungene Arbeit vor uns, die ihren Zweck in allem Wesentlichen erfflllt. 
Mfinster i. W. Otto Braun. 

Kronenberg, M., Geschichte des deutschen Idealismus, 11. 
Bd.: Die Blfitezeit des Idealismus von Kant bis Hegel. Mfinchen, C. H. 
Becksche Verlagsbuchh. (Osk. Beck) 1912. VIE, 840 S. 11 M. 

Der erste Band dieses gross angelegten Werkes — ein dritter 
Band steht noch aus — ist bereits 1909 erschienen und hat sehr ver- 



160 Besprechungen (Kronenberg). 

schiedenartige Beurteilungen erfahren. Neben vOlliger Ablehnung steht 
hohe Anerkennung. Es liegt dies an dem verschiedenen Massstab, den die 
Kritiker anwandten; tritt man mit den hochsten Anforderungen an die 
Arbeit heran und fordert, dass eine Geschichte des Idealismus nur auf 
Grund eigener, allseitiger, quellenausschopfender Forschertatigkeit ge- 
schrieben werden darf, die sSmtliche sachlichen, personlichen und kul- 
turellen Zusammenhange iiberschauen und darstellen kann (etwa in der 
Art der Diltheyschen Forschungsrichtung) — ja, dann wird man auch bei 
diesem 2. Bande sagen miissen : derartigen Anspruchen geniigt das Werk 
nicht. Das Ideal einer wissenschaftlichen und doch allgemeinverstand- 
lichen Monographie ist nicht erreicht. Massigt man aber die Anforder- 
ungen und verlaugt eine auf geniigender Sachkenntnis vor allem der 
Gedankenzusammenhange beruhende klare und fliissige Darstellung, die 
namentlich dem gebildeten Laien eine gute Einfiihrung in das Gebiet 
geben kann, so wird man urteilen konnen; das Werk erreicht seinen 
Zweck. Darf man den Massstab so wahlen? Muss man nicht von einer 
popularen, d. h, weite Kreise als Leser fordernden Darstellung des Ide- 
alismus gerade das Hbchste verlangen? Gewiss — aber jede Wirklichkeit 
ist ein Kompromiss, und wenn wir die Schranken der Arbeit sehen, konnen 
wir trotz des Abstandes vom Ideal eine positive Bewertung gelten lassen. 
Eine Verwirklichung der hOchsten Ansprflche fttr ein so schwieriges und 
umfassendes Gebiet st5sst heute noch auf unuberwindliche Schwierigkeiten: 
es fehlt z. T. noch an der Erschliessung mancher Quellen (NachlSsse des 
Philosophen etc.). So werden wir uns vorlaufig mit der vorliegenden 
Arbeit zufrieden geben miissen. Kr. beschrankt sich auf die Problem- 
geschichte — das Verfahren ist mOglich, ich kann es allerdings nicht fiir 
das endgiiltige halten. Auch hier liegt eine Schranke des Buches. Ich 
vermisse das Aufweisen der persSnlichen Bedingtheiten in den Weltan- 
schauungen und das Herausarbeiten der grossen Kulturzusammenhange.*) 
Die Lime der kiinstlerischen Entwicklung kommt allenfalls noch zu ihrem 
Recht; es fehlt aber die mit dem Idealismus so innig verwachsene po- 
litisch-soziale Entfaltung, die in fruchtbarer Wechselwirkung mit der 
Philosophie steht. „Deutscher Idealismus" ist mehr als philosophische 
Gedankenentwicklung. Durch das Stehenbleiben auf der Linie der Be- 
griffswandlungen kommt ein gewisser Intellektualismus in die Darstellung 
— er geht an den Lebensmachten vorbei. Die Auffassung, als sei Idealis- 
mus eine blosse Denkangelegenheit, ist an sich schon sehr verbreitet. 
Der pragmatische Zusammenhang der Ideen erschOpft aber nicht den 
Geistesgehalt einer Epoche, 

Kr. gliedert seinen Stoff zunachst in vier Telle: der neue Platonis- 
mus (Kant und Fichte), der neue Spinozismus (Lessing-Herder-Goethe), 
Uebergang zur Identitatsphilosophie (Klassizismus und Romantik), Kegels 
Universalsystem. Es lasst sich natiirlich bei meinem kritischen Bedenken 
gegen die prinzipielle Anlage des Ganzen im einzelnen auch vieles ein- 
wenden. Nur einige Bemerkungen mOchte ich machen ttber Punkte, die 
mich in eigener Arbeit vielfach beschaftigt haben. Die Darstellung von 
Kants Erkenntnistheorie scheint mir gut gelungen — weniger gut die 
Bezeichnung der Gesamterscheinung Kant m ihrer allgemein-kulturellen 
Bedeutung (als theoretisch-allseitige Fundierung des modemen Lebens- 
gefUhls vom Ungenugen der bloss-wissenschaftlichen Welterfassung). Kr. 
fasst wie Simmel Kant zu intellektualistisch auf. — Bei Fichte vermisse 
ich die Berucksichtigung der starken Fortentwicklung der Ideen und das 
Abgliedern der Johanneischen Periode" — die Forschungen von Medicus 
sind schon vor 1912 erschienen gewesen, auch die grosse Einleitung zur 
Fichte- Ausgabe bei F. Meiner. — Bei der Wiirdigung Herders kommen 
seine Leistungen fiir die neue Geschichtsbetrachtung nicht geniigend zur 
Geltung. — Bei den Besprechungen vom Pantheismus, Spinozismus, Roman- 

*) Die kurzen Hinweise auf Kants oder Herders PersOnlichkeit, auf 
die Freiheitskriege etc. sind naturlich unzureichend. 



Besprechungen (Solovjeff). 151 

tik fehlt der Hinweis auf die starke Einwirkung Shaftesbury's und den 
von ihm herruhrenden Organismusgedanken (schon Walzels kleines Buch 
uber die deutsche Romantik hatte da Kr. auf den richtigen Weg leiten 
konnen). — Schleiermacher kommt als Ethiker und Kulturphilosoph zu 
kurz. Bei der Darstellung Schellings fehlt die Beriicksichtigung des alteren 
Schelling: die mit den Freiheitslehre 1809 (ja eigentlich schon 1804) ein- 
setzende neue Entwicklung zur positiven Philosophie enthait eine Fttlle 
fruchtbarer Gedanken, die auch im Zusammenhange mit der veranderten 
Kulturumgebung stehen. Das wertvolle Ideengut haben schon Hartmann 
11. Drews ans Licht gehoben. Viel zu sehr ist auch Schellings Leistung 
als fertiges Gedankengut behandelt, die gerade bei ihm so starke Ent- 
wicklung tritt nicht hervor (v^l. meine Sdielling-Darstellung in „Grosse 
Denker" II, hrg. v. Aster), — Die Hegel-Darstellung scheint mir in allem 
Wesentlichen besonders gelungen : hier entspricht der Stoff der gewahlten 
pragmatischen Methode am meisten. — Die Literaturangaben am Schluss 
sind sehr subjektiv und fragmentarisch. — Der Stil des Werkes verdient 
im ganzen voile Anerkennung — er ist klar und gut lesbar. Nur eine 
gewisse unpersOnliche Kuhle fallt mir immer wieder auf und beriihrt mich 
gerade bei diesem Stoffe sonderbar. 

Bei alien meinen kritischen Bedenken mochte ich nicht, dass meine 
Stellungnahme als Ablehnung iiberhaupt aufgefasst wird, Ich wollte die 
Schranken deutlich bezeichnen, daneben bleibt das Wertvolle der Arbeit 
bestehen. Im ganzen wird das Werk vielen Nutzen bringen, die sich 
mit dem so wichtigen Gebiete bekannt machen wollen. 

Mttnster i. W. Otto Braun. 



Solovjeflf, Wladimir. Die geistigen Grundlagen des Lebene 
Jena, E. Diederichs 1914. XVI, 386 S. 7 Mk. 

Dieser erste Band der „Ausgewahlten Werke" des „tiefsten Denkers 
der Slaven", aus dem Russischen iibersetzt von Harry KOhler, enthait 
ausser der im Titel genannten Arbeit noch folgende: Das Geheimnis des 
Fortschrittes, Sonntags- und Osterbriefe, Drei Gesprache. Der Ueber- 
setzer gibt seine Meinung aber Solovjeff in der Einleitung kund, die im 
iibrigen aus Auszvigen aus den Werken des Fiirsten Trubetzkoy und 
von Kadloff viber den russischen Denker besteht, Diese Meinung besagt, 
dass unser westeuropaisches Denken mit Kegels Erfassung des Ich-Begriffes 
eine H5he erreicht hat, die auf diesem Wege nicht zu uberschreiten ist. 
Der Fiihrer zu neueren und hoheren Zielen ist nun Solovjeff. Es ist ohne 
weiteres klar, dass es sich hier um eine haltlose Konstruktion pro domo 
handelt. Westliches Denken mit Hegel zuende — ostliches f lihrt es weiter : 
das ist ja Hegelei im schlimmen Sinne! Jedes Volk liefert von seiner 
Art aus einen eigentiimlichen Beitrag zur Wahrheitserkenntnis, die Welt- 
anschauungen sind nicht wie Faden, die man einfach aneinander kntipfen 
kann. Una Hegels Hauptleistung die Erfassung des Ich-Begriffes? Sollte 
das nicht eine Verwechselung mit Kant oder Fichte sein? Bei Hegel 
steht doch wohl die Ausweitung des Ichs zur Weltvernunft und die Ver- 
"bindung des Einzel-Ich mit der Gemeinschaft im Vordergrunde. 

Was bietet uns nun Solovjeff? Vor allem mystische, fast theosophische 
Religionsphilosophie. Philosophie, Poesie und Mystik fliessen ineinander. 
Dass diese Art auf eigenstem Erleben und intuitiver Versenkung beruht, 
glauben wir gem. Daneben spttrt man die Einfliisse von J, BOhme, Swe- 
denborg, Baader, Schelling und Schopenhauer — von Kants kritischer 
Geistesart habe ich wenigstens in dem vorliegenden Bande nichts finden 
kOnnen. Solovjeff lebte von 1854 bis 1900, zuerst als Dozent in Moskau, 
dann als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees beim Ministerium fur 
Volksaufklarung in Petersburg tatig, schliesslich wegen einer politisch 
unliebsamen Rede entlassen als Publizist, Besondere Bedeutung hat bei 
ihm der Christus- und der Kirchenbegriff: in Christus personifiziert sich 



152 Besprechungen (Marsilius — Heynen). 

der geistige Sinn der Welt, Christus ist uns nicht vergangen, sondern er 
ist uns in seiner kosmischen Sphare, der Kirche, stets gegenwartig, „Die 
in Christo mit ihrem gOttlichen Prinzipe wieder vereinigte Menschheit ist 
die Kirche — der lebendige Leib des gSttlichen Logos, der Fleisch wurde." 
(S. 89). In der sichtbaren Kirche ist nicht alles gottlich, aber das Gott- 
liche ist in ihr schon etwas Sichtbares. Begrundung einer freien Theokratie, 
Verkorperung des Gottmenschentumes ist allgemeines Ziel menschlichen 
Strebens. (S. 128). — Gebet, Opfer, Fasten, Christentum, Kirche, christ- 
liche Kunst werden in den „geistigen Grundlagen" behandelt. Die Sonn- 
tags- und Osterbriefe verbreiten sich ttber verschiedenartige Stoffe (z. B. 
das Erwachen des Gewissens, Was ist Russland?, Dichtung oder Wahrheit?, 
Die Frauenfrage, Die orientalische Frage, Russland in 100 Jahren, Der 
geistige Zustand des russischen Volkes). Die 3 Gesprache stellen den Be- 
griff des Bosen in den Mittelpunkt und erSrtern ihn im Zusammenhang 
mit geistlichen Grundlehren. In alien Schriften steht vieles, was zur 
Charakteristik Russlands dient, und vieles, was man durchaus billigen kann. 
Interessant sind etwa in Riicksicht auf unser heutiges Erleben die Dis- 
kussionen uber den Krieg in den 3 Gespradien, interessant die Warnung 
vor der Chinesierung Europas: bei dem Zusammenstoss zwischen China 
und Europa kann letzteres nur den Sieg gewinnen, wenn es seiner Idee 
des wahren Fortschritts treu bleibt, und nicht sich der chinesischen Idee 
der Ordnung unterwirft. 

Diese Andeutungen mogen hier geniigen. Die national bedingte 
Mystik Solovjeffs hat zweifellos ihre Bedeutung — man muss sie uns nur 
nicht als Weg zur ErlOsung von unserer eigenen Schwachheit anbieten. 

Munster i. W. Otto Braun. 

Marsilias Ficinus. Ueber die Liebe oder Platons Gastmahl. 
Uebersetzt von K. P. Hasse. (Philos. Biblioth. 164) Leipzig, F. Meiner 
1915, VIII, 250 S. 6 Mk. 

K. P. Hasse, bekannt durch sein anregendes Buch „Von Plotin zu 
Goethe", hat hier eine tiichtige Arbeit geliefert, indem er das Werk des 
Platonikers und Neuplatonikers Ficinus gut iibersetzte, einleitete und kom- 
mentierte. Die Einleitung behandelt in gentigender Ausfiihrlichkeit Leben 
und Lehre des Ficinus, die Florentiner Akademie und Entstehung und 
Zweck des Dialoges „Ueber die Liebe". Die Anmerkungen leisten iiberall 
ausreichende Erkiarungsarbeit, ohne allzusehr ins Breite zu gehen. Ge- 
legentliche personliche Bemerkungen, wie z. B. der kurze temperamentvolle 
Exkurs ins Padagogische S. 237 unten, sollten lieber fortbleiben. Im 
ganzen ein erfreulicher Zuwachs der prachtigen „Philosophischen Bibliothek". 

Munster i. W. Otto Braun. 

Heynen, Walter. Diltheys Psychologie des dichterischen 
Schaffens, Halle a. S., Max Niemeyer 1916. 

Es war ein unvergesslicher Eindruck, als Dilthey an seinem 70. Ge- 
burtstag seine Arbeiten .Triimmer, Bruchstucke, Fetzen" nannte. Dann 
setzte er hinzu, er hoffe, dass Jungere auf den Wegen, die er vorbereitet, 
erfolgreicher sein wurden. Ein solches Ziel ware zu erreichen, wenn aus 
der Fiille des von ihm Gewollten und teilweise Ausgefiihrten ein Ganzes 
systematisch gegliederter Gedanken gebildet wiirde. Die Aufgabe ist nicht 
leicht und nur durch liebevolles Versenken in Diltheys Ideen und An- 
leitungen zu losen. Der Verf. der vorliegenden Schrift ist ziemlich weit 
entfernt von einer solchen Stimmung. Er hat in lockerer Zusammen- 
stellung einzelne Lehren in umschreibender oder wortlicher Wiedergabe 
gegeben, ohne doch den Zusammenhang zu suchen, der in Diltheys 
grossem Plan einer neuen methodologischen Begrundung der Geistes- 
wissenschaften zu seiner Psychologie und von da aus zu seinen Lehren 
iiber das dichterische Schaffen ftthrt. Die Beurteilung geht deshalb nirgends 



Besprechungen (v. d. Pfordten). 153 

recht in die Tiefe, sie will Dilthey wohl nur als Literarhistoriker anerkennen 
und glaubt seine Gedanken tiber das behandelte Gebiet erganzen zu miissen 
durch neu herbeigetragenes Material aus Bekenntnissen von Dichtern iiber 
den Schaffensvorgang. So ist der Gewinn der kleinen Schrift nicht gross, 
sie macht den Eindruck einer etwas anspruchsvollen Anfangerschaft. 
Halle a. S. Paul Menzer. 

Pfordten, Otto von der, a. o. Professor an der Universitat Strassburg. 
Religionsphilosophie. Berlin 1916. Sammlung GSschen. 150 Seiten. 

Dieses Btichlein empfiehlt sich trotz seiner Kiirze, die eine eigent- 
liche Diskussion der Probleme nicht zulSsst, und trotz seiner nicht eben 
geschickten Gliederung, die den Gedankengang mehr verdeckt als hervor- 
hebt, durch die Sachkenntnis und Selbstandigkeit des Urteils, mit der der 
Verfasser seinen Gegenstand behandelt. Es zerfallt in drei Teile, einen 
historischen, einen religionspsychologischen und einen theoretischen. Diese 
Bezeichnungen sind in logischer und in sachlicher Beziehung anfechtbar, 
zumal die des ersten und dritten Teiles, da sie ErOrterungen zu decken 
haben, die nur in einem losen Zusammenhange mit den aufgestellten 
Kategorien stehen. Man tut daher wohl, - das Ganze im Hinblick auf die 
einzelnen Abschnitte und ohne Rucksicht auf die Hauptgliederung zu 
lesen, die nur als ein Notbehelf anzusehen ist. 

Der erste, sogenannte historische Teil handelt vom Wesen und Ent- 
wicklungsgang der Religion. Zum Wesen der Religion sind vier Bestand- 
teile zu zahlen: eine schlichte Metaphysik, eine bestimmte Psychologie, 
eine kSrnige Ethik und die Verankerung dieser drei Momente in einem 
lebendigen Gottesbegriff. Religion selbst ist der „Glaube an eine geordnete 
Wechselwirkung zwischen dem Menschen und einem ubersinnlichen guten 
Geist". — In der Bntwicklung der Religion ist zwischen einer exoterischen 
und einer esoterischen Linie zu unterscheiden. Die exoterische Linie geht 
von den „Vorstufen" der eigentlichen Religion (in denen die moderne 
Religionsgeschichte so gem das „Wesen" der Religion erblickt) iiber die 
ethischen Stifterreligionen zum Monotheismus des Christentums fort, der 
in einer htibschen und ansprechenden Form als Gipfelpunkt der Religions- 
geschichte dargestellt wird. Die esoterische Linie fuhrt auf die Erschei- 
nungen philosophischer Religion, und unter ihnen besonders auf den Pan- 
theismus, den der Verfasser auf Grund Lotzescher Argumente ablehnt. 

Der zweite, religionspsychologische Teil behandelt zunachst die alte 
V'exierfrage nach dem psychologischen Ort des religiosen Bewusstseins, 
um mit dem Ergebnis zu schliessen, „dass sich die Religion zweifellos an 
den ganzen Menschen wendet." Es folgt ein in engstem Anschluss an 
Siebeck verfasster Ueberblick tiber die Lebensformen der Religion, endlich, 
unter dem Titel „Spezielle Religionspsychologie", eine temperamentvolle 
Auseinandersetzung mit der Fragebogen-Methode und -Religion der ame- 
rikanischen Pragmatisten. 

Der dritte, sogenannte theoretische Teil erortert zunachst die mit 
dem Gottesbegriff als dem religiOsen Hauptbegriff zusammenhangenden 
Probleme, sodann die Begriffe „Offenbarung" und „Wunder", endlich, die 
religiose Wahrheitsfrage. Was iiber diesen Punkt gesagt wird, konnte 
selbstverstandlich nicht tiber Andeutungen hinausgefiihrt werden. Das 
Interessanteste scheint mir die Schlusswendung zu sein, wo plOtzlich der 
Begriff des Sollens auftaucht. Der Verfasser bekennt sich hier zu der 
sehr erwagenswerten Ueberzeugung, dass es durchaus nicht notwendig sei, 
die Religion von einer „L6sung" der Erkenntnisfrage abhangig zu machen. 
„Ideale sind frei, und es gibt einen philosophischen Standpunkt, den schon 
Platon einnahm, dem das Sollen prinzipiell interessanter und wichtiger 
ist, als das Sein und die Erkenntnis. Dann gilt nicht nur ein ethischer, 
sondern auch ein religiOser ,kategorischer' Imperativ : die Menschheit soil 
Religion haben. Nicht weil es ihr irgendwelche Vorteile bringt, sondern 
weil wir sie haben kSnnen und eine innere Stimme uns sagt, dass das 
wertvoU ist." 

/ 



164 Besprechungen (v. d. Pfordten). 

Der personliche Standpunkt des Verfassers ist, wie aus seiner Pan- 
theismuskritik hervorgeht, aber auch sonst uberall deutlich vrird, der eines 
auf dem Boden des Cnristentums und der Ethik der Personlichkeitswerte 
erwachsenen personalistischen Theismus. Aufgefallen ist mir die Scharfe, 
mit der er Faust nicht nur die Beziehung zum Christentum, sondern zur 
Religion iiberhaupt abspricht, ferner die Bestimmtheit, mit der er das 
Wort: ..Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion" als einen 
Irrtum beiseite schiebt. Heraklit hat meines Wissens nicht, wie der Ver- 
fasser voraussetzt, den Glauben, sondern den Dunkel als eine heilige 
Krankheit bezeichnet; und ob James wirklich nur die Verdienste eines 
Dilettanten um die Religionspsychologie gehabt hat, scheint mir zweif el- 
haft zu sein. 

Berlin. Heinrich Scholz. 

Pfordten, Otto von der, a. o. Professor an der Universitat Strassburg. 
Ethik. Berlin 1916, Sammlung Goschen, 146 Seiten. 

Zu diesem Biichlein ist zu bemerken, dass sich in ihm die Nachteile 
einer unanschaulichen Kiirze mit den Vorziigen einer selbstSndigen Durch- 
denkung der ethischen Grundprobleme kreuzen. Je nach der Individuali- 
tat des Lesers werden bald jene, bald diese starker empfunden werden; 
vielleicht auch, dass ein und derselbe Leser bald jene, bald diese starker 
empfindet. Diesem zwiespaltigen Eindruck wird nur abzuhelfen sein, 
wenn der Verfasser sich entschfiesst, bei einer zweiten Auflage, die dem 
Buchlein zu wunschen ist, das Anschauungsmaterial, das in dieser Kiirze 
doch keine Anschauungen hervorrufen kann, ganz wegzulassen und daftir 
die Grundlegung auszubauen, in der er sein Bestes gegeben hat, und 
zugleich das, was man von einem solchen Biichlein eigentlich allein er- 
warten kann. 

In seiner vorliegenden Gestalt ist das Biichlein nicht ganz glilcklich 
in einen empirischen, einen theoretischen und einen angewandten Teil 
gegliedert. Der empirische Teil enthalt die Phanomenologie, der theo- 
retische die Konstruktion des sittlichen Bewusstseins, soweit nach den 
ausserordentlich besonnenen, allem dogmatisierenden Rationalismus abge- 
kehrten Darlegungen des Verfassers von einer solchen die Rede sein 
kann. Die Ethik selbst wird den Tatsachenwissenschaften gegeniiber 
(ohne Auseinandersetzung mit Schleiermacher und Hegel, die erne solche 
vielleicht doch verdient hatten) als Normwissenschaft konstituiert und als 
die Beurteilung des Menschen nach einem Ideal definiert. Das Verhaltnis 
der Norm zum Wert wird durch das Hinzukommen des Denkens zum Filhlen 
bestimmt. Normen sind denkend festgesetzte, also iiber die Gefiihls- und 
Erlebnissphaire, in der sie wurzeln, hinausgeriickte Werte. 

Der empirische Teil beginnt mit einer Betrachtung der Vorstufen 
der ethischen Wertung, unter denen der biologische Utilitarismus und die 
Wertungsweise des gefiihlsmassigen, noch nicht an objektiven Normen 
orientierten Idealismus als die wichtigsten erscheinen. Das eigentlich 
sittliche Handeln beginnt erst mit der Anerkennung objektiver Normen, 
die durch Beispiel, Lehre, Ueberlieferung und Sitte dargeboten und fort- 
gepflanzt werden, wahrend ihre urspriingliche Entdeckung als eine Art 
von schSpferischer Tat durch einzelne grosse Menschen erfolgt. Die Aus- 
fiihrungen dieses Abschnittes sind das Beste, was in diesem Biichlein ent- 
halten ist, und kOnnten bei einer zweiten Durcharbeituug den iibrigen 
Abschnitten zum Muster dienen. Die Betrachtungen iiber die psycholo- 
gischen Bedingungen der Normerfassung, das dritte Stiick dieses ersten 
Teils, stehen betrachtlich dahinter zuriick. 

Der zweite, theoretische Teil beginnt mit einer Kritik der wichtig- 
sten ethischen Prinzipien, in der auch das heute so vielfach tiberschatzte 
Prinzip der Autonomic nicht geschont wird. Sehr zutreffend wird der 
Philosophic das Recht entzogen, die Autoritatsmoral als solche zu diskredi- 
tieren; eine gesinnungsvolle Autoritatsmoral ist sogar wertvoUer als eine 
gesinnungsarme Moral der Autonomic, und es ist nicht wahr oder vielmehr 



Besprechungen (Wundt). 155 

nur in einem sehr eingeschrftnkten, genau zu bestimraenden Sinne wahr, 
was Fichte von der Autoritatsmoral sagt: dass sie die Menschen gewissen- 
los mache. 

An die Diskussion der ethischen Prinzipien schliesst sich ein Ab- 
schnitt liber die Geltung der ethischen Forderung, die den metalogischen 
Geltungscharakter des Ethischen nachdriicklich hervorhebt und im iibri- 

fen aui den immer noch einleuchtendsten aller hier zur Verfiigung stehen- 
en Gedanken zuriickgreift, dass im sittlichen Handeln die Vorzugsstel- 
lung des Menschen zum Ausdruck komnat, und das die verpflichtende 
Kraft des Sittlichen auf der Leistung beruhe, durch die es das, was den 
Menschen iiber die ubrigen Weltwesen erhebt, zum Ausdruck und zur 
Erscheinung bringt. 

Wie die Anerkennung des Ideals eine Art von Fichtescher Tathand- 
lung ist, so auch, wie wir in der nSchsten Betrachtung iiber „Ideale und 
Aufgaben" erfahren, die Konkretisierung desselben. „ Welches Ideal man 
mit seinem eigenen Willen erfassen und festhalten will, ist die eigenste 
und grundlegende Tat individueller Ethik. Bewiesen konnen Ideale nicht 
werden; so bleibt im Zweifelsfall nur die Frage nach ihrer Bewahrung. 
Wir kOnnen diejenigen Normen als konform zum wahren Wesen des 
Menschen betrachten, die schon Entwicklungen geregelt haben, die wir 
als ethisch wertvoll anerkennen; was dajp^egen nur verwirrend, beunruhi- 
gend, zerstOrend gewirkt hat, das dtirien wir mit gutem Gewissen als 
untaugUch fiir die Idealbildung ablehneu". 

Hier ware nun der Punkt gewesen, wo es sich gelohnt haben wiirde, 
auf die Prinzipien der Idealbildung einzugehen und den Zusammenhang 
dieser Prinzipien mit der Struktur der Lebensformen aufzuzeigen, wie 
Eduard Spranger es in seiner grundlegenden Abhandlung iiber die Lebens- 
formen (1914) versucht hat. Was hier zunSchst im Hinblick auf die 
Geschichtsphilosophie geschehen ist, wird erst recht fiir die Ethik ge- 
schehen miissen. 

Der Raum der hierzu erforderlich ware, konnte leicht durch Strei- 
chung des dritten Hauptteils gewonnen werden; denn dieser dritte, an- 
gewandte Teil, der es vor allem mit den sittlichen Gtitern zu tun hat, 
ist infolge der vorgeschriebenen Klirze ohne Schuld des Verfassers so 
farblos geworden, dass man ihn in einer kunftigen Bearbeituug schwerlich 
vermissen wird. 

Es gehOrt zu den Vorziigen dieses Biichleins, dass es die Eigenart 
der sittlichen Beurteilung gegeniiber der asthetischen, religiSsen, national- 
okonomischen u. s. f. immer wieder mit Nachdruck betont. Wenn der 
Verfasser sich entschlosse, den aus dem Zusammentreffen mehrerer Ge- 
sichtspunkte entspringenden Urteilskombinationen, die fiir das Leben so 
wichtig sind, seine Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er das Ganze 
noch straffer gliederte und durch die vorgeschlagenen Erganzungen und 
Auslassungen in systematischer Hinsicht abrundete, so wiirde dadurch eine 
Reihe von Verbesserungen erzielt werden. 

Berlin. Heinrich Scholz. 

Wundt, Wilhelm, Leibniz. Zu seinem zweihundertjahrigen 
Todestag. Leipzig, A. Kroner 1917. 132 S. 

„Noch vor ganz kurzer Zeit dachte man, wenn von deutscher Philosophie 
die Rede war, beinahe ausschliesslich an Kant und seine Nachfolger . . , selbst 
dieser lief zuletzt Gefahr, liber seinen Enkeln in den Winkel gestellt zu werden . . . 
Dies hat sich im letzten Dezenium mit einem Male geandert. Eine plStzliche 
bibliographische Tatigkeit ist iiber die Literatur gekommen . , . diesem literar- 
historiscben Treiben haben auch die beiseite gelegten Schriften der vorkantischen 
Periode die Aufmerksamkeit zu danken. Leibnizens philosophische Werke er- 
schienen zum erstenmal . gesammelt von Erdmann; Guhrauer schrieb dessen 
Biographie und gab seine dentschen Schriften heraus. Eine Auswahl seiner 
historischen Manuskripte ist auf dem Wege." Das war ungefShr die Situation 
zur Zeit des zweihundertjahrigen Geburtstages von Leibniz (nach dem Be- 



156 Besprechungen (Wiindt). 

richte R. Zimmermanns in der Vorrede zu seiner Uebersetzung der Monadologie). 
Seitdem: und inzwischen ist auch der zweihuddertjahrige Todestag gekommen, 
warden der Leibniz-Forschung in steigendem Masse neue bedeutsame Quellen 
erschlossen auf Grund besonderer Bearbeitung des Leibniz-Nachlasses, vor allMn 
durch Foucher de Careil, 0. Klopp, E. J. Gerhardt, E. Bodemann. Und Jahr 
fiir Jahr erschienen neue Arbeit en iiber Leibniz (gelegentlich in einem Jahr der 
Zahl der Neuerscheinungen uber Zant nahekommend) : daruuter die Werke von 
Pfleiderer, Merz, DUlmann, Eussel, Couturat, Cassirer, Kabitz. 

Diese eindringende Leibniz-Forschung mit ihren gerade in der Gesamt- 
auffassung divergierenden Resultaten gebar aus sich nun auch in Bezug auf 
Leibniz die Frage, welche der verschiedenen Auffassungen die zutreffende sei; 
und zwar in dem Sinne, den das Italienische zu prazisieren vermag, wenn es il 
Leibnizio vero unterscheidet von il vero Leibnizio (cioe il Leibnizio storico). 
Es lasst sich gerade Leibniz, wie ii. a. seinem Antipoden Spinoza, gegeniiber 
die Neigung beobachteu, sein philosophiaches Denken seinem Charakter nach zu 
verkennen : „bis iiber die Halfte des achtzehnten Jahrhunderts hinaus gait die 
Theodizee sozusagen fiir die offizielle Darstellung seiner Philosophie. Dies 
bewirkte nicht nur, dass die Philosophie des 18. Jahrhunderts weit hinter diesen 
zuruckging, sondern dass selbst noch Kant nur ein mangelhaftes Verstandnis 
seiner Philosophie besass" (S. 16). Im besonderen betont Wuudt noch (S. 113), 
„dass nicht bloss Kant, sondern dem ganzen Zeitalter, dem er angehorte, die 
Ethik und Rechtstheorie Leibnizens beinahe ein verschlossenes Buch war." (Es 
wird sich unten noch Gelegenheit bieten, auf die Frage Kant-Leibniz zuriick- 
zukommen.) Indes hat das erneute Leibniz-Studium doch auch eine einheitliche 
Auffassung gezeitigt. Einmal insofern, als das mathematisch-physikalische 
Element in Bezug auf die Basis und Struktur der Philosophie von Leibniz wieder 
zur Geltung gebracht wurde: wieder, well „fur Leibniz selbst Mathematik und 
Naturphilosophie im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses standen und 
auf beiden Gebieten die allgemeineren Probleme zugleich philosophische Probleme 
waren" (S. 106). Dann aber war aus der Diskrepanz der neuen Forschung die 
Einsicht zu gewinnen, dass bei Leibniz nicht ein Gesichtspunkt ausschliesslich 
zur Geltung gebracht werden darf; nicht der erkenntniskritische, nicht der 
logische, nicht der mathematische, nicht der metaphysisch-monadologische — von 
einer Bedeutung der Theodizee in dieser Hinsicht nicht zu reden. Leibniz muss 
aus der Fiille der Denkmotive wie der Interessenspharen, unter denen die 
politische und die religiose auch fiir seine Philosophie von nicht geringer Be- 
deutung sind, verstanden werden. 

Unter diesem Gesichtspunkt scheint uns die Schrift, die Wundt, wie er 
schreibt, Leibniz zu seinem zweihundertjahrigen Todestag gewidmet hat, am 
besten in die Literatur eingestellt zu werden, wenn schon er selbst einer solchen 
Einreihung wehren zu wollen scheint mit den Worten: „Die3e Schrift beabsich- 
tigt nicht, mit den verschiedenen Interpretationen der Leibnizschen Philosophie 
in Wettstreit zu treten, und sie hat deshalb auch nirgends Anlass gehabt, sich 
mit ihnen auseinanderzusetzen." Tatsachlich hat der Verf. aber doch nicht 
so ganz jegliche Kritik gemieden (8.94, 108, 83, 101, 44, 57, 104). Das ist 
freilich gewiss ersichtlich und nicht zuletzt aus dem, wie Wundt im Schrifttum 
Leibnizens auswahlt: was er fiir seine Darstellung besonders verwertet (Hypo- 
thesis physica, „die fiir die ganze Entwicklung seiner Philosophie iiberaus 
bedeutsame Schrift"), was er mehr zuriicktreten lasst (die systematischen Schriften 
wie Discours de Metaphysique, Systeme nouveau, u. a.), gelegentlich wohl auch 
aus einer „Kursnotierung", die dem Stand der Forschung doch nicht mehr ent- 
spricht („Man orientiert seine Philosophie ganz nach der Monadologie und neben- 
bei nach den Essays iiber den Verstand" S. 108): das also ist gewiss ersichtlich, 
dass der Verf. auf selbstgebahntem Weg zu seiner Auffassung von Leibniz 
gelangt ist. „Ich bin iiberhaupt nicht," schreibt der Verfasser im Vor wort, 
„von der Philosophie, sondern zunachst von seinen mathematisch-physikalischen 
Arbeiten ausgegangen, die mich dann, soweit dies moglich war, zu gelegentlichen 
Beschaftigungen mit seinen sonstigen wissenschaftlichen und praktischen Inte- 
ressen gefiihrt haben. Von hier aus suchte ich endlich den Wegen nachzugehen, 
auf denen er zu seinen philosophiscben Ideen gelangt ist". Trifft Wundt nun 



Besprechungen (Wundt). 157 

darin, dass er das Logisqh-Mathematiache und mehr noch das Mathematisch- 
Naturwissenschaftliche in Leibnizens Denken beriicksichtigt und wlirdigt, mit 
solchen zusammen, die ihm darin in den letzteren Jahren vorangegangen sind, 
so ist ihm eigen, dase er mit der methodologisch-systematischen Betrachtungs- 
weise in reichem Masse die historische verbindet, die gerade Leibniz gegeniiber 
am Platze ist, in dessen Philosophie „sich Gedankenstromungen der Vergangen- 
heit und Gegenwart mischen, wie sich dies weder friiher noch spater jemals 
wiederholt hat: „faveamus ingeniis omnium aetatum". So stellt Wundt Leibniz 
ein in seine Zeit (S. 1—19, 63, 67, 78, 79, 88, 89, 94, 99, 106, 121, 122, 124, 
125, 126, 129), betrachtet ihn im Zusamtaenhang mit dem Werden der neuen 
Wissenschaft (S. 73— 120, 2ff., 6, 16). Und mit sichtlichem Interesse geht der 
Verf, den Zusammenhangen nach, die Leibniz mit der Scholastik, von der er 
mehr ihre klassischen Vertreter im 13. Jahrhundert beriicksichtigt als die Epi- 
gonen des 16. und 17. Jahrhunderts, und mit Aristoteles verbinden (S. 20 — 72, 
18, 76, 77, 78, 91, 111, 119), hinter denen selbst Descartes zuriicktreten muss, 
wahrend Nicolaus von Cues, Francis Bacon, Thomas Hobbes, Gassendi, selbst 
Spinoza nur gelegentlich Beriicksichtigung linden. Den Ausklang der Schrift 
bildet der Hinweis auf die von Leibniz ausgehenden Wege, „die weiter zu ver- 
folgen eine Aufgabe der Zukunft deutscher Philosophie sein wird" (S. 121 — 129, 
106). Diese historische Einstellung erweitert sich wiederholt zur skizzierten 
Geschichte eines der „Denkmittel" mit besonderer Beriicksichtigung des Bedeu- 
tungswandels eines Begriffes (z. B. S. 29 — 36: Unendlichkeitsbegriff; S. 79 — 83, 
89 f., 42: Substanzbegril; S. 61: Ersetzung der Begriffe Tatigkeit und Leiden 
durch die Begriffe Tatigkeit und Streben ; S. 48 ff., 43 ff. : Geschichte des Erhal- 
tungsprinzipes). Schliesslich darf, soweit die allgemeine Charakteristik in Frage 
kommt, auch behauptet werden, dass Wundt, einem Kiinstler nicht unahnlich, 
die ihm wesensverwandten Ziige im Bilde seines *Philosophen besonders heraus- 
holt, d. h. jene philosophischen Ideen, die fiir ihn selbst Geltung haben: Ent- 
wicklungs- und Einheitsgedanke, Aktualitat des geistigen Lebens, voluntaristische 
Psychologie, erkenntnistheoretischer Idealismus bei besonderer Beriicksichtigung 
der mathematisch-naturwissenschaftlichen Forschung, historische Wiirdigung der 
Tradition. 

Im einzelnen soUen noch zwei Punkte besonders beriicksichtigt werden: 
der neue Idealismus und das Verhaltnis von Leibniz zur Scholastik und zu 
Aristoteles. 

„Die Untersuchung iiber die Grundlagen der Physik fiihrt bei Leibniz 
unmittelbar zu dem Postulat einer idealistischen Naturauffassung und damit zu 
einer neuen Grundlegung der Psychologie" (S. 58 f.). Bei dieser ging Leibniz 
von Aristoteles und seinem Realismus aus (S. 58, 65): mit Aristoteles fasste 
Leibniz die Seele im Gegensatz zu Descartes wieder als Prinzip des Lebens 
iiberhaupt, iibertrug dann aber, wie Wundt erklart (S. 65), das Prinzip der 
BntelecMe-Kraft (S. 65, 57, 51) von der lebenden Natur auf die gesamte geistige 
und physische Welt. Das bedeutet freilich ein Hinausgehen iiber Aristoteles, 
der wohl seine „Psychologie" an die „Physik" angeschlossen, Psychologie und 
Biologie durch seine Auffassung vom Leben aneinander gebunden und die Formen 
des Organischen aufwarts zum Menschen als animal aneinander geschlossen, 
dagegen die leblose von der lebenden Natur durch eine Kluft geschieden und 
dariiber hinaus im Grunde doch den Entwicklungsgedanken durch den Form- 
Wesensbegriff unterbunden hatte. Das bedeutet, „auf der Grundlage der neuen 
Dynamik und Biologie den universellen Entwicklungsgedanken als das innere 
Wesen der Naturvorgange iiberhaupt" geltend zu machen und „eine neue Auf- 
fassung des geistigen Lebens und mit ihm der Natur" einzufiihren (S. 65; z. v. 
95). Natur und Geist sind fiir Leibniz nach der Auffassung Wundts im letzten 
Grunde weder verschiedene Substanzen, noch verschiedene Attribute einer Sub- 
stanz, sondern „einander erganzende Standpunkte in der Auffassung der Welt. 
Unter ihnen ist an sich der nach innen gerichtete, der psychologische, der ent- 
scheidende. Denn er umfasst den Inhalt der uns unmittelbar gegebenen Wirk- 
lichkeit" (S. 65): sie ist Kraft, tatige, zwecktatige (S. 54). Mit dieser Auffassiing 
bringt der Verf. (S. 58) das viel kommentierte, von ihm selbst wiederholt in den 
Fortgang seiner Darstellung einbezogene Wort: Die Korper sind momentane 



158 Besprechungen (Wundt). 

Geister, es seinerseits aus der Nahe von Hobbes wegrttckend, in der Weise in 
Zuaammenhang, dass ea ihm sozusagen als die friihe Formel des Leibnizachen 
Idealismus erscheint (S. 84, 58, 60). 

Wenn es gilt fiir diese, dem ueuen Idealismus als Unterlage dienende 
Psychologie die Belege beizubringen, ao diirfeu sie, betont Wundt, nicht aus 
der Monadologie, der abschliessenden Darstellung seiner Metaphysik, auch nicht 
aus den Essays und ihrer Erkenntnialehre genommen werden, so sehr diese sonst 
fiir die paychologischen Anschauungen fiir Leibniz von Bedeutung sein mogen 
(S. 57): es muss auf den Ursprung seiner „mehr und mehr iiber alle Gebiete 
sich erstreckenden" paychologischen tieberzeugungen zuriickgegangen werden, 
^vie ihn seine Naturphiloaophie erkennen lasst und da vor allem die „ Hypothesis", 
das abschliessende Jugendwerk, mit einigen sie vorbereitenden kleineren Auf- 
satzen (S. 59). Die apateren dynamischen Schriften sowie die mathematiachen 
Studien voUendeten „die einzigartige Schopfung der idealiatiachen Philoaophie," 
deren konstruktive Genesis Wundt (z. T. wie Systfeme nouveau, Gerh. IV, S. 479), 
dahin zusammengefaaat : „Im Lichte der Iniinitesimalmethode wandelte sich ihm 
die auagedehnte Welt in die Erscheinungsform einer unendlichen Vielheit tatiger 
Krafte um. Die Grundbegriffe der Dynamik gaben diesen Kraften ihren zw€ck- 
tatigen Charakter und liessen in ihnen geistige Krafte erkennen; und im Hin- 
blick auf die unmittelbare Gewissheit unseres denkenden Selbstbewusstseins 
konnten dieae geistigen Krafte nicht wohl anders denn nach Analogic unseres 
eigenen Seelenlebens ala strebende und vorstellende Tatigkeiten gedacht Averden" 
(S. 106 f.). 

Ein Moment jedoch, dem neuere Forscher besondere Bedeutung zumassen, 
kommt in dieser Formel wenig zur Geltung. Es ist die Funktion des Logischen : 
Wundt iat nicht geneigt, ihm die gleiche Bedeutung zuzuschreiben. Darin, 
dass Leibniz die logischen De»ikgeaetze ala objektive Weltgesetze nachweisen 
wollte (S. 95 f., 124), sieht er eine Gebundenheit an die die Zeit von damals 
beherrachenden Gedanken (S. 124, 122), wenn sie sich auch bei Leibniz anders 
ausgeataltete als bei Spinoza. Aber Wundt geht noch weiter. Er weist mit 
besonderer Betonung darauf bin, dass die logischen, kausalen und finalen Grund- 
satze merkwiirdigerweise gerade in der Monadologie ein Motiv aua einer anderen 
Sphare iiberragt, das emotionale: „Hier tritt dem scharfainnigen Logiker der 
tiefblickende Paychologe zur Seite (S. 126). Aber ea kommt zu keinem Aua- 
gleich der Motive. Darauf legt Wundt einen starken Akzent: wie er die Viel- 
heit der Ansatz- und Beziehungspunkte, die im philosophischeu Denken von 
Leibniz wirksam aind, zur Geltung bringt, so weiat er auch im gegebenen Falle 
auf deren Wideratreit, von dem auch der neue Idealismus nicht unberuhrt 
bleiben konhte (S. 125, 126), mit Bestimmtheit bin (S. 78, 124, 62), unter Ein- 
beziehung der personlichen Art von Leibniz als einer der Quellen der Diver- 
genz (S. 124, 78, 75). Von besonderem Interesae aber ist wohl, wie der Verf. 
den apeziellen, hier in Frage atehenden Wideratreit der Motive kommentiert. Er 
schreibt: „Rationaliamua und Psychologismus durchkreuzen sich, und man kann 
zweifeln, welche dieaer Seiten, die intellektuale oder die im tiefsten Grunde emo- 
tionale, die iiberwiegende gewesen sei. Jedenfalls ist die letztere spater hervor- 
getreten, und ea duldet keinen Zweifel, dass neben der umittelbaren psycho- 
logiachen Beobachtung die Djoiamik, also wiederum die naturwissenschaftliche 
Betrachtung, ihn nach dieaer Seite gedrangt hat" (S. 126 f.). Und die Monado- 
logie iat fiir Wundt geradezu „unter alien apekulativen Systemen diesea Zeit- 
alters dasjenige, das die rationalistischen Motive am meiaten zuriickdrangt, 
um an ihrer Stelle das unmittelbare aeelische Erleben zum Urbild alles geistigen 
wie kosmischen Geschehens zu erheben." Ja Wundt scheint die Monadologie als 
Gauzes widerspruchsvoll in ihren Bestandteilen erklaren zu wollen (S. 127), 
wahrend kein geriugerer als Windelband vom metaphysischen System des Leibniz 
riihmte, es werde in der ganzen Geschichte der Philosophie von keinem an AU- 
seitigkeit der Motive und an ausgleichender Kombinationskraft erreicht (Lehr- 
buch der Geschichte der Philosophie 1910 S. 351). jDoch vermag auch Wundt 
unter ein em Gesichtspunkt in der Leibnizschen Metaphysik eine Folgerichtigkeit 
zu sehen, die sie vor den andern Syatemen ihrer Zeit auszeichnet: sie beruht 
(S. 87) auf dem Liniensystem der lex continui und des neuen Idealiamus. Nun 



Besprecliungen (Wundt). 159 

ist aber selbst dieser auch fUr Wundt kein durchaus eiuheitlich geschlossenes 
Gebilde, wie schon bemerkt. Aber in einemundauseinemist der Leib- 
nizsche Idealismus fur Wundt doch eigentlich der einzige folgerichtige : Leibniz 
hat den neuen Idealismus nicht auf die Psychologie, wie nach ihm Berkeley, 
und nicht auf ein logisches Begriffssystem, wie der spatere spekulative Idealis- 
mus, noch auf den Widerstreit zwischen Naturgesetz und sittlicher Norm wie 
Kant, sondern auf die Naturwissenschaft gegriindet (S. 108). 

Das gibt ihm auch seine Starke und Bedeutung: in ihm ist die Erschei- 
nungswelt in ihre Rechte als die Statte des menschlichen Erkennens und Han- 
dels eingesetzt, und Sein und Erscheinung bindet nicht eine dem geistigen Leben 
ausserlich gegeniiberstehende Welt transzendenter Ideen aneinauder, sondern das. 
geistige Lehen selbst (S. 103 f.). Es ist wohl verstandlich, wenn Wundt dem 
Idealismus in dieser Form die Ueberlegenheit Uber den platonischeu, den er im 
aristotelisch-traditioneilen Sinne versteht (S. 103, 107), zuschreibt. Aber er dehnt 
sie auch auf den Idealismus Kants aus und unternimmt es, zu zeigen, dass er 
es mit Recht tut. Kants „Nachweis der Verbindung von Anschauung und Be- 
griff in den Grundgesetzen der Erfahrungserkenntnis" rechnet der Verf. zu den 
wenigen epochemachenden Entdeckungen der spekulativen Erkenntnistheorie 
(S. 104). Aber er hemerkt, dass schon Leibniz auf der Schwelle der Erkenntnis 
von der Zusammengehorigkeit der beiden Funktionen: der begrifflichen und der 
anschaulichen, stand (S. 108). Wundt anerkennt die Bedeutung und Scharfe der 
Unterscheidung von Sein und Erscheinung bei Kant (S. 104). Aber er betont, 
Leibniz hat sie zum erstemal aufgestellt und sofort in einer, der nachfolgenden 
Kantschen Fassung iiberlegenen Form (S. 125, 93): fiir Leibniz ist das eine Glied 
der Unterscheidung, das Sein-Ding-an-sich nicht unerkennbar (S. 92). Er steht 
nicht einer reinen Erscheinungswelt gegeniiber (S. 93). Er verlegt, auf Griinde 
der Dynamik, Biologie und letztlich der Logik sich stutzend (S. 96), Sein und 
Wirklichkeit in das geistige Leben (S. 92, 103, 126) mit seiner „in keinem 
Augenblick unseres wachen Bewusstseins stillehaltenden Tatigkeit, in der die 
Kraft selbst und ihre Wirkung in einem einzigen Geschehen zusammenfallen" 
(S. 89), wie es der idealistische Grundgedanke will (S. 88), beziehungsweise in 
die geistigen Gesetze (S. 95, 96). Das geistige Leben ist aber eng an das 
kijrperliche gebunden, dieses selbst ist eine Manifestation des geistigen (S. 122, 
103), ja es scheint Wundt unabweisbar, Leibniz „denkt sich alles Wirkliche als 
ein einziges grosses Kontinuum, in dem man von jedem Punkt aus zu jedem 
beliebigen andern in stetigem Uebergang gelangen kann" (S. 92). 

Die Gegensatzlichkeit zwischen Leibniz und Kant erreicht aber fiir den 
Verf. ihren hochsten Punkt nicht einmal auf der Seite des Seins, sondern viel- 
mehr auf der der Erscheinung. Bei Leibniz, erklart Wundt (S. 95), mundet die 
Erkenntnistheorie nach dieser Seite bin direkt „in die positive wissenschaftliche 
Aufgabe" ein. Kant dagegen sieht, unbewusst Aristoteliker bleibend, in der 
Spaltung der Begriffe nach dem Schema der Anschauungsformen und der Kate- 
gorien die spezifische Aufgabe der Erkenntnistheorie (S. 95). Fiir Leibniz hat 
die rohe sinnliche Wahmehmung keinen Anspruch auf den Begriff der Erscheinung 
(S. 97) : sie muss erst in ihrer ob jektiven Wirklichkeit wissenschaf tlich f estgestellt 
werden (S. 95; z. v. 88 f.) d. h. sie muss „in dem kausalen Zusammenhang deg 
Einzelnen und in der logischen Ordnung des Ganzen erkannt" werden (S. 97). 
Kant dagegen legte, „statt von der, von der positiven Wissenschaf t geleisteten 
Analyse der Erfahruug auszugehen, die Synthese der sinnlichen Wahmehmung 
mit alien Widerspriichen und subjektiven Tauschungen zugrunde, die dieser 
Analyse vorausgehen . . . Die Grundgesetze, von denen die Sinnenwelt beherrscht 
wird, mittels der Anschauungs- und logischen Denkformen a priori gegeben, 
werden . . . auf den Sinnenschein ebensogut wie auf die Ergebnisse wissen- 
schaftlicher Analyse angewandt" (S. 105, 108). So ist Kant „die sinnliche Welt 
ein gesetzmassig geordneter Schein" (S. 93, 105), fiir Leibniz eine berechtigte 
und bis zn der jeweils erreichbaren Grenze auf ihr reales Substrat zuriickfiihr- 
bare Erscheinungswelt (S. 105). Dieses Substrat aber ist nach Leibniz „offenbar" 
ein nach Denkgesetzen und Zweckprinzipien geordnetes System von Bewegungen 
(S. 107), die ihrerseits nichts anderes zur Grundlage haben als die tatigen 
Krafte selbst (S. 108). Das ist die Deutung, die der Verf. dem „phaenomenon 



160 Besprechungen (Wundt). 

bene fundatum" gibt und die er der Meinung entgegengestellt (S. 88), Leibniz 
habe bei der von ihm nicht naher erklarten Art und Weise der Fundierung an 
eine Ableitung vom System der Monaden gedacht. 

Aus dem neuen Idealismus floss nach Wundt auch eine neue normative 
Ethik (S. 109 — 114, 122 f.), zu der Leibniz aus der „in ihrer sittlichen Bedeutung 
verkannten romischen Jurisprudenz", mehr noch aus der „in der klassischen 
Scholastik des 13. Jahrhunderts bereits zur Herrschaft gelangten" Lehre von der 
Einheit von Recht und Sittlichkeit Anregungen erhalten haben mag (S. 111). 
Auch hier vergleicht der Verf., Grosses an Grossem messend, Leibniz und Kant: 
nicht erst Kant hat das Sittengesetz aus der Abhangigkeit gelost, schon der 
leibnizische Begriff der pietas, betont Wundt (S. 110), hat nichts gemein mit 
dem, was Kant als statutarischen Kirchenglauben verwarf. Vor allem aber 
macht der Verf. geltend, dass Leibniz nicht tiefer, aber umfassender das Problem 
einer reinen Ethik der Pflicht aufgenommen, als es spater Kant zu Ende gefiihrt 
hat (S. 112, 123). Und gegentiber der rein individualistischen Ethik Kants 
habe Leibniz angebahnt, was „erst der mit Fichte beginnende neueste deutsche 
Idealismus" weitergefiihrt (S. 114).' eine auf der Ethik der Pflicht gegriindete Auf- 
fassung von Recht und Staat (S. 122, 112). Aber diese Ethik findet sich nicht 
in den von Gerhardt bezw. Guhrauer zusammengestellten Definitionen ethischen 
Inhalts von eudamonistischer Farbung (S. 131 f.), sondern in den reiferen 
juristischen Werken (S. 112, 113f.: mit Titelangaben; z. v. Dutens I p. 143). 

Riickschauend ein paar Bemerkungen : es ist die Frage, inwieweit die Auf- 
fassung, die Wundt vom Leibnizschen Idealismus vortragt, auf Zustimmung 
rechnen kann, besonders mit Rlicksickt auf seine Gegeniiberstellung : Leibniz-Kant. 
Da scheint uns vor allem, dass der Verf. nicht genug Klarheit geschaffen hat 
iiber das Verhaltnis des psychologisch-metaphysischen und des rational-erkenntnis- 
theoretischen Elementes in der Struktur des Leibnizschen Idealismus: zumeist 
spricht er an entscheidenden Stellen von der geistigen Welt im Sinne des 
seelischen Erlebens (S. 94; z. v. 98, 96), der Aktualitat (S. 89), geistiger Krafte 
(S. 106 f.; z. V. 95). In diesem Zusammenhang mochte es nicht ohne Bedeutung 
sein, dass in der chronologischen Aufreihung der wichtigeren, fur die Entwicklung 
dieses Idealismus in Frage kommende Schriften (S. 132) die Stiicke „Quid sit 
idea" und Meditationes de cognitione, ideis et veritate nicht beriicksichtigt sind. 
Die Kritik am Begriff des Phanomens bei Kant scheint ausschliesslich, was zu 
allererst — das nicht im Sinne des Gewichtes — dagegen vorgebracht werden 
kann, ins Auge zu fassen. Es ist aber nun die Frage, wie das Leibnizsche 
phaenomenon bene fundatum nach den beiden Momenten: als Phanomen und nach 
seinem Zusammenhang mit dem wirklichen Sein, seine erkenntnis-theore- 
tische Begrundung findet. Was der Verf. dariiber bringt (S. 97, 104 bezw. 
S. 97, 107, 95, 94, 93), scheint uns bei aller Bedeutsamkeit doch nicht die wirk- 
lich befriedigende Antwort zu enthalten: bedarf die niemals aufzuhebende Tat- 
sache, dass das denkende Subjekt sich verschieden weiss von der es umgebenden 
Welt, dass aber diese Welt ebenso notwendig zu ihm gehort wie es zu ihr, 
(S. 97) nicht der Einfiigung in einen hSheren Zusammenhang, um als „Denk- 
notwendigkeit" gelten zu konnen? Und wenn die rohe sinnliche Wahrnehmung 
zur Erscheinung im Leibnizschen Sinne dadurch werden soil, dass sie im kausalen 
Zusammenhang des Einzelnen und in der logischen Ordnung des Ganzen erkannt 
wird, kann das, wenn hierfiir die logischen Gesetze, wie Wundt selber gegen 
Leibniz bemerkt (S. 124 f.) unzureichend sind, von einem Standpunkt aus ge- 
schehen, von dem aus die Frage gestellt werden muss, „ob solche Satze wie der 
der Kontinuitat oder der Erhaltung der Kraft wirklich a priori notwendig sind 
Oder doch nicht erst der Bestatigung durch die Erfahrung bediirfen" (S. 125)? 
Die Frage: Leibniz und die Scholastik bezw. Aristoteles, ist schon wieder- 
holt bearbeitet worden. Wundt setzt, soweit zunachst die Scholastik in Frage 
kommt, deren Einfluss auf Leioniz, wie schon andere vor ihm, hoher an, als es 
zumeist von jenen geschah, die selbst der Scholastik folgen. Was dann Aristo- 
teles betrifft, so erinnert die Betonung, mit der Wundt von seiner Bedeutung 
fiir Leibniz spricht, an Trendelenburg und jene, die ihm in diesem Punkte 
folgten. Wundt lasst auch gleich Trendelenburg den positiven Einfluss von 
Descartes auf Leibniz hinter dem des Aristoteles stark zuriicktreten, ja er sieht 



Besprechungen (Wundt). I6l 

(las Verh&ltnis voii Leibniz zu Descartes geradezu in eiuer „fort8chreitenden 
Abkehr" (S. 43 ; z. v. 28, 39 f., 49, 54, 57) und spricht von dem „gewaltigen 
Unterschied, der zwischen beiden Pormen der mechanischen Naturanschauung, 
jener eigentlich rein phoronomischen . . . und dieser dynamischen bestand" 
(S. 43 f.), schliesslich (S. 57) von seinem „fiir die ganze neuere Philosophie eut- 
scheidend gewordenen Gegensatz" zu Descartes (sc, dynamischer Monismus). 
Im einzelnen bemerkt der Verf., dass bei Leibniz die scholastische Jugend- 
bildung sein Leben lang nachgewirkt hat. Es ist aber zuviel gesagt, (z. v. 
die Formulierung des Einwandes bei W. Kabitz, Die Philosophie des jungen 
Leibniz S. 50) wenn er ihm von Kindheit auf Aristoteles und die Scholastik 
vertraut (S. 20) und ihn, als die neue Wissenschaft einzuwirken begann, mit 
einem umfassenden Wissen, das nach Umfang und Methode das der Scliolastik 
war, ausgestattet sein lasst (S. 18). 

Wenn man vreiter geht und fragt, auf welchem Wege Wundt zur Er- 
kenntnis der aristotelisch-scholastischen Elemente bei Leibniz koramt, so ist zu 
konstatieren : Wundt geht nicht literar-kritisch vor. Er unternimmt es viel- 
mehr, in inhaltUch-systematischer Betrachtungsweise, nicht aristotelisch- schola- 
stische Lehrstiicke, seien sie peripherischer oder auch zentraler Natur, nach- 
zuweisen, sondern aufzuzeigen, wie aristotelisch-scholastische Elemente formal- 
methodischer Art (z. B. duale Begriffsgliederung S. 33, 38 ff., 41, 46 ff.) oder auch 
inhaltlicl.e Denkmotive (z. B. Unendlichkeitsbegriff S. 29 ff., vor allem ethische 
und theologische Gedankengange S. 76 ff., HI) sich in der Philosophie von 
Leibniz zu neuem Leben umsetzten. Allerdings sind die beiden Gesichtspunkte: 
der der individuellen Attribution (S. 78) und der des Nachweises gemeinsamer 
Richtungsbestimmtheit (S. 67) nicht von vornherein scharf geschieden. Wichtiger 
aber scheint uns zu sein, zu fragen, ob Wundts Auffassung von der grund- 
satzlichen Stellung des Leibniz zur Scholastik in sich einheitlich ist. Mit Be- 
tonung sagt er eingangs: „Was die Scholastik errungen, fiir die neue Wissen- 
schaft fruchtbar zu machen, das war sein erstes, die Scholastik durch die neue 
Wissenschaft endgiiltig zu iiberwinden, das wurde sein letztes Ziel" (S. 19; z. v. 
78, 67, 92, 126). Im Laufe der Darstellung erscheint aber an gewichtiger 
Stelle das ebenso abgewogene Urteil: „Konnte er sich auch, als er spater mit 
der neuen Naturwissenschaft naher bekannt wurde, dem imponierenden Eindruck 
dieser nicht entziehen, so stellte sich doch, vornehmlich infolge der Bedenken, 
die sich gegen die Cartesianische Naturphilosophie in ihm regten, allmahlich 
ein gewisses Gleichgewicht ein, das ihn mehr und mehr an dem ohuehin seiner 
Denkweise entsprechenden Grundsatze festhalten liess, aus allem, was Vergangen- 
heit oder Gegenwart WertvoUes bieten mochten, das Beste zu behalten. So 
wurde er in einer Zeit, die im ganzen an einem merkwiirdigen Mangel an 
historischem Sinn litt, unterstiitzt durch seine ausgebreitete Liter aturkenntnis, 
bei aller Selbstandigkeit des Denkens ein Eklektiker im hochsten Sinne des 
Wortes" (S. 75, z. v. 76, 77, 78, 41). Es mag von Interesse sein, im Anschluss 
daran zu- horen, was Wundt liber das Urteil der (nicht in der scholastischen 
Tradition stehenden) Gegenwart uber die Scholastik sagt: „Wir sind heute", 
schreibt er (S. 21) „allzu sehr geneigt, den Eindruck, den besonders in den 
spateren Jahrhunderten der formalistische Betrieb der scholastischen Logik, die 
Herrschaft eines blinden Autoritatsglaubens und die Neigung zu leeren Begriffs- 
und Wortstreitigkeiten e'rwecken, auf die Wissenschaft dieses ganzen Zeitalters 
zu libertragen. Vor allem aber steht unser heutiges Urteil unter dem Einfluss 
der vernichtenden, natiirlich einseitig orientierten Polemik der Humanisten und 
der bahnbrechenden Philosophen der Neuzeit, die, ahnlich wie dies dereinst 
Plato mit der Sophistik getan hatte, nach den abschreckenden Beispielen schola- 
stischer Wort- und Begriffsglauberei eigentlich erst jenes typische Bild der 
Scholastik geschaffen haben, das heute noch das gelaufige ist." Sie ist aber, 
betont er (S. 47), „nicht, wie noch jetzt, im Zeitalter historischer Wiirdigung 
der Zeiten und Zustande, von manchen geglaubt wird, eine Verirrung der Wissen- 
schaft, die hochstens durch ihre Dauer bemerkenswert sei, sondern, geschichtlich 
betrachtet, ganz wie unsere eigene Zeit, eine in der vorangegangenen Entwick- 
lung begriindete und auf die folgende zum Teil bis zum heutigen Tage nach- 
"wirkende Stufe der Geistesgeschichte." 

KaiitetuUieu XXII. J J 



162 Besprechungen (Doring). 

In Einzelheiten liesse sich eine andere, wohl zutreffeudere Auffassung 
geltend machen. So wenn der Verf. von der pristotelisch-scholastischen Natur- 
phUosophie sagt, sie bestehe in einer rein begrifflichen Ordnung der Natur- 
erscheinungen, verzichte auf die Bedingungen der Anschaulichkeit und setze 
demnach die Begriffe als selbststandige und doch iiberall verbundene Bestandteile 
der Dinge einander gegentiber (S. 80 f.). Diese Charakteristik ist doch als zu 
unglinstig zu bezeichnen, auch wenn man ohne weiteres zugibt, dass dem Eifer, 
mit dem die mittelalterlichen Denker die Naturphilosophie, etwa im Gegensatz 
zu geschichtsphilosophischen Fragen, bearbeiteten, nicht dem Ertrag und Wert 
entsprach, wenn man also auch nicht solche besondere Erscheinungen wie 
Albertus Magnus, Dietrich von Freiberg und deren und der anderen natur- 
wissenschaftliche Kenntnisse und Forschungen, die z. B. Baeumker in seiner 
Geschichte der mittelalterlichen Philosophie (in Die Kultur der Gegenwart) 
namhaft macht, geltend machen will. 

Oder in Bezug auf den diffizilen Begriff des Absolut-Unendlichen betont 
der Verf. zu sehr das Hinausgehobensein liber alle denkbaren Grenzen (S. 29), 
das dem endlichen Erkennen unzugangliche Sein (S. 31). Es ist dies nach der 
einen Seite hin die Auffassungsweise des Neuplatonismus, die aber zurtickreicht 
bis zum Neupythagoreismus und zu Philo, und nach der andern Seite hin die 
modern erkenntnisbritische, aber sie reprasentiert nicht die der klassischen Scho- 
lastiker wie Thomas von Aquino. Auch zwischen dem Gottesbegriff der scho- 
lastischen Theologie und dem Substanzbegriff des Aristoteles scheint uns (mit 
Rucksicht z. B. auf Met. Xn 6. 1071b 3 sqq., 7. 1072a 25 sq.) nicht der Gegen- 
satz zu bestehen, den Wundt (S. 29 f.) aufsteslt. 

Was Wundts Auffassung von der „Entelechie" des Aristoteles betrifft, so 
ist schon von anderer Seite geltend gemacht .worden, dass er das Moment der 
Aktualitat zu sehr im modernen Sinne fasst. Ueberraschend klingt es, wenn der 
Verf. aus dem scholastischen Begriff der forma substautialis als der Vereinigung 
des Momentes der Form und der Kraft den Substanzbegriff der modernen Meta- 
physik sich entwickeln lasst (S. 51). Von Descartes sagt Wundt, (S. 48) er stehe 
auf Seite derer, die in der Schopfung einen einmaligen Akt sehen. Das stimrat 
aber nicht iiberein mit Medit. IV (in fin.), Principia philosophiae II 36. Doch 
weiteres Detail der Art zu bringen, musste als geschaftiges Karnertun er- 
scheinen. 

Munch en. Dr. G. Schwaiger. 

Doring, A., Grundlinien der Logik als einer Methodenlehre 
universeller, sachlicher Ordnung unserer Vorstellungen. Ein 
Versuch, die Logik auf neuer Grundlage • zu gestalten. Leipzig 1912. 
Felix Meiner, XII. u. 181 S. 

Den mannigfachen Versuchen der Neuzeit, die Wissenschaft der 
Logik auf eine neue Grundlage zu stellen, war es gemeinsam, dass sie, 
statt auf das leere Fachwerk der formalen Logik auf normative Gesetze 
des Erkennens zielend, eine Methodenlehre der „Gewinnung w^ahrer 
Urteile" im Auge hatten, und zu diesem Behufe bei der Zergliederung 
der logischen Funktion auszugehen vorzogen von der Reflexion auf das 
Wesen des Urteils. Erst die jiingste Entwicklung der Logik mit ihrer 
Analyse des Bedeutens, Meinens, des Sinnes als der fundamentalsten 
logischen Erscheinung hat es mit sich gebracht, dass auch die Lehre vom 
Begriff wieder eine dem Mittelpunkte nahere Stellung im Ganzen der 
Logik eingeraurat wurde. Auf der gleichen Balm, aber ganzlich unab- 
hangig von diesen neueren Tendenzen geht Borings Versuch, als Ziel- 
punkt der Logik nicht mehr das Urteil, soudern den Begriff zu setzen, 
ohne jedoch von dem Gedanken einer normativen Logik, einer logischen 
Methodenlehre Abstand zu nehmen. 

Den Grundgedanken nun, vermittelst dessen Doring die Logik neu 
zu gestalten unternimmt, die prinzipielle Stellung, durch die sich seine 
Logik von der gegenwSrtig herrschenden zu scheiden sucht, gewinnt 
Doring zunachst, wie mir scheint, lediglich durch einen Akt des liberum 



Besprechungen (Doring), 163 

-arbitrium der Terminologie. Indem er nSmlich von den vier Arten 
des Denkens, die er unterscheidet — praktisches, axiologisches, kausales, 
logisches Denken — das Kausale ausschliesslich bestimmt fttr die Zwecke 
des fortschreitenden, sachlichen „Erkennens", deren Organ er eben im 
Urteil erblickt, beMlt er fur das .logische" keine andere Zwecksetzung 
iibrig, als die ordnende Zusammenfassung der chaotischen Bilder der reinen 
Erfahrung nach sachlichen Prinzipien und als Mittel hierfiir die Qualitats- 
und Merkmalsverwandtschaft. Das Urteil hat fiir den Zweck des so ge- 
fassten logischen Denkens nur eine nebensSchliche Bedeutung; fiir die 
Logik ist das eigentlich Erstrebte die „Allgemeinvorstellung". Engt 
man das logische Denken dergestalt ein, so bleibt fiir die Wissenschaft 
da von, die Logik, keine andere Definition als eben: „die normative Theo- 
rie der Anordnung und Zusammenfassung (Synthese) der Vorstellungen 
nach der Merkmalsverwandtschaft", oder wie es Einleitung und Titel an- 
geben, „Methodenlehre einer universellen Klassifikation der Vorstellungen 
nach ihrer Merkmalsverwandtschaft", „Methodenlehre universeller sachlicner 
Ordnung unserer Vorstellungen". — 

Aber mit der Aufdeckung der motivierenden Grundlage fiir die 
Sonderstellung dieser Logik wSre das innerste Wesen derselben noch nicht 
gentigend beleuchtet. Abgesehen von der Einwendung, dass die neue 
Logik ihre Eigenart mehr dem Eigensinn der Begriffsbestimmung des 
Logischen verdankt, so geht mit der ganzen Richtung der Gedankenfii- 
gung eine von der geschichtlichen Entwicklung iiberhmte Auffassung des 
logischen Wertes der Wissenschaft allgemein wie bestimmter Wissen- 
schaften im einzelnen Hand in Hand, auf die in aller Kiirze hingewiesen 
sein muss. Doring weist eine wahrhaft geniale Ausnahmestellung als 
Anbahner des nach seiner Meinung Richtigen dem Sokrates zu, dessen 
Lehre eine angewandte Logik in seinem Sinne darstellt, da er unablassig 
bemiiht war, festzustellen, „was ein jegliches des Seienden sei". Er- 
hatte weit allgemeiner sagen k5nnen, dass es letzten Endes — vom Be- 
ginne der Philosophie bei den Hylozoisten an — die Eigentiimlichkeit der 
ganzen antiken und mittelalterlichen Wissenschaft und Philosophie bis 
zur Renaissance ge wesen sei, nach dem Sein, nach der Wesenheit der 
Dinge zu fragen. Es ist die ungeheure Umwalzung im Denken der 
modernen Wissenschaft, dass sie, orientiert an der mathematischen und 
experimentellen Naturwissenschaft (Galilei!), nicht mehr sucht nach dem 
Was der Dinge, sondem nach ihrem Gesetz, nach Mass und Regel 
ihres Verhaltens. Dieser Gegensatz zweier fundamental verschiedener 
wissenschaftlicher Geistesrichtungen ist es, der dem, der durch die Ober- 
flache der Erscheinungen schaut, auch zu Tage tritt in dem Gegeniiber 
der beiden Arten der Logik. Wie die altere Wissenschaft und Philoso- 
phie vom Wesen der Dinge beziiglich ihrer Merkmale handelt, so tut es 
die altere Logik von denen der Begriffe; wie die modeme Wissenschaft 
den Gesetzen der Dinge nachgeht, so sucht das modeme Denken iiber 
das Denken nach den Gesetzen des Denkens selber in einer Methoden- 
lehre der Wissenschaft, als des Erzeugnisses dieses Denkens. Dort 
das schematische Geriist der Begriffsverhaltnisse, hier die beherrschenden 
Gesetze der Urteile in den subtilen Kunstgriffen der Methodik bei den 
Einzelwissenschaften; dort die starre Form des stiitzenden Skelettes, hier 
die lebendige Funktion der Glieder und Organe, Funktion im mathe- 
matischen Sinne. Esist charakteristisch, dass DOring in seinem Werke 
das Wesen des Mathematischen so gut wie vollig ausser Acht lasst. Wie 
hatte er wohl diesem, dem eminentest Logischen, das wir finden konnen, 
in seiner logischen Bedeutung gerecht werden soUen in einer „Methoden- 
lehre universeller sachlicher Ordnung unserer Vorstellungen"? So stellt 
sich denn, bei aUer Anerkennung von Verdiensten im einzelnen, dieser 
,.Versuch die Logik auf neuer Grundlage zu gestalten", als Ganzes be- 
trachtet, als Stiickwerk dar, das uns das Logische nicht in seinem voUen 
Wesen und Wert, in der ganzen Fiille und Lebendigkeit seiner Be- 
ziehungen zu zeigen im stande ist. — 

/ 11* 



164 Besprechungen (Eisler). 

Das Buch zerfalit ausserlich in drei Telle, von denen der erste die 
Naturlehre des Denkens (deskrlptlve Logik, Phanomenologie enthalt), der 
zwelte die Kritik der natiirlichen logischen Funktionen, ein dritter die Me- 
thodenlehre Im engeren Sinne (normativer Tell). Dieser bietet die for- 
malen und allgemeinen wie speziellen Regeln: die Regel der Identitat, 
des zureichenden Grundes, Unabhangigkeit von der Sprache, Totalitat; der 
Korrektur des saltus in abstrahendo, des Verfahrens bel Subsumptionspro- 
zessen, der analytischen Funktion (Division), der Definition, der logischen 
Kategorien u. a., die in Kiirze mancherlei Bemerkenswertes enthalten. 
Durch Ausgeschliffenheit und Gedrungenheit der Darstellung zeichnet 
sich dat Werkchen iiberhaupt vor vielen seiner Art aufs Vorteilhafteste aus. 

Berlin. Wilhelm Reimer. 

Eisler, Rudolf. Der Zweck, seine Bedeutung ftir Natur und 
Geist. Beilin, E. S. Mittler & Sohn, 1914, IV und 286 Seiten. 

Eisler 's durch klare und leicht verstandliche Schreibart weiten 
Kreisen zugangliches Werk ist eine Monographic: Es verfolgt den Begriff 
„Zweck" in die Gesamtheit seiner Anwendungsbereiche. 

Nachdem im ersten Kapitel dargesfcellt worden ist, was die Autoren 
alter und neuer Zeit unter Zweckmassigkeit oder Teleologie verstanden 
haben, wird im zweiten zu Begriffsbestimmungen geschritten: Ursprxing- 
lich bedeutet das Wort ,,Zweck' einen materiellen Zielpunkt, den Stilt 
in der Scheibe des Schtitzen; seit Jacob BOhme bedeutet es das, was 
durch eine Handlung erreicht werden soil, oder das, wofiir eine Sache 
bestimmt ist, und zwar „als im Bewusstsein antizipiertes Etwas". Unter 
j,Zielstrebigkeit" soil das Gerichtetsein eihes Will ens- auf ein Ziel und erst 
in zweiter Linie der durch die Richtung auf ein Ziel gekennzeichnete 
Prozess verstanden werden. „Zweckmassigkeit" besagt, dass „die Wirkung 
einer zielstrebigen Tatigkeit sich mit dem Bezweckten deckt" ; sie kann 
subjektiv oder objektiv sein. 

Das dritte Kapitel „Kausalitat und Finalitat" ist grundlegend: Auf 
Grund der eigenen Willenserfahrung gewinnen wir den Begriff „Zweck', 
Was sich nun unter seinem Gesichtspunkt betrachten lasst, also „teleologisch" 
oder ,,final", das lasst sich auch stets kausal betrachten. Ein Wider- 
spruch besteht hier nicht. Es gibt „teleologisch-kausale" Urteile: „A ist, 
well B gewoUt wurde". Nicht ist „das Ziel" hier Ursache, wohl aber das 
Erstreben des Zieles und die daraus fliessende Handlung. Zu den bewir- 
kenden Ursachen k5nnen also auch zielstrebige Faktoren gehbren. Trotz- 
demaber ist die Kausalitat der physischen Phaenomene eine ge- 
schlossene. Psychische teleologische Faktoren sind nicht als solche 
Ursachen physischer Phaenomene, sondern nur alsdaslnnensein phy- 
sischer Ursachen, welch' letztere sich durch Bewegung, Kraft oder Energie 
milssen darstellen lassen. Jeder Vorgang also ist zugleich zielstrebig 
und kausal bedingt; jede andere Lehre wiirde „einen gefahrlichen Riick- 
schritt bedeuten". Das darf „kritischer Panpsychismus" heissen. — „Dyste- 
leologische" Argumente bedeuten nur etwas gegen die seichte Niitzlichkeits- 
teleologie und den platten Optimismus. Auf „Zufall" beruht das Zweck- 
massige nicht, es ist allem Sein immanent. 

Der Zweckbegriff ist, wie Kap. V zeigt, explikativ oder nor- 
ma ti v. Als explikativer erkiart er, obschon im Sinne einer besonderen 
Zweckursache. Als normativer fiihrt er zu einer „ Logik des Zwecks": 
Es gibt „Finalzusammenhange, deren Notwendigkeit unabhan^ig vom 
Denken und WoUen des Subjekts ist", was aber nicht metaphysisch ver- 
standen zu werden braucht, sondern nur die Beziehung auf ein „Zweck- 
bewusstsein iiberhaupt" bedeutet. Das eigentlich „Normative" dieser Be- 
trachtungsweise griindet darin, dass ein Endzweckals Masstab, als Wert- 
masstab dient; erst sekundar ergibt sich aus der Erkenntnis dieses Mass- 
stabes eine Vorschrift fiir das Handeln. Sollen ist nicht auf Sein zuriick- 



Besprechungen (Eisler). 165 

zufvihren, es wurzelt vielmehr in eiiiem zwecksetzenden Grundwillen ; aber 
der besondere SoUensinhalt muss am Leitfaden des erfahrbaren Seins 
erarbeitet werden. 

Damit schliesst der „Allgemeine Teil". Der „Spezielle Teil" be gin nt 
mit einem Abschnitt iiber „Mechanismus, Psychismus, Finalismus": Wie- 
derum wird die Geschlossenheit des physischen Kausalzusammenhanges 
betont und gegen den „Animismus" gekampft; zumal der Satz von der 
Erhaltung der Energie muss fiir die Natur gewahrt bleiben. Nur ein 
Parallelismus besteht zwischen Physischem und Psychischem. Der 
Psycho vitalism us nennt falschlich Ursache, was Innenseite der Organismen 
ist. Letzthin geht der Parallelismus auch auf das Unbelebte: Teleologie 
muss „gleichsam infinitesimal begriindet werden". 

Kap. VII, „Der Zweck in der Biologie" kampft ganz wesentlich 

fegen den Vitalismus in jeder Form; mit ihm „geht alle Einheitlichkeit 
er Naturerklarung in die Briiche". Und es miisse jeder Vitalismus das 
Gesetz von der Energieerhaltung verletzen (S. 112). Immerhin wird dem 
Begriff der „Entelechie" zugebiliigt, dass er gegeniiber einer „zu grob 
mechanistischen Biologie" Gutes geleistet habe. Aber eine „dynamische 
Teleologie" sei, auf Grund der Lehre von der „Innenseite", eben mit dem 
Mechanismus vereinbar; Entelechien sind „das Innensein der organischen 
Systeme selbst". Eigentliche Zweckvorstellungen eignen, ebenfalls als 
Innenseite, erst dem hoheren Organismus. 

Das achte, dem „Zweck m der Psychologie" gewidmete Kapitel 
betont besonders, dass der Verfasser nicht etwa eine psychische Kausalitat 
leugnen und den „Epiphaenomenalismus" lehren woUe. Psychische Kau- 
saiitat setzt eine „primare psychische Organisation" voraus, welche freilich 
durch die Erlebnisse der Seele bestandig verandert wird. Der voUstan- 
dige psychische Vorgang ist stets ein Willensvorgang („ Voluntatismus") ; 
er dient zunachst der Lebenserhaltung, um spater weit tiber sie hinaus- 
zugehen. Das Denken ist zielstrebige Tatigkeit; bei den Assoziationen 
sind unterbewusste Strebungen beteiligt. Des Naheren wird auf Geftihl, 
Wertung, Trieb usw. eingegangen. Die Seele verdient den Namen der 
^ersten Entelechie", freilich nicht im Sinne einer vom Organismus getrenn- 
ten Substanz. Den Begriff „Seele" muss das Bewusstsein im Interesse der 
von ihm erstrebten Einheit setzen. Sie ist aber nichts Festes, sondem 
ein „Prinzip der Selbststeigerung" im finalen Sinne. 

Die nachten Kapitel behandeln den Zweck in den Kulturwissen- 
schaften, den Sozialwissenschaften, der Geschichte, Ethik, Aesthetik und 
Logik, Diese Kapitel ergeben sich inhaltlich aus dem Grundsatzlichen, 
was vorherging. 

Auch das Geistesleben ist , Innenseite" dessen, was als kOrperlich 
erscheint, also nicht eine „zweite Welt" im Sinne des Dualisraus. „Geist" 
bedeutet gegeniiber „Seele" eine besondere Tatigkeitsstufe, Von geistiger 
Kausalitat reden heisst nicht naturwissenschaftliche Methoden unerlaubt 
tibertragen. Der Geist ist „der Transformator des Idealen [d. h. der idealen 
Normen] in Reales"; sein Ergebnis ist Kultur, welche im Wege kultu- 
reller Finalitat ersteht. Die explikativ-teleologische Betrachtung deutet 
die Kultur sinnvoU: aber es gibt auch eine Lehre von den Kulturnormen. 
Soziale Kausalitat ist eine besondere Sphare der Gesetzlichkeit. Ideen 
jeder, nicht nur okonomischer, Art sind hier Inhalt des individuellen und 
des kollektiven Willens; das Ideologische ist nicht ein „blosser Reflex der 
Produktionsverhaltnisse". Normative Teleologie wird zumal in der Rechtt- 
wissenschaft wichtig. Es soU den „Postulaten der Rechtsvernunft* geniigt 
werden. Um rein Ethisches handelt es sich aber in der sozialen Teleologie 
nicht, also nicht um eine , Wertung und Normierung des Wirtschafts- 
lebens"; freilich kOnnen soziale Kausalzusammenhange nur voUstandig 
durchschaut werden, wenn man „von der Idee erstrebter Ziele zu den 
Ursachen ihrer Verwirklichung geht". — Historische Notwendigkeit hat 
nichts mit mechanischem Zwang zu tun, ist vielmehr mit der psycholo- 
gischen und ethischen Willensfreiheit vereinbar. WoUende Menschen 



166 Besprechungen (Eisler). 

maclien die Geschichte; Ideen als typische Willeiisziele wirken in ihr. 
„Fortschritt" ist selbst eine solche Idee. Viel deutlicher noch als in derNatiir 
ist Finalitat hier der KausalitSt Innenseite. — Ftir die Ethik besteht ein 
,Wille zur Pflicht"; Zwecke der Gemeinschaft sind hier das Ziel. Was 
ethisch gebilligt wird, unterliegt dem Inhalt nach einem Wechsel im 
Sinne einer Entwicklung. Das individuelle Handeln erhait im Sittlichen 
eine iiberindiyiduelle Richtung. Sinn des mensclilichen Lebens ist „das 
Leben selbst", freilich das hOchste Leben. — Aesthetisches Geniessen 
ist zwar „uninteressiert", aber nicht absolut willensfrei ; es wird aktiv auf 
eine Idee bezogen. Kilnstlerische Tatigkeit ist erst recht final; das Kunst- 
werk „spiegelt die Reaktion der Kiinstlerseele auf deren Erlebnisse". 
Aeussere Zwecke, z. B. in Bezug auf Religion, sind sekundar. 

Denken ist ein zielstrebiger Akt. Damit ergibt sich die Finalitat 
alles Logischen: logische „Notwendigkeit" ist eben kein Zwang, sondern' 
teleologische Notwendigkeit. Die logischen Normen fliessen aus dem 
„reinen Denkziel". „Der logische Wille ist eine Richtung des allgemeinen 
EinheitswiUens", ein „WiUe zum einheitlichen Begreifen". Der Pragmatis- 
mus hat Recht, falls er die Einheitlichkeit aller Erkenntnis nicht iibersieht. 
Das Denken, welches rein logisch ein zeitloser Zusammenhang ist, setzt 
sich bewusst als Tatigkeit und wird dadurch zur zielstrebigen Funktion, 
zu einem Teil des finalen Geschehens. 

Das letzte, funfzehnte Kapitel behandelt den „Zweck in der Meta- 
physik". Metaphysik freilich soil keine „Wissenschaft hOherer Art" be- 
deuten, sondern nur „den Versuch, auf Grund der erkenntnis-theoretischen 
Besinnung und der «spekulativen>, durch die philosophische Phantasie ver- 
mittelten Synthese des Erkenntnismaterials zu einer hOchsten Einheit des 
Denkens, wenngchon nicht exakter Erkenntnis, das Weltgeschehen in einen 
umfassenden Zusammenhang zu bringen". Das gesamte Weltgeschehen ist 
Ausfluss einer ihm immanenten Finalitat. Ein „Identisches" zeigt sich in 
ihm in zwei Auspragungen, einer ausseren und einer inneren. Das Welt- 
geschehen ist aber ein unendliches System teleologischer Aktionen und 
Reaktionen, nichts Abgeschlossenes. Synthese der „teleologischen Differen- 
tiale" gibt es erst von den Organismen an. Das alles ist „metaphysischer 
Voluntarismus"; nochmals wird aber scharf betont, dass der Wille niemals 
eine Ursache materieller Phaenomene sei. Die Welt muss betrachtet 
werden, „als ob sie nichts als ein Riesenmechanismus ware". 

Zwecke und Ziele sind nicht von aussen gesetzt; nicht werden die 
Dinge auf sie zugetrieben. AUe Zwecke entstehen erst im Prozess des 
Werdens, werden immer neu erzeugt. Der Weltzweck also ist nicht ausser- 
halb des Weltprozesses. In jedem Moment erfiillt sich der Sinn der Welt. 
„Dysteleologie" trifft nicht das All; was wir als Uebel empfinden, ist 
metaphysisch notwendig. Der „teleologische" Beweis fiir das Dasein Gottes 
hat fiir eine monistische Teleologie keine Kraft. Die Finalzusammenhange 
der Welt miissen erforscht werden, als ob es keinen Gott gabe. Dass „immer 
neue Zwecke und Ziele aus Wirkungen und Folgen von Zwecktatigkeiten 
hervorgehen", ist das wesentlichste Kennzeichen des Wirklichen; die 
Zweckmassigkeiten der Welt sind, wie es im Vorwort heisst, „nicht schon 
ursprilnglich vorgewusst und vorgewollt". — 

Der Aufbau des Eisler'schen Werkes ist von grosser Einheitlichkeit 
und Folgerichtigkeit. Die Kritik kann sich daher an den Kernpunkt des 
Ganzen halten: mit ihm steht und fallt das Ganze, bekommt es wenigstens 
ein ganz anderes Aussehen. Und die Grundlage des Ganzen: die Lehre, 
dass Teleologie die „Innenseite" des als Mechanismus Erscheinenden sei, 
muss nach des Ref erenten Ansicht fallen. Der Verf asser sagt einmal selbst : 
„Nur der allgemeine Satz, dass jedes Geschehen eine Ursache in bestimmten 
anderen Vorgangen haben muss, ist apriorisch und allgemeingiiltig" (S. 155). 
Also ist die Lehre vom AU-Mechanismus nicht apriori. Damit aber fallt 
die Lehre von der „Innenseite" ; dynamische Teleologie im echten Sinne, 
nicht in dem Scheinsinn, den Eisler ihr auf Seite 115 gibt, wird mQglich. 
— Ins Einzelne mit der Kritik zu gehen — (welche Kritik iibrigens bei- 



Besprechungen (Riezler). 167 

nahe alle Neukantianer treffen wurde) — kann sich der Referent um so 
mebr ersparen, als er seinen Standpunkt in diesen Fragen sehr oft dar- 
gelegt hat (s. zumal Ordnungslehre S. 173 ff.). Nur das eine mag noch ge- 
sagt sein (zu Seite 112 des Eisler'schen Buches), dass ein Vitalismus, 
welcher die Satze der Energetik nicht verletzt, sehr wohl mOglich ist 
(s. Philosophie des Organischen II. S. 166 ff.). 

Mit allem iiber Kulturwissenschaft und Verwandtes Gesagten stimmt 
der Referent weitgehend iiberein, nur freilich auf ganz anderem Boden: 
das „uberpersonliche" Finale wird ihm zu einem Wirklicbkeitsfaktor, dessen 
Wirken in das Individual-Seelische ebenso eingreift, wie das vitale Natur- 
korrelat des Seelischen, (also nicht das Seelische als Seelisches), und wie 
das Vitale iiberhaupt in die Materie eingreift, 

Besonders gut sind die Abschnitte iiber den Zweck in der Psycho- 
logie und in der Logik gelungen. 

Ueber Metaphysik denkt Referent ganz anders als der Verfasser, wie 
seine Wirklichkeitslehre zeigt. 

Heidelberg. Hans Driesch. 

Riezler, Kurt, Die Erf orderlichkeit des Unmoglichen. (Georg 
Miiller Verlag Munchen 1913, 262 S.) 

In diesem Buch, bei dem Kant und Heraklit Pate gestanden, 
unternimmt Riezler den dankenswerten Versuch, das Gebiet mensch- 
lichen Lebens, das mit dem Begriff Politik umfasst wird, jenes 
Ineinander und Nebeneinander aller moglichen Zweckeinheiten einer 
eingehenden philosophischen, an der transzendentalen Method e ge- 
schulten Untersuchung zu unterwerfen. Eine erkenntniskritische Behand- 
lung verlangt zunachst, dass die Voraussetzungen der Moglichkeit der 
Politik iiberhapt und ihre RoUe in der Gesamtheit der Menschheitsfragen 
festgelegt werden. Dieser Aufgabe soil die vorliegende Untersuchung 
dienen, der darum audi der Untertitel: Prolegomena zu einer Theorie der 
Politik und zu andern Theorien gegeben ist. Die philosophische Einstel- 
lung ist immer auf das Ganze der Welt gerichtet, so fuhrt jede Frage- 
stellung, jedes Einzelproblem immer mehr oder weniger zu einer Allheit 
der Fragen iiberhaupt. So in einen umfassenden Zusammenhang geriickt 
lasst das Einzelne erst seine Bedeutsamkeit erkennen. Und Versuch reiht sich 
an Versuch, das Uniibersehbare zur Einheit zu zwingen. Die mangelnde 
Kommensurabilitat von L5sung uud Aufgabe gibt immer aufs neue Span- 
nung und Pathos zu neuen Losungsversuchen. Immer aufs neue beunruhigt 
und aufgeregt ruhen die Fragen und Antworten nicht, bis sie in dem 
Ganzen einer abgeschlossenen Weltanschauung ihren Ort gefunden haben. 

Ein Ganzes einer Weltanschauung gibt Riezler in kurzen, aber 
scharf umrissenen Strichen, viele wichtige Fragen finden darin ihre zu- 
sammenhangende Behandlung: das Verhaltnis von Einzelnem und Volk, 
Volk und Staat, Mann und Frau, der Sinn der Kunst, das Wesen des 
Rechts, das BOse und das Bessere und andere Probleme werden in stets 
interessanter und meist auch einleuchtender Weise bearbeitet. 

Der Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass wir bei allem Lebendigen 
auf unbegreifliche Einheiten stossen. So ist auch der Mensch eine leben- 
dige Synthesis eines sich Entfaltenden. Nur als die Einheit eines Pro- 
zesses, als die Synthesis eines Geschehens, das sich entfalten will, ist er 
zu verstehen: eine Synthesis nach Zweckeu. Der Verstand, angewiesen 
auf die Kategorien seines Denkens, kann die Welt nur nach Ursache und 
Wirkung verstehen. Auf eine andere Weise das Mannigfaltige zur Ein- 
heit zu bringen, ist ihm nicht gegeben. Darum wird durch die alles an- 
dere ausschliessende Anwendung des Kausalprinzips die Welt gefalscht. 
Ihr wahres Wesen, das Streben nach einem letzten Ziel, das Ethos, das 
seine eigene Gesetzlichkeit entfalten will und durch die ganze Welt gehend 
Einem und demselben letzten Ziele zustrebt, wird in den Maschen seines 
Netzes nicht gefangen. Der verstandesmassige Betrachter fasst nur den 
Schein, nicht das Wesen, das auf die Ebene des Verstandes Prqjizierte, 



168 Besprechungen (Riezler). 

nicht den Reichtum des Wirklichen. Er erkennt zwar zweifellos Richtiges 
— es ist nicht so, als ob der Schein ein Gegensatz zur Walirheit ware — 
aber er erkennt nur ein Bruchstiick, und der Fehler beginnt, wenn er das 
Fragment fiir das Ganze nimmt. Er sieht die Oberflache, aber nicht die 
Tiefe, von der die Oberflache eben Oberflache ist. 

Jene andere Art der Gesetzlichkeit, die uns in dem Erlebnis des 
Sollens deutlich wird, weist auf tiefere Zusammenhange hin, die den Kate- 

forien des reinen theoretischen Verstandes unzuganglich bleiben. Wenn 
iese also dem Wesen der Welt nicht gerecht werden konnen, so mussen 
wir uns anderer Synthesen bedienen: die nur der praktischen Vernunft 
zuganglichen Einheiten des Zwecks. 

Die Welt ist ein grosser Zusammenhang von Entelechieen, jede mit 
einem unendlichen inneren Pathos behaftet, das sich nach seiner Gesetz- 
lichkeit zu entfalten strebt, alle einem im Unendlichen liegenden Ziele 
zustrebend. Ein Drang nach einer h5chsten Ganzheit geht durch die 
Welt, nach einem hOchsten Gut, das Quell und Ziel des Strebens ist. 
Aber im Endlichen immer stecken bleibend kOnnen wir uns wohl in 
immer hoheren Stufen der ErfuUung ihm nahern. Es ganz je zu erreichen, 
bleibt uns versagt. Es bleibt ein UnmOgliches. Aber eben darum kann 
es dem Streben immer Richtung verleihen, der Zeit ihren Sinn geben. 
Von der Idee des hOchsten Gutes fassen wir nichts, als eben ihre Einheit. 
Wir erleben es, indem wir es erstreben und erstreben es, indem wir es 
erleben. Aber wir haben in ihm einen Masstab zu werten, denn, wenn 
auch das letzte Erforderliche unm5glich ist, so kennt die Welt doch ein 
immer h5heres Gelingen. Je naher dem Ziel, der umfassenden Einheit, 
desto hOher die erreichte Stufe. Was fruher das Gelingen war, kann nun 
von ihr ilberwunden das Schlechte geworden sein, und so fort, bis ein 
immer weiteres Mannigfaltiges zu einer immer engeren Einheit ver- 
bunden ist. 

Der Mensch als eine Einheit nach Zwecken, als eine sich entfaltende, 
aber nie zu Ende entfaltete Form ist als ein Ansatz zum hOchsten Gut 
schon eine unendliche Aufgabe. Nur ist das Ich des Einzelindividuums 
nicht der einzige Weg zum letzten Ziele. Ein Jeder bedarf des Andern, 
um sich selbst entfalten zu konnen, denn nicht nur in der Form, die er 
ist, entfaltet sich der Mensch, auch in der Form, der er angehort: der 
iiberindividuellen Form der Familie, der Gemeinschaft, des Volkes. Jedes 
dieser Individuen im Grossen hat sein besonderes Gesetz, ist von seinem 
besonderen Ethos durchdrungen, Dabei gerat jedes — als endlich und 
begrenzt — mit dem Entfaltungswillen einer unendlichen Umwelt in 
Kampf und Widerstreit. Ebenso kann die iibergeordnete Einheit mit der 
Entwicklungstendenz eines ihrer Glieder in tragischen Konflikt geraten. 
Eine letzte Synthese des Unendlichen, die hOchste Ganzheit, ist wohl 
der Zweck all des komplexen Geschehens, als endlicher Kristallisations- 
punkt der AUheit, als Ansatz bleibt der Einzelne immer mit dem Fluch 
der Endlichkeit behaftet: nur Begrenztes wollen zu kOnnen und dabei in 
Widerstreit zu geraten mit Anderem, ebenso Begrenztem und Endlichem. 
Durch Gemeinschaft, auch wenn sie die Aufgaben und Erlaubtheiten 
des einzelnen einschrankt, kann der einzelne iiber die Begrenztheit seines 
Ichs hinauskommen und einen Ansatz h5herer Ordnung zu bilden suchen. 
Die -Familie dehnt sich aus zum Familienverband, dieser zum Stamm und 
dieser zum Volk. 

AUein seinem Pathos folgend findet der Mensch m mitten einer 
feindlichen Umwelt nur tastend seinen Weg. In festen Formen, die dem 
Werden entzogen sind und darum sicher scheinen, sucht er sich Abbilder 
des Unendlichen aufzurichten, die ihm Vorbild und gesicherte Erfullung 
sind In einer Welt ruhender, dem ewigen Wechsel entriickter Formen, 
in dem Reich unveranderlicher Begriffe, m festen Organisation en, in voU- 
endeten Kunstwerken, in sittlichen Ideen hat die ewige Entfaltung des 
Ethos sich ihre unentbehrlichen, sicheren Wegweiser zu Gott geschaffen. 
So tritt neben die Lebensform die Form des Geschaffenen. Von der 



Besprechungen (Roretz). 169 

hOchsten Form aus gesehen ist das Eine irgendwie Ansatz, das Andere 
irgendwie Abbild, ein heroischer Versuch der TeilerfiiUung und ein Ver- 
such des Geistes, das unendliche Ethos der Welt, das durch uns hindurch- 
geht, als fertige Form zu isolieren und so verendlicht dem unendlichen 
Wechsel zu entreissen. 

So ist von Riezler ein Ganzei der Welt geschaut und in einer 
Sprache geschildert, der man die Ergriffenheit von dem Glanz der Bilder, 
der Eidia, anmerkt. 

Wickersdorf. Bernh. Hell. 

Roretz, Karl v. Bedingt der Weitkrieg eine Umgestaltung 
iinserer Weltanschauung? Graz und Leipzig, Verl. von Leuschner & 
Lubensky, Universitats-Buchhandlung. 1916, S. 60. 

Karl V. Roretz meint, dass diese Epoche, trotz ihrer Neuartigkeit, 
trotz aller inneren und Susseren Erschutterungen keine grundlegende Um- 
gestaltung unserer Weltanschauung bringen wird, ja tiberhaupt bringen 
kann. Das WertvoUe an der Abhandlung aber ist nicht so sehr diese von 
der landlaufigen Auffassung grundverschiedene These, sondern ihre metho- 
disch-wissenschaftliche Begrundung. Da haben Journalisten und Politiker, 
Philosophen und Historiker, Berufene und Unberufene in Reden und Bro- 
schiiren ihre Meinung uber den Krieg im allgemeinen und den Weitkrieg 
im besonderen ausgesprochen ; und jetzt — nach bald drei Jahren ist es 
viel ruhiger geworden, und vor dem Forscher liegt neben dem Tatsachen- 
material, das die Geschehnisse gaben, das Material der Meinungen und 
Meinungsbildungen, selbst psychisches und historisches Phanomen wie die 
Ereignisse ! 

In ruhiger, sachlicher, kritisch wissenschaftlicher Arbeit untersucht 
Roretz dies Material, — und siehe da : Ihm ergibt sich, dass fast alles, was 
hier gesagt, geschrieben und, wie die Verfasser meinten, bewiesen wurde, 
so wie es impressionistisch entstanden, auch kritisch gewertet Impressio- 
nismus ist. Freilich handelt es sich um hSchst bemerkenswerten Impressio- 
nismus, um Eindriicke, wohl geeignet, rein psychisch das Seelenleben des 
Einzelnen der Gruppe zu revolutionieren. Aber der Philosoph geht 
tiefer, er fragt seit Kant nicht nach dem Tatbestand, sondern nach den 
<iiesen bestimmenden Formen und Normen, er ist Erkenntnistheoretiker 
und Kritizist. So nur ist tiberhaupt Objektivitat und Erkenntnis gegen- 
tiber den seelischen Erschutterungen und gegenuber dem blossen Meinen 
mOglich. 

Die Einzelwissenschaft als Vorstufe zur Weltanschauung sucht fiir 
sich ebenfalls absolutgiiltige Formen und Normen zu erarbeiten. Aus 
ihnen wird dann oft vom Philosophen der Bel eg fiir diese oder jene Welt- 
anschauung gesucht. — Die Einzelwissenschaft aber versucht mit jener 
Erforschung ihrer Prinzipien die Quadratur des Zirkels. Um die Prinzipien 
der Geschichtswissenschaft etwa tobt, je klarer durch grosse Forscher die 
mOglichen Prinzipien herausgearbeitet werden, umso heftiger der Kampf. 
Hie die AnhSnger einer Geschichtsdeutun^ mit bestimmender, entscheiden* 
der Personlichkeit wie etwa Carlyle — hie die Gegner jedes Personlichen 
in der Geschichte! Diesen Streit, der vor dem Kriege tobte, untersucht 
unser Autor methodisch. Kann der Weitkrieg diese Streitfrage oder die 
Gegenstellung „idealistische und naturalistische Geschichtsauffassung" oder 
das Stilproblem in der Kunst oder andere Prinzipienfragen endgviltig 
entscheiden? 

Das „Nein*, das der Verfasser hierauf antwortet, wird nicht kate- 
gon'sch hingestellt, vielmehr wird zunSchst immer auf den gewaltigen 
psychischen tatsachlichen Effekt der jiin^sten Ereignisse deskriptiv ein- 
gegan^en. Es werden die Argumente, die stets beide Parteien aus den 
Ereignissen ftir ihre Position formulieren, dargelegt und gepriift. — Dialek- 
tische Methode nennt's die Philosophie, verwandt der Sokratischen Ironie, 
und der Erkenntnistheorie aus inneren Griinden stets notwendig verbunden ! 
Aber Sophroniskos' Sohn und der Konigsberger Philosoph beide haben in 

/ 



170 Besprechungen (Roretz). 

ihrer scharfen Sprache, jeder zunachst seiner Zeit gelehrt, dass mit der 
dialektischen Kritik allein es noch nicht getan ist. So weist Roretz zwar 
an der Hand des Weltkrieges fiir alle einzelnen Falle die Unmoglichkeit 
einer materialen Entscheidung fiir Prinzipienfragen nach. Aber dieser 
Nachweis erfolgt; — und deshalb ist diese Arbeit iiber diese Zeit liinaus 
von Wert, — niclit allein dialektisch, sondem auch aus den Begriffen selbst. 
Er steht selbst nicht in jener eben skizzierten dialektischen Rede und 
"Oegenrede. 

Eine scharfsinnige Darlegung greife ich als Beispiel heraus, sie wird 
den Aesthetiker, Kunsttheoretiker una Philosophen zur Nacbprtifung reizen: 
„Der Weltkrie^", so sagt man, „hat in der Kunst alle Dekadenz beseitigt, 
aufgeraumt mit dem Stil des Alltaglichen, Gleichgiiltigen, Krankhaften, 
er wird uns also einen neuen Klassizismus bringen, endUch in dem Durch- 
einander der Formen vereinheitlichend und gestaltend im wahren Sinne 
des Wortes wirken!" Roretz priift diese Behauptung auf die Saume nach, 
um ein Ibsensches Bild aus Peer Gynt fiir scharfste kritische Nachpriifung 
anzuwenden. 

Es heisst Seite 39 ff. „Ist diese Richtungsanderung in der Kunst- 
anschauung wahrscheinlich ? Ist sie iiberhaupt mbglich? 

Die nachste Folge wSre natiirlich eine Einschrankung des Kreises 
der darstellbaren Objekte und der darstellenden Formen. Bald wiirde eine 
ermiidende Stereotypie einsetzen, die sich rasch zum rein handwerks- 
massigem Betriebe steigern miisste. Denn auch der Klassizismus kann zum 
Handwerk entarten una ist bereits mehrfach dazu entartet. 

Aber mit diesem praktischen Bedenken haben wir noch nicht den 
bosen Denkfehler beriihrt, welchen jene Prophezeiung einschliesst. Sie 
stellt namlich auch einen mit wenig Geschick unternommenen Versuch 
dar, den Primat einer einzelnen Stilart zu begriinden. 

Dieser Versuch ist deshalb so aussichtslos, weil er vollkommen die 
Tatsache iibersieht, dass jeder Stil in dem Moment einer Ssthetischen 
Auswahl wurzelt. Die Meinung, als handle es sich bei der kiinstlerischen 
Tatigkeit um eine restlose Wiedergabe des naturhaften Vorwurfs, ist wohl 
langst abgetan, Infolgedessen gewinnen die historisch gewordenen Stil- 
arten durchaus den Charakter willkiirlich bewusster Ausleseakte aus dem 
Gebiete des personlich Erfahrenen. Auch der Klassizismus bedeutet nichts 
anderes als einen solchen Akt der Auswahl nicht den Stil schlechthin.— " 

Besonders interessant war es dem Rezensenten, dass im Folgenden 
dann gerade jene angefochtene „Dekadenz" als Stil im eigentlichen Sinne 
nachgewiesen wird. Sie kommt zu Stande durch Zuriickdrangung der 
emotionellen Elemente zu Gunsten des reinen Formproblems. Der Rezen- 
sent ist namlich selbst der Meinung, dass jener Prozess der standigen 
Stilisierung sich immer wieder in der Romantik voUzieht. Fiir das I'art 
pour Fart (in diesem Sinne verstanden) galten ihm Thomas Mann, Ibsen, 
E. Th. A. Hoffmann und andere als Kronzeugen. 

Ich selbst habe in meiner Nachpriifung von Kants Erkenntnistheorie 
der Mathematik fiir diese, wie man gememhin annimmt, am starksten 
apodiktische Wissenschaft, dasselbe zu beweisen versucht wie Roretz fiir 
die Geisteswissenschaften, namlich, dass es allgemeinste Bestimmungen des 
Raumes geben muss, wir sie aber nicht als beweisbar wahre kennen und 
angeben k5nnen. Es ist mir sehr wertvoll, dass bei Roretz der gleicher 
erkenntnistheoretischen Position die gleiche Deutung und ¥7ertung der 
Kunst entspricht, zu der ich selbst komme. Ich sehe darin einen Beleg 
fiir den innerlichen Zusammenhang zwischen Erkenntnistheorie und Stellung 
zur Kunst, ja auch zwischen Erkenntnistheorie und Metaphysik. 

Nach dieser halbpersOnlichen Notiz, die man meinem Interesse fiir 
dies Buch zu gute halten mag, nach dieser kleinen Probe aus Roretz' 
Arbeit die Aufforderung, seine feinsinnigen klaren Gedankengange weiter 
zu verfolgen! Man wird in dem kleinen Werke tataachlich eine Kritik 
jener anfangs skizzierten Fiille finden. Diese kritische Priifung der Materie, 



Besprechungen (Dietrich). 171 

die die Zeit uns brachte, setzt sich mit den verschiedenen Weltanschauungen 
und ihren Konsequenzen fur die Kulturphilosophie auseinander. Da wird 
der Technizismus und seine Abart : die biologistische Hypothese, aber auch 
der Illusionismus eines Rousseau und Schopenhauer, als Seiten einer roman- 
tischen Weltanschauung, die Abbildtheorie der Kultur, das Humanitats- 
problem und der Versuch seiner LOsung durch den Primat des starken 
Willens gegeniiber dem Intellekt dargelegt; es werden besonders immer 
die Konsequenzen dieser verschiedenen Theorien fiir die Kulturphilosophie 
untersucht. Keine Lehrmeinung aber halt restlos die Belastungsprobe aus. 
Unser Autor bekennt sich zum Schluss selbst zum Kritizismus. Die Maske 
fallt. Was wir langst formal aus seiner Methode bemerkten, bekennt er 
nun auch material. Hat er Recht? Einerlei. — Wer diese Frage stellt, das 
heisst, nach einer JVIetaphysik forscht, ist der nicht verpflichtet diese 
Prolegomena einer jeden kiinftigen Metaphysik des Krieges, die als 
Wissenschaft wird auftreten konnen, zu lesen? 

Charlottenburg. Victor Henrjy. 

Dietrich, Albert Johannes, Kants Begriff des Ganzen in seiner 
Raumlehre und sein Verhaltnis zu Leibniz. Verlag von Hans 
Niemeyer, Halle, 1916, 

Die 50. von Benno Erdmann herausgegebene Abhandlung zur Philo- 
sophie und ihrer Geschichte hat gerade jetzt erhohtes Interesse, denn das 
Jahr 1916 liess uns den 250. Geburtstag und den 200. Todestag Leibniz 
als Gedenktage feiem. 

Das« Dietrich seine Untersuchungen tiber Kants Philosophie in Be- 
ziehung zu Leibniz setzt, hat nicht nur einen historischen Grund ; es scheint 
vielmehr auch aus der philosophischen Arbeitsmethode des Verfassers 
selbst begrtindet, Der Verfasser ist sicher an Leibniz Denken in seiner 
eigenen philosophischen Begriffsbildung und Art, ein philosophisches System 
anzusehen, orientiert. Aber noch starker macht sich in dieser Arbeit 
modeme phanomenologische Betrachtungsweise geltend. Schon der der 
Arbeit vorangeschickte historische Abschnitt, der durch die deutsche vor- 
kritische Philosophie die Vorbedingungen des Kritizismus bis auf Leibniz 
zuriick untersucht, sieht jene Zeit und den sie abschliessenden Begriinder 
des Kritizismus als ein einheitliches Ganzes an, Es ist interessant, wie 
der Verfasser trotz des reichen kritischen Materials, das er iiber jene 
Zeit anfiihrt, synthetische Arbeit leistet. Man merkt unwillkftrlich, dass 
jener Grundgegensatz, den Dietrich fiir philosophische Forschung uber- 
haupt und fiir Kant insbesondere aufstellen mOchte, der Gegensatz zwischen 
rhapsodischem und architektonischem Denken, auch in seiner eigenen 
Arbeit wirksam ist, Aus einer Menge von eiuzelnen aper^us und Be- 
merkungen, die der Verfasser aus der Literatur der vorkritischen Zeit, 
aus Lambert, Wolff, Krusius u, a„ aus gelegentlichen Bemerkungen Kants 
iiber diese Zeit zusammengelesen hat, aus solchen Notizen weiss er doch 
ein einheitliches Bild des Entmcklungsganges, der zur kritischen Philoso- 
phie fiihren musste, zu entwerfen, 

Ganz ahnlich mSchte ich auch die Untersuchung der Kant'schen 
Philosophie selbst, welche die Abschnitte 1 — 5 geben, beurteilen. Auch 
dieses Kernstiick der Arbeit lauft im Wesentlichen hinaus auf eine be- 
griffs-analytische Untersuchung des Kant'schen Kritizismus und umgekehrt 
den Versuch, aus dem so gewonnenen Material von Einzelbegriffen wieder 
die ganze Kant'sche Philosophie synthetisch ihrer Wesenheit nach zu er- 
schauen. Ob dies Zweite bei einem so komplizierten Denker wie Kant 
immer gelingen wird, lasse ich dahin gestellt sein, dankenswert ist jeden- 
falls der Versuch, so schwierige Begriff e wie: quantum und quantitas, 
totum und totalitas zii durchleuchten und sich an dem schwierigen Prob- 
lem zu versuchen, in welcher Beziehung die Form der Anschauung und 
die formale Anschauung standen. Aus der L5sung dieser P*robleme er- 
geben sich naturgemftss Konse(][uenzen fiir die Mathematik. 



172 Besprechungen (Mohr — Deutschbein — Hiuneberg). 

So glaubt Dietrich z. B.. dass der Begriff des Granzen bei K^t 
«inen doppelten Sinn habe : totalitas und multitudo stehen ihm im Gegen- 
satz ebenso wie totum und compositum. Er sammelt genau die Stellen 
bei Kant, die jene Scheidung belegen und versucht audi nicht bios syste- 
matisch sondern geuetisch in der Kant'schen Philosophic solche und ahnliche 
Scheidungen zu verfolgen. Dabei wandelt er vielfach in den Spuren 
seiner Lehrer Benno Erdmann und Alois Riehl. 

Will man ein Grundproblera herausgreifen, auf das jede Kant-Inter- 
pretation, auch die von Dietrich, eine starke Anwendung findet, das sie 
selbst in seiner LOsung beeinflusst, so ist es das philosophisch-mathematische 
Contin uum-Problem . 

Es war dem Rezensenten interessant zu sehen, wie jenes Problem, 
das er selbst im wesentlichen mathematisch und systematisch mit den 
durch die moderne Mathematik sich ergebenden Theorien und Hilfsmitteln 
untersuchte, hier in dieser philosophisch-geschichtlichen Abhandiung durch 
ahnliche Prinzipien bearbeitet wird. 

In dem Sinne ist jede solche systematisch-geschichtliche Studie fiir 
den Philosophen von Interesse und bietet Anregung, als sie eben die 
Zusammenhange zwischen einer historischen, phanomenologischen und 
systematischen Betrachtungsweise illustriert. 

Charlottenburg. Dr. Victor Henry. 

Mohr, Walter, Die Idee, das erwachsene Volk zu erziehen, 
in den Elementarkulturen des Altertums. In. -Diss. Jena. Weida 
i.'Thvir. 1916. 171 S. 

Ein interessantes Thema, aber die Behandlung ist unzureichend. 
Drei Bedingungen fiir die MOglichkeit der Idee der Volkserziehung miissen 
nach dem Verfasser vorausgesetzt werden: Volksbewusstsein, Erziehungs- 
idee und Wertschatzung der Volkserziehung. Es wird geprtift, wie weit 
diese bei den Naturvolkern, den Chinesen, den Indern, den Aegyptern, 
den Babyloniern, den Assyrern, den Persern, den Griechen, den ROmern, 
den Karthagern, den Israeliten und den Germanen erfiillt sind, Bezeicli- 
nend ist, dass unter der angezogenen, grOsstenteils sekundaren Literatur 
auch Meyers Konversationslexikon benutzt wird. 

Halle-Saale. Max Frischeisen-Kohler. 

Deutechbein, Max, System der neuenglischen Syntax. Verlag 
von Otto Schulze, COthen 1917. 315 S. 

Wendet sich das Werk in erster Linie an die Sprachforscher, so ist 
es wegen seiner grundsatzlich systematischen Haltung, die gegen die ein- 
seitig historische Betrachtung gerichtet ist, auch fiir Sprachphilosophen 
von besonderem Interesse. Der Gegensatz der psychologischen Auffassung 
(Wundt) und der phanomenologischen (Husserl^ bleibt zwar im Hinter- 
grunde, aber fiir seine AuflOsung bietet die kritische Darstellung reiches 
Material. 

Halle-Saale. Max Frischeisen-KOhler. 

Allgemeine Geschichte der Philosophie, Sammlung: Die Kultur 
der Gegenwart, herausgegeben von Paul Hinneberg, Teil I, Abt. V. 
2. vermehrte und verbesserte Auflage, Teubner, Berlin und Leipzig 1913. 
620 Seiten. 

Die verdienstvolle Geschichte der Philosophie weist in der 2. Auflage 
eine Reihe wertvoller Erweiterungen und Verbesserungen auf. Vor allem 
ist sie durch die Einfiigung eines eigenen Abschnittes iiber die patristische 
Philosophie von Clemens Baumker vervollstandigt worden. Wesentlich 
bereichert wurde auch die Darstellung der indischen Philosophie durch 
Hermann Oldenberg. Aber auch sonst wurde der Text durchgesehen, ver- 
bessert und erganzt, so dass das Werk als die beste und umfassendste 
Gesamtdarstellung der Entwicklung der Philosophie vom Standpunkt der 
gegenwartigen Forschung aus bezeichnet werden kann. 

Halle-Saale. Max Frischeisen-Kohler. 



fiesprechungen (Apelt). 173 

Platon, Der Staat. 4. A. Neu iibersetzt und erlautert sowie mit grie- 
chisch-deutschem und deutsch-griechischem Worterverzeichnis versehen von 
Otto Apelt. (PhUos. Bibliothek Bd. 80. F. Meiner, Leipzig 1916, XXXII 
und 568 S. 7,50 M. geb. 8,50 M.). 

Bei der Anzeige dieser neusten, im Verlage der Philosophischen 
Bibliothek erschienenen Platon-Uebersetzung kann ich auf meinen Artikel 
in den Kantstudien von 1915 S. 422 — 432 „Eine neue Platon-Uebersetzung" 
verweisen. Auch diesmal gilt von dem Hauptwerke, der Uebersetzung, 
dass sie alien wissenschaftUchen Ansprttcben geniigt, aber auch hier muss 
von Einleitung und Anmerkungen dasselbe gesagt werden wie dort: sie 
fassen das Problem nicht von der philosophischen Seite, ihnen fehlt die 
eigentlich philosophische Einstellung und Wiirdigung, aber dafiir sind sie 
voll philologischer Gelehrsamkeit. Ein philosophisches Verstandnis des 
bedeutendsten Werkes des grossten Philosophen der Antike wird durch 
die Einleitung und Anmerkungen nicht erzielt, Gleichwohl soU die ge- 
waltige philologische und literarhistorische Arbeitsleistung, welche gerade 
in den 113 Seiten fuUendeu Anmerkungen steckt, nicht verkannt werden. 
Vom philologischen Standpunkt aus stellt die Einleitung eine ganz be- 
deutende Leistung dar. 

Nach Darlegung der Griinde, die Platon bestimmen konnten, in 
einem Staatsroman seine philosophische Lehre zusammenzufassen (S. Ill — V), 
wird die alte Streitfrage uber das eigentliche Thema der Politeia aufge- 
rollt (S. V — VIII). Wer sich klar macht, in welchem Verhaltnis Staat und 
Gerechtigkeit zueinander stehen, wird bald erkennen, dass es nur ver- 
schiedene Gesichtspunkte sind, unter denen die gleiche Sache behandelt 
wird, wenn Platon als Thema des Werkes zunachst nicht den Staat be- 
zeichnet, sondem die Gerechtigkeit. Wenn namlich die menschliche 
Gesellschaft nicht die der Idee der Gerechtigkeit (welche eine allseitige 
Auswirkung der Tugend fordert) entsprechende Form hat, kann die Ge- 
rechtigkeit nicht zu voUer Entfaltung kommen. „Der beste Staat i«t die 
verwirklichte Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit kann sich nur in der 
Form des Staates als eigentliche Lebensmacht verwirklichen. Beide Be- 
griffe stellen sich im platonischen Sinne geradezu als Wechselbegriffe dar. 
Nur in, durch und mit dem Staate kann die Gerechtigkeit d. i. die Tugend 
zum herrschenden Prinzip der menschlichen GeseUschaft werden" (S. VII). 
Apelts Ansicht Tiber die Methode der Darstellung trifft das Zentrum: 
weder Analyse noch eigentliche Entwicklung, sondem „ein Mittleres 
zwischen dem begriffsmassigen AuflOsen des Ideals in seine einzelnen 
Merkmale und einer natiirlichen Entwicklungsgeschichte" (S. XI, dazu 
S. XII und XIII Fragen der philologischen Kritik). S. XIII und XIV wird die 
viel umstrittene Frage nach einer verloren gegangenen friiheren Ausgabe 
des Staates behandelt. 

Die Beleuchtung des platonischen Staates vom Standpunkte der 
heutigen sozialen Anschauungen aus wird von der Hand gewiesen 
(S. XV— XVII). 

Den Beschluss bildet eine ktinstlerische Wiirdigung des Werkes 
^. XVII^-XIX). Diese kiinstlerische Betrachtung steht ebenialls im Dienste 
der Philologie, indem sie der Gewinnung philologischer Kriterien nutzbar 
gemacht wird (s. bes. S. XIX). Vorzliglich ist die von S. XX— XXIII folgende 
Gliederung des Gespraches, sowie die 9 Seiten umfassende Uebersicht 
fiber die Literatur. 

Abgesehen von manchen, Platon gegeniiber entbehrlichen, an sich 
das Verstandnis nicht fordernden Lobpreisungen vermisst man eine An- 
deutung iiber die Stellung des Werkes in der Entwicklung des Staatsro- 
mans. Femer ist wohl die Behauptung nicht zutreffend, dass Platons 
Politeia auf die politischen Ansichten fuhrender Geister nur geringen 
Einfluss geiibt habe. A.uch heute noch ist Platons Staat das Goldene 
Buch der Staatskunst (um von der ewigen Bedeutung fur die Philosophie 
zu schweigen) — nicht als ob der Staatsmann zu dem Werke griffe, um 



174 Besprechungen (Simmel). 

sich fiir einzelne FSUe dort Rat zu holeu. Aber der Geist, den das 
Werk atmet, wird auf ihn wirken und ihn bilden (s. dazu meinen Aufsatz 
„Platon und die Frauenbewegung" in der Zeitschrift „Sokrates" 1915 
S. 432 ff). 

z. Zt. ira Felde. Dr. Willi Schiuk. (t)i) 

Simmel, Georg, Rembrandt. Ein kunstphilosophischer Ver- 
such. Leipzig 1916, Kurt Wolff Verlag. VIII u. 205 S. geb. Mk. 4,50. 

Es versteht sich, dass ein Kiinstler zunachst unter kiinstlerischem 
Gesichtspunkt zu betrachen ist. Auch der grosste Ktinstler ist hiervon 
nicht ausgenommen. Er hat ein Recht auf diesen Gesichtspunkt, wenn- 
gleich er weder der einzig mOgliche, noch der volUg erschopfende ist. 
Fiir die Wertung eines Kunstlers zweiten oder dritten Ranges mag er 
allenfalls ausreichen ; das Genie eines Goethe, Beethoven oder Michelagniolo 
dagegen wird er niemals ganz zu umfassen vermogen. 

Wo die kiinstlerische Betrachtung aufhort, setzt die philosophische 
ein. Der Ausgangspunkt ist bei beiden der gleiche: sie konzentrieren ihr 
Interesse im Gegensatz zum „historischen" Verfahren allein auf das wirk- 
lich Wertvolle und Bleibende; die kiinstlerische Betrachtung aber stellt 
dabei den formal-Ssthetischen, die philosophische den substantielien Ge- 
sichtspunkt voran. Jene sieht auf die LOsung von Form- und Farben- 
problemen, diese sucht den weltanschaulichen Gehalt des Kunstwerks zu 
ergr linden. 

Rembrandt gehOrt zu den grossen Meistern, die eine solche Betrach- 
tung herausfordern. Und es ist schOn, dass ein Forscher wie Simmel nach 
seinen Bemiihungen um Goethe und Michelagniolo sich nun auch dieser 
Erscheinung bemSchtigt hat und mit weltanschaulichen Fragen an Rem- 
brandts Kunst herangetreten ist. 

Wenn man versucht, die entscheidenden Kategorien, die die drei 
Kapitel seines Rembrandtbuches beherrschen, aus den Umklammerungen 
herauszuheben, in die sie bei Simmel eingeschlossen sind, so stSsst man 
auf drei Hauptgesichtspunkte. Der erste ist der Gesichtspunkt des Lebens. 
Der zweite ergibt sich aus dem Konflikt der SchOnheits- und Ausdrucks- 
werte. Der dritte Gesichtspunkt ist der religiose. Diese drei Gesichts- 
punkte sind gleichsam die Schliissel zur Ersch^iessung des Wesens der 
Rembrandtschen Kunst. Und es entstehen drei Hauptabschnitte, deren 
Gehalt wir durch folgende Ueberschriften ausdeuten: 1. Das Verhaltnis 
der Rembrandtschen Kunst zum Leben. 2. Die Erleuchtung der Rem- 
brandtschen Kunst durch den Konflikt der Schonheits- und Ausdruckswerte. 
3. Die Stellung der Rembrandtschen Kunst zur Religion. 

1. Was das Verhaltnis zum Leben betrifft, so ist es bei Rembrandt 
ein grundsStzlich anderes, als bei den Meistern der Renaissance. Rem- 
brandt sucht das Leben da auf, wo es im Strom des Werdens dahinfliesst. 
Das fiihrt ihn zu einer neuen Erfassung des Lebens, die in der Renaissance- 
kunst nicht anzutreffen ist; denn diese kampft gegen das Fliessende an 

1) Tief unter der Erde, in dem Erdloch eines Schiitzengrabens, in 
halbem Dunkel, dicht vor dem Feinde ist die obige Besprechung geschrieben 
worden. Ihre Zusendung an die Schriftleitung begleitete ihr Verfasser 
mit der innigen Hoffnung, dass ihm das Schicksal vergonnen moge, einen 
lange gehegten Lieblingsplan auszufiihren, zu Platos Politeia eine ein- 
gehende philosophische Einleitung schreiben und die Problementwicklung 
in dem Werke selbst und dann in der daran sich anschliessenden Literatur 
verfolgen zu diirfen. Das Schicksal aber hat es, wie wir mit tiefem 
Schmerz mitteilen, anders gemeint. Dr. Schink fiel in den schweren 
Kampfen im Westen im Friihling dieses Jahres. Unsere Wissenschaft hat 
durch seinen Tod einen begeisterten Jiinger, der ihr mit besonderer Liebe 
anhing, und von dem sie noch viel erwarten durfte, unsere Zeitschrift hat 
in ihm einen treuen und geschatzten Mitarbeiter verloren. — 

Die Schriftleitung, 



Besprechungen (Simmel). 175 

und sucht das Leben in seiner Beharrung, als festen Seinsgehalt, zu 
gestalten. So muss sie sich notwendig vom UrpMnomen des Lebens ent- 
temen; Rembrandt riickt viel dichter an das Leben heran. So empfindet 
er bei einer Bewegungsstudie die Entwicklung, das allmahliche Werdeu 
der Bewegung, als den springenden Punkt. Er sucht deshalb schon in den 
ersten Strichen den Ursprung der Bewegung anzudeuten, also gewisser- 
massen die ganze Vergangenheit der Bewegung in das Augenblicksmoment 
der Darstellung hineinzuziehen. Deshalb befahigt uns jede seiner Bewe- 
gungsdarstelluugen, die ganze Bewegung nachzuerleben, und nicht nur, 
wie in der klassischen, auf die Erfassung des pragnantesten Punktes 
gerichteten Kunst, ein einzelnes Moment derselben. 

Auch die Portratkunst Rembrandts steht unter diesem Gesichtspunkt. 
Im klassischen Portrat der Hochrenaissance sind „die Wesenszuge der 
Person wie nebeneinander in fester Gef ormtheit ausgebreitet ; und obgleich 
selbstverstandlich Schicksal und innere Entwicklung zu der dargebotenen 
Erscheinung gefuhrt haben, so sind doch fiir deren Eindruck die Momenta 
des Werdens ausgeschaltet, wie die Stationen einer Rechnung da nicht in 
Frage kommen, wo nur nach ihrem Resultat gefragt wird." Rembrandt 
dagegen betont auch hier den Charakter der Entwicklung. Er will in 
seinen Portrats nicht, wie der Romane, im Rahmen des Individuellen dem 
Schonheitsideal seiner Zeit ein Denkmal setzen, sondern es drangt ihn, 
ein Stiick gelebten Lebens zur Ueberschau zu bringen. Daher stammt 
jene eigentiimliche „Offenheit" der Rembrandtschen Portrats, die uns 
befahigt, den Entwicklungsgang der dargestellten Person nachzuerleben, 
wenn wir auch selbstverstandlich die Inhalte dieser Entwicklung natura- 
listisch nicht anzudeuten vermOgen. Allein wir fiihlen, dass Vergangenheit 
und Gegenwartigkeit des Individuums hier gleichsam wie Ursache und 
Wirkung begriffen werden miissen. Daher sind die reichsten und ergrei- 
fendsten Portrats, die Rembrandt geschaffen hat, die von alten Leuten, 
well an ihnen ein „Maximum gelebten Lebens" zur Ueberschau gelangt. 

Die innige Beziehung Rembrandts zum Leben wirkt auch entschei- 
dend auf die Gestaltung von Bildform und Bildeinheit ein. In 
Rembrandts Kunst sind Bildform und Bildeinheit weder formale Begriffe, 
die sich von dem Gegenstand der Darstellung abstrahieren lassen, noch 
unterliegen diese Faktoren irgend welchen allgemeinen Prinzipien. Sie 
haften vielmehr mit streng individueller Notwendigkeit an dem jedes- 
maligen Inhalt der Darstellung. Losgelost von ihm sind Bildform und 
Bildeinheit bei Rembrandt formlose, ratselhafte Gebilde; die Substanz des 
Werkes allein verleiht ihnen Sinn und Gehalt. Vergleicht man unter 
solchen Gesichtspunkten Lionardos Entwurf zu einer Anbetung der drei 
Konige mit dem Rembrandtschen Gemalde, so erkennt man leicht, dass 
die Pyramide im Bildaufbau des italienischen Grossmeisters das ausschlag- 
gebende Moment ist, dem der Bildinhalt sich eingliedern muss, wahrend 
umgekehrt bei Rembrandt der Bildinhalt die ihm in substantieller Hinsicht 
gemasseste Form erzeugt. 

Ira Anschluss an diese Betrachtungen tlber Rembrandts Verhaitnis 
zum Leben mag noch ein Wort iiber seine Stellung zum Tode gesagt 
werden. So weit der Tod vor Rembrandt in der bildenden Kunst zur 
Darstellung gelangt, wie etwa in den Totentanzen des 15. und 16. Jahr- 
hunderts, erscheint er stets in Gestalt eines Knochenmannes — also als 
ein von aussen herkommendes Ereignis — und wird zugleich als der grau- 
sigste Moment des menschlichen Lebens geschildert. Die klassische Kunst 
meidet eine solche Verkorperung des Todes, wie ihr uberhaupt das Thema 
als solches fernliegt. Denkt man aber angesichts der klassischen Portrats 
an den Tod, so sieht man ihn unwillkiirlich in ausserer Form, etwa in 
Gestalt eines Dolchstichs nahen, um dem Leben dieser Menschen ein 
plOtzliches Ende zu bereiten. In Rembrandts Kunst erscheint der Tod nicht 
wie ein plOtzliches, dem Sinn des Lebens widersprechendes, sondern wie 
ein in geheimnisvoUer Weise dem Leben einwohnendes, mit dem Sinn 
des Lebens sich verbindendes Moment. 



176 Besprechungen (Simmel). 

2. Nachst den Lebenswerten sind es die Ausdruckswerte, die das 
Wesen der Rembrandtschen Kunst erschliessen. Audi hierin widerspricht 
sie der klassischen Kunst, die das Schonheitsideal voranstellt. Die voll- 
kommene Darstellung im romanischen Sinne steht so stark unter dena 
Einfluss dieses Ideals, dass eine Abwendung von demselben als ein Abfall 
von den hochsen Kunstnormen empfunden wird. Die sogenannten Aus- 
druckswerte treten demgemass hinter den SchOnheitswerten grundsatzlich 
zuriick; und vt^o, wie in den Meisterwerken, ein innerer Zusammenhang 
wirklich gewonnen ist, da ist es stets die Sch5nlieit des Ausdrucks, die 
das romanische Kunstwerk beherrscht, 

Rembrandt ist dem romanischen Schonheitsideal, je reifer er wurde, 
desto ferner geruckt. Wohl bricht auch bei ihm zuweilen die Leidenschaft 
fiir die Schonheit der schonen Dinge, fiir veunderbare Stoffe, seltenes Gerat, 
kostbaren Schmuck, gluhende Farben oder fiir die Schonheit des Licht- 
pMnomens als solchen, unabhangig von jeder inneren Bedeutung, heftig 
liervor. Allein in seinen reifsten und einheitlichsten Werken beruht die 
Vollkommenheit allein auf der Vertiefung und Verdichtung des seelischen 
Gehaltes, und jede ausserliche Schonheit verschwindet wie etwas Zufalliges, 
um der Wesenhaftigkeit des Ausdrucks zu weichen. Die Eindrucklichkeit 
der Rembrandtschen Gestalten haftet am Gemiit und an der Seele und 
lasst sich von diesen nicht loslOsen. Es ist hier ganz anders als bei 
Lionardo und Raffael, deren Gestalten auch unabhSngig von jedem Gehalt 
noch „schon*' bleiben. 

3. Um Rembrandts Yerhaltnis zur Religion zu bestimmen, geht 
Simmel von einer allgemeinen Beobachtung aus. Wo die Religion in der 
Kunst auftritt, stellt sie sich in zwei Grundformen dar. Auf der einen 
Seite erscheint sie als ein Geftige objektiver Tatsachen von absolutem 
gOttlichen Gehalt, auf der anderen wird sie als ein subjektives Bewusst- 
sein, als ein Zustand reiner Innerlichkeit empfunden. Die objektive Reli- 
gion ist in den byzantinischen Mosaiken in Ravenna, und, auf einer kiinst- 
lerisch und menschlich viel hOheren Stufe, in der Hochrenaissance ver- 
kOrpert. Es sind gewissermassen die „Gegenstande des Glaubens", die in 
diesen Werken dargestellt werden, entweder, wie in Ravenna, ohne jede 
Beziehung; auf das sie erlebende Subjekt, oder, wie in der Hochrenaissance, 
mit Hinemziehung des Subjekts, so weit es durch den Glauben mit diesen 
religiosen Realitaten verbunden ist. Rembrandt verlegt den Schwerpunkt 
der Religion von den Glaubensgegenstanden in die menschliche Seele. Er 
sieht den Ursprung aller Religiositat in dem, was der Mensch am Gott- 
lichen erlebt, nicht in den blossen religiOsen Tatsachen als solchen, noch 
in dem Glauben des Menschen an diese. „Bei den religiosen Gestalten 
Rembrandts wird die FrOmmigkeit jedesmal von neuem aus dem letzten 
Grund jeder Seele heraus erzeugt, die Menschen sind nicht mehr in einer 
objektiv frommen Welt, sondern in einer objektiv indifferenten Welt sind 
sie als Subjekte fromm." Darum kehrt auch das Motiv der Andacht in 
den religiosen Schopfungen Rembrandts immer wieder. Andacht ist der 
Verkehr der Seele mit Gott. Die romanische Kunst hat fiir dieses inner- 
lichste aller inneren Gefiihle wenig Raum gehabt. An die Stelle der An- 
dacht tritt in der romanischen Kunst die Anbetung im reprasentativen 
Sinne. Der Romane betet nicht allein und nicht in der Stille, sondern in der 
Gemeinschaft und in der Oeffentlichkeit. Er will den Gegenstand seiner 
Verehrung leiblich schauen und will selbst wieder gesehen werden. 

Und wie der Rembrandtsche Mensch tiefer in die religiose Ver- 
fassung eingeht, als der Mensch der Renaissance, so ist es auch mit der 
Rembrandtschen Kunst. Sie hat ein innigeres Verhaltnis zur Religion, als 
die Meisterwerke der klassischen Kunst. „ Welch innere Bedeutung einer 
Madonna zukommt, ist fiir Raffael irrelevant, welche einer Kreuzabnahme, 
danach fragt Rubens nicht". Bei Rubens, gelegentlich auch bei Raffael nnd 
den iibrigen Meistern der Hochrenaissance, ganz besonders bei den Vene- 
zianern und in Correggios heiliger Nacht handelt es sich um die malerische 
Darstellung als solche, in der das religiose Motiv wie ein Mantel um den 



Besprechungen (Falkenfeld). 177 

BildkSrper herumgehangt ist; bei Rembrandt quillt die Religion aus dem 
Innern des Bildkorpers gleichsam heraus. „Die Malerei selbst ist von dem 
allgemeinen Grundmotiv des dargestellten Vorganges, dem ReligiOs-Sein 
getrankf. 

Wenn wir versuchen, die Elemente, die sieh im Lauf dieser Be- 
trachtung als Rembrandt eigentiimlich erwiesen haben, auf ihre geistige 
Bedeutung bin zu bestimmen, so werden wir sagen diirfen, dass es die 
germanische Lebensverfassung ist, die sich in Rembrandts Kunstschaffen 
ausspricht. Es ist nicht schwer, den Zusammenhang zu sehen, der Rem- 
brandt mit Diirer und Griinewald verbindet, und die Linie zu Ziehen, die 
von jenem zu diesen zuriickfuhrt. So wenig die beiden deutschen Meitter 
bloise VorgSnger des grossen Niederlanders sind, so gewiss liegt Rem- 
brandts Kunst auf der Verlangerung des Weges, den sie beschritten haben. 
Es ist der Weg der Innerlichkeit, beziehungsweise der Ausdruckskunst. 
Aus dieser Richtung erklaren sich die auffallenden Gemeinsamkeiten der 
drei Meister und ganz besonders die Art und Weise, wie sie das Religiose 
kiinstlerisch erfassen. 

Durch den Ausdruckscharakter der germanischen Kunst wird auch 
die Fragestellung des Simmelschen Buches gerechtfertigt. Die nahe- 
liegenden erkenntnistheoretischen und analytischen Bedenken, die gegen 
die welt- und wesensanschaulichen Ziele seiner Untersuchung erhoben 
werden konnen, werden durch die Tatsache aufgewogen, dass man nur 
mit solchen Erkenntnisidealen an das Innerste der Rembrandtschen Kunst 
heranzukommen hoffen darf. Es liegt im Wesen dieser Kunst, dass sie 
nicht, wie die romanische, durch formale Kategorien erschopft werden 
kann. Es wird also schliesslich nur iibrig bleiben, entweder auf eine Er- 
griindung Rembrandts iiberhaupt zu verzichten oder auf Simmels Spuren 
zu gehen. Freilich handelt es sich hier um ein Stiick Metaphysik; aber 
es ist doch mehr als fraglich, ob die Einsicht in die Schranken des meta- 
physischen Erkenntnistriebes zum Verzicht auf metaphysische Frage- 
stellungen zwingt. Man kann dem Simmelschen Buche nachriihmen, dass 
es an einem bedeutenden Beispiele zeigt, wie sich beides sehr wohl ver- 
einigen lasst. 

Berlin. Elisabeth von Orth. 

Falkenfeld, Hellmnth. Die Musik der Schlacliten, Aufsfttze 
zur Philosophie des Krieges. Konstanz, Reuss und Itta. S. 63. 

Hellmuth Falkenfeld, der letzten Winter in Berlin eine Reihe 
anregender Vortrage iiber die Stufen des Theatralischen hielt, hat sich 
schon fruh durch das feinnervige Buch „Wort und Seele" (Leipzig, Verlag 
von Felix Meiner 1914) und manchen interessanten Aufsatz bekannt ge- 
macht. Den Lesern der Kantstudien diirfte er durch die wahrend der 
Schlacht bei Arras entstandene Untersuchung fiber den Begriff der Zeit 
in vorteilhafter Erinnerung sein. Dieser Aufsatz ist auch in „Die Musik 
der Schlachten" aufgenommen, ein wertvoUes Buchlein, das sonst noch 
drei Aufsatze enthftlt und gleich durch die Vorrede fiir sich einnimmt. 
„Philosophie des Krieges", heisst es da, „ist vielleicht reinere Philosophie 
als Philosophie des Friedens", Denn Leben und Tod werden hier nicht 
in ihrer Getrenntheit, sondern in ihrer Verschlungenheit erlebt. Mit 
seinem steten memento mori lehrt der Krieg im Leben den Tod, im Tod 
das Leben zu erleben, (Unwillkiirlich denkt man an die Worte des 
Pfarrers in Hermann und Dorothea). Darin liegt aber zugleich das Frucht- 
bare fiir den Philosophen der — ebenso wie der Kiinstler — vom Leben 
abstrahiren, es par distance betrachten muss, um es desto intensiver zu 
ergreifen. Gerade die Antithese zwischen dem Soldaten, der im empirischen 
Geschehen aufgehen muss, und dem Philosophen, der die Erfahrungs- 
tatsachen fiir seine Ideen ausbeutet, kann eine Philosophie des Krieges 
nur befruchten. — Auf die Dichtung wirkt der Krieg nur negativ befruch- 
tend. Der Verfasser hat Recht, wenn er die aktuelle Kriegslyrik nicht 
hoch bewertet. Nicht in der Tatsache des Krieges, sondern trotz ihrer 

Eantotmdlen XXII. 22 



178 Besprechungen (Bauch). 

findet sich das Individuum. Doch nicht bloss den stofflichen, auch den 
(direkten) psychischen Einfluss des Krieges auf das Dichtematurell bestreitet 
Falkenfeld. Denn der Krieg erstickt alles Individuelle ; er zehrt das 
Seelische auf, indem er es in Zweck verwandelt, mechanisiert. Um so 
segensreicher diirfte die negative Einwirkung der Kriegsgesichte sein: 
die Poesie werde sich wieder auf ihre wahre Aufgabe besinnen, Kiinder 
des Menschen zu sein, die Literatur der Gegenwart aus einer gefahrlichen 
Krise gerissen werden. Noch erschiitternder als den Anblick des modernen 
Krieges findet der Verfasser seine Musik. Wie jedes Gerausch im Gegen- 
satz zum Ton Unmusik ist und hochstens Gegenstand der Akustik, nie 
eines musikalischen Eindruckes sein kann, so sind die Haubitzen, Morser 
und Granaten die schlimmsten Gegner der wahren Musik. Die Musik der 
Schlachten ist eine unmusikalische Disharmonie; sie ist zugleich alogisch, 
indem sie den tiefen inneren Widerspruch symbolisiert. Die Alogik des 
Krieges wird noch deutlicher in dem Abschnitt „Mozart und der Krieg", 
der als philosophisches Glaubensbekenntnis den Schluss des Buchleins bildet. 
Keinen geeigneteren Tondichter konnte Falkenfeld als Personifikation 
einer krieglosen Welt wahlen, und glucklich ist auch die Heranziehung 
des geheimnisvoUen Marsches der ZauberflOte, zu dem Tamino und Pamina 
durch Feuer und Wasser schreiten. Die Frage entringt sich ihm : ,, Warum 
konnen die Menschen als politisch^soziale Gestalten nicht so frei gegen- 
einander sein, wie jene T5ne des c-dur-Marsches?" In jener humanitaren 
Gesinnung, die an den Adel der Menschennatur glaubt, verspricht sich 
Falkenfeld einen iSuternden Einfluss von der musikalischen Logik, die 
eine Logik der Zeit ist, auf die Staatslogik, eine Logik des Raumes, welche 
die aus menschlichen Bediirftigkeiten hervorgegangene AUgemeinheit als 
Herrscher anerkennt und im Individuum nur den zufallig Isolierten sieht. 
Heil uns, wenn sich diese Idee, die einem Musikerhirn entsprungen sein 
kOnnte, einmal verwirklichen sollte! Bis dahin diirften solche Paiadoxien 
wie viele andere auf unserera Erdball vireiterbestehen. 

Berlin-Grunewald. Dr, James Simon. 

Bauch, Bruno, Dr., Professor an der Universitat Jena, Immanuel 
Kant (SammlungGoschen Nr. 536. Geschichte der Philosophie V). Zweite, 
verbesserte Auflage. Berlin und Leipzig. G. J. Goschen'sche Verlags- 
handlung, G. m. b. H. 1916. 207 S. 

In zweiter Auflage liegt nunmehr Bruno Bauchs Bandchen fiber 
Immanuel Kant vor. Es ist gerade jetzt, kurz nach dem Erscheinen von 
Bauchs grossem Kant-Werk (Immanuel Kant, Goschen 1917.) von besonderem 
Interesse. Denn mit klarer Bestimmtheit Sussern sich schon in ihm 
die methodischen Grundsatze fur die Auffassung der Philosophie Kants, 
die auch diesem grossen Kant-Werk das GeprSge geben soUten. 

Auf der kritischen Wurdigung von Kants „Theorie der Erkenntnis" 
liegt- naturgemass der Akzent. Sie ist im wesentlichen enthalten in dem 
dritten Kapitel der Schrift mit seinen beiden Abschnitten: „Zum Problem 
und allgemeinen Charakter der Methode der transzendentalen Erkenntnis- 
lehre" und ,,Die transzendentalphilosophische Erkenntnislehre". — Je 
scharfer sich in ihnen der sachliche Gehalt des Kantischen Werks gliedert, 
umso einheitlicher gestaltet sich dem Verfasser auch der En twick lungs - 
gang des Philosophen. „Kritisch" und „vorkritisch" gelten ihm als Be- 
zeichnungen von durchaus nur relativem Wert: Kants Entwicklungsgang 
ist ihm streng kontinuierlich. Man kennt Kants Wort, dass es Hume ge- 
wesen sei, der seinen „Untersuchungen im Felde der spekulativen Philo- 
sophie eine ganz andere Richtung gab". AUein ein „anderes ist es", be- 
merkt hierzu treffend Bauch, „eine ,ganz andere Richtung' des Denkens zu 
erhalten, und etwas anderes ist es, der Richtung des Empirismus selbst zu 
folgen. Und so besitzen wir in Kants eigener Erklarung das zuveriassigste 
Zeugnis auch fur seine eigene Entwicklung. Sie ist eine streng kontinuier- 
liche. Von sich selbst aus ist er auf den Einfluss Humes vorbereitet. 



Besprechungen (Bauch). 179 

Dieser unterbricht seinen ,dogmatischen Schlummer*, er entfremdet ihii der 
alten Metaphysik, bringt die in ihm schon regen Zweifel an dem dog- 
matischen Bationalismus zu grbsserer Entfaltung, nelhrt in Kant, der sich 
freilich auf dem Felde der Erfahrungswissenschaft schon unvergleichlich 
mehr betatigt hatte, als Hume selbst es je getan, die empirische Denk- 
weise. Aber zu unbedingter Heeresfolge hat er ihn nie gezwungen". 
Niemals sei Kant Empirist gewesen, niemals habe jener radikale Wandel 
seiner grundlegenden Anschauungen stattgefunden, die die Gegenttber- 
stellung seines „vorkritischen" und seines „kritischen" Vcrhaltens anzu; 
deuten scheinen. Durch Hume bestimmt, habe sich wohl Kant von der 
Metaphysik im dogmatischen Sinn des Wortes losgesagt, niemals aber sei 
er der schwerwiegenden petitio principii verfallen, den Begriff der Er- 
fahrung aus Erfahrung rechtfertigen zu wollen. Mit voUer Klarheit er- 
greift Kant die Leibniz'sche Unterscheidung zwischen apriorischer und 
empirischer Erkenntnis, nicht um die eine an die Stelle der anderen zu 
setzen, sondern um das relative Recht einer jeden von ihnen aus der 
Struktur des Erkenntnisbegriffs selbst zu erweisen. 

Scharf und bestimmt trennt sich in Bauchs Darstellung die trans- 
zendentalpsychologische von der transzendentalkritischen Be- 
trachtungsweise. Das bedeutet zunachst eine Klarung der historischen 
Sachlage: die Sonderung von Faden, die bei dem geschichtlichen Kant 
noch mannigfach durcheinanderlaufen, Sodann aber impliziert es eine be- 
deutsame sachUche Konsequenz: den Hinweis darauf, dass auch Inhalten 
von transzendentaler Funktion gegeniiber die Frage nach ihrer psycho- 
logischen Struktur berechtigt bleibt. Manches denkpsychologisch bedeutungs- 
volle Ergebnis mttsste eine konsequente Verfolgung gerade dieses Ge- 
dankens zeitigen; manches schwerwiegende erkenntnistheoretische Miss- 
verstandnis, das in der Verwechselung des transzendentalen und des psycho- 
logischen Gesichtspunktes wurzelt, durch die scharfe Trennung der Ge- 
sichtspunkte im Keime erstickt werden. Man wird hierbei nicht nur an 
die rohen Psychologismen zu denken brauchen, die freilich nicht zum 
wenigsten unter dem Einfluss modernster Entwicklungen auf dem eigenen 
Boden der Psychologie immer seltener werden. Die Strenge jener Unter- 
scheidung trifit ganz besonders auch Bestrebungen solcher Art, denen bei 
aller Anerkennung der methodischen Selbstandigkeit logisch-erkenntnis- 
theoretischer Fragestellungen psychische Tatsachlichkeiten als letzte, von 
jeglichem Widerspruch beireite Erkenntnisgriinde gelten. 

Der ganze Begriffsapparat Kants wird mit klarer Hervorhebung 
der sachlichen Schwierigkeiten und scharfer Betonung ihrer methodischen 
Konsequenzen diskutiert; dabei der zentrale Begriff des „Dinges an sich" 
in eine Beleuchtung geriickt, die erst die voile systematische Wurdigung 
seiner RoUe in der wissenschaftlichen Philosophie der Gegenwart ermog- 
licht. Was Bauch in seinem grossen Kant-Werk ausfuhrt, das findet der 
tiefer Blickende auch schon in dem kleinen BSndchen unverkennbar 
angedeutet: den Gedanken namlich, dass das „Ding an sich" „nicht bloss 
Aufgabe, aber auch nicht bloss dogmatisch existente Realitat" sei, sondern 
„transzendentallogischer Einheitsgrund der bestimmten Erscheinung". 
<Bauch, Immanuel Kant 1917. Vorwort IX.) Der Kundige iiberschaut 
die Fiille weitausgreifender Konsequenzen, die sich an diese Auffassung 
kniipfen miissen: vor allem anderen die relationstheoretische Analyse des 
Problems von „Inhalt" und „Form", die erkentnistheoretischen und metho- 
dologischen Fragen nach dem Prinzip der Mannigfaltigkeit und des Systems 
der Wissenschaiten. 

Allein je tiefer gerade die wissenschaftstheoretische Seite der Kan- 
tischen Fragestellung in Bauchs Schrift erfasst wird, umso dringender 
wird ihm die Frage nach Struktur und Zielen des Kantischen Systems. 
Gilt dem Verfasser das Erkenntnisproblem als der natiirliche Mittelpunkt 
filr das Verstandnis der Philosophie Kants, so bezeichnet ihm die „Kritik 
4er Urteilskraft" deren letztes systematisches Ziel; und als der tiefste Ge- 

12* 



180 Besprechungen (Becher). 

danke der Kantischen Lehre erscheint ihm der Satz, dass „die "Welt als 
aus einer Idee entsprungen" gedacht werden miisse. Mit musterhafter 
Klarheit, frei von alien Nebengesichtspunkten und Aeusserlichkeiten popu- 
larisierender Darstellungen entfaltet sich die Kantische Gedankenwelt in 
Bauchs Darstellung. Trotz ihrer relativen Kurze ist sie ein wertvoller 
Beitrag zur Kant-Literatur der Gegenwart. 

Breslau. R. Honigswald. 

Becher, Erich, o. 6. Professor an der Universitat Munchen. Die 
fremddienliche Zweckmassigkeit der Pflanzengallen und die 
Hypothese eines iiberindividuellen Seelischen. Leipzig, Veit & Co., 
1917. 149 S. 

Die unaussprechlichen Wunder der Anpassung alles Organischen an 
seine Umwelt wird ein vitalistischer Metaphysiker nicht anders deuten 
kOnnen denn als Erzeugnisse zielstrebigen Wollens; seine sch5pferische 
Lebenskraft darf er aber in das Einzelwesen nicht einschliessen ; zu off en- 
kundig verrat sie Kenntnisse fremden Daseins, die einer noch so hell- 
seherischen Tier- oder Pflanzenseele unmOglich zuzutrauen wfiren. Das 
lasst sich besonders sch5n an den Werkzeugen der Erwartung moglichen 
Fanges und der passiven Panzerung gegen mogliche Gefahren zeigen. 
Mag Sehnsucht, in tiefe Bliitenkelche zu dringen, Schmetterlingen ihre 
Saugrussel verlSngern: woher aber soil die Entelechie der Winde wissen, 
dass der befruchtende Schwarmer sein Begehren gerade auf eine lange 
Kronenrohre einstellt? Woher kann der Oelkafer die Geheimnisse des 
Bienenstockes kennen, auf die seine ganze Larvengestalt berechnet scheint ? 
Die Nepenthaceen bauen sich kunstvolle Fallen zur Insektenjagd; hat ihr 
Pflanzenwesen nun etwa Entomologie getrieben, um zu lernen, wie man 
zweckmassig lauert? Gier zu beissen, mag Gebisse scharfen: dass Domen 
beissenden Feinden ihr Beissen verleiden k5nnen: diese Ahnung wird man 
einer traumenden Pflanzenpsyche schwerlich zutrauen. Unzahlige Be- 
trachtungen dieser Art zwingen jeden, der ein seelenahnliches Lebens- 
prinzip die Formen der Pflanzen und Tiere bilden heisst, von der Vor- 
stellung einer individuellen zu der einer iiberindividuellen Entelechie fort- 
zuschreiten; ich habe das bereits in meiner „Maschinentheorie des Lebens" 
(1909: S. 35 ff., 47, 55 f.) gezeigt; auch unser Verfasser nimmt es an. 

Der Mechanist hat eine andere Weise, sich das Mysterium der or- 
ganischen Zweckmassigkeit zurechtzulegen. Er denkt sich die Typen als 
praformiert; im Keimstoff sind maschinelle Grundlagen fiir die werdende 
Gestalt bereit; andert nun irgend ein ausserer Einfluss das Idioplasma ab, 
so entsteht eine Sprungvariante, eine neue „Linie" (Johannsen), eine 
„Mutation" (De Vries). Zwischen solchen Abwandlungen und ihren Kombi- 
nationen durch Kreuzung wahlt dann der Daseinskampf die jeweils lebens- 
tiichtigen aus und bringt auf diese Weise immer neue und immer erstaun- 
lichere Adaptationen zuwege. (So die dem heutigen Wissen entsprechende 
Pragun^ der Darwinschen Doktrin.) 

Einunddasselbe Keimplasma aber ist ,pluripotent" (Vgl. Haecker, 
IJeber Gedachtnis, Vererbung und Pluripotenz, 1914); d. h., es entwickelt 
sich je nach den Reizen, die es beeinflussen, ganz verscMeden. Aus dem 
gleichen Bienenei wird je nach der Ernahrung KOnigin oder Arbeiterinj 
aus dem gleichen Termitenei Arbeiterin oder kriegerische Amazone; die 
gleiche Vanessapuppe liefert, der Kalte ausgesetzt, die polare oder fruh- 
ungsmassige Form des Schmetterlings, unter Einwirkung hoher Temperatur 
die siidliche oder sommerliche (Standfuss); es gibt einen tropischen 
Papilio, dessen Weibchen allein in 9 — 10 Formen erscheint. Die Laub- 
blatter des Pfeilkrautes (Sagittaria) bleiben unter Wasser bandfOrmig, die 
des Froschkrautes (Batrachium) in Fadenzipfel zerfasert; iiber Wasser 
werden jene pfeil-, diese schildfOrmig; Riccia fluitans treibt auf dem 
Lande Wurzeln, im Wasser nicht; doch auch hier losen Beriihrungsreize 
die Wurzelbildung aus (Lotsy, Vorl. fiber Deszendenztheorien I, 1906, S. 39); 
Linaria spuria entwickelt unter besonderen Umstanden statt der zygo- 



Besprechungen (Becher). 181 

morphen, dem Insektenbesuch angepassten mehr regelmassige und klei- 
stogame Bliiten (VOchting, Jahrb, f. wiss. Botanik 25 [1893], S. 166; 31 
[1897], S. 396, 476); bei Viola mirabilis bliiht derselbe Stock im Friihling blau 
und duftig, um Insekten zu locken; im Waldschatten des Sommers mit 
bleichen, kleinen, verschlossenen Blumen, die sich selbst befruchten. 
G. Haberlandt hat an den Wurzeln einer Crassulacee durch Trockenheit 
Driisenhaare erzeugt, die sonst bei dieser Art nur an der Coralle vor- 
kommen; an den Laubblattern einer Moracee durch Feuchtung der Luft gar 
Hydathoden, Transpirationsorgane, die der normalen Pflanze iiberhaupt 
fremd sind (Sitzungsber. derBerl. Ak., 1915, S. 222; Natwfl. Wochensch. 
14 [18991, S. 287ff.). 

Was uns in einem Falle wie diesem besonders wundersam anmutet, 
ist die augenscheinliche Zweckmassigkeit der Neubildung; offenbaren derlei 
.Heteromorphosen" nicht wirklich das Walten einer zielgierigen, seelen- 
ahnlichen Macht? Die Liane scheint den Drang zu fiihlen, ihren Wasser- 
iiberschuss loszuwerden — und alsbald schafft sie sich die nOtigen Mittel, 
das Bediirfnis zu stillen. Steht es nicht auch bei gewissen Regenerationen 
so? Man schneide einer Garneele (Palaemon) die gestielten Augen ab: 
und es spriessen aus dem Stumpf, der die Augen zu erneuern keine 
Kraft hat, wenigstens antennenartige Gebilde (Herbst, Arch. f. Entwick- 
lungsmech. 2 [1896], S. 544 ff.); Eidechsen regenerieren ihre Schwanze wohl 
in primitiveren Formen, als die verloren gegangenen. — Eben solche Er- 
fahrungen aber geben dem Mechanisten den Schlussel auch fur Anpassungen 
von der Art, wie Haberlandt sie erzielte. Das hoch differenzierte Idio- 
plasma einer Spatform werde durch Eingriffe von aussen auf eine frtihere 
Stufe zuriickgeworfen : so tritt deren Erzeugnis wieder auf („atavistische 
Regeneration") — und zwar mit der ganzen Zweckhaftigkeit, die es seiner- 
zeit besass; die Verschiedenheit der Evolutionsmoglichkeiten beruht auf 
der Fabigkeit der Anlage, bei geeignetem Anlass vom schon erreichten 
Gleichgewichtszustande in einen ehemaligen zuriickzurollen , der seiner 
Umwelt ebenso gut angepasst sein musste wie der neue seiner neuen. 

Wird die Anpassung immer v5llig gelingen? Unmoglich! In 
gesunden Gestaltwechsel drangt sich krankhafte Bildung tausendfach 
hinein. Die vom Schmarotzerpilze Uromyces umgewandelten Blatter der 
Zypressenwolfsmilch gleichen vermutlich denen irgend einer Ahnenart 
(sie erinnern an die des Typs Euphorbia esula); aber die geanderte Form 
ware, weil blutenlos, nicht geeignet weiterzuleben ; die durch mannigfaltige 
Schadlinge vergriinten Bliiten anderer Gewachse tragen, mit den normalen 
verglichen, zweifellos primitiven Charakter; zugleich aber zeigen sie sich 
entartet und unfahig zu jeder Funktion. — An Gestaltungen solcher Art 
nun scheinen sich die mannigfaltigen Gallen zu reihen, hervorgebracht 
durch den Reiz tierischer Safte, Larvengehause im Blattpolster leidender 
Gewachse. Wo sie wie sehr oft nichts als Schwellungen, Runzelungen, 
RoUungen darstellen, in denen die unwlllkommenen Gaste geschtitzt zehren, 
da hatte der Philosoph denn auch nichts Weiteres fiber sie zu bemerken. 
Aber es gibt interessantere Vorkommnisse, an die Erich Becher geschickt 
seine Gedanken knupft. 

In vielen Gallen sondem sich innere Nahrgewebe, die sich stetig 
erganzen und durch vorgezeichnete Bahnen mit den Stoffmagazinen des 
befallenen Laubblattes verkehren, von harten oder haarbewehrten Schutz- 
hiillen; fur den Austritt des entwickelten Tieres bilden einige Arten 
eigene Ausgangspforten, deren Deckel zur rechten Zeit ausfallen; ja, bei 
dem staunenswertesten Beispiel (Galle der Mucke Hormomyia an der Linde) 
reisst sich ein flaschenfOrmiges Innengebilde aus der Umwallung der Galle 
los und tragt die Larve vor der Winterruhe mit sich zur Erde. Kein 
Zweifel: wo wir Geschwulste, Auswuchse, sinnlose Wucherungen erwarten 
sollten, sehen wir sinnvoUe Gebilde, Organe, die am ehesten mit Fruchten 
zu vergleichen waren: nur dass statt des eigenen Embryo der Eindring- 
ling an den Nahrmitteln sich weidet, von der Umkleidung sich hegen lasst, 
durch praformier|;e Fenster ans Licht dringt. (S. 65). Becher stellt die 



182 Besprechungen (Becher). 

wichtigen Tatbestaude im Anschluss an Kiister und Kerner ausfiihrlich 
fest (S, 20 — 47) und erortert dann die Aetiologie so seltsamen Geschehens 
(S. 54 ff.). Er scMiesst aus den Daten richtig, dass „in den Wirtspflanzen 
besondere Potenzen fiir die Gallenproduktiou schlummern" miissen — ,,wie 
sie auch etwa besondere Potenzen fiir die Blttten- und die Fruchtbildung 
besitzen" (S. 72 ff.). Das aber heisst, mechanistisch ausgedriickt: das 
jugendliche Idioplasma der Laubzellen ist noch „pluripotent" ; unter ge- 
wohnlichen Verhaltnissen entfaltet es normale Struktur; besondere Reize 
differenzieren es zu kapselartigen Gebilden, die ebenso spezifisch bestimmt 
bleiben wie jener typische Bau. Nehmen wir beispielweise an: sie brachten 
im idealen Falle am Blatte statt im Blutengrunde wirklich eine Adventiv- 
frucht hervor, die der gewohnlichen Frucht der Pflanze oder eines ihrer 
Vorfahren vollkommen gliche. Es tritt jedoch dieser ideale Fall niemals 
ein ; denn die bildenden Reize sind zugleich giftig ; so entstande ein Organ, 
das zur gesunden Frucht sich etwa verhielte wie ein Hexenbesen zum 
gesunden Kiefernaste. Soviel vom Fruchtcharakter behielte die Neu- 
bildung immerhin, dass die Larve Hohle, Schutz und sogar einmal ab- 
fallenden Deckel zur Ausniitzung vorfande. Die Ausgestaltung des Ver- 
haltnisses im einzelnen bliebe dann der Zuchtwahl iiberlassen. Insbesondere 
kiinnte die Hartung der Aussenwande, der Nahrstrom im Innenpolster, 
die Entwicklung der schtitzenden Gerbstoffe, die Rechtzeitigkeit der Ker- 
keroffnung mit giinstigen Abwandlungen der ausgesonderten tierischen 
Safte in Beziehung gebracht werden und dabei Darwins Prinzip so gut 
wie anderswo sich bewahren. 

Der Verf. ist auf dem Wege zu dieser oder einer ahniichen Er- 
klarung, wo er die Moglichkeit bespricht, das von ilipi sogenannte ,Aus- 
nutzungsprinzip" auf die Gallen anzuwenden (S. 84—90); die im Pflanzen- 
reiche verbreitete Neigung „auf gewisse Reize mit Wucherungen zu 
reagieren" konnte von Parasiten zweckmassig verwertet werden; ebenso 
etwa die Dunnwandigkeit wasserreicher Zellen, die an sich „mit Gallen- 
zweckmassigkeit nichts zu tun hat" (S. 86). Allein : wie kommen die 
Pflanzen .,zu Potenzen, die nicht der Bildung ihrer normaien Teile zu 
dienen scheinen" (S. 90)? Wer sich gewOhnt hat, denselben spezifischen 
Lebensstoff unter diesen Ortlichen Einflussen zur spezifischen Bliite, unter 
jenem zur spezifischen Wurzel ausschlagend zu denken, wird ihn unter 
ungewShnlichen Einflussen die spezifische Galle hervortreiben lassen und 
sich auch da noch fiber Gestaltungsfiille nicht viel mehr wundern als 
iiberall sonst in der unergriindlichen Natur. Wer aber — wie Becher — 
der Mechanistik abgeneigt ist, steht nun vor einem hochst bedenklichen 
und reizvoUen Problem: wie soil der vitale Trieb der Pflanze eine Zweck- 
massigkeit zuwege bringen, die nicht der Pflanze selber, sondern ihrem 
Gaste und Feinde niitzt? Anders gewendet: wie musste eine schopferische 
Entelechie beschaffen sein, um statt eigendienlicher fremddienliche Telo- 
klisen hervorzurufen? 

Mit scharfer Logik erzwingt der Verf. die Ant wort: sie musste als 
„uberindividuelle8 Seelenleben" vorgestellt werden, das „mit seinen Ver- 
zweigungen in die lebenden Einzelwesen hineinragt" (S. 132). Und damit 
kommt er von der Betrachtung der Gallbildungen aus zu ganz demselben 
Schlusse, den ich als unausweichliche Konsequenz jedes klaren Vitalismus 
von der Betrachtung anderer Tatsachen aus gefordert habe. 

Der Vorzug des kleinen Buches vor den meisten andern naturphilo- 
sophischen Schriften besteht in der reichen Kenntnis des botanischen 
Materials und in der gewissenhaften Erwagung rieler Moglichkeiten, dieses 
Material zu interpretieren. Aber Bechers Fahigkeit, eine Fiille denk- 
barer Erklarungsprinzipien zu erschauen, verfiihrt ihn zur unnotigen Ver- 
vielfachung dieser Prinzipien fur die einzelnen Probleme. Wer lebendige, 

far uberindividuelle Entelechien fiir die organische Gestaltung benutzt, 
er halt mit denen alles notige fiirs "Verstandnis auch jedes einzelnen Pro- 
zesses in einer Hand zusammen; mechanistischer Hypothesen bedarf er 
einfurallemal nicht mehr; wozu sie noch besonders da heranziehen, wo 



Betprechungen (K6hler). 183 

sie ihm allenfalls zu genugen scheinen? (S. 130f.). — Und der entschlossene 
Wille, Naturphilosophie auf naturwissenschaftliche Tatsachen zu stiitzen, 
lasst den Verf. iibersehen, dass metaphysische Alternativen wie die 
zwischen Vitalismus und Mechanistik sich durch Tatsachen nie entscheiden 
lassen. Wer mit ihm (S. 83) die allgemeine Kausalgesetzmassigkeit der 
Welt fiir ausnahmslos postuliert, der muss auch folgerichtig jedem ersinn- 
lichen Vorgang einen entsprechenden Mechanismus fiir grundsatzlich er- 
denkbar halten, einerlei ob ihm ein solcher eben einf alien will oder nicht; 
es kann sicli da bloss um hOhere oder mindere Komplikation handeln. Und 
anderseits ist kein organischer Vorgang so einfach, dass er nieht vita- 
listische Erklarungen verlockend erscheinen liesse. Zwischen den entgegen- 
gesetzten Systemen entscheidet im tiefsten Grunde die Wahl unsres Den- 
kerwillens. Erst nachdem sie getroffen ist, bestimmen Erfahrung und 
Logik die Ausgestaltung des gewahlten Systems im einzelnen. Da raochte 
nun aber unser scharfsinniger Verf. aus Beobachtungen, die er innerhalb der 
Sinnenwelt anstellt, Satze folgern, die diese Sinnenwelt transzendieren ; 
und greift damit, dass er aus den Gallen auf intelligente Leitung des 
organischen Geschehens durch tibersinnliche Oberkrafte schliesst (wie 
Eduard von Hartmann, Driesch, Reinke aus anderen Fakten), doch 
schliesslich wieder auf jenen physikotheologischen Gottesbeweis zuriick — 
freilich spitzt er ihn feiner und vorsichtiger zu und operiert mit sehr viel 
reicherem Wissen als die Denker des achtzehnten Jahrhunderts, die Kant 
zerschmetterte. 

Berlin. Julius Schultz. 



Kohler, F. Professor Dr. med. Chefarzt. Kulturwege und Er- 
kenntnisse. 2 Bande. Leipzig Joh. Ambrosius Earth 1916. 

Es ist nicht das erste Mai, dass ein gebildeter Laie — im vor- 
liegenden Falle ist es, wie schon oft, ein Arzt, der zu uns spricht — seine 
auf ausgedehnte Lekture gegriindete kritische Stellung zu den Problemen 
der Religionsphilosophie und christlichen Theologie und zur Ethik gleich- 
sam in Gestalt von Zitaten mit verbindendem Text weiteren Kreisen zu- 
ganglich macht. Was den vorliegenden Versuch von manchem anderen zu 
seinem Vorteil unterscheidet, ist die ruhige, jeder aggressiven Polemik 
bare Darlegung, der Mangel jeder offen zur Schau getragenen Tendenz. 
Sein Grundgedanke, Religion, Christentum, Ethik gleichsam „naturlich" 
zu begreifen, iiber Naturalismus und Romantik hinaus das psychologische 
Verstandnis des einzelnen Menschen und des Menschentums erreichen (S. 7), 
ist zwar nicht originell begriindet, Aber die in den Einzelheiten der Dar- 
legung wirksamen Tendenzen, eine selbstandige von aller autoritativen 
Umklammerung befreite Kritik der LOsungen altvererbter Fragen zu unter- 
nehmen, ein rein menschliches Verstandnis der grossen Lebensprobleme 
zu erringen, zu einem klaren und reinen affektlosen Weltbegreifen vor- 
zudringen, alle diese Absichten beruhren, rein formell betrachtet, durchaus 
«ympathisch und wtirden an sich zu einer Prtifung der vorgetragenen 
Ansichten auch im einzelnen einladen. Aber man spiirt keinen rechten 
Fortschritt der Gedanken, keinen zwingenden Aufbau der Probleme, die 
Fiille der Zitate uberwuchert den Text und dient fast tlberall entweder 
nur als locker angegefiigte Illustration der Darlegung oder als Ersatz 
eigener Beweisfuhrung des Verfassers. Gleichwohl will ich auf einige 
Grundgedanken des Verfassers kurz eingehen, um die Behandlung zu 
verdeutlichen. 

Kohler halt den Dualismus von Leib und Seele fiir scheinbar; er 
lehnt jeden Versuch, die psychischen Erscheinungen naturwissenechaftlich 
zu erklaren, ab; er leugnet ein Kausalverhaltnis zwischen physischen und 
psychischen Vorgangen. Auf dieser Grundlage betrachtet er „ alien 
Menschengeist nach dem Gesichtspunkt der Stufungen und (erblickt) die 



184 Besprechungen (Wagner). 

hochste Stufe in dem Sichselbstbewusstwerden der Geistesurkraft zu 
einem Sicheinsfiihlen mit der Geisteseinheit, die die Natur in weitestem 
Sinne und damit auch den Menschengeist, ja den ganzen Kosmos umfasst" 
(S. 115). „Der Wert des Menschen besteht in der geistigen Verknupfung 
der Gedanken zu einer echten kosmogonischen Gesamtauffassung. Die 
Erkenntnis der eigenen AbhSngigkeit von der Natur und zu einem um- 
fassenden grossen Ganzen muss zum tiefempfundenen religiosen Gedanken 
werden". (ebenda). Unter den Einzelfragen, die den grossten Raum des 
Buches einnehmen, stehen obenan das Jesusproblem und die Frage nach der 
Bedeutung des Christentums. „Die Jesusidee ist die Idee der werktatigen 
Menschenliebe in voller Reinheit und gesaubert vom gesetzmassigen 
Aeusserlichen, die Versenkung des Individualmenschen in die Pflichten des 
Menachentums" (S. 332). „Der Kern der Jesuslehre ist in unserer Kultur- 
entwicklung in reiner Form niemals durchfiihrbar gewesen, er leidet an 
einem Unvermogen gegeniiber den Gewalten menschlicher Sammelarbeit, 
gegeniiber psychologischen und nationalen wie kulturellen Gegebenheiten" 
(S. 373). Die Kultur ist vorwarts geschritten (nieht durchs Christentum), 
sondern weil in der Menschheit sich die Auswirkung genialen Sch5pferwillens 
mit ktinstlerischer Idee in Einzelindividuen verkorperte und diese Geistes- 
krafte ihren fordernden Ruckschlag geltend machten auf die Anschauungen 
und Strebungen der Mitmenschen sowie auf die Gestaltung der tatsachlichen, 
der historischen Verhaltnisse". (ebenda). 

Man sieht, es sind alte Bekannte, die in voUklingender Formu- 
lierung, aber nicht immer neuer Wendung uns hier begegnen. An 
Stelle der alten rationalen Kritik tritt hier die ethisch fundierte, aus 
einem warmen Herzen quellende, weitherzige intellektualistische Deutung, 
Trotz aller Einwande muss man jedoch gleichwohl anerkennen, dass auch 
in naturwissenschaftlich gerichteten Kreisen immer starker das Sehnen 
nach einer kraftigen, lebensvoUen Gestaltung des Idealismus sich regt. 
So konnen auch die hier gegebenen, durchaus beachtenswerten Essais 
K5hlers besonders in solchen Kreisen, die etwa des Monismus und ver- 
wandter Erscheinungen ilberdrtissig sind, Anregung zu weiterem, vor- 
urteilsfreierem Nachdenken bieten. Nicht als ob K.s Aufsatze selber 
ganz frei vom ,,Naturalismus" waren, aber gerade ihre immerhin enge 
Verknupfung mit der Tendenz zum Idealismus ist sehr geeignet, die 
erwahnten Kreise zu weiterem Nachdenken einzuladen. 

Bremen. Dr. Bruno Jordan. 

Wagner, Richard. Fichtes Anteil an der Einfuhrung der 
Pestalozzischen Methode in Preussen, Leipzig. - Diirr. 1914. 
VIII und 189 S. 

Der Verfasser behandelt in seinem Buche zunachst die Bedeutung 
der Fichteschen „Reden an die deutsche Nation" filr Fichtes eigenes Leben 
und Entwicklung, wobei er nachweist, dass bei ihm Kosmopolitismus und 
Patriotismus einander nicht ausschliessen, sondern zusammengehoren und 
bringt vs^ertvolle Aufschliisse iiber die Entstehung der „Reden", Fichtes 
sozialpadagogische Auffassung wird besonders deutlich charakterisiert durch 
Ausspriiche wie: „Der Mensch ist nur unter Menschen ein Mensch" 
(Werke III, 177 ff.), und: „Der Begriff des Menschen ist gar nicht der Be- 
griff eines einzelnen, sondern der einer Gattung" (III, 39), ferner: „Jeder 
soil sich in Wechselwirkung mit anderen einlassen, in der Gemeinschaft 
leben, in ihr bleiben und fur sie handeln" (IV, 235). Wie Fichte sich das 
Verhaltnis von nationaler und humaner Aufgabe denkt, erhellt am besten 
aus einer Stelle der nachgelassenen Schriften (III, 233). „Der Patriot will, 
so heisst es hier, dass der Zweck des Menschengeschlechts zuerst in der- 
jenigen Nation erreicht werde, deren Mitglied er ist". Der Verfasser stellt 
sodann die allgemeine Lage des modernen Schulwesens in Preussen zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts dar und behandelt besonders die Frage der 
Wirksamkeit der Pestalozzischen Ideen in dieser Zeit. Im dritten Kapitel 



Besprechungen (Wagner). 185 

behandelt er Fichtes Anteil an der Einftthruug der Pestallozzischen Methode 
in Preussen, wobei besonders bemerkenswert sind die beiden Abschnitte: 
„Fichte und Sttvern" und „Fichte und Humboldt". Dieses Kapitel (S. 33 
bis 142) ist das eigentliche Kernstiick des Buches. Dabei werden sehr 
wertvolle (wenn auch kurze) Bemerkungen zur Geschichte des Gedankens 
der Nationalerziehung eingestreut, insbesondere gezeigt, wie die Entwick- 
lung Preussens zum Militar- und Beamtenstaat mit Notwendigkeit dahin 
gefiihrt hat, die Offentliche Erziehung in den Dienst der Staatswohlfahrt 
zu stellen. Wagner weist nun nach, dass Fichte an der wirklichen Ein- 
ftihrung der Pestalozzischen Methode in Preussen ein ausschlaggebender 
und wichtiger Anteil zugestanden werden muss, was freilich vOllig liber- 
zeugend darzutun bei dem unzureichenden Material kaum moglich ist. 
Auch kommt hier a lies darauf an, was man eigentlich uuter der Pesta- 
lozzischen Methode zu verstehen hat, woriiber bekanntlich die Meinungen 
recht verschieden sind. Richtig ist zweifellos, wenn der Verfasser aus- 
fiihrt (S. 51), dass in der politischen Orientierung seiner Nationalerziehung 
im Sinne einer Erziehung zur nationalen SelbstSndigkeit Fichte weit 
fiber Pestalozzi hinausging, dass Fichte sozusagen die Verstaatlichung des 
Menschen woUte, wahrend Pestalozzi alles gelegen war an einer Vermensch- 
lichung des Staates. Sehr bemerkenswert fur den hohen und freien Geist 
der Zeit sind auch die von Siivern zitierten Stellen, So heisst es bei ihm 
einmal: „Jeder Ort, welcher mehrerer Schulen bedarf, muss diese alle in 
eine angemessene Verbindung bringen, so dass sie insgesamt von der all- 
gemeinen Elementarschule an bis zu der Schule hoherer Stufe, bei welcher 
er sich begrenzt, ein Ganzes und ein geh^rig ineinander greifendes System 
ausmachen" und ferner: „Alle Schulen sind Statten der ein en National- 
erziehung d. h. der allgemeinen Ausbildung des Menschen und seiner 
Kraft". In dem Suvernschen Entwurf heisst es : „Alle Stufen des Bildungs- 
wesens mussen bei aller Mannigfaltigkeit im einzelnen auf ihren Endzweck 
so fest gerichtet sein, dass sie zusammen wie eine grosse Anstalt fur die 
Nationayugendbildung betrachtet werden kOnnen". Dass Sttvern ein Ver- 
treter des Gedankens gewesen ist, den man heute als den der „differen- 
zierten Einheits-Schule" bezeichnet, ist danach gar nicht zu bezweifeln. 
Humboldt aber stand ebenfalls Fichte in seinen Grundgedanken sehr nahe, 
80 verschieden sie beide als Pers5nlichkeiten auch sein mochten. Wenn 
Humboldt einmal sagt: „Nur die Wissenschaft, die aus dem Innem stammt 
und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, 
und dem Staat ist es ebensowenig als der Menschheit um Wissen und 
Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun", so konnte dieser 
Satz genau so bei Fichte stehen. In den Fragen des Volksunterrichts 
aber stimmen Fichte, Sttvern und Humboldt in allem wesentlichen mit 
einander ttberein. So sagt Humboldt einmal in ein em Brief e (IV, 3801): 
„In die hoheren Stande bringt man das VolksmSssige nicht, wenn man 
nicht den Volksunterricht so anordnet, dass er eine allgemeine Grundlage 
wird, die niemand verschmahen kann, ohne sich selbst verachten zu 
mttssen und auf der nachher jedes andere auf gebaut werden kann." Wenn 
es dann an einer andem Stelle (Humboldts Brief an seine Gemahlin III, 
444) heisst: „Ich hatte einen allgemeinen Plan gemacht, der von der 
kleinsten Schule an bis zur Universitat alles umfasste, und in dem alles 
ineinander griff usw." so bedauert man noch heute nach einem Jahr- 
hundert, dass Humboldtscher Geist und Einfluss nur so kurze Zeit im 
preussischen Schulwesen gewirkt haben. Es war fur Preussen von Be- 
deutung, dass K5nig Friedrich Wilhelm III., besonders wohl durch die 
Konigin, fttr die Pestalozzische Methode gewonnen wurde, und er blieb 
bis zu seinem Tode seinem Wohlwollen gegen das Volksschulwesen und 
insbesondere dessen ErfttUung mit Pestalozzischem Geiste getreu. Im 
vierten Kapitel behandelt Wagner die Einftthrung der Pestalozzischen 
Methode in Preussen, im fttnften Fichtes Reden im Urteii der Zeitgenossen 
und der Reaktion. , Im sechsten Kapitel zeigt er die Wirkungen der Reden 
Fichtes ausserhalb der preussischen Regierung, im siebenten und letzten 



186 Besprechungen (Schmidkunz). 

stellt er literarische Urteile tiber Fichtes Reden zusammen. Der .Anhang** 
enthalt eine wertvolle Bibliographie uber Fichtes Reden. Im ganzen kaun 
man sagen, dass Wagners Arbeit durch die Fiille des beigebrachten Mate- 
rials und durch eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte hervorragt, wenn 
man auch nicht alien seinen Behauptungen im einzelnen beistimmen wird. 
Berlin-Charlottenburg. Artur Buchenau. 

Schmidkunz, Hans, Dr. Philosophische Propadeutik in neu- 
ester Literatur. Mit einer Einfiihrung von Dr. Alois Hofler o. o. Pro- 
fessor an der Universitat Wien. 1917. Halle, Buchhandlung des Waisen- 
hauses. 8°, VI und 90 S. 

Die vorliegende Schrift des durch seine Hochschulpadagogik be- 
kannten Verfassers ist der erweiterte Abdruck einer Abhandlung, die in 
den Monaten Januar bis Juli 1916 in den „Lehrproben und LehrgSngen" 
erschienen ist. Sie erhebt erneut den Ruf nach fachmassigem, propadeu- 
tischem Unterricht an unseren hoheren Lehranstalten und fiihrt den Nach- 
weis seiner Notwendigkeit durch einen Ueberblick iiber die einschlagige 
Literatur aus den Jahren 1913—1916. Doch in der ganzen Anlage und mit 
den zahlreichen, praktischen VorschlSgen gibt der Verf. weit mehr als der 
Titel vermuten lasst. 

Da wird zunachst neben der Uebersicht iiber die Literatur die Frage 
erOrtert, welche Gebiete ein propadeutischer Philosophieunterricht um- 
fassen soil. Verf. geht aus von der padagogisch selbstverstandlichen 
Forderung, an den Beginn des Unterrichtes objektiv Sicheres, dem subjek- 
tiven Schwanken der Meinungen^mOgiichst Entriicktes zu stellen. In dem 
Gebiete der Philosophie geniigen dieser Forderung verhaltnismassig gut 
zwei Teildisziplinen, Logik und Psychologie. Die neben diesen noch ubrig- 
bleibenden Disziplinen lassen sich gut an sie anschliessen ; an die Logik 
Werttheorie und Erkenntnislehre, an die Psychologie Aesthetik, Ethik und 
ev. Metaphysik. Der umgekehrte Weg, das „metaphysische Bedurfnis" der 
Jugend nicht mit Logik und Psychologie abzuspeisen, sondern ihm durch 
metaphysische Erorterungen Rechnung zu tragen, wird mit treffender 
Kritik zuriickgewiesen. Die vom Verf. vorgeschlagene Gruppierung der 
einzelnen Disziplinen urn Logik und Psychologie ermoglicht es auch, alle 
in der Schule gelernten Gegenstande zu einem Gesamtbilde zu vereinigen. 

Die folgenden Kap. geben dann eine nahere Ausfuhrung, wie 
diese Verkniipfung im Einzelnen gedacht ist. Es sind interessante und 
zugleich praktisch verwertbare Vorschlage. 

Als Schluss des Unterrichts fordert Verf. sehr mit Recht eine Zu- 
sammenfassung des Erreichten zu einer Einleitung in die Philosophie. Die 
bis dahin gegebenen Ankniipfungen sollen jetzt zu einem Ueberblick iiber 
den Gesamtumfang (nicht Inhalt!) der Philosophie zusammengeschlossen 
werden. 

Es ist also der traditionelle, aber den modernen Forderungen ange- 
passte Weg, den Schmidkunz unsere Primaner gefuhrt sehen will. Neben 
diesem werden in der Literatur noch vier andere vertreten. Man verlangt 
1. ein allgemeines Bild der Philosophie als Weltanschauung; 2. ihre Ge- 
schichte, 3. Lektiire von Autoren, 4. Anschluss an das deutsche oder andere 
Facher (Mathematik). Diesen Anschluss legt auch Weg 3 nahe, wahrend 
1 und 2 besondere Lehrstunden erfordern. Alle 4 Wege werden mit z. T. 
scharfer, aber m. E. stets voll berechtigter Kritik zuriickgewiesen. Bei 
Weg 4 hatte ich gem von den beiden Punkten der Kritik — Herabsetzung 
der beiden vereinigten Facher in den Augen der Schiiler und Mangel an 
Zeit in den fachwissenschaftlichen Stundenfttr gewinnbringende philoso- 
phische Erorterungen — vor allem den zweiten Punkt noch scharfer unter- 
strichen gesehen. 

Dass ein philosophischer Unterricht nicht allein Anschluss an die 
anderen Lehrfacher suchen muss, sondern auch diese an die Philosophie, 
und dass dabei fiir beide Teile nur Gewinn herauskommen kann, ist der 
Inhalt der jetzt folgenden Darlegungen. Nun wird eiiie kritische Ueber- 



Selbstanzeigen (Kynaet). 187 

sicht fiber die Mangel des augenblickiich bestehenden Zustandes gegeben. 
Dae Gymnasium enthalt noch Spuren des friiheren Zustandes, da bei ihm 
die allgemeinen Bemerkungen der Lehrplane wenigstens in Deutsch und 
Griechisch die Philosophic noch erwShnen; doch fiihrt sie heute auch auf 
den Gymnasien nur ein recht schemenhaftes Dasein. Etwas besser stehen 
in der Beziehung nur die suddeutschen und osterreichischen Anstalten. 
An den realen Anstalten kommt fiir die Philosophie heute nur eine ge- 
legentliche Behandlung im deutschen Unterricht in Frage. Oesterreich 
und Baden machten auch hier eine erfreuliche Ausnahme. Madchenschulen 
und Lehrerbildungsanstalten werden ebenfalls noch beriicksichtigt. 

Das Ergebnis des Verfassers gipfelt in der Forderung, dass „das 
Lehrfach der philosophischen PropSdeutik vorbehaltlos und 
als eigenes und unabhSngiges Fach in derQuantitat von wenig- 
stens zwei Wochenstunden wahreud der zwei obersten Jahr- 
gange und in der Qualitat des gegenwartigen Fachstandes der 
Philosophie [den h6heren« Schulen] zuriickgegeben werde". 

Die Lektiire dieses Buches sei aUen fiir die Fragen des propadeu- 
tischen Philosophieunterrichtes Interessierten warm empfohlen, nicht nur 
denen, die wie Ref. selbst von der Notwendigkeit dieses Unterrichtes 
iiberzeugt sind, sondern vor allem auch den Andersdenkenden. Es dtirfte 
dazu dienen auch bei ihnen das Gefiihl des Unbefriedigtseins mit dem 
gegenwartigen Zustande hervorzurufen. 

Hoffentlich tragt das Buch dazu bei, der Philosophie wieder den ihr 
im hoheren Unterricht gebuhrenden Platz zu verschaffen, wenn sich nach 
diesen sturmbewegten Tagen auch in den Lehrplanen der hOheren Schulen 
Aenderungen als notwendig erweisen. 

Zum Schluss sei noch die Bitte des Verf. weitergegeben, ihm alle 
erreichbare einschiagige Literatur namhaft zu machen (durch den Verlag 
der Lehrproben und Lehrgange). 

Tarnowitz O.-Schl. Dr. E. Schleier. 



Selbstanzeigen. 



Kynast, Reinhard, Dr., Oberlehrer. Das Problem der Phanome- 
nologie, eine wissenschaftstheoretische Untersuchung. Breslau, Trewendt & 
Granier. 1917. (91 S.). 

Der Gegenstand dieser Schrift will eine Auseinandersetzung des Kritizis- 
mus mit der Phanomenologie Husserls geben. So notwendig eine solche Unter- 
suchung der Fixierung und Begriindung der eigenen Stellungnahme zu den 
Grundfragen der kritizistischen Erkenntnistheorie bedarf, so sehr lauft sie andrer- 
seHs Gefahr, der schwer zu fassenden Eigenart der Phanomenologie Gewalt an- 
zutun und sie in die Formen des Kritizismus einzuzwangen. Daher sind nur 
die allgeraeinsten Theoreme des letzteren zu begriindeter Darstellung gebracht; 
es wird dabei versucht, eine Grenze zu Ziehen zwischen beweisbaren Satzen und 
solchen, deren Gegebenheitscharakter sig der Begriindung entzieht. Nur die 
Beachtung dieser Scheidelinie lasst es verstandlich werden, wie phanomeno- 
logische Beschreibung als Verdeutlichung eines Gegebenen voraussetzungsarm 
inbezug auf den Geltungsgehalt der einzelnen Wissenschaften sein kann; nur 
so lassen sich die Grundbegriffe der Phanomenologie in ihrem eigentiimlichen 
Sinne vom Kritizismus aus erfassen und beleuchten. 

Nach Gewinnung der erkenntniskritischen Grundlage werden die Anspriiche 
der Phanomenologie auf ihre Berechtigung gepriift und ihre positive Bedeutsam- 
keit ftir alle Wissenschaften aufzuzeigen versucht. Das Ergebnis ist, dass die 
Phanomenologie mittels ihrer Wesenserschauung und Einklammerung nur Urteile 



188 Selbstanzeigen (Schleier — Moogj. 

von empirischer Geltung liefern kann, dass sie jedoch damit keineswegs schon 
mit der deskriptiven Psychologic zu identifizieren ist, wie man vielfach gemeint 
hat. Vielmehr ist sie eine kraft ihrer besonderen Methode sich von den anderen 
Wissenschaften deutlich abgrenzende Disziplin, die berufen ist, jenen ihr 
« Material* in evidenter Gegebenheit darzubieten. Sie ist daher eine notwendige 
Voraussetzung fiir die Realisierung jeder Wissenschaft, fiir deren «Erscheinung>. 
In eigenartiger Verschrankung zu ihr stehen Logik und Erkenntnistheorie, die 
notwendige Voraussetzungen fiir das «ideale System* jeder Wissenschaft sind. 
Nachdem das Verhaltnis der PhSnomenologie zur Logik, Erkenntnistheorie und 
Psychologic beleuchtet und damit ihr Platz im System der Wissenschaften 
bestimmt ist, wird zum Schluss eine Auseinandersetzung mit den bedeut- 
samsten Kundgebungen gebracht, die fiir und wider die Phanomenologie laut 
geworden sind. 

Z. Zt. Berlin. Dr. Kynast. 

ScUleier, Emil, Dr., Oberlehrer. Kant und das mathematische 
Geltungsproblem. Teildruck Kap. Ill A: die moderne Grundlegung der 
Mathematik (Geometrische Probleme.) 1917. Dissertation Breslau. 

Bei dem engen Zusammenhange zwischen der kritischen Philosophic und 
den erkenntnistheoretischen Problemen der Mathematik verspricht eine erneute 
Nachpriifung der Kantischen Ansichten iibcr das Wesen der Mathematik sowohl 
nach philosophischer wie mathematischer Seite hin fruchtbar zu sein. 

Das erste Kap. ist einer Darlegung der Lehrc Kants gewidmet. Daran 
schliesst sich der Nachweis, dass die Mathematik inzwischen aus einer Wissen- 
schaft der Grosse eine solche der Funktion geworden ist. Hicrauf habe ich 
mich bemiiht zu zeigen, dass auch heute noch die Aufsatze Kants den besten 
Wee darstellen, tiefer in das Wesen und die Struktur der mathematischen Be- 
griffsbildung einzudringen. Die reine Anschauung, auf die Kant die Geltung 
der mathematischen Satze als reiner Synthese a priori stiitzt, ist der Ausdruck 
einer Methode. Sie kennzeichnet auch das Wesentliche in der Bildung der 
mathematischen Begriffe, die das Ergebnis neuerer Forschung sind. Der mathe- 
matische Begriff ist heute durchaus Relationsbegriff, und seine Geltung lasst sich 
nur durch Herausstellung der methodischen Art seiner Gewinnung erweisen ; 
eben dies soil die reine Anschauung leisten. Die Grundlagen der Geometric 
sowohl wie der Arithmetik sind zu diesem Bewcisc hcrangezogcn. 

Im Ictzten Kap. soil dann gezeigt werden, dass auch die Ansatze der 
Relativitatstheorie die gleiche Struktur zeigen und ihre Geltung auf dem gleichen 
Rechtsgrunde ruht. 

Der vorliegendc Teildruck umfasst nur den auf die Grundlagen der Geo- 
metrie gestutzten Teil des Bewcises; die ganze Arbeit erschcint aber bald nach 
Abschluss des Kriegcs in Buchform. 

Tarnowitz, O.-Schl. E. Schleier. 

Moog, Willy, Kants Ansichten iibcr Krieg und Fricden. S. VIII. 
u. 122. Darmstadt 1917, Falken-Verlag, Preis 3,00 Mk. 

Die Schrift bietet ein rciches, zum grossen Teil wenig bekanntes Material 
aus Kants samtlichcn Werken (auch den nachgelassencn Fragmenten, Rcflcxionen, 
losen Blattcrn u. a.) und setzt seine Ansichten iibcr Krieg und Fricden, die 
man nicht etwa nur im Traktat ,Zum cwigen Frieden' suchen darf, in Bezichung 
zu seincn geschichtsphilosophischcn, psychologischen, ethischen und rcchtsphilo- 
sophischen Anschauungen, wodurch sich meincs Erachtens erst ihre richtige 
Beurteilung ergibt. Es soil damit nicht nur ein Beitrag zu Kants Leben und 
Lehren gcliefert werden, sondcrn indem die Erortcrungen auf die Probleme des 
Kriegcs und des Friedens und damit zusammenhangendc Fragen wie iibcr Staats-, 
Volks- und Wcltbiirgerrecht, iibcr Entwicklung und Ziele der Staaten und der 
ganzen Menschheit, iibcr das Wesen des Deutschtums, den Charaktcr des 
Kricgers, die Kriegschre u. a. hinwcisen, woUen sie zu einem philosophischen 
Verstandnis wichtiger Aufgaben der Gegenwart wie der Zukunft anleiten. 

Z, Zt. Alcxandrowo (Polen). W. Moog. 



Selbstanzeigen (Moog — Marcuse). 189 

Moog, Willy, Fichte aber den Krieg. Darmstadt 1917, S. 48. 
Falken-Verlag, Preis 1,20 Mk. 

Die Broschiire ist eine Erganzung der Schrift „Kants Ansichten fiber Krieg 
und Frieden". Fichte hat die Lehren seines Meisters weitergebildet, er hat be- 
sonders den Begriffen der Nation und der IndividuaHtat geschichtsphilosophische 
Geltung verschafft. Es wird gezeigt, wie seine Ansichten zu Kantischen Theo- 
rien in Beziehung stehen, wie er als der Schuler Kants ein VorkMmpfer des 
Deutschtums und der Philosoph der Freiheitskriege wird. 

Z. Zt. Alexandrowo (Polen). W. Moog. 

Marcuse, Ludwig. Die Individualitat als Wert und die Philo- 
sophic Friedrich Nietzsches. Dissertation: Berlin 1917 (88 Seiten), 

Aus der Arbeit lose ich zwei Hauptmotive heraus: erstlich das syste- 
matische: an philosophiegeschichtfich hervorragender Stelle (bei Nietzsche) das 
Ptoblemknauel des Individualitatsbegriffes abzuwickeln, und dann das philosophie- 
geschichtliche: in Nietzsches Denken ein objektives, eine sachliche, vom Problem 
her geforderte Dialektik aufzuweisen. Die Verkoppelung dieser beiden Motive 
ist ungezwungen, da hier zugleich eine reiche Entfaltung des Problems gegeben 
ist, und eben dieses Problem in einem hohen Grade das eigentliche Pathos des 
Denkers ausdriickt. Allerdings liegt — zugespitzt ausgedriickt — diese Logik 
Nietzsche fern gegenuber dem erlebnisreicheren, aber philosophisch unausschopf- 
lichen Mythos Nietzsche. 

Der Individualitatsbegriff in seinen verschiedenen theoretisch-metaphy- 
sischen Formulierungen ist stets Funktion eines bestimmten Systems. So 
wandelt sich auch mit Nietzsches theoretischer Grundposition sein Begriff der 
Individualitat. Den theoretischen Weltbildern tiberbauen sich bestimmte ihnen 
zugeordnete Wertkosmen. Auch in ihnen hat die Individualitat ihren legitimen 
Ort. So wird auf jeder Stufe Nietzscheschen Denkens nach dem logischen Ort 
der Individualitat gefragt und nach ihrem korrelativen Ort im System der Werte. 
Wie nun aber die erschiitternde Disharmonie Nietzsches Theoretik und Wert- 
welt oft auseinandertreten lasst: so haben wir haufig Wertungen der Individua- 
titat, die keinen metaphysisch-theoretischen Ankergrund finden, und oft bilden 
sich erst theoretischer und wertphilosophischer Individualitatsbegriff einander zu. 
Von diesen beiden Polen her: von der Theoretik und der Wertphilosophi^ 
wuchsen fur Nietzsche antinomisch zwei Welten gegeneinander, die gegenseitig 
aufeinander einwirkten und sich wechselseitig nach ihrem Bilde umgestalteten. 
Das Leitmotiv aber ist der absolute Wert der Individualitat als Eigengesetzlich- 
keit. Wie dieses Motiv schon in der fremden Welt der monistischen Willens- 
metaphysik anklingt und irgendwie mit den ihm fremdesten Themen mitlauft, 
bis es jede systematische Schranke sprengend in der Idee des Gott-Individuum 
erbraust, wird im ersten Abschnitt aufgespurt. 

Der nachste Abschnitt nimmt das Thema der Individualitat als absoluter 
Wert auf, sieht nicht mehr auf die mit ihm zu vereinbarende theoretisch- 
metaphysische Grundlage hin, sondern stellt sie in die Wertwelt ein und fragt: 
Wie sieht ein Wertsystem aus, in dem der Wert der Individualitat hochster 
Wert ist? Die Frage nach dem Wertsystem ist aber subjektiv wie objektiv ge- 
meint: als im weitesten Sinne ethische gilt sie fur das einzelne Subjekt. Da- 
rflber hinaus aber greift sie auch an einen objektiv -metaphysischen Sinn. 
Objektiv die Frage gewendet: kann neben den individuellen Sinneinheiten noch 
eine metaphysische, aesthetische, ethische Sinneinheit stehen? Die Frage wird 
im einzelnen beantwortet mit: nein. Ueberall wird das Individuum relativiert 
und bekommt die (wenn auch edle) Blasse der Kantischen „Personlichkeif, wo 
sie sich diesen geistigen Gesetzlichkeiten einordnet; uberall werden diese 
Gesetzlichkeiten zerstOrt, wo die Individualitat den Anspruch macht, sie als ihr 
Erzeugnis zu gebaren ; hier tun sich gewaltige Antinomien kund, innerste Trieb- 
federn gegenwSrtiger geistiger Kampfe. An dem Zusammenhalten Kantischer 
und Nietzescher Ethik, die bei weitgehendster Gemeinsamkeit weltenweit aus- 
einanderklaffen, (Uebrigens: nicht hauptsMchlich, weil Nietzsches Ethik biolo- 
gisch ware) erhellt Nietzsches Stellung zum deutschen Idealismus. Von Kant 
fiber Fichte und Humboldt zu Hegel lasst sich eine immer starkere Auszeichnung 



190 Selbstanzeigen (Meckauer). 

der individuellen Sinneinheit bemerken. Und es ist nun bei Nietzsche, als 
wSren diese einzelnen Individualitaten, die Hegel noch gerade durch das 
einigende Band der Dialektik zusammenkniipfen konnte, bei ihm auseinander- 
gefallen und standen jetzt unvermittelt nebeneinander. Das erst ist das Trennende 
zwischen Hegels Geistesbegriff und Nietzsches Lebensbegriff bei gemeinsamer 
Abwehr des eleatisch-starren Kantischen Vernunftbegriffs als auch eines vOllig 
sinnentblossten (naturwissenschaftlichen) Werdensbegriffs : dass Nietzsche kein 
Ziel der Geschichte kennt und keinen Gesamtsinn, dass sie ihm aber doch so- 
zusagen ein Aggregat von individuellen Sinneinheiten ist. Die Parallele zum 
Nationalstaatsgedanken, die tiefe Beziehung zu unserer Kultur ist ersichtlich. 

In einem letzten Abschnitt wird (nur noch skizzenhaft) die AuflSsung der 
Individualitat als absoluter Wert innerhalb der Nietzeschen Philosophic aufge- 
zeigt. Der Begriff des Uebermenschen enthalt ein geschichtsphilosophisches 
Ideal und wird so (ahnlich wie Kants metaphysischer Verfestigung sich ent- 
ziehende Geschichtsphilosophie) zum gewaltigen Weiser der geforderten Richtung : 
so nun aber auch die Individualitaten in die Einheit der Richtung zwingend und 
ihre Unendlichkeit damit aufhebend. Von einem zweiten Begriff kam aber der 
Individualitat als absoluter Wert der eigentliche Vernichter: von der Macht. 
UrsprUnglich eine Komponente der Individualitat (die ja kein Atom sondern 
qualitative Inaktivitat ist) wird sie zu ihrem ZerstOrer. Die Macht wird 
Oberwert. Die Individualitat hat iiberhaupt keinen, geschweige einen bevor- 
zugten Platz in einem Wertsystem, welches das Prinzip birgt: ,Rangbestimmend, 
rangabhebend sind allein Machtquantitaten und sonst nichts*. So zersetzt sich 
Nietzsche dialektisch sein hOchster Wert. — 

Jenseits von bequemer Hingebung an den objektiven Geist und dumm- 
eitelem Liebkosen naturgegeben-zufalligen Soseins ringt Nietzsche um den 
absoluten Wert der individuellen Sinneinheit. Kants Persdnlichkeitsbegriff ist 
die edelste Essenz einer erhabenen, aber vergangenen Kulturform. Wir aber 
miissen mit Nietzsche ringen. — 

Berlin. Ludwig Marcuse. 

Meckauer, Walter, Dr. Der Intuitionismus und seine Elemente 
bei Henri Bergson. Eine kritische Untersuchung. Felix Meiner, Leipzig 
1917 XIV, 160 S. 

Die Arbeit will die Lehre Henri Bergsons am ,Probierstein des Kritizis- 
mus" priifen. Sie ist dabei bemiiht, sich sowohl von einer unkritischen Ueber- 
schatzung .Bergsons als Modeschriftstellers" als von einer vorurteilshaften 
Ablehnung .Bergsons als politischen Feindes" frei zu machen. Um diese Ab- 
sicht zu erreichen, sucht sie nach dem Kern Bergson'schen Philosophierens. 
Sie fragt: Was ist das Wesen der Bergson'schen Metaphysik und die Ursache 
seiner weitausgreifenden Wirkung in die Zeit? Sie findet in dem Begriff der 
Bergson'schen .Intuition" die Beantwortung dieser Frage. Bergson'sche Meta- 
physik ist ihrem innersten Wesen nach Intuitionsmetaphysik: .Intuitionismus". 
Um den Begriff der Intuition gruppieren sich die verschiedenartigen Probleme 
der Bergson'schen Weltanschauung, insonderheit seine eigentiimlichen psycho- 
logischen, biologischen und asthetischen Vorstellungen und seine Raum- und 
Zeittheorie. Die Arbeit weist eine dreifache Art der Deduktion des Intuitions- 
begriffes bei Bergson nach : eine metaphysische Deduktion aus dem Begriff der 
.duree", eine biologische Deduktion (iber die Stufen von Torpeur, Instinkt und 
Intelligenz und eine psychologische Deduktion aus den Erscheinungen der 
Introspektion, dem Akte des Verstehens und dem Anschauen einer Bedeutung. 
Durch diese Dreiteilung werden die Ansatzpunkte fur eine kritische Beurteilung 
des Intuitionsbegriffes gegeben. 

In eingehender kritischer Untersuchung wird sodann der Irrationalismus 
und Alogismus des Bergson'schen Intuitionsbegriffes behandelt. Entsprechend 
der Dreiwertigkeit seiner Deduktion wird von Bergsons metaphysischem Mysti- 
zismus, Biologismus und Psychologismus gesprochen. Die Form seines metho- 
dischen Vorgehens erweist sich als eine Analyse, die sich selbst den Boden ab- 



Selbstanzeigen (Kurowsky). 191 

grabt, als eine Methode, die man mit dem Wort .Halbanalyse" am besten 
kennzeichnen kann und deren antinomische Eigenart ihren Ursprung in der 
Verkennung des Begriffes der Logik hat. 

Mit einer ausschliesslichen Kritik des Intuitionsbegriffes aber kann es bei 
der Beurteilung einer Intuitionsmetaphysik im Sinne Bergsons nicht sein Be- 
wenden haben, da ein solcher ausschliesslich kritischer Standpunkt dem Wesen 
des Intuitionismus nicht voUauf gerecht werden wiirde, einem Wesen, das sich 
nicht nur bewusst (bei Bergson) jeder diskursiven Analyse entziehen will, sondern 
auch sachlich (an sich) iiber die Formulierungen, die Bergson der Intuition er- 
teilt hat, seine Bedeutung behalt. Es muss die Frage gestelit werden : 1st Intui- 
tionismus flberhaupt moglich? Dabei ist von den speziellen Theorieen der 
franzOsischen Intuittonisten abzusehen und nach den Grundquellen zu suchen, 
aus denen seine intuitive Philosophie fliesst, unbeachtet dessen, was seine meta- 
physische Einstellung daraus gemacht hat. Bei dieser Untersuchung ergeben 
sich Beziehungen mannigfachster Art zu Tendenzen und StrOmungen in den 
philosophischen Bestrebungen anderer Denker der Gegenwart. Beriihrungs- 
punkte werden im Besonderen mit den Bemiihungen der Husserl'schen Position 
gefunden, auf die auch rein ausserlich Begriffe wie der Begriff der .Erschauung* 
(Ideation), der .Intuition* und der .Attitude" (Einstellung) hinweisen. (Vgl. be- 
sonders § 16 und §§46—54 der Arbeit). Die Bedeutung der Intuition wird an 
Erscheinungen der Aesthetik und Methodologie erortert. Die besondere Struktur 
des kilnstlerischen Erlebens und die spezifischen asthetischen Bedingungen des 
Kunstwerkes eroffnen Ausblicke auf eine Fruchtbarmachung des Intuitionsbegriffes. 

Ueber die Elemente des Intuitionismus im Allgemeinen, mit besonderer 
Beriicksichtigung des Bergson'schen Intuitionismus, orientiert ein Index der Kern- 
worte. Seine Aufgabe ist, die Vielheit (.Allesheit") der mit einer intuitiven 
Philosophie verkniipften Probleme zu betonen und den Blick auf die weitlaufige 
Verzweigtheit der Beziehungen zu lenken, die eine gerechte Wiirdigung und 
eindeutige Beantwortung der Frage der Intuition dauernd verhindert. Begrundet 
ist die Arbeit auf Kants Schriften selbst, insonderheit auf der .Kritik der reinen 
Vernunff, der „Kritik der Urteilskraft* und den .Prolegomena*. Zur speziel- 
leren Beurteilung und Wertung der Bergson'schen Metaphysik boten die Spezial- 
arbeiten von Steenbergen, Keller, Florian, Hilpert, Schoen, Prager, Ott, Goldstein, 
Bonke u. a. Aufschluss. Fiir die Bewertung des Intuitionismus iiberhaupt wurden 
die Aussagen von Schmitt und Losskij, ferner Zeugnisse Goethes und Schopen- 
hauers, sowie Rickert, Windelband, Dilthey, Schlick, Keyserling, Braun u. a. 
herangezogen. 

Dem Buch ist eine Bergson-Bibliographie beigegeben, welche die 
erschienenen Schriften und Zeitschriftenaufsatze iiber Bergson und den Intuitionis- 
mus bis zum 1. Oktober 1916 nachweist. 

Breslau. Walter Meckauer. 

KurowskJ, Alphons von. Der Kern der Philosophie und Ethik 
Schopenhauer s. Sonderabdruck aus .Annalen der Natur- und Kulturphilo- 
sophie.' 38 Seiten, 13. Band, 1917. 

Die vorliegende Arbeit unterscheidet sich nicht unerheblich von alien 
bisher iiber denselben Gegenstand erschienenen. Einmal durch die fortlaufende 
Vergleichung der Hauptlehren Schopenhauers mit der Kantischen Philo- 
sophie. Sodann darin, dass der Verfasser den Gedankengang nicht in der 
.verschlungenen Darstellung* (I, 373) des Philosophen, sondern, soweit 
mSglich, in streng logischer Folge wiederzugeben bestrebt war. Ferner sind 
die eigentlichen Probleme, namlich die Schopenhauer'schen Grundbegriffe 
Vernunft, Verstand, Materie, Kausalitat, Korrelation, sowie seine Grundlehren 
iiber Entstehen und Vergehen von Welt und Materie, iiber das Primat des 
Willens im Selbstbewusstsein, iiber das Nichterkennen des Erkennens, iiber Frei- 
heit und Verantwortlichkeit des Dinges an sich und iiber Philosophie als Kunst 
ihrer wahren Bedeutung entsprechend in den Vordergrund geriickt, vor allem 
aber auch zum Gegenstande einer Priifung und Kritik gemacht worden. 



192 Mitteilungen. 

Desgleichen unterscheidet sich insbesondere die Darstellung der 
Schopenhauer'schen Lehren durchaus von der sonst iiblichen. Zu einer 
exakten Wiedergabe fremder Gedanken gehOrt vor allem, dass der Referent 
nicht seine eigenen Gedanken fiir die des Autors ausgebe. Dieser 
Gefahr kann aber nur dadurch wirksam vorgebeugt werden, dass alle wesent- 
lichen Lehren eines Verfassers ausschliesslich mit seinen eigenen Worten vor- 
getragen werden. Denn, sagt Schopenhauer mit vollem Recht: ,Nur von 
ihren Urhebern selbst kann man die philosophischen Gedanken 
em pf an gen." (I, 24). Wir haben demgemass unseren Philosophen iiberall 
selbst zu Worte kommen lassen, und zwar nicht bloss durch je eine einzelne 
Belegstelle fiir jede seiner Lehren — denn das wiirde der einseitigen Deutung 
und Auslegung den weitesten Spielraum lassen — , sondern durch AnfQhrung 
und Vereinigung moglichst mannigfaltiger Aeusserungen und Wendungen aus 
seinen Werken, die einander ergSnzen, beleuchten oder bestatigen sollen. Erst 
dadurch wird eine wirklich exakte Darstellung gewShrleistet und jeder Leser in 
den Stand gesetzt, sich ein eigenes Urteil fiber die Lehre des Philosophen zu 
bilden, vielleicht auch .durch die Vergleichung der Gedanken, die ein Verfasser 
fiber seinen Gegenstand aussert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich 
selbst verstand". (Kr. d. r. V. S. 274. Reclam.) Interessenten steht ein Sonder- 
abdruck zur Verfugung, soweit der Vorrat reicht. 

Berlin-Treptow. Alphons von Kurowski. 



Mitteilungen. 



Johannes Imelmann f 

Nachruf von Max Schneidewin-Hameln. 

Ich babe Johannes Imelmann im Anfang des Jahres 1864 kennen gelernt, 
als wir beide als junge Kandidaten am Kgl. Friedrichs-Wilhelm Gymnasium zu 
Berlin die beiden Coeten der Sexta als Ordinarien leiteten; wir blieben dort 
bis Ostern 1867 zusammen. Die Sussern Daten seines Lebens weiss ich von 
ihm selbst. Er war geboren zu Berlin am 13. Dezember 1843. Sein Vater war 
Kaufmann; er hat ihn so frfih verloren, dass er keine Erinnerung an ihn hat 
ins Leben hinaus nehmen kOnnen. Bisweilen sprach er mit wehmutsvoUer Pietat 
fur den ihm unbekannt Gebliebenen von dieser beklagten Ungunst seines Schick- 
sals. Seiner Mutter ist er ein Muster von Sohn gewesen bis zu ihrem Tode 1887. 
Ostern 1870 ging Imelmann an das Joachimsthalsche Gymnasium fiber, an dem 
er bis 1902 gewirkt hat. Den .Professor" hat er schon 1875 davongetragen, so 
fruh, wie, zumal damals, es fast beispiellos gewesen ist. Die fiberstrOmende 
Ffllle seines Wissens, der Erfolg seiner Lehrtatigkeit und namentlich die Ueber- 
legenheit seiner Personlichkeit und ihre bis auf das innerste Menschliche der 
Schuler sich erstreckende Wirkung werden es gewesen sein, die so frfih auch 
die aussere Auszeichnung des jungen Lehrers veranlassten. Die Schfiler em- 
pfanden ihn so hoch fiber sich stehend, dass sie garnicht darauf gekommen 
waren, diesem Lehrer gegenfiber nicht ganz auf seine Intentionen einzugehen; 
daneben aber war es das tiefe Wohlwollen, das Imelmann wie eine selbstver- 
standliche Mitgift des Lehrertums eingeboren war, dem sie zu Liebe lemten 
und arbeiteten, ja auch ihre Selbstveredlung und Zucht ins Auge nahmen. Er 
hat mir das selbst nicht so erzShlt, aber auch nicht widersprochen, wenn ich 
mit Scheu vor Lob ins Gesicht wohl das Geheimnis einer so ausnehmenden 
Macht fiber die Schuler mir zu einem psychologisch-ethischen Probleme machte. 



Mitteilungen. 193 

Nach 38jahrigeni Schuldienst trat Imelmann in den Ruhestand, Den seit 
langen Jahren eingenommene Posten ernes Mitglieds der Ober-Militar-Priifungs- 
kommission, zu dem viele Jahre auch noch der Vortrag der deutschen Literatur- 
geschichte auf der Kriegsakademie hinzutrat, hat er bis 1911 beibehalten. 

Es traf sich, dass gerade an der Berliner Universitat lateinische und 
griechische Kurse fiir solche Studenten, die ihre Reifequalitat durch deren Zu- 
billigung auch in den beiden Hauptfachern des humanistischen Gymnasiums zu, 
ergSnzen wiinschten, eingerichtet waren. Solche Kurse durchzufiihren, konnte 
niemand geeigneter sein, als Imelmann; mit nicht geringer Selbstiiberwindung, 
die rein realistische Seite solchen studentischen Begehrens als etwas nun einmal 
Gegebenes anzuerkennen, hat er den idealen Bildungszusatz zu der realistischen 
Vorbereitung aus brennender Seele in den Vordergrund geschoben und seine 
nunmehrigen Schiiler mit der Einsicht und dem Gefiihl erfiillt, welches von 
keiner Seite voll zu ersetzende Grosse unsere Kultur doch in ihrer Wurzelung 
im klassischen Altertum besitzt. Nach zehnjahriger Tatigkeit dieser Art hat sich 
Imelmann des vollen otium cum dignitate nur noch ungefahr sechs Jahre erfreut. 

Den Tod schien er mir immer in dem Lichte eines brutalen, der Schopfung 
zu schwer begreiflichem Ungliick zugesellten StOrers des in sich endlosen Dranges 
zu geistigem Leben zu betrachten. Sein unstillbarer Durst nach geistiger 
Nahrung und Anregung und sein lebendiges Schalten und Walten in den reichen 
Schatzen, die er in sich aufgehauft hatte, schien mir so recht das Eigentlichste, 
HochpersOnlichste seines Wesens. Er war Altphilologe, er schwelgte in den 
edelsten Fruchten des antiken Schrifttums, sich in dessen Welt, wie sie einst 
wirklich war, eindenkend und einfiihlend. Er war aber dabei ein durchaus 
modemer Mensch, ein emsiger Hineinschauer in das moderne Leben, und von 
dessen grossen Aufgaben bewegt; insbesondere wohnte er, ein Mann von 
hdchstem Fleisse, der sich keinen Augenblick unbenutzt entgehen zu lassen 
bemfiht war, auch in der vaterlandischen, der franzosischen und der englischen 
Literatur. Wer aber in dem alien nicht auch das geistige Band zusammenhalt, 
sich nicht zu dem philosophischen Blick von oben herab in die Erscheinungen 
erhebt, der ist nach Kants Ausspruch ein Cyklop, ein Einaugiger. Ein solcher 
war Imelmann nicht. Hwotitixw to gjik6aog)oy nach Plato. Der Philosophic 
gehOrte das innerste Feuer seines Geistes an, Doch suchte er weniger in der 
Vielheit ihrer Offenbarungen nach dem Richtigen, als er diese Vielheit mit- 
empfindend genoss. Als ich ihm einst mit Goethes Worten sagte: ,Das Eine 
ist das Beste, was ich meine", und das ist, den wirklichen Zweck des Lebens 
zu ergriinden und sich danach zu stellen, antwortete er: Vieles Suchens bedarf 
es dazu aber nicht, das tragt man ja doch in sicherem Gefiihl und kann getrost 
seinem Drange nach alien Seiten Folge geben, das ist jedenfalls auch Zweck. 

Zum Schreiben fiihlte sich Imelmann weniger aufgelegt als zum Lesen, 
dessen Gegenstande ihm immer wie HydrakQpfe neu entgegenwuchsen Seine 
Doktordissertation (observationes criticae in Aristotelis Ethica Nicom.) hatte dem 
Aristoteles gegolten, dessen Ethik und Metaphysik ihm besonders nahe standen, 
fiir die von diesen Schriften gegebenen philosophischen und philologischen 
Probleme er sich gleichmassig interessierte. A. C. Bradley's ,Staatslehre des 
Aristoteles* hat er 1884 aus dem Englischen iibersetzt herausgegeben. Ueber- 
haupt stillte er das Verlangen seiner Freunde. dass er, der sie selbst wie in 
spielender Selbstverstandlichkeit seiner Natur so oft aus seinem reichen Fijllhorn 
iiberschiittete, doch auch der weiteren Oeffentlichkeit mehr zu gute tun mochte, 
gern einmal durch gelegentliche meisterhafte Uebersetzungen denkwiirdiger 
franzosischer oder englischer Schriften, die ebenso bedeutend, wie in Deutschland 
sonst unbekannt waren. Ich erwahne von diesen die Uebersetzung des , Richard 
Bentley von Jebb" (1885), die er mit einer Tochter des grossen Chemikers 
Wohler zusammen herausgab. Mit Imelmanns Neuver5ffentlichung der Goethe- 
schen Uebersetzung des .Essai sur les fictions* der Frau von Staei (1896), 
welche von dem Dichter (1795) fur Schillers Horen diktiert waren, hatte es eine 
besondere Bewandtnis. Diese Uebersetzung ist nicht in Goethes Gesamtwerke 
aufgenommen. Imelmann hat sie mit wesentlichen eigenen Zugaben gerettet. 
Seine Neu-Ausgabe bringt links das Original, rechts die Goethesche Ueber- 
setzung, in der Fehler der VerSffentlichung in den Horen zum erstenmal ver- 

Xantstndien XXII, jg 



194 Mitteilungeu. 

bessert sind, dazu aber noch einen Anhang (S. 79— 89) mit 39 deliziosen An- 
merkungen, teils zum Text, teils zu Goethes Uebersetzung. Diese hatte Goethe 
,viel zu schaffen gemacht*; Imelmann hat sie mit seinem fein ausgebildeten 
Gefuhl fiir beide Sprachen genau verfolgt und 6fters in den Anmerkungen den 
eigentlichsten Sinn dessen, was die Frau von Stael gemeint hatte, noch scharfer 
wiedergegeben, zugleich feine Beobachtungen iiber den Goetheschen Sprach- 
gebrauch gemacht. Die Imelmannschen Anmerkungen sind ein Nonplusultra ein- 
dringlichster Aufnahme verborgener Feinheiten und Anregungen eines Textes und 
herangezogener Beziehungen zu den Erinnerungen einer riesigen Belesenheit. 
Sehr originell war Imelmanns Gedanke, einmal Poesie (Aeusserungen in 
dichterischen Werken,) iiber Poesie durch die deutsche Literatur (z. B. 8 
tiber das Nibelungenlied, 48 iiber Goethe) zu verfolgen, woraus ein Werk von 
574 Seiten in Gross 8" .Deutsche Dichtung im Liede" (1880) geworden ist, ein 
Werk von ungeahntem Inhaltsreichtum, das auf den Seiten 575 — 619 in der Fiille 
seiner Anmerkungen ein immenses Unterrichtetsein und ein so wunderbar ge- 
scharftes Geffihl fiir alles Dichterische, und was damit zusammenhangt, bekundet, 
dass niemand mehr die Goethesche Bedingung ,Wer den Dichter will verstehn. 
Muss in Dichters Lande gehn" erfilUt haben kann. 

Als Mensch konnte Imelmann auf niemanden den Eindruck einer aus- 
gepragt vornehmen Pers5nlichkeit verfehlen. Humanitat als natiirliche, ihn 
immer beseelende Herzensempfindung und zugleich als eine intellektuelle 
lebendige Erfullung des Pindarischen ,Werde, was du bist!" ist vielleicht das 
bezeichnendste Wort fiir den Ausdruck seines Wesens. In wohlgefalligem, reiz- 
voUem GesprSch war er kunstlos JVleister, er bewegte sich gern in geist- 
vollem, auf den Hohen der Bildung wandelndem, aus der Fiille seines 
Wissens oft iiberraschend Neues beibringendem, oder Altes in neue Form, die 
ihm so viel gait, giessendem Urteil. Heilig waren ihm die elementarsten 
Beziehungen des Lebens, ein guter Sohn, Gatte, Vater und Bruder in voUstem 
Sinne und ohne Schatten, und ein mitf uhlender Mensch zu sein ; er brachte das 
aus seinem Wesen mit sich und brauchte es sich nicht erst durch den Gedanken 
des Pflichtmassigen zu vermitteln. Seinen naheren Freunden, — unter denen ich 
Wilhelm Miinch und Ludwig Bellermann nenne — ist er ausserordentlich viel, 
den nSchsten, wie den Seinen, unsaglich viel gewesen; Beziehungen hatte er 
weit im Kreise des geistigen Berlin, wohl keine, in der man nicht das Singulare 
dieses ausgezeichneten Mannes empfand. Bei jedem Zusammensein liebte er, 
geradeaus auf den gerade in Frage kommenden Interessenkreis zuzugehen, und 
so viel zu geben, wie von ihm zu nehmen, war gewiss schwer und seiten. Nie 
habe ich einen an dem Priifstein der Mitf reude sich entschiedener bewahrenden 
Menschen gekannt. Wenn ich personlich mich auf das Grundgefiihl besinne, 
das mich der wirklich in besonderem Masse singularen Personlichkeit dieses 
Mannes gegeniiber beherrschte, so war es das : Von diesem Geiste strahlte irtimer 
aus, gegen das aneiQov der zufalligen Meinungen und zu gunsten des Rechten, 
ein Appell an die Schatze des innersten Heiligtums der Menschheit, die von den 
hSchsten Namen zusammengetragen sind, an dessen Vorhallen aber nach seinem 
Geftihl doch auch oft schon der bonsens, der gute Geist der allgemeinen 
Meinung, nahe heranreicht: daraus entsprang seine beneidenswerte Sicherheit 
im Denken, Fiihlen und Leben und seine liebenswerte Geneigtheit, andere doch 
auch als sich diesem Zeugnis unmoghch versagend vorauszusetzen. 

Johannes Imelmann hat zu den treuesten Freunden und Forderern der 
Kantgesellschaft seit ihrer Griindung gehort. Alssieihre5tj^Preisaufgabe,iiber 
Kants Begriff der Wahrheit ausschrieb, unterstiitzte er das Ausschreiben durch 
die hochherzige und munifizente Stiftung des 1 . Preises im Betrage von 1 500 M. 
Ihre Vortragsveranstaltungen in Berlin versaumte er nie, und erzahlte hinterher 
gern und lebhaft von ihren Eindriicken und geistigem Ertrage fiir ihn. Auch 
die Reise nach Halle zu ihren Generalversammlungen hat er sich nie erspart. 
Er war in Berlin, wo er sein ganzes 74jahriges Leben bis auf zahlreiche kiirzere 
Reisen und den Universitatsaufenthalt 1862 in Bonn verbracht hat, allmahlich 
mit einem grossen Teil der geistigen Elite personlich bekannt geworden, und 
ich weiss von einigen Personlichkeiten, die ihn bei den Sitzungen der Kant- 
gesellschaft zu treffen pflegten, welchen Genuss ihnen dann der Austausch mit 



Mitteilungen. 195 

der unnachahmlich liebenswurdigen und reizenden Art, wie sich der Anteil seiner 
hingebungsvollen Aufmerksamkeit auf das Gehorte und sein geistvoll hOchst 
persOnliches Urteil ausserte, zu gewShren pflegte; ja sein immerfort geistiges 
Leben spiegelndes edles Antlitz pragte sich dann in unvergesslichem Bilde ein. 
Daher war auch an diesem Ort ein Wort der Erinnerung an den seltenen und 
ausgezeichneten Mann am Platze. 



Dr. Arthur Lange f. 

In Melsungen an der Fulda starb Anfang Januar der praktische Arzt 
Dr. Lange. In seinem kemhaften Wesen und seinen freiheitlichen Anschauungen 
verleugnete er nicht seine Herkunft. War er doch ein Sohn des beruhmten 
Philosophen Friedrich Albert Lange. Als dessen altestes Kind war er wShrend 
der Haifslehrerzeit in Koln am 16. September 1854 geboren. Ein Jahr danach 
zog der Vater als Privatdozent nach Bonn, und wir lesen auf S. 94 seiner Bio- 
graphic von Ellissen: .Unser Philosoph beschaftigte sich inzwischen [es istvom 
Krimkrieg die Rede gewesen] sehr friedlich, er machte Studien in der Kinder- 
stube. Der kleine Arthur gab ihm unschatzbare Beitrage zur Psychologie und 
Sprachphilosophie und machte sich dadurch verdient um die Vorlesung, die 
Lange im Sommer 1856 hielt. Zur Belohnung bekam er am 14. April ein 
Schwesterchen, welches auf den Namen Johanne getauft wurde." Auch diese 
Biographic verdankt iibrigens, wie Ellissen im Vorwort anerkennt, dem Dr. Lange 
und seiner Schwester, die ihm als verwitwete Frau Justizrat Mcinshausen kiirz- 
lich im Tod vorangegangen ist, ihr Vorhandensein. Nur durch das unbedingte 
Vertrauen, mit dem sic ihm den gesamten handschriftlichcn Nachlass ihres 
Vaters zur Verfiigung stellten, war es ihm moglich sein Buch so zu gestalten, 
dass mit Recht von ihm gesagt werden konnte, es enthalte einen Teil des Besten, 
was aus Langes Feder hervorgegangen. Und, da nun Friedrich Albert Lange 
und sein „Standpunkt des Ideals" in Vaihingers Philosophie des Als Ob eigent- 
lich zum ersten Male in seiner voUen Berechtigung und hohen, Bedeutung an- 
erkannt wird, mochte dadurch auch diese vor einem Vierteljahrhundert erschienene 
Lebensbeschreibung des edlen Mannes frische Teilnahme finden. Einmal ist 
auch der nun geschiedene Dr. Arthur Lange unter die Schriftsteller gegangen: 
er liess 1905 als Handschrift unter dem Titel „Bergisch-Markisches" ein Heftchen 
launiger Familiengedichte drucken. 



Zwei Kantstiftungen 

bei der Kgl. Albertus-Universitat in Konigsberg i. Pr. 

Das Sekretariat der Kgl. Albertus-Universitat in Konigsberg i. Pr. hat die 
Schriftleitung der Kantstudien von dem Bestehen von zwei Kant-Stiftungen in 
Kenntnis gesetzt, woriiber im folgenden Naheres angegeben wird. 

Bei der Kgl. Albertus-Universitat in Konigsberg i. Pr. bestehen zwei Kant- 
Stiftungen: die des Regierungsrates Carl Schreiber aus dem Jahre 1817 
und die Kant-Stiftung der Stadt KQnigsberg von 1904 (lOOjahriger Sterbetag 
Kants). Fur beide Stiftungen werden alljahrlich Preisarbeiten ausgeschrieben 
fiber selbstgewahlte philosophische Themata. 

1. Kantstiftung der Stadt Konigsberg. Die Stadt Kdnigsberg hat 
zum Gedachtnis Immanuel Kants bei der Feier der hundertsten Wiederkehr seines 
Todestages der Albertus-Universitat ein Kapital iiberwiesen, aus dessen Zinsen 
alljahrlich am Todestage Kants — dem 12. Februar — denjenigen Studierenden 
der Albertus-Universitat Preise zuerkannt werden konnen, deren Arbeiten nach 
dem Urteile der philosophischen Fakultat fiir preiswiirdig erachtet werden. Die 

' 13* 



196 Mitteilungen. 

philosophischen Themata dieser Arbeiten kOnnen von den Verfassern frei ge- 
wahlt warden. Im Sinne der Stiftung liegt es, mOglichst tiichtige philosophische 
Arbeiten hervorzurufen, fiir die aus den gegenwartig zu betrachtlicher HOhe auf- 
gesammelten Mitteln auch entsprechende Pramierungen in Aussicht genommen 
werden konnen. Die Bewerbungsarbeiten sind spatestens bis zum IS.Dezember 1917 
in iiblicher Weise verschlossen und mit einem Motto versehen dem Dekan 
der philosophischen Fakultat einzureichen. Die Arbeiten sind in deutscher 
Sprache abzuJiefern. 

2. Carl Schreiber-Kant-Stiftung. In Bezug auf diese Preisarbeit 
lautet der Anschlag durch den Prorektor und Senat der Universitat Konigsberg : 

Anschlag: 

,Das Andenken Kant's soil nach den Festsetzungen der Schreiber'schen 
Stiftungsurkunde am 12. Februar k. Js., dem Sterbetage des Verewigten, offent- 
lich durch einen von einem Studierenden zu haltenden Redeakt gefeiert werden, 
in welchem irgend ein Satz aus Kant's Werken: 

aus der theoretischen Philosophie, aus der Moral, aus der Religion 
innerhalb der Grenzen der Vernunft, aus der Anthropologic, aus der 
physischen Geographic pp. 
erSrtert und beim Eingange, sowic beim Schlussc eine Schilderung von Kant's 
Verdlcnsten vorgetragen werden soli. 

Bei dieser Feier findet stiftungsmassig eine Pramienverteilung in HOhe 
bis zu 300 M. statt. 

Indcm wir die Herren Studierenden davon in Kenntnis setzen, geben wir 
anheim, sich mit diesem Gegenstande zu heschaftigen und im Falle der Teil- 

nahme an der Bewerbung, die fiir dieses Mai in *) Sprache abzu- 

fassende Abhandlung zum 1. Februar 191..*) dem Professor der Be- 
redsamkeit (Professor Dr *)) einzureichen. 

Wer die preiswflrdigste Arbeit liefert, erhalt die HauptprSmie und hat 
seine Abhandlung in der Aula Offentlich vorzutragen.* 

Die Schreiber-Kant-Stiftung ist wechselnd in lateinischer und deutscher 
Sprache zu fertigen, fur 1918 in deutscher Sprache. 

Die Zinsen der Kant-Stiftung der Stadt Konigsberg, jahrlich 400 M., 
kOnnen fiir eine Arbeit gegeben werden. Jedoch sind die Zinsen dadurch be- 
trflchtlich angewachsen, dass seit Jahren keine Preisarbeit geliefert worden ist, 
sodass auch ilber 400 M. hinaus eine oder mehrere Arbeiten pramiiert werden 
kOnnen. 

Auch die Zinsen der Schreiber-Kant-Stiftung sind aus gleichem Grunde 
angewachsen, sodass auch aus dieser Stiftung mehrere Arbeiten pramiiert 
werden kOnnen. 

Bedingung fiir b«ide Arbeiten ist, dass ausschhesslich KOnigsberger 
Studenten zur Preisbewerbung in Frage kommen. 



♦) Die genaueren Angaben dieser Punkte macht auf Anfrage das Sekretariat 
der Universitat KOnigsberg. 



Berichtignng. 

S. 17 Z. 19 v. oben: freilich statt ja beileibe. 
S. 26 Z. 5 V. oben : Ihr statt Ihrer. 
S. 62, Anm. : Psychology statt Psychiology. 
S. 76 Z. 23 V, oben: Fallen statt falles. 



Kantgesllschaft. 




Januar 1917, 



An die Mitglieder 
der Kantgesellschaft. 



Trotz der sich immer mehr steigernden Schwierigkeiten, die 
das hinter uns liegende Kriegsjahr 1916 mit sich brachte, war 
die Kantgesellschaft unter Anspannung aller ihrer Krafte 
in der Lage, ihre umfangreichen wissenschaftlichen Unter- 
nehmungen ohne jede EinschrSnkung aufrechtzuerhalten und fort- 
zusetzen. So sind unseren Mitgliedern wiederum die iiblichen 
vier Hefte der „Kantstudien<^ zugestellt worden, ohne dass 
der mit der Verlagsfirma Reuther & Reichard kontraktlich 
festgesetzte Umfang von 30 Druckbogen eine wesentliche Ver- 
mehrung erfahren hatte. Doch hoffen wir in den folgenden Jahren 
diesen Umfang wieder starker iiberschreiten zu konnen, wie uns das 
schon in den letzten Banden durch das Entgegenkommen der 
genannten Verlagsbuchhandlung ermoglicht wurde. 

Das erste Heft stellte eine Festschrift zum 70. Geburtstag 
von Rudolf Buck en dar, der durch Wort und Tat, durch die 
Kraft seiner Vortrage und durch zahlreiche, weitverbreitete und 
tiefschiirfende Werke so ausserordentlich viel fiir die Erneuerung 
und Wiedererweckung der Philosophie des Idealismus und fiir 
ihre systematische Weiterbildung getan hat. Das Festheft brachte 
ein wohlgelungenes Portrait des Jubilars, der auch als Teilhaber 
an dem weiteren Redaktionsausschuss der Kantstudien und als Mit- 
glied der Kantgesellschaft sich dauernd um diese sehr verdient 
gemacht hat. Anlasslich der 200. Wiederkehr des Todestages von 
Leibniz (14. November) brachte das 4. Heft eine grossere Ab- 
handlung uber Leibniz aus der Feder des Privatdozenten Dr. 
Heinz Heimsoeth von der Universitat Marburg, der bereits durch 
Arbeiten iiber Leibniz hervorgetreten ist. 

Ferner erhielten unsere Mitglieder im vergangenen Jahr 

/ 



198 Kantgesellschaft. 

wieder zwei Erganzungshefte, u. z. Nr. 37, eine Abhandlung 
von Emil Kraus uber den ,Systemgedanken bei Kant und Fichte", 
und dann das bedeutungsvolle Heft Nr. 38, das unter dem Titel: 
„Geschichtsphilosophie" die letzte, leider Fragment gebliebene und 
aus dem Nachlass herausgegebene Arbeit Wilhelm Windelbands 
enthalt. Die Erwerbung dieser Arbeit hat in den Kreisen unserer 
Mitglieder lebhaftesten Anklang gefunden. 

Dann fanden im Jahre 1916 in Berlin wiederum neun 
Vortragsabende statt, die sich einer ausserordentlich regen, 
immer mehr zunehmenden Teilnahme erfreuten. Vortragende 
waren die Herren Karl Joel -Basel, B. Kellermann -Berlin, 
Georg Simmel-Strassburg, Adolf Lasson-Berlin, Alfred 
Vierkandt- Berlin, Max Frischeisen-Kohler-Halle, Ernst 
Hoffmann-Berlin, Ottmar Ditt rich -Leipzig, Artur Liebert- 
Berlin. Vgl. den Bericht iiber diese Vortrage in dem 4. Heft der 
Kantstudien, Jahrgang 1916, S. 474). Von den VortrSgen sind 
gedruckt und unseren Mitgliedern zugestellt worden: Vortrag 
Nr. 11: Georg Lasson, „Was heisst Hegelianismus?" (gehalten 
bereits im Oktober 1915), ferner Nr. 12: Georg Simmel, „Das 
Problem der historischen Zeit", endlich Nr. 13: Alfred Vierkandt, 
,Machtverhaitnis und Machtmoral"^). 

Endlich konnen wir noch mit besonderer Genugtuung auf 
die Fertigstellung des Neudruck-Bandes Nr. 6 hinweisen, der 
die „Hauptschriften zum Pantheismusstreit des 18. Jahrhunderts" 
enthalt. Die mit sehr grossen Miihen und Kosten verkniipfte 
Vollendung dieses stattlichen Bandes darf als eine wesentliche 
Erganzung unserer Neudruck-Serie und als eine Bereicherung der 
philosophischen Literatur bezeichnet werden. Sie ist in erster 
Linie das Verdienst des Herausgebers, Lie. theol.. Dr. phil. 
Heinrich Scholz, Privatdozent an der Universitat Berlin, der 
dem Werk auch eine umfassende historisch-kritische Einleitung 
von 128 Seiten mitgegeben hat. Wir freuen uns, berichten zu 
kOnnen, dass die Aufnahme dieses wertvoUen Bandes in den 
Kreisen unserer Mitglieder eine iiberaus freundliche und aner- 
kennende ist.^) 



^) Der Vortrag von Ottmar Dittrich: Individualismus, Universalismus, 
Personalismus, der unseren Mitgliedern zusammen mit dem 4. Heft der Kant- 
studien und dem Vortrag 13 zugegangen ist, um an der Arbeit und den Kosten 
der Versendung zu sparen, gehOrt bereits dem neuen Rechnungsjahr 1917 an. 

•) Um Missverstandnisse und Riickfragen zu vermeiden, teilen wir mit, 



Kantgesellschaft. 199 

Der buchhandlerische Wert aller dieser Zustellungen betragt mehr als 
das Doppelte des Jahresbeitrages : 

Jahrgang XXI der .Kantstudien" = 12. — Mk. 

2 Erganzungshefte Nr. 37 u. 38 = 5.50 , 

3 Vortrage Nr. 11, 12 und 13 = 3.20 , 
Neudruck Band 6 = 19.50 , 



40.20 Mk. 

Hoffentlich sind alle diese Sendungen in den Besitz unserer Mitglieder 
gelangt. Anderenfalls bitten wir an den stellvertretenden Geschaftsfiihrer Liebert 
eine entsprechende Mitteilung zu richten, — 

Ausserdem ist jedem der im Jahre 1916 neueingetretenen Mitglieder eine 
grOssere Zahl der friiheren Veroffentlichungen unentgeltlich zugestellt worden. — 



Der Aufruf zur Forderung des philosophischen Seminars in 
Konstantinopel (vgl. Kantstudien 1916, Heft 2/3, S. 348 f.) ist in 
den Kreisen unserer Mitglieder und Freunde nicht ohne Nachhall 
geblieben. Ober die eingegangenen Geldspenden usw. ist in den 
Kantstudien 1916, Heft 4. S. 473 berichtet worden. 

Die allgemeine Mitgliederversammlung, die sonst in der 
zweiten Halfte des April in Halle abgehalten wird, fiel der 
Zeitverhaltnisse wegen auch im Jahre 1916 aus. 

Von den in den „ Kantstudien" veroffentlichten zahlreichen 
Bildern von Kant, Kantianern und anderen Denkern ist noch 
ein grosserer Vorrat vorhanden; darauf beziigliche Wiinsche 
sind dem stellv. Geschaftsfiihrer Liebert anzugeben, der dann 
sofort die kostenlose Zustellung, soweit der Vorrat reicht, 
veranlasst. 

Ferner geniessen unsere Mitglieder folgende Vergiinstigung: 
Von dem Kantkommentar des unterzeichneten Geschafts- 
fUhrers Vaihinger (Kommentar zu Kants Kritik der reinen 
Vernunft. Zum hundertjahrigen Jubilaum derselben, 
I. Bd. 1881, XVI u. 506 Seiten, II. Bd. 1892, VIII u. 563 S., Gross- 
oktav) hat die Verlagsbuchhandlung „Union Deutsche Verlags- 
gesellschaft" in Stuttgart (Cottastrasse 13) noch eine Anzahl Exem- 
plare auf Lager, die an Mitglieder der Kantgesellschaft zu dem 
ermSssigten Preise von 20 M., statt des Ladenpreises von 30 M., 



dass der Neudruck-Band Nr. 5 noch niclit erschienen ist und voraussichtlich 
erst in einiger Zeit nach dem Kriege erscheinen wird. Er soil darum die 
Nummer 5 tragen, weil er sich unmittelbar an den Band 4 anschliessen und 
den zweiten Teil der in Band 4 enthaltenen Schrift von Job. Nic. Tetens 
enthalten wird. 

/ 



200 Kantgesellschait. 

abgegeben werden. Mitglieder, welche von dieser Vergiinstigung 
Gebrauch machen wollen, mogen sich direkt an die genannte 
Verlagsbuchhandlung wenden, welche die Zustellung des Werkes 
zum Vorzugspreise durch eine zustSndige Sortimentsbuchiiandlung 
sofort veranlassen wird. Es sei ausdriicklicii bemerkt, dass eine 
2. Auflage dieses Werkes nicht erscheinen wird. 



Die „Kantstudien" werden auch in dem neuen Jahrgang 
eine Reihe bedeutender Aufsatze aus der Feder bekannter Manner 
verOffentlicIien. Der hundertjahrige Geburtstag von Hermann 
Lotze (geb. am 21. Mai 1817) wird seitens der „Kantstudien" in 
gebiihrender Weise gefeiert werden. Die Arbeiten zur Herausgabe 
eines eigenen Lotze-Festheftes, dem voraussichtlich ein 
Portrait Lotzes beigegeben werden wird, sind bereits in die Wege 
geleitet worden. Auch fiir die Fortsetzung der „Erganzungshefte" 
ist gleichfalls Sorge getragen; mehrere darauf beziigliche Unter- 
handlungen stehen vor dem Abschluss. 

An Stelle des aus der Redaktion der Kantstudien ausschei- 
denden Professor Dr. Bruno Bauch-Jena iibernehmen von dem 
neuen Jahrgang an die Schriftleitung Professor Dr. Max Frisch- 
eisen-Kohler von der Universitat Halle (Wohnung: Halle, 
Mozartstr. 24) und Dr. Arthur Liebert, u. z. in der Form, dass 
Professor Frischeisen-Kohler die Leitung der Abteilung : „Auf- 
satze und Abhandlungen", zu der auch die Erganzungshefte ge- 
horen, und Dr. Liebert die Abteilung: „Allgemeine wissenschaft- 
liche Mitteilungen und Besprechungen" in der Hand haben wird. 
Wir bitten diejenigen unter den Mitgliedern der Kant- 
gesellschaft) die zu den Mitarbeitern der Kantstudien 
gehoren, von dieser Aenderung Kenntnis nehmen und 
ihre Anfragen bzw. Einsendungen dementsprechend ein- 
richten zu wollen, damit entbehrliche Mehrarbeiten, Ver- 
zogerungen in der Erledigung u. dergl. moglichst ver- 
mieden werden. 

Bei Zuschriften an Dr. Liebert sind die letztgenannten 
redaktionellen Angelegenheiten streng zu scheiden von den An- 
gelegenheiten der Geschaftsfiihrung. Diese beiden Gebiete sind 
vollig getrennt voneinander, sie sind nur durch eine zufallige 
Personalunion bis auf weiteres miteinander verkniipft. Und sie 
sind ohne jeden Einfluss aufeinander. 



Kantgeseiischaft. 201 

Professor Vaihinger, welcher wie bisher der Redaktion der 
Kantstudien angehort, hat sich in dieser nur eine beratende 
Stimme vorbehalten. An ihn sind daher Zusendungen in An- 
gelegenheiten der Redaktion in keinem Falle zu richten. 

Ferner sind fiir die Weiterfiilirung des mit allseitigem Beifall 
begriissten Unternehmens der „Neudrucke" bereits die einleitenden 
Schritte getan. Fiir die nachsten Jahre planen wir die Herausgabe 
der im Buchhandel fast gar nicht mehr erhaltlichen aesthetischen 
Sciiriften Baumgartens. Dfe Ausgabe, deren Besorgung in den 
Handen des Privatdozenten Professor Dr. Ernst Bergmann -Leipzig 
liegt, soil ausser dem lateinischen Originaltext auch die Ueber- 
setzung ins Deutsche bringen. Ferner beabsichtigen wir die Aus- 
gabe einer Sammlung aller von Kant beriicksichtigten Kritiken 
seiner Philosophic (Herausgeber Dr. Kurt Sternberg) und die 
Neuausgabe der Hauptwerke der unm-ittelbaren Vorganger 
Kants und der ersten Kantianer (Lambert, Joh. Schulze, Beck, 
Forberg usw.). 

Die Einrichtung von Vortragsabenden in Berlin wird auch 
im Jahre 1917 aufrecht erhalten. Wieder werden voraussichtlich 
achtVortrage stattfinden, in die sich wissenschaftlich anerkannte 
Vertreter der verschiedenen Richtungen der zeitgenossischen 
Philosophie teilen werden. Im Januar sprach bereits Geh. Hofrat 
Prof. Dr. Oskar Walzel iiber: „Die wechselseitige Erhellung der 
Kiinste", ein Vortrag, der ebenso wie der von Ottmar Dittrich 
iiber: „Individualismus, Universalismus, Personalismus" und der 
von Arthur Liebert fiber: „Wie ist kritische Philosophie uber- 
haupt moglich?" in erweiterter Form unseren Mitgliedern zuge- 
stellt werden wird. 

Auch hoffen wir, in den nachsten Jahren wieder einige 
Preisarbeiten ausschreiben zu konnen, ohne dass wir daruber 
jetzt schon nSheres zu sagen vermogen. Die dazu erforderlichen 
Mittel sind uns in Aussicht gestellt worden. 

Unser Mitgliederbestand hat sich dem Vorjahre gegenuber 
erfreulicherweise in nicht unbetrSchtlichem Masse gehoben, wenn 
auch die Mitgliederzahl leider noch nicht die Hohe aus der Zeit 
vor dem Kriege erreicht hat. Die Kantgeseiischaft umfasste am 
Schluss des Jahres 1916 rund 770 Jahres-Mitglieder (ausschliess- 



202 Kantgesellschaft. 

lich der Dauermitglieder), eine Zahl, in die die im Jahre 1916 
neueingetretenen Mitglieder, deren Zahl sich auf nicht weniger 
als auf 1 35 belauft, eingerechnet sind. Diesen erfreulichen Bestand 
verdanken wir wohl zunachst dem Wert und Umfang unserer 
literarischen Darbietungen sowie unserer Vortragsveranstaltung, 
dann aber auch der Mitarbeit und der Propagandatatigkeit der 
Mitglieder selbst, welche so liebenswurdig waren, uns neue 
Mitglieder zuzufiihren und den Geschaftsfiihrern Adressen von 
cv. Interessenten anzugeben. Daher liegt auch dieser Sendung 
wieder ein entsprechendes Formular bei, urn dessen ausgiebige 
Benutzung dringend gebeten wird. Diese Bitte sprechen wir 
gerade jetzt umso dringlicher aus, als in der Angabe ev. Interessenten 
und in der Zufiihrung neuer Mitglieder eine Gewahr besteht, 
unseren Mitgliederbestand unvermindert aufrecht zu erhalten bzw. 
zu erhShen. Wir erstreben die Erweiterung unseres Mitglieder- 
kreises in erster Linie darum, damit wir das Mass unserer 
Leistungen vergrossern, manchen, schon lange gehegten wissen- 
schaftlichen Plan auch ausfiihren und die Kantgesellschaft immer 
mehr zu einer umfassenden Organisation und zu einem Sammel- 
punkt des ganzen philosophischen Lebens ausgestalten konnen. 

Fiir samtliche Jahresmitglieder liegt die neue Mitgliedskarte 
bei, sowie ein Postanweisungsformular und eine Post-Zahlkarte. 
Jenes Formular gilt fiir den Fall, dass der Jahresbeitrag (Mk. 20. — ) 
direkt an den stellv. Geschaftsfiihrer Dr. Arthur Liebert (Berlin 
W. 15, Fasanenstr. 48) eingeschickt wird, wahrend die Post- 
Zahlkarte fiir die Einzahlung des Beitrages an die Bank dient; 
Adresse in diesem Fall: Deutsche Bank, Depositenkasse W, 
Berlin W. 15, Uhlandstrasse 57, Conto Liebert (Kantgesellschaft) 
unter Postscheckkonto 1023. Urn recht baldige Zahlung der 
Beitrage wird sehr gebeten. 

Urn Verzogerungen, doppelte Kosten, miihsame und zeit- 
raubende Nachforschungen bei der Zustellung unserer Veroffent- 
lichungen zu verhuten, bitten wir unsere Mitglieder dringlichst, 
irgendwelche Adressenanderungen, und seien es die gering- 
fiigigsten, auf dem Postanweisungsabschnitt, resp. auf dem Ab- 
schnitt der Zahlkarte, die von der Bank der Geschaftsfiihrung 
zugestellt wird, deutlich zu vermerken und sie auch zu an- 
derer Zeit sofort dem stellvertr. Geschaftsfiihrer Liebert mit- 
zuteilen. Andernfalls kann fiir piinktliche Zustellung der Publi- 
kationen keine Gewahr abernommen werden. 



Kantgesellschaft. 203 

Die kriegerischen Zeitlaufte, welche in den Jahren 1915 
und 1916 die Abhaltung unserer Generalversammlung ver- 
hinderten, sind auch jetzt noch fiir eine solche festliche Ver- 
anstaltung ungunstig. Mit Genehmigung des Vorsitzenden und 
des Verwaltungsausschusses unserer Gesellschaft failt daher auch 
die fiir den April 1917 fallige General-Versammlung aus, wir hegen 
jedoch die Hoffnung, dass wir sie doch noch im Laufe dieses Jahres 
werden nachholen konnen. Nach unseren Statuten gelten fiir 
den Fall, dass eine General-Versammlung nicht zustande kommt, 
die wahlbaren Mitglieder des Verwaltungsausschusses, sowie die 
Geschaftsfiihrer als neu bestStigt. 

Unseren nicht in Berlin wohnhaften Mitgliedern legen wir 
wiederum nahe, die etwaige Absicht einer Reise nach Berlin vorher 
dem stellv. Geschaftsfiihrer Liebert mitzuteilen, um auf diese 
Weise Kenntnis von einem bevorstehenden Vortragsabend und 
damit Gelegenheit zur Teilnahme an demselben zu erhalten. 

Zugleich richien wir an alle unsere Mitglieder den 
herzlichen und dringenden Aufruf, uns auch im neuen 
Jahre trotz aller sonstigen grossen Opfer, die jetzt ge- 
fordert werden, die Treue zu bewahren. Nur so konnen 
wir das, was in langen Jahren langsam aufgebaut ist, 
durch den Sturm der Zeit hindurchretten, nur so lasst 
es sich erreichen, dass die Entwickelung unserer Gesell- 
schaft, deren Aufbau in den letzten Jahren so bedeutende 
Fortschritte gemacht hat, unter den gegenw^rtig waltenden 
Umstanden nicht allzu sehr leidet. Es gilt fiir uns alle, 
fest durchzuhalten und die Schwierigkeiten der Zeit 
mit allem Aufgebot der Krafte zu iiberwinden. Wir 
hoffen bestimmt, dass unsere Mitglieder uns unterstiitzen 
werden, und dass die Kantgesellschaft ohne allzu starke 
Einbusse aus der schweren Krisis hervorgehen werde. 

Halle und Berlin, 
Januar 1917. Die Geschaftsfiihrung: 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. H. Vaihinger, Halle (Saale), 
Dr. Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasanenstr. 48. 



204 KantgeseUschaft. 

Kantgesellschaft. 

Aendeiung der Ablieferangstermine der lanfenden Preisaufgaben. 

Angesichts der kriegerischen Zeitverhaltnisse und der Behinderung vieler 
PersOnlichkeiten an der Bearbeitung ist der Ablieferungstermin sowohl fiir die 
Eduard von Hartmann-Preisaufgabe, deren Thema lautet : .Eduard von Hart- 
manns Kategorienlehre und ihre Bedeutung fiir die Philosophic der Gegenwart*. 
als auch fiir die sogen. Jubilaums-Preisaufgabe, deren Thema lautet: „Der 
Einfluss Kants und der von ihm ausgehenden deutschen idealistischen Philo- 
sophie auf die Manner der Reform- und Erhebungszeit", auf die Zeit nach dem 
Kriege verlegt worden. Das genauere Datum wird dann spater noch bekannt 
gegeben werden. Die Preise fiir die erstgenannte Aufgabe sind 1 500 M., bezw. 
1 OiOO Mk., Preisrichter die Herren Professoren Jonas Cohn-Freiburg, Heinrich 
Maier-G5ttingen, Max Frischeisen-Kohler-Halle ; die Preise der zweitgenannten 
Aufgabe sind 1500 M., bezw. 1000 M., bezw. 500 M., Preisrichter die Herren 
Professoren Max Lenz-Hamburg, Friedrich Meinecke-Berliri, Eduard Spranger- 
Leipzig. Die genaueren Bestimmungen versendet auf Wunsch unentgeltlich der 
stellv. Geschaftsfuhrer Dr. Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasanenstr. 48. 



Kant-tiesellschaft 



Jahresberichte 

1914, 1915, 1916. 

Der Kriegsverhaltnisse wegen veroffentlichen wir hier die Uebersichten 

iiber die Einnahmen und Ausgaben der Jahre 1914, 1915 und 1916 auf ein Mai. 

Diese Uebersichten sind von dem Verwaltungsausschuss der Kant-Gesell- 

schaft seiner Zeit genehmigt worden. Die Entlastung jedoch muss noch durch 

die nachste Geneialversammlung erfolgen. 

Juli 1917. 

Die Geschaftsfiihrung der Kant-Gesellschaft: 
Vaihinger. Liebert. 

1914. 
XI. Jahresbericht 1914. 

I. Einnahmen. 

1. Uebertrag aus dem Jahre 1913 36 Mk. 79 Pf. 

2. 793 Jahresbeitrage, abziiglich der Einziehungsspesen 15 793 , 40 , 

3. Zinsen der Kantstiftung 1. April, 1. Juli, 1. Oktober, 

31. Dezember 1 495 , 12 „ 

4. Bankzinsen in Halle und Berlin 701 , 92 , 

5. Einnahmen durch den Verkauf von Erganzungs-Heften, 

Neudrucken und Vortragen 1 144 , 95 , 

6. Zuschuss zur Honorarkasse durch die Verlagsbuch- 

handlung Reuther & Reichard 300 , — , 

7. Einnahmen durch den Verkauf von Eintrittskarten 

zum Vortrag im November 1914 von Dr. Franz 

Oppenheimer 27 , 75 „ 

Summe der Einnahmen 19 499 Mk. 93 Pf 

8. Zur Deckung des Unterschusses entnommen dem 

Dispositionsfond 489 , 16 ^ 

19 989 Mk. 09 Pf. 



Kantgesellschaft 205 

II. Ausgaben. 

1. Honorare an die Mitarbeiter der Kantstudien .... 2371 Mk. 75 Pf. 

2. Vertragsmassige Entschadigung an die Firma 

Reuther & Reichard fiir gelieferte Freiexemplare an 

die Jahresmitglieder und an die Dauermitglieder . 3 564 „ — , 

3. Erganzungshefte Nr. 31 (Loew), Nr. 32 (Liebert), 

Nr. 33 (Fichte-Bergmann), Satz, Druck, Broschieren, 

Redaktion usw 2 739 , 55 , 

4. Restz ah lung fiir Neudruck III (Maimon) (vgl. IX. Jahres- 

bericht 1912; Ausgaben: Position 4 und An- 

merkung dazu) 2 074 „ 50 , 

5. Vortrage Nr. 5 (Natorp), Nr. 6 (Jonas Cohn), Nr. 7 

(Sternberg), Nr. 8 (Hermann Cohen), Satz, Druck, 

Broschieren, Redaktion usw. 1 421 „ 64 , 

6. Beigabe von Bildern und Portraits (Kants Grabkapelle, 

Fichte, Riehl) 236 , 85 , 

7. Versendungskosten der Erganzungshefte, Neudrucke, 

Vortrage 434 , 10 , 

8. Versendungskosten fiir Tauschexemplare und fiirSepa- 

ratabziige der Beitrage in den Kantstudien usw. . 79 , 74 „ 

9. Ankauf des Restes der Schiller-Festhefte von Reuther & 

Reichard zur Verteilung an neueingetretene Mit- 

glieder 20 „ — , 

10. Ankauf von zwei Jahrgangen der Kantstudien Band XVIII 

und eines Exemplars des auf der Gen.-Vers. 1912 
gehaltenen Vortrages von Honigswald ,Denk- 
psychologie" zur Verteilung an Institute, die Mit- 
glieder sind 8, 90, 

11. Verschiedene Drucksachen: Neujahrsmitteilungen, 

Mitgliederverzeichnisse, Mitgliederkarten, Statuten, 
verschiedene Zirkulare zur Werbung und zu Mit- 
teilungen an die Mitglieder, Einladungskarten und 
Prospekte fiir die Vortrage usw 764 „ 70 „ 

12. Kosten der Generalversammlung 1914 (Redner. 

Telegramme, Reisespesen fiir die Vortragenden und 
den stellvertr. Geschaftsfiihrer, Theaterbillets, Ent- 
schadigung fiir den Klaviervirtuosen, Diaten an die 
Heifer, 800 Festpostkarten usw.) 1 160 , 10 . 

13. Veranstaltung einer Gedenkfeier zu Fichtes 100. Todes- 

tag in der Aula der Berliner Universitat .... 90 , 45 , 

14. Repraesentationsauslagen und Reisen des stellv. 

Geschaftsfuhrers, Saalmiete fiir die Vortrage usw. . 488 „ — , 

15. Unterstiitzung anderer wissenschaftlicher Unterneh- 

mungen : a) fiir Ruge's Bibliographic : 
.Philosophie der Gegen- 
wart" (3. Rate) .... 400.— Mk.) 
, b) fiir die Glogau-Gesellschaft 8.05 ,1 ^t^ ^c 

c) fiir die Vereinigung: Wirt- | ^^^ " "^ • 

schaft und Recht . . . 6.— , J 

16. Zuschuss zur .Jubiiaumspreisaufgabe" zur Abrundung 

der Spendensumme 24 , 75 , 

17. Verschiedenes, z. B. Briefpapier und Umschlage mit 

Vordruck fiir die Geschaftsfiihrer, Konzeptpapier, 
Registermappen, Pappen u. Rollen zu Versendungen, 
Schreibmaterialien usw 378 , 45 „ 

18. Schreibhilfe: a) Vaihinger 222.48Mk.l 

b) Bauch ...... 20.— , \ 618 , 38 , 

c) Liebert 375.90 . J ■ 

Uebertrag 16 889Mk. 91 Pf. 

/ 



206 Kantgesellschaft, 

Uebertrag 16 889 Mk. 91 Pf . 

19. Porti: a) Vaihinger= 1476Nummem . . 116.22 , \ 

b) Bauch =720 „ . . 68.06 , j 699 , 18 „ 

c)Liebert =8117 , . . 514.90 . J 

20. Entschadigung an den stellv. Geschaftsftihrer . . . . 2 400 , — . 

Summa der Ausgaben 19 989 Mk. 09 Pf. 

Einnahmen : 

Summe der wirklichen Einnahmen: 19 499.93 Mk.l 
Dazu aus dem Dispositionsfond*) zur [-19 989 Mk. 09 Pf. 

Deckung des Unterschusses . 489.16 , j 

Ausgaben: 19 989 „ 09 . 

Bilanz 00 000 Mk. 00 Pf. 



1915. 

XII. Jahresbericht 1916. 

I. Einnahmen. 

1. Jahresbeitrage (abziiglich der Einziehungsspesen) . . 13 341 Mk. 20 Pf. 

2. Drei nachtraglich gezahlte Jahresbeitrage von 1914 . 60 , — „ 

3. Zinsen der Kantstiftung (I.April, 1. Juli, l.Oktober, 

31. Dezember) 1570 . 69 . 

4. Bankzinsen in Halle und Berlin 505 , — , 

5. Einnahmen aus dem Verkauf von Erganzungsheften, 

Neudrucken und Vortragen: 

Erganzungshefte .... 725.25 Mk.l 

Neudrucke 364.80 , } 1 558 , 10 , 

Vortrage 468.05 . j 

6. Zuschuss zur Honorarkasse durch die Verlagsbuchhand- 

lung Reuther & Reichard, Berlin 300 , — , 

7. Zuschuss von Professor Dr. Ohv6r Hazay fiir sein Er- 

ganzungsheft Nr. 35 300 , — . 

8. Einnahme durch Zuschuss zur Saalmiete fiir die Vortrage 

und durch Verkauf von Eintrittskarten zu denselbe n 122 , — . 

Im Ganzen 17 756 Mk. 99 Pf. 

II. Ausgaben. 

1. Honorare an die Mitarbeiter der Kantstudien usw. . . 1 975 Mk. 50 Pf. 

2. Vertragsmassige Entschadigung an die Verlags- 

buchhandlung Reuther & Reichard fiir gelieferte 
Freiexemplare an die Jahresmitglieder und an die 

Dauermitglieder 2 952 „ — , 

Uebertrag 4 927 Mk. 50 Pf. 



1) Der Unterschuss ist entstanden, well erstens alle diejenigen Mitglieder, 
die im feindlichen Auslande ansassig sind, und die bis zum Kriegsausbruch 
ihren Beitrag noch nicht bezahlt hatten, denselben dann auch nicht mehr ent- 
richten konnten; zweitens weil viele unserer Mitglieder in Deutschland und 
Oesterreich-Ungarn zu den Fahnen eilten und vom Felde aus nicht in der 
Lage waren, ihren noch ruckstandigen Beitrag einzusenden; drittens weil viele 
infolge Rtickganges ihrer wirtschaftlichen Lage ebenfalls die Entrichtung ihres 
Beitrages nicht vollziehen konnten; viertens endlich, weil nicht wenige unserer 
Mitglieder, die den Jahresbeitrag bei Kriegsbeginn noch nicht bezahlt hatten, 
im Kriege ihr Leben verloren. 



Kantgesellschaft. 207 

Uebertrag 4 927 Mk. 50 Pf. 

3. Drei Erganzungshefte: Nr. 34 (Henry), Nr, 35 (Hazay), 

Nr. 36 (Lambert-Bopp) ; Satz, Druck, Papier, Bro- 

schieren, Redaktion usw 1 776 , 65 

4. Neudruck Band VI (Hauptschriften zum Pantheismusstreit) 

Honorar 300.— Mk.] 

Teilzahlung an die Druckerei Dr. > 1 500 , — 

Maennel, Halle 1200.— . J 

5. Drei Vortrage: Nr. 8 (Hermann Cohen), 2. Auflage; 

Nr. 9 (Constantin Oesterreich) ; Nr. 10 (Arthur Liebert) ; 

Satz, Druck, Papier, Broschieren, Redaktion usw. . 1 274 , 47 

6. Dritter Bericht fiber die VortrSge der Kantgesellschaft 

(Vortrag 16 — 26); Satz, Druck, Papier, Broschieren 139 „ 65 

7. Beigabe von Portraits (Kantbild von Lavater, 

Windelband 127 , 10 

8. Versendungskosten der Erganzungshefte und Vortrage 316 , 35 

9. Versendungskosten fiir Tauschexemplare und fur 

Separatabziige der Beitrage in den Kantstudien usw. 

an die Mitarbeiter 17 , 35 

10. Ankauf von Kantstudien: 

a) Zur Verteilung an Mitglieder . . 50.50 Mk.] 

b) An das Philosophische Seminar der I ggfi 50 
Universitat Budapest (wird nach j oo , ou 
dem Kriege zuriickgezahlt) . . . 216. — , f 

11. Ankauf von Schiller- und Liebmann-Festheften zur Ver- 

teilung an neueingetretene Mitglieder 40 , — 

12. Verschiedene Drucksachen: Neujahrsmitteilungen, 

Mitgliederverzeichnisse, Mitgliederkarten, Satzungen, 
verschiedene Zirkulare zur Werbung und zu Mit- 
teilungen an die Mitglieder, Einladungskarten zu 
den Vortragen usw 320 , 15 

13. Repraesentationsauslagen und Reisen der beiden 

Geschaftsfiihrer, des Redakteurs der Kantstudien 

und verschiedener Vortragsredner 420 , 65 

14. Unterstiitzung anderer wissenschaftl. Unternehmungen: 

a) fiir Ruge's Bibliographie : Philosophie \ 
der Gegenwart, Bd. 5 300 Mk. 

b) fur die Glogau-Gesellschaft ... 8 , \ 324 , — 

c) fiir die Schopenhauer-Gesellschaft 10 , 

d) fiir die VereinigungrWirtschaftu.Recht 6 „ -' 

15. Verschiedenes: z. B. fiir Briefpapier und Umschlage 

mit Vordruck fur die Geschaftsfiihrung, Konzeptpapier, 
Registermappen, Papier fiir die Schreibmaschine, 
Schreibmaterialien usw., Einziehungsspesen, Rollen 
und Pappen fur die Versendung 820 , — , 

16. Zuschuss zur 3. (Karl Giittler-) Preisaufgabe .... 106 , — , 

17. Fiir Kant-Schokolade zur Verteilung an Mitglieder im 

Felde 80 , — . 

18. Schreibhilfe: a) Vaihinger 220.44 Mk.\ ^.^ r.. 

b) Liebert 420.20 , ) D4U . 04 . 

19. Porti: a) Vaihinger = 1384 Nummern . 95.84 , j 

b) Bauch = 565 , . 61.22 „ \ 598 , 30 , 

c) Liebert = 6695 . . 441.24 . j 

20. Ankauf einer Schreibmaschine fiir die Geschaftsfiihrung 222 , — „ 

21. Entschadigung an den stellv. Geschaftsfiihrer . . . 2 400 , — , 

22. Rtickzahlung der im Jahre 1914 zur Deckung des da- 

maligen Unterschusses entnommenen Summe an 

den Dispositionsfond 489 , 16 , 

Uebertrag 16 806 Mk. 47 Pf. 

/ 



208 Kantgesellschaft. 

Uebertrag 16 806 Mk. 47 Pf. 
23. An den Dispositionsfond; Erganzung des Dispositlons- 
fonds auf seine alte Hohe im Jahre 1913 (aus dem 
Dispositionsfond wurden im Jahre 1914 und 1915 - 
durch Beschluss des Verwaltungsausschusses zur 
Unterstutzung der notleidenden Ostpreussen 900 Mk. 

gezahlt) . . . 900 . — . 

Im Ganzen 17 706 Mk. 47 Pf. 

Uebcrsichf. 

Einnahmen 17 756 Mk. 99 Pf. 

Ausgaben .17 706 . 47 , 

Rest 50 , 52 , 



1916. 

XIII. Jahresbericht 1916. 

I. Einnahmen. 

1. Uebertrag aus dem Jahre 1915 50 Mk. 52 Pf. 

2. Jahresbeitrage 1916 (abziiglich der Einziehungsspesen) 15105 , 10, 

3. Jahresbeitrage: Nachzahlungen aus den Jahren 1914 

und 1915 320 , — „ 

4. Zinsen der Kantstiftung (I.April, 1. Juli, 1. Oktober, 

31. Dezember) 1 598 . 37 , 

5. Bankzinsen in Halle und Berlin 667 , 85 , 

6. Einnahmen durch den Verkauf von Erganzungs- 

heften, Vortragen und Neudrucken: 

a) Erganzungshefte 616. — Mk.) 

b) Vortrage 321.65 . [ 1 053 , 65 „ 

c) Neudrucke 116. — , I 

7. Zuschuss zur Honorarkasse durch die Verlagsbuch- 

handlung von Reuther & Reichard, Berlin . . . 300 , — , 

8. Freie Spenden von verschiedenen Mitgliedern . . 56 , — ^ 

Im Ganzen 19 151 Mk. 49 Pf. 

II. Ausgaben. 

1. Honorare an die Mitarbeiter der ,Kantstudien" . . . 2 418Mk. — Pf. 

2. Vertragsmassige Entschadigung an die Firma Reuther 

& Reichard filr gelieferte Freiexemplare der „Kant- 

studien* an die Jahres- und Dauermitglieder . . 3 324 , — , 

3. Zwei Erganzungshefte: Nr. 37 (Kraus) und Nr. 38 

(Windelband) ; Satz, Druck, Papier, Broschieren, 

Redaktion usw Mk. 717.60 + 879.25 1 596 , 85 „ 

4. Neudruck: Band 6: .Hauptschriften zum Pantheismus- 

streit (Satz, Druck, Papier, Broschieren, Einbande, 
Redaktion usw.): Zweite Zahlung (vgl. Jahres- 
abrechnung 1915 Posten Nr. 4) 2 507 . 69 , 

5. Drei Vortrage: Nr. 11 (Georg Lasson), Nr. 12 (Georg 

Simmel), Nr. 13 (Alfred Vierkandt), (Satz, Druck, 
Papier, Broschieren, Redaktion usw.) 

Mk. 421.25 + 411.30 + 566,50 1 399 . 05 . 

6. Nachtraglich hergestellte Einbande fiir Neudruck 1—4 

seitens der Firma Sperling in Berlin .... Ill , 80 , 

Uebertrag 11357Mk. 39 Pf. 



Eantgesellschaft. 



209 



2) 
3) 
4) 

5) 

6) 
7) 



Uebertrag 

7. Beigabe des Portraits von Rudolf Eucken zum Eucken- 

Festheft (Autotypie und Druck) 

8. Versendungskosten fur die Erganzungshefte , Neu- 

drucke, Vortrage und einzelne Dedikationsexemplare 
der .Kantstudien' 

9. Versendungskosten fiir die Tauschexemplare u. Sonder- 

abziige der , Kantstudien" 

10. Ankauf von „Kantstudien" zur Verteilung an Mit- 

glieder 

11. Verschiedene Drucksachen: Neujahrsmitteilungen, 

Mitgliederverzeichnisse, Mitgliederkarten, Satzungen, 
verschiedene Prospekte und Zirkulare zur Werbung 
und zu Mitteilungen an die Mitglieder, Einladungs- 
karten zu den Vortragen usw 

12. Reprasentationsauslagen und Reisen der beiden 

Geschaftsfuhrer und verschiedener Mitglieder im 
Auftrage und Interesse der Gesellschaft .... 

13. Unterstiitzung anderer wissenschaftlicher Gesell- 

schaften und Unternehmungen 

1) Verein fiir Recht und Wirtschaft . . 6. — Mk.^ 

Glogau-Gesellschaft 8. — 

Schopenhauer-Gesellschaft .... 10. — 
Internationale Schule fiir Philosophie 

in Amersfoort, Holland 30. — » > 

Internationale Schule fiir Philosophie 
in Amersfoort, Holland . ... 20. — 
Comenius-Gesellschaft . . . . 20.— 

Gesellschaft fiir Hochschulpadagogik 20. — 

14. Verschiedenes, z. B. Brief papier und Umschlage mit 

Vordruck fiir die Geschaftsfiihrung der Gesellschaft 
und fiir die Redaktion der .Kantstudien", Konzept- 
papier, Briefmappen, Abonnement auf die deutsche 
Literatur-Zeitung, Kant-Schokolade fiir unsere im 
Felde befindlichen Mitglieder, Kiirchner Literatur- 
Kalender, fiir verschiedene Zeitschriften, gelegent- 
liche Buchbinderarbeiten, Reparatur einer von 
Dr. Tieftrunk der Gesellschaft dedizierten Kant- 
Biiste, fiir LOschblatter, Tinte, Federn usw., usw. . 

15. Fiir die Instandsetzung des Grabes des Philosophen 

Solger auf dem alten Dorotheenstadtischen Friedhof 
in Berlin gemass einem Antrage vom Geh.-Rat 
Alois Riehl 

16. Schreibhilfe a) Vaihinger 285.30 Mk.l 

b) Liebert 417.30 

17. Port i: a) Vaihinger = 517 Nummern . . 70.37 

b) Bauch =444 , . . 59.50 

c) Liebert = 7604 „ . . 531.60 

18. Entschadigung an den stellv. Geschaftsfiihrer . . 

19. Fiir die Mitteilungen der Kant-Gesellschaft in den 

studien" 



;l 



,Kant- 



11357Mk. 39 Pf. 

67 . 30 . 

612 „ 26 , 

28 . 45 , 

88 , - . 

790 , 15 , 

782 . 35 . 



114 . - 



981 



30 , 



83 . - . 

702 , 60 , 

661 . 47 , 

2 500 . — , 

100 . — , 



Summa der Ausgaben 18 868 Mk. 27 Pf. 



Einnahmen 

Ausgaben 

Ueberschuss 
Vorschlagsweise : Ueberweisung an den Disposilionsfond 

Wirklicher Ueberschuss 



19151 
18 868 



49 
27 



283 Mk. 22 Pf. 
250 . — . 
33 Mk. 22 Pf. 



K»ut«tndi«D XXn. 



14 



210 Kantgesellschaft. 

Kantgesellschaft. 

Neuangemeldete Mitglieder fiir I9I7. 

Erganzungsliste 1: Januar-Juli 1917. 

A. 

Pfarrer Becker, Dexheim bei Nierstein, Rheinhessen; Sendungen an Sanitatsrat 

Dr. Becker, Friedberg in Hessen, Bismarckstr. 5 mit Angabe: Fur Pfarrer 

Becker. 
Fraulein Lizzie Barteltsen, Grossflottbeck bei Hamburg, Bahnhofstr. 32. 
Professor Dr. Paul Barth, a. o. Professor an der Universitat Leipzig, Leipzig, 

Kantstr. 9. 
Dr. Joseph Bernhart, Munchen, Mauerkircherstr. 3. 
Leutnant Bierendempfel, Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 8, 4. Komp. 
Otto Blancke, Molschleben bei Gotha. 

Dr. jur. H e i no B 11 i n g e r , Assistent der Gewerbekammer,Bremen,Harzburgerstr. 1 2. 
cand. phil. Werner dc Boor, Marburg a. d. Lahn, Rotenberg 8. 
cand. phil. Carl Brandt, Flensburg, Friesischestr. 125. 
Professor Lie. Wilhelm Bruhn, Brandenburg a. Havel, Deutsches Dorf 16. 
F. X. Burri, Forstinspektor der Schweizer Bundesbahnen, Luzern, Schweiz, 

Maihofstr. 25. 
Dr. phil. Felix Coblenz, Berlin-Charlottenburg, Leibnizstr. 48. 
Gerlchtsassessor Dr. Leonhard Cohn, Thorn, Marienstr. 9, IL 
Professor Dr. Max Dessoir, a. o. Professor an der Universitat Berlin, 

Berlin, Speyererstr. 9. 
Professor Dr. Max Deutschbein, o. 0. Professor an der Universitat Halle, 

Halle a. Saale, Reilstr. 78. 
Lehrer Drefahl, Stade in Hannover, Schumacherstr. 4. 
Ernst Freiherr von Eisenblatt, Hagen in Westfalen, Fleyerstr. 123a. 
Professor Dr. Charlotte Engel-Reimers, Charlottenburg 2, Carmerstr. 15. 
cand. jur. Hans Epstein, Wien VI, Fillgradergasse 12. 
Oberlehrerin F. Fassbinder, Trier, Windstr. 16. 
Dr. Leopold Feilchenfeld, Berlin W. 10, Bendlerstr. 27. 
Friedrich Freksa, Schriftsteller, MQnchen, Victor Scheffelstr. 12,111. 
Dr. phil. Curt Glaser, Assistent an den K5nigl. Museen in Berlin, Berlin- 

Wilmersdorf, Konstanzerstr. 15. 
Dr. phil. Louis Glatt, Zurich, Schweiz, Belvoirpark. 
Pfarrer Hermann Grimm, Steinsdorf, Bezirk Liegnitz. 
Wissenschaftl. Hilfslehrer Adolf Grimme, Leer in Ostfriesland, Neuestr. 41. 
Militarpfarrer Groos, Kastel bei Metz, Post Muhlen. 

k. u. k. Oberleutnant Freiherr V. von Haerdtl, Berlin N. W. 7, Dorotheenstr.35. 
Dr. Heinrich Hasse, Privatdozent an der Universitat Frankfurt a. Main, 

KCnigstein im Taunus, AltkOnigstr. 14. 
Professor Dr. Johannes Hausheer, Universitatsprofessor, Ziirich, Schweiz. 
Bernhard Hegardt, Fil. lie,, GSteborg in Schweden, Sodra V^gen 27. 
stud. phil. Else Heinz, Heidelberg, Schlossberg 33. 
cand. phil. Martin Herberg, Potsdam, Franzoesischestr. 9. 
Rechtsanwalt Adalbert Hiibner, Berlin-Siidende, Stephanstr. 23. 
Professor Dr. August Wilhelm Hunzinger, Hauptpastor zu St. Michaelis, 

Hamburg 3, Krayenkamp 3. 
Amtsgerichtsrat Fritz Jacobi, Sulzbach-Saar. 
Mittelschullehrer Rudolf Jonas, Berlin W., Kothenerstr. 27. 
cand. phil. Walter Jost, Basel, Schweiz, Mittlerestr. 109. 
Rechtsanwalt J. Kahn, Hannover, Prinzenhaus, Prinzenstr. 13. 
Rechtsanwalt Dr. Otto Kahn, Munchen, Maffeistr. 4. 
Konsistorialrat D. Dr. Kalweit, Danzig, Heilige Geistgasse 95. 
Oberlehrer G. Klamp, Bremen, Feldstr. 37. 



Kantgesellschaft. 211 

cand. phil. Oskar Kloffel, Charlottenburg, Grolmannstr. 17,11. 

Professor Dr. P. Knudsen, Oberlehrer an den technischen Lehranstalten in 

Bremen, Bremen, am Dobben 150. 
Professor Dr. med. et. phil. F. Kpehler, Chefarzt der Heilstatte Holsterhausen 

bei Werden an der Ruhr; Stabsarzt; z. Z. Chefarzt des Reservelazaretts 

in Griihna in Sachsen. 
Gefreiter Friedrich Kreis, Waldshut in Baden, Militarische Postiiberwachungs- 

stelle; Friedensanschrift: Mannheim, Meerlachstr. 3. 
Oberlehrerin Dr. Clara Kunckel, Danzig-Langfuhr, Coselweg 1. 
Professor Dr. RudolfEdlervonLaun, a. o. Professor an der Universitat Wien, 

Wien VII, Wimbergergasse 30. 
Dr. B. Lemcke, Arzt, Bad Oeynhausen in Westfalen, Herforderstr. 72, 1. 
Dr. phil. Felix L6wy-Cleve, Wien VII, Halbgasse 9, 11/16. 
Direktor Professor Dr. Louis, Direktor der Arndt-Realschule, Berlin S. W. 47, 

Grossbeerenstr. 68. 
Dr. Gustav Mann, Arzt, Stuttgart, Seestr. 12,1. 
H. Matter, stud, phil., Basel, Schweiz, Oberwilerstr. 37, 
Dr. Adolf Merkl, Wien VII, Burggasse 102. 
Pastor Hinrich Meyer, Harburg a. d. Elbe, Haakestr. 52,1. 
Gerichtsassessor Dr. Kurt Meyer, Danzig, Hochschulweg 10. 
Dr. EugenMolnar, Pfarrer, k. u. k. Ref. Feldkuratus, Budapest VII, Arena-lit 11. 
Landgerichtsrat Hans Miiller, Thorn, Parkstr. 18,11. 
Oberlehrerin Marie Miiller, Trier, Kapellenstr. 6. 
Kaiserl. Bankdirektor Nesselmann, Danzig. 

Justizrat Oestreich, Rechtsanwalt am Oberlandesgericht, Diisseldorf, Sternstr. 14. 
Dr. Robert Adam Pollak, Bezirksrichter, Wien 12/1, Meidlinger Hauptstr. 58. 
Oberleutnant Bernhard Portzig, Berlin W. 8, Kronenstr. 2. 
Frau Oberstleutnant E. Preusser, Magdeburg, Goethestr. 13. 
Lehrer Walter Reichelt, Tharandt in Sachsen, Freibergerstr. 100. 
Lie. theol. Dr. phil. Hans Renter, Spandau, SchOnwalder Allee Johannesstift. 
Musketier Siegmund Riese, z. Z. Vereinslazarett Neukirchen, Kreis MOrsi.Rhld. 
Dr. phil. R. Ritter, Oberlehrer, Frankfurt a. Main-Siid, Gutzkowstr. 29. 
Oberlehrer Dr. Otto Rover, Osnabrack, Lotterstr. 124, L 
Dr. Erich Rothacker, Pforzheim, Wilferdingerstr. 32. 
Oberlandesgerichtsrat Alfred Salomon, Coin, Volksgartenstr. 32. 
stud. jur. Ernst Seidler, Wien XVIII, Gersthoferstr. 122. 
cand. phil. Ewald Sellien, Potsdam, Neue Konigstr. 122. 
Dr. J. Silbermann, Bad Rappenau in Baden, Salinenstr. 145. 
Lehrer Ert. SOhner, Miinchen, Konradstr. 11. 
Professor Dr. Werner Sombart, o. 6. Professor an der Universitat Berlin, 

Charlottenburg 5, Trendelenburgstr. 11. 
Elise Schinkel, Neukolln bei Berlin, Bergstr. 134. 
Dr. Raymund Schmidt, Leipzig-Connewitz, Rossmasslerstr. la. 
Frau Sophie Schultheiss, Miinchen, Clemensstr. 38. 
Oberlehrer Lie. theoL Walther Schulz, Berlin N. O. 55, Hufelandstr. 38, IL 
Leutnant d. Res. Ad. Schweitzer, Aachen, Adalbertstr. 19. 
Privatdozent Lie. theoL Ernst Staehelin, Basel in Schweiz, Reinfelderstr. 33. 
Dr. Olga Stieglitz, Dozentin an der Freien Hochschule, Berlin W. 50, Ans- 

bacherstr. 26. 
Dr. jur. A. Steinberg, Bad Rappenau in Baden, Salinenstr. 145. 
Pastor F. Starcke, Stade in Hannover, Thunerstr. 24. 
stud. phil. Leo Strauss, Magdeburg, Kaiserstr. 10. 

ProL Dr. Ad. St rub ell, Professor an der Universitat Bonn, Bonn, Lessingstr. 13. 
Pfarrer Ch. Thurneysen, Leutwil, Argau, Schweiz. 
Dr. Kate Tischendorf, Berlin S.-W., Bernburgerstr. 19, Pension Heller. 
Dr. Traugott, Nervenarzt, Breslau, Kaiser Wilhelmstr. 28—30. 
Dr. S. K. Thoden van Velzen, Joachimsthal, Uckermark. 
Direktor K. A. Westling, Rektor des Volksschulseminars, Goteborg in Schweden, 

Seminarsgatan 1. 
Dr. phil. Ottomar Wichmann, Dessau, am Bahnhof 13. 

I 14* 



212 Kantgesellschaft. 

Dr. Wilutzky, Berlin, Friedrich Wilhelmstr. 13. 

Professor Dr. Wimmer, Berlin S. W. 11, Kdniggratzerstr. 42. 

cand. med. Clas Witt, Miinchen, SchlOrstr. 5, III. 

Dr. med. A. Wolff , Berlin N. W. 23, Briickenallee 21. 

Frau Konsul Frieda Zierkursch, Breslau-Kleinburg, Kleinburgstr. 24—26. 

Amtsrichter Dr. Hans Zint, Danzig-Langfuhr, Kastanienweg 8. 

B. 

Berlin, Stadt-Bibliothek; Berlin S.-W., Zimmerstr. 90—91. 

Berlin, Philosophische Abende; Leiter Dr. Max Apel, Sendungen an Heinrich 

Frenk, Berlin-Friedenau, Kaiserallee 84. 
Danzig, Stadtbibliothek. 
Debreczen, Philosophisches Seminar der Universitat; alle Sendungen an 

Csdthy Ferencz, Debreczen, Ungarn, Ferencz Jozsef lit 8 sz. 
Detmold, Fiirstliche Landesbibliothek. 
Eisleben, KOnigl. Lehrerseminar, Eisleben, Bez. Merseburg. 
Gelsenkirchen, Stadt. Ober-Lyzeum; Zeppelin Allee 1. 
Gottingen, Akademische Lesehalle, E. V. Weenderstr. 12 — 13. 
Halle a. d. Saale, Akademische Lesehalle, Halle a. Saale, Roter Turm, Markt- 

platz 25. 
Kdnigsberg i. Pr,, Philosophisches Seminar der Universitat. 
Konslantinopel, Philosophisches Seminar der Universitat; Leiter: Professor 

Dr. Lie. theol. Giinther Jacoby ; Sendungen an das AuswSrtige Amt Berlin, 

Wilhelmstr. 
Miinsteri. Westf., Philosophisches Seminar der W. W. Universitat zu Miinster; 

Abt. B. nebst Psycholog. Apparat. Miinster i. W., Staufenstr. 49. 
Ober-Glogau, Kdnigl. Lehrerseminar, Ober-Glogau, Reg.-Bez. Oppeln. 
Spandau, KOnigl. Kant -Gymnasium, Lehrer-Bibliothek, Spandau, Potsdamerstr. 

27—28. 



Kautgesellschaf t. 213 



Achtes Preisausschreiben der 
Kantgesellschaft. 



Zweite Carl GUttler-Preisaufgabe. 

Thema: 
JS.riti8che Geschichte des Neukantianismus 
von seimer Entstehung his zur Gegenwart, 

Herr Professor Dr. Carl Guttler von der UniversitSt Miinchen, welcher 
schon durch die Stellung und Dotierung seiner ersten Preisaufgabe iiber 
die „Fortschritte der Metaphysik seit Hegels und Herbarts Zeiten" die 
Zwecke der Kantgesellschaft grossherzig und einsichtsvoll gefcirdert hat, 
hat uns nunmehr atich die Mittel zu einer zweiten Preisaufgabe zur Ver- 
fiigung gestellt, deren Thema seiner Initiative entsprungen ist. Be- 
reits vor zwei Jahren, im Sommer 1915, als seine erste Preisaufgabe zur 
Erledigung kam, (vergl. den Bericht in den KSt. Bd. XX Heft 2/3 S. 
339 — 341.) regte Herr I*rof. Guttler die Stellung dieser neuen Preisaufgabe 
an. Doch woUten wir das Ausschreiben der neuen Preisaufgabe bis 
zur Beendigung des Krieges hinausschieben. Seine unerwartet lange 
Fortdauer hat indes Herrn Prof. Dr. Gtittler bestimmt, der Geschafts- 
fflhrung der K.-G. vorzuschlagen, mit dem Ausschreiben der neuen Preis- 
aufgabe nicht langer zu zOgern. Gewiss werden viele von denjenigen, die 
sich an der Preisbewerbung beteiligen woUen, noch im Felde stehen oder 
sonst militarisch oder durch die Zivildienstpflicht in Anspruch ge- 
nommen sein; es ist indessen zu erwarten, dass die Kunde von der neuen 
Preisaufgabe auch zu ihnen dringt, und so konnen sie sich schon jetzt auf 
den Gegenstand innerlich und vielleicht auch Susserlich vorbereiten. 



Der Neukantianismus begann, in der Epoche der Wiedergeburt des 
philosophischen Denkens, also um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als selb- 
standige Bewegung hervorzutreten. Prantl, Zeller, Helmholtz, K.Fischer, 
Liebman, Lange — diese und viele andere sind die Manner, welche in 
jenen Jahren den Ruf erhoben: Zuriick zu Kant. Aber einer Periode bloss 
ausseren und von Missverstandnissen nicht freien Anschlusses folgte eine Zeit 
vertieften geschichtlichen Verstandnisses und innerer Verarbeitung der 
kantischen Gedankenwelt. Die Erstarkung des systematischen Denkens 



214 Kantgesellschaft. 

und das Verlangen, aus der Lehre des historischen Kant den dauernden 
Wahrheitsgehalt herauszuheben und fiir die Problemstellungen der Gegen- 
wart fruchtbar zu machen, wirkten dann dahin, dass das Kantische 
Geisteserbe nach sehr verschiedenen Seiten bin weitergebildet und zu 
selbstandigen Neuschopfungen fortgefuhrt wurde. 

Die mannigfaltigen Richtungen der neukantischen Bewegung sind 
Bun in Lehrbiichern der Geschichte der Philosophic dargestellt 
worden. Aber fiir unsere Preisaufgabe handelt es sich nicht um eine un- 
selbstandige Wiedergabe solcher Darstellungen, sondern um eine selb- 
standige, aus eigenem Quellenstudium erarbeitete Geschichte jener geistigen 
Entwicklungen ; wobei natiirlich die Vorarbeiten Anderer so zu beriick- 
sichtigen und zu verwerten sind, wie es den Grundsfttzen der historischen 
Forschung entspricht, 

Eine Geschichte des Neukantianismus ware jedoch unvoUstandig, 
wenn sie sich auf Deutschland beschrankte. Denn auch das Ausland 
hat diese geistige Bewegung mitgemacht. Es gibt kein Kulturland, 
in dem nicht in den letzten funfzig Jahren der Geist des erneuerten 
Kantianismus mehr oder weniger einflussreich gewesen ware. 

So grosser Wert nun auch auf die Darstellung der Verbreitung 
der Kantischen Ideen nach ihren verschiedenen Richtungen hin im 
Ausland zu legen ist, so ist doch nicht zu verkennen, dass sie unter 
den gegenwartigen Verhaltnissen einzelnen Bearbeitern schon aus rein 
ausserlichen Griinden sehr schwierig werden konnte. Es muss daher 
den Bearbeitern uberlassen bleiben, wie weit sie hierin gehen mogen, 
wobei nur noch bemerkt sei, dass die f ranzosisclie , englische und 
italienische Literatur mOglichst im Original zu studieren ist, wahrend 
bei der anderssprachigen Literatur auch sekundare Berichte benutzt 
werden kGnnen. 

Unter den gegebenen Verhaltnissen ist nach dieser Seite hin keine 
Vollstandigkeit zu verlangen, es bleibt den Preisrichtern vorbehalten, auch 
solchen Arbeiten den Preis zuzuerkennen, welche die Verbreitung des 
Neukantianismus im Ausland nur unvoUstandig darstellen. 

Eine „kritische" Geschichte des Neukantianismus wird verlangt. Es 
handelt sich also nicht um ein historisches Referat, sondern um eine 
von eigenem philosophischem Denken zeugende und getragene Wer- 
tung. Auch sollen nicht bloss die einzelnen Erzeugnisse und Rich- 
tungen des Neukantianismus miteinander kritisch verglichen und gegen- 
einander kritisch abgewogen, sondern es soil auch eine Bewertung des 
ganzen Neukantianismus in seiner Bedeutung fiir die Entwicklung der 
Philosophic und fiir die Gesamtkultur gegeben werden. Hierbei soil der 
Neukantianismus als Ganzes den von ihm abweichenden und teilweise 
entgegenstehenden Richtungen gegeniibergestellt werden. Jedem Be- 
arbeiter bleibt es unbenommen, den Massstab seiner Kritik selbst zu 
wahlen. Keine philosophische Richtung ist hiervon grundsatzlich 
ausgeschlossen. Massgebend fiir die Preisrichter ist nicht die Partei 



Kantgesellschaft. 215 

stellunff der Bearbeiter, sondern der innere wissenschaftliche Wert der 
Arbeiten selbst. 

Dies sind die Richtlinien, die im Anschluss an die von Prof. 
Dr. Gttttler selbst gegebene Anweisung fflr die Bearbeitung aufgestellt 
werden. 



Fiir die Bewerbnng an diesem Preisansschreiben gelten folgende 
Bestimmnngen : 

1. Die Bewerbungsschriften sind an das „Kuratorium der Universitat 
Halle a. S." einzusenden. 

2. Die Ablieferungsfrist ist mindestens ein Jahr nach Friedensschluss. 
Das genauere Datum wird rechtzeitig in den „Kantstudien" und durch 
die Zeitungen bekannt gegeben werden. 

3. Jede Arbeit ist mit einem Kennwort zu versehen. Name und 
Anschrift des Verfassers durfen nur in geschlossenem Umschlag bei- 
gefiigt werden, das mit dem gleichen Kennwort zu liberschreiben ist. 

4. Nur deutlich hergestellte Manuskripte werden beriick- 
sichtigt. Jeder Arbeit ist ein Verzeichnis der benutzten Literatur, 
sowie eine recht genaue Inhaltsangabe beizufttgen. 

6. Die Blatter des Manuskripts miissen mit Seitenzahlen und mit Rand ver- 
sehen sein, Nur die Vorderseite der Blatter' soil beschrieben werden. 
Das Manuskript kann aus losen Blattem in einer mit Bandem ver- 
sehenen Mappe bestehen. Herstellung der Bewerbungsschriften durch 
Schreibmaschine ist sehr erwiinscht. 

6. Die Arbeiten miissen in deutscher Sprache abgefasst sein. 

7. Preisrichter sind: 

Geheimer Hofrat Dr. Richard Falckenberg in Erlangen. 
Professor Dr. Theodor Elsenhans in Dresden, 
Professor Dr. Max Frischeisen-KOhler in Halle. 

8. Der erste Preis betragt 1500 Mk., der zweite 1000 Mk. Entsprechen 
jedoch die eingelaufenen Arbeiten in ihrem wissenschaftlichen Wert 
nicht diesem Verhaltnis, so kOnnen die Preisrichter nach freiem Er- 
messen Preise in einer anderen Abmessung austeilen oder eventuell 
die Gesamtsumme von 2500 Mk. einer einzigen, besonders wert- 
voUen Arbeit zuweisen; doch soil diese Veranderung nicht ohne 
zwingende Grunde stattfinden. Ist keine der eingelaufenen Arbeiten 
eines Preises wiirdig, so erfolgt neue Ausschreibung. Die Kantgesell- " 
schaft behalt sich vor, falls dazu Mittel vorhanden sind oder zu- 
sammengebracht werden kOnnen, nach Vorschlag der Preisrichter 
die Preise zu erh5hen und ev. noch weitere Preise hinzuzuftlgen, 

/ 



216 Kantgesellschaft. 

Die Preisrichter haben auch das Recht, solchen Arbeiten, denen zwar 
kein Preis zuerkannt werden kann, die aber doch eine Auszeichnung 
ihrer bes. Vorziige wegen verdienen, eine .,Ehren voile Erwahnung" 
zuzuerkennen und sie dadurch auszuzeichnen . 

9. Zuriickziehung einer eingelieferten Bewerbungsschrift ist nicht ge- 
stattet. 

10. Die Verkiindigung der Preiserteilung findet in einer AUgemeinen 
Mitgliederversammlung der Kantgesellschaft in Halle statt; der Zeit- 
punkt wird spSter bekannt gemacht. Das Urteil wird in den ,,Kant- 
studien" veroffentlicht. 

11. Die Leitung der „ Kantstudien " ist berechtigt, aber nicht ver- 
pflichtet, preisgekrOnte Arbeiten in ihrer Zeitschrift (oder in den 
zugehGrigen ,,ErgJlnzungsheften'') abzudrucken. Macht sie von diesem 
Recht keinen Gebrauch, so bleiben die preisgekronten Arbeiten 
Eigentum ihrer Verfasser. Doch sind dieselben verpflichtet, ihre 
Arbeiten bei einer Veroffentlichung als von der Kantgesellschaft 
preisgekr5nt zu bezeichuen. Das gilt auch fiir diejenigen Arbeiten, 
die eine „ehrenvolle Erwahnung" gefunden haben. 

12. NichtgekrSnte Arbeiten werden durch die Geschaftsfuhrung der 
Kantgesellschaft dem zuriickgegeben, der sich als Verfasser nach dem 
Urteil der genannten Stelle geniigend ausweist. Die Namen der 
betr. Verfasser werden nur der Geschaftsfuhrung der Kantgesell- 
schaft bekannt, welche verpflichtet ist, die betr. Namen geheimzu- 
halten. Will ein Verfasser ganz unbekannt bleiben, so kann er 
seiner Arbeit einen mit demselben Kennwort versehenen zweiten 
verschlossenen Umschlag hinzufiigen, in welchem eine Deckadresse 
angegeben ist, an welche das Manuskript zuriickgesendet werden 
soil, „fur den Fall der Nichtprammiierung", wie auf diesem Umschlag 
ausdriicklich zu bemerken ist. Nicht zuriickgeforderte Arbeiten wer- 
den samt dem zugehOrigen unerOffneten Umschlag vernichtet. 

Halle und Berlin, im August 1917. 



Die Geschaftsfuhrung der Kantgesellschaft. 

Professor Dr. H. Vaihinger. Dr. Arthur Liebert. 



Exemplare dieses Preisausschreibens versendet auf Wunsch im 
Auftrag der Kantgesellschaft tmentgeltlich der stellvertretende Oe- 
schaftsfiihrer Dr. Arthur Liebert, Berlin W. 15, Fasanenstr. 48. 



cP /fa 




Autotypie von J. G. /inch & Co. in Braunschweig 



Kantstudien XXII 



Franz Brentano 

Von Emil Utitz. 



Am 17. Marz starb Franz Brentano ^) im achtzigsten Lebens- 
jahre. Ein einigermassen abgerundetes Bild seiner wissenschaft- 
lichen Personlichkeit wird man erst zu zeichnen in der Lage sein, 
wenn die Veroffentlichungen aus dem Nachlass vorliegen. Es ist 
bekannt, dass Franz Brentano nur ungern und lediglich dem 
Drangen seiner Schiiler und Freunde nachgebend zum Druck seiner 
Arbeiten sich entschioss. Aber das meiste blieb verborgen in den 
Fachern seiner Manuskriptschranke. Und nur manches fand mittel- 
bar den Weg in den Betrieb der Wissenschaft durch akademische 
Vorlesungen und Vortrage — die er aber seit 1895 vollig eic- 
stellte — Oder durch miindliche oder schriftliche Mitteilung an 
nahere Bekannte. Deswegen muss jede Darstellung der Brentano- 
schen Gedankenwelt vorlaufig unvollstandig bleiben.^) Nur ge- 
legentlich und andeutend kann ich jener noch ungehobenen Schatze 
gedenken; in erster Linie will ich aber versuchen, die Leistung 
Brentanos hervorzuheben, welche durch ihre tiefgehende Einwirkung 
auf die Philosophie der Gegenwart bereits „historisch" geworden 
ist, ohne darum veraltet zu sein. Der Kritik will ich mich mog- 
lichst enthalten sowohl nach ,.Lob" als auch nach „Tadel". Denn 
nicht, was ich von Brentano halte, steht in Frage, sondern, was 
er war, ist und sein wird. 

^ * 5*C 



*j Die zuverlassigste biographische Skizze findet man in den ge- 
sammelten Schriften von Anton Marty; I. 1; 1916; S. 95 ff . — Zur Charak- 
teristik seiner Personlichkeit vgl. ,.Dem Andenken Fi'anz Brentanos" von 
Hermine Cloeter; Neue freie Presse (Wien) 1917; Nr. 18916 und 18916, 
und meinen Aufsatz in der Vossischen Zeitung 1917; Nr. 154. 

2) Vgl. tiberwegs Grundriss der Geschichte der Philosophie; 11. von 
Konstantin Osterreich bearbeitete Auflage; 1916; S. 416 f. 

Kautitudien XXII. j[g 



218 E. Utitz, 



Gerade ein halbes Jahrhundert verstrich seit dem Tage, an 
dem Franz Brentano zu Wiirzburg sich habilitierte. Habilitations- 
schrift und Habilitationsthese sind entscheidend fur sein ganzes 
Forschen und Trachten. Erstere gait Aristoteles/) letztere lautete: 
vera philosophiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est. 



Brentano wurzelt in Aristoteles. Genauestes und eindringlichstes 
Studium des Stagiriten und der Scholastik hatte ihn geschult zu 
subtilen Analysen und Distinktionen und jene Denksauberkeit ge- 
schaffen, die alle seine Schriften adelt. Vielleicht dankt er auch 
Aristoteles eine dem Leser weniger erfreuliche Gabe: namlich eine 
im Alter stets wachsende Knappheit des Ausdrucks, die an die 
Denkarbeit des Aufnehmenden die hartesten Forderungen stellt. 
Die aristotelische Philosophie behandelten seine ersten und letzteu 
Veroffentlichungen. ' Man hat oft gegen sie eingewendet, sie 
seien historisch zu frei, mehr Brentano als Aristoteles. Sicherlich 
ist nicht jede Einzelheit historisch getreu; und gewiss kann man 
zuweilen entdecken, dass Brentano aristotelischer war als Aristo- 
teles, dass jener Folgerungen entwickelte, die dieser nicht zog. 
Aber die tiefe innere Wahlverwandtschaft, die kiihne Intuition, die 
zwingende Zusammenhange aufspiirt, wo andere vor scheinbar un- 
losbaren Widerspriichen scheiterten, schufen ein wissenschaftliches 
Portrat des Aristoteles, das so manchem Bildnis bedeutender 
Kiinstler gleicht: nicht ahnlich im Sinne einer Photographie, aber 
jene Wesenheiten treten schlagend hervor, fiir welche die photo- 
graphische Platte blind ist. 

Wenn auch Brentanos vornehmlichstes Interesse Aristoteles 
gait, so beschranken sich seine philosophiegeschichtlichen Arbeiten 
durchaus nicht allein auf diesen Denker. Seine Descartesauffassung 
ist im Anhang zum „Ursprung sittlicher Erkenntnis" wenigstens 
skizziert;^) problemgeschichtliche Versuche — wie z. B. die ganz 
ausgezeichnete Entwicklung der Klassifikation psychischer Phano- 
mene — finden sich yerstreut in so mancher seiner Schriften. 



^) Die Psychologie des Aristoteles, 1867. — Vgl. am Schluss der Ab- 
handlung die vollstandige Ubersicht fiber die in Buchform erschienenen 
Arbeiten Franz Brentanos. 

2) Vgl. das Descartes-Buch von Alfred Kastil: Studien zur neueren 
Erkenntnistheorie , 1909. 



Franz Brentano. 219 

Aber das meiste blieb auch hier ungedruckt, wie die Untersuch- 
ungen zu den Vorsokratikern oder zur Scholastik.^) 

Fast drei Jahrzehnte zuriick reicht sein Versuch, eine rhyth- 
mische Periodisierung im Verlauf der Philosophiegeschichte nach- 
zuweiseu.'^) Einer aufsteigenden Phase des theoretischen Interesses 
und der naturgemassen Methode soil eine der Popularisierung 
folgen. Diese wird wieder von der Skepsis abgelost. Den Aus- 
klang bildet die Mystik. In der Abkehr von ihr und in der Rtick- 
kehr zur ersten Phase beginnt der neue Entwicklungszug. Den 
Weg von der zweiten bis zur vierten Phase muss man als eine 
Verf allserscheinung betrachten : das rein wissenschaftliche Interesse 
verlischt, die richtige Methode geht verloren ; praktische Interessen 
iiberwiegen. Die Verausserlichung ruft die Skepsis auf den Plan. 
In der Not, ihrem Ansturm zu unterliegen, flammt die Willkiir der 
Mystik auf. Diese Regelmassigkeit sieht Brentano erfiillt in der 
antiken, raittelalterlichen und neueren Philosophie. Nach dem Zu- 
sammenbruch der grossen spekulativen Systeme in der ersten Halfte 
des vergangenen Jahrhunderts, glaubt er, dass eine neue erste, 
aufsteigende Phase sich anbahnt. 

Man hat oft gegen diese Theorie den Einwand erhoben, dass 
sie keineswegs ausnahmslos gelte. Brentano konnte mit Recht 
dagegen anfiihren, er meine nicht eine notwendige Gesetz- 
massigkeit, sondern eine Regelmassigkeit, die nicht durch einzelne 
Falle widerlegt werde. Es hat einen verntinftigen Sinn zu sagen, 
der Monat September sei kiihler als der Juli, auch wenu manche 
Septembertage warmer sind als gewisse Julitage, Bedenklicher 
erscheint mir das Hereintragen des Wertgesichtspunktes, ahnlich 
wie es friiher die Kunstwissenschaft tat, die kurze Bliitezeiten 
durch lange Verfallsepochen einrahmte, statt jede bedeutsame 
Auspragung aus eigenen Bedingungen heraus zu erfassen. Aber 
der Streit um Wesen und Methode der Philosophiegeschichte ist 
noch nicht entschieden, und zu den Weckern zum Streite gehorte 
zweifellos Franz Brentano.^) 

*) S. den Aufsatz Franz Brentanos tiber Thomas von Aquin in der 
Wiener Neuen freien Presse; 1908; April. 

2) Kurz veroffentlicht in Brentanos Vortrag iiber: Die vier Phasen 
der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand; 1895. 

') Interessant ware ein nSherer Vergleich mit dem Standpunkt des 
Neukantianismus, der gleichfalls die gesamte Philosophiegeschichte syste- 
matisch eindimensional unterbaut, wenn ich mich so ausdriicken darf. 

15* 

/ 



220 E. Utitz, 

Bei Aristoteles fand auch Brentano die naturgemasse Methode, 
die er selbst zum Leitstern erwahlte. Aber was Brentano unter 
„naturgemasser Methode" versteht, ist etwas ganz anderes, als 
was man gemeinhin darunter sich vorstellt. Jedenfalls lehnte er 
es stets mit aller Entschiedenheit ab, naturwissenschaftliche Me- 
thoden sklavisch auf geisteswissenschaftliches Gebiet zu iiber- 
pflanzen. Nicht Naturwissenschaft kopieren, sondern schaffen wie 
die Naturwissenschaft, das war seine Meinung. Positiv bezeich- 
nete er jene Forschungsweise als naturgemass, die sich den frag- 
lichen Gegenstanden anpasst, aus ihrer genauen Betrachtung und 
ihrem eingehenden Studium gewonnen ist. Den Gegenstanden ge- 
recht werden, ohne sie zu verfalschen, woUte er. Darum auch 
konnte die Phanomenologie in gerader Linie aus diesen Grund- 
anschauungen sich entwickeln. 

Keineswegs identifizierte Brentano seine , naturgemasse Me- 
thode" mit Induktion. Wie hatte er es auch kSnnen, der gerade 
der apriorischen Evidenz und der Deduktion ein so weites Geltungs- 
gebiet eroffnete? Und voUig wiirde man ihn missdeuten, wollte 
man sein Einsetzen fiir jene Methode als Empirismus Oder Rela- 
tivismus betrachten. Vom Anbeginn seines Schaffens stand fiir 
ihn das Evidenzproblem im Vordergrunde : jene unbezweifelbare 
Wahrheit, die nicht nur fiir die menschliche Gattung gilt, sondern 
schlechthin fiir jedes Lebewesen. Gerade hier werden die Ver- 
offentlichungen aus dem Nachlass wohl reichlichen Aufschluss ge- 
wahren, sowie ganz neue Untersuchungen iiber verschiedene 
Klassen der Evidenz. Aber heute bereits diirfen wir sagen, dass 
seine Eyidenzlehre i) — positiv und negativ — von weittragender 
Bedeutung fiir das philosophische Schaffen der Gegenwart ge- 
worden ist, als Quellgebiet, das immer neue Stromungen speist. 

Eine ganze Fehlertafel irriger Anwendungsweisen natur- 
wissenschaftlicher Methodik hat Franz Brentano zusammengestellt. 
Er bekundet deutlich damit, dass er niemals der Modeverfiihrung 
erlag, die von der gewaltigen Suggestion der Naturwissenschaften 
ausging. Er unterscheidet dabei fiinf Typen: 1. den Fall natur- 
wissenschaftlicher Schminke, wobei man sich lediglich ausserlich 
den Anschein gibt, als ob man nach naturwissenschaftlicher Me- 
thode vorgehe, wahrend innerlich aller Ernst mangelt. 2. den 



*) Im Laufe dieses Aufsatzes werden wir noch wiederholt ihrer zu 
denken haben. 



Franz Brentano. 221 

Fall des Wechselbalgs, Man bringt unter geisteswissenschaft- 
lichem Titel grOsstenteils Beitrage oder Ausziige aus naturwissen- 
schaftlichen Disziplinen. Der Fall ist auch noch in anderer Weise 
gegeben. Handelt e*s sich auf geisteswissenschaftlichem Gebiet — 
wie z. B. in Ethik oder Asthetik — um Gesetze im Sinne eines 
Gebotes, so unterlegen manche der Frage nach einem Soil die 
nach einem Muss. Sie wahnen niir so naturwissenschaftlich ein- 
wandfrei zu verfahren, well weder die Geometrie fragt, ob die 
Summe der Winkel eines Dreiecks zwei Rechten gleich sein soil 
— sondern nur, ob sie es allgemein und notwendig ist — noch 
auch die Mechanik, Chemie usw. je nach einem Gesetze in anderer 
Bedeutung forschen als dem einer allgemeingiltigen Tatsache. 3. 
Die Falle dilettantischen Ubergreifens der Naturforscher in die 
Geisteswissenschaften erfolgen oft mit grossem Leichtsinn. „Ein 
Naturforscher, der, auf seinem eigensten Feld arbeitend, mit aller 
gebotenen Vorsicht vorgeht, erlaubt sich manchmal auf einem 
Geistesgebiet in der frivolsten Weise abzusprechen. Es ist, als 
ob er, die Grenze iiberschreitend, plotzlich ein anderer Mensch 
geworden ware und seinen ganzen, durch wissenschaftliche tJbung 
wohldisziplinierten Charakter verloren hatte." 4. Besonders zahl- 
reich sind die Falle logischer Unkenntnis. „Der in naturwissen. 
schaftlicher Weise Forschende passt sich dem Gegenstande an- 
Mit einer vagen, allgemeinen Vorstellung von naturwissenschaft- 
lich-empirischem Verfahren ist es also nicht getan." Darum wird 
so oft die Forschung nach „Analogie der Naturforschung" ver- 
wechselt mit einer, welche auf dem Studium derselben Phanomene 
beruht, wie die Erforschung der Natur. „Eine weitere Verkehrt- 
heit, die damit zusammenhangt, ist das Hysteron-Proteron, welches 
man begeht, indem man die Genesis psychischer Erscheinungen 
begreifen will, ohne sie an und fiir sich noch ordentlich betrachtet 
und beschrieben zu haben. Es ist dies, wie wenn einer die Phy- 
siologie ohne anatomische Vorstudien betreiben zu konnen glaubte." 
5. Endlich sind noch zu nennen die Falle des Ubersehens der 
Grenze zwischen lehrmassigem Wissen und wissenschaftlichem oder 
kiiustlerischem Takt. 

Geflissentlich verweilte ich bei dieser Frage langer, um dem 
weit verbreiteten Vorurteil entgegenzutreten, als sei Brentano ein 
blinder Nachfolger der Naturwissenschaften gewesen. Gewiss er- 
scheint seine Fehlertafel heute den meisten selbstverstandlich. 
Aber das Selbstverstandliche musste vor vierzig und auch noch 



222 E. Utitz, 

vor zwanzig Jahren erbittert erkampft werden; und wie viele 
scheitem noch heute an jenen schlichten Einsichten! 

^ * 5)C 

Die Hauptleistung der siebziger Jahre ist der erste Band der 
„Psychologie vom empirischen Standpunkte", erschienen 1874. 
Wir sagen wohl nicht zu viel, wenn wir in iiim eiues der hervor- 
ragendsten und einflussreichsten Werke der modernen Philosophie 
begriissen. 

Nach Brentano bilden die Gruudlage der Psychologie wie der 
Naturwissenschaften „Wahrnehmung imd Erfahrung", vornehmlich 
die innere Wahrnehmung der eigenen psychischen Phanomene.^) 
Innere Wahrnehmung ist aber nicht innere Beobachtung; erstere 
hat das Eigentiimliche, „dass sie nie innere Beobachtung werden 
kann." Nach neueren Untersuchungen — wie vor allem den ein- 
gehenden Arbeiten von G. E. Miiller und M. Geiger — werden 
wir jene Behauptung in ihrer Allgemeinheit nicht zugestehen 
konnen. Dass aber einmal der kritisch systematische Versuch 
unternommen ward, innere Wahrnehmung und Beobachtung zu 
scheiden, und die Rechtsgriinde fiir diese Distinktion zu entwickeln, 
bleibt ein grosses Verdienst -Brentanos; denn damit eroffuete er 
die Bahn fiir eine ganze Problematik, der sich immer mehr die 
Forschung bemachtigt hat. 

Einen Ersatz fiir jene unmittelbare Beobachtungsmoglichkeit 
bietet das Gedachtniss. Aber: „was immer wir innerlich wahr- 
nehmen und nach der Wahrnehmung im Gedachtnisse beobachten 
mogen, sind psychische Erscheinungen, die in unserem eigenen 
Erleben aufgetreten sind." Werden wir da nicht in den Fehler 
verfallen, individuelle Eigenheiten mit allgemeinen Ziigen zu ver- 
wechseln? Hier greift die mittelbare Erkenntnis fremder psychischer 
Phanomene ein : durch unwillkiirliches Tun, sprachliche Mitteilung, 
durch Biographien iiber Kiinstler, Forscher, grosse Verbrecher usw. 
und Selbstbiographien, durch das Studium einfacheren Seelenlebens 
an Kindern, primitiven Volksstammen, Blindgeborenen, Tieren, 
krankhaften Zustanden usw. Auch die Betrachtung des Ganges 
der Weltgeschichte kann in mancher Hinsicht aufklarend wirken. 
Schon diese wenigen Worte beweisen, dass Brentano keineswegs 



1) Spater lehrte Brentano, dass die Psychognosis auch unmittelbare 
Erkenntnis apriorischer Gesetze auf Grund einer einzigen Erfahrung 
zulagse; z. B.: kein Urteilen ohne Vorstellen! 



Franz Brentano. 223 

iu der Introspektion die Gesamtheit der Psychologie erblickte. 
Aber — und auch dies ist heute selbstverstandlich — die eigene 
Erfahrimg erschien ihm als unerlasslicher und durch kein andeies 
Mittel ersetzbarer Ausgangspunkt. 

Eine der wichtigsten methodischen Einsichten sah er in der 
reinlichen Scheidung deskriptiver und genetischer Fragen. Den 
zuriickgebliebenen Zustand der Psychologie suchte er mit dadurch 
zu erklaren, dass die deskriptive Arbeit straflich vernacblassigt 
worden war. In unseren Tagen diinkt jene Scheidung jedem 
ernsten Zweifel entriickt; aber ein Hauptverdienst gebiihrt bei 
diesem Fortschritt Franz Brentano, der jene Forderung mit aller 
Energie zu Zeiten vertrat, in denen die Mehrzahl der Forscher 
etwa glaubte, Schwarz sei der Mangel einer Empfindung, oder 
farbige Gegenstande wiirden irgendwo im Auge wahrgenommen 
und dann in die Aussenwelt herausverlegt. 

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich bei Franz Brentano 
zwei Forschungsmittel : Ist eine Erscheinung schwer erfassbar, so 
empfiehlt es sich, sie gleichsam dadurch zu vergrossern, dass man 
alle Folgerungen entwickelt, die sich aus ihrer Annahme herleiten. 
Und zweitens: die Zusammenstellung der „Aporien" nach dem 
aristotelischen Vorbild. „Sie zeigt die verschiedenen denkbaren 
Annahmen, sowie fiir jede von ihnen die ihr eigentiimlichen 
Schwierigkeiten und gibt so eine dialektische, kritische Ubersicht." 



Den materialen Gehalt der Brentanoschen Psychologie konnen 
wir hier natiirlich nicht ausschopfen; nur einige der wichtigsten 
und fruchtbarsten Gedanken sollen kurz besprochen werden. Die 
Frage nach dem Unterschied der psychischen und physischen 
Phanomene wuchs sich bei Brentano zu einem grundsatzlichen 
Problem ersten Ranges aus. Er fiihrt eine ganze Reihe von Be- 
stimmungen an, welche jene beiden Welten von einander abheben. 
Wir erwahnen jedoch lediglich die, denen er selbst den meisten 
Wert beimass. 

Psychische Phanomene sind Vorstellungen, sowie auch alle 
jene Erscheinungen, fiir welche Vorstellungen die Grundlage bilden. 
Nichts kann beurteilt, nichts kann aber auch begehrt, nichts kann 
gehofft Oder gefUrchtet werden, wenn es nicht vorgestellt wird. 
„Jedes psychische Phanomen ist durch das charakterisiert, was 
die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl men- 



224 . E. Utitz, 

tale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, 
obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdriicken, die Beziehung 
auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht 
eine Realitat zu verstehen ist), oder die immanente Gegenstand- 
iichkeit nennen wiirden. Jedes enthalt etwas als Objekt in sich, 
obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist 
etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder ver- 
worfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Be- 
gehren begehrt usw." „Diese intentionale Inexistenz ist den 
psychischen Phanomenen ausschliesslich eigentiimlich. Keiu phy- 
sisches Phanomen zeigt etwas Ahnliches. Somit konnen wir die 
psychischen Phanomene definieren, indem wir sagen, sie seien 
solche Phanomene, welche intentional einen Gegenstand in sich 
enthalten." Das ist die beriihmte Lehre, die — wie kaum eine 
andere — schicksalhaft geworden ist fiir die Weiterentwicklung 
der Philosophic. Ihre Geschichte zu schreiben ware ein lockendes 
und dankbares Unternehmen. 

In den letzten Jahren hat nun Brentano diese Lehre selbst 
geandert. Wohl halt er daran fest, dass jede psychische Tatigkeit 
gekennzeichnet sei durch die Beziehung zu etwas als Objekt, aber 
er behauptet nunmehr: „Alles psychisch sich Beziehende bezieht 
sich auf Dinge." In Anbetracht der Schwierigkeit dieser Lehre 
und angesichts der Tatsache, dass sie vorlaufig nur in ganz 
knappen Ausfuhrungen') vorliegt, will ich mich moglichst dem 
Wortlaut des Autors anschliessen und vor allem jede eigeue Stel- 
lungnahme vertagen auf eine Zeit, die eine umfassendere tJber- 
schau gewahrt. 

Durch ihren Beziehungscharakter erscheint jede psychische 
Tatigkeit als etwas Relatives. Nehme ich ein Relativ aus der 
weiten Klasse von Vergleichsverhaltnissen, z. B. ein Grosseres 
Oder Kleineres, so muss, wenn das Grossere ist, auch das Kleinere 
sein. Ist ein Haus grosser als ein anderes Haus, so muss auch 
das andere Haus sein und eine Grosse haben. Ganz anders ist 
es dagegen bei der psychischen Beziehung. Denkt einer etwas, 
so muss zwar das Denkende, keineswegs aber das Objekt seines 
Denkens existieren. Wenn er etwas leugnet, so ist dies geradezu 
ausgeschlossen in alien jenen Fallen, wo die Leugnung zutrifft. 



•) In der zweiten Auflage der Psychologie; s. Nr. 18 des Literatur- 
verzeichnisses. 



Franz Brentano; 225 

So ist denn das Denkende das einzige Ding, welches die psy- 
chische Beziehung verlangt. Man konnte darum zweifeln, ob hier 
wirklich etwas Relatives vorliege, und nicht vielmehr etwas in 
gewissem Betracht einem Relativen Ahnliches, das man darum 
als etwas „Relativliches" bezeichnen diirfte. Mit hochster Energie 
verwahrt sich Brentano dagegen, einen Unterschied von „sein" 
und „existieren" anzuerkennen. Er leugnet verschiedene Seins- 
weisen oder Seinsformen. 

Nun sind aber in vielen Fallen die Dinge nicht, auf welche 
man sich psychisch bezieht. Man pflegt zu sagen, sie seien auch 
dann als Objekte, wobel man aber das Wort „sein" in ganz un- 
eigentlichem Sinne gebraucht. Man sagt damit eben nicht mehr, 
als dass sich ein psychisch Tatiges darauf beziehe. Der Umstaud, 
dass sich das psychisch Tatige verschiedentlich auf das gleiche 
Ding bezieht, hat dazu gefiihrt „Inhalt" und „Objekt" zu unter- 
scheiden. Urteile ich „ein Zentaur ist nicht", so glaubt man, der 
Zentaur bilde das Objekt, der Inhalt sei aber, dass ein Zentaur 
nicht sei oder auch das Nichtsein eines Zentauren. Sagt man, 
dieser Inhalt sei in dem psychisch Tatigen, so gebraucht man 
wieder das „sein" in einem uneigentlichen Sinn und sagt nichts 
anderes, als was man beim Gebrauch des „seins" im eigentlichen 
Sinne in den Worten ausspricht: „ein psychisch Tatiges verneint 
in dem Modus praesens einen Zentauren." WoUte man mit jener 
Scheidung Ernst machen, dann gabe es „ausser einem Apfel auch 
das Sein eines Apfels, das Nichtsein des Nichtseins eines Apfels, 
das Sein des Nichtseins des Nichtseins eines Apfels usw. in infini- 
tum, und unendlichfach wiirden sich die unendlichen Komplikationen 
vervielfaltigen." In Wahrheit handelt es sich dabei — laut Bren- 
tano — lediglich urn Fiktionen. 

„Man kann nicht wie einen Zentauren, so das Sein oder 
Nichtsein eines Zentauren zum Objekte machen, sondern nur einen 
den Zentauren Anerkennenden oder Leugnenden, in welchem Falle 
der Zentaur ebenfalls zugleich in einem besonderen Modus obliquus 
Objekt wird. Und so gilt denn iiberhaupt, dass nie etwas anderes 
als Dinge, welche samtlich unter denselben Begriff des Realen 
fallen, fiir psychische Beziehungen ein Objekt abgibt." Dies 
hindert aber nicht, dass in vielen Fallen die Fiktion, als batten 
wir noch anderes als Reales wie z. B. Nichtseiendes ebenso wie 
Seiendes zum Objekt, sich bei logischen Operationen unschadlich 
erweist, ja, dass diese dadurch, well im Ausdruck und auch im 

/ 



226 E. Utitz, 

Denken selbst vereinfacht, erleichtert werden konnen; ahnlich wie 
der Mathematiker sich mit Vorteil der Fiktionen von Zahlen unter 
Null und vieler anderer zu bedienen pflegt. Der Umstand, dass 
solche Fiktionen in der Logik gebrauchlich sind, hat manche dahin 
gebracht zu glauben, dass sie ausser den Dingen auch Nichtdinge 
zum Objekt habe, und somit der Begriff ihres Objektes allgemeiner 
als der des Realen selbst sei. Dies ist aber durchaus unrichtig, 
ja schon darum unmSglich, „weil es andere als reale Objekte gar 
nicht geben kann, und derselbe einheitliche Begriff des Realen 
als schlechthin allgemeinster Begriff alles, was wahrhaft Objekt 
ist. unter sich fasst. Auch die Termini der gemeinen Sprache 
sind in den haufigsten Fallen nicht psychologisch, sondern nur 
grammatikalisch Namen. Sie nennen nicht Dinge, aber darum 
bleibt es um nichts weniger wahr, dass die Rede, in die sie ver- 
flochten sind, sich mit nichts anderem als mit Dingen beschaftigt." 
Zu dieser Form hat Franz Brentano die Lehre vom immanenten 
Gegenstand entwickelt und sich damit sehr weit von den Auffas- 
sungen entfernt, die der grosste Teil seiner Schiiler vertritt,^) 
nicht nur z. B. Husserl, sondern auch Marty, der in diesem Punkte 
im scharfsten Gegensatz zu seinem Lehrer und Meister stand. 

^ ^ ^ 

Eine weitere wichtige Bestimmung zur Kennzeichnung der 
psychischen Phanomene ist, dass diese durch innere Wahrnehmung 
erfasst werden. Ihr eignet unmittelbare Evidenz. Die physischen 
Phanomene existieren nur intentional. 2) „So gewiss es auch ist, 
dass eine Farbe uns nur erscheint, wenn wir sie vorstellen, so ist 
doch hieraus nicht zu schliessen, dass eine Farbe, ohne vorgestellt 
zu sein, nicht existieren konne. Nur wenn das Vorgestelltsein 
als ein Moment in der Farbe enthalten ware, so etwa wie eine 
gewisse Qualitat und Intensitat in ihr enthalten ist, wiirde eine 
nicht vorgestellte Farbe einen Widerspruch besagen, da ein Gauzes 
ohne einen seiner Telle in Wahrheit ein Widerspruch ist. Dieses 
aber ist offenbar nicht der Fall." Es ist demnach die Annahme 
nicht schlechtweg absurd, dass ausserhalb des Geistes und in 



*) Soviel ich weiss, teilen Oskar Kraus und Alfred Kastil die An- 
schauung Brentanos, 

*) Das hatte Brentano in den letzten Jahren seines Lebens wohl 
nicht mehr in dieser Form gelehrt, sondern in dem oben skizzierten Sinne 
modifiziert. 



Franz Brentano. 227 

Wirklichkeit physische Phanomene existieren, gleich denen, die 
intentional in uns sich finden. Aber die nahere Untersuchung be- 
weist deutlich, „dass der intentionalen hier keine wirkliche Existenz 
entspricht. Und gilt dies auch zunachst nur, so weit unsere Er- 
fahrung reicht, so werden wir doch nicht fehl gehen, wenn wir 
ganz allgemein den physischen Phanomenen jede andere als inten- 
tionale Existenz absprechen." 

Jeder psychische Akt ist ferner bewusst. Ein Bewusstsein 
von ihm ist in ihm selbst gegeben. Auch der einfacbste psychische 
Akt hat darum ein doppeltes Objekt : ein primares und ein sekun- 
dares. Der einfachste Akt, in dem wir horen z. B. hat als pri- 
mares Objekt den Ton, als sekundares aber sich selbst, das psy- 
chische Phanomen, in dem der Ton gehort wird. Von diesem 
zweiten Gegenstande ist er in dreifacher Weise ein Bewusstsein: 
er stellt ihn vor, er erkennt und fiihlt ihn. „Somit hat jeder, 
auch der einfachste psychische Akt eine vierfache Seite, yon 
welcher er betrachtet werden kann." In sehr eingehenden Unter- 
suchungen unternimmt es Brentano, die Lehre vom „Unbewussten" 
zu widerlegen. Und praktisch wollte er in der Abhandlung iiber 
das „ Genie" zeigen, wie man ohne die Annahme unbewusster 
Zwischenglieder die fraglichen Erscheinungen begreifen konne. 
AUe seine Aufstellungen sind fiir die weitere Forschung wertvoU 
und anregungsreich geworden. Die Evidenz der inneren Wahr- 
nehmung,^) die intentionale Existenz der psychischen Phanomene, 
das sekundare Bewusstsein wurden zu ergiebigen und heiss um- 
strittenen Problemen gerade durch die klare und entschiedene 
Form, die ihnen Brentano verliehen hatte. Dies wird auch der 
vollinhaltlich anerkennen diirfen, der selbst in manchen Fragen 
auf einem andern Standpunkt steht. So scheint mir letzthin der 
Streit um das Unbewusste im deskriptiven Sinne ein Kampf um 
Worte: denn da lasst es sich nicht leugnen. Nur genetisch birgt 
das Problem eine ernste, heute noch keineswegs sicher entscheid- 
bare Seite. Aber wie sie auch geklart werden mag, unbezweifel- 
bar bleibt das Verdienst Brentanos mit ausserstem Scharfblick 
alle Griinde entwickelt zu haben, die gegen das Unbewusste 
sprechen. Seinem Kationalismus war dieser „Spuk" besonders 



^) Auf dem Boden der Brentanoschen Lehre stehen auch die ,Unter- 
suchungen zum Problem der Evidenz der inneren Wahmehmung" von 
Hugo Bergmann; 1908. 

/ 



228 E. Utitz, 

zuwider. Hier scheint mir einer der Punkte zu liegen, wo die 
personliche Affiziertheit des Forschers deiitlich mitspricht. 
* ^ ^ 

-Als eines der dringendsten Probieme der deskriptiven Psy- 
chologie erschien Brentano die Kiassifikation der psychischen Plia- 
nomene. Er verwarf alle Einteiluugen, die nicht aus dem Ver- 
senken in das Wesen der psychischeu Erscheinungen hervorgehen ; 
darum wahlte er jene, welche die verschiedene Weise der Be- 
ziehung zum immanenten Objekte zum Prinzip erhebt. So ge- 
langte er zu den drei „natiirlichen Grundklassen" : Vorstellung; 
Urteil; Liebe und Hass. Wenn wir etwa sageu, Vorstellung und 
Urteil seien zwei verschiedene Grundklassen psychischer Phano- 
meue, so meiuen wir damit, sie seien zwei ganzlich verschiedene 
Weisen des Bewusstseins von einem Gegenstande. 

„Vorstellung" umfasst uach Brentano das ganze Gebiet des 
sogenannten Gegenstandsbewusstseins. Aber keine Tugend und 
keine Schlechtigkeit, keine Erkenntnis und kein Irrtum wohnen in 
den Vorstellungen. „Das alles ist ihnen innerlich fremd, und 
hochstens in homonynier Weise konnen wir eine Vorstellung sitt- 
lich gut Oder schlecht, wahr oder falsch nennen; wie z. B. eine 
Vorstellung schlecht genannt wird, well wer das Vorgestellte liebte, 
siindigen, und eine andere falsch, weil wer das Vorgestellte aner- 
kennte, irren wiirde; oder auch, weil in der Vorstellung eine Ge- 
fahr zu jener Liebe, eine Gefahr zu dieser Anerkennung gegeben 
ist." Bilden wir die Fiktion eines bloss vorstellenden Wesens, so 
stiinde dieses jenseits von Gut und Bose, Wahr und Falsch. Alle 
Unterschiede des Vorstellens ireffen sein Material: anschaulich 
Oder unanschaulich, mehr oder minder intensiv, allgemein oder 
konkret usw. Erst spater nahm Brentano verschiedene Modi des 
Vorstellens an, so vornehmlich die temporalen Differenzen. „Wie 
ein . Qualitatsmodus keinem Urteil fehlen kann, und wir dies zu- 
versichtlich fiir alle urteilenden Wesen zu behaupten vermogen, 
so ist auch ein Temporalmodus schlechterdings fiir jedes Vorstellen 
erforderlich, und es kann dies ohne Kiihnheit nicht bloss fiir 
Mensch und Tier, sondern fiir jedes vorstellende Wesen iiberhaupt 
gesagt werden. Es gilt mit derselbeu Sicherheit wie der Satz, 
dass es keine Vorstellung gibt ohne Objekt." 

Das Urteil ist keineswegs wesensnotwendig eine Verbindung 
Oder Trennung von Vorstellungen, sondern bejahende oder ver- 
neinende Stellungnahme zum Gegenstand. In der Form „A ist" 



Franz Brentano. 229 

wird nicht etwa die Existeuz als Pradikat mit A als Subjekt ver 
bunden. Nicht die Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit A, 
sondern A selbst ist der Gegenstand, den wir anerkennen. Wenn 
wir sagen „A ist nicht" so ist dies keine Pradikation der Existenz 
Ton A in entgegengesetztem Sinne, keine Leugnung der Verbin- 
dung eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" ist der 
Gegenstand, den wir leugnen. Die Aussage eines Urteils ist fast 
durchgehends ein Satz, eine Verkntipfung mehrerer Worte. Dies 
hangt damit zusammen, dass eine Vorstelhmg die Grundlage eines 
jeden Urteiles ist, und dass bejahende und verneinende Urteile 
hinsichtlich des Inhalts, auf den sie sich beziehen, iibereinstimmen, 
indem das negative Urteil nur den Gegenstand leugnet, den das 
entsprechende affirmative anerkennt. Dadurch war es sehr nahe 
gelegt, den einfachsten, sprachlichen Ausdruck, das einzelne Wort, 
nicht fiir sich allein zu verwenden zur Kundgabe des Urteils. 
Beniitzte man es fiir sich als den Ausdruck der einem Urteilspaare 
gemeinsam zu Grunde liegenden Vorstellung, und fiigte man, um 
Bezeichnungen fiir das Urteil selbst zu erlangen, eine doppelte 
Art von Flexion Oder auch eine doppelte Art von stereotypen 
Wortchen (wie „sein" und „nicht sein") hinzu; so ersparte man 
durch diesen einfachen Kunstgriff dem Gedachtnis die Halfte der 
Leistung, indem die namlichen Namen in den affirmativen und in 
den entsprechenden negativen Urteilen Verwendung gewinnen. 
Ausserdem erwarb man den Vorteil, bei der Weglassung jener 
Erganzungszeichen den Ausdruck einer anderen Klasse von Pha- 
nomenen — der Vorstellungen — rein fiir sich zu besitzen, 
welcher noch weitere treffliche Dienste leisten konnte in Fragen, 
Ausrufungen, Befehlen usw., da ja die Vorstellungen auch die 
Grundlage fiir Begehren und Fiihlen darstellen. So bildete sich 
allmahlich die Ansicht, das Urteil selbst miisse ebenfalls eine Zu- 
sammensetzung, und zwar — da die Mehrzahl der Worte Namen, 
also Vorstellungsausdriicke sind — eine Zusammenfiigung von 
Vorstellungen sein. Stand dies einmal fest, so schien ein unter- 
scheidendes Merkmal des Urteils von der Vorstellung gegeben; 
und es fehlte der Antrieb, eingehender zu priifen, ob dies die 
ganze Differenz von Vorstellung und Urteil sein konne, ja ob ihre 
Verschiedenheit nur irgendwie in dieser Weise sich begreifen lasse.^) 

^) Hier setzten zahlreiche umfassende und sehr wertvolle Arbeiten 
A. Martys ein, die jetzt vollstandig in den gesammelten Schriften er- 
scheinen, von denen zwei Bande bereits vorliegen. 

/ 



230 E. Utitz, 

Fiir die Gruadklasse von Liebe und Hass, oder der Phano- 
mene des Interesses — wie Marty sie zu nennen pflegte — suchte 
Brentano einerseits zu zeigen, dass sie fundamental von Vorstel- 
lung und Urteil verschieden sei, und audererseits, dass alle ihre 
Erscheinungen nur graduelle Differenzen offenbaren und darum 
allmahlich ineinander iibergefiihrt werden konnen. 



Schon langst vor Brentano glaubte man allgemein, dass die 
drei Ideen des Schonen, Guten und Wahren eine Beziehung haben 
miissten zu drei koordinierten, grundverschiedenen Seiten unseres 
Seelenlebens. Und auch er lehrte, dass jeder Grundklasse von 
psychischen Phanomenen eine ihr eigentUmliche Gattung von Voll- 
kommenheit eigne : namlich dem Vorstellen das Schone, dem Urteilen 
das Wahre, dem Interesse die Giite. „Das Ideal der Ideale besteht 
in der Einheit alles Wahren, Guten und Schonen, d. i. in einem 
Wesen, dessen Vorstellung die unendliche Schonheit und in ihr wie 
in ihrem unendlich tiberragenden Urbilde alle denkbare, endliche 
Schonheit zeigt; dessen Erkenntnis die unendliche Wahrheit und 
in. ihr wie in ihrem ersten und allgemeinen Erklarungsgrunde alle 
endliche Wahrheit of fenbart ; und dessen Liebe das unendliche, all- 
umfassende Gut und in ihm jedes andere liebt, welches in endlicher 
Weise an der Vollkommenheit Teil hat. Das, sage ich, ist das 
Ideal der Ideale. Und die Seligkeit aller Seligkeiten bestande in 
dem dreifachen Genusse dieser dreifachen Einheit, indem die un- 
endliche Schonheit angeschaut, und aus ihrer Anschauung durch 
sich selbst als notwendige und unendliche Wahrheit erkannt, und 
als unendliche Liebenswiirdigkeit offenbar geworden mit ganzlicher 
und notwendiger Hingabe als das unendliche Gut geliebt wiirde. 
Dies ist auch die Verheissung der Seligkeit, welche in der voll- 
kommensten der Religionen, die in der Geschichte aufgetreten sind, 
in dem Christentume, gegeben wird; und mit ihm stimmen die 
grossten Denker des Heidentums und namentlich der gottbegeisterte 
Platon in der Hoffnung auf ein solches beseligendes Gliick iiberein." 



Bevor ich daran gehe zu zeigen, welche Folgen Brentano aus 
diesen psychologischen Grundeinsichten fiir Asthetik, Logik und 
Ethik zog, will ich mit wenigen Worten weuigstens der ungemein 
reichen und ergiebigen Spezialuntersuchungen gedenken, mit denen 



Franz Brentano. 231 

er die Psychologie beschenkte. Schon 1874 erhob er gegen die an 
das psycho-physische Grundgesetz gekniipfte Annahme, dass die 
eben merklichen Empfindungsunterschiede gleich seien, den schlagen- 
den Einwand, es leuchte lediglich a priori ein, dass die eben merk- 
lichen Unterschiede gleich merklich, nicht aber dass sie gleich sind. 
Es miisste denn jeder gleiche Zuwachs gleichmerklich und darum 
aiich jeder gleich merkliche Zuwachs gleich sein. Das aber bleibt 
zunachst zu untersuchen. Tut man dies, gelangt man zu dem Er- 
gebnisse, dass jeder Zuwachs der Empfindung gleich merklich ist, 
der zu der Intensitat der Empfindung, zu der er hinzukommt, in 
gieichen Verhaltnissen steht. Denn auch bei anderen Veranderungen 
der Phanomene gilt dieses Gesetz ; so ist z. B. die Zunahme eines 
Dezimeters um ein Zentimeter ungleich merklicher, als die eines 
Meters um die gleiche Grosse. Die Vergleichung erfolgt „verm6ge 
des Gedachtnisses, das die Erscheinungen um so leichter miteinander 
verwechselt, je mehr sie einander ahnlich sind. Leichter Verwechseln 
besagt aber nichts Anderes als schwerer unterscheiden, d. h. den 
Unterschied der einen von der anderen weniger leicht bemerken." 
„Der Unterschied zweier Erscheinungen wird nur dann gleichmerk- 
lich sein, wenn das Verhaltnis des Zuwachses zu der zuvor ge- 
gebenen Intensitat dasselbe ist." Diese scharfsinnige Kritik Brentanos 
gab der Forschung geeigneten Anlass zu einer stattlichen Reihe 
von Untersuchungen. Und ebenso fruchtbar wirkte sein Aufsatz 
iiber optische Tauschungen. Umso bedauerlicher ist es, dass seine 
Arbeiten zur Sinnespsychologie ^) fast unbekannt geblieben sind, ob- 
gleich ihre methodische Reinheit bewundernswert erscheint, und sie 
inhaltlich sehr bedeutsame Ergebnisse offenbaren, die auf alle Falle 
eine eingehende — auch polemische — Beriicksichtigung erheischen. 
Nur Carl Stumpf, Kohler, J. Eisenmeier und wenige andere be- 
schaftigen sich naher mit jenen Studien, die vor allem die Frage 
der Intensitat betreffen, ferner grundlegende Probleme der Optik 
und Akustik. Unveroffentlicht blieben bisher die sehr umfassenden 
Forschungen Brentanos iiber die Wirkungsweisen der Gewohnheit 
und iiber Assoziationsbildung, und vor allem die iiber das Ver- 
haltnis des Psychischen zum Physischen, wobei jede parallelistische 
Ausdeutung entschieden abgelehnt wird. 



*) Vergl. Nr. 16 des Literaturverzeichnisses. 

/ 



232 E. Utitz, 

Die Einteilung der psychischen Phanoraene, sowie ihre Er- 
forschimg, legen auch den Grund fiir Asthetik, Logik und Ethik, 
die Brentano als praktische Disziplinen auffasst. Aber niemals 
ging er so weit, sie einfach als psychologische Disziplinen zu be- 
trachten: denn Psychologic ist Tatsachenwissenschaft ; Asthetik, 
Logik und Ethik haben es mit Normen zu tun. Ich halte die Lehre 
vom rein praktischen Charakter dieser Wissenszweige fiir einen der 
bedenklichsten Punkte in der Gedankenwelt Brentanos; denn ich 
vermag uicht einzusehen, mit welchem Rechte etwa allgemeine 
Werttheorie oder das Evidenzproblem als „technische Kiinste" be- 
zeichnet werden dtirfen. Zweifellos gibt es eine angewandte 
Asthetik, Logik oder Ethik, aber doch nur in dem Sinne, in dem 
wir auch von einer angewandten Psychologic sprcchen. Da scheint 
Brentano einem fruhcren Stadium der Philosophic ungebiihrliche 
Zugcstandnisse gemacht zu haben, das Bcdeutung und Geltung 
philosophischer „Praxis" nicht klar genug crkannte. Seine eigencn 
Arbeit en auf diesen Gebieten sind gerade zumeist thcoretischer 
Natur. 

Auf das Vorstellen sollte die Asthetik sich griinden : im echten 
Sinne sind nur Vorstellungcn schon und hasslich. Sichcrlich gibt 
es eine Rclativitat des Asthetischen, die aus der verschiedenen Emp- 
fanglichkeit unseres Fiihlens hcrflicsst; aber wir haben auch evidente 
asthetische Vorzugsgesctze, so z. B. dass unter sonst gleichen Um- 
standen die anschaulichere Vorstellung die minder anschauliche 
iibertrifft, die reichcre die armere, die von Psychischem jene von 
Physischem usw. In der Abhandlung tiber „Das Schlechte als 
Gegenstand dichtcrischer Darstcllung" findet sich cine knapp ge- 
haltcne Ausfiihrung der asthetischen Grundanschauungen Franz 
Brentanos. In doppeltcr Hinsicht erscheinen sic mir bedeutsam: 
im Kampf gegen die subjektivistischc Auflosung des Asthetischen, 
sowie in seiner Verankcrung in objektiven Erscheinungsmerkmalcn 
im Gcgensatz zu der Stimmungszersetzung all jener, die das Asthe- 
tische Icdiglich in das Fiihlen hineinverlegen. In diesen beidcn 
Fragen hat Brentano Recht bchalten, nicht in der spezifischen 
Form seiner Lehre, aber in der Sache. 



Viel weitgehender und unendlich wirkungsvoller wurde aber 
seine beriihmtc Reform der Logik. Scit Aristoteles trat auf diesem 



Franz Brentano. 233 

Gebiet keiue so kiihne und umsturzlerische Revolution ein. Sie 
zerriss den Dornroschenschlaf der SchuUogik und schuf hier eine 
Bewegtheit, die heute noch anhiilt und keineswegs als abgeschlossen 
gelten darf. Fast alle bedeutenden Logiker der Gegenwart haben 
unmittelbar oder mittelbar von Brentano her ihren Ausgangspunkt 
genommen. ^) 

Zwei Lehren stehen dabei im Vordergrund: das Evidenzproblem 
und die neue Einsicht in das Wesen des Urteils. Auf ersteres 
konnten wir bereits ofter hinweisen und werden seiner ausfiihrlicher 
bei der Darstellung der Ethik zu gedenken haben. 2) Die idiopa- 
thische Urteilstheorie Brentanos zeigt auf s DeutUchste, „dass jeder 
kategorische Satz ohne irgend welche Anderung des Sinnes in einen 
Existentialsatz iibersetzt werden kann, und dass dann das „ist" 
und „ist nicht" des Existentialsatzes an die Stelle der Copula tritt." 
Dies soil durch Beispiele aus den vier Klassen von kategorischen 
Urteilen, welche die Logiker zu unterscheiden pflegen, nachgewiesen 
werden, wobei ich mich der alten Brentanoschen Beispiele bediene : 

Der kategorische Satz „irgendein Mensch ist krank" hat 
denselben Sinn wie der Existentialsatiz „ein kranker Mensch ist" 
Oder „es gibt einen kranken Menschen". 

Der kategorische Satz „kein Stein ist lebendig" hat denselben 
Sinn wie der Existentialsatz „ein lebendiger Stein ist nicht" oder 
„es gibt nicht einen lebendigen Stein". 

Der kategorische Satz „alle Menschen sind sterblich" hat den- 
selben Sinn wie der Existentialsatz „ein unsterblicher Mensch ist 
nicht" Oder „es gibt nicht einen unsterblichen Menschen". 

Der kategorische Satz „irgendein Mensch ist nicht gelehrt" 
hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein ungelehrter Mensch 
ist" Oder „es gibt einen ungelehrten Menschen". 

Diese Riickfiihrung auf die existentiale Form lasst deutlich 
erkennen, dass kein bejahendes Urteil allgeraein sein kann und kein 
verneinendes Urteil partikular. Es ist ein Irrtum, von allgemein 
bejahenden und partikular verneinenden Urteilen zu sprechen. Dieser 
Lehre eignet nun eine ungeheuere Tragweite : alle Axiome erhalten 
durch sie negativen Charakter. Sage ich „alle Dreiecke haben 



1) Das ist auch klar ersichtlich in der neuen Ausgabe des „Uberweg" ; 
a. a. 0. 

2) Die selir eingehenden Untersuchuugen Brentanos uber mathematische 
Wahrscheinlichkeit in der Logik eind leider bisher nicht verOffentlicht. 

Kftutotudien XXII. 26 



234 E. Utitz, 

zwei Rechte zur Winkelsumme'*, so heisst das ,,es gibt nicht ein 
Dreieck, das nicht zwei Rechte zur Winkelsumme hatte". Damit 
erkenne ich nicht das Sein von Dreiecken an, sondern behaupte 
lediglich: gibt es ein Dreieck, dann kann es nicht sein, ohne jeue 
Wesenseigenschaft zu besitzen. In dem WOrtchen „alle" stecken 
eigentlich zwei Verneinungen ; iind lediglich aus Griinden der sprach- 
lichen Okonomie kam es zu jener Ausdrucksweise. Und ebenso 
verschleiert die Sprache meistens die Einsicht, dass das — was 
man gemeinhin als kategoiisches Urteil bezeichnet — in Wahrheit 
ein Doppelurteil ist. Sage ich: „diese Blume ist gelb", so heisst 
das: „diese Blume ist, und sie ist gelb". Auf das Subjektsurteil 
baut sich das pradikative Urteil auf, so dass hier nur eine ein- 
seitige Ablosbarkeit besteht. 

An die Stelle der friiheren Regeln von den kategorischeu 
Schliissen treten als Hauptregeln, die eine unmittelbare Anwendung 
auf jede Figur gestatten, und fiir sich allein zur Priifung eines 
jeden Syllogismus vollkommen ausreichend sind, folgende drei, die 
ich im Wortlaut Brentanos hier wiedergebe: 1. Jeder kategorische 
Syllogismus enthalt vier Termini, von denen zwei einander ent- 
gegengesetzt sind, und die beiden andern zweimal zu stehen 
kommen. 2. Ist der Schlussatz negativ, so hat jede der Pramissen 
die Qualitat und einen Terminus mit ihm gemein. 3. Ist der 
Schlussatz affirmativ, so hat die eine Pramisse die gleiche Qualitat 
und einen gleichen Terminus, die andere die entgegengesetzte 
Qualitat und einen entgegengesetzten Terminus.^) 

1889 erschien Franz Brentanos „Vom Ursprung sittlich3r 
Erkenntnis",2) die Grundlegung der Ethik. Ich will dem Gedanken- 
gang des ersten Teiles dieser Schrift folgen, um zu zeigen, in 
welch lichtvoller Klarheit Brentano seine Lehren zu entwickeln 
pflegte : 

Manche wahnen, sie batten fiir eine gewisse Verhaltungsweise 
eine natiirliche Sanktion gefunden, wenn sie nachweisen, dass ein 



1) Der Ausfuhrung dieser Lehre unterzog sich Franz Hillebrand „Die 
neue Theorie der kategorischen Schliisse" 1891. 

*) Um den Ausbau der Ethik und Rechtsphilosophie auf diesen Grund- 
lagen hat sich besondere Verdienste Oskar Kraus erworben in seinen ver- 
schiedenen Schriften. Zur Einfiihrung s. am besten „Die Grundlagen der 
Werttheorie" mit sehr reichen Literaturangaben im zweiten Bande der von 
Frischeisen-Kohler herausgegebenen „Jahrbucher der Philosophie" ; 1914. 



Franz Brentano. 235 

gewisser Drang des Geftihls, so zu verfahren, sich in dem Meuschen 
zu entwickeln pflege; wie z. B. da jeder anderen diene, um Gegen- 
dienste zu empfangen, zuletzt sich eine Gewohnheit herausbilde, 
solche Dienste zu leisten, auch wo an gar keine Vergeltung ge- 
dacht werden konne. Das ware dann die Sanktionierung der 
Nachstenliebe. Aber diese Behauptung ist ganzlich verfehlt. Ein 
solcher Drang ware wohl eine Kraft, die wirkt, doch nimmermehr 
eine Sanktion, die giiltig macht. Auch die lasterhafte Neigung 
entwickelt sich nach denselben Gesetzen der Gewohnheit und iibt 
als Drang oft die unbeschrankteste Herrschaft aus. 

Es wird vielmehr ein innerer Vorzug sein miissen, der das 
sittliche Wollen von dem unsittlichen auszeichnet, ahnlich wie es 
ein innerer Vorzug ist, der das wahre und einsichtige Urteilen und 
Schliessen von den Vorurteilen und Fehlschliissen unterscheidet. 
Der eigentliche logische Vorzug ist eine gewisse innere Richtigkeit. 
Und so wird es denn auch eine gewisse innere Richtigkeit sein, 
welche den wesentlichen Vorzug bestimmter Akte des Willens vor 
andern und entgegengesetzten bildet und den Vorzug des Sittlichen 
vor dem Unsittlichen ausmacht. Der Glaube an diesen Vorzug ist 
ein ethisches Motiv, die Erkenntnis dieses Vorzugs das richtige, 
ethische Motiv; die Sanktion, welche dem ethischen Gesetze Bestand 
und Giiltigkeit verbiirgt. 

Als Subjekt des Sittlichen und Unsittlichen bezeichnet man 
den Willen. Was wir wollen, ist vielfach ein Mittel zu einem 
Zweck. Dann wollen wir, und gewissermassen noch mehr, diesen 
Zweck. Richtig werden die Mittel dann sein, wenn sie wahrhaft 
geeignet sind, die beabsichtigten Zwecke zu erreichen. Aber auch 
die Zwecke, und zwar die eigentlichsten und letzten Zwecke, konnen 
verschieden sein. 

Mit aller Entschiedenheit lehnt Brentano die Lehre ab, dass 
jeder das gleiche anstrebe, namlich seine eigene, hochstmogliche 
Lust; schon ein einziger Blick auf den Heltentod der Martyrer 
widerlege diese Behauptung. Welcher Zweck ist nun aber richtig? 
fiir welchen soil sich unsere Wahl entscheiden? 

Wo der Zweck feststeht und es sich nur um die Wahl von 
Mitteln handelt, werden wir sagen: ergreife j en e Mittel, die wirk- 
lich zu dem Ziele leiten. Wo die Wahl der Zwecke in Frage 
kommt, werden wir sagen: wahie einen Zweck, der verniinftiger- 
weise fiir wirklich erreichbar zu halten ist. Aber diese Antwort 
geniigt nicht: manches Erreichbare ist weit mehr zu fliehen, als 

16* 



236 E. Utitz, 

zu erstreben. Wahle also das Beste unter dem Erreichbaren ! das 
wird allein die entsprechende Antwort sein. Aber was heisst das : 
„das beste"? was nennen wir uberhaupt „gut"? wie gewinneu wir 
die Erkenntnis, dass etwas gut und besser ist als eiu anderes? 

Wir nennen etwas wahr, wenn die darauf beziigliche An- 
erkennung richtig ist. Wir nennen etwas gut, wenn die darauf 
beziigliche Liebe richtig ist. Das mit richtiger Liebe zu Liebende 
— das Liebwerte — ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes. 
Wie erkennen wir aber, das etwas gut ist? Das wirkliche Vor- 
kommen der Liebe bezeugt keineswegs ohne weiteres die Lieb- 
wiirdigkeit, wie ja auch das wirkliche Anerkennen keineswegs ohne 
weiteres die Wahrheit beweist. Es gibt blinde, anerkennende Ur- 
teile, deren Richtigkeit durch nichts charakterisiert ist. Dies ist 
dagegen bei gewissen anderen Urteilen der Fall, die man im Unter- 
schied yon jenen blinden „einleuehtende", „evidente" Urteile ge- 
nannt hat, wie beim Satz des Widerspruchs und bei jeder soge- 
nannten inneren Wahrnehmung, die mir kundtut, dass ich jetzt 
Schall- und Farbenempfindungen habe und das und das denke und 
will. Eine Frage nach der Richtigkeit wiirde angesichts der Klar- 
heit des Urteils gar nicht mehr am Platze, ja geradezu lacherlich 
erscheinen. Jeder erffthrt den Unterschied zwischen der eiuen und 
andern Urteilsweise in sich; in dem Hinweis auf diese Erfahrung 
muss, wie bei jedem Begriff, die letzte Verdeutlichung bestehen. 

Ein analoger Unterschied offenbart sich auf dem Gebiete des 
Gemiits. Wir haben von Natur ein Gefallen an gewissen Ge- 
schmacken und einen Widerwillen gegen andere; beides rein in- 
stinktiv. Wir haben auch von Natur ein Gefallen an klarer Ein- 
sicht und ein Missfallen an Irrtum. Dies ist ein Gefallen von 
jener hoheren Form, die das Analogon stiftet zu der Evidenz im 
Bereich des Urteils. In unserer Spezies ist es allgemein; wiirde 
es aber eine andere geben, welche — wie sie in Bezug auf Emp- 
findungsinhalte anders als wir bevorzugt — im Gegensatz zu uus 
den Irrtum als solchen liebte, und die Einsicht hasste, so wiirden 
wir da gewiss nicht sagen: das ist Geschmackssache, de gustibus 
non est disputandum. Nein, wir wiirden hier zuversichtlich er- 
klaren, solches Lieben und Hassen sei grundverkehrt, die Spezies 
hasse, was unzweifelhaft gut, und liebe, was unzweifelhaft in sich 
selbst schlecht sei. Im ersten Fall erschien der Drang als instink- 
tiver, blinder Trieb; hier ist aber das natiirliche Gefallen eine 
hohere, als richtig charakterisierte Liebe; und ebenso verhalt es 



Franz Brentano. 237 

sich, wenn wir unter sonst gleichen Umstanden die Freude der 
Traurigkeit vorziehen. Aus solchen Erfahrungen einer evidentoiden 
Liebe entspringt uns die Erkenntnis/) dass etwas wahrhaft und 
unzweifelhaft gut ist, in dem ganzen Umfauge, in dem wir einer 
solchen fahig sind. Denn das allerdings diirfen wir uns nicht ver- 
hehlen: wir besitzen keinerlei Gewahr dafiir, dass wir von allem, 
was gut ist, iTiit einer als richtig charakterisierten Liebe ange- 
mutet werden. Wo immer dies nicht der Fall ist, versagt unser 
Kriterium, und das Gute ist fiir unsere Erkenntnis und praktische 
Beriicksichtigung soviel wie nicht vorhanden. 

Das Bessere ist nun dasjenige, was mit Recht mehr geliebt 
wird, mehr gefallt. Das „mehr" bezieht sich aber nicht auf das 
Intensitatsverhaltnis zweier Akte , sondern auf eine besondere 
Spezies von Phanomenen, die zur allgemeinen Klasse des Gefallens 
und Missfallens gehort, namlich auf die Phanomene des Vorziehens. 
Aus der Sumraierung des Guten folgt, dass das Bereich des hochsten 
praktischen Gutes die ganze unserer verniinftigeu Einwirkung unter- 
worfene Sphare ist, soweit in ihr ein Gutes verwirklicht werden 
kann ; nicht allein das eigene Selbst, sondern Familie, Stadt, Staat, 
die gesamte Lebewelt, ja die Zeiten ferner Zukunft konnen dabei 
in Betracht kommen. Das Gute nach Moglichkeit zu fordem, das 
ist offenbar der richtige Lebenszweck, zu welchem jede Handlung 
geordnet werden soil; „das ist das eine und hochste Gebot, von 
dem alle iibrigen abhangen." Das gleiche Gute, wo immer es sei 
— also auch im andern — wird nach seinem Werte — also iiberall 
gleich — zu lieben sein; und Missgunst und Scheelsucht sind aus- 
geschlossen. Die sekundaren Regeln konnen bisweilen geradezu 
entgegengesetzt lauten, ohne natiirlich, da sie ja fiir verschiedene 
Umstande gelten, deshalb wahrhaft widersprechend zu sein. In 
diesem, aber auch nur in diesem Sinne also wird eine Relativitat 
des Ethischen mit Recht behauptet. 

Eine auf diesen Fundamenten sich aufbauende Ethik musste 
Kants kategorischen Imperativ selbstverstandlich ablehnen. Aber 
Brentano geht noch weiter: jener Imperativ hat den Fehler, dass 



1) Ich m5chte nicht verschweigen, daas der weitere Gang der Forsch- 
uug gewiise Modifikationen der ursprilnglichen Lehre gezeitigt hat, ohne 
aber ihren Grundkern anzutasten. Darilber nSheres in den bereits er- 
wahuten Schriften von Oskar Kraus. 



238 E. Utitz. 

man, selbst wenn man ihn zugesteht, schlechterdings zu keinen 
ethischen Folgerungen gelangt. Das Lieblingsbeispiel einer Ab- 
leitung ist folgendes: darf man, fragt Kant, ein Gut, das einem 
ohne Schein oder sonstiges Indizium vertraut ist, fur sich behalten? 
Er antwortet: Nein! Denn, meint Kant, niemand wiirde einem, 
falls die gegenteilige Maxime zum Gesetz erhoben wiirde, unter 
solchen Umstanden noch etwas anvertrauen. Das Gesetz ware 
demnach ohne Moglichkeit der Anwendung; also unausfiihrbar, 
also aufgehoben durch sich selbst. „Mau erkennt leicht" — laut 
Brentano — „die Absurditat der Kantschen Argumentation. Wenn 
infolge des Gesetzes gewisse Handlungen unterlassen werden, so 
iibt es seine Wirkung; es ist also noch wirklich und keineswegs 
durch sich selbst aufgehoben. Wie lacherlich ware es, wenn einer 
in analoger Weise folgende Frage behandeln wiirde : darf ich einem 
wiUfahren, der mich zu bestechen sucht? — Ja. — Denn dachte 
ich die entgegengesetzte Maxime zum allgemeinen Naturgesetz er- 
hoben, so wiirde niemand mehr jene Tat versuchen, also ware 
das Gesetz ohne Anwendung; also unausfiihrbar und durch sich 
selbst aufgehoben." 

Im Kampf gegen Kant und die deutsche spekulative Philo- 
sophic ward Brentano nie miide: ja die Kritik des Kritizismus 
ward ihm mit zur Lebensaufgabe. Hier rang gleichsam eine 
geistige Grossmacht gegen die andere; und durch das Ringen 
fiel erhellendes Licht auf eine Fiille von Problemen, und jede 
schwache Stelle trat deutlich hervor.^) 

^ ^ * 

Die philosophische Zentralwissenschaft war fiir Brentano die 
Psychologic, insbesondere die ^Psychognosie."^) Will man darum 
Brentano einen Psychologisten nennen, so ist dagegen sachlich 
nichts einzuwenden. Versteht man unter Psychologismus aber 
einen Eelativismus, der psychische Tatsachlichkeit mit logischer 



1) Vom Standpunkt der Brentano-Martysclien Philosophie schrieb 
Alfred Kastil sein Buch fiber „Jakob Friedrich Fries' Lehre von der un- 
mittelbaren Erkenntnis. — Eine Nachpriifung seiner Reform der theore- 
tischen Philosophie Kants." 1912. 

*) Vgl, A. Martys Rektoratsrede „Was ist Philosophie" im erstea 
Bande der gesammelten Schriften. S. auch von Josef Eisenmeier „Die 
Psychologie und ihre zentrale Stellung in der Philosophie;" 1914 Doch 
wiirde wohl Brentano dem weitgehenden Empirismus Eisenmeiers die Ge- 
folgschaft verweigern. 



Franz Brentano. 239 

Geltung Oder Wertgesetzlichkeit verwechselt, oder einen Empiris- 
nius, der die Aprioritat analytischer Urteile leugnet, dann ware 
es grundverkehrt, Brentano der Reihe der Psychologisten zuzu- 
zahlen. Denn in diesem Sinne gait geradezu sein ganzes Leben 
dem Kampf gegen den Psychologismus. 

Erschien ihm die Psychologie als der breite Nahrboden der 
Philosophie, so erblickte er ihre Krone in der Metaphysik.^) Auch 
sie blieb bisher unveroffentlicht, und so konnen nur wenige An- 
deutungen ihre Richtung kennzeichnen. Mit Hilfe der deskriptiven 
Psychologie suchte Brentano nach einer Analyse und Klarung der 
wichtigsten metaphysischen Begriffe, wie Existenz, Kausalitat, 
Substanz, Notwendigkeit usw. 

Brentano war kritischer Realist und entschiedener Theist. 
Er bekannte sich zur Deszendenztheorie, bestritt aber energisch, 
„dass zufallige Variation und natiirliche Auslese Mr sich allein 
die Erscheinungen der Evolution und der Zweckmassigkeit im 
Gebiete der Organismen begreiflich machen," und wies darauf 
bin, dass jener „Erklarungsversuch einesteils das Entstehen der 
ersten Anfange eines Organs unerklart lasst, und dass er ander- 
seits nicht geniigend beriicksichtigt, wie mit der zunehmenden Voll- 
kommenheit und Komplikation der Organe die Wahrscheinlichkeit 
in kolossaler Progression abnimmt, dass eine zufallige Variation zu 
einer Verbesserung gegeniiber dem bereits Bestehenden fiihre. 
Und doch miissen, wenn ein Fortschritt zustande kommen soil, 
die Abkommlinge, die sich im Kampfe urns Dasein erhalten, nicht 
bloss vollk6mmener sein als diejenigen, welche zugrunde gehen, 
sondern auch vollkommener als die Gebilde, von denen sie selbst 
abstammen." Zahlreiche Argumente, die der Kampf unserer Tage 
gegen den reinen Darwinismus ins Treffen flihrt, hat Franz 
Brentano bereits vor langen Jahren gefunden. Aber sie blieben 
ungedruckt und unbekannt. 

Seine ganze Metaphysik durchgliiht — darin Leibniz ver- 
wandt — ein sonniger Optimismus! AUe Klippen der Theodicee 
sucht er zu iiberwinden und aufzugipfeln in der Erkenntnis der 
Gottheit! Je alter Brentano wurde, desto leidenschaftlicher wandte 
er sich diesem hochsten Problemgebiet zu. Gleich einem Propheten 
erschien er in einer gottverlassenen und gottsuchenden Zeit. 

3(C >^ ^ 



1) Vgl. die biographische Skizze von A. Marty; a. a. 0. 



240 E. Utitz, 

Der Tod Franz Brentanos ist nicht nur ein schmerzlicher 
Verlust fiir die Philosophie, die einen ihrer Besten verier, sondern 
bedeutet auch eine Aufgabe, und keine g-eringe. Oft und oft 
musste ich leider in meiner Darstellung darauf liinweisen, wie 
wenig veroffentlicht ist. Daraus erwachst die Pflicht einer bal- 
digen und vollstandigen Herausgabe des Nachlasses. Aber auch 
die gedruckt vorliegenden Biicher und Abhandlungen miisseu auf- 
genommen werden in die ,.gesammelten Werke"; denn ganz zer- 
streut in verschiedenen Verlagen erschienen sie und sind heute 
zum grossten Teil vergriffen. Fiir besonders wichtig halte ich 
die Publikation der akademischen Vorlesungen, so z. B. des be- 
riihmten LogikkoUegs — Wintersemester 1870/71 zu Wiirzburg — 
das zum erstenmal die gesamte Reform der Logik umfasst und 
ihre neue Systematik aufrollt, Gerade weil die historische Wirkung 
der Brentano-Vorlesungen allgemein bekannt ist, bedarf es dringend 
der Originale. Und ebenso wird der zahlreichen dichterischen 
Erzeugnisse gedacht werden miissen, die unumganglich notwendig 
sind zur Kenntnis der Personlichkeit Brentanos. 

Erst nach Erfiillung dieser Aufgaben kann das schwierige 
Werk in Angriff genommeu werden: Franz Brentanos Leben und 
Lehre in einer eingehenden und liickenfreien Arbeit darzustellen. 
Und ich wage zuversichtlich zu hoffen, dass dann Brentano keines- 
wegs nur als historische Grosse erscheint, der man Ehrfurcht 
schuldet, sondern als lebendige und zeugende Kraft im Kampfe 
der Forschung, als eine der Grundrichtungen, zu der es gilt, 
positiv Oder negativ einen Standpunkt zu gewinnen. 

Vielleicht darf ich mit einem kurzen Gedicht Franz Brentanos 
meinen Nachruf beenden, das dem wehmutsvollen Erinnern sein 
personliches Wesen aufleuchten lasst: 

Gott vol! Liebe, Quell der Kraft, 
Dann auch wird Dein Reich mir kommen, 
Wenn des Pilgers Knie erschlafft, 
Wenn des Schiffers Stern verglommen. 

Immer wird Dein Wort erfiillt, 

Ob ich fordre, ob verzichte; 

Doch ich traum' Dein selig Bild, 

Und mich drangts nach Deinem Lichte. 



Franz Brentano. 241 



Und jed' Kornlein meiner Hand 
Und jed' Steinlein, ich vertraue, 
Senkt sich in Dein fruchtbar Land, 
Fiigt sich Deinem ew'gen Baue. 



Zum Schlusse gebe ich eine vollstandige Ubersicht der in 
Buchforni erschienenen Schriften Franz Brentanos, wobei ich 
jedoch von den Ubersetzungen in fremde Sprachen absehe: 

1. Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristo- 
teles. — Freiburg i. Br., Herder; 1862. 

2. Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre 
vom vovg noiriTixog. — Mainz, Kirchheim; 1867. 

3. Psychologie vom erapirischen Standpunkt. I. Band. — Leip- 
zig, Duncker & Humblot; 1874. 

4. tJber die Griinde der Entmutigung auf philosophischem Ge- 
biete. — Wien, Braumiiller; 1874. 

5. Was fiir ein Philosoph raanchmal Epoche macht. — Wien, 
Hartleben; 1876. 

6. tJber den Creatianismus des Aristoteles. — Wien, Tempsky; 
1882. 

7. Offener Brief an Herrn Professor Eduard Zeller aus Anlass 
seiner Schrift iiber die Lehre des Aristoteles von der Ewig- 
keit des Geistes. — Leipzig, Duncker & Humblot; 1883. 

8. Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. — Leipzig, Duncker & 
Humblot; 1889. 

9. Das Genie. — Leipzig, Duncker & Humblot; 1892. 

10. Das Schlechte als Gegenstand dichterischer Darstellung. — 
Leipzig, Duncker & Humblot; 1892. 

11. tJber die Zukunft der Philosophie. — Wien, Alfred Holder; 
1893. 

12. Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher 
Stand. ~ Stuttgart, J. G. Cotta; 1895. 

13. Meine letzten Wiinsche fiir Osterreich. — Stuttgart, J. G. 
Cotta; 1895. 

14. Zur eherechtlichen Frage in Osterreich. — Berlin, J. Gut- 
tentag; 1896. 

15. Krasnopolskis letzter Versuch. — Wien, S. S. Arnd; 1896. 

16. Untersuchungen zur Sinnespsychologie. — Leipzig, Duncker 
& Humblot; 1907. 



242 E. Utitz, Franz Brentano. 

17. Aenigmatias; Neue Ratsel. — Zweite, stark vermehrte Auf- 
lage. — Miinchen, Oskar Beck; 1909. 

18. Von der Klassifikation der psychischen Phanomene. — Neue, 
durch Nachtrage stark vermehrte Ausgabe der betreffenden 
Kapitel der Psychologie vom empirischen Standpunkte. — 
Leipzig, Duncker & Humblot; 1911. 

19. Aristoteles' Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes. 
— Leipzig, Veit & Comp.; 1911. 

20. Aristoteles und seine Weltanschauung. — Leipzig, Quelle & 
Meyer; 1911. 



I 



Ph^nomenologie und Empirie. 

Von Theodor Elsenhans. 



Inhalt: I. Erfahrungsbegriff und Gegebenheit. II. Das Gegebene 
und die „Entindividualisierung". III. Die Vergleichung und das Allgemeine. 
IV. Weiteres fiber die Analogie der Mathematik. V. Phanomenologie und 
Wahrheitskriterium. VI. Ergebnis. 

Die Stellung der Phanomenologie in der Philosophic der 
Gegenwart ist bedeutsam genug, um ihr Uber die Erorterung ein- 
zelner sachlicher Gegensatze hinaus das wissenschaftliche Interesse 
zu sichern. Wenn ich auch beziiglich der „Auseinandersetzung" 
Linkes^) mit meiner Abhandlung iiber diesen Gegenstand^) in der 
Hauptsache auf die darin zu Tage tretende Verschiedenheit gewisser 
Grundanschauungen und auf eine Vergleichung des Gewichts ihrer 
Beweisfiihrung verweisen muss, und wenn ich ferner keine Kenntnis 
davon habe, inwieweit der Urheber der Phanomenologie selbst seine 
Begriindung sich zu eigen machen wiirde, so scheint es mir doch 
im Interesse der sachlichen Klarung der ganzen Frage geboten, 
auf die fiir die gesamte Stellung der Phanomenologie zur Wissen- 
schaft iiberhaupt entscheidenden Punkte und die von Linke dazu 
vorgebrachte Begriindung nochmals kurz einzugehen. 

I. Erfahrungsbegriff und Gegebenheit. 

Dieser entscheidende Punkt ist die Behauptung einer „Wesens- 
erschauung", welche auf nicht-empirischem Wege („reine") 
Gegebenheiten erfassen soil, wobei ich die Verbindung des 
Nicht-Empirischen und des Gegebenen als den schwachsten Punkt 
der Phanomenologie bezeichnete, Linke darin — doch wohl auch 



») Paul F. Linke, Das Eecht der Phanomenologie, Eine Auseinander- 
setzung mit Th. Elsenhans, Kantstudien Bd. XXI, H. 2 u. 3, (1916) S. 163-221. 

*) Theodor Elsenhans, Phanomenologie, Psychologic , Erkenntnis- 
theorie. Kantstudien XX (1915), S. 224—275. (Kiinftig zitiert: a. a. 0. S. . . .). 



244 Th. Elsenhans, 

im giinstigsten Falle etwas kiihu — geradezu ihren starksten 
Punkt sieht. 

Es ist richtig-, dass hier sehr viel von dem Begriff der 
Erfahruug abhangt. Ich verzeichne dabei mit Befriedigimg die 
Voranstellung der „hochst beachtenswerten Kegel" durch den 
Phanomenologen, „uiemals ohne Not vom natiirlichen Sprach- 
gebrauch abzuweichen" ^). Immerhiu wird man dabei von dem- 
jenigen Sinn des vieldeutigeu Wortes auszugehen haben, der zur 
Debatte steht, d. h. dem Sinn, in welchem die Phanomeuologie 
selbst das Wort zur Abgrenzung ihres Standpunktes gebraucht, 
und der durch den Gegensatz des Empirischen zum Apriorischen, 
empirischer zu ,,reinen Gegebenheiten" bestimmt ist. Diese Be- 
griffe sind aber im neueren Sprachgebrauch durchaus von der 
Pragung abhangig, die ihnen Kant gegeben hat. In Kants Er- 
fahrungsbegriff gehen aber zwei Bedeutungen des Wortes durch- 
einander, die schon in den beriihmten ersten Satzen der Einleitung 
zur zweiten Aufiage der Kritik der reinen Vernunft einander ab- 
losen : Erfahrung als Verarbeitung des „rohen Stoffs sinnlicher 
Eindriicke zu eiuer Erkenntuis der Gegenstande" und Erfahrung 
als in der Hauptsache-) zusammenfallend mit der Sinnesempfindung, 
durch welche unser Erkenntnisvermogen iiberhaupt erst zur Aus- 
iibung erweckt wird. Der erstere ist der echte Kantische Erfahrung- 
begriff, der im Mittelpunkt seiner kritischen Erorterungen steht, 
dessen er sich bedient, wenn er die Kategorien als Prinzipien 
eiuer moglichen Erfahrung nachweist, oder wenn er den Uebergang 
vollzieht vom Wahrnehmungsurteil zu dem allein allgemeingiltigeu 
und notwendigen Erfahrungsurteil, und der iiberall gemeint ist, wo 
es sich um Erfahrungserkenntnis oder urn „empirische" Wissenschaft 
handelt. Auch wenn in der Gegenwart die Frage erortert wird, 
wie sich die Phanomeuologie zur empirischen Psychologie verhalt, 
so kann, den Anschluss an den vorhandenen Sprachgebrauch vor- 
ausgesetzt, unter der letzteren kaum etwas anderes verstanden 
werden, als eine verstandesmassige Verarbeitung des der 
inneren Wahrnehmung „gegebenen" „rohen Stoffs" der Em- 



i) Linke, Das Recht der Phanomenologie, a. a. 0. S. 171 (kiinftig nur 
noch zitiert Linke S. . . .). 

») wobei wir von der schwierigen Frage des Verhaltniises der 
ilusseren und inneren Erfahrung und des ausseren und inneren Sinns hier 
YpUig absehen konnen. 



Phftnomenologie und Empiric. 246 

pfindungi). Damit ist zimachst auch dem Begriff des Gegebenen 
seiue Stelle angewiesen. Gegeben ist, was wir schou vorfinden, 
was ohne unsere aktive Mitwirkung vorhanden ist, was da ist, ehe 
unsere Verarbeitung sich darauf richtet. Die Begriffe der Rezep- 
tivitftt und der Spontaneitat verteilen sich geradezu auf die „Sinn- 
lichkeit", durch welche uns ein Gegenstand „ gegeben" wird, und 
auf den „Verstand", durch welchen ein Gegenstand „gedacht" wird. 
Nun bezeichnet allerdings Kant auch das Gegebene selbst als 
ein „Empirisch-Gegebenes", oder „in der Erfahrung Gegebenes" 
und es ist richtig, dass er diesem „Empirisch-Gegebenen" an ver- 
schiedenen Stellen ein anderes Gegebenes gegeniiberstellt. Und 
zwar bildet den Gegensatz des „Empirisch- Gegebenen" tells das 
Gegebensein a priori, teils das Gegebensein als „Ding an sich" 
Oder „an sich selbst" 2). Es ist kein Zweifel, dass das „Gegebene" 
im eigentlichen Sinne fiir Kant das Erapirisch- Gegebene ist und 
dass daher der Zusatz „empirisch", der hier nichts anderes meinen 
kann, als die Bedingtheit des Gegebenseins durch die Sinnes- 
empfindung, also des Erfahrungsbegriffs in der zweiten Bedeutung 
sich bedient, die Art angibt, wie das Gegebene vorgefunden wird. 
Wenn nun L. aus jenem Sprachgebrauch Kants glaubt schliessen 
zu konnen, dass Kant ein „ Gegebenes" nicht-empirischer Art in 
phanomenologischem Sinne kenne, so scheint mir dies keineswegs 
zuzutreffen. Das Gegebensein eines „transzendentalen Objektes" ^) 
das jeder Erkenntnis unzuganglich ist, zieht er dabei selbst nicht in 
Rechnung. Aber auch das Kantische „ Gegebensein" des Apriori 
kann nicht im Sinne der „reinen Gegebenheiten" der Phanomenologie 
verstanden werden, deren Wesen in phanomenologischer Einstellung 
erkannt werden soil. Das Problem des Bewusstwerdens und der 
Erkenntnis des Apriori hat Kant iiberhaupt nicht grundsatzlich be- 
handelt — diese wichtige Frage haben erst Fries und seine Nach- 
folger in den Mittelpunkt der erkenntnistheoretischen Erorterung 
gestellt, — wo er es aber streift, wo er andeutet, in welcher Weise 



1) dass hiervon auch die „Beschreibung" grundsatzlich nicht aus- 
genommen werden kann, glaube ich in meiner Abhandlung S. 240 t'f. ge- 
zeigt zu haben. 

*) das erstere z. B. besonders deutlich an der friiher angefiihrten 
auch von Linke beniitzten Stelle der Kritik der reinen Vernunft, Ausg. 
von Kehrbach S. 653 ff., das letztere z. B eingehend im sechsten Abschnitt 
der Antinomie der reinen Vernunft S. 401 ff. 

») Kr. d. r. V. S. 404. 



246 Th. Elsenhans, 

das Apriori gegeben sei, da gebraucht er Ausdriicke, die — aller- 
dings im Gegensatze zu seiner grundsatzlichen Ablehnung aller 
Einmischung des Empirischen in die Beweisfiihrung selbst, — nicht 
anders als empirisch-psychologisch gedeutet werden konnen ^). Der 
Folgening ist dann nicht mehr auszuweichen, dass das Apriori, 
zwar nicht, sofern es eine allgemeingiltige und notwendige Er- 
kenntnis begriindet, wohl aber, sofern es ein Gegebenes in dem 
genannten Sinne ist, Gegenstand einer empirischen Wissenschaft 
werden muss. 

Aus dem Bisherigen ergibt es sich auch, dass der Versuch, 
John Locke als Zeugen fiir ein Nicht-Empirisches Gegebenes an- 
zurufen^), die ganze Problemstellung verschiebt und dadurch in 
ein schiefes Licht setzt. Es ist gewiss richtig, dass Locke, indem 
er aus denr Nichtvorhandensein des consensus omnium den Beweis 
zu fiihren sucht, dass es keine angeborenen Ideen gebe, von etwas 
redet, das weder aus der Sensation noch aus der Eeflexion, also 
iiberhaupt nicht aus der „Erfahrung" stammt, aber alle seine Aus- 
fiihrungen dariiber verraten doch ganz unmissverstandlich, dass es 
sich fiir ihn nicht um die Moglichkeit „reiner Gegebenheiten" 
handelt, sondern um die Moglichkeit eines etwa bei neugeborenen 
Kindern, bei Naturvolkern, bei Gebildeten und Ungebildeten vor- 
zufindenden Angeborenen, dessen Nichtvorhandensein er^) ebenso 
erfahrungsmassig f eststellt, wie irgend das Vorhandensein von Etwas, 
was sonst in der Welt der Wirklichkeit vorkommt. Das Problem 
des Erkennens verwandelt sich fiir Locke sogleich in dasjenige des 
Ursprungs der Vorstellungen, das er auf empirisch-psychologischem 
Wege zu losen sucht. Die Anschauung, die er selbst bei seiner 
Bekampfung der angeborenen „Ideen" vor sich sieht, ist nicht 
der Apriorismus, sondern der Nativismus, und das Problem, 
um das es sich handelt, ist nicht das der Erkenntnisart, sondern 
das der Entstehung der Vorstellungen. Der Nativist kann aus- 
gesprochener Empiriker sein, namlich seiner Erkenntnisart nach und 
in dem Sinne, in dem der Phanomenologe eine Ausdehnung der 
„ empirischen Wissenschaft" auf seine „reinen Gegebenheiten" ab- 
lehnt*), sobald er das Angeborene, wie Locke es von ihm voraus- 



1) vgl. hierzu mein Werk iiber Fries und Kant I, S. 107 ff. 

2) Linke a. a. O. S. 172 ff. 

') mit Einschluss der mathematischen Prinzipien, vgl. Essay I, 4 § 6. 

*) Deshalb ist auch die Berufung auf Cassirers Ausfuhrungen tiber 

Locke (E, Cassirer, das Erkenntnisprobiem II, 2. A., nicht S. 185 ff., sondern 



Phftnomenologie und Empirie. 247 

setzt, als ein in der Natur des Menschen erfahrung-smassig Vorzii- 
findendes ansieht, das als solches natiirlich Gegenstand erfahrungs- 
wissenschaftlicher Bearbeitung wird. 

Was endlich deu natiirlichen Sprachgebrauch betrifft, 
so scheint mir auch dieser keineswegs fur eine Ausdehnung des 
Begriffs des Gegebenen auf Nicht-Empirisches zu sprechen. Der 
Ausdruck „Erfahrungen machen", von dem L. dabei ausgeht, be- 
deutet doch wohl weniger das „Erfassen und bewusste Haben" 
eines „hic et nunc Gegebenen", als die Ansammlung der Wirkungen 
und Gegenwirkungen, die der Redende und Handelnde im Wechsel- 
verkehr mit seiner Uragebung erlebt, im Bewusstsein und die Ver- 
wertung der unbewusst oder bewusst daraus gezogenen Schliisse 
auf gewisse Zusammenhange von Ursache und Wirkung, die darin 
zu Tage treten. wErfahren" ist nicht derjenige, der viele Ein- 
driicke iiberhaupt gehabt hat, sondern wer auf Grund der gehabten 
Eindriicke den Zusammenhang der Dinge tiberschaut, urn im ge- 
gebenen Augenblick das Richtige wahlen zu konnen. Jedes Erlebnis, 
und darum jedes „Gegebene" gehort in die „Erfahrung" in diesem 
Sinn und es liegt in ihrem Wesen, dass das jetzige Gegebene zu 



258 ff.) eine Verschiebung der Problemstellung. In dem hier in Betracht 
kommenden vierten Buch des Essay behandelt Locke ausdrucklich „Wissen 
und Wahrheit". Wie sehr er librigens auch hier „Empirist" bleibt, scheint 
mir gerade in den von Cassirer angefiihrten Abschnitten deutlich hervor- 
zutreten, Dass wir zu keiner „sicheren Erkenntnis allgemeiner Wahrheiten 
iiber die Naturkorper" gelangen und dass ,unsere Vernunft uns nur sehr 
wenig iiber den besonderen Tatbestand hinausfiihren kann", liegt nicht 
etwa an den durch eine Erkenntnistheorie festzustellenden Grenzen 
der Erfahrung als solcher, sondern in der Unfahigkeit unserer Sinne weiter 
als bisher in das Innere der KOrper einzudringen und dadurch iiber un- 
sichere Versuche hinaus genaue deutliche Vorstellungen von ihren „primaren 
Eigenschaften'' zu gewinnen. „So lange uns aber Sinne fehlen, scharf ge- 
nug, um die kleihsten KOrperteilchen wahrzunehmen und uns Ideen von 
deren mechanischen Verhaltnissen zu geben, miissen wir mit unserer Un- 
kenntnis ihrer Eigenschaften und Wirkungweisen zufrieden sein, und 
kOnnen davon nicht mehr wissen, als einige wenige von uns angestellte 
Versuche lehren mogen." (Essay, IV, 3, § 25, Uebers. von Schultze.) Es 
handelt sich also nicht um grundsatzliche sondern nur gewissermassen 
um technische Grenzen der Erfahrungswissenschaft, die z. B. durch Ver- 
vollkomnung des Mikroskops zum Teil uberwunden werden konnen und 
von GeschOpfen in anderen Teilen des Universums vielleicht schon tiber- 
wunden sind (a. a. 0. § 23). Cassirer scheint mir hier der Versuchung nicht 
ganz entgangen zu sein, ruckschauend die eigene Betrachtungsweise auf 
ein frtiheres naiveres System zu iibertragen. 



248 Th. Elsenhang, 

friiherem Gegebenen in Beziehung gebracht uud dass der Inhalt 
der Erfahrung durch die wechselseitige Beziehung solcher Gegeben- 
heiten auf einander bestimmt wird. Nach dieser Seite ihrer Form 
ist die „gemeiue Erfahrung" nichts anderes als eine Vorstufe der 
Erfahrungswissenschaft. Aber eben dieser gegeniiber will sich ja die 
Phanomenologie abgrenzen, da sie die „Wesensverhalte" unter Aus- 
schaltung der ganzen in der Erfahrung wirklich vorgefundenen 
Welt in unmittelbarer Einsicht erfassen will. Dass sie aber in 
der Begriindung dieses Standpunktes durch die Behauptung eines 
Nicht-Empirischen Gegebenen mindestens im Spracbgebrauch keine 
Unterstiitzung findet, hat sich uns nunmehr gezeigt. 

Immerhin ist dieser von L. selbst empfohlene Anschluss an 
den Spracbgebrauch natiirlich nicht entscheidend. Jeder B'orscher 
wird sich vorbehalten, bei Pragung neuer Begriffe unter Umstanden 
auch neue Bezeichnungen zu schaffen oder die vorhandenen in 
ihrem Sinne zu verandern oder wenigstens zu erweitern. Aber 
dann wird mit um so mehr Recht die tiefergehende Frage gestellt 
werden, ob der mit dieser Neuerung beabsichtigte Zweck auch 
wirklich erreicht wird. Wenn die Phanomenologie als „deskriptive 
Wesenslehre reiner Erlebnisse" betont, dass es sich bei ihr um 
„Gegebenheiten", namlich um nicht-empirische, um „reine Gegeben- 
heiten" handelt, so liegt auch, wenn wir absehen von allem Streit 
um die Benennungsfrage, als eigentliches Deukmotiv doch dabei 
zu grunde, dass den Ergebnissen der Phanomenologie dieselbe oder 
annahernd dieselbe Zuverlassigkeit und unmittelbare Erforschbar- 
keit zukommen soil, wie sie sonst der sinnlichen Wahrnehmung des 
Gegebenen eigen ist, um damit der ganzen philosophischen Wisseu- 
schaft einen jenseits alles logischen Kampfes um die Problems 
liegenden Ausgangspunkt zu sichern. Die „reinen Wesen" sind ja 
da, es kommt nur darauf an, dass wir sie sehen, und das 
unmittelbare Sehen, ist nach Husserl als „originar gebendes Be 
wusstsein" die „letzte Rechtsquelle aller Erkenntnis" ^). Aber 
eben dieses Ziel einer an Unmittelbarkeit und Zuverlassigkeit alles 
andere iiberragenden philosophischen Erkenntnis wird deshalb nicht 
erreicht, weil die Moglichkeit, von der an sich jedem einleuchtenden 
„Evidenz" eines Gegebenen auszugehen, durch die Zumutung 
einer keineswegs jedem einleuchtenden „Einstellung", die 
notwendig ist, um dieses Gegebene iiberhaupt zu „sehen" 



1) das Nahere hieriiber in meiner Abhandlung a. a. 0. 250 f£. 



Phanomenologie und Empiric. ^ 249 

weitaus aufgehoben wird. Wer nicht im Stande ist, ein 
Gegebenes der sinnlichen Wahrnehmung zu sehen, besitzt mindesteDS 
in dem Augenblick seines Versuches keine normale Sinnesorgani- 
sation. Konnte man etwas Aehnliches von demjenigen behaupten, 
der versichert, alle seine Versuche auf Grund der vorgeschriebenen 
„Einstellung" „reine Wesenheiten" sehen, seien vergebeus gewesen 
und der es als unmoglich bezeichnet, in der Erfassung des „Wesens" 
eines „Gegebenen" jede Beziehung zu Erfassungen und friiheren 
Erkenntnissen desselben Gegebenen auszuschliessen? Aber hier tritt 
uns allerdings ein weiterer grundlegender Gesichtspunkt der Phano- 
menologie entgegen, die „Entindividualisierung-' der einzelnen 
Gegebenheit. 

II. Das Gegebene und die jjEntindividualisierung**. 

Einer meiner Einwande gegen die Phanomenologie ging dahin, 
dass, wer das Wesen eines irgendwie Gegebenen erfassen will, 
sich dabei unmoglich einer Beriicksichtigung und Verwertung 
dessen entziehen kann, was er sonst in Beziehung auf diese 
Gegebenheit erfahren hat und dessen, was die Erfahrungswissen- 
schaft iiber denselben Gegenstand ermittelt hat und noch ermitteln 
kann. Dann aber lasst sich die „Wesenserschauung" von der die 
Wahrnehmung mit begrifflichen Vorgangen verbindenden Be- 
obachtung und darait von der Begriffsbildung iiberhaupt nicht mehr 
trennen und verliert damit ihren geheimnisvoUen Charakter eines 
unmittelbaren Schauens von „Ideen". Dieser Einwand ist keines- 
wegs erledigt mit einer Kritik der langst von alien Seiten kriti- 
sierten „Abstraktionstheorie" ^). Er ist vielmehr von dieser unab- 



^) Linke (S. 179 ff.) bezeichnet diese Theorie recht wenig zutreffend 
als „Verschwommenheitstheorie" wobei offenbar der vom Objektiven ins 
Subjektive hiniiberspielende Ausdruck selbst schon eine Wertung der Theorie 
andeuten soil. Ich widerstehe der naheliegenden Versuchung, einer Kritik 
der Phanomenologie die Ueberschrift ^Halluzinationstheorie" (vgl. Linke 
S. 195, 210, 212 u. a.) zu geben, muss aber feststellen, dass L. es sich allzu- 
leicht gemacht hat, indem er die ganz anderen Zwecken dienende Dar- 
stellung gewisser psychologischer Grundlagen der Begriffsbildung in meinem 
Lehrbuch der Psychologie heranzog, und damit meine davon gar nicht 
abhangige Kritik der Phanomenologie zu widerlegen meinte. Ich bin mir 
wohl bewusst, dass der Abstraktionstheorie auch in ihren neuen Formen, 
wie sie von sonst sehr verschiedenen Standpunkten aus z. B. auch Benno 
Erdmann, Hans Cornelius, Theodor Ziehen vertreten, viele andere Forscher 
kritisch gegeniiberstehen, bin aber nach wie vor der Ansicht, dass sie der 

EantHndien XXII. / ^J 



250 Th. Elsenhans, 

h&ugig. Es handelt sich nicht darum, wie die Bildung aligemeiner 
Begriffe psychologisch zu erklaren'ist, sondern darum, ob irgend- 
wie die Plianomenologie im Rechte ist, wenn sie von der Erfassung 
des Wesens eines „Gegebenen" redet, bei welcher jede Beziehung 
zu anderen Gegebenheiten derselben Art oder mehrerer solcher 
Gegebenheiten zu einander, sowie jede gleichzeitige Verwertung 
ejner begrifflichen Verarbeitung dieser Beziehungen ausgeschaltet 
seiu soil. 

Aber eben diesem Bedenken begegnet die Phanomenologie 
damit, dass sie unter „Einklammerung" der ganzen individuellen 
einmalig in Raum und Zeit vorhandenen Welt alle Ansatzpunkte 
der empirischen Forschung ausschaltet, um ein besonderes Gebiet 
des Nicht-Individuellen, also Nicht-Empirischen herauszuarbeiten ^). 
Linke unterscheidet zwei Stufen dieser Einklamraeruug, die Aus- 
schaltung der raumlichen Wirklichkeit, d. h. nicht etwa der raum- 
lichen Bestimmungen des betreffenden Gegenstandes, sondern nur 
seiner aussenweltlichen Realitat, und zweitens die Ausschaltung 
der mit eiuer einzelnen Zeitstelle gegebenen individuellen Bestimmt- 
heit. Was zunachst das Erstere betrifft, so sehe ich nicht, weshalb 
mit der Aufhebung der „ aussenweltlichen Realitat" auch die 
„Individualisierung" aufgehoben sein soil. Die als Beispiel ange- 
ftihrte halluzinierte Sonne kann ebenso individuell und ebenso in 
der „ individuell — einen Raum welt" lokalisiert sein, wie die wirk- 
liche und sie kann ebenso Ansatzpunkt fiir empirische Forschung 
sein. Sie ist es schon in dem Augenblick, in welchem der die 
Halluzination Erlebende etwa die Merkmale der halluzinierten Sonne 
mit denen der wirklichen vergleicht, um ihre Nichtwirklichkeit 



psychologischen Seite der Begriffsbildung (und darum handelt es sich doch 
wohl ausschliesslich in meinem Lehrbuch der Psychologie) immer noch am 
besten gerecht wird. Leider hat L. meine Darstellung ausserdem griind- 
lich missverstanden, was sich unter anderem daraus ergibt, dass er meiner 
Anschauung unterschiebt, die Allgemeinheit lage dann in der Unbestimmt- 
heit, und mit einem ironisierenden Wort wie dem von Cassirer iiber die 
„gluckliche Gabe des Vergessens" als Grundlage der Lehre von den 
allgemeinen Gegenstanden ihren Sinn zu treffen meint, um sodann Berke- 
leys Argumente zu wiederholen. Es ist hier nicht moglich, aber auch nicht 
notig, auf die andern im Zusammenhang damit beriihrten und in meinem 
Lehrbuch an anderen Stellen ausftihrlich behandelten Fragen (Akt und 
Gegenstand u. a.) einzugehen, da die obenstehende Beweisfuhrung davon 
unabhangig ist. 

1) Linke S, 195 ff.. 185, 201, 205 ff. 



Phanomenologie und Empirie. 261 

festzustellen. Was den zweiten Punkt betrifft, so soil, wenn wir 
bei dem angefiihrten Beispiel bleiben, die Festlegung der hallu- 
zinierten Sonne auf eine bestimmte Zeitstelle, und damit ihre 
individuelle Bestimmtheit dadurch bedingt sein, dass der wahr- 
nehmende Akt als Erlebnis in der zeitlichen Kette meiner Erlebnisse 
seine feste Stelle hat. Man ist versucht zu fragen: wenn Spinoza 
die Welt zu einer bestimmten Zeit sub specie aeternitatis betrachtet, 
ist dann durch die Zeitbestimratheit der Betrachtung fiir ihn auch 
die Welt selbst in dem genaunten Sinne zeitlich bestimmt? Lasst 
sich nicht ebenso jede echte Mystik als Gegenbeispiel anfiihren? 
Und die „Wesenserschauung" selbst, ist sie als Erfassung zeitloser 
Gegebenheiten moglich, wenn die zeitliche Bestimmtheit eines 
Erlebens sich auf dessen Inhalt iibertragen soil, da doch auch das 
Schauen des Phanomenologen mindestens zugleich ein Erleben zu 
einer bestimmten Zeit ist. Aber dieser will ja eben „jede Beziehung 
zum koinzidierenden Erlebnis und damit zur Zeitstelle fallen lassen" ^). 
Genau dasselbe tut aber schon der Wahrnehmende, der von dem 
Zeitpunkt des Wahrnehmungserlebnisses vollig absieht und nur auf 
den individuell durchaus bestimmten Wahrnehmnngsinhalt achtet. 
Auch fiir das Beispiel der auswendiggelernten Silbenreihe, deren 
Einpragungszeit gleichgiltig ist, gilt es, dass mit der Aufhebung 
des ,.Zeitindex" keineswegs auch die Individualisierung aufgehoben 
ist. Sie kann auch ohne die Beziehung auf die fiir ihre „Indivi- 
dualitat" gar nicht wesentliche Zeitstelle ihrer Erlernung in der 
bestimmten Betonung und Aussprachsweise im Bewusstsein gegen- 
wartig sein, in der sie erlernt wurde-). 

Dazu kommt endlich als wichtiger von Linke offenbar an 
vielen Stellen iibersehener Umstand, dass nicht bloss die zeitlichen 
Bestimmungen , sondern auch die raumlichen Bestimmungen 
individual] sierend wirken und dass sie dies auch tun innerhalb einer 
fingierten Welt oder gegeniiber einem halluzinierten Gegenstand. 
Wenn der halluzinierte Sonnenuntergang derselbe bleibt, „wie ich 
ihn gestern wahrgenommen", nur unter Ausschaltung der Zeitstelle 

1) Linke S. 200. 

2) Daher war auch Linkes „freudiges Erstaunen", wegen meiner 
Unterscheidung einer Reproduktion mit und ohne Zeitbeziehung in mir 
einen Phanomenologen oder wenigstens den Keim zu einem solchen zu 
finden (S. 201) etwas verfniht. Ich bin es nur in dem Sinne, in dem ich 
selbst die bleibende Bedeutung der Phanomenologie sehe, im Sinne einer 
auf eigenen begriffiichen Grundlagen aufgebauten und nach selbstandiger 
Methode verfahrenden Psychologie. 

17* 



252 



Th. Elsenhans, 



seines Erlebens, so kann die immer noch als „ein rotes, rundes, 
am Horizonte versinkendes Etwas", als „ein einheitlicher Komplex 
von vorgestellten Beschaffenheiten" vorgestellte Sonne ^ schon 
vermoge ihrer Einordnung in die wie immer gedachte Raumwelt 
individuell bleiben, und wenn sie es nicht mehr bleibt — ftigen 
wir gleich hinzu — dann „schauen" wir sie nicht mehr bloss, 
sondern dann sind wir auf dem Wege, einen Begriff von ihr 
zu bilden. 

III. Die Vergleichung und das AUgemeine. 

Allerdings ist hierzu Vergleichung notig. Der Phanomenologe 
weicht aber dieser Folgerung, die auf geradem Wege zur Bildung 
abstrakter Begriffe im gewohnlichen Sinne des Wortes fiihren 
wiirde, aus, indem er die Gleichheit auf Identitat zuriickfiihrt^), 
Wenn ich von der Rotschattierung dieses Loschblatts rede als 
einer so und so beschaffenen, die es mit anderen Loschblattern 
gemeinsam hat, so sei dies nur moglich, well dabei die Identitat 
der einen in diesem Falle nicht-individuell gemeinten Farb- 
bestimmung vorausgesetzt sei. Gemeinsamkeit und Identitat 
bedeute hier nichts anderes als sonst auch und als das sie z. B. 
in der Rede von zwei Hausern, die die Zwischenmauer, zwei 
Grundstiicken die den Besitzer, zwei Landern, die den Konig oder 
die Regierung gemeinsam haben, fiir jedermann deutlich hervortrete. 
Die letzten Beispiele zeigen, dass der Verfasser dabei nicht an die 
logische Identitat denkt, wonach das zu verschiedenen Zeiten und 
bei verschiedenen Gelegenheiten Vorgestellte inhaltlich dasselbe 
sein soil, sondern an die re ale Identitat^) die darin besteht, 
dass zwei Vorstellungen auf dasselbe Ding oder denselben Vorgaiig 
bezogen werden. Der Konig des einen Landes ist in dem voraus- 
gesetzten Falle mit dem Konig des anderen Landes „identisch". 
Wie aber, wenn angenommen werden konnte, dass es sich um 
zwei in alien ihren Eigenschaften einander voUkommen gleichende 
Personen handelte? Dann waren die Konige beider Lander doch 
wohl nicht identisch, sondern nur einander gleich? Oder um ein 
weniger gewagtes Beispiel zu nehmen: zwei ihrer Beschaffenheit 
nach v6llig iibereinstimmende eiserne Kugeln von 10 cm Durchmesser 
Oder zwei Atome derselben Art sind einander vollig gleich, ohne 



1) Linke S. 196. 

2) Linke S. 184 ff. 

») vgl. Sigwart, Logik, I, 2 A, S. 1061 



PhSnomenologie und Empirie. 253 

identisch zu sein. Wir sehen, Kauts Kritik an Leibnizens prinzi- 
pium identitatis indiscernibilium besteht zu recht: „Die Verschieden- 
heit der Oerter raacht die Vielheit uud Unterscheidung der Gegen- 
stande, als Erscheinungeu, ohne weitere Bedingungen, schon fiir 
sich uicht alleiu moglich, sondern auch notwendig'*^). Sobald wir 
dieses von L. allzusehr vernachlassigte prinzipium individuationis 
mit heranziehen, das fiir Ereignisse an Gegenstanden ebenso wie 
fiir Gegenstande gilt, ergibt sich die Notwendigkeit, den Begriff 
der Gleichheit von dem der Identitat unabhangig zu machen und 
die Unmoglichkeit die Loslosung vom Individuellen und den Ueber- 
gang zum Allgemeinen anders als durch Vergleichung und Begriffs- 
bildung zu vollziehen. In der Tat kann man einem grossen Teil 
der Ausfiihrungen Linkes iiber das Verhaltnis des Ideellen zum 
Individuellen zustimmen, wenn wir fiir „Idee" iiberall „Begriff" 
einsetzen, Vieles' zielt dann unmittelbar auf das Kantische Zu- 
sammenwirken der Anschauungen und der Begriffe und betont mit 
Recht die Zeitlosigkeit der Begriffe als solcher und die Not- 
wendigkeit, die individuelle Wirklichkeit durch Begriffe („Ideen") 
zu bestimmen und aus den Beziehungen der Begriffe neue und 
wieder neue „bis zu den abstraktesten und hochsten" abzuleiten^). 
Aber damit wareu ja die ,,Ideen" aus der Erfahrung abgeleitet, 
und das eben lehnt die Phanomeuologie ab. Fiir sie ist vielmehr 
das Ideelle und damit mittelbar auch das Allgemeine schon von 
vornherein vorhanden, und die ^kopernikanische Wendung" der 
Phanomeuologie besteht eben darin, dass sie die „gesamte reale 
Welt als ,,in zeitlosen Ideen gegeben" uns erkennen lasst. Ich 
gestehe, dass ich hier nicht folgen kann, es sei denn ich versetze 
mich in eines der wirklichkeitsfernen aber durch die Grosse 
ihrer Weltauffassung gerechtfertigten Systeme der Vergangenheit, 
in dasjenige Platens oder in das Spinozas. Aber die Phanomeuo- 
logie will ja die Wissenschaft der Gegenwart neu begriinden und 
sie will gerade auch die Erfahrungswissenschaft auf sichere Grund- 
lagen stellen. Das Individuell-Tatsachliche selbst muss, heisst es, 



*) In dem Abschnitt der ^Kritik der reinen Vernunft: „Von der 
Amphibolie der Reflexionsbegriffe", Reklamausgabe S. 246 ff. Naturlich 
hangt Leibnizens Auffassung eng mit seinem Begriff des Individuums 
zusammen (Leibniz, Nouveaux, Essais II. Kap., XXVII, vergl. hierzu Ernst 
Cassirer, Leibniz System in seinen wissenschaftlichen Gnmdlagen, 1902 
S. 384 ff. 

») Linke S. 209. 



254 Th. Elsenhans, 

damit wir ihm iiberhaupt Bestimmungen beilegen konnen, diese, 
d. h, einen „Sinn", ein „Ideelles", schon „haben" iind die Probe 
auf die zeitlose Giltigkeit der Ideen soil darin liegen, dass sie als 
„letzte sinngebende Grundlage" in jeder, auch in einer fingierten 
Welt dieselben bleiben. Auch wenn „eine griine Sonne sich in 
Spiralen an einem gelben, eine unendliche Ebene bildenden Himmel 
mit rasender Schnelligkeit bewegte" ^), wiirde das Gelb des Himmels 
„als Vereinzelung der Idee Gelb genau dieselbe Reihe in der Farbens- 
kala einnehmen, wie jetzt und friiher" und ebenso wiirde .,der Sinn des 
Fallgesetzes und aller empirischen Gesetze iiberhaupt auch in dieser 
fiktiven Welt erhalten bleiben". Aber kann dariiber ein Zweifel 
sein, dass eine solche fiktive Welt im Grunde nichts anderes ist, 
als eine willkiirlich variierte Wiederholung der wirklichen Welt 
und dass darum das Erhaltenbleiben von Wahrheiten in derselben 
deren Giltigkeit nicht ein Jota hinzufiigt? Ist es moglich zu iiber- 
sehen, dass von einer Einordnung des Gelb in die Farbenskaia 
doch nur deshalb die Rede sein kann, well eine Farbenskaia aus 
der empirischen Beobachtung bereits abgeleitet ist 2) oder dass vom 
„Sinn" des Fallgesetzes und von „blossen Moglichkeiten" von 
Gesetzen iiberhaupt nur gesprochen werden kann, well aus der 
Beobachtung der empirischen Welt sich ein wirkliches Fallgesetz 
und andere Gesetze bereits ergeben haben d. h. weil die Erfahrungs- 
wissenschaft ihr Werk schon getan hat? Sicherlich haben b^ 
dieser Arbeit der Erfahrungswissenschaft nicht-empirische Begriffe 
bereits raitgewirkt, apriorische Begriffe, welche die „Erfahrung'* 
und die Ableitung erapirischer Einzelgesetze „erst moglich machen", 
aber nicht „Ideen", die als reine Gegebenheiten in dem einzelnen 
konkreten Ding „geschaut" werden^). 

IV. Weiteres iiber die Analogic der Mathematik. 

Aber wir werden ja auf ein ganzes Gebiet verwiesen, das 
wir bis jetzt unberiicksichtigt gelassen haben, und in welchem 
solche „reine Gegebenheiten" unbestreitbar vorhanden sein sollen, 
auf dasjenige der Mathematik. Wir lassen hier den friiher 

1) Linke S. 210. 

2) Naheres dariiber, besonders auch iiber das Verhaltnis von Erlebnis 
und Aussage vgl. meine Abhandlung a. a. 0. S. 246 f. 

^) Ich bleibe allerdings dabei, dass ich ein konkretes Gegebenes mir 
nur als Individuelles denken kann. Wenn Linke (S. 209) darin wie an ver- 
schiedenen anderen Stellen eine .Verwechslung" findet, so unterliegt er 
dem Fehler maneher vie! mit abstrakten Gedankengangen arbeitenden 



Phanomenologie und Empirie. 265 

besprochenen Einwand einer unberechtigten Ausdehnung des Be- 
griffs des Gegebenen bei Seite und halten uns nur an die Sache. 
In dieser Beziehung ist zunachst vorauszuschicken, dass eine Ueber- 
tragung der an mathematischen „Gegebenheiten" gemachteu Fest- 
stellungen auf Nicht-Mathematisches an alien Schwachen leidet, 
die man mit Recht dem Analogieschluss nachsagt. Es kommt ja 
natiirlich immer darauf an, ob die vorausgesetzte Aehnlichkeit 
zwischen den beiden in Betracht koramenden Gebieten weit genug 
reicht, um eine Uebertragung zu rechtfertigen. Demgegeniiber 
haben wir auf die durchgreifende Verschiedenheit beider Gebiete 
hingewiesen, deren Erkenntnis eines der wichtigsten Entwicklungs- 
fermente und zugleich eine der wertvoUsten Errungenschaften der 
Kantischen Philosophie ist.^) Tatsachlich scheinen mir auch Kants 
Bestimmungen den Unterschied immer noch am scharfsten zu 
kennzeichnen, am klarsten vielleicht, wenn er unterscheidet zwischen 
dem „Vernunftgebrauch nach Begriffen," „indem wir nichts weiter 
tun konnen, als Erscheinungen dem realen Inhalte nach unter 
Begriffe zu bringen, welche darauf nicht anders als empirisch, 
d. i. a posteriori (aber jenen Begriffen als Regeln einer empirischen 
Synthesis gemass) konnen bestimmt werden" und dem „Vernunft- 
gebrauch durch Konstruktion der Begriffe, indem diese, da sie 
schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum 
a priori und ohne alle empirische Data in der reinen Anschauung 
bestimmt gegeben werden konnen". 2) Wohl werden auch die 
mathematischen Bestimmungen an den Erscheinungen selbst vor- 
gefunden, aber sofern sie vorgefunden werden, sind sie em- 
pirisch gegeben: sofern sie nicht empirisch gegeben sind, werden 
sie durch „ Konstruktion" erst geschaffen. Die nichtempirischen 
„reinen Wesen" der Phanomenologie lassen sich nicht in derselben 
Weise unabhangig von der Erfahrung erzeugen, sondern sie sind 
an das Empirisch-Gegebene gebunden und gleichen darin voll- 



Forscher, dass er meint, eine Anerkennung gerade seiner Begriffsunter- 
scheidungen bei jedermann voraussetzen zu dtirfen und darum mit dem 
Vorwurf der Verwechslung, der doch nur unter dieser Voraussetzung 
berechtigt sein kann, allzuschnell bei der Hand zu sein. 

*) a. a. O. S. 230 ff., 236 f. In dieser Beziehung konnte man daher 
sagen, dass Husserls Phanomenologie zu gewissen Grundgedanken der 
grossen vorkantischen rationalistischen Systeme zurilckkehrt. Man konnte 
in ihr eine Verbindung des kartesianischen Ideals einer Uniyersalmathe- 
matik mit Platons Ideenlehre sehen. 

*) Kant, Kritik der reinen Vernunft S. 556. 



256 Th. Elsenhans, 

kommen den Begriffen, welche die Erfahrungswissenschaft aus 
dem Gegebenen ableitet.^) Bedenklich ist endlich noch, dass hier 
eine Uebertragung durch Analogie erfolgen soil von einem dem 
gewohnlichen Denken und Schauen unmittelbar zuganglichen Ge- 
biete auf ein anderes, das sich erst auf Grund besonderer „Ein- 
stellung", jjEinklammerung", „Ausschaltung" erschliesst. Die Be- 
weiskraft, die von der Phanomenologie in der vielgebrauchten 
Analogie mit der Mathematik gesucht wird, ist also dadurch 
geschwacht, dass es sich fiir denjenigen, der erst iiberzeugt warden 
soil, um zwei fiir ihn — eben so lang er noch nicht iiberzeugt 
ist — verschiedene geistige Funktionen handelt. Um so wichtiger 
erscheint dann die Frage, worauf zuletzt die Wahrheit der pha- 
nomenologischen Erkenntnisse fiir sich allein betrachtet beruht. 

V. Phanomenologie und Wahrheitskrherium. 

Weshalb die Frage nach dem Wahrheitskriterium in der 
Phanomenologie keine befriedigende Antwort findet, glaube ich in 
meiner Abhandlung^) gezeigt zu haben. Ich muss mich darauf 
beschranken, diese Ausfiihrungen unter Hervorhebung der Haupt- 
punkte und unter Beriicksichtigung der Erwiderung Linkes zu 
erganzen und wo es notig erscheint, naher zu begriinden. Der 
Phanomenologe erfasst in unmittelbarer Erkenntnis „reine Ge- 
gebeuheiten" und hat darin unabhangig von aller Erfahrung die 
wahre Erkenntnis ihres Wesens. Er soil, wie Linke zugiebt,'*) 
auch irren konnen, so wie auch der Mathematiker gelegentlich 
irrt, aber der einraal richtig erschaute Wesenszusammenhang konne 
durch Beobachtung und Induktion keinerlei Aenderung erfahren. 
VVir sehen hier von dem bereits kritisierten Analogieschluss auf 
die Mathematik ab, obwohl sich unschwer zeigen liesse, dass der 
mathematischen Erkenntnis die logische KontroUe berichtigend und 
erganzend dauernd zur Seite geht. Es handelt sich aber um Gegeben- 
heiten der Erfahrungswelt, die wie z. B. die Farben, mindesteus 
ansserdem Gegenstand der empirischen Forschung 'sind. Der 
einmal erschaute Wesenszusammenhang soil durch Beobachtung 
und Induktion keinerlei Aenderung erfahren konnen, so wenig als 
physikalische Gesetze durch juristische eine Aenderung erfahren 



') Fiir alles iibrige muss ich auf die friiher zitierten Ausfiihrungen 
meiner Abhandlung S. 230ff. verweisen. 
2) a. a. O. S. 262 f., 243 f. 
») Linke S. 212ff. 



Phanomenologie und Empirie. 257 

konnen. Aber hier handeit es sicli doch nicht um jjheterogene 
Gebiete", sondern um dieselben Gegenstande, fiir die neben der 
sonst auf sie gerichteten Forschungsweise, in der sich — denn 
das ist das Wesen von Beobachtung und Induktion — Wahrueh- 
mung und Denken durchdringen , ein besonderes Verfahren un- 
mittelbarer Wesenserkenntnis behauptet wird. Richtig gewendet 
miisste Linkes Frage vielmehr lauten: Konnen denn physikalische 
Gesetze^) (oder juristische) durch die Anwendung logischer eine 
Aenderung erfahren? Natiirlich konnen sie das/) ebenso — fiigen 
wir hinzu — wie jede der Erkenntnis dienende Auffassung eines 
„Gegebenen" durch andere oder alinliche Auffassungen desselben oder 
eines ahnliclien Gegebenen und deren logische Verarbeitung berichtigt 
Oder erganzt werdeu kann. Wenn der Phanomenologe aus einer Quali- 
tat die Eigenschaften abliest, die in ihr liegen und dabei „Lesefeliler" 
macht, woran erkennt er denn, dass er solche gemacht hat und wie ver- 
mag er sie zu korrigieren, wenn nicht dadurch, dass er sie 
zu anderen Wesenserschauungen in Beziehung bringt, mit ihnen 
vergleicht und daraus seine Folgerungen zieht? Dann griindet 
sich aber auch schon die Wahrheit der einzelnen Sachverhalte 
/ nicht mehr auf das „Schauen" allein, sondern auf die Mitarbeit 
/ des Denkens, das ganz wie bei der empirischen Forschung aus 
einer Vielheit von „Gegebenheiten" seine Folgerungen zieht. Es 
hilft nichts, dagegen zu sagen, die Wahrheit des fraglichen Sach- 
verhaltes griinde sich nicht auf die psychologischen Vorgange einer 
Verwertung friiherer Erfahrungen, die ja nicht zu bestreiten seien, 
sondern auf die „ideellen" Qualitaten selbst/) denn die „Veri- 
fikation", die Bewahrheitung, die natiirlich auch nach unserer 
Ansicht nicht in dem Aufzeigen der entsprechenden psychologischen 
Vorgange, sondern in der erapirisch-logischen Begriindung besteht, 
lasst sich fUr unsere E'rage von dem Wahrheitsinhalt nicht 
trennen. Beides jedoch ist, wie wir gesehen haben, von der 
Moglichkeit abhangig, die unrichtige Wesenserkenntnis von der 
unrichtigeu zu unterscheiden. Da diese Unterscheidung aber 
Vergleichung und logische Verarbeitung des Verglichenen mit sich 



1) Linke 212. 

1) Wobei selbstverstandlich vorausgesetzt wird, dass die „physika- 
Uschen Gesetze" nicht bereits als unbedingt richtig anerkannt sind, denn 
dass ,.Richtiges" nicht mehr als unrichtig erwiesen werden kann, wSre 
eine Tautologie. 

1) Linke S. 214. 



258 Th. Elsenhans, 

ftthrt, so verbindet sich schon in der Erkenntnis des Wesens ein- 
zelner Gegebenheiten Schauen und Denken, genau so, wie 
beides in der erapirischen Erkenntnis stets verkniipft ist.^) 



^) Auf meine im engeren Sinne erkenntnistheoretischen Ausfiihrungen 
ist Linke nicht eigentlich eingegangen. Seine Aeusserung, dass er meine 
„Grunde gegen die Lehre von der Intentionalitat" nicht zu billigen vermag, 
(S. 221) veranlasst mich nur, nochmals zu betonen, dass alle die Schwierig- 
keiten, die er gelegentlich bertihrt, nur bei ungeniigender Scheidung der 
naiven und der wissenschaftlichen Ansicht bestehen bleiben. Was z. B. 
die „Bildertheorie" betrifft, so ist fiir den Naiven das Ding „draussen", 
das „Bild" „in mir", und zwar nattirlich als „Bild", wobei sich das natiir- 
liche Bewusstsein beruhigt; fiir den Erkenntnistheoretiker ist das „Bild" 
die durch das „Affizierende" hervorgerufene Vorstellung, die im naiv* 
raumlichen Sinne weder draussen noch „in mir" ist und deren Gegenstands- 
beziehung im Augenblick der Wahrnehmung eben durch das „Affizierende" 
und bei der Reproduktion durch das „Wiedererkennen" vermittelt ist (a. 
a. 0. S. 263 ff. Linke S. 219f, 190 ff). Dass Husserls Begriff der j,Abschattung" 
iiber die Schwierigkeiten nicht Herr wird (a. a. 0. S. 268), hat neuestens 
Richard Herbertz in seinen „Prolegomena zu einer realistischen Logik" 
(Halle 1916, S. 126 f.) gezeigt. Auf meinen Nachweis, dass die genannten 
Schwierigkeiten erst aus einer Vermischung des naiven und des erkenntnis- 
theoretischen Standpunktes entstehen, (a. a. 0. S. 271) antwortet Linke 
(S. 211) mit der Bemerkung, dass die „Welt des naiv-praktischen Realismus' 
„aus einer hochst unklaren Mischung phanomenologischer und naiv-empi- 
rischer Einsichten" bestehe. Ich bedaure, bei meiner Ansicht beharren zu 
mussen und meine a. a. 0. S. 269f. und 271 f. gegebene Beweisfiihrung 
nicht widerlegt zu sehen. Die Intentionslehre der Phanomenologie spricht 
von dem „Gegenstand" zunftchst so, als ob er entsprechend der naiven 
Anschauung, ein von unserem Vorstellen unabhangiges Etwas ware, zu dem 
noch hinzukommen kSnnte, dass er von uns „gemeint" oder auf ihn „abge- 
zielt" wird. Zugleich fasst er aber dieses „Meinen" des Gegenstandes mit 
Einschluss des Letzteren im wissenschaftlichen Sinne als Bewusstseinerlebnis, 
nimmt damit unseren Anteil an dem Vorhandensein des Gegenstandes 
mit herein und begiebt sich damit des Rechtes, vom „transzendentalen 
Idealismus" abzusehen, der den Gegenstand zura Problem macht. Dem- 
gegenuber sehe ich einen grossen Vorteil darin, sich von Anfang an dariiber 
klar zu sein, dass wir den „naiven Realismus" als Ausgangspunkt und 
Orientierungsmittel iiberhaupt nicht entbehren konnen, und ich glaube 
darin, wie z, B. die Auseinandersetzung zwischen B. Bauch (Idealismus 
und Realismus, Kantstudien XX, 1915, S. 97ff. vgl. besonders S. 100 und: 
ders. Schlussbemerkung zu meiner Diskussion mit A. Messer, ebenda S. 302 ff .) 
und A. Messer (Ueber Grundfragen der Philosophie der Gegen wart, ebenda 
S. 65 ff . ; ders. Zur Verstandigung zwichen Idealismus und Realismu S. 299 ff ., 
besonders S. 300) gezeigt hat, mit sonst von verschiedenen Voraussetzungen 
herkommenden Forschern ubereinzustimmen, Der ,,praktische Realismus" 
den ich vertrat, ist sich bewusst, dass der naive Realismus Ausgangspunkt 



Phanomenologie und Erapirie. 259 

Die Unmoglichkeit, in einer solchen Wesenserkenntnis von 
Gegebenheiten die wissenschaftliche Verwertung sonstiger Erfahr- 
ungsergebnisse vom „Schauen" selbst zu trennen, tritt noch deut- 
licher hervor, wenn wir die logische und sprachliche Form bertick- 
sichtigen, in der Erkenntnis iiberhaupt ihren Ausdruck findet. 
Die Wesenserkenntnis z B., dass Orange „in der nach Aehnlichkeit 
richtig geordneten Farbenreihe seine Stelle zwischen Rot und 
Gelb hat",i) ist doch wolil noch nicht als Erkenntnis vorhanden in 
dem Augenblick, in welchem irgend jemand die z. B. auch von 
einem Tier zu erlebende sinuliche Wahrnehmung von Orange neben 
anderen Farben erlebt hat, sondern erst im Augenblick der Gestal- 
tung des Erlebten zu einer logisch im Urteil, sprachlich im Satz 
ausdriickbaren Wahrheit. Wie soUte innerhaib dieser aber von 
einer Stelle in der „Farbenreihe" die Rede sein konnen, ohne fiir die 
auszusprechende Wahrheit selbst die friiheren Feststellungen oder 
die erfahrungswissenschaftliche Kenntnis der Farbenreihe mitzuver- 
werten? Es ist richtig, dass eine solche Erfahrungswissenschaft 
das Ziel einer Irrtumslosigkeit im absoluten Sinne nie erreichen 
kann. Alle Wissenschaft von Gegebenheiten, die nach unserer 
Ansicht immer empirischer Natur ist, bleibt ein „unendlicher Prozess", 
ein „Annaherungsverfahren". Ein neues Zeugnis dafiir bietet z. B. 
die neueste Entwicklung der Naturwissenschaft, die eine ganze 
Reihe bisher scheinbar unbedingt feststehender Satze ins Wanken 
gebracht hat. Die Phanomenologie ware aber, wie mir scheint, 
unter Voraussetzung der eigenen Charakteristik ihrer Forschungs- 
methode, doch wesentlich schlimmer daran. Denn es fehlte ihr 



und Orientierungsmittel sein muss, aber auch nicht mehr sein kann, 
Eine Vermischung der Standpunkte liegt darin ebensowenig, wie in dem 
Verfahren des Astronomen, der dauernd von dem Bilde der scheinbaren 
Bewegung der HimmelkOrper, die ihm seine Sinne darbieten, ausgehen und 
und sich daran orientieren muss, obwohl seine Wissenschaft ihn langst von 
der Unrichtigkeit dieses Bildes iiberzeugt hat. 

1) Schwerverstandlich ist mir, wenn Linke (S. 212 f. und 214) diesen 
Satz als apriorische Wesenserkenntnis, den andern aber, dass Rot und Grun 
mit einander gemischt Weiss ergeben, als „verit6 de fait" in Anspruch 
nehmen will. Der Unterschied zwischen beiden geht doch wohl nach einer 
ganz anderen Richtung; auf der einen Seite Vergleichung auf grund unmitt el- 
barer Anschauung, auf der anderen Seite Feststellung des Ergebnisses eines 
technischen Vorgangs, das man iiberhaupt den Farben in keinem Falle 
„ansehen'* kann. HinsichtUch ihres Ranges innerhaib der Wahrheitsklassen 
aber stehen beide als Aussagen iiber Farbenbeziehungen offenbar auf der- 
selben Stufe einer v^rite de fait. 



260 Th. Elsenhans, 

ein fiber die individuelle Behaiiptung eiues so oder so eingestellten 
Wesensforschers hinausgehendes Wahrheitskriterium und damit die 
Mogflichkeit, einer beliebigen aus dieser Quelle geschopften Behaup- 
tung gegeniiber die eigne fur richtig gehaltene Ansicht durch- 
zusetzeii. \) 

VI. Ergebnis. 

Ich habe zur Geniige zu erkennen gegeben, dass ich die 
Phanomenologie viel holier einschatze, als aus diesen Folgerungen 
sich ergeben wiirde. Ich bewundere den Scharfsinn, mit dem ihr 
Urheber in der folgerichtigen Durchfiihrung seiner wissenschaft- 
licheu Ziele weiter und weiter vordringt. Aber ich glaube aller- 
dings das Verhaltnis der phanomenologischen Methode zur Empirie 
anders beurteilen zu miissen, '^) als er selbst und seine Schule. Es 
scheint mir, dass es auch der Phanomenologie in ihrer jetzigen 
Form nicht anders geht, als alien den andern wissenschaftlichen 
Versuchen, erfahruugsmassig Gegebenes durch Erkenntnisinhalte, 
die selbst unabhangig von der Erfahrung gewonnen sein sollen, 
zu nieistern. In der tatsachlichen Ausfiihrung zeigt sich, dass sie 
ohne Anleihen bei der Erfahrung nicht auskommen. Es ist natiir- 
lich. dass dies in den die ganze Lehre erst begriindenden Aus- 
fiihrungen ihres Urhebers weniger hervortritt, als in den manuig- 
fachen Versuchen ihrer Anwendung, soweit sie jetzt vorliegen. 
Ich glaube gezeigt zu haben, dass wir in diesen in mehrfacher 
Hinsicht wertvollen Versuchen ira Grunde nichts anderes zu sehen 
haben als eine begriffliche Analyse und eine unabhangig von 
naturwissenschaftlichen Methoden sorgfaltig durchgefiihrte Bear- 
beitung bestimmter Gebiete der empirisch-deskriptiven Psychologie. 
Dass iiberhaupt, wie Husserl selbst es ausdriickt, eine „systema- 



^) Auch jede Aufforderung zu einer „Nachprufung (Linke S. 215) 
schliesst ja doch die Forderung zu einer Vergleichung ein und diese 
wiederum fiihrt auf geradem Wege zu einer Schauen und Denken verbin- 
dende Wesenserkenntnis und damit iiber die blosse Wesensschauung hinaus. 

2) Natiirlich war es dabei nicht meine Absicht, den Wert der Phano- 
menologie „auf terminologischem Wege herabzusetzen". (Linke S. 218 f.) 
Ich habe vielmehr versucht, sie nach ihrem Werte sachlich in die philo- 
sophische Arbeit der Gegenwart einzuordnen. Dass die daraus etwa 
folgende Wertung dem Jiinger einer solchen „neuen Wissenschaft", der 
sie fast nach einem geschichtlichen Gesetz zunSchst notwendig iiber- 
schatzen muss, nicht ausreichend erscheint, ist moglich, andert aber niclits 
an der Notwendigkeit und dem Recht sachlicher Priifung. 



Phanomenologie und Empirie. 261 

tische, das Psychische immanent erforschende Bewusstseinswisseu- 
schaft" fiir die Gegenwart ein Bediipfnis ist und dass es an einer 
selbstandigen Durcharbeitung der begrifflichen Grundlagen und des 
einheitlichen Aufbaus der Psychologie vielfach noch fehlt, ist auch 
meine Ueberzeugung ^) und es scheint mir, dass zur Erfiillung 
dieser Aufgabe von der Phanomenologie die wertToUsten Beitrage 
zu erwarten sind, allerdings nicht auf dem Wege eines von aller 
Erfahrung losgelosten „Schauens reiner Gegebenheiten", sondern 
in dauernder Fiihlung mit der Erfahrungswissenschaft und in der- 
jenigen Verbindung von Anschauung und Denken, die nach Kants 
klassischem Zeugnis ailein zu einer allgemeingiltigen und notwen- 
digen Erkenntnis fiihrt. 



>) Mein „Lehrbuch der Psychologie* (Tubingen 1912) stellt den Ver- 
such dar, welt uber den Zweck eines blossen „Kompendiums" hinaus 
neben der systematischen FOrderung der einzeinen Zweige der Psychologie 
fiir die Ausfiihrung dieses Planes durch eine umfassende Gresammtbearbei- 
tung des ganzen Gebietes die Grundlagen zu schaffen. 



Aesthetische Idee und Kunstiheorie. 

Anregung zur Begriindung einer phanomenologischen Aesthetik 
von Dr. Walter Meckauer-Breslau. 



Der Begriff der „asthetischen Idee", wie er durch Kants 
Kritik der Urteilskraft inauguriert wird, scheint mir fiir die Ent- 
wicklung einer Kunsttheorie besonders fruchtbar zu sein. Gerade 
er aber hat trotz der Wirkung, die von ihm fiir die folgende Aesthetik 
ausgeht, verhaltnismassig weniger Bearbeiter gefunden als andere, 
nicht einmal so fruchtbare Begriff sschopfun gen bei Kant. Eine 
nach alien Seiten hin befriedigende Klarlegung des Begriffes der 
„asthetischen Idee" ist meines Wissens bis heute noch nirgends 
gegeben worden. Vor der Entwicklung einer Kunsttheorie, in der 
der Begriff der asthetischen Idee eine Rolle spielen soil, ist es 
daher notig, die Frage zu stellen, wie Kant zu der Konzeption 
dieses Begriffes gekommen ist. 

Geschichtlich weist die „asthetische Idee" auf die Ab- 
stammung von Baumgarten-Meier hin. In der ubertas aesthetica 
Baumgartens, in der Definition von dem „Reichtum" der asthe- 
tischen „ Begriff e" als einera Vermogen, „sehr viel bei einer Sache 
zu gedenken", hat die Kantische asthetische „Idee" ihre Quelle.^) 
Der „ asthetische Begriff", das „f lumen ingenii" wurde bei Meier 
das erste Erfordernis des schonen Denkens. Meier spricht von 
der „perspicuitas et lux aesthetica", von der Augenscheinlichkeit 
und der Klarheit der asthetischen Begriffe. Er nennt solche 
asthetische Begriffe auch „conceptus praegnantes", d. h. nach- 
driickliche „kornichte Begriffe", weil sie „vieles in sich enthalten 
und aus vielen Teilen bestehen".^) „K6rnigt" nennt Meier solche 



1) s. Otto Schlapp : Kants Lehre vom Genie u. d. Entstehung d. Krit. 
d. Urtkr. G5ttingen 1901, S. 60. 

*) Vgl. hierzu Lotzes Bemerkung iiber Kants asthetische Ansichten 
(Gesch. d. Aesth. i. Dtschld., Munchen 1868). 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 263 

Begriffe, die gleichsam jjtrachtig-" sind, die voll von „Nebenbegriffen" 
stecken, die aber diese Nebenbegriffe erst bei naherem Zuseheu 
und Ueberdenken aus sich hervorgehen lassen. Die „kornigten" 
Begriffe bilden fiir den Verstand eine Art „Prospekt", in welchem 
der Hauptbegriff am nachsten steht, wahrend die Nebenbegriffe 
wie in weiter Feme liinter ihm auftauchen. Diese trachtigen Be- 
griffe macheu die Lebhaftigkeit jeder dichterischen Schopfung aus. 
Man kanu die Theorie der „Nebenideen" weiter bei Eberhard in 
seiner Preisschrift verfolgen, auch an Herders Lehre von der „Idee 
und dem Ideal" hat sie ihren Anteil, ^) und zweifellos wirkte sie 
in Kant nach, als er seine „asthetische Idee" im Jahre 1790 als 
eine Vorstellung der Einbildungskraft definierte, ^) „die viel zu 
denken veranlasst, ohne dass ihr doch irgend ein- bestimmter Ge- 
danke, d. i. Begriff adaquat sein kann". Hier glaubt Schlapp auch 
eine Beeinflussung durch Sulzer zu erblicken,^) dem Kant die Lehre 
von der „vivida vis" des Geistes („Geist" im asthetischen Sinne 
verstanden) verdankt. So weist der Begriff der Kantischen asthe- 
tischen Idee nach zwei Seiten hin, die letzthin beide auf Leibniz 
und die englischen Psychologen zuriickleiten. Einerseits hat die 
Theorie der „Nebenideen", der „Vergesellschaftung der Ideen", der 
„Mittelideen", in denen die asthetische Idee Kants die ihr eigen- 
tiimliche, begrifflich unerreichbare Mannigfaltigkeit besitzt, ihre 
Quelle in der „idee mediate" bei Leibniz'*) und gleichzeitig in der 
Lehre von der Erweckung neuer Ideen durch eine Anfangsidee, 
an welche die neuen Ideen angrenzen : in der Lehre der englischen 
Associationspsychologen. Andererseits hat die Theorie von der 
„lebendigeu Kraft" des Geistes, die bei Kant als „Verm6gen der 
Darstellung asthetischer Ideen" definiert wird, ihre Wurzel in der 
Lehre vom „wogenden fundus animae", in der Leibniz'schen Lehre von 
der kontinuierlichen Wirksamkeit der Seele und wiederum gleich- 
zeitig in dem ununterbrochenen Bluss des inneren Geschehens^ in 
der Belebtheit der Seele, die sich in der Theorie von der „Ideen- 
association" Lockes und Humes kundgibt. Die Auflassung der 



1) Giinther Jacoby: Herders u. Kants Aesthetik, Lpz. 07, S. 180. 

*) Kr. d, Urtkr. ;^Reclam), S. 182, 217 

3) Schlapp, a. a. 0. , S. 413. 

*) Schlapp stellt ferner einen Anteil des engl. Philosophen Alexander 

Gerard, der gleichfalls den Terminus „Mittelbegrif£" und „Mittelidee" an- 

wendet, an der Kantischen Fassung der „asthetischen Idee" fest. (a. a. 0. 
S. 338.) 

/ 



264 W. Meckauer, 

Schonheit als Symbol des Sittlich- Guten^) ist ein drittes Ingre- 
diens, das die Vorliebe Kants fur die Attribute in der Kunst^) 
der asthetischen Idee beifiigt und sie so mit der Kunsttheorie 
seiner Zeit, dera Allegorismus Bodmers, Breitingers imd Winckel- 
manns, verbindet. 

Wenn Kant, wie man sieht, mannigfache Elemente seiner 
, asthetischen Idee" aus dem aufraffte, was ihm die historische 
Entwicklung bot, so konnten doch diese verstreuten Ingredienzien 
die system atische Bedeutuug nicht erklaren, die Kants asthe- 
tische Idee in seiner Kritik der Urteilskraft gefunden hat. Was 
zunachst die Stellung der Kantischen „asthetischen Idee" zu dem 
„asthetischen Begriff" bei Baumgarten-Meier angeht, so hat der 
Terminus bei Kant, entsprechend der durch Kant geschaffenen 
neuen Lage des philosophischen Problems, eine systematische Ver- 
schiebung erfahren, die ihn wesentlich von der friihereu 
Stellung unterscheidet. In dieser Verschiebung des Begriffes 
liegt nicht nur der Gegensatz Kantischer Gedankenbildung zu 
Baumgarten-Meierscher, sondern auch der Fortschritt, den die 
Philosophie von der vorkritisch-spekulativen Metaphysik zur kri- 
tischen Erkenntnistheorie Kants gemacht hatte. 

Den Begriff der asthetischen Idee fiihrt Kant in seine Unter- 
suchung ein, wie zunachst zu bemerken ist, um zu erklaren, was 
man in asthetischem Sinne unter „Geist" versteht. „Geist" heisst 
das ,,belebende Prinzip im Gemiite".-^) Dieses belebende Prinzip 
defiuiertKant als das„Vermogen derDarstellung asthetischerldeen".^) 
Hier gibt er auch die Definition der asthetischen Idee als Vorstel- 
lung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlasst, 
ohne dass ihr doch irgend ein Begriff adaquat sein kann, 
und die folglich keine Sprache vollig zu erreichen und 
verstandlich zu macheu vermag. Diese asthetische Idee ist 
ein Vermogeu des „Geistes", und in dem „Geist" erkennt Kant 
die spezifische Fahigkeit des Talentes, welche das Genie vor dem 
nur erkennenden Kopfe voraushat^) Das „Verm6gen der Dar- 
stellung asthetischer Ideen", d. h. der „Geist" macht also das 
wesentliche Merkmal des Genies aus. Kant spricht das an einer 



1) Kr. d. Urtkr. S. 230. 

») ib. S. 183. 

») Kr. d. Urtkr. S. 181. 

*) ib. 182. 

5) ib. 186. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 265 

spateren Stelle seiuer Uutersuchimg noch einmal direkt aus. „Man 
kann," sagt er/) . . . „Genie auch durch das Vermogen asthe- 
tischer Ideen erklaren." An einer andern Stelle iianute Kant Genie 
das Talent, „welches der Kunst die Kegel gibt**.'*) Das Genie^ 
welches das Vermogen asthetischer Ideen ist, gibt also der Kunst 
die Regel. Und zwar gibt es diese Kegel nicht nacli einem Be- 
griffe, sondern nach dem, ,,was bloss Natur im Subjekte ist, aber 
nicht unter Regeln oder Begriffe gefasst werden kann."^) Kunst 
ist nach Kant nicht ein Produkt des Verstandes und der Wissen- 
schaft, sondern des Genies, und „bekommt*' also ihre „Kegel'* 
durch asthetische Ideen, welche von Vernunftideen bestimmter 
Zwecke wesentlich unterschieden sind*'.*) Die asthetischen Ideen 
des Genies geben dem Kunstwerk die Regel oder mit andereu 
Worten: seine spezifische Form, d. h. eine Form, welche das Ur- 
teil iiber das Kunstwerk zum Geschmacksurteil macht, indera sie ihm 
die wesentlichen Merkmale des Urteils iiber schone Gegenstande ver- 
leiht: ein Wohlgefallen, das von keinem Interesse bestimmt wird, 
eine AUgemeinheit und Notwendigkeit des Gefallens, welche ohne 
Begriff gilt, und die Aussage iiber eine Zweckmassigkeit, die von 
keinem Zweck gefordert wird. Die asthetische Idee ist, wie wir 
auch sagen konnten, konstitutiv fiir das Kunstwerk und regulativ 
fiir den schaffenden Kiinstler. Das Geschmacksurteil ist das Urteil 
iiber die Schonheit schoner Gegenstande. Schonheit aber ist, wie 
Kant lehrt,^; „der Ausdruck asthetischer Ideen". Das Geschmacks- 
urteil ist also, — anders ausgedriickt, — das Urteil iiber den 
„Ausdruck asthetischer Ideen". Die asthetische Idee hat im Kunst- 
werk, dem sie als konstitutives Prinzip die Reg^l gibt, den Aus- 
druck, welcher das Urteil dariiber zu einem Geschmacksurteil 
bestimmt. In der asthetischen Idee also liegt letzten Endes auch 
der Grund fiir die vier spezifischen Momente des Geschmacks- 
urteils, von denen wir eben gesprochen haben. 

Wie ich glaube, ist damit die zentrale Bedeutung der asthe- 
tischen Idee fiir jede asthetische Analyse in das richtige Licht 
geriickt. Der Begriff der asthetischen Idee verbindet die Theorie 
der Kunst iiberhaupt, welche Kant aus der Analyse des Geschmacks- 



») ib. S. 219. 

») ib. S. 174, 178. 

3) ib. S. 219 (174). 

*) Kr. d. Urtkr. S. 228. 

*) ib. S. 190. 

Kanmudien XXII. / 18 



266 W. Meckauer, 

urteils gewinnt, mit einer Theorie des Kunstwerkes und des Kiinst- 
lers - die nicht von der Kunst als Objekt ihren Ausgang nimmt, 
sondern von dem Objekt der Kunst. 

Und dieses ist der Punkt, an dem Schiller eingesetzt hat, 
welch er die asthetische Idee — allerdings in anderer Benennung — 
zum einzelnen Kunstwerk herabsteigend, fiir die inhaltliche Aesthetik 
fruchtbar gemacht hat. Auch hierauf ist es notig einen Blick zu 
werfen, bevor wir die asthetische Idee fiir unsere Kunsttheorie 
nutzbar machen. 

Schiller spricht in mehreren seiner klassisch gewordenen 
Briefe an Korner^) von der Autonomie des Kunstwerkes, die er 
in Analogic zu der Autonomie des sittlichen Individuums „Freiheit 
in der Darstellung" nennt, oder mit einem noch bezeichnenderen 
Ausdruck, der gleichzeitig den Gegensatz zu der noumenalen Welt 
des Willens enthalt: „Freiheit in der Erscheinung." Das Kunst- 
werk erscheint Schiller wie aus eigener innerer Notwendigkeit 
bestimmt. Und nicht nur bestimmt, sondern auch geschaffen. 
Das Kunstwerk ist nicht nur Autonomie, sondern autonome Dar- 
stellung, freie Selbstdarstelluug aus dem kiinstlerischen Gedanken : 
Heautonomie! Das Kunstwerk schafft sich aus seiner inneren 
Notwendigkeit. Die innere Notwendigkeit aber ist die Kegel, die 
seine Form bestimmt, die — indem sie die Form bestimmt — diese 
zum Ausdruck der inneren Notwendigkeit macht. Wie wir gesehen 
haben, besitzt das Kunstwerk eine solche Kegel in der asthetischen 
Idee, welche dem Vermogen des Genies entspringt. Die asthetische 
Idee ist es, die wir darum die Norm der Kunstgestaltung nennen 
zu konnen glauben. So kommen wir zu dem Grunde, warum jedes 
Kunstwerk nur als durch die asthetische Idee bestimmt erscheiuen 
darf. Die asthetische Idee ist es, die das Kunstwerk schafft. 
Das Kunstwerk ist der sinnliche Ausdruck der asthetischen Idee. 
Deshalb wird alles, was anderen Beziehungen entspricht, dem 
eigentlich Kiinstlerischen Gewalt antun. Bleiben wir einen Moment 
bei diesem Punkte stehen.^) 

Erinnern wir uns der Stelle, wo Kant von dem eigentlich 



*) Briefwechsel zwischen Schiller u. K5rner, (Cotta Bd, 3), Stuttgart 
u. Berlin S. 18, 23, 33, 39, 40, 43, 45, 47, 54 ff, 

*) Ueber Schiller und die asthetische Idee vergl. die Seiten 114, 
116 — 119, 127 und 131 meiner Arbeit „Der Intuitionismus und seine Elemente 
bei Henri Bergson", Felix Meiner Leipzig 1917. 



Aesthetische Ideee und Kuiisttheorie. 267 

^Symbolischen" die „Charakterismen" unterscheidet. *) Er nennt 
diese: „sinnliche Zeichen, die garnichts zu der Anschauung 
des Objektes Gehoriges enthalten, sondern nur jenen nach 
dera Gesetz der Association" dienen. Solche Zeichen sieht 
er z. B. in algebraischen und mimischen Ausdriicken. Das Sym- 
bolische zeigt also eine innere Verkniipfung mit dem, was es sym- 
bolisiert. Der Charakterismus dagegen ist eine willkiirliche Asso- 
ciation zu einem Vorstellungsinhalte. Insofern kann er auch niemals, 
wie das Symbolische, als ausserer Gegenstand eines inneren Erleb- 
nisses aufgefasst werden. Er ist der asthetischen Idee ein Fremdes, 
wahrend das Symbol mit derselben in einem Erleben identisch 
erscheint. Nun liegt meines Erachtens ein solcher Uebergang vom 
Symbol zum Charakterismus schon iiberall da in der Kunst vor, 
wo die asthetische Idee nicht gesetzgebend gegeniiber dem Gegen- 
stand, auf den sie bezogen ist, erscheint. Denn dort tritt ihr der 
Gegenstand als etwas Selbstandiges gegeniiber, den ein fremder 
Wille ihr als Symbolzeichen bestimmt hat. Es kann daher auch 
hier von keinem Kunstwerk gesprochen werden, da ja asthetische 
Idee und Gegenstand auseinanderf alien. Wo dagegen die asthetische 
Idee sich ihren Gegenstand bestimmt, tritt das spezifisch Symbo- 
lische zu Tage, das wir „Kunstwerk" nennen. 

Wir miissen also dieses kiinstlerische Symbol aufs strengste 
von jedem Zeiehensymbol trennen. Man hat sich aber gewohnt, 
nur das Zeiehensymbol, den Charakterismus, im Sprachgebrauch 
fiir gewohnlich mit dem Wort „Symbol" zu benennen. So sicher 
nun zwar jede Kunst im echten Sinne symbolisch ist, so gewiss 
ist das „Symbolistische" im letzteren Sinne ein Fremdkorper im 
Organismus der Kunstschopfung! 

Fassen wir das Ausgefiihrte in einem Beispiele zusammen: 
'■ Der Eindruck, welchen ein mittelalterliches Gemalde der 
Madonna, sagen wir z. B. die „Madonna im Rosenhag" von Stephan 
Lochner, machen kann, kann ein verschiedener sein, Einem Pilger, 
der vor dem Bilde steht, erscheint die Gestalt der Himmelskonigin 
als Gegenstand anbetender Verehrung. Fiir ihn ist das Bild eine 
Mahnung an die Glaubenssatze, denen er sein Leben zugeschworen 
hat. Hier findet ein materiales Wohlgefallen statt, das von dem 
gewahlten religiosen Stoff, nicht von dessen Verarbeitung in einen 
kiinstlerischen Gedanken ausgeht. Der Kunsteindruck, den der 
Pilger hat, wird also kein rein asthetischer sein. Ebenfalls material 

1) Kr. d. Urtkr. S. 229. 

/ 18* 



268 W. Meckauer, 

ist das Wohlgefalleu, das der aussere, nur sinuliche Reiz des 
Farbenkomplexes etwa auf einen schauliistigen Wilden macht, nur 
dass hier das nackte Material den Eindruck erzielt, wahrend as 
im ersten Falle das Wertgebiet imd die Gegenstandlichkeit des 
asthetischen Darstellungsstoffes war. — Einem Kunsthandler 
andererseits, der dieselbe Madonna betrachtet, erscheint die Virtu- 
ositat der Malerei, die Komposition des Ganzen, die Konstruktiou 
des Raumes vielleicht als ein besonderes Merkmal eines Kunstwerkes. 
Fiir ihn bedeutet die Maltechnik eine Erinnerung an den Wert 
des Elides. Die sinnliche Darstellung einer asthetischen Idee 
erscheint ihm also zum Zwecke eines besonderen Nutzens gerade 
so gemalt zu sein. Ein Vierter endlich, ein Moralist, sieht in der 
dargestellten Madonna die Verkorperung der Tugend Oder der 
keuschen Mtitterlichkeit. Ihm ist das Gemalde das Symbol fiir 
einen erzieherischen Gedanken. Auch hier scheint ein fremder 
Zweck die Darstellung bestimmt zu haben. Das Bild erfullt 
einen symbolischen Zweck, eine, wir konuten sagen: symbolistische 
Funktion, deren nahe Verwandtschaft mit dem, was Kant „Charak- 
terismus" nennt, hier offensichtlicher ist als bei den andern 
erwahnten Beispielen. Als symbolistisches Zeichen tritt die gemalte 
Madonna fiir einen didaktischeu Denkinhalt ein: sie erscheint 
bestimmt durch einen ausserasthetischen Zweck (durch einen 
materiellen, formellen, didaktischen etc.) 

Nun denken wir uns einen Kiinstler vor das Madonnenbild 
gestellt. Vorurteilslos wird er sich dem Eindrucke hingeben und 
das Bild allein seiner asthetischen Natur nach sprechen lassen. 
Diese aber wird ihn in einen Zustand versetzen, in dem er selbs't 
jene asthetische Idee erlebt, welche dem Werke zu Grunde liegt. 
Ihm wird das Beschauen der Madonna zu einem Erlebnis der- 
selben, zu einem Erlebnis, in welchem die Vorstellung des 
Madonnenhaften eins geworden ist mit dem ausseren Gegen- 
stande (hier dem Bild), der sie anregt. In diesem Falle erscheint 
das Kunstwerk der Madonna als autonom ; denn es erscheint durch 
nichts bestimmt als durch sich selbst, d. h. eben durch jenes 
Madonnen6rlebnis. 

Was hier vom kiinstlerischen Nacherleben gilt, gilt natur- 
geraass vom kiinstlerischen Schaffen selber. Eine Trennung 
zwischen beiden lasst sich nur mehr ausserlich machen. Auch das 
Nacherleben ist ein kiinstlerisches Schaffen, — der Grund, warum 
zu grosser Kritik stets eine grosse Kiinstlernatur gehort. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 269 

Aus dem angefiihrten Beispiele gewiuneu wir das folgende: 

1. AUes kiinstlerische Schaffen ist autonom, sofern es unter 
der alleinigen Gesetzgebung der asthetischen Idee steht. 

2. Alles Kiiustlerische muss selbst erlebt sein, nur insofern 
kann es eine asthetische Idee offenbaren. 

3. Alles das, was nicht dem Prinzip des Erlebens einer 
asthetischen Idee untergeordnet ist, sondern einem anderen Prinzip 
(einem Zweckprinzip !), ist der Natur des Kunstwerkes entgegen. 

4. Nur insofern konnen religiose, sittliche, didaktische Elemente 
zugelassen werden, als sie lediglich den Stoff fiir ein Kunstwerk 
abgeben, d. h. sofern sie der Darstellungsstoff des Erlebnisses 
selber sind. Wenn ein Kiinstler die Madonna in sich selbst erlebt, 
so kann dieses religiose Erlebnis wohl zum Kunstwerk werden. 
Doch ist es religios nur dem Wertgebiet des Darstellungsstoffes 
nach, nicht dem Prinzip der Darstellung nach: es ist asthetisch 
trotz des religiosen Stoffes, nicht wegen dieses Stoff es! 

5. Hier finden wir auch die Handhabe, warum wir eine 
Epigonenkunst ablehnen. Nach einer bestimmten Kegel, die von 
irgendwelchen Zweckabsichten abhangig ist, wird ein sinnlicher 
Gegenstand in der Epigonenkunst als Symbol fiir einen intuitiven 
Inhalt gesetzt. Ursprtinglich war die Verkniipfung eine asthetische. 
Nun aber drangt sich zwischen die Verbindung des Symbols mit 
dem Intuitiven das Bewusstsein der Zweckhandlung, wodurch 
der Gegenstand von dem inneren Erlebnis abgesondert und zum 
verstandesmassigen Zwecksymbol gestempelt wird.^) 

Wenn wir nun den Begriff der „asthetischen Idee" in seinem 
Verhaltnis zur Kunst betrachten, so finden wir eine Bedeutung 
in ihm, welche weit iiber die bei Kant nur systematisch geforderte 
Andeutung hinausgeht. Schiller hat einen Teil der fruchtbaren 
Gedanken, die der bei Kant allzu nebensachlich behandelte Begriff 
der asthetischen Idee impliziert, herausgeholt. Seine Aesthetik 
wirkt nach einer bestimmten Richtung hin klarend. Doch ist auch 
durch Schiller der Begriff der asthetischen Idee nicht volldeutig 
gefasst worden. Ich sehe in der asthetischen Idee den wesent- 
lichen Bestand alles Aesthetischen. Wenn man ein Gleichnis 
anwenden will, so erscheint mir die asthetische Idee mit einem 
Wort der Rehmkeschen Schule: als die -Kunstseele" des Kunst- 



1) Untersuchungen fiber die asthetische Idee und das Intuitive ent- 
halten u. a. die §§ 55 — 67 meiner kritischen Arbeit „Der Intuitionismus 
und seine Elemente bei Henri Bergson", Leipzig, Felix Meiner, 1917. 



270 W. Meckauer, 

werkes.^) In die „Seele" des Kunstwerkes tiefer einzudringeu, 
wird nun unsere Aufgabe sein. 

Es ist klar, dass es sich dabei uicht iim ein psychologisches 
Problem handelt. Die empirische Aufgabe, von der Aesthetiker 
wie Meumann undLipps^) sprechen, kann nicht als letzte Auf- 
gabe der Aesthetik angesehen werden, so aufschlussreich sie in 
Einzelheiten sein mag. Die asthetische Idee (und auch der nur 
gleichnisweise gebrauchte Ausdruck: „Kunstseele") ist vielmehr 
ganz als das zu nehmen, als was wir sie herauszustellen bemiiht 
waren: als methodisches Prinzip, als eine Norm fiir die Gestaltung 
der empirisch-kiinstlerischen Erscheinung, als eine Norm, die zu- 
gleich von einem Prinzip hoheren Grades in logischer Abhangig- 
keit steht. 

Wenn wir nun nach der Abhangigkeit der aesthetischen Idee 
iragen, so finden wir von neuem ein ahnliches Verhaltnis vor, wie 
bei der Abhangigkeit der empirisch-kiinstlerischen Erscheinung von 
der asthetischen Idee. Wieder ist es das Verhaltnis von Ausdruck 
und Ausgedriicktem, von Inhalt und gestaltendem Formprinzip 
vermittels des Ausgedrtickten, den der Ausdruck „meint", von 
Representation und Reprasentiertem. Wie das sinnliche Material 
des Kunstwerkes als Representation der asthetischen Idee erscheint, 
so ist hinwiederum die asthetische Idee nicht das „Eigentliche", 
sondern nur eine Representation, eine Representation wieder eines 
„hoheren" Inhaltes, den sie „meint", eines Inhaltes, dessen „ihn- 
meinen" ihr eben eine Form der Abhengigkeitsbezogenheit erteilt, 
die als das formgebende Prinzip fiir die asthetische Gestaltung 
zu gelten hat. 

Zur Verdeutlichung dieser Beziehung wird es gut sein, ein 
Beispiel heranzuziehen. Ich entnehme es meinem Buche iiber den 
Intuitionismus, wo ich schon in anderem Zusammenhange diese 
Probleme beriihrt habe. 

„Von jedem Gegenstand" — fiihrte ich dort aus,^) — gibt es die 
Moglichkeit einer unendlichen Reihe von asthetischen Ideen, wobei 
zu betonen ist, dass „ Gegenstand" hier im allerweitesten und 
allerallgemeinsten Sinne gegenstandstheoretischer Betrachtungen 



Alfred Wern6r, Zur Begriindung einer animistischen Aesthetik. 
(Diss.) Stuttgart 1914, S. 61. 

») Meumann, System d. Aesth., Lpz.1914, S. 9; Lipps, Kult. d, Gegw.I. 
Abt. 6, Berl. u. Lpz. 1908, S. 388/9. 

») a. a. 0. S. 120. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie, 271 

verstanden werden muss. Jener Moglichkeit imendlich vieler 
ilsthetischen Ideen eines Gegenstandes stehen iu jedem Material 
der Sinnlichkeit, z. B. der Anschauung, des Gehors und der Be- 
wegung, ebenso viele sinnliche Ausdrucksraoglichkeiten of fen, die 
man als mogliche KunstschSnheiten bezeichnen kann. Von der 
Madonna z. B. — das Madonnasein hier als Gegenstand genommen — 
gibt es die Vorstellungsmoglichkeit unzahliger asthetischer Ideen, 
die, um eine bekannte Erscheinung aus der Kunstgeschichte heran- 
zuziehen, in der Tat im Mittelalter zu Normen ungezahlter 
Madonnengemalde wurden. 

Der Punkt, auf den sich alle diese asthetischen Ideen ihrer- 
seits beziehen, und aus dem sie ihre Formgesetzgebung begriinden, 
ist die Vorstellung des betreffenden Gegenstandes selbst, in 
unserem gewahlten Falle: das Objekt „Madonna uberhaupt", d. h. 
der Inbegriff des Madonnenseius, das Wesen des als madonnenhaft 
Bewusstbaren. Die innerste Bedeutung des Bewusstseinsgegen- 
standes „Madonna" ist es, die all jenen asthetischen Ideen ihren 
Mittelpunkt gibt. ^) Diesen „eidetischen Kern", wie wir voriaufig 
einmal sagen wollen, durch die asthetische Idee in roller Adaquat- 
heit zu reprasentieren (das Grundmotiv alles kiinstlerischen 
Strebeus), ist dem Kiinstler de facto versagt, da die durch ihre 
Beziehung auf sinnlichen Stoff bereits vom faktisch Gegebenen 
bestimmte asthetische Idee nur „ durch Analogie zum Zwecke 
des Ausdrucks" mit eidetischer Gegebenheit verbunden werden 
kann. So bleibt die tiefste Sehnsucht des Kiinstlers, das innere 
darstellerische Erfassen des Objektes selbst, unerfiillt.^) Es schwebt 
nur als unendliche Aufgabe allem kiinstlerischen Schaffen vor, als 
Zielpunkt der asthetischen Ideen, die in unendlicher Zahl sich ge- 
wissermassen von aussen um diesen Gegenstand-an-sich gruppieren. 

Das ist es, was auch der franzosische Metaphysiker Henri 
Bergson zu meinen scheint, wenn er von dem Akte des Hinein- 
versetzens in das „Herz" eines Dinges spricht. 3) Gemeint ist, das 
Wesen des Dinges, der Sinn der zu schaffenden Arbeit, in den 
sich der literarisch Tatige — um ein Bergsonsches Beispiel zu 
wfthlen ' — „hineinzuversetzen" bemiiht. Die vielen Zeichnungen, 
die ein Zeichner von der Stadt Paris machen kann (ein anderes 



') Der Intuitionismus . . ,, a. a. O., S. 120. 

«) ib. 121. 

') ib. vgl, hierzu besonders §§ 16 und 48—54. 



272 W. Meckauer, 

Beispiel Bergsons), entsprechen ebenso vielen asthetischen Ideen 
der Stadt Paris. Keiner aber „erfasst" das „Wesen" Paris, setzt 
sich in das „Parissein" als solches hinein. 

Ich habe in meiner Arbeit iiber den Intuitionismus die Be- 
ziehungen, die zwischen den Grundmotiven der Bergsonscheu Intu- 
itionsmetaphysik und der Husserlschen Position bestehen, klar- 
zulegen versucht. Ich kann mich daher hier vorlaiifig mit dieser 
Andeutung iiber die Art der Abhangigkeit der asthetischen Idee 
begniigen. Dass die Phanomenologie Husserls Probleme beriihrt, 
die auch fiir die Aesthetik in hervorragendem Masse von Wichtig- 
keit sind, darauf wird noch im Folgenden des weiteren eingegangen 
werden. Darauf wurde auch schon von anderer Seite hingewiesen- 
Hier erscheint gerade das Verhaltnis des im Grunde ganz und gar 
asthetisch orientierten Metaphysikers Bergson zu der methodisch 
strengen Wissenschaftlichkeit Husserls sehr aufschlussreich, wie 
ich schon friiher betonte. Ich erwahne bei dieser Gelegenheit 
einen Aufsatz im Jahrgange 1913, der in Hamburg erscheinenden 
Zeitschrift ,,Die Giildenkaramer", den ich seinerzeit in „Nord und 
Slid" besprochen habe und in welchem Husserl, Bergson und der 
Lyriker Stefan George sehr bezeichnender Weise nebeneinander 
gestellt werden. 1) 

Die phauomenologische Methode fiir die Aesthetik nutzbar zu 
machen, ist schon mehrfach versucht worden, am bewusst metho- 
dischsten von Moritz Geiger im „Jahrbuche fiir Philosophic und 
phauomenologische Forschung" selbst.^) Neben einer phanoraeno- 
logisch-asthetischen Methode aber scheint mir, wie angedeutet, 
noch eine andere, noch bedeutendere Beziehung der Phanomeno- 
logie zur Aesthetik zu bestehen: eine Beziehung, die sowohl Inhalt 
wie Form des Aesthetischen in besonderer Weise bestimmt. 

Betrachten wir aber zunachst die Beziehung der Phanomeno- 
logie zur Aesthetik in methodischer Hinsicht. Wir finden dann, 
dass sie nicht nur sachlich, sondern auch historisch vorbereitet 
ist. Die Entwicklung der Kunsttheorie seit Kant lasst sich nach 
Lipps^) am besten nach zwei Richtungen hin charakterisieren : 
als deduktive Aesthetik und als induktive Aesthetik. In der Philo- 
sophic des deutschen Idealismus war das Hauptinteresse der 
Aesthetiker auf „den letzten idealen Gehalt des Schonen" gerichtet, 

Meckauer: Der Streit um Bergson, Nord und Slid, 41. Jahrg., S.226. 
2) Jahrbuch Bd. I, Tell 2, Halle 1913, S. 567—684. 
«) Lipps a. a. O. 387. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 273 

auf die Frage, „wie das Absolute im Schonen sinnlich-anschaulich 
werde". Diese „Aesthetik von oben" erreichte ihren Hohepunkt 
in Friedrich Theodor Vischers fiinfbandiger systematischen 
„Aesthetik". Gegeniiber der deduktiven Aesthetik der Romantik 
aber begriindete Gustav Theodor Fechner im Anschluss an Eduard 
von Hartmann eine induktive Aesthetik. Er ging nicht von den 
letzten allgemeinen idealen Gegebenheiten aus, sondern von den 
einzelnen Fakten der psycho-physischen Analyse. So kam er zu 
seiner „Aesthetik von unten", die der „Aesthetik von oben" gegen- 
iiber trat. Seitdem ist der Streit um die Frage, ob „Aesthetik 
von oben" oder „Aesthetik von unten" nicht zur Ruhe gekommen. 
Auch die aus der Romantik kommende, an Herder, Novalis, 
Wilhelm Schlegel, Jean Paul ankniipfende und durch Fechners 
Unterscheidung „sinnlicher" (direkter) und „associativer" Faktoren 
entstandene Einfiihlungstheorie, ^) die nach Lotze von Lipps, 
Volkelt und Groos entwickelt wurde, erscheint, soviel naher sie 
auch der von uns vertretenen Theorie steht, wie ich an anderer 
Stelle noch ausfiihren zu konnen hoffe, dennoch nicht als eine 
„Versohnung" ^) jener beiden einander entgegenstehenden Methoden 
der Aesthetik: der deduktiven und der induktiven. Sie bedeutet 
vielmehr nur eine Verfeinerung der ,, Aesthetik von unten", ist aber, 
wie jede Methode, die sich auf experimentelle Begriindung stiitzeu 
kann, ganz gleich ob sie es wirklich tut, wie die interessante 
systematisch beobachtende und experimentierende Aesthetik 
Dessoirs und Kiilpes oder ob eine experimentelle Bestatigung 
nur als moglicher Nachweis gedacht wird, — sie ist wie jede 
Methode, deren Instanz die faktische Erfahrung ist, nur von rela- 
tiver Giiltigkeit und ihrem Prinzipe nach nicht anders bewertbar 
als die physiologische Bearbeitung der asthetischen Probleme ver- 
mittels der Korperempfindungen von Lust und Unlust. In seinen 
„Beitragen zur Phanomenologie des asthetischen Genusses" ^) sucht 
Moritz Geiger gerade den Nachweis zu fiihren, dass die eigent- 
lichen Probleme des asthetischen Genusses erst „hinter jener 
primitiven Angabe, Genuss sei Lust", beginnen.^) 

1) Meumann a. a, 0. 97—115. 

2) Lipps 387. 

") Jahrbuch I, 2, S. 684. 

*) Ueber .Geniessen" als irrefilhrenden Terminus beabsichtige ich, 
gelegentlich besondere Anmerkungen zu machen. Irrefuhrend erscheint er 
gerade wegen der von Geiger angedeuteten Verwechslung mit den physi- 
olourischen Problemen des rein-sinnlich-materialen Genusses. 



274 W. Meckauer, 

Geigers asthetische Methode stellt sich ausserhalb der bis- 
herigeu Disjimktion „von unten" oder „von oben";^) Bisher, so 
fiihrt er aus, ist behauptet worden, dass, wenn man nicht „Aesthetik 
von unten" treibe, man „Aesthetik von oben" treiben miisse. Eine 
solche Argumentation aber bringe Dinge zusammen, die keineswegs 
zusammengehoren, sie iibersieht, dass durch „Induktion" zii Resul- 
taten gelangen, und durch „Befragung" der Tatsacheu Ergebnisse 
erzielen, keineswegs nur verschiedene Ausdriicke fiir dasselbe Vor- 
gehen sind. Der Satz: „Zwei gerade Linien schneiden sich nur 
in einem Punkte" oder der andere: ,, Orange liegt zwischen Rot 
und Gelb auf der Farbenskala" ist — so sicher man zu ihnen durch 
Feststellung des Gegebenen and nicht durch Spekulation 
gelangte — doch nicht durch Induktion, durch Verallgemeinerung 
gewonnen. Es verhalt sich vielmehr so, fahrt Geiger fort, dass 
ein einmaliges Anschauen der E'arbenskala mich iiberzeugt, dass 
diese Beziehung zwischen Orange, Rot und Gelb ein fiir alle Mai 
gilt, ein fiir alle Mai gelten muss, dass es sich hier um Wesens- 
gesetzlichkeiten, um Wesensbeziehungen handelt, die nicht aiiders 
sein konnen. Nicht durch Verallgemeinerung aus dem einzelnen 
Fall, sondern durch Einsicht in das allgemeine Weseu dieser 
Beziehungen an Hand des einzelnen Falles ist die Erkenntnis 
raoglich. Diese Methode, die Geiger zur Beantwortung der Frage 
anwendet, „ob es einheitliche Merkmale gibt, die das asthetische 
Geniessen von allem sonstigeu Geniesseu scheiden", geht weder 
„durch Deduktion'* noch „durch Induktion" vor, sondern durch 
„Intuition", und zwar dadurch, ,,dass man die Gesetzmassigkeit 
sich an Hand des Einzelfalles einsichtig vor Augen stellt, nicht 
dadurch, dass man sie aus Einzelfallen verallgemeinert. Mit dieser 
Methode, der Methode der Phanomenologie, bekennt sich Geiger zu 
der Anschauung, „dass weder eine Aesthetik von „oben" noch 
eine Aesthetik von „unten" zum Ziele fiihren kann. 

Wenn also historisch ein Punkt zu finden ist, wie Lipps 
meint,^) an welchem sich die Aesthetik von „unten" und die 
„altere*' Aesthetik „treffen und versohnen" konnen, so kann dieser 
m. E. nicht in irgend einer psychologischen Theorie der Kunst- 
analyse gegeben sein, auch nicht in der Einfiihlungstheorie, sondern 
er ist nur in der die Disjunktion von „oben" und von „unten" 
iiberwindenden phanomenologischeu Methode der Aesthetik zu finden. 

1) Geiger a. a. O. S. 570 ff. 
«) Lipps a. a. 0. 387. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 275 

Und so seheu wir, dass auch die geschichtliche Entwicklung der 
Kunsttheorie, indem sie die kontradiktorischen Standpunkte iiber- 
windet, das von uns behauptete Hervortreten von Beziehungen 
zwischen Phanomenologie und asthetischer Problemstellung bejabt 
und bestatigt. Und vielleicht konnte man auch schon in der 
methodischen Besonderheit von Kants „Kritik der Urteilskraft", 
die sich ja ihrer ganzen Methodik nach so wesentlich von den 
anderen kritischen Hauptschriften unterscheidet, einen ersten Schritt 
zur Anwendung der phanomenologischen Methode fiir die Klarung 
des Inhalts asthetischer Gegebenheiten erblicken! 

Mit dieser Nutzbarmachung der phanomenologischen Methode 
fiir die Erschliessung des asthetischen Gedankens ist jedoch, wie 
bereits angemerkt wurde, die Bedeutung der Phanomenologie fiir 
die Aesthetik noch nicht erschopft. Vielmehr finden nur die mehr 
innerlichen Beziehungen in der historischen Hinwendung zu der 
Methode des Phanomenologen auch ausserlich eine besondere 
Bestatigung. Es muss nun unsere Aufgabe sein, zu entwickeln, 
was wir unter diesen „mehr innerlichen Beziehungen" verstehen, 
um dann mit den gewonnenen Einsichten die Bestiramung des 
Begriffs der asthetischen Idee und der Kunst durchzufiihren. 

Dabei kniipfen wir am besten an eine Bemerkung an, die 
Paul Linke in einem der letzten Hefte der Kantstudien ^) anlasslich 
seiner Auseinandersetzung mit Th. Elsenhans machte. In einem 
Abschnitt, „Die Kopernikanische Wendung der Phanomenologie" 
iiberschrieben, ist er bemiiht, den Begriff der phanomenologischen 
,,Reduktion" auseinanderzusetzen. Unter anderen Beispielen, die 
er zur Kiarlegung des zeitlosen ideellen Gehaltes eines wahr- 
genommenen Gegenstandes wahlt, erinnert er an einen Maler, „der 
im Bilde den ideellen Gehalt der wahrgenommenen Land- 
schaft festhalt". Die Phanomenologie hat die „Blickrichtung" 
auf diesen Gehalt in voUer Reinheit durchzufiihren. Diese „Blick- 
richtung" nun ist ihr — wie wir meinen — mit den Bestrebungen des 
Kiinstlers gemeinsam, der den ideellen Gehalt eines Gegenstandes in 
einem Kunstwerke, z. B. einem Landschaftsbilde festhalten will. 2) 



1) Kantstudien, XXI, 2—3, S. 201. 

2) Husserl deutet diese „Blickrichtung" des Kiinstlers auf den „ide- 
ellen Gehalt" mit der zentralen Bedeutung des „gemeinten" Gegenstandes, 
des „Gegenstandes schlechthin" als sinnlich wahrgenommenen, direkt ver- 
gegenwartigten oder ,,in einem Gemalde bildlich dargestellten", 
an (Ideen . . . , S, 189), 

/ 



276 W. Meckauer, 

Audi der Kuustler „blickt" auf die Wesenhaftigkeit der Ge- 
genstande „hm", die er yermittels seines Kunstschaffens festzu- 
halten sucht. Aiich der wahre Kiinstler ist in diesem Sinne Pla- 
toniker wie der Phanomenologe. Jedes Kunstwerk, auch das naturalis- 
tische, hat es mit der „verite de raison", niclit mit der „verite 
de fait" zu tun. Auch die Kunst gehort zu dem Gebiet der 
wesenserschauenden Lebenseinstellungen. AUerdings ist Kunst 
keine Wesens„wissenschaft" — von allem Wissenschaftlichen ist 
sie weit geschieden! Von der Wissenschaft trennt sie ihr Grund- 
motiv, das Objekt in einer ichbezogenen Wertung zu erfassen. 
Denn sie wurzelt nicht im Begriffe, sondern im Anschauen. Nun 
ist zwar auch Phanomenologie als Wissenschaft eine auf Anschau- 
ung fundierte Methode. Aber eben doch „Methode"! Kunst da- 
gegen hat nichts mit der diskursiven Exaktheit einer Methode 
zu tun, mit einer durch Denkprozesse freigegebenen Ideation, die 
wiederura in Denkprozesse einmiindet. Der Quell und die Miindung 
alles Kiinstlerischen ist das reine Erleben. Ihre „Blickrichtung" 
auf das Eidos wird nicht durch begriffliche Abhebung gewonneu, 
sondern durch intuitiv-erlebnishafte Darstellung Oder, um ein Wort 
eines Dichters, Carl Hauptmanns, anwenden zu konnen: „der Sinn 
des Lebens kann nicht gedacht, er kann nur mit der ganzen Pers6n- 
lichkeit eriebt werden". . . „Uns nicht denken, sondern erleben zu 
machen", ist die Aufgabe der Kunst. ^) Eine Sache als Sache 
betrachten und in ihr darin stecken, sie erleben, das ist allerdings 
ein grosser Unterschied — so gross, dass er genugt, den Unter- 
schied zwischen philosophischer Methode und asthetischer Schopfung 
zu begriinden. Aber dennoch in beiden Fallen — und das meinten 
wir — dennoch ist in beiden Fallen die „Blickrichtung" dieselbe, 
die Blickrichtung, die, scholastisch ausgedriickt, nicht die „existentia" 
des als individuell bewussten Gegenstandes meint, sondern seine 
essentia".^) Auch die naturalistischste Kunst gibt — sofern sie 
iiberhaupt noch Kunst ist — nicht die blosse ^Photographic der 
Wirklichkeit", sondern die Darstellung des Wesens der Wirklich- 
keit; das sogenannte „Wirkliche-an-sich" ist auch fur die Dar- 
stellung des Wirklicheu ,,uuwesentlich" — eine Erkenntnis, die 
schon von Goethe in der Weise formuliert wurde, dass Kunst 



1) Sorgel, Dichtung und Dichter der Zeit, Leipzig 1916, S. 379. 
*) Messer, Die Philosophie der Gegenwart, Leipzig 1916 (Wissen- 
schaft u. Bildimg), S. 119. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 277 

nicht jjWirklich" sein soil, sondern „wahr". Das Weseuhafte der 
Kunst haben die idealistischen Richtungen der Kunst schon immer 
betont. Dieses Wesenhafte, — das aber eben ist der Fortschritt 
der asthetischen Einsicht iiber die einseitig typisierenden und illu- 
sionistischen Bestrebungen einer klassischen oder romantischen 
Kunsttheorie hinaus — ist ebensowohl im bewusstseinstranszendenten 
empirischen, sagen wir impressionistischen Stoffe zu finden wie 
im bewusstseinsimmanenten psychologischen expressionistischen 
Erlebnis. 

Linkes Beispiel von dem Maler, ,,der im Bilde den ideellen 
Gehalt der wdhrgenommenen Landschaft festhalt"', zeigt den Kiinst- 
ler wie den platonischen Hohlengefangenen, der die Fesseln ge- 
brochen hat, hinblickend auf den Glanz der eidetischen Gegeben- 
heiten. Geblendet von ihrer Anschauung und greifbaren Deutlichkeit, 
mochte er sie, die er gedanklich nicht zu formulieren vermag (denn 
er ist ein Kiinstler, kein Philosoph!),.die er nur erschauend erlebt, 
in der Gestalt eines sinnlichen Symbols „festhalten", — aber die 
Materialitat der stofflichen Symboltrager steht ihm entgegen und 
verdunkelt immer wieder die Absicht der „reinen Schau", und 
die Gewohnheit, der schlimmste Feind alles Kiinstlerischen, ent- 
wiirdigt das Kunstwerk zu einer blossen wesenlosen Sinnlichkeit 
wie die anderen Dinge in der Hohle, welche die Hohlengefangenen 
fiir das einzig Reale, weil ihnen einzig Vertraute halten. Darum 
ist das erste Gesetz aller Kunst, wie ich hier nebenher anmerken 
mochte, die Bedingung der Neuheit, der Originalitat , die frei 
ist von der Gewohnheit und noch nicht belastet von der alltag- 
lichen Mechanik der dinglichverstreuten Vielheit des unwesenhaft- 
Wirklichen! 

Was mit dieser Blickrichtung des Kiinstlers und des Phanome- 
nologen gemeint ist, erhellt naher aus dem Beispiel der „unter- 
gehenden Sonne", das Linke zum Ausgangspunkt seiner Betrach- 
tungen iiber die phanoraenologische Reduktion macht.^) Er nimmt 
einen bestimmten einmaligen Sonnenuntergang zum Gegenstand der 
phanomenologischen „Einstellung", z. B. die untergehende Sonne, 
die er gestern am 6. Februar 5^ 10" am wenig bewolkten Himmel 
sah. „Heute nun denke ich" — fahrt er fort — „an das gestern 
Wahrgenomraene zuriick: ich stelle mir erinnerungsmassig die 
untergehende Sonne vor und zwar genau so, wie ich sie gestern 



1) Linke a. a. O. 193. 



278 W. Meckauer, 

wahrnahm. Nun kann ich immer neue und neue Akte des Vor- 
stellens erleben, in denen ich in derselben Weise auf die gestern 
wahrgenommene Sonne „gerichtet" bin: stets ist der Gegen- 
stand derselbe — vollkommen derselbe, nicht etwa nur der 
„gleiche". Der von uns gemeinte Gegenstand hat sich nicht im 
geringsten geandert: er ist genau die gestern untergehende Sonne 
geblieben, mogen sich die Akte und die sie vielleicht begleitenden 
illustrierenden Bilder auch noch so sehr geandert haben". . . Der 
gemeinte Gegenstand ist unabhangig von den empirischen Bestand- 
teiien der Wahrnehmung und der Erinnerung. In der phanomeno- 
logischen Reduktion, der eTro/jj, wird die „DaseinstheSis", die eben 
in diesem Sinne die „Generalthesis der natiirlichen Einstellung" 
genannt werden kann, „in Klammern" gesetzt. 

Auch der Kiinstler setzt die „Daseinsthesis" bei der Hinwendung 
seines Blickes auf den gemeinten Gegenstand „in Klammern". Ganz 
belanglos ist es fiir seine Darstellung des gestern gesehenen Unter- 
ganges der Sonne, ob die Sonne wirklich um diese Zeit und in der von 
ihm wahrgenommenen Weise untergegangen ist. Diesen Standpunkt 
des Kiinstlers herauszuarbeiten, ist gerade der Sinn jener modernen 
Kunstrichtungen, die sich als Expressionismus bezeichnen/) 
Dass ein Gegenstand „gemeint ist", auf den sich die zur Konzeption 
des betreffenden Kunstwerkes ftihrende Wahrnehmung bezieht, ist 
das Ausschlaggebende. Ob aber der gestern zu einer bestimmten 
Zeit und an einem bestimmten Ort „gemeinte" Sonnenuntergang 
in einer wirklichen oder in einer imaginaren Welt^ stattgefunden 
hat, schaltet sowohl fiir den Kiinstler als auch bei der Beurteilung 
eines Kunstwerkes aus. Nicht nur die Phanomenologie, wie Linke 
auseinaudersetzt, '^j hat es weniger mit dem Bereich des bloss- 
Wirklichen, als mit dem am Wirklichen sich manifestierenden 
Moglichen zu tun, sondern auch die Kunst. •^) 

Der Kiinstler — wir nahmen beispielsweise einen Maler an, — 
gibt den gestern gesehenen 5^ 10™ stattgehabten Sonnenuntergang 

1) Vergl. Herwarth Walden: Einblick in Kunst, Berlin 1917, S. 7. 

2) Linke 208. 

3) Das Mogliche der Kunst aber ist ebensowenig wie das Mogliche 
der Phanomenologie das bloss-Mogliche, ideell-Pliantastische. Mit Phantas- 
tik, Verstiegenheit, Traumerei, Fabulierungslust ist Kunst iiberhaupt 
nicht erschopfend zu definieren. Das Mogliche hebt Kunst liber die 
sogenannte reale Wirklichkeit hinaus, indem es sie von ihren existenzialen 
Bedingungen befreit: aber es ist eine essentiale, eine „absolut notwendige 
M5glichkeit", wie Husserl sagt! (Ideen . . . S. 280). 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 279 

darstellerisch in der Weise wieder, „wie" er ihn sah. Das heisst 
nun uicht: modifiziert durch die psychischen Momenta der Erinnerung, 
Oder: getriibt durch irgend welche willktirliche subjektive Ver- 
falschungen der Wahrnehmung, — wie weit dies unwillkiirlich 
geschieht, ist eine psychologische Frage, die uns hier bei einer 
methodischen Untersuchung nicht interessiert. i) Eine derartige 
subjektive Kunst, welcher die Beziehung auf das Objekt fehlt, und 
welche ganz in das Belieben der subjektiven Willkiir gestell ist 
— sie nennt sich gegenwartig „absolute Kunst" oder auch „futu- 
ristische Kunst" — ist ohne weiteres als im eigentlichen Siune des 
Wortes „gegenstandslos" abzulehnen. Das „wie er ihn sah" enthalt 
vielmehr die Beziehung der vom Kiinstler geschaffenen Darstellung 
eines Sonnenuntergangs auf den „gemeinten," objektiven Gegen- 
stand, d. h. den Sonnenuntergang, der in seiner gestern 5^ 10°" 
erfolgten Wahrnehmung „gemeint war", der kurz gesagt in seiner 
„Intention lag". 

Linke spricht im weiteren Zusammenhange mit diesen Fragen 
von der „Bindung" der ideellen Beschaffenheitskomplexe an das 
Individuelle. ^) Jener „ Sonnenuntergang" ist an eine bestimmte singu- 
lare in hie et nunc individuelle physikalische Erscheinung „gebunden". 
Das Eigenartige alles Kiinstlerischen aber besteht nun 
eben dariu, dass der Kiinstler jene ^Jdeellen Beschaffen- 
heitskomplexe" einerseits in phanomenologischer Eeduk- 
tion von der „Bindung" an jene individuellen Gegeben- 
heiten „ablbst" und andererseits eine neue „Bindung" 
der ideellen Beschaffenheitskomplexe an eine neue indi- 
viduelle Gegebenheit vornimmt. Dies geschieht zu darstelle- 
rischem Zwecke. So erscheint der von einem Kiinstler erschaute 
„ideelle Gehalt" nach zwei Seiten hin „gebunden" — nach der 
individuellen Gegebenheit hin, welcher er urspriinglich ist und von 
der er in phanomenologischer Schau „abgelost" wurde, und nach 
der individuellen Gegebenheit hin, die ihm fremd ist, die ihm gewisser- 
massen nur symbolisch zum Zwecke des Ausdrucks untergeschoben 
wurde: vom Kunstwerk. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: der 
Sonnenuntergang, den der Maler in seinem Gemalde des Sonnen- 
unterganges „meint", wurde von ihm ,,abgel6st" von der „Gebunden- 
heit" an die durch die Angaben von Zeit und Ort bestimmte 



1) Vgl. Linke 196. 
») ib. 205. 



280 W. Meckauer, 

gestrige individuelle Gegebenheit und dafiir neii „gebiindeu'' — 
um sinnlich „festgehalten", d. h. in diesem Falle „dargestellt" zu 
werden — au eine ueiie individuelle Gegebenheit, eine Gegeben- 
heit, deren empirische Singularitat durch die Art des Materials 
(der Farben, der Leinwand etc.) und die Art der technischen Aus- 
fiihrung bestimrat ist. In der „Ablosung" des ideellen Gehaltes 
von der urspriinglichen individuellen Gebundenheit und 
in der ,,Bindung" an eine neue symbolische Gebundenheit 
kann die wesentliche Arbeit des Kiinstlers gesehen 
werden. Und diese Arbeit leistet der Kiinstler ver- 
niittels der asthetischen Idee! 

Denn die neue individuelle Gegebenheit, die den in Frage 
stehenden ideellen Gehalt „bindet'', ist nicht nur empirisch als Singu- 
laritat bestimmt. Sie ist Singularitat in einer besonderen Bedeutuug. 
Ihre Faktizitat ist keine zufallige, sondern eine symbolische. Diese 
neue individuelle Gegebenheit der Kunst besitzt im Gegensatz 
zur urspriinglichen individuellen Gegebenheit der Erscheinung 
einPrinzip: dasPrinzip der Hinlenkung auf den an sie ,,gebundenen" 
ideellen Gehalt, sie bekundet „von vornherein" die Intention, 
einen ideellen Gehalt zn „meinen" und stellt sich zwar als faktische 
Gegebenheit, aber als „gestaltete" (notwendige) Gegebenheit, als 
Mittel zum Zweck, als Trager einer ,,hoheren" Gegebenheit dar, 
als abhangig von einem Primaren, auf das sie hinzielt, zu dem sie 
hinaufstrebt, welches sie durch ihre sinnliche Gestalt auch dem 
offenbart, der nicht die methodische Einstellung .in die Blick- 
richtung auf das Wesenhafte besitzt. In dem Begriff der asthe- 
tischen Idee ist jenes Prinzip der individuellen symbolischen Ge- 
gebenheit, von der wir sprachen, gegeben. — 

Der Kiinstler gestaltet gemass dem Formprinzip der astheti- 
schen Idee — so sagten wir schon friiher — und dadurch schafft 
er eine „sinnliche Gegebenheit", die zu der ideellen Gegebenheit, 
die an sie gebunden ist, hinleitet. Die ideelle Gegebenheit als 
solche lasst sich in ihrer absoluten Reinheit durch das Kunstwerk 
nicht „erfassen" - das suchten wir bereits zu erweisen. „Erfasst" 
wird im Kunstwerk nur die asthetische Idee, deren Abhangigkeits- 
beziehung darin besteht, dass sie die „BlickrichtUDg" auf jene 
„h6here Gegebenheit" einstellt. Von dem Sonnenuntergang, der 
gesteru 5^ lO"" stattfand, konnen viele asthetische Ideen gedacht 
werden, die den Kiinstler zu eben so vielen verschiedenen Kunst- 
werken anregen, welche sich alie doch auf denselben Sonnen- 



Aesthetische Idee und Kunsttbeorie. 281 

untergaug bezieheD. Der „ideelle Gehalt", der mit der Wahr- 
uehmung jenes Tatbestaudes „gemeint" ist, ist immer deiselbe. 
Er ist fiir alle asthetischen Ideen von ihm derselbe, nicht nur der 
gleiche, *) er ist der Beziehungspunkt alier asthetischer Ideen, die 
ihn meinen. Aber nie kann der Kiinstler den „gemeinten" Sonnen- 
untergang in der Gestaltung nach einer asthetischen Idee ganz 
ausschopfen, — (unendlich viele Skizzen von Paris geben nicht 
das Paris-sein: das Beispiel Bergsons !) — er kann ihn nur "meinen". 
Denn die asthetische Idee ist nicht zu verwechseln mit 
dem ^.ideellen Gehalt" des Gegenstandes, — sie ist ja selbst 
schon faktisch bestimmt, d. h. bezogen auf eine mijgliche Darstelluug 
dtfs Gemeinten in einer „sinnlichen" Erscheinung. 

Was also der Kiinstler nur „darstellen" kann, ist die 
Schau„richtung" auf das Wesenhafte. Der „Schauakt" soil 
im Kunstwerk materialisiert Werden, er soil jedem zuganglich ge- 
macht werden, hinleitend zu der spezifischen „Einstellung" des 
Kiinstlergeistes. Die „Schau" selbst aber besitzt nur der Kiinstler, 
unausgesprochen, unaussprechbar wie einen Glanz im Inneren 
seiner Seeie, und alles Ringen um die Vermittlung dieser „Schau" 
an Andere muss an der Materialitat der Darstellung und ihrer 
asthetischen Idee scheitern. Die Frucht dieses vergeblichen Be- 
miihens sind lediglich nur immer neue asthetische Ideen, die sich 
richtungweisend um den gemeinsamen „gemeinten" Kern gruppieren, 
aber stets nur Annaherungen an das fiir die Kunst unerfassbare 
Letzte bedeuten. Di>3ses Spannungsverhaltnis zwischen dem kiinst- 
lerischen Willen und dem gewordeuen Kunstwerk, diese Kluft 
zwischen der Absicht des Kiinstlers und der tatsachlichen endgiiltigen 
Formgebung wird von alien wahren KUnstlern mehr oder vveniger 
bewusst empfunden nnd ist von vielen in einer tiefen Resignation 
aiisgesprochen worden. Die Resignation iiber den „problematischeu 
Rest" beiui Fertigsein eines Kunst werkes ist alien Kiinstlern gemein. 
Dieser Schmerz gehort zu den Geburtswehen, aus denen grosse 
Kunst geboren wird. Der Kiinstler heftet seinen Blick auf das 
Wesen, er ist im Besitz der „inneren Schau'*, der „ Weseusschau" . 
das Kunstwerk jedoch, mag es so vortrefflich sein, wie es will, 
es offenbart im Hochstfalle — im Falle der Vollendung — nur 
die asthetische Idee, hinter der eine „h5here Instanz" als in dieser 
Blickrichtung, die von ihr abhangig ist, liegend, nur wie ahnungs- 
weise auftaucht. 

1) Linke 193. 

Kantstudien XXII. / jg 



282 W. Meckauer, 

Wie ist es nun moglich, dass jene „Schaurichtung" mitgeteilt, 
uberhaupt versinnlicht werden kann? Denn auch die asthetische 
Idee, die gewissermassen als Entelechie des Kunstwerkes niir die 
in der Moglichkeit angelegte Darstellung jener Schaurichtuug ent- 
halt, ist noch unsinnlich und als Gegenstand nicht ausserlich wahr- 
nehmbar. Wie ist es also moglich, dass sinnliche Gegeustande, 
d. h. Kunstwerke, Unsinnliches reprasentieren konnen mid dass 
sie von der Moglichkeit einer solchen Reprasentation die Vorstellung 
einer zu Grunde liegenden asthetischen Idee anzuregen vermogen? 
Diese Frage fiihrt uns auf das Problem der „gegenstandlichen 
Yertretung". 

Um den Begriff der „gegenstandlichen Vertretung" zu er- 
klaren, muss ich auf eine den Erscheinungen eigentiimliche Art 
von Affinitat hinweisen. 

Die Lippssche Einfiihlungstheorie hat fiir die Erklaruug 
des Gefallens an schonen Gegenstanden eine Thesis aufgestellt, 
die fiir unsere Frage nicht ohne Aufschluss ist. Um ein bekanntes, 
von Lipps angefiihrtes Beispiel zu wahlen, so erweckt die gezeich- 
nete Bogenlinie z, B. unser ^Gef alien dadurch, dass sie die Vor- 
stellung des mechanischen Spiels von Kraften, die in der als 
,,gespannt" empfundenen Linie tatig sind, hervorruft. Die Bogen- 
linie erscheint nicht bloss als das vorliegende geometrische Ge- 
bilde, sondern in sie hineinfiihlen wir ein „System von Spann- 
kraften".^) Die Gegebenheit des Wesens: „Spannung", die eine 
unsinnliche ist, erhalt dadurch ihren faktischen Ausdruck in einer 
geometrisch-sinnlichen Gegebenheit. Auf Grund der Erfahrung, 
die wir an der Hand eines Bogens gemacht haben, denken wir 
diese Erfahrung nun in jede gebogene Linie, die dem zweidimen- 
sionalen Bild des Bogens entspricht, hinein. Zwischen dem Bogen 
und der geometrisch gezeichneten Linie muss also eine Art Affinitat 
obwalten, die die analoge Bewertung beider Erscheinungen recht- 
fertigt und sie dazu befahigt, dasselbe Wesen: ,,Spannung" zur 
Gegebenheit zu bringen. 

Wir konnen hier auf die Untersuchung iiber den Grund 
dieser „Affinitat** nicht eingehen^) — vielleicht bietet dazu eine 
spatere Gelegenheit Anlass — wir miissen sie als gegeben hin- 
nehmen. Jene Affinitat zwischen der Erscheinung des Bogens 

1) Meumann a. a. 0. 102/3 

2) Siehe S. 287 f . 



Aesthetisclie Idee und Kunsttheorie, 283 

und der Erscheinung der gebogenen Linie aber ermoglicht es uns, 
die an der Hand des Bogens zur Bewusstheit gebrachte eidetische 
Gegebenheit: „Spannung" auch an der gebogenen Linie zur Bewusst- 
heit zu bringen. Das ist das, was ich „gegenstaudliche Vertretung" 
uannte. 

Die „gegenstandliche Vertretung" macht es moglich, Unsinn- 
liches durch Sinnliches zu reprasentieren, und die asthetische Idee 
ist — wie wir nun genauer sagen konnen — die Einsicht in eine 
solche Moglichlichkeit der ,,gegenstandlichen Vertretung". Das 
Wesen der Erscheinung des gestern b^ 10™ untergegangenen Sonnen- 
balles ist von der Erscheinung als solchen unabhangig: es kam nur 
anlasslich jener Erscheinung zur bewussten Gegebenheit, existiert 
aber seiner Geltung nach auch ohne diese Manifestation durch 
das empirische Ereignis. „Es ist buchstablich wahr", sagt 
Linke,^) „die reinen Wesen sind da, es kommt nur darauf 
an, dass wir sie sehen." Die Fahigkeit sie zu sehen, ist dem 
Kiinstler wie dem Phanomenologen gemeinsam, nur dass der 
Kiinstler noch die spezifische Fahigkeit der Gestaltung durch die 
asthetische Idee besitzt, d. h. die Einsicht in die Moglichkeit 
„gegenstandlicher Vertretung", — eben das, was man an ihm 
„kiinstlerische Anlage" nennt. 

Die Fahigkeit des Kiinstlers, die reinen Wesen, „die da sind", 
7.U sehen, fiihrt auf das Problem des Nativismus. Wenn der 
Kiinstler befahigt ist, die „da" seienden reinen Wesen zu sehen, 
so muss ihn seine psychische Anlage besonders dazu befahigen. 
Das heisst nun nicht, dass ihm die „reinen Wesen" als solche 
„eingeboren" sind, das ware ein Abgleiten der phanomenologischen 
Bedeutung des „Wesens" in eine Art platonischen Psychologismus. 
Was gemeint ist, das ist die psychische „Einstellung" auf die 
„Schau" des Wesenhaften, die beim Kiinstler seiner Natur nach 
so intensiv vorhanden ist, dass die geringsten erfahrungsmassigen 
Vorkommnise, solche, die von anderen Geistern kaum bemerkt 
werden, geniigen, um ihm ein Wesenhaftes zur Bewusstheit zu 
bringen. 

Wie ware es auch anders moglich als durch diese von Geburt 
angelegte psychische „Einstellung" auf das Wesenhafte, dass z. B. 
der Dichter, der im Volksmund als „Traumer", „Idealist", „Hans- 
Guck-in-die-Luft" und wie die popularen Schlagworte des naiven 

1) Linke 202. / 

19* 



284 W. Meckauer, 

Eealismus alle heisseu, gilt, dass derselbe, der ein Ignorant des 
praktischen Lebens ist, eben dieses Leben „darzustellen" vermag — 
ein Vermogen, zu welchem keine noch so genaue Erfahrung des 
Wirklichen befahigen kann? Wie ware es unter anderem moglich, 
dass der junge Schiller, der gegeniiber dem lutendanten Dalberg 
die allernaivste Menschenunkenntnis erweist, zu gleicher Zeit das 
Bild des Menscben seiner Zeit treffender gestaltet als alle Tages- 
journalisten und Theaterdichter, die die Erfahrung eines langen 
Lebens fiir sich haben? Wie anders ware es moglich, als durch 
jene eben geschilderte Unabhangigkeit des „Wesens" von der „Er- 
scheinung", des Wesens „Mensch" von dem Individuum „Mensch*\ 
Die psychische Anlage, „eingestellt" zu sein auf die „Schau" des 
Wesenhaften, das ebenso an geringen, vielleicht nur seelischen 
Vorkommnissen wie an ereignisreichen, grossen, ausserlichen Lebeus- 
erfahrungen zur Gegebenheit kommen kann, diese psychische Eiu- 
stellung ist es, die den jungen Schiller dazu befahigte, Menscheu 
wesenhaft darzustellen, ehe er Menschen erfahrungsgemass 
kennt! Denn ,Jedes wahrgenommene oder vorgestellte Individuum, 
jeder empirisch gegebene Gegenstand" ist nach einem Ausdruck 
Linkes^) „von vornherein, wenn nicht ausschliesslich, so doch 
jedenfalls auch und zwar in einem sehr wesentlichen Punkte 
ideell". 

Das „Wesen" des gestern um eine bestimmte Zeit erfolgteu 
Unterganges der Sonne — um auf unser bisheriges Beispiel zuriick- 
zukommen — hat der Maler vielleicht schon „bewusst gehabt'*, 
ehe jener Sonnenuntergang erfolgte, er gelangte ihm vielleicht 
gestern nur zu erneuter Klarheit anlasslich des 5^ 10" wirkiich 
erfahrenen Sonnenunterganges. Es ist durchaus nicht notig, bei 
dieser Annahme an den „idealen Fair* des Sonnenunterganges 
iiberhaupt zu denken, der wohljedem Beschauer eines besonderen 
Sonnenunterganges gelaufig ist. Diese Einschrankung auf den ty- 
pischen, idealen Fall machen die idealistischen und illusionistischen 
Kunsttheorien der vornaturalistischeu Zeit, indem sie ein absolutes 
Ideal des Sonnenunterganges aufstellen, das sich in dem Werke 
des Kiinstlers zu realisieren hatte. Diese Einschrankung auf den 
Idealfall will die phanomenologische Aesthetik nicht, so gewiss Weseu 
nicht mit Ideal, Eidos nicht mit Idee zu verwechseln ist! Sondern 
jener Sonnenuntergang, den der Kiinstler ,,meint** und der unabhangig 

1) Linke 202. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 285 

Yon dem gestrigen wirklichen Ereignis ist, kann auch eine ganz 
und gar impressionistisch bestimmte Einmaligkeit sein und ware den- 
noch ein Wesen von AUgemeincharakter, etwa das Wesen jener 
besonderen Art von Sonnenuntergangen, die genau so wie der 
gestrige erfolgen, wobei es nebensachlich ist, ob es in der Tat 
realiter noch einen zweiten Sonnenuntergang in der Art wie den 
gestrigen gibt. Jene „eidetische Singularitat" in Husserlschem 
Sinne, ^) die streng zu scheiden ist von der empirischen Diesheit, 
ging dem Kiinstler wie eine plotzliche Erleuchtung auf, als er die 
empirische Diesheit des gestrigen Sonnenunterganges wahrnahm. 
Aber einmal „erschaut" — und vielleicht wurde sie, wie erwahnt, 
schon frtiher einmal erschaut, durch irgend ein ganz nebensach- 
liches Ereignis vielleicht, noch vor dem gestrigen Sonnenuntergang 
— einmal erschaut, ist sie nicht mehr an die „Diesheit" des 
gestrigen Ereignisses „gebunden", so sehr sie auch „singular" in 
ihrer bestimraten und speziellen Geraeintheit ist. Dies geht daraus 
hervor, dass sich der Maler die gestern erschaute Gegebenheit auch 
heute noch (immer wieder) zur Gegebenheit bringen kann. Fiir 
die gestrige direkte Individuation, die das Ideelle gefunden hatte, 
kann heute eine indirekte Individuation eintreten. Und das muss 
in der Tat geschehen. Denn das Bild des Malers ist an dem 
einen Abend — besser: in dem einen raumlich und zeitlich begrenzten 
Augenblick — wo gerade jenes bestimmte Sonnenuntergangseidos 
erschaut wurde, noch nicht fertig. Es wird heute und morgen 
an der Hand neuer Sonnenuntergange, vielleicht ein ganzes halbes 
Jahr lang, welter ausgefiihrt werden. Jedes Mai wird ein zeitlich 
und ortlich anderer Sonnenuntergang dazu dienen, das „ erschaute 
Wesen" gegenwartig zu machen, — in all den Individuationen 
des Sonnenunterganges iiberhaupt aber wird „derselbe" „besondere'' 
Sonnenuntergang gemeint sein, der gestern um 5** 10*° in einer 
Diesheit von Licht, Luft und Farben am leicht bewolkten Himmel 
zur Gegebenheit kam. Und schliesslich, wenn das Gemalde fertig 
ist, wird an die Stelle all dieser taglich wahrgenommenen „Dies- 
heiten" eine neue „Diesheit" treten: das Bild, das nun seinerseits 
das Wesen des gemeinten Sonnenunterganges zur Gegebenheit 
bringen will. In dem bleibenden Eindruck des Bildes spiegelt sich 
nun ein Abglanz von dem Wesen des gestrigen Sonnenunterganges 
wider — die asthetische Idee! 



*) Husserl: Ideen zu einer reinen PMnomenologie und phanomeno- 
logischen Philosophie (Jahrb. f. Ph. u. phan. Forschung, Bd. 1,1 S. 26, 140.) 



286 W. Meckauer, 

Diese Moglichkeit des Bewusstmachens eiaer „gemeinten" 
Wesenheit an der Hand eiues „gegenwartigen" Gegenstandes, der 
garnicht direkt im Sinne des Schematismus der Kategorien vou 
der Wesenheit als sinnlich entsprechendes „Diesda" bestimmt wird, 
sondern indirekt „bloss analogisch" ^) als Exempel fiir ein von 
seiner Gegenstandlichkeit abweichendes Gegenstandsprinzip dient, 
bezeichneten wir mit dem Ausdruck: „gegenstandliche Vertretung". 
Diese „gegenstandliche Vertretung", die allem Aesthetischen den 
Charakter symbolischer Hypotypose im Gegensatz zur schematischen 
Hypotypose der Wissenschaft verleiht,^) kanu uoch ganz andere, 
abweichendere Formen annehmen als in dem Beispiele des durch 
immer neue Sonnenuntergange reprasentierteu einen Gegenstandes 
des gestrigen Sonnenunterganges. Mit Hilfe der „gegenstandlicheu 
Vertretung" konuen die ideellen Gehalte von Gegenstanden, die 
dem „Erlebnisstrome" „immanent" sind, durch Gegenstande, die 
ihm „transzendent" sind, zur Gegebenheit gebracht werden. So 
kann — um das an einem Beispiel zu erlautern — die „gegen- 
standliche Vertretung" dem erlebnisimmanenten Wesen: „unend- 
liche Sehnsucht" durch die „Bindung" desselben an den erlebnis- 
transzendenten Gegenstand des sinnlich gegebenen Meeres den 
Ausdruck erlebnistranszendenter Wesen verleihen. Aus dieser 
eigenartigen Moglichkeit der „Loslosung" z. B. dieses Wesens: 
„unendliche Sehnsucht" von dem betreffenden immanenten Phanomen 
des seelischen Erlebnisstromes und der „Bindung" dieses Wesens 
an ein „draussen" liegendes, dem seelischen Erlebnisstrom traus- 
zendent bewusstes Phanomen, z. B. der sinnlichen Wahrnehmung: 
„Meer", ergibt sich nun dreierlei: 

1. dass ftir jede phanomenologische Schau vermoge der durch 
asthetische Ideen bestimmten „gegenstandlichen Vertretung" die 
Form kiinstlerischer Darstellung in der sinnlichen Welt moglich ist; 

2. dass als die spezifisch „kiinstlerische" Pahigkeit diejenige 
psychische Anlage anzusehen ist, die ein besonders feines Organ 
fiir die Einsicht in die Moglichkeit der gegenstandlichen Vertretung 
(asthetische Ideen) aufweist. Strindberg z. B. besass einen solchen 
iiberaus fruchtbaren Blick fiir die M5glichkeit gegenstandlicher 
Vertretung, der bei ihm fast die Form einer krankhaften Traum- 
deuterei und Verwechslung faktischer und seelischer Dinge annahm. 



») Urteilskraft a. a. O. 228. 
«) lb. 229. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 287 

Man vergleiche dazu besonders sein Blaubuch! Denn diese asthe- 
tischen Ideen, nicht dargestellt, sondern zu einer Art ,,Philosophie 
der Identifikationen" verarbeitet — ergibt eine Form von asthe- 
tischer Mystik, die in eine gefahrliche Manie der Symbolisterei 
ausarten kann, wie sie in uuseren Tagen besonders an dem 
alternden Strindberg wahrzunehmen war und die jene Fragen von 
der ,,Pathologie des Kiinstlers", von „Irrsinn und Genie", „Ideen- 
flucht" und „romantischer Jenseitigkeit" beriihrt, welche seit 
Lombroso und Mobius in Fluss gekommen sind und zwar im An- 
schluss an solche Erscheinungen des Wahnsinns, wie sie bei 
Holderlin, Lenau, Poe, Nietzsche auftraten, denen die ungehemmte 
Schau ,,gegenstandlicher Vertretungen" den natiirlichen Sinn fiir 
die schematische Zuordnung der Erscheinungen zu ihren Wesen 
genommen hatte. (Dieselbe Eigenschaft, die das Genie iiber andere 
Geister emporhebt, tragt den Keim einer besonderen ,,genialen 
Entartung" in sich.) 

3. folgt aus jener Moglichkeit, dass alles Kiinstlerische, auch 
der sogenannte naturalistische „Abdruck" der Wirklichkeit, den 
Weg iiber das Ideelle machen muss, dass es einerseits keine 
„blosse" schematische Abschrift oder Nachschrift im Kiinstlerischen 
gibt, sondern, auch im naturalistischen Gewande, nur eine das 
gemeinte Gegenstandliche „symbolisierende" Verbindung, — und 
dass andererseits Kiinstlerisches keine blosse phantastische Er- 
dichtung, kein sogenannter „Spieltrieb" phantastischer Art ist, keine 
blosse Fabulierungslust, sondern eine mittels der Phantasie errungene 
Konzentration des sinnlich-Stofflichen auf das Wesentliche, d. h. 
aber keine „Erdichtung", sondern eine „Verdichtung" ! 

Bei der Erorterung iiber den Begriff der „gegenstandlichen 
Vertretung" fallt auch Licht auf ein noch anderes Problem, das 
wir schon streiften: auf die Frage der „Einfiihlung". Dem Kiinstler, 
der sich im Besitz einer Wesensschau weiss, wird vermOge seiner 
ihm von Natur gelaufigen „Einstellung" auf das Wesenhafte jenes 
geschaute Wesen stets wieder an der Hand empirischer Erscheinungen 
leicht zum Bewusstsein kommen. Dieser Anlass zum Bewusst- 
werden braucht nun nicht immer durch eine entsprechende, schema- 
tisch zugeordnete Erscheinung zu erfolgen, er kann auch kraft 
seines Verm()gens der asthetischen Ideen, d. h. der Einsicht in die 
Moglichkeit gegenstandlicher Vertretungen, indirekt durch symbolisch 
gedachte Erscheinungen veranlasst werden, „Einfiihlung" ware 
dann zu definieren als eine Art empirische Bestatigung der inneren 



288 W. Meckauer, 

Schku, die in ihrer Anwendung auf den singularen Fall, indem sie 
zur bewussten Gegebenheit (Konkretion) kommt, die seelische 
Empfindung des Hineinversetzens in den singularen Gegenstand 
verursacht. Und darin, dass jener „singulare" Fall auch ein 
,,analoger*' Fall sein kann, hatte die Eigenschaft des Kiinstlers 
ihren Quell, sich in jede Erscheinungsform einfiihlen zu konnen, 
die ganze Vielheit der dinglichen Erscheinungswelt in quasi 
pantheistischer Weise mit den „eidetisclien Bewusstheiten" seines 
Innenlebens zu beseelen. 

Das ist es wohl auch, was Bergson mit Worten wie „s'inserer", 
..coincider'*, „sympatiser" und „entrer dans" meinte.^) Kein Stu- 
dium der Dinge als blosser Erscheinungen, keine Analyse ihrer 
Boschaffenheit, keine aussere Erfahrung kann — so meint er — 
das in den Dingen erfassen, was der Akt des Hineinversetzens, des 
Miterlebens, der „Akt der Intuition" meint. Dss Ausziehen der 
Romantiker auf die Suche uach kiinstlerischen Erlebnissen, die 
raiihselige Bestrebung nach Anhaufung einer Unmenge von ein- 
zelnen sogenannten ,,Studieu", aus denen ein Kunstwerk zusammen- 
gesetzt werden soil, erscheint von diesem Standpunkte aus als ein 
vergebliches Bemiihen: niemand — so verstehen wir die Meinung 
Bergsons im Zusauimenhang mit der eben entwickelten Inter- 
pretation der Einfiihlung — niemand kann durch die Zergliederung 
des Aeusseren ein Inneres erfassen. Nur derjenige, der das Wesen- 
hafte der Erscheinung schon „bewusst hat", kann es im Aeusseren 
erblicken, es in dass Aeussere „einfiihlen", kann in seiner Seele 
einen Empfindungsakt wie von einem intuitiven Hineinversetzen 
erleben. Nur demjenigen, der von Natur aus die Anlage der „Ein- 
stellung" auf die innere Schau besitzt, ist die Moglichkeit der 
asthetischen Neuschopfung — Bergson nennt es Metaphysik — 
gegeben. Anerzogen und erworben aber kann jene Anlage — eben 
die Einstellung — durch keine noch so subtile Arbeit des Ver- 
standes werden! 

Wir wollen die Berechtigung dieser Behauptung und die Einzel- 
fragen, die sich im Anschluss an diese Interpretation ergeben, hier 
nicht diskutieren. Vielmehr wenden wir uns von neuem unserem 
leitenden Begriff zu, der uns nun in einer noch entschiedeneren 
Form entgegentritt. Als ein bestimmendes Merkmal der asthetischen 
Idee batten wir die Einsicht in die Moglichkeit gegenstandlicher 



1) Vgl. Intuitionismus ... a. a. O. S. 9, 56 ff., 94, 112/13, 124 ff. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 289 

Vertretung herausgestellt. Damit deuteten wir auf einen Geg-en- 
stand hin, der jenseits der eigentlichen Bedeutung der asthetischen 
Idee liegt, die wir ja analog der logischen Begriffsnorm ais eine 
Gesetzlichkeit, die ihrem Inhalte — dem Kunstwerk — „die Regel 
gibt", definierten. Die Einsicht in eine Moglichkeit ist eine 
Eigenschaft des KUnstlers, eine Fahigkeit, also von psychischer 
Valenz, und somit an die empirische Realitat eines Ichs gebunden. 
Bleiben wir bei dieser Frage stehen. 

Die asthetische Idee als Norm des Kunstwerkes ist eine 
„Idee", welche die Konstituentien fiir denjenigen Tatbestand ent- 
halt, den wir Kunstwerk, Kunstschopfung, Kunst nennen. Ihre 
Funktion, von der das Kunstwerk als kiinstlerische Erscheinung 
abhangt, ist ihrerseits bestimmt durch eine holiere Funktion, die 
wir ira Vorherstehenden anzudeuten suchten. Diese Art der Ab- 
hangigkeit von einem Hoheren kennzeichneten wir, indem wir von 
einer „Einsicht in die Moglichkeit gegenstandlicher Vertretung" 
sprachen. Und indem wir sagten, dass die asthetische Idee diese 
Moglichkeit gegenstandlicher Vertretung durch unendliche An- 
nahening an einen „vermeinten" Gegenstand zu erschopfen suche. 

Aber jene Ausdrucksweise, die von einer „empirischen Viel- 
heit" der asthetischen Ideen spricht, von einem „Streben" derselben 
und von ihrer „Einsicht" in eine Moglichkeit konnte nur zur ersten 
Charakterisierung des Sachverhaltes angewandt werden. Wir 
wandten sie an, um den Einblick in die Art der Beziehuugen durch 
neuerliche Differenzierungen nicht zu verwirren. Jetzt aber liegt 
es uns ob - um psychologistischen Ausdeutungen zu entgehen — 
diese Ausdrucksweise naher auf ihre exakte Form zu bringen. 

Dabei bemerken wir nun, dass in demjenigen, was wir bisher 
kurzweg asthetische Idee nannten, zwei korrelativ mit einander 
verkniipfte Begriffsstrukturen auseinandertreten. Wir bemerken, 
dass unser bisheriger Begriff den spezifischen Komplex, der asthe- 
tische Idee hiess, in zu weitem Umfange in sich aufnahm, dass 
jener Komplex einen besonderen „Kern*' enthalt, der als „eigent- 
liche" asthetische Idee anzusprechen ist, wahrend um ihn herum 
sich ein Etwas von anderer Struktur bewegt, in das er sozusagen 
„eingebettet" erscheint. Um mich der Terminologie Husserls zu 
bedienen : die asthetische Idee erscheint in einem auf sie bezogenen 
psychischen Akte ais ein „Sachverhalt", als ein ,,Seiendes, wie es 
in sich selbst ist", als ein „Essentielles*' gegeniiber einem psychi- 
schen Vorgange empirischer Existenz. Wenn ich diesen psychi- 



290 W. Meckauer, 

schen Vorgang, der deu tatsachlichen seelischen Akt der Einsicht 
in die Moglichkeit gegenstaudlicher Vertretimg umschreibt, in 
Anlehnung an friihere Auseinandersetzungen iiber den Intuitio- 
nismus Bergsons als „intuitiven Akt", als „Intuition" (in dem 
besonderen Bergsonisch-asthetischen Sinne verstauden) bezeichne, 
so ergibt sich fiir die Correlation von „Intuition" und „asthetischer 
Idee" ein ahnliches Verhaltnis wie zwischen deu Husserlschen 
Correlaten der Noese und des Noema. ^) Die Intuition als tatsach- 
lich stattfindende blitzhafte Erregung der Kiinstlerseele, die ver- 
mittels der in ihr als Kegel erschienenen asthetischen Idee die 
Krafte des Kiinstlers zur Bildung eines Kunstwerkes befahigt, 
welches seinerseits in dem Betrachter desselben das Hervorspringen 
jener anfanglichen Intuition — also in einer zweiten Seele — ver- 
ursacht, sofern das Kunstwerk eben gemass der in der Intuition 
erschienenen asthetischen Idee gebildet ist — jene Intuition ent- 
halt die spezifischen Momente des Aktbewusstseins „von etwas", 
welche auch die phanomeuologische Noese in ihrer Bezogeuheit 
auf das Noema kennzeichnen. Die asthetische Idee andererseits, 
die sich in noematischer Analogie als „Gegenstand" der Intuition 
gibt, stellt die Kegel der Moglichkeit gegenstaudlicher Vertretung 
dar, die in dem intuitiven Akte erschaut wird und diesem die 
Moglichkeit sinnlicher Kealisation verleiht. 

Wir fiihren die Analogie zwischen der Correlation: Intuition 
und asthetische Idee zu der Correlation: Noese und Noema noch 
ein Stiick welter, indem wir zu der Auseinanderblatterung der 
jeweiligen „Schichten" iibergehen. 

Wenn wir in diesem Sinne nach dem Inhalte der Intuition 
fragen, so ergeben sich in ihr dreierlei Schichten. Als erste 
Schicht, Grundschicht, ist der Erlebnischarakter der Intuition an- 
zusehen. Jede Intuition ist zunachst Erlebnis, in z welter Schich- 
tung: intuitives Erlebnis. Das Spezifikum des „Intuitiven" erhalt das 
Erleben durch seine Beziehung auf die sinnliche Anschauung, die in 
ihm als Moglichkeit erscheint. Die Moglichkeit sinnlicher Anschauung 
aber tritt aktmassig als Vorstellung sinnlicher Anschauung auf, 
also als Anschauung in der Vorstellung, als Phantasieanschauung. 
Die Intuition ist in ihrer zweiten Schicht ein Erlebnis der Ein- 
bildungskraft, d. h. ein rein seelisches Erlebnis mit dem Charakter 



1) Vgl. Intuitionismus ... a. a. O., besonders S. llOfl 
') Husserl, Ideen . . . S. 179 ff ., 268 ff. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 291 

des sinnlich-Anschaulichen.^) Diese zweite Schicht betrifft jedoch 
nur das „Wie'* der Intuition. Zu jedem Erlebuis aber gehort, 
dass es das Eriebnis „von" etwas sei. Als „Was" des intuitiven 
Erlebnisses erscheint eine Beziehung auf einen Gegenstand, der 
selbst nicht in den Gesichtskreis der Intuition tritt, sondern nur 
von ihr „ihrer Richtung nach" „gemeint'* wird. Indem jene Be- 
ziehung auf einen unbekannten Gegenstand, auf ein X, in 
phantastischer Anschaulichkeit im Erleben vor die Seele tritt, ver- 
bindet sich mit der erlebten Moglichkeit sinnlicher Anschauung 
die Empfindung der Einfiihlung, die als dritte Schicht Intuition 
in ihrer vollen Bedeutung bestimmt. - 

Mit dem Erleben der Beziehung „von" etwas Vermeintem, 
das vermoge der Vorstellung der Moglichkeit sinnlicher Anschauung 
die Empfindung der Einfiihlung verursacht, weist die Intuition 
iiber sich hinaus auf etwas, was jenseits des intuitiven Aktes 
liegt: auf die Moglichkeit gegenstandlicher Vertretung. Wahrend 
die Intuition als einfiihlendes Erleben die Moglichkeit sinnlicher 
Anschauung fiir Unanschauliches blitzhaft ergreift, entstehen nun 
die Fragen, fiir was diese mogliche sinnliche Anschauung als 
gegenstandliche Vertretung einzutreten hat, was das einfiihlende 
Eriebnis im sinnlich-Anschaulichen erfiihlt, was gegenstandliche 
Vertretung ist und wie sie in die Tat umgesetzt werden kann. 
Von dem Akte der Einsicht in die Moglichkeit gegenstandlicher 
Vertretung scheidet sich die Frage der Moglichkeit gegenstand- 
licher Vertretung. Die Frage nach den Schichten der asthetischen 
Idee formuliert sich so in die Fragen: wo von ist die „gegenstand- 
liche Vertretung" Vertretung? was ist „gegenstandliche Ver- 
tretung?" und wie ist „gegenstandliche Vertretung" moglich? 

Entsprechend diesen drei Fragen differenzieren sich folgende 
drei Schichten der asthetischen Idee: 1. das Erfiihlte der Ein- 
fiihlung, d. h. die Intention auf das von der asthetischen Idee 
als bedeutet Angezeigte 2) (also nicht das Bedeutete selbst!) 2. das 
Erlebte des Erlebens, d. h. das Eingesehene der Einsicht, naralich 
die „ Einsicht der Moglichkeit der gegenstandlichen Vertretung" 
als Eingesehenes, 3. das Intuitive der Intuition, d. h. die Gestalt 
der Darstellung des Erlebens im Sinnlichen. Die Frage nach dem 



1) Intuitionismus ... S. 113 („Mitte"). 

2) „Gegenstandlicher Sinn", „Kern", „Gegenstand schlechthin" siehe 
Husserl, Ideen . . . S. 189. 



292 W. Meckauer, 

„Wovon" der g-eg-enstandlichen Vertretung- wird bezeichnet durch 
die Intention auf das von der asthetischen Idee als gemeint 
Angezeigte, die Frage uach dem „Was" der gegenstandliclien 
Vertretung durch das Eingesehene der moglichen Bindung jener 
Inteutionen an ein sinnlich-gegenstandlich Gegebenes, die Frage 
nach dem „Wie" der gegenstandlichen Vertretung durch die 
praktische Regel der Bindung der Intention an ein faktisch vor- 
gestelltes, sinnlich-gegenstandlich Gegebenes zur Realisierung 
derselben. 

So kommen wir mit der inhaltlichen Bestimmung von asthe- 
tischer Idee und ihrem Correlat, der Intuition, zu einem neuen 
Begriff, dem der Realisierung und als dessen Correlat: zu dem 
Realisierten. Und damit erhalten wir den Schliissel zu der be- 
sonderen Struktur des Kunstwerkes, das wir nunmehr als Reali- 
siertes — und somit auf asthetische Idee und Intuition als dem 
Realisierenden eindeutig Bezogenes — determinieren konnen. 

Wir unterscheiden wiederum mehrere Schichten. 

Aber ehe wir daran gehen, diese aufzuzeigen, ist es notwendig, 
eine grundlegende Unterscheidung vorzunehmen, die das Kunst- 
werk iiberhaupt eben in seiner Eigenschaft als ,,Realisiertes" kenn- 
zeichuet: die Unterscheidung von Form des Kunstwerkes und 
In ha It des Kunstwerkes. Auch diese sind Correlate, aber nicht 
Correlate im psychologisch-eidetischen Sinne von Bedeuten und Be- 
deutetem, sondern im logisch-faktischen Sinne von Gesetz und Stoff. 

Als In halt des Kunstwerkes bieten sich zunachst folgende 
Schichten dar: 

1. Das Dargestellte 

2. Die Darstellung 

3. Das Darstellende. 

Das Dargestellte als Oberschicht ist die „asthetische Idee schlecht- 
hin". Als Darstellung ware das sogenannte ,,Gegenstandliche 
des Kunstwerkes" zu bezeichnen, als Darstellendes das „nackte 
Material". 

Doch damit ist der Inhalt des Kunstwerkes noch nicht 
erschopft: nur das Wesentliche seiner Struktur, die eine Struktur 
der „symbolisclien Analogic" ist, ist hier ersichtlich. Die asthetische 
Idee, die — wie wir friiher sahen — in dem Begriff der gegen- 
standlichen Vertretung verankert ist, hat diese „analogische" 
Struktur mit den „untereu'' Schichten des Kunstwerkes gemein. 
Das Dargestellte, die asthetische Idee, ist selbst eine syrabolische 



Aestetische Idee und Kunsttheorie. 293 

Hypotypose. Ihre Darstellung nun wieder ist das „Gegenstand- 
liche" des Kunstwerkes. Das Darstellende in dieser Darstellung 
hinwiederum ist das sinnliche Material. 

Um die voUige analogisch-symbolhafte Beziehung der Schichten 
im Begriff des Kunstwerkes zu einander vollstandig zur Klarheit 
zu bringen, wiirde es eigentlich uotig sein, die drei Typen, die wir 
als Dargestelltes, Darstellung und Darstellendes unterschieden, 
einzeln jede wieder in dieselben drei Unterbegriffe zu teilen. Und 
zwar so, dass die asthetische Idee Darstellendes fiir die Intention 
auf den als vermeint angezeigten Gegenstand^, Darstellung fiir die 
Intuition, Dargestelltes fiir das Gegenstandliche des Kunstwerkes 
ist. Das Gegenstandliche ware nun Darstellendes der Intuition, 
ist Darstellung der asthetischeu Idee und Dargestelltes fiir das 
sinnliche Material. Das Material seinerseits ist Darstellendes der 
asthetischen Idee, Darstellung des Gegenstandlichen und Dar- 
gestelltes fiir irgend welche sinnlichen Wahrnehmungsempfindungen 
eines Beschauers. Aus diesem Stufengang ware, wie ich in 
Parenthese anmerken mochte, eine Skala fiir das Kunstverstandnis 
der Beurteiler zu deduzieren: Namlich daran gemesseu, welche 
dieser Stufen als das eigentlich „Dargestellte", d. h. als das 
eigentlich Wesentliche des Inhaltes des Kunstwerkes genommen 
wird: ob das ,,nackte Material", das „Gegenstandliche des Kunst- 
werkes", die „asthetische Idee" oder die „Intention" auf das ver- 
meinte Wesen. i) 

Die normale Betrachtung des Kunstwerkes ist aber die, welche 
ich durch die drei Gleichungen: „asthetische Idee" =^ Dargestelltes, 
„Gegenstandliches des Kunstwerkes" = Darstellung, „nacktes Ma- 
terial" = Darstellendes bezeichnete. Danach erscheint die Moglich- 
keit einer gegenstandlichen Vertretung: in der „asthetischen Idee". 
Das „Gegenstandliche der Kunst" ist sodann die Exemplifizierung 
dieser asthetischen Idee. Hinwiederum das „sinnliche Material": 
die Versinnlichung dieser Exemplifizierung. 

Innerhalb dieser drei Hauptschichten miissen aber noch 
wesentliche Unterschichten getrennt werden. In der Schicht der 
asthetischen Idee finden sich die Momente, welche wir vorhin in 
der Gegeniiberstellung von asthetischer Idee und Intuition vorge- 
funden haben, und auf die wir daher hier nicht raehr einzugehen 
brauchen. Von grosster Wichtigkeit aber sind fiir unsere jetzige 



1) Siehe S. 267—68 dieser Ausfuhrungen. ^ 



294 W. Meckauer, 

Analyse die beiden Momeute, die aus der Schicht des ,,GegeDstand- 
lichen des Kunstwerkes" herauszuschalen sind. ^) Dieses „Gegen- 
standliche des Kunstwerkes" namlich ist das, was gemeinhin vom 
naiven Laien als der „eigentliche" Inhalt des Kunstwerks genommen 
wird, es ist dasjenige, woran sich vorziiglich sein Interesse heftet. 
Nicht die asthetische Idee, sondern der sogenannte „Stoff" der 
Kunst, das Motiv, die Fabel, der Vorgang reizt das Interesse des 
naiven Laien. Etwa bei dem vorerwahnten Madonnenbildnis: die 
Legended) aus der biblischen Geschichte, die zu Grunde gelegt 
wird, Oder in Goethes Menschheitsdrama die sensationellen Schick- 
sale Faustens, in Wagners Nibelungen die Pflege der germanischen 
Mythologie oder in Hauptmanns Webern das sozialistische Milieu. 
Dies alles aber ist nicht das Wesentliche des Kunstwerkes, sondern 
nur Symboltrager, stoffliche Einkleidung dessen, was wir asthetische 
Idee nannten. 

An dem „Gegenstandlichen des Kunstwerkes" lasst sich also 
unterscheiden: 1. der Stoff, 2. das Wertgebiet dieses Stoffes. Als 
„Stoff" hat das Motiv, der Vorwurf, das Tatsachliche, das Begebnis 
im Inhalt zu gelten, als Wertgebiet die Art dieses Stoffes, nam- 
lich : ob er ein religioser, ein mythologischer, ein patriotischer, ein 
ethischer oder sonst was fUr ein Stoff ist. Diese beiden Momente 
machen das „Gegenstandliche des Kunstwerkes" aus, nicht aber 
das Wesen des Kuntwerkes. ■'*) Vielmehr war: dieses „Gegenstand- 
liche des Kunstwerkes" in seiner Fahigkeit als „Gegenstandliche 
Vertretung" zu erschauen, die besondere Aufgabe der Intuition. 

Vom Darstellenden, dem „nackten Material", ist noch zu 
sagen, dass die Bewertung desselben als Hauptwesentlichem des 
Kunstinhaltes die niederste Kunstauffassung bekundet, die Aesthe- 



^) Vgl. zu dieser Analyse S. 267 ff. d. Arbeit. 

*) Audi das Legendenhafte der Madonna kann wieder zum gemeinten 
„Gegenstand" des Kunstwerkes werden und davon kann in einer Intuition 
eine asthetische Idee entstehen, die einen Teil dieses Gegenstandes in 
besonderer symbolisierender Wertung erfasst, welche nun ihrerseits wieder 
ihren besonderen differenzierten Ausdruck sucht. Auch das Material 
(Marmor, Wort) kann zur asthetischen Idee werden, sofern dessen Gegen- 
standlichkeit-an-sich und nicht dessen Funktion „als Vertretung" gemeint 
ist. Dann wird das Material als „gemeinter Gegenstand" selbst sinnlich 
vertreten werden : diese MOglichkeit ware dann eben eine asthetische Idee 
und deren Erschauung eine neue Intuition! 

*) Wir weisen hier auf die Seite 269 unter 4 gemachten Ausfuhrungen 
iiber die Darstellung des ReligiOsen etc. hin! 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 295 

tischem zuteil werden kann. Zum „nackten Material" gehort in 
der Malerei die Farbigkeit, in der Plastik der unbehauene Block, 
in der Musik der bloss akustische Reiz, in der Literatur die Spraehe. 
Im besonderen ist das Moment der Wohlgefalligkeit, das dieses 
„nackte Material" als solches enthalt, nur Mittel, nicht Aufgabe der 
Kunst, — ganz gleich ob Wohlgefalligkeit hier im Sinne des 
sensuellen Reizes, den etwa ein Wilder vor der Farbe „Rot" 
empfindet, gebraucht wird oder in dem Sinne der logischen Be- 
friedigung iiber das handwerksmassig Korrekte, das etwa ein 
Literaturwerk in grammatischer und syntaktischer Hinsicht auf- 
weist! 

Das Moment des „Wohlgefalligen" aber leitet zu den Gesetz- 
massigkeiten iiber, die alien kiinstlerischen Inhalt durchherrschen 
und ihm Kraft zur Erweckung jenes interesselosen Wohlgefallens 
verleihen, von dem Kant als Spezifikum des asthetischen Geschmacks- 
gebietes spricht. 

Was somit die Form des Kunstwerkes anbetrifft, so konnen 
wir an ihr parallel zu der Bestimmung des Kunstinhaltes als 
asthetische Idee, Gegenstandliches und Material drei formale Funk- 
tionen unterscheiden : Autonomie, Gestaltung und Technik. 
Die Autonomie des Kunstwerks fliesst aus der Bedeutung, welche 
die asthetische Idee fiir die Realisierung der Moglichkeit gegen- 
standlicher Vertretung hat. Wir haben diese Bedeutung im ersten 
Tail unserer Darlegungen hervorzukehren gesucht. ^) Unter 
Gestaltung des Kunstwerkes verstehen wir die Form, in die das 
„Gegenstandliche des Kunstwerkes" eingeht. Dabei sind als solche 
„gestaltende" Momente folgende Unterschichten von einander ge- 
trennt zu halten: Kunstgattung, Kunstmodus und Kunstrichtung. 
Die Gestaltungsfrage beziiglich der Kunstgattung betrifft die 
Wahl der i^rmgebung des Gegenstandlichen, d. h. ob literarische, 
musikalische oder plastische Erscheinung; und die spezielleren 
Unterfragen, ob Oper, Syraphonie oder Choral, resp. ob Drama, 
Epos Oder Lyrik, oder ob Landschaft, Stilleben, Portrait usw. Die 
Gestaltungsfrage beziiglich des Kunstmodus bezieht sich auf die 
Wahl der Stimmungsgebung, d. h. z. B. ob Largo, Vivace, Andante, 
Allegro, resp. ob kurzen oder langen Rhythmus, mannlichen oder 
weiblichen Reira, Assonanz, Lautmalerei, oder ob claire-obscure, 
Freilicht, Schwarzweissstimmung usw. Die Gestaltungsfrage be- 



1) Siehe insbesondere S. 266ff. 



296 W. Meckauer, 

ziiglich der Kunstrichtung erstreckt sich auf die Wahl der Aus- 
drucksgebung, d. h. ob romantischer, uaturalistischer, impressionis- 
tischer, expressionistischer Ausdruck etc. Als dritte Schicht des 
KuDStwerkes als Geformtes nannten wir die Technik. Diese betrifft 
das „Material", nanilich eiuerseits die mitteilbaieu imd daher zu 
erlerueuden Regelii, wie man das Material beherrscht, die Vor- 
schriften, wie es behandelt und zu kunstlerischer Formimg gebraucht 
werdeu muss, andererseits die praktische Anwendung dieser Regeln 
des Rhythmus, des Reims, des Strophenbaus Oder etwa der Kohle- 
und Kreidetechnik, der Gouachemalerei, der Aquarellfarben, der 
Pastellstifte, der Instrumentation einer Melodie usw. usw. 

Indem wir so die Mittel an die Hand bekameu, die Erschei- 
nung asthetischer Gebilde zu analysieren, sehen wir zuriickblickend 
die eminente Bedeutung, den der Begriff der asthetischen Idee 
fiir alles Kunstlerische hat. Wir erkennen gleichzeitig, dass die 
Beziehungen einer modernen Kunsttheorie zur Phanomenologie uicht 
nur im Sinne (^eigers in methodischer Hinsicht bestehen, sonderu — 
das war der Sinn des letzten Teiles unserer Ausfiihrungen — auch 
in sachlicher Hinsicht. Diese sachlichen Beziehungen, die nur 
angedeutet, in keiner Weise aber erschopft werden konnten, ergeben 
sich aus der Gleichgerichtetheit der Einstellung des Kiinstlergeistes 
und des Geistes des Phanomenologen. Dies ist nun zwar nicht so 
aufzufassen — wie wir dargelegt habeii — dass kiinstlerische 
Einstellung mit phanomenologischer Einstellung identisch ware. 
Denn das hiesse blind sein fiir die ganziich verschiedeneu 
Bedingungen, unter welche beide Gebiete gestellt sind. Vielmehr 
betrifft jene Gleichheit nur den Kiiustlergeist als erschauenden 
Geist, wahrend die kiinstlerische Einstellung als darstellende 
Einstellung gegeniiber der phanomenologischen Einstellung an 
wesentlich anderen Momenten orientiert ist. Die Gleichgerichtet- 
heit der Einstellung des Kiinstlergeistes und des Geistes des 
Phanomenologen ist gerade in einem Moment zu sehen, welches 
der „kiinstlerischen Einstellung", nur als „kiinstlerische" 
genommen, versagt ist: nur wie eine Ahnung, quasi verheissungs- 
weise, als Intention, als Richtung geht jene „ Einstellung des 
Kiinstlergeistes" in sein Medium, das „Kiinstlerische-an-sich" 
iiber und zwar als ein Prinzip, als eine Aufgabenidee im Kanteschen 
Sinne, nicht aber als wirklicher Besitz. Diese Intention wird durch 
das bezeichnet, was wir „asthetische Idee", „Intuition" und „gegen- 
standliche Vertretung" nannten. AUe diese Begriffe weisen iiber sich 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie, 297 

hinaus auf eine „Einstellung", von der die bloss-reiDkiinstlerische 
Einstellung abhangig ist, ohne ihrer in letzter Konsequenz voll- 
standig habhaft zu werden. Anzumerken aber ist, dass das Problem 
der Moglichkeit gegenstandlicher Vertretung, das in allem Aesthe- 
tischen eine so wesentliche Rolle spielt (zumeist in dem Begriff 
der asthetischen Idee), in besonderem Masse mit dem, was Husserl 
„in adaquater Erschauung" nennt, ^) im Zusammenhang steht, nur 
dass die „gegenstandliche Vertretung" sich nicht bloss auf die 
reprasentativen „ Abschattungen" der Sinnenwelt beschrankt,^) sondern 
vielmehr diese als einen Sonderfall gegenstandlicher Vertretung 
„unter sich" hat. 

Die Aufzeigung der Beziehungen des Kiinstlerischen zum Phano- 
menologischen strebt somit also keine Gleichsetzung von Kunst 
und Phanomenologie an. AUe derartigen Identifikationsversuche 
miissten auf Grund der Verkennung fundamentaler Unterschiede 
aufs strengste bekampft werden. Vielmehr fiihrt jene Aufzeigung 
zu einer scharferen Herausarbeitung der entgegengesetzten Gesichts- 
punkte. 

Kunst zergliedert nicht das Erlebnis „in noematischer Hin- 
sicht", Kunst „beschreibt" nicht das „Erscheinende als solches 
getreu in vollkommener Evidenz",^) sondern Kunst prasentiert nur 
ein Erlebnis durch gegenstandliche Vertretung und iiberlasst einer 
spateren Erschauung, die sie nur anregt, die Deskription, welcher 
wiederum der Weg zur Phanomenologie Oder zur kritisch-asthe- 
tischen Darstellung offen bleibt. 

Dabei sei der Vorwurf der „qualitas occulta" zuriickgewiesen 
der gegen die Bemiihungen des Kiinstlers von einseitig rationa- 
listischer Seite immer wieder erhoben wird. Garnicht in Frage 
kommt, dass auch das „kiinstlerische Erle])nis" innerhalb der 
logischen Gesetzlichkeit steht, sofern man von ihm als einem „Ge- 
gebenen" iiberhaupt sprechen, ja iiberhaupt denken kann. Der 
Irrtum, als sollte das „kiinstlerische Erlebnis" eine Giiltigkeit 
jenseits des Logischen begriinden, kann gegen die Bestrebungen 
des Kiinstlers nicht erhoben werden. '') Denn die Frage, ob ein 
intuitives Erlebnis ein logisch gegliedertes ist,^) und der Nachweis, 



Husserl Ideen ... S. 10. 

') R. Kynast, Das Problem der Phanomenologie, Breslau 1917, S. 30/31. 

3) Husserl, Ideen . . . S. 183. 

*) Intuitionismus . . . S. 106. 

•^) ib. 105. / 

Kaatstudien XXII. ' OQ 



298 W. Meckauer, 

dass auch bei der Anordnung sogenannter intuitiver Bilder eine 
primare Reprasentation als Kegel obwaltet, ^) geht den Kunstler 
nichts an, und zwar nicht so, als waren diese Erkenntnisse fiir 
ihn nicht geltend, sondern in dem Sinne, dass sie aiisserhalb seiner 
Einstellung liegen, fiir ihn kein Problem sind, sondern indifferente 
Voraussetzungen. 

Die Bewusstseinsbezogenheit wird — so konnte man vielleicht 
sagen — im kiinstlerischen Erlebnis „eingeklammert", womit eine 
fundamentale Gegensatzlichkeit des Kiinstlerischen zum Phanome- 
nologischen angedeutet ist. 2) 

Kunst ist eben etwas ganz anderes als Wissenschaft! Wahrend 
Wissenschaft auf die systematische Herausarbeitung des Gesetz- 
lichen und Ordnungsmassigen in allem Gegebenen gerichtet ist und 
dementsprechend in moglichst gleichbleibender, systematischer Weise 
die Reprasentation des Begrifflichen durch Worte regelt, sieht 
Kunst gerade von alien Systematischen und Gleichbleibesden ab, 
um das Gegebene durch eine neuartige Weise der Reprasentation, 
unverfalschter durch Reprasentation, zu vermitteln, Dabei hat sie 
kein Interesse daran, das Gegebene in seiner Struktur logisch 
zu erschliessen, vielmehr ergreift sie seine ganze unaufgeschlossene 
Komplexion in ihrer Komplexheit (Konkretion), um sie unerkannt, 
uur erlebt mittels gegenstandlicher Vertretung anderen Augen 
einsichtig zu machen. Die Methode der Kunst, die eine darstellende, 
keine erkennende ist, erscheint darum vom Boden der wissen- 
schaftlichen Einstellung als Unexaktheit, ebenso wie umgekehrt 
die Methode der Wissenschaft, im Kiinstlerischen angewendet, 
das ergibt, was der Kiinstler mit dem Ausdruck „Kitsch" ablehnt. 

Als Gegensatz von Kiinstlerischem und Phanomenologischem 
ergibt sich also vor allem die verschiedene Bedeutung, den der 
Begriff des Bewusstseins spielt. Im Kiinstlerischen riickt er aus 
seiner zentralen Bedeutung, die er fiir jede Wissenschaft und in 
besonderem Masse fiir die phanomenologische Forschung hat. Kunst 
iibt gewissermassen am Bewusstsein enoyrj und damit an jeder 
„begrifflichen Bestimmtheit".^) Uebrig behalt sie von dem Akte 
der Erkenntnis nur das Erlebnishafte und von der Bewusstheit 
nur die Ahnung eines Etwas, das als unerreichtes Ziel die Richtung 
der kiinstlerischen Gestaltung angibt. Die Aufmerksamkeit des 

') Intuitionismus . . . S. 108 

2) Vgl. Husserl, Ideen . . . S. 278 und 296. 

'') Intuitionismus a a. O. , S. 106. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 299 

Kiinstlerischen richtet sich nicht auf da^ „Gegebene" als einer 
Erscheinung desBewusstseins, sondern als einer vollig irrationalen 
„Isoliertheit" — wobei die Tatsache, dass Begriffe wie ,, irrational" 
und ,,Isoliertheit" Bewusstheiten von ganz bestimmter Dignitat 
sind, ausgeschaltet bleibt. Diese „irrationale Isoliertheit" wird 
nicht ,,ausgesagt", d. h. zum Bedeuteten irgend einer Bedeutung 
gemacht, sondern „erlebt", d. h. in einer Intuition als Vertretenes 
einer gegenstandlichen Vertretung erschaut. Sie gelangt nicht zur 
begrifflich-logischen Abhebung, sondern zur intuitiv-erlebnishaften 
Darstellung, sie wird nicht „in die Allgemeinheit" erhoben/) sondern 
bleibt in ihrer irrationalen Besonderheit isoliert, ahnungsweise um- 
kreist von der ,,Trachtigkeit" und „unendlichen Zahl" asthetischer 
Ideen, 

Eine besondere Eigenschaft des Kiinstlerischen, das „Interes- 
selose," wie Kant es nannte, aber macht das Gebiet des Aesthe- 
tischen der phanomenologischen Methode besonders zuganglich* 
Kunst hat keine Tendenz, keinen in irgend welchem ausserhalb 
ihrer liegenden Interessen begriindeten Zweck. Sie „will" nichts, 
sondern sie „konstatiert". Sie ist wie die Phanomenologie 
in gewissem Sinne propadeutisch, indem sie sich den Gegebenheiten 
und Erscheinungen „harmlos" in reiner Vorurteilslosigkeit hingibt. 
Aber sie ist nicht propadeutisch fiir die Wissenschaft (wenigsten nicht 
ihrem Prinzip nach), sondern fiir das Leben. Das Leben zu erschauen 
und sinnlich-symbolisch darzustellen, ohne Vorurteil, frei von alien 
Erkenntniswertungen und praktischen Wertungen, ehrlich als reine 
Gegebenheit — das ist die „ interesselose" Mission des Kiinstlers. 

Was ware nun dementsprechend kurz als „sch6n" und als 
„SchonhSit" zu definieren? 

Die Frage, ob ein objektiver Begriff der Schonheit iiberhaupt 
moglich ist, welche Diez aufwirft, 2) ist nur fiir den Streit um 
das Vorrecht von Formalasthetik oder Inhaltsasthetik ein Problem. 
Ein deduzierter Schonheitsbegriff setzt an die Stelle des Inhalt- 
lichen, das bei allem Schonen eine vorzugsweise Rolle spielt, einen 
Schonheitsbegriff, der aus dem Gefallen an der Form abgeleitet 
wird. Ein induzierter Schonheitsbegriff komrat bei seiner Bestimmung 
der Schonheit aus ihren inhaltlichen Momenten wie Max Diez zu 
der Frage, was die Momente: Harmonie, Leben, Freiheit, Not- 



1) Husserl, Ideen . . . S. 257. 

*) Max Diez, AUgemeine Aesthetik, Leipzig (GOschen) 1906, S. 28 f . 

20* 



300 W. Meckauer, 

wendigkeit, Natur, Geist, Einheit, Mannigfaltigkeit, Neuheit, Wahr- 
heit, Individualitat, Allgemeinheit etc., die an allem Schonen „be- 
obachtet" werden, zu spezifisch schonen Momenten macht, da 
dieselben Merkmale auch an allem Geistigen vorkommen. Die 
induktive Methode muss also, nachdem sie das inhaltlich Schone 
aufgezahlt hat, doch noch die Frage nach dem Schonen als solchen 
stellen, d. h. aber nach dem Begriff des Schonen, durch welchen 
alle jene vorgefundenen Merkmale erst „schone'* werden. Dem- 
gegeniiber wollten wir betonen, dass der Schonheitsbegriff und 
der Kunstbegriff nicht durch formale Bestimmungen, die nichts 
als „die allgemeinste Forderung der Beschaffenheit asthetischer 
Dinge" ^) enthalten, fiir die Entwicklung einer fruchtbaren Kunst- 
theorie zuganglich gemacht werden kann, und ebensowenig durch 
inhaltliche Bestimmungen, durch welche nur einzelne, in sich wieder 
ratselhafte Bestandteile des Schonen zutage gefordert werden. 
Weder die Methode der Deduktion aus letzten Geltungsprinzipien, 
noch die Methode der Induktion aus singularen Beobachtungen 
konnen, so wertvoU ihre Arbeit auch an sich sein mag, zum Ziele 
fiihren. Denn Kunst ist nicht Form, und Kunst ist auch nicht 
Inhalt, sondern das Verbaltnis beider ist Kunst. Dieses Ver- 
haltnis aber ist das der Gestaltung durch die asthetische Idee, und 
hier ist darum der Punkt, wo eine Kunsttheorie, die wirklich fiir 
das Kiinstlerische selbst fruchtbar sein will, anzukniipfen hat. 

Hierzu zu verhelfen ist die phanomenologische Methode in 
ihrer Ueberwindung der Disjunktion: Deduktion oder Induktion 
besonders angetan. Sie erkennt in der Schonheit eine Verhaltnis- 
wirkung zwischen Form und Inhalt, und zwar derart, dass das- 
selbe Moment, das fiir die „untere" Schicht Formprinzip ist fnamlich: 
Dargestelltes), fiir die „obere** Schicht als ,,reprasentierender 
Inhalt" (namlich : als Darstellendes) erscheint. ^) Diese Verhaltnis- 
wirkung zieht sich durch alle Schichten des Kunstwerkes hindurch. 
Und selbst das „oberste" Formprinzip, die asthetische Idee, die 
als Dargestelltes fiir alle kiinstlerischen Unterschichten die Kegel 
angibt, kann, „von oben betrachtet", selbst zum Darstellenden, 
zum „reprasentierenden Inhalte" werden, und zwar: wenn sie als 
das Symbol einer moglichen phanomenologischen Wesensschau 
erscheint. Wenn man Schonheit darum in etwas undifferenzierter 



*) Intuitionimus ... a. a. O. S. 117. 
2) Vgl. S. 292 f. 



Aesthetische Idee und Kunsttheorie. 301 

Weise die Manifestation des eidetisch Gegebenen im faktisch Ge- 
gebenen uennen konnte, so ware die asthetische Idee der als 
manifestierend g-edachte Inhalt und durch ihre Abhangigkeit gleich- 
zeitig das Formprinzip, unter welchem sich diese Manifestation 
Tollzieht. 

In ganz besonderem Sinne — das mochte ich noch zum Schlusse 
bemerken — scheint mir die allerneueste Richtung in Literatur und 
Malerei durch eine gewisse analoge Tendenz mit den Bestrebungen der 
PhSnomenologie verbunden zu sein. Diese gemeinsame Tendenz bezeichnete 
Miiller-Freienfels kurzlich im Literarischen Echo ^) als die Bestrebung nach 
^Zersetzung der Wirklichkeit". Sowie die phanomenologische Einstellung 
alles Tatsachliche „einklammert", dahingestellt sein lasst, um sich in das 
„Wesen', in den „noematischen Kern" des Seienden oder Nichtseienden 
— ganz gleich — zu vertiefen, so erstreben alle jene modernen Literatur- 
und Kunstrichtungen, die man mit den Schlagworten „Expressionismus", 
„Aeternismus", „Neuromantizismus", „Symbolismus" etc, belegt hat, das 
Ausschalten des als wirklich Anerkannten und den Vorstoss in den eigent- 
lichen „Kern" dieses Wirklichen. Dabei aber bleibt der Gegensatz zur 
Illusionskunst der Romantik gewahrt. Auch die neueste Kunst ist eine 
naturalistische, insofern als sie durch den Naturalismus hindurch gegangen 
ist. Aber sie ist kein Naturalismus des Singularen mehr, sondern sozu- 
sagen: ein Naturalismus des Typischen, ein Wesensnaturalismus — wenn 
diese paradoxe Ausdrucksweise gestattet ist. Sie greift auf romantische 
Tendenzen zuruck, aber sie ist andererseits nicht die Romantik der Illusion, 
des Idols, der absoluten Idee, sondern eine Romantik der Seele und des 
Sinnes. Auch die neueste Kunst ist mit einem Wort im Begriffe, eine 
analoge Wendung zu machen, wie Linke sie als „Copernikanische Wendung 
der Phanomenologie" *) fiir die philosophische Wissenschaft bezeichnete. 
Diese Wendung besteht in der Einstellung auf eine interne Erlebnisweise 
des als naturalistische Wirklichkeit Gegebenen anstelle der bisherigen 
externen — sodass man also in parallelem Sinne von einem Internismus 
der heutigen Philosophie und von einem Internismus der neuen Kunst 
sprechen kiJnnte^). 



») Miiller-Freienfels, Die Literatur um 1915. L. E., Jg. 19, S. 1103 ff. 
») Kantstudien a. a. O. S. 189. 

') Vgl. hierzu meinen Essay: „Die Neuorientierung in der Kunst" 
in ,Nord und Sud«, 42. Jahrg. 



Zur Logik der Gottesbeweise. 

Von Johannes M. Verweyen (Bonn). 



Die philosophische Reflexion bedeutet stets eine gewisse 
Potenzierung der Gedankeu. AUe Einzelwissenschaften bedienen 
sich des Denkens als einer unentbehrlichen Funktion. Aber das 
Denken selbst wird ihnen uicht gegenstandlich. Dies geschieht 
nur in der empirischen Psychologie und in denjenigen philo- 
sophischen Disziplinen, die im normativen Sinn iiber das Denken 
und die Bedingungen seiner Giiltigkeit nachdenken. 

Eine analoge Art realer Potenzierung ist jenem Gebiete 
eigentiimlich, in welchem die Bemiihungen um Gottesbeweise ihren 
logischen Ort haben. Metaphysik — ein theoretisches Unter- 
nehmen, dem an Fragwiirdigkeit kaum ein anderes gleichkommt — 
bedeutet den Versuch, der sichtbaren, raumzeitlichen Erfahrungs- 
welt eine „jenseitige", iibersinnliche, transzendente, iiberempirische 
Grundlage und einen entsprechenden Abschluss zu verleihen, das 
hinter der Erfahrung verborgene „Wesen" wahrgenommener Reali- 
taten zu ergriinden. Seit den Tagen des Aristoteles, dessen 
„zwolf Biicher" von dem Rhodier Andronikos, dem Organisator des 
Organons, hinter den acht iiber Physik handelnden Biicheru ange- 
ordnet wurde — aus diesem ausserlichen chronologischen Umstand 
iibertrug sich der Name ,Meta ta physica' auf den in jenen be- 
handelten Inhalt — sah eine bis in die Neuzeit uubestritten 
herrschende Anschauung in der Wissenschaft von den Grund- 
bestimmungen des Seins, zumal in der „Natiirlichen Theologie", 
der Gottesiehre, die Krone aller Disziplinen. 

Mannigfaltig waren die Motive, die immer wieder z« solchem 
Beginnen drangten. Sie entstammten emotional-praktischen Antrieben 
wie logisch-theoretischen Erwagungen. Das Ungeniigen an der 
diesseitigen Welt bewog solche, die es driickte, zur Flucht in eine 
vorgestellte jenseitige. Von einer „besseren, anderen" Welt er- 
hofften sie die Erfiillung alles dessen, was ihnen die gegenwartige 



Zur Logik der Gottesbeweise. 303 

versagte. Die allzeit rege Fantasie malte das Bild des „Jenseits" 
in lockenden Farben. Aber auch der Verstand glaubte sich im 
Rechte, wenn er iiber die sichtbare Welt hinausstrebte in ein 
Reich des Unsichtbaren : von den Erscheinungen zum „eigentlichen" 
Wesen aller Dinge und alles Seins, von der Vielheit zu einer 
letzten Einheit, vora Bedingten und Relativen zum Unbedingten 
und Absoluten, a sensibilibus ad invisibilia, wie es in der heute 
fortwirkenden Sprache des Mittelalters heisst. Griinde und Ver- 
fahrungsweisen, die den Verstand dabei leiteten, offenbaren sich 
typisch in den traditionellen sogenannten Gottesbeweisen, 

Eine weit verbreitete Geringschatzung der Metaphysik erklart 
es, wenn der hiermit angedeutete Gegenstand in unserm Zeitalter 
bei weitem nicht raehr die Aufmerksamkeit selbst philosophisch 
gerichteter Menschen zu erregen vertnag, wie etwa noch im 
18. Jahrhundert oder gar im Mittelalter. Kants Autoritat hat an 
dieser Wendung starken Anteil und bietet vielen ein willkommenes 
„Rtthepolster der faulen Vernunft". Sein aus dem kategorischen 
Iraperativ deduzierter Glaube an ein „hochstes Wesen", die theore- 
tisch-philosophische Formel fiir die reform atorische Losung des 
Problems von Glauben und Wissen, hat in die protestantische 
Theologie des 19. Jahrhunderts, von Ausnahmen abgesehen, einen 
metaphysischen Agnostizismus, den Zweifel an der Erkennbarkeit 
des Absoluten hineingetragen, der das Interesse an dem Problem der 
Gottesbeweise ganz hinter der Er5rterung des Gottesglaubens 
zuriicktreten lasst. In unseren Tagen werden wieder Stimmen laut, 
die eihe metaphysische Rechtfertigung protestantischer Dogmatik 
fordern. 

Die katholische Theologie hat seit dem Zeitalter der Kirchen- 
vMer dem Thema der Gottesbeweise eine unverminderte Aufmerk- 
samkeit geschenkt. Gegenuber agnostischen Zeitstromungen scharfte 
das vatikanische Konzil erneut und ausdriicklich die Thesen von 
der Moglichkeit einer „sicheren Gotteserkenntnis" ein, gab darait 
der Ueberzeugung von der Moglichkeit einer Metaphysik als Wissen- 
schaft dogmatisches Ansehen, ohne sich im einzelnen auf bestimmte 
metaphysische Argumente festzulegen. Eine Wiederholung und 
Bekraftigung bedeutete die Eidesformel wider den Modernismus. 
Sie fiigt zu dem Satz des Vatikanums: Gott, der Ursprung und 
das Endziel aller Dinge konne aus der Schopfung durch das Licht 
der natiirlichen Vernunft mit Sicherheit erkannt werden (certo 
cognosci posse) noch hinzu: und demnach auch bewiesen werden 



304 J. M. Verweyen, 

(adeoque demonstrari posse). Beide Satze bezeugen, , wie bald man 
in Gegensatz zum System dieser Kirche geraten kann. Es geniigt 
dazu schon die Bestreitung der Moglichkeit einer „sicheren" d. h. 
fur die „normale" Vernunft beweiskraftigen Gotteserkenntnis und 
damit einer wissenschaftlichen Metaphysik iiberhaupt. 

Neuzeitliche Denkweise hat sich nicht in alien ihren Ver- 
tretern feiudlich zu jenem metaphysischen Sprung verhalten, — 
die Systeme eines Descartes, Spinoza und Leibniz ebensowenig wie 
der kiihne Gedankenbau eines Fichte, Schelling oder Hegel oder 
die Philosophie Herbarts und Lotzes, Schopenhauers, Wundts oder 
V. Hartmanns. Blickt man auf die Nationeu und ihren Anteil am 
Bau der in einigen Grundziigen einheitlichen, sonst aber iiberaus 
proteusartigen ,,modernen Weltanschauung", so hat vor allem die 
englische dem Skeptizismus Eingang in ihr verschafft. Hume war 
es, der Kant nach dessen eigenem beriihmten Gestandnis aus dem 
„dogmatischen Schlummer" weckte. Trotz aller metaphysikfreund- 
lichen Gegenstromungen haben die Gedankengange der Kritik der 
reinen Vernunft in Verbindung mit anderen kulturellen Einfliissen 
die Einwande gegen die Metaphysik als Erkenntnis transzendenter 
Realitaten bis heute nicht verstummen lassen und im allgemeinen 
Kulturbewusstsein der Zeit lebendig erhalten. 

Das Fehlen eines erforderlichen metaphysischen Organs ist 
ein erstes Bedenken, das sich geltend zu machen pflegt. Es stiitzt 
sich in seiner extremsten Form auf das konscientialistische Argu- 
ment, demzufolge alles Erkennen ein (immanenter) Bewusstseins- 
vorgang bleibt ohne transzendente Bedeutung. Der bestechenden 
Einfachheit dieser Ueberlegung gegeniiber ist eine Unterscheidung 
geboten. Die Jnhalte der Wahrnehmungen sind notwendig gekniipft 
an die entsprechenden Vorgange des Wahrnehmens; Inhalt und 
Gegenstand decken sich in diesem Falle. Das von der Wahr- 
nehmung wesensverschiedene, obzwar mannigfach von ihr abhangige 
Denken dagegen ist befahigt, Gegenstande zu intendieren, zu 
„meinen", ohne dass diese als wahrgenommene Gegenstande im 
Bewusstsein reprasentiert sind. So ist uns in dem seiner Natur 
nach iibersinnlichen, die anschauliche Bewusstseinswelt transzen- 
dierenden Denken eine Funktion beschieden, mit Hilfe derer wir 
bewusstseinsunabhangige, ja alier wahrnehmbaren Erfahrung 
dauernd unzugangliche Gegenstande zu setzen und zu bestimmen 
vermogen, — in den fiir den Prozess der Realisierung iiblich ge- 
wordenen Fachausdriicken gesprochen. Schon in den Einzel- 



Zur Logik der Gottesbeweise. 305 

wissenschaften wie im Leben des AUtags lasst uns die Betatigung 
dieser Funktion von Gegenstanden der Aussenwelt im Sinne trans- 
subjektiver Wirklichkeiten auch dann iiberzeugt sein, wenn diese 
nicht mehr Objekt aktuellen Nachdenkens iiber sie sind. Die ganze 
Welt des Nicht — Ich, der Inbegriff aller bewusstseinsunabhangigen 
Realitaten tragt ihrem Wesen nach bereits transzendenten, meta- 
physischen Charakter — ersten Grades, wie zur Verdeutlichimg 
hinzugeiugt werden muss. Denn der eben bezeichnete Unterbau 
der Erfahrungszusammenhange, die „an sich" existierenden „Dinge", 
die unter bestimmten Bedingungen Diuge fiir uns, d. h. Er- 
scheinungen werden, kann abermals transzendiert werden. Dies 
geschielit beispielsweise dann, wenn sie als unabhangig von dem 
Ding aller Dinge, der Gottheit, einem wie immer bestimmten 
Absoluten, gedacht werden, die deranach ihrerseits als ein meta- 
physischer Gegenstand zweiten Grades erscheinen. 

Gewahrt das Denken somit einen im Prinzip moglichen Zu- 
gang zur Transzendenz, dem sich philosophische Bemiihungen mit 
seiner Hiilfe zu alien Zeiten zu nahern versuchten — der daneben 
verbreitete Glaube an ein in die Transzendenz tragendes, nur 
Begnadeten verliehenes Organ mystischen Schauens zur „okkulten" 
Erlangung „hoherer Wissenschaft" der Geisterwelt vermochte 
strengerer Kritik niemals standzuhalten — , so ruft es doch sogleich 
ein weiteres Bedenken wegen der Sicherheit seiner Ergebnisse 
wach. Viele sind der Ueberzeugung, Metaphysik als Wissenschaft 
bleibe immer fiir immer ein Wahngebilde. Sie verdiene hochstens 
Anerkennung als subjektive, der Fantasie und dem religiosen Innen- 
leben entsprungene Weltdeutung, als eine Dichtung, moge sie die 
Form der Anschauung oder der Begriffe annehmen. Dieser 
Ursprung mache auch die Mannigfaltigkeit sich gegenseitig befeh- 
dender raetaphysischer Systeme und Formeln verstandlich. — Ein 
solcher empirischer Gesichtspunkt ist an sich ungeeignet, eine 
Idee zu entwerten und ihre mogliche Verwirklichung unter ent- 
sprechenden Bedingungen zu widerlegen. Schon vor ihrer Ent- 
stehung war der Idee nach die moderne Naturwissenschaft mog- 
lich trotz aller falschen Methoden, die bis dahin kaum Ergebnisse 
erzielt hatten. Und doch ist aus anderen Griinden skeptische 
Zuriickhaltung gegeniiber alien metaphysischen Versuchen um ihres 
hypothetischen Charakters willen gerechtfertigt. 

Der Schluss von dem uns gegebenen, in der Erfahrung 
zuganglich Seieuden auf die Totalitat des Seins, von dem Be- 



306 J. M. Verweyen, 

dingten auf das Unbedingte bedeutet, logisch genommen, eine Ver- 
allgemeinerung, die ihrem Wesen nach nur von induktiver, hypo- 
thetischer Giiltigkeit sein kann. Schon aus diesem Grunde ist 
dogmatische Metaphysik unmoglich. Um so mehr, als bereits das 
empirische Sein fiir unsere Einsicht kein abgeschlossenes, sondern 
ein ill steter Entwicklung begriffenes Gebiet darstellt. Neue 
Erfahrungeu zwingen zur Priifung alter metaphysischer Annahmen. 
Den angedeuteten Sachverhalt zu verkennen, war vielleicht der 
Hauptfehler logischer Art, dessen sich die „alte", noch heute fort- 
wirkende dogmatische Metaphysik schuldig machte. Die „neue" 
Metaphysik ist logisch uiid methodologisch geschulter. Sie halt 
sich frei von den beiden Extreraen des ganzlichen Agnostizismus 
Oder ,Positivismus' einerseits wie der dogmatischen Metaphysik 
anderseits. — Zu ausserster Vorsicht im metaphysischen Bereiche 
mahnt ferner die Ueberlegung, dass der Schluss von der Wirkung 
auf die Ursache nicht immer eindeutig ist. Mit dem Grunde ist 
die Folge gesetzt, doch nicht umgekehrt. Dieselbe Folge kann 
auf sehr verschiedenen Griinden beruhen, wie dieselbe Tat den 
mannigfaltigsten Motiven ihre Entstehung danken kann. Auch 
die „Welt als Tat" unterliegt solcher Schwierigkeit der Deutung. 
Die Unsicherheit wird noch dadurch verstarkt, dass eine Veri- 
fizierung metaphysischer Schliisse unmoglich ist. Ueber deren 
Anerkennung entscheidet zuletzt allein das Denken und seine 
Folgerichtigkeil. Aber die blosse „Spekulation" ist weit schwerer 
zu entwaffnen als die Aussagen iiber erfahrbare Gegenstande. 

Die Natur der uns zur Verfugung stehenden Erkenntnismittel 
begriindet ein letztes Bedenken. Wie diirfen wir uns vermessen, mit 
einem endlichen Geiste dem „Unendlichen" zu naheu, sein Wesen 
zu bestimmen? Wie sollten wir Kinder des Diesseits, deren 
Erkenntnisfunktionen sich an dem aus der raumzeitlichen Wirklich- 
keit stammenden Reizen entwickelt haben, in das Jenseits er- 
kennend vorzudringen vermogen? Die Berechtigung derartiger 
Fragen billigte sogar die dogmatische Metaphysik des Theismus, 
wenn sie keine adaequate, sondern nur eine analoge, die Spuren 
der Endlichkeit nie abstreifende Erkenntnis Gottes, mehr die Ein- 
sicht in sein Dasein als in sein Wesen zu besitzen beanspruchte. 
Wie stark und unabwendbar das Bediirfnis zu sein pflegt, das 
Absolute, „G5ttliche", das Weltprinzip im Bilde empirischer Werte 
vorzustellen, bezeugt die Geschichte der Metaphysik, Der Geist, 
die Vernunft, der Logos, die Fantasie, das Gefiihl und der Wille, 



Zur Logik der Gottesbeweise. 307 

das Bewusste wie das Unbewusste, das PersOnliche wie das Un- 
personliche, das in ewiger Vollkommeiiheit Beharrende wie das in 
ewiger Entwicklung nach der Vollendung Strebende begegnen uns 
ira wechselnden Bilde des Absoluten. 

Der Mangel eindeutiger und absolut sicherer Entscheidungen, 
welche den metaphysischen Bemiihungen anhaftet, rechtfertigt an 
sich keinen Einwand gegen ihren theoretischen — noch weniger 
gegen ihren praktischen — Wert. Denn die Analyse des Er- 
kennens gewahrt zwischen den aussersten Grenzen des Wissens 
imd Nichtwissens das weite Reich grosserer oder geringerer Wahr- 
scheinlichkeit. Eine von schwarmerischer Spekulation wesens- 
verschiedene, an dem Stande der Erfahrungserkenutnis orientierte 
kritische Erorterung von Moglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, 
die sich auf die letzten Fragen des Daseins beziehen, steht unbe- 
schadet ihrer fehlenden „Exaktheit" im Zeichen des wissenschaft- 
lichen Geistes. Sie verdient um so grossere Wertschatzung, als 
sie in Gegensatz tritt zu voreiligen metaphysischen Verallgemeine- 
rungen und strenge wacht iiber die subjektiven Einschlage im 
Weltbilde sowie iiber die Grenze zwischen empirischer Feststellung 
und transzendenten Folgerungen. Oft betreten Gegner der Meta- 
physik das von ihnen verfehmte Gebiet schneller als sie selbst 
ahnen. Schon der Begriff eines geschlossenen (immanenten) Natur- 
systems ist im Grunde metaphysisch gefarbt, insofern er die Ab- 
hangigkeit dieses Systems von einem „iibernatiirlichen" ausser- 
weltlichen Prinzip, demnach auch Wunder und Offenbarung im 
transzendenten Sinne verwirft. 

Kaum etwas erhellt so sehr das Verhaltnis zwischen Einzel- 
wissenschaft und Metaphysik als die Erkenntnis, dass die moderne 
Naturwissenschaft als solche zur Widerlegung dieser transzendenten 
Annahmen ebenso wenig beigetragen hat wie zu ihrer Begriindung. 
Nur ein unkritischer Blick konnte wahnen, die moderne Wissen- 
schaft habe den Grundgedanken des Theismus widerlegt und den 
Atheismus bewiesen. Woher die Naturgesetze stammen, l^leibt 
eine den Einzelwissenschaften gleichgiiltige E'rage. Ihre Aufgabe 
erschopft sich in der Erforschung der Gesetze selbst. Unverkennbar 
haben der Fortgang in diesen Entdeckungen und die aus ihnen 
gezogenen Schlussfolgerungen traditionelle Formen, zeitgeschicht- 
lich bedingte Auspragungen des theistischen Gottesglaubens zer- 
stort, jene namlich, die an die wortliche Uebernabme biblischer 
Berichte gekniipft waren. Die Einsicht in den Zusammenhang 



308 J. M. Verweyen, 

zwischen Sonne und Licht verbietet uds — um ein Beispiel zu 
neunen — die Annahme, das Licht sei zeitlich vor der Sonne 
entstanden, wie es im Genesisbericht geschildert wird. Die Lehre 
des Offenbarungstheismus hat ausserdem durch die vergleichende 
Religionsgeschichte die starksten Erschtitterungen erfahren imd, 
wo sie sich dennoch behauptete, viele Konzessionen an moderne 
Forschungen machen miissen. Mit zunehmender Scharfe hat modeines 
Naturerkennen Dichtung und Wahrheit in ihrem Forschuugsbereiche 
geschieden. Metaphysische Annahmeu fruherer Zeiten biissten 
dabei fiir die Ziele des empirisch gerichteten Erkennens immer 
mehr ihr Ansehen ein. Sie wurden entbehrlicher, daher mit 
wachsender Gleichgiiltigkeit und Skepsis betrachtet. Die praktische 
Eutbehrlichkeit eines ausserweltlichen Gottes fiir die Losiing der 
unmittelbaren Erkenntnisaufgaben der Empirie fiihrte leicht zu 
der theoretischen Behauptung seiner Nichtexisteuz. Die relativ 
berechtigte Methode „gottloser" Einzelwissenschaft wandelte sich 
mit unkritischer Voreih'gkeit in ein oft sehr dogmatisches Seins- 
Urteil, das seinen metaphysischen Charakter ebeu so wenig ver- 
leugnen konnte, wie Behauptungen von der Art: die Natur und 
ihre Gesetze sind ewig, unentstanden und unverganglich ; Gott und 
die Welt sind ein einziges Wesen. Metaphysischen Charakter 
tragt schon die Ueberzeugung von dem Dasein einer „ftir sich" 
bestehenden, von dem erkennenden Ich unabhiingigen Ausseuwelt, 
auf deren Annahme ein folgerichtiger, metaphysikfeindlicher Posi- 
tivismus glaubt verzichten zu konnen. 

Nur selten bedachten die Vertreter solcher Denkweise, dass 
sie auch durch blosse Verneinungen der Metaphysik verfielen. 
Die Leugnung einer transsubjektiven Aussenwelt, eines person- 
lichen Gottes, der individuellen Unsterblichkeit, der substautiellen 
Seele, des freien Willens, der Wunder und Offenbarungen ist von 
Metaphysik eben so wenig frei wie die entsprechende Bejahung. 
Die positive Metaphysik wird haufig von einer negativen befehdet. 
Die Einsicht in diesen Sachverhalt fordert die kritische Abwehr 
falscher Wissensanspriiche und dient der Verstandiguug. 

Solche allgemeinen Erwagungen schaffen die Grundlage fiir 
die Aufdeckuug der logischen Struktur der auf Gottesbeweise 
abzielenden metaphysischen Versuche, durch welche sich theistische 
Weltanschauung theoretisch zu rechtfertigen unternimmt, 

Im geringsten Ansehen steht das ontologische Verfahren. 
Es kuiipft sich an den Namen jenes mittelalterlichen Erzbischofs 



Zur Logik der Gottesbeweise. 309 

von Canterbury (+ 1109), der durch seine beriihmte Frage: Cur 
deus bono? die Menschwerdung des Gottessohnes als religions- 
philosophisches Problem formulierte und es einer spekulativen Auf- 
I5sung unterzog. Derselben Neigung seines Geistes folgend, ent- 
wickelt Anselm einen begrifflich apriorischen Beweis fUr das Dasein 
Gottes. Er nimmt seinen Ansgang von dem Begriff eines Etwas, 
in Vergleich zu dem nichts Grosseres gedacht werden konne, und 
folgert daraus sogleich die reale Existenz eines solchen Wesens. 
Existierte es namlich nur in unserem Geiste, so stande es an Grosse 
einem zugleich auch real vorhandenen Wesen nach: ens quo maius 
cogitari nequit non potest esse in intellectu solo. Ontologiscli 
pflegt dieses Verfahren zu heissen, weil es von einem Begriffe 
auf das Dasein des in ihm gedachten Gegenstandes schliesst — 
sei es in der dargelegten Anselmischen oder in der etwas modi- 
fizierten Weise Descartes, der nicht die unendliche Vollkommen- 
heit, sondern die notwendige Existenz als dem Begriffe Gottes 
wesentlich bezeiohnete. Unter Voraussetzung der inneren Moglich- 
keit einer Existenz Gottes erhob auch Leibniz, wie vor ihm Duns 
Scotus, kein Bedenken gegen den Schluss. Ebenso tadelt Hegel 
„alles Vornehmtun gegen den sog. ontologischen Beweis und gegen 
die Anselmische Bestimraung des Vollkommenen, da sie in jedem 
unbefangenen Menschensinn ebenso liegt als in jeder Philosophie 
(selbst wider Wissen und Willen) und im Prinzipe des unmittelbaren 
Glaubens zuriickgekehrt " . 

Trotz der Anerkennung, welche der ontologische Beweis- 
versuch bis in die Neuzeit bei fiihrenden Denkern fand, vermochte 
er sich nicht zu behaupten. Schon Anselms Zeitgenosse, der 
Monch Gaunilo, hielt nicht mit seinen Einwanden zuriick. Er 
stiitzte sie auf einen Vergleich. Auch der Begriff einer Insel, die 
als die vortrefflichste gedacht werde, verbiirge nicht ihre Realitat. 
Thomas von Aquino, der auf scharfe Trennung des Gedachten und 
des Wirklichen dringt, erblickt in dem Anselmischen Verfahren 
einen unstatthaften Uebergang von der logischen in die meta- 
physische Ordnung. Und ahnliche Gesichtspunkte fiihren den 
Kritiker der „reinen Vernunft" zur Verwerfung des ontologischen 
Beweises. Ja, gerade dieses Werk gilt in seinen letzten Motiven 
der Bekampfung des Ontologismus jeder Form. Nichts anderes 
bedeutet seine Absage an die ihm vorschwebende Metaphysik als 
eine Scheinwissenschaft, die aus „blossen Begriffen" auf Realitaten 
schloss und sich eines unstatthaften Sprunges auf eine andere 



310 J. M. Verweyen, 

Ebene, einer metabasis eis alio genos, scliuldig macht. „In dem 
blossen Begriff eines Dinges kann gar kein Merkmal seines 
Daseius angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so 
voUstandig sei, dass nicht das Mindeste ermangele, um ein Ding 
mit alien seinen inneren Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein 
mit allem diesen doch gar nichts zu tun, sondern nur rait der 
Frage: ob ein solches Ding uns gegeben sei, so, dass die Walir- 
nehmung desselben vor dem Begriffe allenfalls vorhergehen konue. 
Denn, dass der Begriff vor der Wahrnehmung vorhergeht, bedeutet 
dessen blosse Moglichkeit, die Wahrnehmung aber, die den Stoff zum 
Begriffe hergibt, ist der einzige Charakter der Wirklichkeit . . . 
Wo also Wahrnehmung uad deren Anhang nach empirischen Ge- 
setzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntnis vom Daseiu 
der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen wir 
nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der Er- 
scheinungen fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein 
irgend eines Dinges erraten oder erforschen zu wollen". Kants 
Ablehnung des outologischen Verfahrens griindet in der Ueber- 
zeugung von dem synthetischen, nicht analytischen Gharakter jedes 
Existenzialurteils, in der Einsicht, dass die Existenz kein Merkmal 
unter den vielen anderen eines Begriffs darstellt, kein reales 
Pradikat, das zu den Begriffen eines Dinges hinzukommen konne, 
sondern „bloss die Position", das „Setzen" eines Dinges. An 
begrifflichen Merkmalen decken sich das wirkliche und das nur 
mogliche Ding. In Kants beriihmtem Vergleich gesprochen: 
„Hundert wirkliche Thaler enthalten nicht das Mindeste mehr als 
hundert mogliche. Denn, da diese einen Begriff, jene aber einen 
Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten, so wiirde, 
im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein Begriff nicht den 
ganzen Gegenstand ausdriicken und also auch nicht der angemessene 
Begriff von ihm sein. Aber in einem Vermogenszustande ist mehr 
bei hundert wirklicheu Thalern als bei dem blossen Begriff der- 
selben (d. i. ihrer Moglichkeit). Denn der Gegenstand ist bei der 
Wirklichkeit nicht bloss in einem Begriffe analytisch enthalten, 
sondern kommt zu meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines 
Zustandes ist) synthetisch hinzu, ohne dass durch dieses Sein 
ausserhalb meinem Begriffe. diese gedachten hundert Thaler selbst 
im mindesten vermehrt werden". In ahnlicher Weise lasst der 
Gedanke an Gott als ein Wesen von der hochsten Realitat seine 
Existenz noch ganz unentschieden. Der apriorische Begriff betrifft 



Zur Logik der Gottesbeweise. 311 

die blosse Moglichkeit eiues Gegenstandes, dessen a posteriori 
aufgedeckte Verkniipfung mit der Erfahrung erst seine Wirklich- 
keit verbiirgt. „Ein Mensch mSchte wohl eben so wenig durch 
blosse Ideen an Einsichten reicher werden als ein Kaufmann an 
Vermogen, wenn er urn seinen Zustand zu verbessern, seinem 
Kassenbestande einige NuUen anhaugen wollte". 

Von dem begrifflichen Verfahren des ontologischen Beweises 
hebt sich eine zweite Gruppe von Argumenten ab, die einen 
empirischen Ausgangspunkt wahlen. Sie finden in der vom Denken 
analysierten Welt, dem Kosmos, einen zwingenden Hinweis auf 
das Dasein eines ausserweltlichen Gottes im theistischen Sinne. 
Die kosmologischen Gedankengange nehmen im einzelnen ver- 
schiedene Auspragung an. Sofern sie sich auf das blosse Dasein 
der Welt berufen, fiihren sie zu dem sog. Kontingenzbeweis, 
dessen erstes auf die Welt als Ganzes bezogenes Schema lautet: 
Die Welt ist da; sie konnte auch nicht da sein; also ist eine von 
ihr verschiedene (ausserweltliche) Ursache gefordert, welche von 
beiden Moglichkeiten gerade die eine verwirklichte. Diese Ursache 
muss selbst ein notwendiges Wesen sein, das den Grund seines 
Daseins in sich tragi Denn ware sie auch ihrerseits wiederum 
bloss zufallig (kontingent), so Hesse sie die ihr geltende Warum- 
Frage unbeantwortet. Wie die Welt als Ganzes so sind ihre 
einzelnen Telle zufallig. Sie offenbart ein unaufhorliches Werden 
und Vergehen; sie ist ein Reich des Bedingten, in dem jeder 
Vorgang durch einen andern hervorgerufen wird. Alles Bedingte 
aber weist auf ein Unbedingtes, alles Relative auf ein Absolutes hin, 
das sein Dasein nicht wieder durch ein anderes Wesen empfangen 
hat, sondern aus Oder durch sich existiert, aus innerer Notwendigkeit. 

Der erste Teil des sich auf die Kontingenz stiitzenden 
Beweisganges beruht auf vorschneller Gleichsetzung logischer und 
realer Moglichkeit. Der Gedanke, dass die gegenwartige Welt 
iiberhaupt nicht vorhanden ware, ist vollziehbar, wenngleich der 
Veranschaulichung unzuganglich. Fraglich aber bleibt, ob der 
formalen Denkbarkeit der Nichtexistenz eine reale Moglichkeit 
entspricht. Die Bejahuug der Frage setzt eine hohe Einschatzung 
unseres Erkenntnisvermogens voraus, die entsprechende Verueinung 
denkt geringer von seiner metaphysischen Tragfahigkeit. Kritische 
Stellungnahme wird die positive wie negative Entscheidung zu- 
gunsten vorsichtiger Zuriickhaltung und Erorterung beider Moglich- 
keiten verwerfen. , 



312 J, M. Verweyen, 

Der Schluss tod den bedingten Vorgangen uud Dingen der 
Erfahrungswelt auf ein unbedingtes, ausserweltliches Wesen 
schliesst zimachst die an sich wieder fragwurdige Ablehnung einer 
geschlossenen unendlichen Reihe in sich. Gesetzt, dies entsprache 
dem objektiveu Sachverhalt, so fiihrt er doch erst zu einem gleich- 
sam farblosen, noch nicht theistisch bestimmten Absoluten als 
einem in sich notwendigen Wesen, dem logischen Korrelat zu dem 
Relativen, Kontingenten und Bedingten. Der Unabweisbarkeit der 
Idee eines solchen Ens a se (wie es in der Sprache der Scholastik 
hiess), eines Absoluten (wie der neuere Terminus lautet) zollen in 
irgend einer Form alle Denker Tribut, auch jene, welche die 
„Natur" als in sich gegriindete „letzte" Ursache aller Erscheinungen 
ansehen. Sogar eine uneudliche Reihe bliebe der Idee des Abso- 
luten verhaftet. Sie ware eben das unverursachte Ewige, das 
sich uns in wechselnden Erscheinungen die sich gegenseitig be- 
dingen, offenbart. Der Gedanke einer solchen letzten, nicht mehr 
aus einem andern Prinzip anleitbaren Realitat, welche alle Einzel- 
vorgange und Dinge hervorbringt — auf dem Wege innerer 
Entfaltung, durch eine gewisse Ausstrahlung (Emmauation) oder 
durch schopferische Tatigkeit — liegt den ersten Versuchen der 
ionischen Naturphilosophie ebenso zugrunde wie den abstrakten 
S3^stemen spaterer Metaphysiker. Er ist enthalten in dem herak- 
litischen Begriff des ewigen, ungewordenen und unvergang- 
lichen Feuers, in der aristotelischen Annahme eines ewigen unbe- 
wegten Bewegers, in der christlichen Idee des ewigen Welt- 
schopfers und in der Substanz Spinozas, im absoluten Ich Fichtes 
und in dem Willen Schopenhauers, in „Stoff und Kraft" der 
Materialisten wie in dem energetischen Grundprinzip und der 
Natur als dem ewigen, unerschopflichen Quell aller sichtbaren Dinge. 
Irgend ein Gottesbegriff im Sinne eines wie immer naher 
bestimmten Weltgrundes bildet den unvermeidlichen Ab- 
schluss eines jeden Weltbildes, auch eines a-theistischen. 
In jedem Falle bleibt die Gleichung ens neccessarium = ens 
perfectissimum problematisch. Im Begriff der notwendigen Existenz 
liegt nur dies, dass ein Wesen nicht anders sein kann als es ist, 
keineswegs, dass es die Fiille iiberhaupt moglicher Realitat in 
sich birgt. Es bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten, 
ewige Atome von begrenzter Vollkommenheit zu denken. Die 
durch Ueberlieferung fest eingewurzelte Neigung des Theismus, 
die Identitat des absolut notwendigen Wesens mit dem unendlich 



Zur Logik der Gottesbeweise. 313 

vollkommeuen als denknotwendig zu behaupten, entspringt nicht 
logischer Einsicht, sondern historischer Zufalligkeit der besonderen 
religiosen Deutuug, welche die Gottheit als ewigen Inbegriff aller 
Werte verehrte. 

Eine zweite ahnliche Form nimmt das kosnaologische Ver- 
fahren an, wenn es nach dem Vorbild des Aristoteles und des ihm 
folgenden Thomas von Aquino aus der Erfahrungstatsache der 
Bewegung in der Welt seine Foigerungen deduziert. Es geschieht 
nach dem Schema: alles was bewegt wird, d. h. im weitesten 
Sinn eine Veranderung als Uebergang von der Moglichkeit zur 
Wirklichkeit erfahrt, wird durch ein anderes bewegt, — denn die 
blosse Moglichkeit vermag sich keine Bestimmung zu geben, die 
sie selbst nicht in sich tragt. Man kann aber in der Reihe der 
bewegenden Ursachen nicht ins Unendliche zuriickgehen — anders 
gewendet: nicht alles kann durch ein anderes bewegt werden. 
Also gibt es ein erstes unbewegtes bewegendes Prinzip, ein primum 
movens, dem als einer absoluten Bestimmtheit keine blosse Moglich- 
keit mehr anhaftet. 

Die Giiltigkeit dieses Schlusses haftet vor allem an dem 
Untersatz. Die in ihm ausgesprochene Ablehnung eines regressus 
in infinitum beruht auf einer petitio principii, Denn sie verneint 
von vornherein die Moglichkeit einer ewigen Bewegung, genauer 
eines Systems ewiger sich gegenseitig bedingender Veranderungen. 
Ein solches geschlossenes System bote gar keinen Anlass zu der 
Frage nach einem ersten Beweger und geniigte doch jenem Ober- 
satz, das alles Bewegte von einem andern bewegt werde, 

Der Nachweis eines ersten unbedingten bewegenden Prinzips 
ware noch kein vollwertiges Zeugnis fiir den Theismus. Eine 
blosse Nominaldefinition wiirde den Abschluss bilden: „Ein solches 
Prinzip nenuen alle Gott", pflegt Thomas von Aquino am Ende 
dieser Argumente hinzuzufiigen. Ebenso bliebe die Schwierigkeit, 
mit welcher in irgend einer Form jedes metaphysische System 
ringt, ungelost, wie von einem ewigen unbewegten Beweger ein 
System zeitlicher Bewegungen „abhangen" kann, ohne dass damit 
in jenen die Veranderung selbst hineingetragen wird. Aristoteles 
entschied sich fur die Ewigkeit der Welt, unterliess es dabei, sich 
iiber die Art der angedeuteten Abhangigkeit naher auszusprechen. 
Die Scholastiker, welche diese Lehre zugunsten des Dogmas von 
der — wie viele unter ihnen einraumten — unbeweisbaren zeit- 
lichen Weltentstehung verwarfen, halfen sich in gewohnter Weise 

Kautstadien XXII. , 21 



314 J. M. Verweyen, 

mit einer Unterscheidung, die mehr Worte als Klarimg brachte: 
ewig sei der gottliche Wille zur Weltschopfung, zeitlich aber 
seiue Aeussernng. Nicht in der Zeit, sondern zuglelch mit der Zeit 
hat Gott die Welt erschaffen, formulierte Augustinus. 

Dieselben Schwierigkeiten wiederholen sich, wenn der Beweis 
aus der Bewegung eine etwas andere Gestalt annimmt imd sich 
auf die Ursachlichkeit des kosmischen Geschehen stiistzt. Die Er- 
fahrung berechtigt — ganz abgesehen von etwaigen (a priorischen) 
Veruunftforderungen — zu der Annahme, dass jeder Vorgang in 
unserer raumzeitlichen Wirklichkeit einen anderen voraussetzt, auf 
den er nach einer bestimmten Gesetzmassigkeit folgt. AUes was 
geschieht, d. h. in der Zeit zu existieren anhebt, hat eine zu- 
reichende „Ursache". Diesem Obersatz folgte der Untersatz: 
man kann in der Reihe der bewirkenden Ursachen nicht ins Un- 
endliche zuriickgehen ; denn jedes spatere Glied in der Reihe des 
Geschehens entbehrte der zureichenden Begrtindung, gabe es nicht 
eine erste, selbst unverursachte Ursache. Ein bis heut(! beliebtes 
Bild dieute der Veranschaulichung dieses Gedankens: die Kette 
kausaler Verkniipfungen wiirde „in der Luft hangen" ohne eine 
Befestigung des ersten Ringes. So ergab sich der Schluss auf 
eine causa prima, die den Grund ihres Daselns in ihreni eigenen 
Wesen trage. 

Schopenhauer vor allem hat die Meiuung verbreitet, der Be- 
griff einer „ ersten Ursache,, bedeute einen inneren Widerspruch. 
Denn jede Ursache sei eine Veranderung, bei der man nach der 
ihr vorhergegangenen Veranderung, durch die sie herbeigefiihrt 
worden, notwendig fragen miisse, und so wiirden wir in infinitum 
auf der Leiter der Ursache hoher und hoher hinaufgepeitscht von 
dem unerbittlichen Gesetz der Kausalitat. Dieses sei nicht so 
gefallig, sich brauchen zu lassen wie ein Fiaker, den man, ange- 
kommen, wo man hingewollt, nach Hause schickt. Vielmehr gleiche 
es dem vom Zauberlehrling belebten Besen, der, einmal in Aktivi- 
tat gesetzt, gar nicht wieder aufhore zu laufen und zu schopfen. 
Bei der causa prima stehen bleiben heisse den .Satz vom Grunde 
anullieren. 

Dieser Einwand fande berechtigtere Anwendung auf den Be- 
griff der causa sui. Selbstverursachung ist ein widerspruchsvoller 
— auch von einem Denker wie Thomas von Aquino verworfener — 
Begriff. Um sich hervorzubringen, miisste ein Wesen schon 
existieren. Erste Ursache dagegen bedeutet ebenso wenig eine 



Zur Logik der Gottesbeweise. 315 

<;ontradictio in adjecto wie der Begriff eines Axioms als eines, 
weiterer Begriinduug weder fahigen noch bfdiirftigen Grundprinzips 
in der Sphare des logischen Geltens. 1st ein erster Grund des 
Erkennens denkbar, ja die Voraussetzung fiir die Giiltigkeit aller 
anderen Gedanken, so kann sein metaphysisches Gegenstiick, eine 
erste Ursache des Seins, keine Denkwidrigkeit sein. Denn beide 
Begriffe entstammen demselben Geiste, tragen gleichsam dieselbe 
kategoriale Farbe. 

Es iiberrascht darum nicht, dass der inhaltlich sehr verschieden 
deutbare Begriff eines Weltgrundes irgeudwie in jeder Gesamt- 
anschauung von der Wirklichkeit wiederkehrt. Strittig kann nur 
sein, ob die causa prima als causa transiens oder immanens, als 
ausserweltlich oder innerweltlich gefasst werden muss. Der Schluss 
auf ihre Ausserweltlichkeit ist nicht zwingend. Auch ein Kreislauf 
des kosmischen Geschehens geniigte als ein in sich geschlossenes, 
bestandigem Wechsel unterworfenes System der logischen Forde- 
rung einer „ersten Ursache", eines metaphysisch Unbedingten. Die 
Idee eines solchen Kreislaufs lasst eine Fassung zu, welche durch 
den beliebten Einwand von der Prioritat des Vaters vor dem Sohn, 
der doch seinerseits nicht wieder den Vater hervorbringe, gar nicht 
getroffen wird. Nichts spricht gegen die Denkbarkeit, dass auf 
einen Sohn als eine bestimmte Durchgangsstufe in einer derartigen 
geschlossenen Linie des Werdens Veranderungen folgen, die 
wiederum — kurz gesagt — zu der Vaterkonstellation bestimmter 
Weltelemente fiihren. Wer diese Moglichkeit durchdenkt und sich 
durch naheliegende Bilder veranschaulicht, bleibt gegen dogmatische 
Verengerungen metaphysischer Form ein geschiitzt. 

Noch eindringlicher und iiberzeugender als die Tatsaehe der 
Welt schien ihre zweckmassige Beschaffenheit von dem Dasein 
Gottes zu zeugen. „Die Himmel riihmen des Ewigen Ehre!" 
„Herr wie gross sind deiner Hande Werke!" Dies sind Motive, 
welche die alttestamentlichen Sanger bewegen und bis heute in 
dem teleologischen Gottesbeweise wirksam geblieben sind. Die 
staunenswerte Ordnung des Universums, der majestatische Gang 
der Gestirne, der wunderbare Bau der Lebewesen, die Farbenpracht 
der Pflanzenwelt, fiihrte auf den Namen ,Kosmos' und die Idee 
eines verniinftigen, weisen Urhebers. 

Wiederum war es das Kausalitatsprinzip, auf welches sich 
ein sdlcher Schluss stiitzte. Man entdeckte „Vernunft" in der 
Wirklichkeit, verlangte eine entsprechende Ursache und nannte sie 

21* 



316 J. M. Verweyen, 

Gott. Aus dem Kunstwerk der Welt schloss man nach Analogie 
menschlicher Tatigkeit auf einen (personlichen) Weltbaumeister, 
dessen Weisheit die unsrige unendlich iiberrage. Naheliegende, bis 
heute verwertete Beispiele dienten zur Befestigung dieses Gedanken- 
gaDgs: der Hinweis auf die Steine des Hauses, die nicht Zufall, 
sondern bewusste Absicht zusammenfUgte, auf die Annalen des 
Ennius, die seit Cicero immer wieder als Zeugnis gegen die An- 
nahme eioer blinden Weltentstehung geltend gemacht wurden. 

Die Ueberlegung, dass wie jede Ordnung auch die Welt- 
ordnung ein gestaltendes Prinzip zur Grundlage habe, drangte 
sich kausaler Denkweise mit natttrlicher Notwendigkeit auf. Frag- 
lich aber blieb dabei der Superlativ des ens sapientissimum, die 
Personlichkeit jenes Weltprinzips und seine Ausserweltlichkeit. 
Der Analogieschluss entbehrte der zwingenden Kraft. Er iibertrug 
vorschnell auf das Weltall als Ganzes, was von einzelnen ihrer 
Teilbereiche gilt, dass sie nur durch bewusste menschliche Absicht 
Ordnung finden. Eine solche Uebertragung ist um so problema- 
tischer, als die bewusste Absicht nicht einmal im empirischen 
Menschendasein die einzige und sicherste Gewahr zweckmassigeri 
Gelingens ist. Gerade die hochsten schopferischen Leistungen ent- 
springen einem unbewussten Drang und berechtigen dazu, unbe- 
wusster Verniinftigkeit — so befremdlich dieses Wortgebilde dem 
Ohre klingen mag, — den metaphysischen Primat zuzuerkennen. 
Die Transzendenz des ordnenden Weltprinzips wird zweifelhaft 
angesichts der Erfahrungstatsache, welche die immanente Selbst- 
formung der Organismen, vor allem des Menschen, offenbart und 
den Gedanken an die Welt als die Selbstentfaltung eines ent- 
isprechenden organisierenden kosmischen Prinzips nahelegen. 

Noch schwieriger wurde die Lage des teleologischen Gottes- 
beweises infolge der unvermeidlichen Auseinandersetzung mit den 
anscheinenden Zweckwidrigkeiten der gegenwartigen Welt. Woher 
das Uebel in seinen mannigfaltigen, oft so grausigen Erscheinungs- 
f ormen ? unde malum ? Dies war die bange Frage, die immer wieder 
das teleologische Weltbild gefahrdete und Zweifel an seiner Be- 
rechtigung weckte. In unlosbarem Widerstreit zur Allweisheit und 
Allgiite eines Gottes schien jener iiberaus reichhaltige Katalog 
von Normwidrigkeiten, in denen ein unbefangenes Auge keinen 
Sinn und keinen Zweck zu gewahren glaubte: kosmische Storungen 
wie Erdbeben und Vulkanausbriiche, die bliihende Landschaften in 
Asche verwandeln, mit unheimlicher Plotzlichkeit Menschenleben 



Zur Logik der Gottesbeweise. 317 

hinwegraffen, unmittelbare Heimsuchungen des Menschendaseins 
— gleichsam anthropologische Furchtbarkeiten — Hungersnote und 
Seuchen, verheerende Kriege, Verbrechen und unheilbare Krankheit, 
jahe Todesfalle jugendlicher, hoherer VoUendung fahiger Menschen, 
driickende Armut, wie sie in besonders eindrucksvoUer Weise 
frierende und zitternde Kinderhande am heiligen Abend des Festes 
der Gottes- und Menschenliebe verraten, qualvollste Seelenleiden 
in unjaussprechlicher Fulle. AUgemeine biologische Erscheinungen 
verstarken die Skepsis an einer absoluten Herrschaft der Zwecke 
in der sicbtbaren Natur. Ein verhangnisvoller Instinkt treibt 
Insekten in die Nahe des Feuers und lasst sie den Tod dabei 
finden. Vor Kalte und Nahrungsmangel sterben viele Tiere dahin 
und rufen die Kritik wach an jenem Gleichnis von den Lilien des 
Feldes und den Vogeln des Himmels. In rauberischem Ueberfall 
stiirzen die Starkeren iiber die Schwacheren und verhindern die 
Entfaltung ihres natiirlichen Willens zum Leben. In verschwende- 
rischem Reichtum schiessen Keime und Bliiten hervor, aber nur 
wenige reifen zu Friichten. Reiner Zufall entscheidet, ob die 
Orchidee 4en zu ihrer Entwicklung erforderlichen Pilz findet. 

Ein flUchtiger Blick auf die Uebel der Welt scheint der 
Alternative der Epikuraer Recht zu geben : Entweder ist Gott nicht 
allmachtig oder nicht allgiiltig oder nicht allweise, wenn er jene 
nicht verhUtet. Die Dialektik musste ihre ganze Kraft aufbieten, 
urn sich dem Zwange dieser Deduktion zu entziehen. Sie erleichterte 
sich mit Augustin und Leibniz, dem metaphysisch denkenden 
Anwalt der besten aller moglichen Welten, ihre Aufgabe ungeheuer, 
wenn sie das Uebel als etwas rein Negatives, als die blosse 
Abwesenheit eines Guten, bestimmte. Es sei eine blosse privatio 
boni, beruhe demnach nur auf einer fehlenden, nicht bewirkenden 
Ursache, einer causa deficiens, nicht efficiens. AUes Seiende 
stamme von Gott und sei darum als solches gut. — Der gewohnte 
Vergleich mit der B'insternis als einer blossen Abwesenheit des 
Lichts ist wenig geeignet, die Schwachen dieses Gedankenganges 
einem kritischen Auge zu verbergen. Denn die Finsternis ent- 
behrt im physikalischen Sinne ebenso wenig einer realen Ursache 
wie das Licht. 

Der freie, nur durch sich selbst bestimmte Wille wird im 

^Rahmen der christlichen Theodicee verantwortlich gemacht fiir das 

moralische Uebel. Das liberum arbitrium indifferentiae diente als 

metaphysische Voraussetzung fiir den Begriff der moralischen 



318 3. M. Verweyeu, 

Schuld in der theistischen Deutung des Wortes. Es gab die Ent- 
scheidung iiber sein ewiges Schicksal in die Hand des Menschen, 
der unabhangig von aller Naturkausalitat sich vor die entscheidende 
Wahl zwischen Gut und Bose gestellt sah. Die hohere Bewertung 
eines so gefassten freien Willens begegnete dem Bedenken, Gott 
hatte dem Willen von Natur eine eindeutige Richtung zum Guten 
verleihen konnen. Ein zweites Werturteil sprach die teleologische 
Forderung aus, dass der Missbrauch der Freiheit die physischen 
Uebel des Diesseits und die schlimmeren jenseitigen Hollenstrafen 
nach sich ziehe. Es fiihrte im Besonderen zu einer Art moralischer 
Theorie des Todes, die als Bestandteil alttestamentlicher wie 
paulinischer Lehre Beachtung verdient. „Der Tod ist der Stinde 
Sold." Dieses Wort sollte die Schrecken einer gewaltsaraen 
Unterbrechung des Lebensfadens mildern, dem Menschen ira Be- 
wusstsein seiner Schuld demiitig das „gerechte" Schicksal der 
Endlichkeit, sein Todeslos, ertragen helfen und seinem Hinsterben 
die Sinnlosigkeit nehmen. — Aber der Tod regierte langst vor 
dem Auftreten des Menschen in der Lebewelt. Der Ichthyosaurus 
verschlang nach palaontologischer Zeitschatzung schon an die 
hunderttausend Jahre vor dem Siindenfalle Adams die Fische des 
Meeres. Und die korperlichen, dem Menschen oft ans Herz 
greifenden Leiden der Tiere lassen die Deutung einer Sundenstrafe 
nicht zu. Pathologische Erscheinungen, Krankheiten, finden sich 
im Tier- wie Pflanzenreich. Die Biologie erweist sich jener 
Theodiceebetrachtung wenig giinstig. 

Vielleicht die beste Rechtfertigung diirften die Uebel und 
Leiden des Diesseits erwarten von ihrer Wertung als Mittel zur 
Lauterung und moralischen Erziehung. Das Leid ist nach dem 
bekannten Worte Meister Eckharts das schnellste Tier, das zur 
VoUkommenheit tragt. Aber seine tatsachlichen Formen bleiben 
gleichwohl irrational und erregten seit den Tagen Hiobs immer 
neue Zweifel an der Giite und Weisheit eines gottlichen Vaters, 
den ein boser Geist an Erfindung qualvoller Heimsuchungen kaum 
hatte iiberbieten konnen. 

An diesem Punkte erschliesst die Logik der Zwecksetzung- 
der theistischen Metaphysik gewisse Hilfsquellen, aus denen sie 
rational ebenso wenig widerlegbare wie iiberzeugende Argumente zu 
schopfen vermag. Das allgemeinste Schema der Wertlehre enthalt 
die korrelative Zuordnuug von Oberwert und Unterwert, von Zweck 
und Mittel. Die Setzung urspriinglicher Werte ist stets eine iiber- 



Zur Logik der Gottesbeweise. 319 

logische Tat, die keinen rationalen Beweis, sondern einen blossen 
Hinweis auf ihren eigenen Inhalt als ein irrationales Letztes 
zulasst Es eroffnet sich darura einer entsprechenden Welt- 
stimmung und Grundbewertung des Daseins die Moglichkeit Welt- 
zwecke zu setzen, die alien Disharraonien eine metaphysische 
Auflosung gestatten. In der formalen Betatigung dieser Wertungs- 
fimktionen konnen sich die Anhanger einer tragisch-atheistischen 
mit denen einer theistischen Weltanschauung begegneu, wie ver- 
schieden ihr materiales Ergebnis sein mag. Heraklit, die Stoiker 
und Neuplatoniker, denen Augustinus folgte, waren von der Grund- 
iiberzeugung eines Weltzwecks durchdrungen, erklarten demnach 
alles scheinbar Zweckwidrige als sinnvoll „im Rahmen des Ganzen". 
Nach demselben Schema fand sich christliche Froramigkeit und 
Denkweise mit den empirischen Sinnlosigkeiten ab. Sie vertraute 
kraft eines urspriinglichen, unerschiitterlichen Glaubens, dass im 
Lichte der Ewigkeit und des uns endlichen Geistern verborgenen 
gottlichen Eatschlusses alle unverstandenen Schickungen hochster 
Weisheit entstammten und „ denen, die Gott lieben, zuni Besten 
gereichen" mussen. 

Entsprechend den logischen Beziehungen innerhalb eines 
Wertsystems ist auch im Hinblick auf jenseitige Vergeltung und 
Ausgleichung ein metaphysischer Sinn des Menschenlebens nur fiir den 
gesichert, der es als zweckmassig bejaht, dass der Mensch durch 
Leiden, und zwar solche der empirischen Art, zur Glorie eingehe. 
Dass nur das Leiden am schnellsten zur Vollkommenheit tragt, 
kann metaphysisch weder bewiesen noch widerlegt werden. Es ist 
dies gar keine Frage an den Verstand, sondern eine Angelegenheit, 
die durch die irrationalen Urwertungen des Menschen in Ver- 
bindung mit seinen eigenen Lebenserfahrungen entschieden wird. 
Die Berufung auf Gottes „unerforschlichen Ratschluss" setzte 
immer schon den in bestimmter Willensrichtung wurzelnden Glauben 
und die vertrauensvoUe Hingabe an einen „lieben" Gott voraus. 
Sogar Schopenhauer muss einraumen, die Existenz eines gUtigen 
Gottes sei keine logische Unmoglichkeit ; das unserer empirischen 
Einsicht als zweckwidrig anmutende Geschehen konne in Beziehung 
auf einen uns unbekannten transzendenten Weltzweck teleologische 
Bedeutung haben. 

Der Spielraum solcher Moglichkeiten hot dem Theismus ein 
willkommenes asylum ignorantiae, das alle Zweifel an Gottes 
Vatergiite zum Schweigen brachte. Eine gewisse forraale Logik 



320 J. M. Verweyen, 

des teleologischen Gedankenganges hob alle intellektuellen Bedenken 
auf, ohne damit an sich die emotionalen iiberwunden zu haben. 
Praktisch mochten die Zweifel des Herzens infolge einer intellektu- 
alistischen Erziehung durch die Formeln des Verstandes lange Zeit 
tibertont und unterdriickt werden. Wagten sie sich aber doch in 
den Blickpunkt des Bewusstseins, so lenkten sie den Menschen 
auf eine ganz andere Einstellung. Sie nOtigten ihn, sich in die 
•seelische Lage eines allweisen nnd allgiitigen Vaters einzufiihlen, 
der eine Welt namenlosen Leids voraussah un,d sie dennoch ins 
Dasein rief. Nur wer von seinen eigenen tiefsten Wertungen aus 
eine solche Tat gutzuheissen vermochte, gewann damit einen 
wahrhaft lebendigen und redlichen Glauben an den Gott des 
Theisraus. Im anderen Falle musste er sich, gemass der Strukiur 
seines Innenlebens zu einem von Grund aus veranderten Weltbild 
bekennen, zu der Vorstellung eines — menschlich gesprochen — 
selbst leidenden und ringenden, personlichen oder unpersonlichen, 
bewussten oder unbewussten Weltprinzips, das dem kiinstlerischen 
Schaffensprozess gleich die Endlichkeit keiner Entwicklungsstufe 
verleugnen kann. Die Priifung des eigenen, von der Reflexion 
und Dialektik noch ungefalschten Welterlebens war ausserordent- 
lich erschwert bei denen, welche sich einmal im Banne der 
formalen Logik des unerforschlichen gSttlichen Ratschlusses be- 
fanden. Diese Idee reichte dem Theismus einen intellektuellen 
Zauberschliissel, der das Tor des Glaubens an einen metaphysischen 
Siun des Daseins in alien widerstrebenden Erfahrungen off en hielt; 
sie war gleichsam ein generelles Quietiv, das von vornherein 
auf eine Erhellung aller scheinbaren Sinnlosigkeiten im Einzelleben 
verzichtete. 

Nach liberlieferter theistischer Gewohnheit spricht auch Kant 
nur ganz allgemein von der „unermesslichen Mannigfaltigkeit, 
Ordnung, Zweckmassigkeit und Schonheit" der gegenwartigen 
Welt, ohne sich in seinem kritischen Hauptwerk mit den einzelnen 
mindestens scheinbaren Zweckwidrigkeiten der Erfahrung ausein- 
anderzusetzen. Der teleologische Gottesbeweis verdient nach Kants 
Worteu „jederzeit mit Achtung" genannt zu werden. Er sei der 
alteste, klareste und der gemeinen Menschenvernunft am moisten 
angemessene, er verhelfe dem „Glauben an einen hochsten Urheber 
bis zu einer un wider steh lichen Ueberzeugung". Doch vermoge 
auch er den strengsten Anspriichen nicht standzuhalten. Er fiihre 
im giinstigsten Falle nur zu einem Weltbaumeister. Um einen 



Zur Logik der Gottesbeweise. 321 

Weltschopfer zu beweisen, miisste er die Zufalligkeit der geord- 
neten Materie, nicht nur ihrer Form, voraussetzen. Dadurch aber 
wiirde er die Analogie mit den menschlichen Kunstwerken verlassen, 
die Erfahrung iiberschreiten und wie der kosmologisclie Beweis in 
den ontologischen einmiinden. 

Die Aufdeckung ihres ontologischen Charakters bildet das 
Hauptbemuhen Kants in seiner Kritik aller Gottesbeweise 
der natiirlichen Theologie aus spekulativen Prinzipien der Vernunft. 
Er verkennt nicht, dass der kosmologische Beweis im Gegensatz 
zum ontologischen „eigentlich von der Erfahrung anhebt", folglich 
nicht „auf lauter reine Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen 
setzt". Aber das Ansehen, das er sich durch einen empirischeu 
Ausgangspunkt gebe, sei triigerisch. Denn im Fortgang des Be- 
weises werde aus dem Begriff des absolut notwendigen Wesens 
auf dessen hochste Vollkommenheit d. h. absolute Realitat, von 
dem ens necessarium auf das ens realissimum (= perfectissimum) 
geschlossen. Das aber sei das umgekehrte, im Prinzip gleiche und 
ebenso unberechtigte Verfahren wie im ontologischen Beweise aus 
lauter Begriff en. Die angebliche Erfahrung sei folglich „ganz 
miissig". Denn sie diene nur dazu, uns auf einen „ Begriff der 
absoluten Notwendigkeit zu fiihren, nicht aber, um diese an irgend 
einem bestimmten Dinge darzutun. Denn sobald wir dieses zur 
Absicht haben, miissen wir sofort alle Erfahrung verlassen, und 
unter reinen Begriffen suchen, welcher von ihnen wohl die Be- 
dingungen der Moglichkeit eines absolut notwendigen Wesens ent- 
halte. 1st aber auf solche Weise nur die Moglichkeit eines solchen 
Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargetan; denn es 
heisst so vie! als: unter allem Moglichen ist Eines, das absolute 
Notwendigkeit bei sich fiihrt, d. i. dieses Wesen existiert schlechter- 
dings notwendig". 

Hinter jenem unscheinbaren „nur", welches den empirischen 
Ausgangspunkt des kosmologischen Argumentes auf die blosse Ver- 
mittelung des Begriffs absoluter Notwendigkeit beschrankt, verbirgt 
sich der ganze Gegensatz Kants zur aristotelischen-thomisti- 
schen Metaphysik. Denn diese betrachtete die Erfahrung nicht 
lediglich als Ausgangspunkt fiir den Begriff eines ens neccessarium, 
sondern zugleich als Rechtsgrund seiner realen Giiltigkeit. Sie 
sah darum einen wesentlichen Unterschied zwischen dem kosmo- 
logischen und ontologischen Verfahren, dem die empirische Stiitze 
gan^lich fehle. Aber sie war sich des nur begrifflichen Verfahrens 



322 J. M. Verweyen, 

bei dem Schluss aus der Notwendigkeit eines Wesens auf dessen 
Vollkommenheit wohl bewusst. Sie hielt diesen Schluss fur 
zwingend. Kant dagegen setzte gerade an diesetn Punkte rait 
seiner Kritik ein. Er griff dabei zuriick auf die Lehre von der 
Umkehrung der Urteile und erklarte das Urteil: jedes schlechthin 
notwendige Wesen ist zugleich das allerrealste Wesen der Umkehr 
per accidenz fahig (wie in der Schulsprache eine gewisse Verwaud- 
lung des allgemeiu bejahenden Urteils in ein entsprechendes parti- 
kulares genannt wird): einige allerrealste Wesen sind zugleich 
schlechthin notwendige Wesen. Dieser aus reinen Begriffen 
gewonnene Satz aber bilde den Ausgangspunkt des ontologischen 
Beweises, auf den sich folglich der kosmologische zuriickfUhren 
lasse. Dieser berge „ein ganzes Nest von dialektischen Anmassungen" 
in sich, wenn er von der auf die Erfahrung eingeschrankten Kausa- 
litat einen transzendenten Gebrauch mache, aus der Unmoglich- 
keit einer „unendlichen Reihe iibereinander gegebener Ursachen in 
der Sinnenwelt" auf seine erste Ursache schliesse und die logische 
Moglichkeit eines absolut vollkommenen Wesens mit der meta- 
physischen gleichsetze. 

Wie man auch die Gedankengange des kosmologischen Argu- 
ments erkenntnistheoretisch einschatzen mag, in logisch-metho- 
discher Hinsicht heben sie sich vou dem ontologischen deutlich ab. 
Dort ist der Begriff des absolut notwendigen Wesens das Ergebnis 
einer Reflexion auf die Erfahrung und daher mindesteus mit 
einem gewissen (von Kant an sich nicht geleugneten) empirischen 
Einschlage behaftet. Hier dagegen handelt es sich urn einen ganzlich 
apriorischen Begriff des allerrealsten Wesens, dessen Existenz noch 
in jeder Hinsicht fraglich ist. Dort leitete man einen zweiten Be- 
griff ab aus einem andern, den man im Zusamraenhange mit der Er- 
fahrung — berechtigter oder unberechtigter Weise — gewonnen hatte. 
Hier dagegen erschloss man eine Realitat auseinem blossen Begriffe. 

So bleibt fiir Kant entsprechend seiner Grundanschauung, 
welche nur Gegenstande moglicher Erfahrung als erkennbar be- 
trachtet, das hochste Wesen „fiir den bloss spekulativen Gebrauch 
der Vernunft ein blosses, aber doch fehlerfreies Ideal, das die 
ganze menschliche Erkenntnis schliesst und kront, dessen objektive 
Realitat auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht 
widerlegt werden kann, und, wenn es eine Moraltheologie geben 
soUte, die diesen Mangel erganzen kann, so beweiset alsdann die 
vorher nur problematische transzendentale Theologie ihre Unent- 



Zur Logik der Gottesbeweise. 323 

behrlichkeit diirch Bestimmung ihres Begriffes und unaufhorliciie 
Zensur einer durch Sinnlichkeit oft genug getauschten und mit 
ihren eigenen Ideen nicht immer ubereinstimmenden Vernunft". 
Gleichwohl sind die kosmologischen Ideen auch fiir Kant „nicht 
willkurlich erdacht", sondern „notwendige" Ergebnisse, auf welche 
die Vernunft „im kontinuierlichen Fortgang der empirischen 
Synthesis gefiihrt wird", — nur eben keine Erkenntnisse, wie sie 
von den Gegenstanden moglicher Erfahrung gewonnen werden kann. 

Eine starke Stiitze und Erganzung erhoffte der kosmologische 
Beweis von einer dritten Gruppe andersartiger Argumente, die 
man als anthropologische zusammenfassen kann. Sie beziehen 
sich auf spezielle Eigentiimlichkeiten der menschlichen Natur, 
deren kausale Analyse zu demselben Ziele fiihre. Die moralische 
— auch als deontologisch bezeichnete — Form griindet sich auf 
die sittliche Pflicht (deon) und verlauft nach dem einfachen 
Schema: jedes Gesetz fordert einen Gesetzgeber; das in uns 
wirksame Sittengesetz schliesst eine unbedingte Verpflichtung in 
sich und weist darum auf einen absoluten, hochsten Gesetzgeber hin, 
nur im personlichen Gott findet man die Wurzeln der Pflicht, einen 
ihrer wiirdigen Ursprung und eine ihr entsprechende Sanktion. 

Diese Folgerungen sind entweder lauter analytische Urteile 
Oder sie deuten auf ein verwickeltes Problem. Wird das von uns 
erlebte moralische SoUen ohne Bedenken in Parallele zu dem Impe- 
rativ sonstiger Gesetzgebung, etwa des Staates, gestellt, so ist 
der Schluss auf 3in analoges Prinzip selbstverstandlich. Unent- 
schieden aber bleibt auch hier — wie im teleologischen Beweis — 
die Personlichkeit des organisierenden und gesetzgebenden Prinzips. 
Der moralische Gottesbeweis iibersah, dass absolute Geltung und 
relativ empirische Entstehung einander nicht ausschliessen. Die 
Unbedingtheit, mit der sich irgend eine Forderung oder ein 
Geltungsanspruch in unserm Bewusstsein kundgibt, widerstreitet 
nicht der Bedingtheit ihres Werdeus. Zumal die psycho-analy- 
tische Betrachtungsweise belehrt uns, dass die bewussten Un- 
bedingtheiten in unterbewussten Zufalligkeiten begriindet liegen 
konnen und nach Veranderung der bisherigen Bedingungen ent- 
weder ganz schwinden oder andere Form annehmen. Sie macht 
— auf die Entwicklung der Moral angewandt — auch das Bewusst- 
sein sittlicher Unbedingtheit, den kategorischen Imperativ, ver- 
standlich als einen Niederschlag bestimmter, in Jahrtausenden 
erworbenen Gattungserfahrungen, deren Entstehung wie vieles 



324 J. M. Verweyen, 

andere nicht in das Bewusstsein des Einzelnen fallt, von diesem 
hochstens aus historischen und psychologischeu Griindeu erschlossen 
werdeu konnen. Die Biologie stiitzt deu entwicklungsgeschictit- 
lichen Erklarungsversuch durch zahlreiche Beispiele aus dem Leben 
der Tiere, die ein in der menschlichen Sphare als „sittlich" 
bewertetes Verhalten offenbaren. 

Eine etwas modifizierte Form des deontologischen Gottes- 
beweises findet auch in Kants System Eingang, das gewisse Haud- 
lungeu „ nicht darum ftir verbindlicli halt, well sie Gebote Gottes 
sind, sondern sie als gottliche Gebote ansieht, darum, weil wir 
dazu innerlich verpflichtet sind". Der kategorische Imperativ 
bildet ftir Kant die Grundlage eines „Vernunftglaubens" an Gott, 
Freiheit und Unsterblichkeit. Diese drei Postulate bedeuten 
theoretisch unbeweisbare unwiderlegbare, aber mit dem Sitten- 
gesetz unzertrennlich verkntipfte Satze. Sie begrunden „ nicht 
logische, sondern moralische Gewissheit", und zwar wiederum nicht 
objektive, sondern nur subjektive — im Sinne des Kantischen 
Wortes: ,,Der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit 
meiner moralischen Gesinnung so verwebt, dass, so wenig ich 
Gefahr — laufe, die erstere einzubussen, eben so wenig besorge 
ich, dass mir der zweite jemals entrisseu werden konne . . ., weil 
dadurch meine sittlichen Grundsatze selbst umgesturzt werden 
wurdeu, denen ich nicht eutsagen kann, ohne in meinen eigenen 
Augen verabscheuungswurdig zu sein". Es ist kein logisch ratio- 
naler, sondern ein psychologisch emotionaler Zusammenhang, der 
in Kant die Ueberzeugung vom Dasein Gottes mit dem sittlichen 
Bewusstsein verbindet und beiden denselben Grad der Gewissheit 
verleiht. Auf eine veranderte seelische Verfassung, welche das 
Sittengesetz ohne die theistische Folgerung anerkannte, verfehlte 
deshalb die Theorie der Postulate jeden Eindruck. Ja, sie war 
dem Verdacht einer gewissen Halbheit und Unredlichkeit aus- 
gesetzt, welche das kritische Ergebnis des Verstandes aus Bedtirf- 
nissen des Gemtites zurticknehmen. Die Logik des Kantischen 
Systems ist solchem Vorwurf nicht preisgegeben. Die Kritik 
der reinen Vernunft spricht nur die Unerkennbarkeit des Daseins 
Gottes, nicht seine Leugnung aus. Sie lasst seine Existenz als Mog- 
lichkeit offen, deren Wirklichkeit die moralisch-praktisch gerichtete 
Vernunft auch ihrerseits nicht objektiv zu beweisen beansprucht, 
gleichwohl als Gegenstand ihrer subjektiven Ueberzeugung festhalt- 
Der im Naraen der Wissenschaft viel angefeindete Primat der prak- 



Zur Logik der Gottesbeweise. 325 

tischen Vernunft griindet sich auf eine relativ berechtigte Wertent- 
scheidung, die intellektuellen Angriffen nicht weniger standhalt 
als die entgegengesetzte Hoherwertung der theoretischen Vernunft. 
Trotz aller erkenntnistheoretischen Vorbehalte pflichtet Kant 
dem Ergebnis des moralischen Gottesbeweises ebenso bei, wie dem 
des teleologischen. Er riihmt der praktischen Moraltheologie als 
eigentiimlichen Vorzug vor der spekulativen nach, „dass sie unaus- 
bleiblich auf den Begriff eines einigen, allervoUkommensten 
und verniinftigen Urwesens fiihret, woranf uns spekulative 
Theorie nicht einmal aus objektiven Griinden hinweiset, ge- 
schweige uns davon iiberzeugen konnte. Denn, wir finden weder 
in der transzendentalen noch nattirlichen Theologie, soweit uns 
auch Vernunft darin fiihren mag, einigen bedeutenden Grund, nur 
ein einiges Wesen anzunehraen, welches wir alien Naturursachen 
vorsetzen und von dem wir zugleich diese in alien Stiicken ab- 
hangend zu machen hinreichende Ursache batten. Dagegen, wenn 
wir aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Einheit als ein em not- 
wendigen Weltgesetze die Ursache erwagen, die diesem allein den 
angemessenen Effekt, mithin auch fiir uns verbindende Kraft 
geben kann, so muss es ein einiger oberster Wille sein, der alle 
diese Gesetze in sich befasst. Denn, wie wollten wir unter ver- 
schiedenen Willen vollkommene Einheit der Zwecke finden ? Dieser 
Wille muss aligewaltig sein, damit die ganze Natur und deren 
Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt ihm unterworfen sei; all- 
wissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und deren 
moralischen Wert erkenne ; allgegenwartig, damit er unmittelbar 
alien Bediirfnissen, welche das hochste Weltbeste erfordert, nahe 
sei ; ewig, damit in 1? einer Zeit diese Uebereinstimmung der Natur 
und Freiheit ermangele, usw.''. Diese Deduktionen nehmen den 
gleichen formalen Verlauf, wie er scholastischer Metaphysik bis 
heute gelaufig ist. Nur sieht diese in der sich auf die Tatsache 
des moralischen Bewusstseins griindenden denknotwendigen Ab- 

^) Zur PsycLologie der moralischen Struktur Kants und ihrer 
Verwandtschaft mit der christlichen sind seine Worte bezeichnend : „Ohne 
also einen Gott und eine fiir uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt 
sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstande des Beifalls 
und der Bewunderung, aber nicht Triebfedem des Vorsatzes und der 
Ausiibung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der einem jedem verniinftigen 
Wesen natiirlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt 
und notwendig ist, erfiillen". Kritik der reinen Vernunft, Methodenlehre, 
2. Hauptstiick, 2. Abscbnitt. 



326 J. M. Verweyen, 

leituDgen des Begriffs zugleich eine Gewahr seiner metaphysischen 
Tragfahigkeit. Die formale Logik ist in beiden Fallen die 
gleiche, die materiale (erkenntnistheoretische) Deutung 
eine verschiedene. 

Eine gewisse Verwandtschaft verbindet den moralischen 
Gottesbeweis mit dem noethischen. Dort ist es die Pflicht, die 
als unbediugte Forderung dem Willen gegeniibertritt, hier ist es 
die Wahrheit, die als allgemeingiiltige Norm dem Denken die 
Richtung weist und von ihm Anerkennung verlangt. Die Wahrheit 
ist eine ideale Macht zeitloser Geltung, die wir in zeitlich verlauf eneu 
seelischen Prozessen erfassen. Sie verlangt folglich — so schliesst 
man — einen dem Wechsel endlicher Geister und ihrer Denkvorgange 
entriickten Ursprung. Sie zwinge zu dem Schluss auf einen ewigen 
Geist, auf Gott, „die Wahrheit selbst", welche als Urwahrheit die 
Herrschaft einzelner Wahrheiten iiber unseren Verstand erklare. 

Das Walten derselben Normen in verschiedenen denkenden 
Subjekten ist eine Tatsache, die der Klarung bedarf. Die Erkennt- 
nistheorie pflegt bei den abstrakten Begriffen des „Reiches der 
Werte", der „Sphare der Geltung" halt zu machen. Aber so 
sehr dies in der Ebene kritischer E>agestellung nach den logischen 
Bedingungen der GUltigkeit ausreicht, ebenso weist es auf eine 
Erganzung durch genetische Fragestellung. Auf empirischem Wege 
aber glaubt dieser Gottesbeweis sei keiue ausreichende Antwort 
moglich. Nur die theistische Metaphysik biete sie, nur die Annahme 
eines personlichen realen „absoluten Geistes", der selbst ausserhalb 
aller Zeitlichkeit die ewigen Normen des Wahren inuns gelegt habe. 

Eine an Psychologic und Biologie orientierte entwicklungs- 
geschichtliche Denkweise muss ihrem Prinzip gemass solchem 
Schluss die Zustimmung versagen. Sie wird die Unterwerfuug 
vieler denkenden Subjekte unter demselben Norrazwang ebenso als 
eine — wenn auch eigenartige — Naturerscheinung ansehen wie 
die Herrschaft derselben physiologischen Gesetze in alien Wesen 
der menschlichen und tierischen Gattung. Genetische Methode 
wird versuchen die Unbedingtheit der logischen Verpflichtung ahn- 
lich zu begreifen und abzuleiten wie die der ethischen. 

Weniger abstrakt als das moralische und noethische ist das 
ethnologische Argument, mit welchem die anthropologische 
Gruppe von Beweisen ihren Abschluss findet. Es stiitzt sich auf 
die allgemeine Verbreitung des Gottesglaubens bei den Volkern 
aller Zeiten. Cicero wie die Deisten des 18. Jahrhunderts fanden 



Zur Logik der Gottesbeweise. S*' 

in dieser durch die inoderne Ethnographie bekraftigten Tatsache 
eine wichtige Bestatigung fUr die erste, grundlegende Wahrheit 
der uattirlichen Religion. Der consensus communis erschien als 
voUwertiges Zeugnis fiir die Realitat des Gegenstandes, auf den 
er sich bezog. 

Ein solcher Gedankengang empfiehlt sich mehr durch seine 
Anschaulichkeit als durch seine logisch zwingende Kraft. Quantitat 
uud Qualitat, Zahlen und Wert stehen oft in umgekehrtem Ver- 
haltnis. Der starkste Glaube der grossten Menge bietet keine 
Garantie fiir seine objektive Wahrheit. Er bezeugt hochstens die 
Unabweisbarkeit eines bestimmten seelischen Verlangens, dessen 
Deutung eine Frage fiir sich bleibt. In all seinen Formen setzt 
der einem eudamonistischen Motiv entstammende Schluss: „Wir 
bediirfen Gottes, also ist er" eine ihm entgegenkommende theis- 
tische Stimmung voraus, die iiber seine logischen Mangel hinweg- 
hilft. Das heisseste Verlangen zaubert dem Wanderer in der 
Wiiste keinen Trunk Wassers herbei. Keine Intensitat des Glaubens 
Oder Hoffens verbiirgt die Realitat des Geglaubten und Erhofften. 
Die Wirklichkeit der Erlebnisse und die ihrer Gegenstande, auf 
welche sie sich beziehen, gehoren gleichsam verschiedenen Ebenen 
an. Selbst die Bereitschaft zum Tode offenbart nur die Glaubens- 
energie des Martyrers und den ethischen Lebenswert der von ihm 
verteidigten Lehre, nicht deren theoretische Wahrheit. Derselben 
blendenden Verwechselung, welcher die Apologetik bei ihrem 
Argument aus den Blutzeugen fiir die „christliche Wahrheit" und 
der Berufung auf die siegreiche Fortdauer der Kirche immer wieder 
erlegen ist, macht sich der ethnologische und eudaimonologische 
Gottesbeweis schuldig. Die Tragik eines metaphysischen Wider- 
spruchs zwischen einer Sehnsucht und der Moglichkeit ihrer Er- 
fiillung bleibt dem Theismus verschlossen. Die Ueberzeugung vom 
unendlich vollkommenen Gott, der keinen dauernden Zwiespalt in 
seinem Werke zulasst, fordert die Auflosung aller Dissonanzen in 
den Weltakkorden und versperrt den Weg zu den tiefsten Abgriinden 
unseres Daseins. — 

Trotz des relativen Vernunftgehalts, den bei unbefangener 
Analyse die iiberlieferten Gottesbeweise entdecken lassen, vermogen 
sie kein unerschiitterliches Fundament fiir die theistische Welt- 
anschauung aufzurichten. Je dogmatischer sie ihren Anspruch 
geltend machen, um so starker und begreiflicher wird der innere 
Widerstand, zu dem sie das kritische Denken herausfordern. Die 



328 J. M. Verweyen, Zur Logik der Gottesbeweise. 

Einsicht in ihre Struktur verbietet die Zustimraung zu deu haufig 
angerufenen Worten, nur das „halbe Denken" fiihre zum „Teufel", 
das „ganze Denken" dagegen zu Gott, nur oberflachliche Reflexion 
— leves gustus in philosophia — stiitzten den Atheismus, philo- 
sophische Grundlichkeit dagegen — pleniores haustus — lenkten 
wieder zuriick auf den ,wahren' Gott. Zwar kann keine Philo- 
sophic, die ihre Aufgabe umfassend genug versteht, irgend eines 
Gottesbegriffs entraten. Doch vermag sie als kritische Wissen- 
schaft sich nicht zu dem theistischen zu bekennen, am wenigsten 
zu einer Auffassung, die sich im dogmatischen Besitze einer 
,,sicheren und beweisbaren" Gotteserkenntnis im Sinne des Theis- 
mus wahnt, in stolzer Ueberhebung hinter jeder ITorm des Atheis- 
mus intellektuelle Oder gar moralische Schwache seiner Verteidiger 
mutmasst — nach dem Worte eines roraischen Schriftstellers, der 
Gottesleugnung stets an ein gewisses „Interesse" geknupft findet: 
nemo deum esse negat nisi cui deum non esse expedit. Neb en 
eiuem Atheismus aus Leichtsinn und Willkiir ist ein 
anderer denkbar, welcher der Ehrfurcht entspringt vor 
dem Ratsel des Daseins, das er durch die theistische Welt- 
form el nicht gelost findet. Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen 
und Geheimnisvollen wagt es nur, sich in Gleichnissen und vorsichtigen 
Vermutungen iiber die letzten Griinde der Wirklichkeit und die in ihr 
waltenden Machte auszusprechen. Sie weckt eine kritische Geistes- 
haltung, welche allzu dogmatische Deutungen herabstimmt. Sie scharft 
dasAugefiirandereMoglichkeitenwiderspruchsfreierWeltbetrachtuug, 
ohne sich zu vermessen in ihrem Rahmen alle Probleme der Welt und 
des Menschenlebens gelost zu haben. Sie zollt dem kritisch ver- 
standenen Worte eines mittelalterlichen Metaphysikers, das von 
diesem freilich in einem weit positiveren Sinne gemeint war, 
Anerkennung: Haec est summa cognitio quam de deo in statu 
vitae habere possumus ut cognoscamus Deum esse supra omne id 
quod cogitamus de eo.^) 

Blosse negative Absage an eine bestimmte geistige Richtung und 
Denkweise diinkt den Philister nur ein unscheinbarer Gewinn. Dem 
schopferischen Menschen eroffnet sie einen Ausblick in ueue Weiten. 
Dazu verhilft auch die Einsicht in die Alogik der Gottesbeweise. 

») Dies ist die hOchste Erkenntnis, die wir im gegenwartigen Leben 
von Gott gewinnen konnen, dass wir einsehen, Gott sei erhaben iiber alles, 
was wir von ihm denken. (Thomas von Aquino). 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart 

unter besonderer Berflcksichtigung von 

Paul Barth „Oie Phiiosophie der Geschichte als Soziologie". 

Von Arthur Liebert. 



Als nach der unruhmlichen Episode des Materialismus die Phiiosophie 
in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu neuem Leben 
erwachte und zu neuer Entwicklung kam, da bildete bei dieser Wendung 
der Dinge die „Riickkehr zu Kant" einen der ausschlaggebenden Faktoren. 
Im Jahre 1860 erschien Kuno Fischers grundlegendes und bahnbrechen- 
des Werk fiber Kant; ihm folgte 1865 Otto Liebmann mit dem Buch; 
„Kant und die Epigonen", dessen Kapitel vom 2. Kapitel an jedesmal mit 
dem Ruf schlossen : Also muss auf Kant zurtickgegangen werden ; dann er- 
schien 1866 Friedrich Albert Langes beruhmte „Geschichte des Mate- 
rialismus", die in ihren systematischen Teilen einen ethischeh Idealismus 
in Anlehnung an Kant vertrat, und 1871 Hermann Cohens mit ausser- 
ordentlichem Scharfsinn verfasstes, die Systematik der Kantischen Phiio- 
sophie aufrollendes und in diese Systematik tief eindringendes Werk fiber: 
„Kants Theorie der Erfahrung". Aus diesen und anderen Werken erwuchs in 
der Hauptsache diejenige Richtung, die man als >Neukantianismus« zu 
bezeichnen pflegt; zugleich war durch jene Werke der Charakter dieser 
Richtung im wesentlichen f estgelegt und bestimmt . Denn mit der grund* 
satzlichen Anknfipfung an Kant war ffir den systematischen Ausbau und 
Fortgang der Phiiosophie von vornherein eine eigentflmliche Haltung und 
Einstellung, eine bestimmte Wegrichtung und Zielsetzung gegeben. In- 
dem namlich der neuerstelienden Phiiosophie wieder die kritische Aufgabe 
der Gruudlegung der Erkenntnis, die Aufgabe der kritischen Wissenschafts- 
theorie zugestanden wurde, verwirklichte der Neukantianismus dieses Pro- 
gramm zunSchst dadurch, dass er die kritische Begrundung der Mathematik 
und der »exakten« Wissenschaften in Angriff nahm und vollzog. Das ge- 
schah wohl nicht nur darum, weil es damals diese Wissenschaften waren, 
die im Vordergrunde des intellektuellen Lebens standen, soiulern weil 
Kants eigene wissenschaftliche Interessen besonders diesen Gebieten galten, 
und er mit ihnen durch mannigfache theoretische Beziehungen verknupft 
war. Nicht zuletzt kommt in Betracht, dass sowohl Liebmann, als audi 
Lange und Cohen viel mehr nach der Seite der Mathematik und der 
Naturwissenschaften als nach der der sogen. Geisteswissenschaften orien- 
tiert waren. Dieser bedeutsame TJmstand spiegelt sich in ihren Werken 

Kantatmdien XXII. 22 



330 Arthur Liebert, 

naturgemass wieder und wirkte von da aus welter auf einen grossen Kreis 
von Schiilern, die in ihrem Geiste dann zu arbeiten fortfuhren. 

So beherrschte eine ganze Zeit hindurch die Theorie der Mathematik 
und der Naturwissenschaften die Arbeit der wissenschaftlichen Philosophic. 
Die kritische Grundlegung der Geisteswissenschaften hingegen, d. h. das Stu- 
dium der Voraussetzungen und Gesichtspunkte, der Eigenart und des Eigen- 
wertes derjenigen Erkenntnis, deren Gegenstand die Erforschung der ge- 
schichtlichen Wirklichkeit darstellt, und das von der systematischen Einheit 
und dem systematischen Fortschritt der Philosophic nicht minder dringend 
verlangt wird, kam erst, so wird man sagen dtirfen, in Fluss und Pflege 
mit dem Erscheinen von Wilhelm Diltheys „Einleitung in die Geistes- 
wissenschaften", also seit dem Jahre 1883. Und wie Dilthey selber von 
geschichtlichen Studien herkam, so wandten sich der Theorie der Ge- 
schichtswissenschaften nun auch Forscher zu, die auf dem Arbeitsgebiet 
der historischen Erkenntnis heimisch und tatig waren. 

Vergleicht man nun die kritische Geschichtsphilosophie der Gegen- 
wart mit der kritischen Naturphilosophie unserer Zeit, so filllt sofort ein 
charakteristischer Uuterschied in die Augen. Im Gegensatz zur Natur- 
philosophie hat die Geschichtsphilosophie eine ausserordentliche Mannig- 
faltigkeit und Verschiedenartigkeit geschichtsphilosophischer Theoreme und 
Systeme zu verzeichnen. DerGrund dafiir liegt offenbar darin> dassweder 
tiber den Gesichtspunkt und das Verfahren, nach denen die zu leistende 
Grundlegung der geschichtlichen Erkenntnis zu erfolgen hat, noch tiber 
die Wesensart dieser Erkenntnis und tiber ihr Verhaltnis zur Naturwissen- 
schaft eine nur annahernde Einheitlichkeit in den Ansichten erreicht ist. 
Es werden fur jene Grundlegung so ziemlich alle Methoden verwendet, 
die uberhaupt in der Entwicklung der Philosophic und Wissenschaft her- 
vorgetreten sind: wir finden die naturwissenschaftliche Methode ebenso 
vertreten als die psychologische oder als die genetische, nicht minder die 
iuduktive und die deduktive, die emotionale und die rationale ; und endlich 
wird immer starker die Uberzeugung verfochten, dass es allein das kritisch- 
transzendentale Verfahren sein kOnne, das ftir jene Grundlegung in Be- 
tracht kslme. 

Aber diese verwirrende Meinungsverschiedenheit ist nur die Folgc 
der Verschiedenheit derMeinungen tiber denCharakter und die Wesensart 
der Geschichtswissenschaft selber. Dabei sei nicht eingegangen auf die 
seltsame Ansicht, dass der gedanklichen Beschaftigung mit der Geschichte 
uberhaupt nicht der Wert der Wissenschaft innewohne, dass sic diesen 
Wert nur vortausche und gleichsam per nefas sich Wissenschaft nenne. 
Wird ihr aber der Geltungswert wissenschaftlicher Erkenntnis zuge- 
sprochen, da wird diese Anerkennung abhangig gemacht von dem Be- 
griff des Gesetzes, der ftir alle Wissenschaften die Bedeutung der 
Grundlage hat und die Funktion ihres Aufbaues ermoglicht. Vermogen 
die Geschichtswissenschaften Gesetze zu entwickeln, vermOgen sie allge- 
meine theoretische Bestimmungen zu formulieren? Und welcher Art 
sind sic? 

Damit ist wohl der Kernpunkt in der Verschiedenheit der Aus ein 
andersetzungen bertihrt. Der Streit urn den Wissenschaftscharakter der 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 331 

■Geisteswissenschaften ist der Streit um die Bestimmung des fur sie grund- 
legenden und charakteristischen Gesetzesbegriffs. Von der Art, wie dieser 
Begriff aufgefasst, von dem Sinn, in dem er vertreten wird, ist die Geltung 
j^ener Wissenschaften, ist ihre Stellung im System der Erkenntnis, ist ihr 
tlieoretisches Schicksal bedingt. Ganz besonders bedeutungsvoU und von 
der grSssten Tragweite wird zusammen mit der Entscheidung dieser Frage 
•dann die Klarstellung fiber das Verhaltnis zwischen dem geisteswissenschaft- 
lichen und naturwissenschaftlichen Gesetzesbegriff. Denn nicht selten 
■wird die Auffassung vertreten, dass die Bedeutung, dass der Sinn 
des Gesetzesbegriffs iiberhaupt in den Naturwissenschaften nicht nur 
am reinsteu und scharfsten liervortrete, sondern sich in dem naturwissen- 
schaftlichen Gesetzesbegriff geradezu erschopfte, dass der Gesetzesbegriff 
iiberhaupt identisch sei mit dem Begriff des Naturgesetzes. Auf Grund 
dieser — so ausserordentlich oft zu beobachtenden — Identifizierung wird 
dann der Begriff der Naturwissenschaften einfach mit dem Begriff der 
Wissenschaft iiberhaupt gieichgesetzt, und der Wissenschaftswert der Ge- 
schichtswissenschaft wird gemessen an dem wissenschaftlichen Geltungs- 
wert der Naturwissenschaft und von diesem abhangig gemacht. 

Wahrend so die eine Partei den Geltungswert der Geschichtswissen- 
schaften dadurch allein sicberstellen und begriinden zu konnen vermeint, 
dass sie dieselben restlos und unbedingt an das System und an die Metho- 
jiik der Naturwissenschaften anschweisst, betont und weist eine andere 
Partei darauf hin, dass jene Gleichsetzung auf einer Verkennung des theo- 
retischen Eigenwertes der Geschichtswissenschaften beruhe; die natur- 
wissenschaftliche Systematik erfiille und vertrete doch nicht den ganzen 
Gehalt des Wissenschaftsbegriffs. Es gelte, zwischen jener und diesem zu 
unterscheiden und ihre Grenzen nicht zu verwischen. Dem Wissenschafts- 
begriff als solchem kommt die umfassende systematische Bedeutung zu; 
er verkorpert den Begriff der theoretischen Gesetzlichkeit iiberhaupt und 
nicht den einer besonderen Gesetzesauspragung; er umspannt in iiber- 
greifender Form die beiden grossen Wissenschaftsgebiete, das der 
Natur und das der Geschichte. Und demgemSss handelt es sich nun darum, 
unter Wahrung der iibergreifenden Geltung jenes Begriffs und inner- 
halb seiner die methodische Eigenart eines jeden dieser beiden Gebiete, 
die Besonderheit ihrer Begriffsbildung, den grundsatzlichen Eigenwert 
ihrer Strukturen, d. h. die Selbstandigkeit eines jeden herauszuarbeiten, 
ihre Grenzen ebensowenig raiteinander zu vermischen als ihre Einordnung 
in die allgemeine Systematik der Wissenschaft zu iibersehen*) — . 



') Bemerkt sei dabei nur kurz, dass wohl fast "alle Fragen und Ent- 
scheidungen in diesem Problemkreis sowohl in ihrem Kern als in den 
charakteristischen Formen ihrer Auspragung nicht neu sind. Der ganze 
Streit ruht bereits im Hintergrund der wissenschaftstheoretischen Dis- 
kussionen der Aufklarungszeit von Leibniz und Wolf an bis zur er- 
folgten Begriindung der Religions wissenschaft, der Philologie, der 
historischen Kritik usw. ; nicht selten aber gelangt er auch zu unzwei- 
deutigem Ausdruck. Nicht nur das Problem der Erkenntnis im mate- 
rialen Sinne, sondern auch die Theorie iiber dieses Problem, also die 

22* 



332 Arthur Liebert, 

So bietet die Geschichtsphilosophie der Gegenwart ein ungemein 
bewegtes Bild mit vielen und reichen Ziigen, von denen durch die obigen 
Angaben nur einige wenige, wenn vielleicht auch die. in grunds&tzlicher 
Hinsicht wichtigeten angedeutet worden sind. Innerhalb dieser Bewegung 
und ihrer ganz gewaltig anwachsenden Literatur nimmt dasjenige Werk, 
iiber das im folgenden nun genauer berichtet werden soil, eine besondere 
und mit Recht geachtete Stellung ein.i) Denn in Paul Earths umfassendem 
Werk ruht sicherlich zum mindesten darum ein nicht zu unter- 
schatzender Wert, als es die grundsfttzliche Fragestellung geuau und be- 
stimmt bezeichnet und festlegt und ferner den einmal eingenommenen 
systematischen Standpunkt mit Klarheit und Entschiedenheit durchzufflhren 
sucht. Dieser Vorzug bleibt auf jeden Fall anzuerkennen, selbst wenn sich 
gegen das Recht jenes Standpunktes und gegen die Art seiner Entwick- 
lung Bedenken nicht unterdriicken lassen. Erhbht aber wird jener Wert 
durch den geradezu erstaunlichen Reichtum des historisch-kritischen Teiles ; 
in ihm wird eine fast ilberwaltigende Ftllle der verschiedensten geschichts- 
philosophischen Anschauungen und Theorien sowohl aus der deutschen als 
aus der fremdlftndischen Literatur in einleuchtenden Gruppierungen vor 
uns ausgebreitet und von dem einmal eingenommenen systematischen Stand- 
punkt aus kritisch durchleuchtet. 

Dieser systematische Standpunkt gelangt in dem ersten, als ,Grund- 
legung* bezeichneten Teil unter kritischer Auseihandersetzung mit anderen 
wissenschaftlich beachtenswerten Grundlegungen der Geschichtsphilosophie 
zur Darstellung. Fur Bar t h ist die Philosophie der Geschichte im strengsten 
und eigentlichen Sinne gleichbedeutend mit der Soziologie. (S. 124 ff. u. a. 
a. 0.). Diese Gleichsetzung finde darin ihre Rechtfertigung, dass es die 
Gesellschaft, das soziale Leben ist, das sowohl den Trager als den Gegen- 
st^nd sowohl das Subjekt als das Objekt der Geschichte bildet; denn nur das 
k5nne als geschichtlich gelten, was eine Gesellschaft betrifft und fur eine 
menschliche Gesellschaft wichtig ist (S, 76, 77, 94). Es handelt sich dabei 
nicht nur um den Rahmen, um die Formen, in denen sich das geschichtliche 
Leben abspielt, sondem mindestens ebensosehr um die erzeugende Kraft 
und Funktion desselben, d. h. um den sozialen Willen. „Die Soziologie 
ist die Lehre vom Wesen und von der Entwicklung des sozialen Willens. 
Im »Wesen« des sozialen Willens ist mehr seine Zustandlichkeit betont, 
in seiner »Entwicklung« seine Geschichte. Nach beiden Richtungen fallt 
die Soziologie zusammen mit der Philosophie der Geschichte" (S. 133 f.). 

Diese grundsatzliche Entscheidung soil ihre nahere Rechtfertigung 
aus einer doppelten Uberlegung ziehen, einmal aus einer solchen, die sich 
auf das formale Kriterium und den erkenntnistheoretisch-logischen Geltungs- 
wert, ferner aus einer solchen, die sich auf den Inhalt der Geschichtsphilo- 



Erkenntniskritik, Wissenschaftslehre usw., hat eine geschichtliche, in ge- 
nauer Kontinuitat sich aufbauende Entwicklung. 

^) Paul Barth, Professor an der Universitat Leipzig. Die Philo- 
sophie der Geschichte als Soziologie. Erster Teil: Grundlegung und 
kritische Ubersicht. Zweite durchgesehene und sehr erweiterte Auflage; 
XI und 821 Seiten; Leipzig, O. R. Reisland, 1915. 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 333 

Sophie bezieht. Der Charakter eigentlicher und wahrer Wissenschaft kttnne 
der Gechichtsphilosophie nur dann eigen sein, wenn sie lediglich das Allge" 
meine und Generelle ins Auge fasst, wenn sie zur Aufstellung allgemeiner 
Begriffe und Gesetze gelangt. Mit dieser Forderung uud Uberzeugung 
befindet sich Barth in Ubereinstimmung mit einer weit verbreiteten, 
allerdings nicht unangefochtenen erkenntnistheoretischen Ansicht. Diese 
Uberzeugung, so wird dargelegt, erwJlchst nicht etwa aus einseitiger, vor- 
eingenommener Beriicksichtigung und Bevorzugung der naturwissenschaft- 
lichen Erkenntnisform, wenngleich anerkannt wird, dass diese Form der 
Erkenntnis allerdings das Ideal der Wissenschaftlichkeit tiberhaupt erfiillt 
(S. 38). Ausschlaggebend sei vielmehr die Reflexion auf die wesentliche 
Tendenz aller Wissenschaften und auf die ihnen zugrunde liegenden Funk- 
tionen des menschlichen Bewusstseins. Der Geist der Wissenschaft spricht 
sich in der Entwicklung begrifflich-allgemeiner Einsichten, in der Erfassung 
des Einzelnen unter dem Gesichtspunkt des AUgemeinen, in der Einordnung 
und Einbeziehung des Einzelnen in das „allgemeine" Gesetz aus. Nur 
wenn auch die Geschichtswissenschaft dieses Verfahren streng befolge, sei 
sie objektive Wissenschaft, Kise sie sich los von jeder subjektivistischen 
Willktir, unterscheide sie sich von der kiinstlerischen Darstellung der Wirk- 
lichkeit. Denn die Kunst wfthle mittels einer rein geftihlsmassigen Ein- 
stellung, also ganz subjektiv, ihre Gegenstande aus und bilde sie mit 
Hilfe der Einbildungskraft zu rein individuellen Gestalten. Und was fiir 
die Geschichtswissenschaft gelte, das sei nicht minder verbindlich fiir die 
Geschichtsphilosophie. Diese habe die Aufgabe, die Notwendigkeit in der Auf- 
stellung allgemeiner Gesetze darzutun, und sie miisse ausserdem durchaus und 
iiberall darauf gerichtet sein, in den verschiedenen und so buntscheckigen 
Zusammeuhangen des Lebens das Allgemeine herauszufinden und zu fassen 
und es in allgemeiner Form auszudriicken. Sonst lauft sie Gefahr, in.un- 
berechtigter AnnSherung an die Kunst, die fiir alle wissenschaftliche Ar- 
beit allein und allgemein verbindliche logische Methode durch die schwan- 
kende Funktion des Wertens zu ersetzen. Denn jeder Wert beruht auf 
Gefiihlen, so wird polemisch gegen Rickert ausgefiihrt; Gefiihle aber 
sind subjektiv, sie kQnnen und mussen zunachst den objektiven Bestand 
einer Wissenschaft vernichten (S. 43 u. o.). Zur Rechtfertigung dieser 
Auffassung vom Wesen der Geschichtsphilosophie kame hinzu, dass sie 
sich mit der tatsachlichen Gepflogenheit und Arbeit des Historikers durch- 
aus decke. Denn auch dieser verweilt nicht bei dem Einzelnen und 
Isolierten, sondern er wendet stets allgemeine Regeln an, er hebt aus dem 
Fluss des Geschehens das Allgemeine, d. h. das die Menschen Verbindende 
>und auf weitere Kreise gestaltend und bestimmend Einwirkende heraus. 
M. a. W. : er berucksichtigt nicht den Menschen in seiner zufalligen Einzel- 
heit, sondern den Menschen in seiner sozialen Betatigung und Entwicklung. 
Mit dieser Grundauffassung ist die Methode von Earths Geschichts- 
philosophie gegeben. „Die wahre Methode der Philosophie ist die der Natur- 
wissenschaften." Dieses Wort von Karl Stumpf fuhrt Barth mit leb- 
hafter Zustimmung an (S. 66). Es gibt, so versucht er wiederholt darzu- 
legen, nur eine Methode, die naturwissenschaftliche. Deshalb erkennt er 
die Kritik nicht als berechtigt an. die Rickert gegen den allgemein 



334 Arthur Liebert, 

herrschenden Glauben an das allein seligmachende naturwissenschaftliche 
Verfahren der Begriffsbildung ins Feld fiihrt. Und ebenso lehnt er Dil- 
theys Unternehmen als undurchfiihrbar ab, das 'darin besteht, ein den 
Naturwissenschaften gegenuber selbstandiges geisteswissenschaftliches Ver- 
fahren zu entwickeln, Diltheys Bemuhung zeige nur, dass auch die 
Methoden der Geisteswissenschaften die der Naturforschung seien, dass es 
ganz unmOglich sei, dem Verfahren der letzteren irgendwie zu entrinneu 
(S. 58, 63 u. 5.). 

Was nun die Durchfiihrung dieser Methode fur den Bereich der 
Soziologie anlangt, so kann und darf sie lediglich in der Form quanti" 
tativer Abmessung erfolgen (S. 77 u. o.). Es ist nicht die eigentliche 
und wesentliche Aufgabe der geschichtlichen Forschung, sich in die Indi- 
vidualitat der einzelnen grossen Personlichkeit hineinzubohren, nur um 
nun diese IndividualitRt als solche zur Erkenntnis und Darstellung zu 
bringen; die individualistische Theorie ist eine vorwissenschaftliche 
Anschauung (S. 485); der Streit zwischen koUektivistischer und individua- 
listischer Auffassung wird „bald zuungunsten der Theorie der grossen 
Manner entschieden sein" (8. 507); es handelt sich vielmehr darura, das 
Mass und den Einfluss grosser PersSnlichkeiten auf den allgemeinen Gang 
der Entwicklung, ferner die GrOsse und den Umfang des Fortschritts 
innerhalb des fiir uns allein in Betracht kommenden westeuropaischen 
Kulturkreises seit den Tagen Homers bis zur Gegenwart zu bestimmen. 
Wir haben die Aufgabe, die allgemeine Wirksamkeit grosser geschicht- 
licher Bewegungen und ihre Kristallisierung in mehr oder minder dauern- 
den Zustanden des gesellschaftlichen Lebens nach Mass und Zahl, d. h. 
also quantitativ, festzulegen. Und die philosophische Theorie hat diese 
(also naturwissenschaftlich- quantitativ gerichtete) Erkenntnisweise der 
wiaeenschaftlichen Spezialforschung noch dadurch zu sichern und zu recht- 
fertigen, dass sie selber, iiber die besondere Anwendung in der Erforschung 
von TeJlgebieten des geschichtlichen Lebens hinaus, die Richtung auf die 
Erkenntnis der gesamten westeuropaischen Menschheit nimmt. 

Auf diese Weise kann und wird die Geschichtsphilosophie zur Auf- 
stellung eines ganz umfassenden Entwicklungsgesetzes von grundlegender und 
ausschlaggebender Wirksamkeit gelangen. Das ist das Gesetz des sittlichen 
Fortschritts. Auch dieses Gesetz ist Schopfung und Gegenstand der mathe- 
matisch-quantitativen Betrachtung. Je grosser namlich die Autonomie 
des Einzelnen, desto h5her die allgemeine Sittlichkeit. Und Barth ver- 
sucht nun in eingehenden Darlegungen den Nachweis dafur zu erbringen, 
dass im Abendlande seit dem Beginn der griechischen Kultur „die Autono- 
mie nach Umfang, d. h. nach der Zahl der selbstandigen Personen, wie 
nach Inhalt, d. h. nach der Zahl der ihnen geschiitzten Rechte stetig 
gewachsen ist" (S. 89; der Nachweis dann S. 779 ff. in dem Schlusskapitel : 
„Die Geschichte bewirkt durch den sittlichen Fortschritt"). So wird die 
quantitative, die arithmetische Betrachtung auf einen Begriff bezogen, 
von dem man annehmen mOchte, dass auf ihn kein Gesichtspunkt mit 
geringerem Rechte anwendbar sei als der naturwissenschaftliche. Aus- 
driicklich wird einmal erklart: „Das voUkommenste Muster einer Entwick- 
lung ist in der Tat die Entstehung einer arithmetischen oder geometrischen, 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 335 

iiberhaupt einer mathematischen Reihe" (S. 123, Anmerkg. 3). Zugleich 
aber wird die soziale Gemeinschaft bzw. iiberhaupt die Gesellschaft 
flls ,.geistiger Organismus" bezeichnet (S. 95 ff.); das bindende und ver- 
bindende Gesetz dieses Organismus sei zwar nicht die mechanische, auch 
nicht die physiologische Kausalitat, sondern die Kausalitat des Willens. 
Doch diirfe man dieselbe nicbt im teleologischen Sinne auffassen — Barth 
ist ein Gegner jeglicher Teleologie — sondern als organische Kausalitat 
(S, 99 u. f.). 

Damit ist die in unserem Werke befolgte Betrachtungsweise deutlich 
hestimmt. Sie kann als eine Verbindung der naturwissenschaftlich-biolo- 
gischen mit der quantitativ-mathematischen Beweisfuhrung angesprochen 
werden. Dieser Charakter erhellt, abgesehen von den grundsatzlichen 
Erklarungen, von denen oben ein Beispiel gegeben wurde, auch mit aller 
Klarheit aus den verschiedenen Ausfuhrungen, die sich auf die geschicht- 
liche Auswirkung der organischen Kausalitat beziehen. Und versucht man, 
die Eigentiimlichkeit von Barths Geschichtsphilosophie auf eine Formel 
zu bringen, so wird man sagen konnen, sie sei ihrem Prinzip wie ihren 
Darlegungen nach Naturphilosophie und Naturwissenschaft des geschicht- 
lichen Lebens. Sie begreift dieses Leben nicht aus dem ihm immanenten und 
autonomen Bedingungen, sondern sie unterstellt es grundsatzlich und von 
vomherein einer dem Gebiet der Naturwissenschaften und zwar im be- 
sonderen den mathematisch-mechanischen Naturwissenschaften entnommeneu 
Betrachtungsweise. Sie erfasst das geschichtliche Leben als eine Form 
des in kausalem Ablauf begriffeneu allgemeinen Naturgeschehens, wobei 
ihr die Methodik der Naturwissenschaften als die allein berechtigte und 
vorbildliche und der Begriff der Naturwissenschaften als der Begriff der 
Wissenschaft schlechthin gilt. — — 



Wir wollen uns nun mit einigen Bemerkungen der Kritik zuwenden. 
Was zunSchst den soeben erwahnten und grundsatzliche Bedeutung in 
sich schliessenden Gedanken betrifft, dass die mathematische Bntwicklung 
die „vollkommenste" sei, so ist es nicht recht ersichtlich, weshalb eine 
solche Reihe „vollkommener" sein soil als die z. B., die in der Entwick- 
lung und Darstellung des Syllogismus oder in dem kiinstlerischen Aufbau 
eines Dramas zum Ausdruck kommt. Ja, mir will scheinen, als wenn von 
einer mathematischen Entwicklung nur im uneigentlichen Sinne zu sprechen 
ist ; denn der Zusanimenhang mathematischer GrOssen ist eher eine Reihung, 
eine Reihenordnung. Und wenn auch jede Entwicklung als eine Reiheu- 
ordnung, iiberhaupt als eine Reihe angesehen werden kann, so gilt doch 
nicht umgekehrt der Satz, dass jede Reihe auch eine Entwicklung ist. So 
wenig wie der von der arithmetisierenden Logik unternommene Versuch 
einer Quantifizierung der logischen Gesetze gelungen ist, so wenig kann 
es gelingen, einen Zusammenhang von sittlichen oder von kiinstlerischen 
oder von religiosen Werten als mathematische Reihe darzustellen. Die 
Zahl der Falle und der Vorgang der quantitativen Vermehrung und Zu- 
nahme stehen in keinem inneren Zusammenhang zu dem Problem des 
Wertgehalts und der immanenten Bedeutung eines Einzelfalies; die Methode 



336 Arthur Liebert, 

der Errechnung und Summation hat keine Verbindlichkeit fiir alle eigentlich 
intensiven Werte. Man darf m. E. nicht aus dem Auge lassen, dass parallel 
mit dem Anwachsen der Zahl von Rechten, also der rein quantitativen 
Vermehrung der Autonomie, eine Zunahme von Bindungen, Verpflichtungen, 
Einschrankungen Susserer wie innerer Art geht. WoUte man entgegnen, 
dass diese Zunahme auf der Linie der inneren sittlichen Entwicklung liege 
und die Verwirklichung der inneren, der sittlichen Freiheit fOrdere, so wird 
man darauf hinweisen konnen, dass sich von dem Boden der mathematisch- 
naturwissenschaftlichen Beweisfiihrung aus dieser Gedanke nicht begriinden 
lasst; diese Beweisfiihrnng bezieht sich immer nur auf die „Zahl" von 
Verpflichtungen und Einschrankungen, auf ihr ausseres Mass, nicht aber 
. auf ihren inneren Wert. Und auf einen solchen weist doch der Gedanke der 
sittlichen Bedeutsamkeit hin. Die rein quantitative Betrachtung lasst in dem 
Prozess jener Verpflichtungen kein anderes Moment erfassen als das der Zahl 
der Falle. Zugleich aber darf es iiberhaupt als zweifelhaft betrachtet werden, 
ob es je gelingen werde, innerhalb des Zusammenhanges der Autonomie 
eine auch nur annahernd eindeutige Reihe nachzuweisen und aufzustellen. 
Ja, vielleicht liegt iiberhaupt darin ein wurzelhafter und durchgreifender 
Unterschied zwischen Naturgesetz und Geschichtsgesetz, dass sich dieses 
im Gegensatz zu jenem auf eine unaufhebbare Verflechtung von Erschei- 
nungen und Sachverhalten bezieht und nun in seiner Struktur selber etwas 
von dieser Dialektik und Antithetik aufweist. Die Eigenttimlichkeit «eines 
Sinnes und seiner Geltung kann gerade in der Antinomik seines Charakters, 
sowie in dem Sinn und der Geltung seiner Antinomic bestehen ; es ist nicht 
gesagt, dass jedes Gesetz in einer einfachen Form verlaufen und sich in 
einer eingliedrigen Reihe entwickeln, sozusagen nur fiir eine Dimension 
gelten muss. Im Reich der Sittlichkeit aber ist, wie im Reich der Kultur 
iiberhaupt, alles auf die Bedeutung des Einzelfalls gestellt, Tausend sitt- 
liche Taten unterscheiden sich bei ihrer Verwirklichung und in ihrer 
Erscheinungsform in der empirischen Welt untereinander in tausendfacher 
Weise, und man kann sie nie so einfach zusammenzahlen und aufrechnen 
wie GrSssen der physischen Welt. Ihre Einheit ist eine andere als die- 
jenige Einheit, auf die sich das allgemeine Naturgesetz bezieht. Es ist 
eine Einheit rein qualitativer, der ausseren, der mechanisch-mathematischen 
Berechnung enthobener Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit; sie liegt in 
ihrer komplizierten, von irrationalen Momenten erfflUten Verfassung, in 
ihrem unerrechenbaren dynamischen Gefiige jenseits der MOglichkeit einer 
einfachen theoretischen Reihenbildung. Und ebenso scheint es mir un- 
erheblich ftir den inneren Bedeutungsgehalt einer kiinstlerischen Leistung 
oder eines religiosen Erlebnisses, ob diese Leistung oder dieses Erlebnis 
nur einmal auftritt oder hunderttausendmal wiederholt wird, ganz abgesehen 
von der UnmSglichkeit einer solchen genauen Wiederholung und einer 
solchen mechanischen Verallgemeinerung von GrSssen der bezeichneten Art. 
Individualistische und koUektivistische Auffassung schliessen sich m. 
E. gegenseitig nicht aus^), besonders nicht in dem Sinne, dass die indivi- 



1) Mir scheint, dass zwischen ihnen das systematische Verhaltnis 
antinomischer Korrelativitat herrscht. Dieses besteht also nicht nur darin, 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 337 

dualistische BetrachtuDg die Geltung einer vorwissenschaftlichen Betrach- 
tung habe. Earth spendet Lamprechts kollektivistischer Geschichtsauf- 
fassung ein ausserordentlich hohes Lob (S. 602 ff.). Dessen „methodolo- 
gisches Programm ist induktiv, vergleichend und darum richtig" (S. 506); 
es habe ohne jede Frage die Forderungen der Wissenschaften fiir sich. 
Ob Lamprecht wirklich so ganz „naturwisseiischaftlich" verfahrt? Ob 
Sprache, Wirtschaft, Sitte, Kunst, Moral, Recht, d. h. „die sozialpsychischen 
Faktoren und Gebiete". ihrer logischen Geltung nach Ergebnisse der In- 
duktion, des Vergleichens, des Zusammenrechnens sind? Ob nicht doch, 
dem grossen Kulturhistoriker nur vollig unbewusst, hier Konstruktionen 
vorliegen, " deren logischer Sinngehalt trotz ihrer AUgemeinheit nicht 
„kollektivistisch", sondern im genauesten Verstande „individualistisch" ist, 
ganz so, wie es Rickert meint? Wohl beziehen sich diese Begriffe auch 
auf eine grosse Zahl von Individuen, wohl bezeichnen sie auch Gebiete 
sozialpsychischer Natur; aber diese ihre Auswertung nach der Seite der 
Quantitat beriihrt und erschopft das nicht, was sie fiir den Aufbau eines 
Systems von Kulturwerten bedeuten. Dass sie auch als die logischen Re- 
prasentanten von ganzen Reihen gelten k5nnen, liegt in einer ganz anderen 
logischen Ordnung wie ihre Bedeutung als Reprasentanten individueller 
Werte. Lamprecht ist sich tiber die starken konstruktiven und spekula- 
tiven Sttitzen nicht klar gewesen, die, man mOchte sagen, wider sein 
Wissen und seinen Willen das Grundgerust und die Pfeiler seiner „natur- 
wissenschaftlich-induktiven" Sozialpsychologie bilden. Liegt hier vielleicht 
so etwas wie eine kleine List der Vernunft vor wegen der allzu glaubigen 
und allzu ausschliesslichen Verehrung der generalisierenden Begriffsbildung 
der Naturwissenschaften ? 

Und reicht nun diese Art der Begriffsbildung aus, um den von 
Barth vertretenen Gedanken des sittlichen Fortschritts begriinden und 
entwickeln zu konnen? Ich denke dabei nicht sowohl an die Schwierig- 
keiten, die sich von dem Boden der positiven historischen Forschung aus 
ergeben, sondern an rein logisch-methodologische Schwierigkeiten. Von 
der positiven Forschung aus kam Ranke, fiber dessen Geschichtsphiloso- 
phie Barth ziemlich ablehnend urteilt, zu der Entscheidung, dass die ein- 
zelnen Epochen der Geschichte alle gleich nahe zu Gott stunden, dass 
jede ihre besondere Aufgabe und Tendenz und ein ihr eigentumliches 
Ideal habe. Das ist der Grund, aus dem man die einzelnen Stufen nicht 
gegeneinander auswerten und der einen keinen unbedingt hOheren Rang 
zuerkennen kann als einer anderen; eine jede ist doch in gewissem Sinne 
Selbstzweck, und auch die Zusammenfassung dieser Stufen zur Einheit 
geschichtlichen Lebens zeigt, so will mir scheinen, eine Reihe von Werten, 
von denen ein jeder in ihm eigentumlichen Bedingungen gegrundet ist 



dass sie sich gegenseitig ausschliessen, sondern sie fordern sich zugleich 
wechselseitig, ohne dass der eine Teil seine Geltung und seinen Eigenwert 
zugunsten des anderen preisgibt. Vielleicht darf auf dieses dialektische 
Verhftltnis darum besonders hingewiesen werden, well es geeignet ist, als 
Voraussetzung fur eine nicht unfruchtbare Erkenntnis der geschichtlichen 
Welt zu dienen. 



338 Arthur Liebert, 

und aus diesen Bedingungen heraus verstanden sein will. Was aber die 
logisch-methodologischen Schwierigkeiten betrifft, so rnht die eigentliche 
Setzung und die innere Rechtfertigung des Gedankens vom sittlicheu Fort- 
schritt auf einem Postulat, auf einer Hypothese normativer Art, ja, auf 
einer spekulativen Idee, die dann in der positiven Forschung und mittels 
derselben nach ihrer Bewahrung sucht. Das naturwissenschaftliche Ver- 
fahren verlSuft in der Linie gesetzmSssiger Festlegungen von Tatsachen; 
es entwickelt einen Zusammenhang, dem nur das PrSdikat des Seins zu- 
gesprochen werden kann. Ob in diesem Zusam.menhang eine AufwSrts- 
oder Abwartsbewegung irgend welcher Art zu erkennen ist, das vermag 
die rein naturwissenschaftlich-kausale Betrachtungsweise nicbt zu be- 
stimmen. Sie bietet von sich aus keinen Massstab fxir eine solclie Bestim- 
mung. Hier muss notwendig diejenige Betrachtungsart erganzend ein- 
setzen, die die Philosophie des konstrukfciveii und spekulativen Idealismus 
in ihrer besouderen Gestalt als ethischer Idealismus (Kant, Fichte, Schiller) 
entwickelt hat. Und auf diesem Boden steht Barth in der Tat mit dem 
Gedanken des Fortschritts. Auch er arbeitet mit einem Wertbegriff, mit 
einer Wertidee. Und das mit gutem, philosophischem Recht. 

Oder sollte das nicht gtschehen? Wird dadurch die wissenschaft- 
liche Geltung seiner Leistung beeintrachtigt ? GehOren die „Werte" zu 
dem verbotenen Handwerkszeug ? Keineswegs. Bei dem Wertbegriff 
denkt Rickert nicht an beliebige Wertungen. Diese allerdings beruhen auf 
Gefuhlen und erwachsen aus ihnen; sie sind ihrer Struktur nach GrSssen 
subjektiver Natur und gehoren in den Zusammenhang der Psychologie. 
Die „Werte" dagegen, von denen Rickert spricht, sind nichts anderes als 
das, was auch Barth im Auge hat, wenn er von den sozialpsychischen 
Faktoren und Gebieten spricht. Diese Werte sind Begriffe u. z. solche von 
prinzipieller Bedeutung. Diese ihre Bedeutung gelangt dadurcli zum Aus- 
druck, dass sie den Zusammenhang der Kultur logisch darsteilen. Und man 
darf sie deshalb vielieicht geradezu als Kategorien bezeiclmen, da sie der 
logischen Entwicklung der Idee der Kultur dienen. 

Wegeu dieser ihrer logisch-systematischen Geltung eignet iliuen der 
Wissenschaftswert der AUgemeinheit ; sie haben diesen Wert selbst fiir 
den Fall, dass sie sich auf einen ganz singuiaren und individuellen Tat- 
bestand beziehen; sie haben ihn dadurch, dass sie einen solchen Tatbestand 
in das System der Kultur logisch einordnen und ihn dadurch zu wissen- 
schaftlicher Erfassung bringen. Ihre individuelle Bezogenheit widerstreitet 
nicht ihrer logischen AUgemeinheit, denn diese AUgemeinheit hat mit der 
Zahl der Falle nichts zu tun; sie ist der Ausdruck der wissenschaftlichen 
Geltungsbestimmtheit, d. h. sie ist identisch mit dem Begriff der AUge- 
meingultigkeit. Und dieser Begriff der AUgemeingiiltigkeit umfasst in 
und unter sich sowohl den Begriff der quantitativen AUgemeinheit als 
den der qualitativwertigen Individualitat. 

So liegt hier m. E. nicht jene Alternative vor, die Barth gleich 
auf den ersten Seiten seines Buches in dem Gegensatz: allgemein = un- 
verganglich — individuell = verganglich ausspricht. Denn ebensowenig 
wie die Zahl und Menge der Falle ist irgend eine zeitliche Bestimmtheit 
massgebend fur die logische Qultigkeit und Auwendbarkeit eines Begriffs. 



Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 339 

Der ijEinzelne", von dem Rickert spricht, ist nicht der einzelne Meiisch 
im Sinne der Anthropologic, sondern er ist der Logos, die Kategorie 
des Einzelnen, er ist nicht der Vereinzelte, sondern die begriffliche 
Bestimmung einer individuellen und konkreten geschichtlichen Erschei- 
nung, mag im vibrigen ihre Wirksamkeit auf den unmittelbaren Umkreis 
ihres ganz persOnlichen Daseins beschrjlnkt geblieben sein oder dasLeben 
ganzer Geschlechter in seiner Tiefe und Weite dauernd beeinflusst haben. 
Die Logik hat in ihrer Kategorientafel mit Fug den Begriff des Singu- 
laren. Und kein Geringerer als Aristoteles ist es, der die korrelative Be- 
ziehung von AUgemeinem und Besonderem nachweist. So scheint mir 
auch der Begriff des AUgemeinen in der angefiihrten Definition des 
Aristoteles (S. I) — de anima II, 6, 10: „Auf das Einzelne {rdiy xa»' 
txaoTov) geht die wirksame Wahrnehmung, auf das Allgemeine {twv xa^ 
oXov) die Wissenschaft — nicht darauf gerichtet, dass durch die Wissen- 
schaft ganze Reihen und Massen von Individuen und Einzelfallen zu be- 
grifflicher Bestimmtheit gebracht werden, sondern auf die begriffliche 
Sicherheit und Bestimmtheit selber, mit der der Geist der Wissenschaft sei es 
das Einzelne, sei es eine Vielheit erfasst. Es handelt sich m. a. W. stets 
um die Form, durch die ein Tatbestand festgelegt wird. DieseForm kann 
die Kategorie des Individuellen und Singularen ebenso gut sein, als die 
des AUgemeinen und Generellen. — — 



Wenden wir uns nun zu dem iiberaus stattlichen zweiten Teil 
unseres grossen Werkes. Er gibt, wie gesagt, eine historisch-kritische 
tJbersicht uber die Geschichtsphilosophie. Zun^chst wird die Entstehung 
der Soziologie durch Saint-Simon dargestellt; es schliessen sich an 
grosse Kapitel uber die hauptsSchlichen Vertreter und iiber die Haupt- 
leistungen der ,intellektualistischen", dann der „biologischen", 
ferner der „voluntaristischen Soziologie"; ebenso werden in eingehen- 
der referierender und kritischer Darstellung die „einseitigen Ge- 
schichtsauffassungen" behandelt (die individualistische und kol- 
lektivistische, die anthropogeographische, die ethnologische, 
die kulturgeschichtliche, die politische, die okonomische, die 
ideologische). Leitend fiir die Ausfuhrungen dieses 600 Seiten umfas- 
senden Teiles war der in dem Vorwort angegebene Grundsatz, die ganze 
vorhandene Literatur, soweit sie auf wissenschaf tliche Beachtung Anspruch 
erheben kOnne, nach Moglichkeit heranzuziehen und zu berucksichtigen. 
Mit ausserordentlicher Umsicht und Treue ist dieser Grundsatz durchge- 
fiihrt worden. Es ist geradezu bewundernswert, was uns an geschicht- 
lichem Stoff iibermittelt, an historischen Kenntnissen und Erkenntnissen 
geboten wird, Ohne bestimmte Wahl greife ich ein paar Darstellungen 
heraus, so diejenige Comtes, Spencers, von Lilienfelds, Fouillees, 
diejenige von Ward, Giddings. Hauriou, Ratzel, Buckle, Gobi- 
neau. Chamberlain, Durkheim. die von Marx und der Marxianer, 
die von Loria, nach dem die Geschichte nichts als Klassenkampf ist, 
dann die Theorie, dass die Geschichte eine Punktion der Geldbewegung 
darstellt (Brooks Adams), dass die Geschichte durch die Technik imd 



340 ArthurLiebert, Aus der Geschichtsphilosophie der Gegenwart. 

die Familienform bedingt ist (Le Play, Vignes), dann die nationalistische 
Auffassung Treitschkes und vieles, vieles mehr. 

Da sich mit der erstaunlichen Fiille des Stoffes eine vortreffliche 
Klarheit der Gliederung und der Darstellung paart, so ist eine historische 
Leistung von sehr betrachtlichem Range entstanden. Wir erhalten ein 
ausserordentlich eindrucksvoUes Bild der Geschichte und Entwicklung der 
Geschichtsphilosophie in alien ihren wesentlichen Zweigen und Ausprfig- 
ungen. Dieser Teil der Leistung Barths stellt ein hervorragendes 
Quellenwerk dar, das in erster Linie genannt werden muss, wenn 
nach einer eingehenden geschichtlichen Auskuuft ilber das Gebiet der 
Geschichtsphilosophie gefragt wird. Mit Recht kann man wohl diesen 
Teil rundweg als das beste Handbuch der Geschichte der Geschichts- 
philosophie bezeichnen, das wir zur Zeit ilber diesen Gegenstand besitzen. 



Neue Wege der Goethe-Wissenschaft.') 

Von Rudolf Lehmann. 



Ein neues Buch — vielmehr ein neues umf assendes Werk fiber Goethe f 
Dass es geschrieben werden konnte, dass es in den Fachkreisen anerkannt 
wird, ist ein Zeichen des erfreulichen Umschwungs, der sich in der deutschen 
Literaturwissenschaft seit einiger Zeit angebahnt hat und nunmehr ent- 
schieden hervortritt. Vor 30 Jahren, ja vor 20 Jahren noch wSre beides 
nicht mOglich gewesen. Die asthetische Behandlung der deutschen Dich- 
tung und ihrer Geschichte ist ein Menschenalter hindurch von den Fach- 
kreisen als unwissenschaftlich und wertlos abgelehnt worden, in deut- 
lichem Zusammenhang mit der Geringschatzung, die der Philosophie 
liberhaupt zu Teil wurde, Insbesondere fiir die Behandlung Goethes 
ist, seitdem Herrmann Grimm mit seinen vielgedruckten Vorlesungen ein 
erstes Beispiel fiir die Interpretation der Werke aus den pers5nlichen 
Erlebnissen gegeben hatte und Wilhelm Scherer in seinen (von Erich 
Schmidt gesammelten) „Aufsatzen uber Goethe" dieses Verfahren zur 
massgebenden Methode der Goetheerklarung erhob, neben der philo- 
logischen Grundlegung die biographisch genetische Behandlung der 
Dichtungen nahezu ausschliesslich der Leitgedanke und das Ziel der 
Forschung gewesen. Eine Fiille von Tatsachen und Material ist auf- 
gehauft worden, aber das Vermogen zur Synthese hat in keiner Weise 
damit Schritt halten kOnnen. Einen tieferen Einblick in das kunstlerische 
Wesen Goethes oder seiner Dichtungen haben uns die Arbeiten des letzten 
Menschenalters kaum nach irgend einer Richtung hin erschlossen. Ueber 
das Wissen um Goethe ist die denkende Vertiefung in seine Schopfungen 
zu kurz gekommen. Die bekanntesten Goethe-Biographien beweisen das 
am meisten. Natiirlich ist nicht die philologische Arbeit an sich daran 
Schuld: sie war und ist im Gegenteil Voraussetzung fiir jedes tiefere 
Verstandnis. Auch der historisch genetische Gesichtspunkt selbst ist gewiss, 
wenn auch nicht allein berechtigt. Die Fehler, die in die Irre und schliess- 
lich in die Oede gefiihrt haben, liegen vielmehr in einer unzulanglichen 
und unfruchtbaren Stellung des Problems, das Scherer ausschliesslich als 
ein psychologisches betrachtete, anderseits in der auch psychologisch ver- 
fehlten Auffassung des Verhaltnisses, das zwischen den personlichen Er- 
lebnissen und Eindrxicken des Menschen und den Sch5pfungen seines kiinst- 



1) Friedrich Gundolf. Goethe. Georg Bondi. Berlin. 1917. VHI u. 795 S. 



342 Rudolf Lehmann, 

lerischen Genius waltet. Auch hier, wie auf so manchem anderen Gebiete, 
war im letzten Grunde die Meinung bestimmend, dass die psychologische 
Erkenntnis die philosophis^lie Durchdringung uberfliissig mache und ersetze; 
auch bier hat sie sich als irrefuhrend erwiesen. Das Eigenleben der dich- 
terischen Werke, ihre immanente Gesetzmassigkeit und ihr organisches 
Wesen blieb grundsStzlich von der Betrachtung ausgeschlossen. Damit 
war aber auch der letzte Kern der Dichterpersonlichkeit und seine 
organiscbe Entfaltung, der wahre Zusammenhang zwischen PersOnlichkeit 
und Dichtung unzugSnglich geblieben und der Betrachtung entruckt. Die 
Forschung suchte so einseitig den Menschenim Kunstler, dass sie versaumte, 
den Kunstler im Menschen zu sehn. Der grundfalsche Satz Scherers, 
dass man des Dichters Schaffen nach allgemein psychologischen Normen 
erklaren miisse, gab die Richtung, und diese konnte weder in die Tiefe 
noch auf die HOhe der Erkenntnis fuhren, sondem nur zu unvermeidlicher 
Flachheit. Ganz freilich ist das Streben nach einer tieferen und aus 
spekulativen Gesichtspunkten orientierten Auffassuug niemals ausgestorben 
aber nur in wenigen vereinzelten Erscheinungen kam es zum Ausdruck. 
Diltheys geistvoUer Essay „Goethe und die dichterische Phantasie" (auf- 
genommen in „Erlebnis und Dichtung" 1906) ist diesem Streben ent- 
sprungen. Er zuerst sucht mit prinzipieller Entschiisdenheit einen tieferen 
Zusammenhang zwischen Erlebnis und Dichtung, als er durch die iibliche 
vergleichende Zusammenstellung gemeinsamer Ziige begriindet werden 
konnte, er weist auf die Eigenart des kiinstlerischen Erlebens hin und 
sucht an dem Gegensatz Shakespeare— Goethe zwei verschiedene Typen 
kilnstlerischer Wirklichkeitsgestaltung zu verdeutlichen. Aber auch Dilthey 
steht noch zu sehr im Bann der psychologischen Methode, um zur Be- 
griindung eines neuen Standpunktes zu gelangen. Entschiedener versuchte 
Simmel das Gesamtphanomeu Goethe unter philosophischem Gesichts- 
punkt in seiner letzten Einheit zu erfassen. Wenn er dabei im Wesent- 
lichen ilber eine Erneuerung des Grundgedankens der Charakteristik nicht 
herauskommt, die Schiller in dem beriihmten Geburtstagsbriefe an Goethe 
niedergelegt hat, so ist das kein Einwand gegen seine Leistung, denn diese 
Charakteristik, wie sie Goethe selbst als treffende und tief eindringende 
Schilderung seines Weseus empfand, ist von keiner spateren Feder erreicht, 
geschweige denn iibertroffen wordeu. Endlich hat in den letzten Jahren 
Max Wundts vortreffliches Werk uber „Wilhelm Meister u. das Person- 
lichkeitsideal" an einem einzelnen besonders bedeutsamen Problem gezeigt, 
in welcher Weise Goethes Ideenwelt und ihre Entwicklung nicht bloss 
scheinbar und ausserlich, sondem dem inneren Zusammenhang entsprechend 
in die Geistesgeschichte einzureihen ist. Und im Zusammenhang hiermit 
darf auch G. Roethes schone Abhandlung im ersten Band der neuen Folge 
des Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft genannt werden. Diese Arbeiten 
kOnnen als Vorboten einer neuen Richtung angesehen werden, die sich 
mit Gundolfs Buch nunmehr entscheidend Bahn gebrochen hat. 

Gundolfs Absicht geht von vornherein auf eine umfassende und in 
der letzten Tie|e begriindete Synthese. Schon in den ersten Worten 
verkiindigt er als das, worauf es ihm ankommt: „die Darstellung von 
Goethes gesamter Gestalt, der grOssten Einheit worin deutscher Geist 



Neue Wege der Goethe- Wissenschaft. 343 

sich verkOrpert hat". Es handelt sich ihm nicht urn eine blosse biogra- 
phische Darstellung noch um die Entstehungsgeschichte der Werke. Ihm 
sind „Leben und Werk nur die verschiedenen Attribute einer geistig 
lebendigen Einheit, die zugleich als Bewegung und als Form erscheint." 
„Das was man gemeinhin das Leben eines Kunstlers nennt oder neuerdings 
das Erleben, ist bereits von vornherein eingetaucht in seine Kunst, ist 
derselbe Trieb und dieselbe Kraft wie sein Werk.'- — 

Aus dieser Gesamtintention ergeben sich die charakteristischen Ziige 
fiir die Methode wie fiir den Gehalt des Ganzen. Zunachst die Absage 
an die pseudo-psychologische Behandlung: „Der nichtkunstlerische Mensch 
glaubt, der Kiinstler, der Dichter erlebe ungefahr dasselbe wie er und auf 
dieselbe Art, vielleicht ein bischen abenteuerlicher oder fremdartiger, nur 
habe er ausserdem als ein zufalliges Akzidens die Gabe, diese Erlebnisse 
in Bildern, Gedichten, Musikstiicken herausstellen zu kSnnen : das sogenannte 
Talent." Allein der wirkliche Kiinstler, der wirkliche Dichter „lebt schon 
in einer so vollig anderen Sphare und in einer so vollig anderen Form als 
der unktinstlerische Mensch, dass sein Erleben und der Ausdruck seines 
Erlebens (beides ist wesentlich eins) von diesem nie verstanden werden 
kann, auch wo es ihn uberwaltigt und beherrscht durch seine grOssere 
Wirklichkeit. Es ist einer der Unterschiede zwischen Dichtkunst und 
Literatur, das jene Ausdruck einer eigenen, von der fertigen Welt unab- 
hangigen Wirklichkeit, diese Abbild, Nachbild einer fertigen Wirklichkeit 
ist, einerlei ob ein naturalistisches, romantisches oder idealisierendes 
Nachbild." (S. 2). Die genetische Erkenntnis der Werke erscheint 
damit von vorneherein ihrer Moglichkeit nach eingeschrSnkt, ihrer Bedeu- 
tung nach sekundar. „Wir sind weit davon entfernt", sagt der Verf. S. 569, 
„eine KunstschOpfung bis in ihre letzten Einzelheiten erklaren zu wollen, 
wie das Ergebnis einer Rechenaufgabe : man kann dabei giinstigenfalls 
zeigen, welche Stimmung, welcher Raum, welche Erlebnisart und Gesinnung 
n5tig war, damit ein solches Kunstwerk iiberhaupt entstehen konnte. Dass 
es daraus entstehen musste und wie es bis in die letzten Ztige hinein gerade 
80 wurde, lasst sich nicht feststellen, so wenig wie die Kenntnis der Eltern, 
der Familie, des Milieus und der Zeugungsumstande den Charakter eines 
Kindes restlos erklaren." Auch hat man es gerade bei Goethe am wenigsten 
n5tig, seine Werke aus seinem Leben zu erklaren, („hinter seine Werke 
zu greifen wie der Affe hinter den Spiegel," heisst es ein ander Mai), um 
sein Leben zu erfassen: denn sie selbst sind sein Leben. „Goethes Wort, 
dass seine Werke Beichten seien, hat die Erklarer auf den Irrweg eines 
psychologischen Relativismus gefiihrt. Goethe hat das Recht sein Schaffen 
so zu empfinden, aber er driickte mit jener Bezeichnung nicht das Wesen 
der Werke, nicht ihren Gehalt aus," — eine Wahrheit, die man niemals 
hatte verkennen soUen. „Beichten ist ein Akt, kein Gebild und von seinem 
Schaffen als einen Akt allein sprach er," sagt Gundolf S. 6, und mit einem 
bewussten oder unbewussten Anklang an ein Wort Friedrich Schlegels: 
„Das Beichten verhalt sich zum Werk, wie das Gebaren zum Kind." So 
erscheint denn nun auch die Bedeutung der persOnlichen Vorbilder fiir 
Goethes dichterische Gestalten im Gegensatz zu der bisher geltenden Auf- 
fassung verhaltnismassig gering. Diese Gestalten sind von innen erlebt 



344 Rudolf Lehmannn, 

iind erfasst. Sie sind Symbole fiir die eigene Wesenheit, die Triebe und 
Zustande des Dichters und zum Teil wie im Faust der Menschheit uber- 
haupt. Aber die Aehnlichkeiten mit Bekannten Goethes „sind weniger 
zuruckzufiihren auf ein bewusstes Nachzeichnen ihres Wesens als auf eine 
Art Sichversehen des mit der Gestaltung schwangeren Dichters." ^) 

Der Zeugniswert der anerkannten Quellen fiir die Erkenntnis Goethes 
kehrt sich von dem jetzt erreichten Standpunkte gewissermassen urn: 
gesprachsweise Aeusserungen und Briefe, die von der Goethephilologie 
als die unmittelbareren Quellen angesehen und der Erklftrung der Werke 
soweit wie moglich zu Grunde gelegt werden, treten nunmehr hinter diesen 
an Beweiskraft und Bedeutung zuriick. Sie stellen nur das Wandelbare 
dar. Sie sind von aussen hervorgerufen und zeigen uns, wie Goethe auf 
die Aussen welt reagierte. Aber sie offenbaren nicht sein eigenstes per- 
sonliches, geschweige denn sein ktinstlerisches Wesen. „Wollen wir 
erfahren, nicht was Goethe litt und tat, sondern was er war und schuf, 
kraft seiner angeborenen Entelechie, so wenden wir uns an die innerste 
Sphare seiner Welt, an seine dichterischen Werke. Nur Goethes Dich- 
tungen geben seine unbezogene, in sich voUendete, autonome Gestalt, ohne 
Rttcksicht auf das zeitlich beschrankte Dasein, ohne Riicksicht auf aussere 
Zwecke, — den produktiven Menschen." 

Es ist also nicht etwa die Absicht Gundolfs, den Zusammenhang 
zwischen PersOnlichkeit und Dichtung aufzuheben, sondern vielmehr ihn 
zu vertiefen, ihn aus seiner einheitlichen Wurzel herzuleiten. Diese 
Einheit fasst er in Goethes Wesen „als die Identitat des lebenvoll- 
sten Gebildes, das die Natur geschaffen, mit der planvoUsten Selbst- 
gestaltung zu der eben die Natur Triebe und VermOgen in ihm 
angelegt hatte".* ^Aus einer grossen Natur, schOne Kultur (Bildung) 
zu werden, das ist Goethes Instinkt, dann sein bewusstes Streben, 
dann seine Leistung gewesen." Mit dieser Dreiheit sind zugleich die drei 
Stadien bezeichnet, welche das Leben Goethes durchlauft und welche der 
Einteilung des Gundolfschen Buches die Grundlage geben. Dieses Leben 
ist von Anfang bis zu Ende organische Entfaltung. Alle ausseren 
Erlebnisse, alle pers5nlichen Einwirkungen, und selbst alle leiden- 
schaftlichen Neigungen verm5gen immer nur die Krafte auszulosen, 
die in seiner Entwicklung gewissermassen an der Reihe sind, „Goethes 
Bildnerkraft hat alle seine auffalligen Begegnisse in Schicksale d. h. in 
ihm zugehOrige sinnvolle, notwendige Wendungen seiner Lebensbewegung 
verwandelt." Daher das Eigenartige Providentielle im Leben Goethes, 
das Damonische, wie es Gundolf mit einem Ausdruck des Dichters selber 
nennt, daher der unterbrochene Zusammenhang des ganzen Verlaufs, in 
den doch so entgegengesetzte Einflusse von aussen eingreifen oder einzu- 
greifen scheinen. 

1) Ich darf daran ennnern, dass ich aus einem verwandten Gesichts- 
punkte mehrfach — zuerst im Goethe Jahrbuch 19G5, dann in meiner Poetik 
1908, besonders S. 30/31 auf das Unzulangliche der Interpretation aus dem 
persOnlichen Erlebnis und die eingeschrankte Bedeutung des Worts 
von der grossen Konfession hingewiesen habe. 



Neue Wege der Goethe- Wissenschaft. 345 

Aus dieser Gesamtanschauung ergibt sich nun die grundsatzliche 
Tendenz, Goethes Werke statt aus seinen Susseren Erlebnissen aus seinem 
Sein und Werden selbst zu verstehen. Wie das gemeint ist, wird etwa 
aus dem deutlich, was im 1. Teil des Buches liber den Gegensatz zwischen 
Goethes Titanismus und seiner Erotik ausgeftihrt wird. „Der Drang sich 
hinzugeben, seine schSpferische Fiille auszustrOmen in das All oder in 
ein geliebtes Wesen, und der Wille sich zu behaupten in seiner Indivi- 
dualitat gegeniiber dem Chaos von Welt, indem er es mit seiner schOpfe- 
rischen Kraft formte oder ordnete": diese beiden Grundtriebe sind in 
der Jugend die Motive, die sein Leben wie seine schOpferische Tatigkeit 
beherrschen. Den Lebensgehalt der Jugendwerke auf sie zuruckzufiihren, 
ist der Grundgedanke, der den ersten Teil des Werkes durchzieht. In der 
Ausfiihrung aber tritt noch ein anderer Gegensatz bestimmend hervor, der 
die gesamte Auffassung und Darstellung der Gundolfschen Arbeit beherrscht: 
es ist der zwischen urspriinglicher Individualitat und Bildung oder 
wie es Gundolf ausdriickt, zwischen „Urerlebnis" und „Bildungser- 
lebnis". „Goethe war ein urspriinglicher Mensch in einer abgeleiteten, 
einer Bildungswelt. Und so ist sein Werk (von seiner Lyrik abgesehen, 
wo er nur sein Ur-Ich zu geben hatte) der immer wiederholte Versuch 
einen urttimlichen Gehalt auszudrticken, zu symbolisieren im Stoff einer 
Bildungswelt". Hiernach scheidet Gundolf die Richtung und die innere 
Form von Goethes SchOpfungen. In seiner Lyrik hatte er nur sein Ur-Ich 
zu geben und auch in Werken, wie im Werther oder im Tasso, die sich 
der rein lyrischen Dichtung nahern, „iiberwiegt das Urerlebnis so bei 
weitem, dass das Bildungserlebnis vollig verschlungen und verdampft 
erscheint". In anderen Werken ist eine durch Bildung vermittelte Welt, 
ein Bildungserlebnis Gegenstand der Darstellung, aber er wird beseelt und 
beherrscht durch ein Urerlebnis und zwar so, dass der durch die Bildung 
gewonnene gegenstandliche Stoff zum Symbol (Goethe selbst bediente 
sich bekanntlich dieses Ausdrucks) eines rein inneren Vorgangs, eines 
Urerlebnisses wird. Endlich gibt es SchOpfungen, in denen das Bildungs- 
erlebnis allein zum Ausdruck kommt, d. h. in denen nirgends unmittelbar 
erlebte durchgeformte Gestalt spricht, sondem erst ihre gedankliche 
Spiegelung, die abgeleitete Bildungswelt, nicht die urspriingliche 
Erschiitterung, nicht seine Anschauung der Welt, sondern seine Ge- 
danken iiber das Angeschaute". Hiernach unterscheidet Gundolf die 
Dichtungen Goethes in lyrische, symbolische und allegorische. Die 
Strassburger Lyrik etwa und der Werther, die Wahlverwandtschaften, 
endlich die Pandora geben von der unterschiedlichen Eigenart dieser drei 
Kreise anschauliche Eindrtlcke. Viele andere Dichtungen tragen aller- 
dings, wie Gundolf ausdriicklich zugibt, den Charakter von Uebergangen 
„Misch- und Halbformen", gleichwohl erweist sich auch hier die Unter- 
scheidung als fruchtbar, wie das z. B. in der Behandlung des westOstlichen 
Divans besonders eindrucksvoll hervortritt. — Das Verhaltnis zwischen 
Individualitat und Bildung aber bildet nicht nur den entscheidenden 
Gesichtspunkt ftir die Ordnung und das Verstandnis der Werke, sondem 
es ist auch filr die drei Epochen in Goethes peisOnlicher Entwicklung, 
auf deren Unterschied vorhin im Allgemeinen hingedeutet ist, massgebend. 

KantBtndion XXII. 23 



346 Rudolf Lehmann, 

Gundolf charakterisiert sie mit den Ueberschrif ten : Sein und Werden, 
Bildun», Entsagung und Vollendung; er hatte den 3. Teil, uach 
dem, was er in dera vortreffliciien Eingangskapitel desselben ausfiihrt, 
auch bezeichnen konnen: Weltstellung, oder auch: gesetzgebende Welt- 
deutung. 

Diese Gesichtspunkte fiihren nicht nur an sich tiefer als das Meiste, 
was bisher uber Goethe gedacht und geschrieben ist, sondern sie stehen 
auch miteinander im Einklang und driicken dem Werke ein festgefugtes 
Geprage auf. Gleichwohl kann ich ein Bedenken, das sich zuachst gegen 
ihre Formulierung richtet, vielleicht aber doch auch etwas tiefer in ihre 
inhaltliche Bedeutung eindringt, nicht ganz unterdrttcken. Der Begriff 
des Urerlebnisses und sein Verhaltnis zum Bildungserlebnis scheint mir 
nicht zuv vOlligen Klarheit durchgefflhrt zu sein. Unter Urerlebnis ver- 
steht Gundolf „z. B. das Religiose, das Titanische oder das Erotische — unter 
Bildungserlebnissen Goethes sein Erlebnis deutscher Vorwelt, Shakes- 
peares, des klassischen Altertums, Italiens, des Orients, selbst sein Erlebnis 
der deutschen Gesellschaft". Nun scheint mir schon der Ausdruck Ur- 
erlebnis nicht einwandsfrei. Denn es ist, gewiss auch nach Gundolfs 
Meinung, kein Erlebnis uberhaupt denkbar, ohne eine Einwirkung von 
aussen, durch die es ausgelOst wird; keine Liebe z. B. ist im strengen 
Sinne „urtiimlich", denn sie ist nicht denkbar ohne einen Gegenstand, 
der sie hervorruft. AUein dies m5ge als ein ausserliches Bedenken hin- 
gehen. Nun aber heisst es von Goethes Untreue gegen Friederike (S. 149): 
„ Durch diese Untreue erst ist in Goethes Leben als etwas vOllig Neues 
das Erlebnis der tragischen Schuld gekoramen, das von vornherein in ihm 
garnicht angelegt war, aber seitdem auch nicht mehr vOllig aus ihm 
herausgelost worden ist". Dieser Satz aber wiederspricht doch wohl 
dem Begriffe eines Urerlebnisses, das seinem Wesen nach aus der 
inneren Anlage hervorgehen muss. Gibt es Urerlebnisse, die das nicht 
sind, so ist ein prinzipieller Unterschied zwischen diesen und den Bildungs- 
erlebnissen nicht mehr recht einzusehen. Oder sollte er darin zu suchen sein, 
dass diese intellektueller, jene gefiihlsraassiger Natur wSren? Es scheint 
fast so gemeint zu sein, wenn Gundolf etwa den Eindruck Italiens zu den 
Bildungserlebnissen rechnet. Aber was bleibt dann schliesslich fur die 
Urerlebnisse iibrig als hOchstens einzig die erotische Sphere? Denn was 
ist Goethes religiOses Urerleben, wenn man sich vorstellte, dass das Christen- 
tum und Spinoza niemals in seinen Gesichtskreis getreten waren? Was 
bliebe von seinem Titanismus ohne sein Erlebnis „der deutschen Gesell- 
schaft" und der deutschen Kunst in ihrer konvenfcionellen Gebundenheit 
auf der einen Seite, ohne den unendlichen Reichtum der durch Herder er- 
schlossenen Gedanken- und Anschauungswelt auf der anderen? Und sollte 
nicht auch die italienische Reise mit ihren Eindrflcken, ja selbst die so 
wesentlich intellektuell gewendete Freundschaft mit Schiller etwas von 
einem Urerlebnis an sich haben? Gingen doch beide im letzten Grunde 
aus unmittelbaren Wesensbediirfnissen Goethes hervor, und erklftrt sich ihre 
epochemachende Bedeutung doch aus Goethes Seelenzustand, was gerade 
Gundolfs Darstellung anschaulich zeigt. 

AUes das will sich nicht recht in das Schema fugen. Im iibrigen freilich 



Neue Wege der Goethe- Wissenschaft. 347 

gehOren gerade die Abschnitte, auf die hier hingedeutet isfc, mit dem was 
sich an sie kniipft, zu den gelialtvollsten und besten des Gundolf'schen 
Werkes. Besonders gelungen ist die Schilderung der Strassburger Epoche und 
ihrer Folgen, in den Kapiteln Herder bis Faust: das Weseu der Welt- 
anschauung Herders, des „Geschichts-Pantheisten, der sich dem Naturpan- 
theisten" Goethe zur Seite stellt, sein Gegensatz zum Rationalismus, der 
besonders an Lessing, „dem alteren grossen Bildungsuniversalisten", veran- 
schaulicht wird, ferner das Bediirfnis des jungen Goethe, das der neuen Lehre 
entgegenkana, die gestaltende Bedeutung, die sie fur seine Entwicklung hatte, 
die Epoche des „Titanismus" die daraus hervorging und in den grossen 
zum Teil ffagraentarisch gebliebenen Jugendwerken, den Urfaust einge- 
schlossen, ihren dichterischen Ausdruck fand. Alles das ist ebenso tief 
wie lebeusvoU erfasst und dargestellt. In dem was Grundolf liber die Liebe 
zu Friederike und ihren Wiederhall in der Strassburger Lyrik, was er ilber 
die Sprache der neuen Lyrik sagt, driickt sich ein sprachliches Feingefiihl 
und zugleich ein miterlebendes Verstandnis aus, in dem der Literarhistoriker 
und der Kiinstler verschmelzen : „Es war die erste Liebe des zu sich 
selbst, zur eigenen Natur und Freiheit erwachten Goethe, darum morgen- 
lich und friihlingshaft, verheissungsvoll und ahnungsvoll wie keine spatere, 
keine tiefere, keine leidenschaftlichere — ein Augenblick in Goethes Leben 
und dem des deutschen Geistes, wie er nie wiedergekommen ist und nie 
wieder kommen kann. Die Gedichte dieser morgenlichen Liebe haben 
eben als Zeugnis eines unwiederbringlichen Augenblicks von Morgen und 
Jugend einen Zauber, der immer wieder verlockt hat sie nachzuahmen, so 
einfach jung, lerchenhaft zu sein, der aber gerade deswegen nicht 
erreicht, ja nicht einmal nachgeahmt werden kann." 

Die italienische Reise bildet den Hohepunkt in Goethes Entwicklung 
und dem entsprechend in Gundolfs zweitem „Bildung" uberschriebenem 
Hauptteil. An diesen Hohepunkt kniipft der Verfasser die beiden Kapitel 
„Natur" und „Kultur", die fiir Goethes Weltanschauung und Gesamt- 
tendenz die grosste Tragweite haben. Im folgenden ist das Verhaltnis 
zu Schiller und die Eigenart seines Einflusses gerechter und verstaudnis- 
voller gewiirdigt, als es in der Goetheliteratur zumeist zu geschehen pflegt. 
Von besonderem Werte sind die damit in Zusammenhang stehenden beiden 
Abschnitte: „Klassizismus und Rationalimus" sowie „Theorie und 
Schaf fen", in denen Goethes Verhaltnis zur asthetischen Theorie treffend 
und aus der Tiefe heraus zur Anschauung kommt. Goethes Verhaltnis zu 
Kant ist etwas sehr kurz abgetan und nur unter dem Gesichtspunkt seiner 
Beziehungen zu Schiller behandelt. Der hiibsche Satz: „Das Reich Kants 
schickte Schiller gleichsam als Gesandten an Goethe" wird kurz ausge- 
fiihrt, (S. 480) aber die Verwandtschaft Goethescher Anschauungen, etwa 
mit der Kritik der Urteilskraft ist ebensowenig in Erwagung gezogen, 
wie die M5glichkeit, dass gewisse Elemente der Kant-Schillerschen An- 
schauungsweise auf Goethes spatere Richtung nachgewirkt haben. Auch mir 
erscheint jene Verwandtschaft weniger unmittelbar und durchgreifend, als 
vielfach angenommen wird. Dennoch hatte ich hier gern eine begriin- 
dende Stellungnahme etwa gegeniiber Windelband oder Vorlander gesehen. 
Freilich halt sich Gundolf grundsatzlich von jeder Kritik und Polemik 

23* 



o48 Rudolf Lehmann, Neue Wege der Goethe- Wissenschaft. 

Vorgangern gegeniiber fern, und es gehort dies zu den Charakterziigen 
des ganzen Buches, die man als solche hinnehnen muss. Ans dem 3. Teile 
mochte ich noch einerseits das Kapitel „Napoleon", anderseits die geist- und 
firehaltvolle Abhandlung iiber die Wahlverwandschaften als besonders be- 
deutsam und belehrend hervorheben. 

Es kann nicht zweifelhaft sein, dass in Gundolfs Werk eine 
Leistung ersten Ranges vorliegt, die in der Literaturwisseuschaft dau- 
ernde Spuren zuriicklassen wird. Wenn die besondere Art, in der die 
Vereinigung von spekulativem und kiinstlerischem Geiste in diesem Buche 
zum Ausdruck kommt, auch zu sehr durch die PersOnlichkeit des Verf. be- 
dingt ist, als dass das Buch unmittelbar zur Nachahmung herausfordern, wie 
man sagt „Schule machen" konnte, so lernen wir jedenfalls an ihm, dass 
erst aus dem Streben nach dieser Vereinigung die philologische und biogra- 
phische Arbeit ihren Wert empfangt und die von einer halbwisse